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Ein Gasthaus an deramerikanischen Ostküste, alte Gespenster, eine unverhoffte Liebe: die Geschichte eines Sommers, der alles verändert.
Dann eben Amerika. Auch nach zehn Jahren als Exilant hat Leopold Perlstein, einst berühmter Schriftsteller in Wien, in der neuen Heimat Palästina noch nicht Fuß gefasst: sein Auskommen als Versicherungsangestellter ist bescheiden, seine Schreibhemmung dagegen riesengroß. Ein langer Sommer in Sharon, Connecticut im Landhaus seiner Agentin und Freundin Alma soll die Wende bringen.
Doch als Leo aus dem Zug steigt, steht dort nur ein Junge, der ihm erklärt, dass das Haus in der vergangenen Nacht abgebrannt ist. Mr. Perlstein wird vorläufig mit dem Roxy, dem Gästehaus gegenüber, vorliebnehmen müssen. Das Haus ist eine Katastrophe. Und Dora, die Wirtin, erst! Doch dieser Ort - und Dora - werden Leos Leben für immer verändern ...
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Seitenzahl: 282
Veröffentlichungsjahr: 2022
Juni 1948. Auf einem Fensterplatz in der Kleinbahn, die sich ruckelnd und pfeifend das Tal des Harlem River hinaufschiebt, sitzt ein schlechtgelaunter Mann. Er heißt Leopold Perlstein, ist von Beruf Versicherungsmathematiker, und er will eigentlich gar nicht hier sein. Erst am Tag zuvor ist er in New York City angekommen, nach einer langen, nicht sehr komfortablen Schiffspassage zweiter Klasse von Jaffa aus, mit Umsteigen in Marseille, und dann hat er die Nacht in einem ebenfalls zweitklassigen Hotel auf der 42sten Straße in Manhattan verbracht, irgendwo zwischen der Pier und Grand Central Terminal. Wenn er auch zugeben muss, dass die Moore und Seen des Tals, die vorm Fenster vorüberziehen, und die von frühsommerlichem Grün überzogenen Hügelketten im Hintergrund einen gewissen Charme haben, so peinigen ihn doch, nach endlosen Nächten auf harten, schmalen Matratzen, seine Rückenschmerzen. Die Fahrt in dieser altmodischen Bahn, die bei jeder Weiche aus dem Gleis zu springen droht, scheint ihm von allen Zumutungen seiner Reise die äußerste.
Wenn er wüsste, was ihm noch blüht, würde er sicher umdrehen. Doch was für ein Glück, dass er das nicht tut – und nicht den Sommer verpasst, der seinem Leben noch einmal die ganz große glückliche Wendung gibt.
Agnes Krup war nach ihrem Studium in Hamburg und Tübingen als Lektorin,Literaturagentin und Verlagsscout tätig. Geboren in Hamburg, lebt sie heute in einem alten Gästehaus in der Nähe von Sharon, Connecticut und in Berlin. Ihr Debüt »Mit der Flut« erschien 2017 und war auf Anhieb ein Erfolg. Nach »Sommergäste« ist »Leo und Dora« ihr dritter Roman.
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Agnes Krup
Leo und Dora
Roman
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Inhaltsverzeichnis
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Motto
1948
I: Samstag, 26. Juni
II: Samstag, 26. Juni
III: Sonntag, 27. Juni
IV: Montag, 28. Juni
V: Dienstag, 29. Juni
VI: Mittwoch, 30. Juni
VII: Freitag, 2. Juli
VIII: Sonntag, 4. Juli
IX: Montag, 12. Juli
X: Dienstag, 13. Juli
XI: Donnerstag, 15. Juli
XII: Samstag, 17. Juli und Sonntag, 18. Juli
XIII: Dienstag, 20. Juli, und Mittwoch, 21. Juli
XIV: Mittwoch, 28. Juli
XV: Donnerstag, 29. Juli
XVI: Donnerstag, 5. August
XVII: Mittwoch, 11. August
XVIII: Freitag, 13. August
XIX: Sonntag, 15. August
XX: Samstag, 28. August
XXI: Montag, 30. August
Impressum
„Das Leben ist doch Kitsch!“
Sammy Gronemann
I
»Sir? Wir sind gleich da.« Ein Finger klopfte leicht auf seine Schulter.
Leo fuhr hoch und rieb sich die Augen. Die Bahn arbeitete sich aus einem Tal heraus. »Amenia Station« stand auf dem etwas angeschlagenen Blechschild, das durch das Zugfenster zu sehen war. War er tatsächlich noch einmal eingenickt? Was für seltsame Namen die Orte hier hatten. Ten Mile River, das musste das Flüsschen sein, das sich eine ganze Weile neben dem Bahndamm hin und her gewunden hatte. Und direkt am Bahnhof Wassaic hatte ein Schuppen eine »Milchsammelstelle« verkündet.
»Nächste Station, Sir. Fünf Minuten«, sagte der Schaffner und nickte ihm freundlich zu, während krachend eine Waggontür ins Schloss fiel. Der Zug ruckte an, und Leo verzog schmerzhaft das Gesicht. Der verflixte Rücken! Die elenden durchgesessenen Polster des Zugabteils gaben ihm den Rest. Noch fünf Minuten. Ihm waren die letzten Stunden der Reise, seit er in der New Yorker Grand Central Station in die Bahn gestiegen war, länger erschienen als die zwei Wochen zuvor.
Vielleicht lag das am Krieg, dachte Leo. Eigentlich hatte er in New York einige Tage mit den Liebreichs verbringen wollen, vor ihrer Abreise nach Südamerika. Er hatte Alma und Hugo seit mehr als zehn Jahren nicht gesehen. Sie hatten ihm die Stadt zeigen, ihn ein paar wichtigen Leuten vorstellen wollen, bevor sie ihn in ihr Landhaus in Connecticut verbannten, wo er, auf Almas Geheiß, endlich ein neues Buch schreiben sollte. Aber Leos Schiffspassage von Jaffa hatte sich wegen der Angriffe um ein paar Wochen verschoben. Alma und Hugo hingegen hatten pünktlich ihre Wohnung auf der Upper East Side dem Untermieter übergeben, der dort die nächsten drei Monate verbringen würde. Und ebenso pünktlich hatten sie die Argentina bestiegen, die sie nach Buenos Aires bringen würde, wo Hugos Tochter gerade ein Baby bekommen hatte. Hugo, ein Großvater, dachte Leo ärgerlich – dabei war Hugo noch keine sechzig, nur ein paar Jahre älter als er selbst.
Dank des Krieges in Palästina also – oder Israel, wie man jetzt wohl denken und sagen musste – hatte er von New York nichts gesehen und war statt im Gästezimmer der Liebreichs in einem nicht sehr komfortablen Hotel auf der 42nd Street gelandet, in der Nähe vom Bahnhof Grand Central, nur für eine Nacht. Es war sauber; er konnte sich nicht beschweren, Alma hatte es für ihn bestellt. Und Alma hatte das Zimmer auch bezahlt, wie aus einem Telegramm von ihr hervorging, das ihn auf der Überfahrt erreichte, kurz nachdem sein Schiff die Azoren passiert hatte. Leo war sich ziemlich sicher, dass Hugo nichts davon wusste.
Er hatte während der ganzen Reise, seit über zwei Wochen, mit niemandem geredet. Nicht einen einzigen gescheiten Schachpartner hatte er gefunden, der großspurige Palermitaner, der in Neapel zugestiegen war, hatte sich rasch als kompletter Amateur erwiesen. Gewiss, mit dienstbeflissenen Passbeamten hatte er knappe Dialoge führen müssen, mit servilen Gepäckträgern und mit mürrischen Kellnern, die während der Überfahrt dünne Suppe ausgeteilt und zähe Bratenscheiben auf unaufgewärmte Teller geklatscht hatten. Der Schaffner in diesem Zug würde der letzte in dieser Kette vorüberziehender dienstbarer Geister sein.
Hugo und Alma hatten ein Auto, mit dem er am Bahnhof abgeholt würde, ein ganz neues Chevrolet Kabriolett, blassgrün, wie Alma ihm stolz geschrieben hatte. Es stehe ihm während seines Aufenthalts zur Verfügung. Er hatte abgewinkt, er habe keinen Führerschein. Nun, dann werde ihn Pete Reynolds hin und wieder herumfahren, das war das Faktotum, der Mann von Mary, der Haushälterin, die abends für Leo kochen sollte. Die Landschaft sei sehr schön, hatte Alma geschrieben, Balsam für die Seele und bestimmt inspirierend für seine Arbeit. Von letzterem hatte Leo die Bahnfahrt nicht überzeugt. Nachdem der Zug erst die grauen Wohnklötze und dann die endlosen weißbezäunten Vororte New Yorks hinter sich gelassen hatte, war er ruckelnd und pfeifend durch niedrige Birken- und Tannenwäldchen gekrochen, an felsigen Hügelketten entlang, durch Marschen, von kleinen Flüsschen durchzogen, aus denen sich hier und da eine Biberburg erhob. Eine sumpfige, struppige Indianerlandschaft war das. Während er eingenickt war, hatte Leo immer wieder die Uferpromenade am Wolfgangsee vor sich gesehen, die Tennisplätze in Ischl, den Ausblick von der Katrin an einem Sommermorgen. Unwirsch schüttelte er den Kopf. Er kam nicht aus dem Salzkammergut, sondern aus dem Krieg, schon wieder aus einem Krieg, und wahrscheinlich sollte er dankbar sein für dieses befriedete Lederstrumpf-Land.
Der Zug pfiff erneut, bremste abrupt. Leo verzog wieder das Gesicht, stand ächzend auf und legte die Hand ins Kreuz, bevor er sich vorsichtig nach dem Gepäcknetz streckte.
Hätte der Schaffner ihm nicht die Reisetasche herunterheben können? Doch der Mann war beschäftigt. »Sharon Station!«, rief er mit Stentorstimme, während er mit großen Schritten die Waggons durchquerte. »Sharon Station! Zug nach Pittsfield, wir erreichen jetzt Sharon Station!«
Zumindest hatte der Schaffner seinen großen Koffer auf den Bahnsteig gestellt, sah Leo, als er aus der Waggontür auf das Trittbrett kletterte. Suchend blickte er sich um. Ein paar Männer mit leinenem kleinem Wochenendgepäck waren mit ihm ausgestiegen, auf dem Bahnsteig hüpften Kinder aufgeregt auf und ab, junge Frauen in Sommerkleidern winkten den Ankömmlingen zu. Ein Automobil war nirgends zu sehen, geschweige denn ein blassgrünes Kabriolett.
»Einsteigen bitte, alles einsteigen! Zug nach Pittsfield, nächste Station Millerton!«, rief der Schaffner. Niemand stieg ein, die Waggontüren schlugen zu, der Zug ruckte an. Der kleine Bahnsteig leerte sich. Als müsse er sich vergewissern, nahm Leo seine Brille ab und zog ein nicht mehr ganz frisches weißes Taschentuch aus der Hosentasche. Er putzte die Brille und setzte sie wieder auf. Die zuckerbäckrigen Schnitzereien im Giebel des verwitterten Stationshäuschens traten jetzt klarer hervor. Der Schriftzug auf dem weißemaillierten Stationsschild blieb derselbe: »Sharon Station«.
Nur ein magerer Junge mit einem pickligen Gesicht unter einer Schiebermütze war auf dem Bahnsteig zurückgeblieben. Er hielt eine Sackkarre und sah unverwandt zu Leo herüber. »Mr. Perlstein?«, rief er jetzt, etwas zögernd. Er sprach Leos Namen amerikanisch aus und versah ihn mit einem stimmbrüchigen Kiekser.
Leo runzelte die Stirn. Wie ein gestandener Handwerker und Chauffeur wirkte der Bursche nicht. »Pete Reynolds?«
Der Junge schüttelte den Kopf. »Anton. Ich soll Sie abholen.«
»Hat Mr. Reynolds dich geschickt?«, hakte Leo nach.
Wieder ein Kopfschütteln. »Nein, Miss Dora. Aber Sie sollen Pete gleich anrufen, wenn Sie im Roxy sind.«
»Ich kenne keine Miss Dora und keine Miss Roxy«, sagte Leo scharf. »Ich erwarte meinen Chauffeur, der –«
»Nicht Miss Roxy«, unterbrach ihn der Junge. »Das Roxy ist das da.« Mit der Hand wedelte er in Richtung eines kastenförmigen Gebäudes mit einem hohen mehrgiebligen Dach, das auf der anderen Straßenseite stand.
»Hier liegt ein Irrtum vor«, sagte Leo noch etwas schärfer, er hörte selbst, wie sich dabei ein stärkerer Wiener Akzent in sein Englisch schlich. »Ich bin Leopold Perlstein, auf dem Weg nach Sharon in Connecticut, in das Haus –«
Der Junge nickte und lud Leos Koffer auf die Sackkarre. »Sie sind Mister Perlstein, genau. Ich bringe Sie jetzt ins Roxy.« Er rückte seine Mütze zurecht und schob los. »Das Haus in Sharon ist letzte Nacht abgebrannt«, erklärte er über die Schulter.
»Abgebrannt?«, schrie Leo fassungslos. Der Junge hatte ihn eine hohe hölzerne Treppe heraufgewinkt, die auf eine überdachte Veranda führte, und war mit der Sackkarre nebst Koffer um das klobige Gebäude herum verschwunden. Auf der überdachten Veranda erwartete Leo eine kleine, zierliche Frau, mit einer zu großen Schürze über ihrem Sommerkleid und bemehlten Händen. Sie nickte, entweder als Antwort auf Leos Frage oder zur Begrüßung.
»Mr. Perlstein? Ich bin Dora. Es stimmt leider, das Haus der Liebreichs ist gestern Nacht abgebrannt, vermutlich eine defekte elektrische Leitung. Sie hatten ja gerade erst alles renoviert«, fügte sie mit einem Seufzer hinzu und wischte die Hände an der Schürze ab.
Leo starrte sie an. Sie mochte um die vierzig sein, in ihr dunkles Haar, das sie im Nacken zu einem Knoten geschlungen hatte, mischten sich ein paar graue Strähnen, und in den Augen- und Mundwinkeln hatte sie kleine Fältchen. »Aber es muss doch … Selbst wenn es einen Brand gegeben hat, wird es doch eine Möglichkeit geben, in dem Haus …«
Sie erwiderte seinen Blick, nicht unfreundlich. »Das Haus ist abgebrannt,« wiederholte sie. »Das ganze Haus.«
Leo versuchte zu verstehen, was sie sagte. Er musste sich konzentrieren, und dafür brauchte er eine Zigarette, aber er hatte die letzten aus seinem Etui im Zug geraucht. Er sah auf die bemehlten Hände der Frau. Sie waren schmal, mit langen Fingern, und doch wirkten sie kräftig, Hände, die stets wussten, was sie taten. Seine eigenen hingegen zitterten, das spürte er.
»Und der Chauffeur, Mr. Reynolds?«, fragte er schließlich und hob den Blick wieder. »Vielleicht könnte er …«
»Auch die Garage, Mr. Perlstein«, sagte die Frau, die Dora hieß, geduldig. Sie sah ihn fast mitleidig an; ihre Augen waren von einem schimmernden Grau. Oder waren sie grün? »Pete hat darum gebeten, dass Sie ihn gleich anrufen, wenn Sie hier sind. Das Telefon steht in der Halle, kommen Sie doch bitte herein.«
Die sogenannte Halle war ein enger, dämmriger Flur, den sie durch einen kleinen Windfang erreichten. Seine rechte Hälfte wurde von einer steilen Treppe ausgefüllt. Außerdem gab es mehrere Türen, und an einer Reihe von Garderobenhaken hingen Spazierstöcke, Regenschirme, ein Sortiment von Hüten und Kindermützen. Am Ende des Flurs war ein brauner Kasten an der Wand angebracht, mit einer Kurbel an der Seite. Auf einem Tischchen darunter stand, mit einer Schnur verbunden, die Sprechmuschel, von der der Hörer hing. Leo runzelte die Stirn. So etwas gab es noch? Mochte man über Tel Aviv sagen, was man wollte, aber er hatte in der Gotlieb Street seit Jahren ein Telefon mit Wählscheibe.
Dora wischte sich die Hände an der Schürze ab, setzte sich an das Tischchen und nahm die Sprechmuschel in die eine Hand, den Hörer in die andere. »Ellie? Ich bin’s. Ja, er ist gerade angekommen, der Zug war ausnahmsweise mal pünktlich. Kannst du uns mit den Reynolds verbinden?« Sie schwieg eine Weile. »Hallo, Pete? Ja, er ist hier. Warte.«
Leo nahm den Hörer, den sie ihm hinhielt, und bückte sich zur Sprechmuschel hinunter. »Mr. Reynolds? Hier ist Leopold Perlstein. Ich muss Ihnen sagen, ich bin …«
»Hullo, Mr. Perlstein«, dröhnte es aus der Leitung. »Fatale Sache, das. Sieht so aus, als habe der Elektriker gepfuscht. Der war nicht von hier, den haben sich die Liebreichs aus Sheffield kommen lassen, angeblich, weil er sich mit diesen neumodischen Klimaanlagen so gut auskennt. Ich hatte es Hugo ja gleich …« Ein Klicken ertönte in der Leitung. »… wollte ja nicht hören. Wenn er einfach mit unserem Elektriker gearbeitet hätte, hier in Sharon, das ist mein Schwager, verstehen Sie, der hätte …«
»Pete? Pete?«, rief es in die Leitung. »Bist du das? Ist er schon hier?«
»Gerade angekommen, Maisy«, bestätigte Pete.
»Sag bloß, der Zug war pünktlich!«, rief die Frauenstimme.
»… war schon nichts mehr zu retten, als die Feuerwehr kam«, erklärte Petes Stimme sachlich. »Und das schöne neue Auto! Ich hatte gerade noch mal vollgetankt.«
»Pete, wenn es weiter nichts gibt, dann würde ich gern meine Cousine anrufen und ihr das Rezept von –«
»Wer spricht denn da?«, rief Leo ärgerlich. »Mr. Reynolds? Hallo? Pete? Sind Sie noch da?«
»… schon telegraphiert«, hörte er wieder Petes Bassstimme. »Keine Ahnung, wann sie die Nachricht erhalten, ist ja nicht so einfach auf hoher See, und ihr Schiff kommt erst in zwei Wochen in Buenos Aires an.«
»Ja, in zwei Wochen«, murmelte Leo und schluckte. »Hören Sie, Mr. Reynolds, wenn Sie den Liebreichs zurücktelegraphieren könnten, dass …«
»… sie möchte den Zitronenkuchen unbedingt zu Tante Mabels Geburtstag machen«, erklärte die Maisy-Stimme jedem, der es hören wollte.
»Jetzt seien Sie doch mal still! Man versteht ja sein eigenes Wort nicht!«, rief Leo verzweifelt. Da war er wieder, der Wiener Akzent.
»Verstehen Sie ihn nicht?«, fragte Dora besorgt und nahm ihm die Hörmuschel aus der Hand. »Pete, ich bin’s wieder. Er spricht nicht so gut Englisch.«
»Natürlich spreche ich gut Englisch«, sagte Leo aufgebracht. »Ich lebe seit zehn Jahren in Tel Aviv, was glauben Sie, was man dort spricht? Und schon in den zwanziger Jahren war ich verantwortlich für die englische Korrespondenz bei der Anker-Versicherung in Wien. Ich verstehe nur nicht …«
Dora hörte nicht zu. »Pete? Maisy, warte mal kurz, lass mich mit Pete reden. Ja, es wird gehen, obwohl es etwas eng wird. Ja, ja, ich erkläre es ihm schon. Ja, genau. Nein, du brauchst nicht extra vorbeizukommen.«
»Fragen Sie ihn«, sagte Leo dringlich, »fragen Sie ihn, ob er die Liebreichs nicht bitten kann, mir ein Hotel …«
»Oh, entschuldige, Maisy. Das hättest du sagen sollen, dass deine Cousine das Rezept jetzt gleich braucht. Ja, ich weiß, dass Zitronenkuchen über Nacht durchziehen muss. Ellie, ich mach jetzt Schluss, dann kannst du Maisy verbinden. Bye.« Dora hängte den Hörer ein. »Gemeinschaftsleitung«, sagte sie erklärend. »Da muss man sich kurzfassen.«
»Aber – aber vielleicht könnte mir Mr. Reynolds ein Hotel …«
»Dies ist ein Hotel, Mr. Perlstein«, sagte Dora.
Leo sah sich in dem engen Flur um, als könnte der sich unter seinen Blicken ausdehnen. Dann sah er wieder auf die Frau. Sie hatte etwas Altmodisches an sich, und es lag nicht am Haarknoten oder der unförmigen Schürze. Er sah wieder auf ihre bemehlten Hände, und der Anblick beruhigte ihn ein wenig.
»Wir sind eigentlich voll besetzt«, fügte Dora hinzu. »Die Sommersaison.« Sie wandte sich zur Treppe und zögerte. »Es ist – es ist das einzige Zimmer, das frei ist, und eigentlich vermiete ich es nicht. Aber es wird gehen. Ich zeige es Ihnen. Bitte seien Sie leise, bei uns gibt es nach dem Lunch immer eine Mittagsstunde.« Auf halber Höhe der Treppe drehte sie sich noch einmal nach ihm um. »Willkommen im Roxy, Mr. Perlstein.«
II
Es knurrte. Nein, es krähte vielmehr. Oder klopfte es?
Leo blieb ganz still liegen, die Augen geschlossen. Seit Jahren war ihm kein guter Stoff für einen Roman mehr eingefallen, aber an Alliterationen schien es selbst seinen Träumen nach wie vor nicht zu mangeln.
Es klopfte wieder. An die Zimmertür. Ohne Zweifel. Leo rieb sich die Augen und setzt die Brille auf, die er auf den Nachttisch gelegt hatte. Wie konnte es sein, dass er schon zum zweiten Mal an einem Tag einfach eingenickt war? Über dem Bett erhob sich eine Dachschräge. Er rieb sich noch einmal die Augen.
Es klopfte wieder, sehr energisch diesmal. Leo rappelte sich hoch und räusperte sich laut.
»Ich hab Ihren Koffer, Mr. Perlstein«, keuchte der Junge. Er zerrte Leos abgeschabten Lederkoffer ins Zimmer und wuchtete ihn auf den Kofferständer. »Und ich wollte Ihnen sagen, dass es das Abendessen heute früher gibt.«
»Das hat mir Miss Dora vorhin auch schon gesagt«, antwortete Leo ungnädig. »Wegen des – Tanzabends. Im Casino?«
»Genau«, bestätigte der Junge. »Brauchen Sie noch etwas, Mr. Perlstein? Sonst …«
Leo schüttelte den Kopf. »Danke, Albert.«
»Anton«, sagte der Junge.
»Anton.«
»Dann bis später, Mr. Perlstein«, sagte Anton. »Dann helf ich jetzt im Casino mit den Vorbereitungen. Wenn Sie nichts mehr brauchen.« Es krähte.
»Krähen Hähne nicht eigentlich morgens, Anton?«
»Eigentlich ja. Aber unserer kräht auch sonst immer mal.« Anton machte eine Pause. »Wenn er … wenn er sich über was aufregt.« Er trat rückwärts aus dem Zimmer und verschwand.
Leo stand auf und ließ die Scharniere des Koffers aufschnappen. Er seufzte erleichtert. Seine ägyptischen Zigaretten waren längst aufgebraucht, aber er hatte sich auf dem Schiff mit amerikanischen Chesterfield eingedeckt, auch wenn sie ihm eigentlich nicht stark genug waren. Er riss eine Packung auf und fischte aus der Innentasche seines Jacketts Streichhölzer und das silberne Zigarettenetui. Während er rauchte, füllte er sorgfältig eine neue Reihe von Zigaretten hinein, bis sie die Gravur, die innen angebracht war, völlig verdeckten.
Er öffnete das Fenster. Die Aussicht, das musste er zugeben, war nicht übel. Sie führte über ein weites, von Gebüschen und hohen Bäumen umstandenes Feld, das sich über einen sanften Abhang erstreckte. Große Findlinge waren hier und dort darauf verteilt. Am Horizont entlang zog sich eine hohe Hügelkette, und über allem schwebten am blauen Sommerhimmel pittoreske weiße Wölkchen. Die Sonne war nicht zu sehen, das Zimmer musste nach Norden führen. Aber zu spüren war sie hier unter dem Dach, obwohl Miss Dora ihm versichert hatte, dass das Wetter um diese Jahreszeit noch angenehm frisch sei.
Suchend sah er sich nach etwas um, das er als Aschenbecher benutzen konnte. Der Zahnputzbecher! Ein gestreiftes Etwas. Er stand auf einem kleinen Glasregal über einem etwas angeschlagenen Waschbecken. Leo nahm das Waschzeug aus dem Koffer, reihte auf dem Glasregal sein Rasierzeug auf, eine Zahnbürste, ein Fläschchen Odol, einen Kamm, letzteren mehr aus alter Gewohnheit. Auf seinem Kopf gab es nicht mehr viel zu kämmen.
Er trat näher an das Waschbecken. Aus dem Spiegel über dem Regal sah ihm ein blasses, angestrengtes Gesicht entgegen, mit Ringen unter den Augen, die auch die Rahmen der runden Brillengläser nicht verdecken konnten. Seine Augen, dunkel, waren durch die Gläser verkleinert, seine Nase trat lang und knochig hervor und sein Mund, der ihm früher immer zu voll erschienen war, schien schmal und bitter. Obwohl er sich am Morgen rasiert hatte, lag ein bläulicher Schimmer auf seinen hageren Wangen, und der kahle Schädel glänzte matt zwischen den abstehenden großen Ohren.
Er sah aus wie ein alter Mann, dachte er. In Tel Aviv hatte er das nie gedacht, vielleicht, weil er seit zehn Jahren jeden Tag in denselben Spiegel schaute. Vielleicht war es dieser andere, fleckige Spiegel, der ihn auf den neuesten Stand der Dinge brachte. Vielleicht war es der andere Kontinent, auf dem er noch nie gewesen war. Auf dem er genau eine einzige Zuflucht hatte. Gehabt hatte. Abgebrannt. Die Situation kam ihm vage bekannt vor. Wahrscheinlich würde er seiner Lage irgendwann etwas Komisches abgewinnen können, doch im Moment war er zu müde dazu. In einigen Monaten oder in einem Jahr, da war er sich sicher, würde daraus eine Anekdote geworden sein, die sich bestens eignete, im Kaffeehaus erzählt zu werden. Aber bis dahin war noch eine lange Zeit.
Er band die Krawatte ab und hängte sie zu dem Jackett über die Lehne des einzigen Stuhls, der im Zimmer stand, vor einem kleinen Tisch am Fenster. Einen Schrank schien es nicht zu geben, doch dann bemerkte er, dass sich hinter einer mit einem Knauf versehenen Tapetentür so etwas Ähnliches verbarg, eine Abseite mit einer Kleiderstange und mehreren Regalen, aus der es nach Naphthalin roch. An den Wänden daneben hingen ein paar billige Drucke von Gebäuden, die er nicht kannte.
In dem Wandschrank verstaute er das, was er in Palästina seine Sommer-Uniform nannte, ein Dutzend kurzärmliger weißer Hemden, ein paar hellgraue Sommerhosen, die in den Klemmbügeln hoffentlich ihre Bügelfalte wiederfinden würden. Ein zweites Jackett. Auf der Innenseite der Tapetentür war zwischen zwei Reißzwecken ein rotes Ende Geschenkband angebracht, offenbar eine Halterung für seine drei oder vier Krawatten. Seine Unterwäsche und Socken legte er in eine kleine Kommode, die neben der Tür stand. Sie wackelte gefährlich, als er die widerstrebenden Schubladen aufzog. Das zweite Paar Schuhe schob er darunter.
Es knurrte. Leo begriff, dass es sein Magen war, der sich zu Wort meldete. Seit ein paar Scheiben Toast morgens im New Yorker Hotel hatte er nichts gegessen; Dora hatte ihm erklärt, dass er das Mittagessen verpasst habe und aus der Küche wegen der Vorbereitungen zu dem extra frühen Abendessen auch kein Imbiss zu bekommen sei.
Sein Magen knurrte heftiger. Er zog noch einmal an seiner Zigarette und drückte sie am schwarzweiß gestreiften Zahnputzbecher aus. Das Fliegengitter im Fensterrahmen klemmte, aber es gelang ihm, es ein paar Fingerbreit hochzuschieben, bis er die Kippe hinauswerfen konnte.
Zum Abendessen hatte Leo die Sommer-Uniform aufgefrischt, ein kaum verknittertes Hemd angezogen, eine Krawatte neu gebunden und den Staub der Zugfahrt von seinen Schuhen gebürstet. Das Speisezimmer befand sich, wie ihm Dora erklärt hatte, im Untergeschoss, und um dorthin zu gelangen, musste er nicht nur die zwei steilen Treppen zurück in den kleinen Flur mit dem Telefon, sondern eine weitere Treppe hinunter, die von einem großen Aufenthaltsraum abführte. Dieser Raum war jetzt leer, er verfügte über einen ausgefegten Kamin, eine große Standuhr und mehrere Gruppen von abgenutzten Polstermöbeln, neben denen Stapel ausgelesener Zeitschriften lagen. Auch ein paar kleine Spieltische gab es, wie er zu seiner Freude feststellte, und einen Eckschrank mit Spielen. Er entdeckte ein Pochbrett, Spielpläne für Halma und eine Art Mensch-ärgere-dich-nicht, ein paar Würfelbecher und Kartensätze – die meisten stellten sich zu seiner Enttäuschung als Quartettkarten für Kinder heraus. Aber immerhin gab es einen Backgammon-Kasten, und unter ein paar Kartons mit Puzzlespielen lugte ein hölzernes Schachbrett hervor.
An den Gesellschaftsraum schloss sich, dem Geklapper und den Gerüchen nach zu urteilen, die Küche an. Und davor, neben einem großen Gong an der Wand, entdeckte er die Treppe ins Untergeschoss. Was für eine idiotische Idee, dachte er, den Gästen das Essen im Keller zu servieren.
Doch eine Überraschung erwartete ihn, als er hinabstieg – es war gar kein Keller. Er hatte nicht bemerkt, dass das Gebäude in einen Abhang gebaut war; eine Fensterfront zog sich an der gesamten Seite des Untergeschosses entlang. Eine Glasveranda war vorgebaut, wo an einem niedrigen langen Tisch eine Zahl von Kindern beim Essen saß, die wegen der Abtrennung angenehmerweise nur zu sehen und nicht zu hören waren.
Leo sah sich um. Eine Reihe von kleineren Tischen war bereits mit Paaren besetzt, die sich gedämpft unterhielten; von einem der Tische klang ein überlautes, kokettes Kichern herüber. Es war angenehm kühl im Raum, obwohl die Abendsonne hereinschien.
»Mr. Perlstein?«
Der magere Junge hatte jetzt ein weißes Hemd an und eine schwarze Schürze umgebunden.
»Ich zeige Ihnen Ihren Tisch.« Er zögerte. »Unter der Woche essen die Gäste meist gemeinsam, dann stellen wir die Tische zusammen. Nur am Wochenende, wenn die Herren zu Besuch kommen … Dann sind die meisten Familien gern einmal unter sich. Wenn Sie heute Abend vielleicht-« Er deutete auf einen kleinen Tisch in einer Ecke, wo ein einzelnes Gedeck aufgelegt war. »Und morgen«, fügte er fast entschuldigend hinzu, während er Leo folgte und ihm ein Glas Wasser einschenkte, »morgen gibt es Beefsteak zum Mittag, mit Zwiebeln. Weil Sonntag ist.«
»Morgen!«, sagte Leo, dessen Magen wieder knurrte. »Hauptsache, es gibt heute Abend erst einmal etwas Gescheites.«
Er ließ sich auf seinen Stuhl fallen, dankbar für den Einzeltisch, und entfaltete die Serviette. Ein hölzerner Serviettenring, dunkelblau angemalt, lag daneben, offenbar ein Zeichen dafür, dass es nicht zu jeder Mahlzeit im Roxy frische Servietten geben würde. Er ließ den Blick wieder durch den Raum schweifen und meinte, einige der Männer zu erkennen, die mit ihm aus dem Zug gestiegen waren, und die jungen Frauen, die sie erwartet hatten. Alle waren für den Abend umgezogen, die Frauen trugen ärmellose oder sogar fast schulterfreie Kleider und Pumps oder Riemchensandalen mit Absatz. Die laute Kicherin am Fenstertisch war eine Rothaarige mit einem im Rücken tief dekolletierten grünen Kleid mit weißen Punkten. Ihr gegenüber saß ein großer blonder Mann, die Haare nass zurückgekämmt, gut aussehend, dachte Leo, jedenfalls in der Kategorie dieser langen, amerikanischen Pferdegesichter. Jetzt hob der Mann die Hand und winkte einem winzigen Knirps jenseits der Glaswand, der ebenso blond war wie er und schon einen Ansatz desselben Pferdegesichts zeigte. Selbst die Kinder am Katzentisch in der Veranda waren herausgeputzt, die Mädchen in Kleidern mit Rüschen und Bändchen, die Jungen mit Krawatte und gebügelten kurzen Hosen. Dieser Tanzabend schien eine große Sache zu sein.
»Danke, Al-. Anton.« Der Junge hatte einen Haufen Grünzeug vor ihn hingestellt, und daneben kullerten ein paar rosige Würstchen über den Teller. Zögernd stach er die Gabel in das Kaninchenfutter. Er unterdrückte einen Fluch ‒ fast hätte er sich einen Zahn ausgebissen. Was war das? Er untersuchte die Salatblätter genauer und entdeckte eine ganze Anzahl von kleinen, steinhart gerösteten Brotwürfeln. Ein Minenfeld von einem Salat!
Suchend sah er sich um, während er die feindlichen Fremdkörper aussortierte. »Anton? Gibt es vielleicht Essig und Öl?«
Der Junge eilte heran. »Hier, sehen Sie, Mr. Perlstein …« Er deutete auf eine Glasflasche in einem Metallständer auf dem Tisch. »Das ist die Salatsoße. Sie müssen die Flasche nur schütteln, bevor Sie sie aufmachen.«
Misstrauisch betrachtete Leo das etikettierte Objekt. Es enthielt etwas, das aussah wie vergilbte Mayonnaise. »Und Senf für die – die –« Ihm fehlte das passende Wort für das Fleischprodukt auf dem Teller. »Oder«, fügte er hoffnungsvoll hinzu, »vielleicht Meerrettich?«
»Meerrettich für die Hotdogs?«, fragte der Junge ungläubig. Er drehte den Metallständer. »Da, in der anderen Flasche ist Ketchup. Ich bringe Ihnen noch ein paar Brötchen.« Er schoss davon.
»Lass gut sein«, sagte Leo, als Anton zurückkam und sich hilfsbereit mit der Salatsoßenflasche zu schaffen machte. »Ich esse es so. Bring mir einfach ein Glas Wein zum Essen.«
Ratlos sah der Junge ihn an. »Ich kann – vielleicht möchten Sie ein Ingwerbier?«
Leo schüttelte sich. Irgendwann gab er den Kampf mit dem krachenden grünen Salat und den nach nichts schmeckenden Würstchen auf und zündete sich eine Zigarette an.
Anton kam wieder angelaufen. »Mr. Perlstein? Miss Dora sieht das nicht so gern.«
Leo sah sich suchend um. »Sieht was nicht so gern?«
»Wenn die Gäste rauchen, Sir.« Anton räumte Teller und Besteck vom Tisch. »Außer auf der Terrasse natürlich, und im Casino. Und abends im Salon oben, später, wenn die Kinder im Bett sind.«
Leo unterdrückte schon wieder einen Fluch. Es stimmte, auch hier war kein Aschenbecher in Sicht. »Was gibt’s denn als Hauptgang?«
Der Junge starrte ihn an, offenkundige Verzweiflung im Blick. »Es gibt – es gibt nachher noch Erfrischungen, Sir. Im Casino.«
Nach dem Abendessen leerte sich der Speiseraum rasch; die Männer standen zusammen draußen vor der Glasveranda. Die Kinder spielten schon auf dem Rasen, Croquet oder Ball, sehr vorsichtig, um die guten Kleider nicht schmutzig zu machen, und die Frauen waren die Treppe hinauf auf die Zimmer verschwunden oder staksten auf ihren hohen Hacken über das Gras davon in Richtung der kleinen Sommerhäuschen, um sich »frischzumachen«, wie Leo den Männergesprächen entnahm. Er fand vor dem Haus eine hölzerne Bank und zündete sich eine neue Zigarette an.
Drei solcher weißgestrichenen Hüttchen standen auf dem Rasen verteilt, ein Badminton-Netz war aufgespannt, von einem Baum hingen ein paar Schaukelbretter herab. Zu seiner Linken, nahe der Glasveranda, gab es mehrere eingezäunte Hochbeete, in denen unbegrenzter Nachschub von Grünzeug zu wachsen schien. Und am unteren Ende des Hangs, am Ende des Rasens, stand ein größeres, fast quadratisches Gebäude, vor dessen Eingang Anton mit einem pausbäckigen jungen Mädchen Lampions aufhängte. Nach und nach setzten sich die Hotelgäste dorthin in Bewegung, und Leo begriff, dass es das vielbeschworene Casino sein musste. Er sah den vergnügt schnatternden Menschen nach, rauchte und beobachtete, wie auf der anderen Seite der Bahngleise die Sonne langsam den Hügeln entgegensank. Es würde noch eine Weile nicht dunkel werden; Alma, in ihrer unerschütterlichen Gründlichkeit, hatte ihm schon vor Wochen geschrieben, dass auch die Amerikaner die Unsitte, im Sommer die Uhr eine Stunde vorzustellen, seit dem Krieg beibehalten hätten. Vielleicht weil sie glaubten, dachte Leo, dass ihnen das die Organisation eines kommenden Krieges erleichtern würde? Lange würde es bis dahin sicher nicht dauern. Die Briten hatten schließlich auch nur wenige Jahre gebraucht, um in Palästina in einen neuen hineinzugeraten.
Wenn Alma und Hugo sich doch nur melden würden von ihrer verdammten Argentina. Ob sie wenigstens das Telegramm von Pete schon erhalten hatten? Wenn doch nur das Haus nicht abgebrannt wäre. Wenn er nur kein Buch schreiben müsste und keine Schulden bei den Liebreichs hätte. Dieses Buch – seine letzte Chance als Autor, das war ihm klar. Seine letzte Chance, anzuknüpfen an seine großen Erfolge. Sonst würde er für den Rest seines Lebens Angestellter der Sphinx-Versicherung in Tel Aviv bleiben. Konnte man das eigentlich noch »anknüpfen« nennen, nach fast zwanzig Jahren? Eher müsste er ein Lasso zurückwerfen auf diese längst vergangene Zeit. Er schüttelte sich unwillkürlich. Vielleicht war es die Landschaft, die ihn jetzt schon in amerikanischen Metaphern denken ließ.
Wenn nur in Palästina kein Krieg wäre. Wenn er nur nicht hier säße. Er war todmüde, doch an Schlaf war nicht zu denken, solange es noch hell war, schon gar nicht mit den lärmenden Kindern, die über den Rasen tollten. Und durch die geöffneten Fenster des Casinos war jetzt Musik zu hören, Gelächter, Stimmen. Er seufzte. Er konnte sich das Tanzvergnügen genauso gut einmal aus der Nähe anschauen.
Auch dieser Raum überraschte ihn, er war großzügig geschnitten, mit Fenstern nach drei Seiten. Das Abendlicht fiel herein, und auch hier drinnen waren an Wäscheleinen Lampions aufgehängt. An der fensterlosen Wand war ein niedriges Podium angebracht, und darauf standen zwei Männer in Hemdsärmeln, mit Akkordeon und Geige ausgerüstet. Ein dritter bearbeitete ein Klavier.
Zwei oder drei Paare bewegten sich schon durch die Mitte des Casinos, darunter die Rothaarige, die auch von vorn hübsch anzuschauen war. Sie war noch keine fünfundzwanzig, da war er sich sicher. Leo war kein Kostverächter, war es nie gewesen, und die Tatsache, dass sie sich Wange an Wange mit dem Pferdegesicht durch den Raum schob, hätte früher seinen Jagdinstinkt nur verstärkt. Oft hatte er gewonnen, auch wenn die anderen Männer größer gewachsen waren als er oder mehr Haar hatten. Oder weniger abstehende Ohren. So lange war das eigentlich noch gar nicht her, dachte er.
Stimmengewirr mischte sich mit der Tanzmusik; ein paar Gruppen standen oder saßen beieinander. Leo stellte erleichtert fest, dass die Luft von Qualm erfüllt war, auch etliche der Frauen rauchten. Ein umdrängter langer Tisch schien als Bar zu dienen, und er ließ sich ein Glas Bier geben.
Doch wohin nun? Das Glas in der einen, eine neue Zigarette in der anderen Hand, überlegte er, sich wieder auf die Bank vor der Veranda zurückzuziehen, als ihm jemand zuwinkte, ein Mann in einem hellgrauen Sommeranzug, deutlich eleganter und älter als die jungen Familienväter, der allein an einem kleinen Tisch saß. Nun stand er auf und deutete einladend auf den freien Stuhl neben seinem.
»Sie sind der neue Schriftsteller, nicht wahr?«, sagte er freundlich, als Leo sich genähert hatte, und streckte ihm die Hand hin. »Joel Geringer.«
»Leopold Perlstein«, sagte Leo und stellte sein Glas ab, um die Hand freizubekommen. »Dass ich ein neuer Schriftsteller bin, würde ich allerdings nicht sagen. Eher ein vergessener.«
»So habe ich es nicht gemeint«, gab der andere zurück. »Aber wir hatten hier schon lange keinen neuen Schriftsteller mehr. Setzen Sie sich doch. Sie sehen nicht aus, als würden Sie sich aus der Tanzerei viel machen.«
»Aber Ihre Frau?«, meinte Leo und sah zögernd auf den freien Stuhl.
»Macht sich auch nichts aus der Tanzerei«, erklärte Geringer. »Sie bevorzugt klassische Musik.«
»Ich habe Sie beim Abendessen gar nicht gesehen.«
»Wie sollten Sie? Obwohl unser Haus kaum eine halbe Meile entfernt liegt. Wir haben gemütlich in unserer Küche gegessen, Käsebrote aus dem Kühlschrank, unser Mädchen hat samstags frei. Ich werde mich hüten, Doras Würstchen anzurühren. Sie sind aus der Dose.«
»Ich dachte, die Tanzabende sind für Sommergäste«, sagte Leo.
