Leons Glück - Jana Kiersch - E-Book

Leons Glück E-Book

Jana Kiersch

0,0

Beschreibung

Mobbing. Leon weiß gar nicht, wie ein Leben ohne ständige Angst aussieht. War er überhaupt jemals glücklich? Und was ist "Glück" überhaupt? Von den Lehrern der Lächerlichkeit preisgegeben, wird er zum Außenseiter und zum Opfer ständiger Mobbingattacken. Er sondert sich immer weiter ab und gibt sich seiner Wut und seinem Hass hin. Als er schließlich von der Schule fliegt, ist ihm alles egal. Er möchte nur noch die Menschen vernichten, die sein Leben zerstört haben. Er läuft Amok. Folgen Sie Leon und versuchen Sie zu verstehen, was geschehen muss, bis es zum Äußersten kommt. Ein Roman über Mobbing, die Suche nach dem Glück und den fatalen Folgen, wenn jemand keinen Halt mehr findet. Wer ist schuld am Amoklauf?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für Opa, der mir die Liebe zu Büchern zeigte. Und für Oma, mein Fels in der Brandung.

Aus der Saat von Verachtung, Ablehnung, Verzweiflung und Hass

Entsteht die Wurzel von Verzweiflung, Wut und Aggression

Gegen Hass - Daraus entsteht die Frucht emotionaler Taten.

Claudia

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Vorwort

Die Geschichte, die Sie im Begriff sind zu lesen, enthält biografische Erfahrungen Claudias, um die ich eine fiktive Erzählung gesponnen habe.

Wenn Sie bereit sind, gehen Sie gemeinsam mit Leon an den Abgrund, biegen Sie nicht vorher ab – für ihn gab es keinen anderen Ausweg, es wäre nicht fair, wenn auch Sie ihn allein lassen. Folgen Sie ihm und versuchen Sie zu verstehen, was geschieht, bis es zum Äußersten kommt.

Niemand wird als Amokläufer geboren und es ist leicht, ihm allein die Schuld für die Tragödie zu geben. Als Mörder ist er schuldig, aber auch als Mensch? Gab es nie Hilfeschreie, die ungehört verklungen sind? War dort nie ein Ausweg, eine Kreuzung, an der sich alles hätte ändern können?

Entscheiden Sie selbst: Hätte Leon gerettet werden können?

1.

Leon ist tot, da bin ich mir sicher.

Als ich die Tür öffne, weiß ich, dass etwas Schreckliches geschehen ist. Der Ausdruck in den Gesichtern der Polizisten verrät mir alles. Ich blicke von einem Beamten zum anderen und trete unkontrolliert zitternd zurück, um sie ins Haus zu lassen. Der geräumige Flur scheint mir mit einem Mal viel zu eng, es schneidet mir die Luft ab. Eine nasse Hundeschnauze legt sich in meine Hand. Ich streiche dem schwarzen Labrador über den Kopf und stütze mich an dem starken Tier.

„Leon Fechtler. Er wohnt noch bei Ihnen?“

Stumm nicke ich.

„Wir müssten uns sein Zimmer anschauen und auch seinen Computer mitnehmen.“

Wieder nicke ich und finde endlich meine Stimme wieder.

„Ist er tot? Hat er sich umgebracht?“

Die Beamten wechseln einen Blick, dann schaut mir der ältere offen ins Gesicht.

„Zwei Lehrer und drei Schüler sind tot. Ihr Sohn ist Amok gelaufen. Er selbst ist noch auf der Flucht. Wissen Sie, wie er in den Besitz der Waffe gelangen konnte?“

Amok. Das Wort hallt in meinem Kopf wider. Wie ein endloses Echo wabert es durch mich hindurch, löscht alle Gedanken, alles wird zu einem großen schwarzen Nichts. Und endlich falle ich, hinein in die Dunkelheit, die mich verschlingt.

Mein Sohn ist ein Mörder, ein Amokläufer. Wie ist es nur so weit gekommen?

2.

Elf Jahre vor dem Ende

Die Buchstaben tanzten vor seinen Augen. Egal, wie sehr er sich auch bemühte, sie blieben nicht lange genug an einem Fleck, um einen sinnvollen Satz zu bilden. Verzweifelt starrte Leon auf die bunten Bilder unter dem Text und versuchte sich einen Reim aus der Geschichte zu machen.

„Max spielt mit Tim Fußball. Sie haben viel Spaß“, stotternd brach Leon ab. Wütend donnerte die Hand seiner Mutter auf die Tischplatte und er sank auf seinem Stuhl zusammen.

„Was ist daran so schwer? Die anderen Kinder können es doch auch. Du bist einfach stinkefaul!“ Über den Tisch hinweg schrie sie ihren Sohn an, Tränen rannen über seine Wangen und fielen auf die Buchseite wie Granaten. Kreisrunde Flecken, Bombentrichter, blieben zurück.

„Nochmal!“

Erschrocken hob Leon den Blick. „Mama, bitte“, flehend schaute er sie an, doch sie deutete nur auf das Buch.

„Du liest mir diese Seite jetzt so lange vor, bis es endlich fehlerfrei ist. Und wenn es die ganze Nacht dauert.“

Die Tränen in den Augen machten es nicht besser, jetzt verschwammen die tänzelnden Buchstaben auch noch. Unerbittlich zwang ihn seine Mutter erneut zu lesen und wieder und wieder. Leons Augen brannten und sein Hals war staubtrocken, als sie ihn endlich gehen ließ. Mit hastigen Schritten verließ Leon die Küche, rannte in sein Zimmer und warf sich weinend aufs Bett.

Wie er sein Leben hasste.

3.

Ich sitze auf Leons Bett. Immer wieder streiche ich über das Kopfkissen, glätte es, zerdrücke es wieder und glätte es erneut. Wann die Polizisten gegangen sind, weiß ich nicht mehr. Irgendwann sind sie weg gewesen, mit dem Computer und einem Stapel Zeichnungen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Kurz war auch mein Mann hier im Zimmer. Ich hatte seine Nähe gespürt, doch ich war unfähig zu reagieren. Schließlich war er hinausgegangen und ließ mich und meine Gedanken allein. Noch immer ist mein Kopf wie in Watte gepackt. Alles ist leer, bis auf das Wort „Amok“, das wie auf riesigen Betonsäulen in meinem Schädel steht und mir rasende Kopfschmerzen bereitet.

Als ich schließlich den Kopf hebe – ich weiß nicht, wieviel Zeit verstrichen war, eine Stunde, vielleicht fünf oder mehr – dämmert es bereits und eine schmale Mondsichel schielt zum Fenster herein. Dort oben ist die Grinsekatze und lacht mich aus, mich, die schlechteste Mutter im Universum. Die Mutter eines Amokläufers. Wieder laufen mir Tränen über das Gesicht, ich liebe Leon doch so sehr.

Ich gehe hinüber zum Schreibtisch und betrachte das Chaos aus Zetteln und Schreibsachen. Mechanisch greife ich nach seinem Sparbuch. Was hatte es hier zu suchen? Das Geld war doch für seine Ausbildung bestimmt. Ich blättere zum letzten Eintrag. Entsetzen und Wut packen mich. Tausend Euro waren vor vier Tagen abgeholt worden. Tausend Euro! Das erklärt, wie er an die Waffe kommen konnte. Nur wer verkauft Waffen an Kinder? Diese Leute sollte die Polizei jagen, dann wäre es erst gar nicht so weit gekommen. Wütend pfeffere ich das Heftchen zurück auf den Tisch.

Da klingelt plötzlich das Telefon. Fast stürze ich die Treppe herunter, atemlos nehme ich ab.

„Ja? Leon?“

„Sie Mörder! Wissen Sie, was ich mit Ihnen anstellen werde?“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung ist eiskalt. Bevor sie weiterreden kann, lege ich auf. Hypnotisiert starre ich auf den Hörer in meiner Hand. Wieder klingelt es. Ich kraxle hinter das Sofa und reiße mit einem Ruck den Stecker heraus. Stille. Erst jetzt merke ich, dass mein Körper bebt. Ich weine. Das ist mehr eine Feststellung, als dass ich mir dessen wirklich bewusstwerde. Ich wanke leicht, als ich in die Küche gehe, um ein Glas Wasser zu holen. Doch dazu kommt es nicht. Kaum habe ich das Licht angeschaltet, beginnt draußen ein Blitzlichtgewitter. Fassungslos starre ich aus dem Fenster. Reportermassen tummeln sich in der Einfahrt, klopfen sogar ans Fenster. Stimmengewirr, dann schellt es an der Tür. Ash beginnt zu knurren, tief und kehlig, sein Nackenfell stellt sich auf. So habe ich ihn noch nie erlebt, aber ich bin ihm dankbar. Er würde mich vor diesen Bestien da draußen beschützen.

Ich reiße die Rollläden herunter, renne von Zimmer zu Zimmer, bis kein Lichtschein mehr von außen eindringt und flüchte zurück in Leons Zimmer. Ash folgt mir und bleibt wachsam in der offenen Tür sitzen. Seine Schwanzspitze zuckt nervös, ansonsten ist er wieder die Ruhe selbst.

Mörder. Noch immer hallt die eisige Stimme in meinem Kopf wider. Und sie hatte recht.

Mein Blick gleitet erneut über das Chaos auf dem Schreibtisch. Leons Smartphone fällt mir ins Auge. Er hatte es zurückgelassen… Mit klammen Fingern greife ich danach und entsperre es – 1, 2, 3, 4 – meine Mundwinkel zucken, das war mein Leon.

Mein Finger verweilt über dem WhatsApp Logo, dann öffne ich den Chat. Die letzten Nachrichten waren zwei Wochen alt. Hier hatte das Mobbing seinen letzten digitalen Höhepunkt gefunden.

Es war kurz vor dem ersehnten Schulabschluss. Plötzlich kam es wieder zu Reibereien zwischen Leon und seinen Klassenkameraden. Er wurde immer stiller und ließ weder mich noch seinen Vater an sich heran. Und schon eine Kleinigkeit – ein lieb gemeintes Wort oder eine Tür, die laut zuschlägt – reichte aus, um ihn vollkommen ausrasten zu lassen. Nie hatten wir ihn so aggressiv erlebt wie im letzten Jahr. Er schlief nicht mehr, aß nicht mehr mit uns zusammen – eigentlich sahen wir unseren Sohn so gut wie gar nicht mehr. Und dann sein Handy! Dauernd bimmelte es; selbst in der Nacht ließen sie ihn nicht mehr in Ruhe. Was sollte ich tun? Ich war ratlos. Mach dein Handy aus, riet ich ihm schließlich, was er auch tat. Aber das half nichts, wie sollte es auch? Vor zwei Wochen traf sich die ganze Klasse in den ersten beiden Stunden, um gemeinsam zu frühstücken. Eine nette Idee, wie ich fand. Doch Leon wirkte gehetzt. Die anderen warten nicht auf mich, wenn ich nicht pünktlich bin, schrie er und schlug die Tür hinter sich zu. Spätestens hier hätte ich doch endlich etwas merken müssen. Aber hätte ich noch was retten können?

Schwer liegt das Smartphone in meiner Hand. „Du bist zu dumm zum Denken“, „Geh zurück in die Klink wo du hingehörst“, „Was benutzt du WhatsApp, wenn du eh nicht lesen kannst? Und Schreiben sowieso nicht, du Spast“.

Woher wussten die von Leons Einweisung? Was ging es sie überhaupt an? Tränen der Wut steigen mir in die Augen und brennen wie Feuer.

Vor acht Tagen hatte sich Leon wieder einmal sehr früh aus dem Haus geschlichen. Er wollte nicht mit mir zusammentreffen, wohl aus Angst, ich würde komische Fragen stellen. Auch war er so ganz früh an der Schule und konnte sich im Klassenzimmer verstecken – so hätte er ein paar Minuten mehr Ruhe vor den anderen. Was ein verrückter und sinnloser Plan.

Kurz nach acht Uhr klingelte das Telefon. Ich hatte ein flaues Gefühl im Magen, als ich den Hörer in die Hand nahm. Es war Leon. Ich solle sofort zur Schule kommen und ihn abholen. Es sei etwas passiert. Aufgewühlt setzte ich mich hinter das Steuer und raste zur Schule. Doch Leon war nicht da. Weder vorm Lehrerzimmer noch im Sekretariat. Ratlos blickte ich den vor Schülern wimmelnden Flur entlang und entdeckte schließlich Mark, einen Klassenkameraden, der Leon nicht fertigmachte. Ich sprach ihn an.

„Ich weiß es nicht genau, Frau Fechtler. Aber ich glaube nicht, dass Leon Manuela angegrapscht hat.“

Scharf zog ich die Luft ein. Jetzt ging Leons Leben in die völlig falsche Richtung.

„Es stimmt schon. Die beiden waren bereits oben im Flur gewesen, noch vor dem Gong und es sah komisch aus – irgendwie.“ Hilflos zuckte Mark mit den Schultern. „Jedenfalls gab es eine riesige Schlägerei mit ein paar Jungs aus der Klasse. Dann kam Herr Schrägert, hat sich Leon geschnappt, ihm eine saftige Ohrfeige verpasst und ist mit ihm weg. Mehr weiß ich nicht. Tut mir leid.“

Fassungslos starrte ich Mark an. Leon wurde von einem Lehrer geschlagen? Ob Mark dies so nochmal wiederholen würde? Er gab mir sein Wort darauf. Egal, was Leon getan hatte – kein Lehrer schlägt meinen Sohn. Und dann das Grapschen! Wenn ich dieses Mädchen in die Finger bekomme…

Ich eilte zurück zum Lehrerzimmer, in der Hoffnung Leon nun doch dort anzutreffen. Und tatsächlich. Tränenüberströmt stand er oben an der Treppe. Ein Auge schimmerte bläulich und seine Lippe war blutig und geschwollen. Bei diesem Anblick musste ich heftig schlucken. Und dann das: Heute sollte in der Konferenz über seinen Schulverweis entschieden werden – wenige Wochen vor dem Schulabschluss. Was sollte nur aus ihm werden?

Plötzlich stand Herr Schrägert hinter mir. Er schrie mich an, dass es durch das gesamte Gebäude hallte. Ich zwang mich ruhig zu bleiben, auch wenn ich hätte explodieren mögen. Hinter ihm stand ein anderer Schüler, doch das schien ihn nicht zu stören. Wie in Rage deutete er immer wieder auf Leon. Ein Mädchen habe er geschlagen und angefasst. Gemeingefährlich sei Leon. Er gehöre in eine Klinik und weggesperrt. Hart schluckte ich jeden Kommentar hinunter, der die Situation möglicherweise völlig zum Eskalieren bringen würde. Ich versuchte ihm die Sichtweise von Mark darzulegen, dass es doch gar nicht alles so glasklar war, doch Herr Schrägert hörte nicht zu und selbst wenn – er hatte sein Urteil längst gefällt.

„Sie haben meinen Sohn geschlagen! Glauben Sie ernsthaft, ich werde nichts gegen Sie unternehmen?“ Ich schnaubte vor Wut. Doch er lachte nur. Er habe eine Schülerin gerettet, das zähle hundertmal mehr als jede Aussage von mir. Damit drehte er sich auf dem Absatz um, nickte dem Schüler zu und verschwand im Flur.

Mit gesenktem Kopf stand Leon neben mir. „Ich schlage keine Mädchen.“ Gequält schaute er mich an. Ich glaubte ihm, mein Sohn war kein Schläger und erst recht kein Grapscher. Und was Mark gesehen hatte, zählte für mich mehr als die völlig hysterische Fassung dieses Mannes.

Mit Leon im Arm ging ich die Treppe hinunter. Noch im Auto klingelten mir die Ohren.

Einige Tage später kam Mark zu uns. Herr Schrägert hatte dem Mädchen geraten Leon wegen Körperverletzung und Nötigung anzuzeigen. Fassungslos saßen wir um den Tisch herum. Der Lehrer hatte eine Zeugenaussage gemacht und auch die Schüler waren bei der Polizei gewesen. Sven und ich waren ratlos und einfach nur wütend. Seitdem war Leon nicht mehr aus seinem Zimmer gekommen.

Die Anzeige liegt noch immer unten auf dem Wohnzimmertisch. Ungeöffnet.

4.

Zehn Jahre vor dem Ende

Der Ball flog auf ihn zu. Wie in Zeitlupe sah er ihn näherkommen, seine Hände umfassten den Schläger fester, bereit für den Aufprall. Geschmeidig zog ihn Leon durch, ein dumpfes Pock ertönte und der Baseball flog quer über den Platz. Es war ein guter Schlag, das Publikum johlte als er von einem Base zum nächsten eilte, immer seine Gegenspieler im Blick. Ein Homerun. Er konnte es schaffen. Kraftvoll setzte er zum letzten Sprint an und erreichte das Home Plate. Jubel brach aus, sein Team klopfte ihm auf die Schulter. Strahlend stand Leon in ihrer Mitte und ließ sich feiern. Er hatte den Sieg geholt, für die Gegner waren sie nun unerreichbar.

„Hier, für unseren Helden.“ Herr Hauser, ihr Trainer, trat zu ihnen und grinste in die Runde. In der Hand hielt er den Baseball.

„Inzwischen hast du wohl schon eine ganze Sammlung, was?“ Er schlug Leon auf die Schulter und lachte. „Deine Eltern können verdammt stolz auf dich sein. Ich geh‘ mal zu ihnen. Weiterfeiern.“ Mit dem Finger deutete er in die Runde und zwinkerte Leon zu.

„Leon, du bist echt der Größte.“ Markus strahlte ihn an. „Wenn wir so weitermachen, spielen wir bald nicht mehr nur so kleine Turniere, dann haben wir richtige Gegner!“ Aufgeregt klatschte er in die Hände. „Wir sind das Team!“ Er stieß seine Faust in die Luft. Die anderen taten es ihm gleich.

„Das Team!“ Leon brüllte es beinahe. Ja, er war stark und er konnte alles erreichen.

Als er und seine Eltern am Abend wieder zuhause ankamen, bekam sein Hochgefühl erste Risse. Doch er ignorierte es und stürzte sich auf sein Lieblingsessen.

„Ein Essen für wahre Sieger.“ Seine Mutter wuschelte ihm liebevoll durchs Haar und auch sein Vater war sichtlich stolz auf ihn.

„Was meinst du. Ist noch Platz an deinem Medaillenbrett, oder soll ich dir ein neues machen?“ Klimpernd legte er die goldene Medaille auf den Tisch und grinste seinen Sohn an. Mit vollem Mund schüttelte Leon den Kopf.

„Ich denke zwei, drei passen noch dran“, sagte er lachend und hing sich die Medaille um.

„Es steht dir“, seine Mutter sah ihn über den Tisch hinweg an, „du solltest öfter lachen.“

Leon grinste und senkte rasch den Blick auf den Teller. Niemand sah, wie sein Lächeln zu einer Maske gefror.

5.

Angewidert schmeiße ich das Handy zurück auf den Schreibtisch. Was waren das bloß für Menschen? Wie konnte man jemanden mit voller Absicht so zerstören wollen? Warum? Wütend schlage ich auf den Tisch. Immer und immer wieder. Meine Hand wird taub, aber der Schmerz lässt nicht nach. Frisst sich immer tiefer in mich hinein.

„Schatz, hör auf.“ Warme Hände greifen nach mir und packen meine Hand. Svens dunkle Augen brennen sich in meine. Mein Schmerz spiegelt sich in seinem Gesicht und ich sehe, dass er geweint hat, sehe seine Verzweiflung.

„Ich habe ihn nicht gefunden. Ich – ich weiß nicht mehr, wo ich noch suchen soll. Und da draußen ist die Hölle los – wir werden umziehen müssen.“ Eine Träne stiehlt sich hervor und läuft ihm über die Wange. Wütend wischt er sie weg. „Warum? Warum hat er das getan? Waren wir nicht immer für ihn da?“ Der Druck auf meine Hand verstärkt sich und ich winde sie aus dem Klammergriff.

„Hier“, meine Hand greift nach dem Handy, „die sind schuld. Alle miteinander. Die“, meine Stimme wird hysterisch, „die haben ihn