Lesbinas - Les B. - E-Book

Lesbinas E-Book

Les B.

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Beschreibung

Lesbinas vereint Episoden über gelebtes lesbisches Leben, deren Handlungsstränge sich zu einer einzigen, großen Liebesgeschichte verdichten. Da ist zum einen Mareike, deren Sehnsüchte sie dazu bringen, fremdzugehen, wobei sie nicht ahnt, dass ausgerechnet ihre Liebste bei anderen Frauen ganz unbefangen in die Toykiste greift. Da ist Ich-Erzählerin Les B., die auf lesbinas.de die Frau fürs Leben sucht und sich darüber mit Alex austauscht. Alex wiederum, derzeit in festen Händen, scheint mit nichts etwas zu tun zu haben, aber stimmt das auch? Und wer kennt die Oberärztin, die zu niemandem so richtig passen will? Was das alles mit der ambivalenten Barbara und ihrer frühen Liebe zu einem Nachbarmädchen zu tun hat, erfährt die geneigte Leserin am Ende dieser tausendundeinen Liebes- und Lebensgeschichten.

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Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Mädels, Ihr könnt aufatmen: Die Handlungen und Personen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig. Sogar die Autorin gibt es nur in ihrer Fantasie.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Das letzte Mal

Sekt mit Alex

Kindergarten

Lunch mit Alex

George Sand

Der falsche Sex

Der Tag danach

Wandern

Blind Date

Finis

Gefunden

Kiffen mit Alex

Das Wiedersehen

Epilog

Danksagung

Bibliografie

Leseprobe: Schabrackenblues

PROLOG

Puddingschnecken sind schon etwas Leckeres. Ich meine natürlich die vom Bäcker, aber die anderen schon auch.

Im Moment liegen zwei Puddingschnecken vor mir, 1a Bäckerware, und sie lachen mich an. Aber ich bin noch immer nicht bei Appetit. Ich habe ein schlechtes Gewissen, denn ich war zwar heftig verliebt, aber gleichzeitig fragte ich mich, ob und wie ich aus diesem Schlamassel wohl wieder herauskommen würde. Nun bin ich draußen und wünschte, ich wäre wieder drin …

Mein Liebesleben ist schon seit Jahren in einer einzigen Flaute und jetzt muss wieder einmal meine Freundin Alex ran und mich trösten. Sie tut es, indem sie Puddingschnecken bringt und mich nach meinem Kummer fragt.

„Ach, das ist eine lange Geschichte“, seufze ich und sehe mir eine Puddingschnecke genauer an.

„Dann erzähl sie doch!“, antwortet sie lapidar. „Ich frage mich sowieso schon die ganze Zeit, warum du nichts über Lesben schreibst.“

Die Sekunde, in der mich eine Puddingschnecke eben noch appetitlich angelacht hatte, vergeht in diesem Moment. „Wieso sollte ich etwas schreiben? Und dann auch noch über Lesben?“

„Du bist Künstlerin. Dir traue ich alles zu. Sogar Schreiben.“ Sie grinst.

Ich schüttle den Kopf. Jahrzehntelang habe ich mir als Illustratorin meine Brötchen verdient, aber jetzt betreibe ich einen kleinen Kunstladen auf der Kölner Schäl Sick. Ich zeichne Frauenmotive, die ich auf Holzstücken, Tassen oder Tellern verewige, und unten rechts mit einem kleinen „Les B.“ signiere. Touristen kaufen so etwas ganz gerne, allerdings kommen die wenigsten bis Vingst. In der Hauptsache lebe ich von einem Wochenkalender für Frauen, der mit feengleichen Frauengestalten bebildert und mit aufmunternden Sprüchen versehen ist. „Einfach loslassen“ empfehle ich da beispielsweise in Kalenderwoche dreizehn, oder „Verzeih deiner Waage“ in der Woche nach Weihnachten.

Seit diese Kalender über das Internet im ganzen deutschsprachigen Raum verkauft werden, pflege ich gelegentlich andere Großstädte zu besuchen, um das dortige Lebensgefühl einzufangen. Ich war in den vergangenen Jahren in Lübeck, Rostock, Marburg, Regensburg, München, Stuttgart, Freiburg, Saarbrücken, Frankfurt, Berlin und Hamburg. Jetzt tragen meine Feenfrauen statt fließender Kleidchen auch einmal maritim anmutende Oberteile in blau-weiß, ein Dirndl oder Frankfurter Business-Schick.

Derzeit erwäge ich, eine meiner Tänzerinnen mit einem Schwarzwälder Bollenhut auszustatten, aber ich weiß noch nicht so recht … zumal die Idee von der Frau stammt, der ich gerade meinen Liebeskummer verdanke.

„Schreiben?“, frage ich also zurück, denn soweit ich mich erinnern kann, habe ich außer „Mach mal was ganz anderes“ oder „Stürz dich mutig ins Abenteuer“ noch nie etwas geschrieben.

„Vielleicht wird es Zeit, dass du dich mal an deine eigenen schlauen Sprüche erinnerst und dich selbst daranhältst?“, fragt Alex schelmisch.

„Aber lesbische Liebesgeschichten? Wen interessiert denn sowas?“, antworte ich und sie lacht.

„Mich“, sagt sie und sieht mich aufmunternd an. „Vielleicht kannst du die ja in deinem Laden gleich mitverkaufen.“

Die Idee klingt gut, aber soll ich wirklich über die vierschrötige Oberärztin und deren Blind Date schreiben? Oder über die Datingfallen, in die frau bei einem Kontakt über ein Lesbenportal stolpern kann? Über das früheste Outing ever und die lebenslange Suche nach der Taube auf dem Dach?

Langsam beginne ich, mich für die Idee zu erwärmen. In meinem Laden habe ich oft Leerlauf … „Nun gut“, sage ich zu Alex. „Ich kann es ja mal versuchen.“

„Mach einen Roman draus“, befiehlt sie.

„Kann ich nicht. Ich kann höchstens Kurzgeschichten!“

„Dann streng‘ dich an.“

In dieser Nacht träume ich, dass sie alle an meinem Bett stehen und entweder amüsiert grinsen oder entrüstet den Kopf schütteln: Gleich vorneweg die Oberärztin, die mir mit wogendem Busen die Faust unter die Nase hält, eine Frau K., die meint, das wäre wohl nicht mein Ernst, das wäre Bashing, Mareike, Daniela, Sonja und Angela, die mir vorwerfen, ich wäre indiskret und geschwätzig sowie Alex, die sich zurücklehnt und kichert, während ihr Kopf sich vor meinen Augen in ein Smiley-Emoji verwandelt, das mit spitzem Mund meiner Les-B.-Signatur einen Kuss zuwirft.

Oh je, denke ich noch im Traum. Das wird was!

DAS LETZTE MAL

„Uff, mein Zug steht ja schon da!“ Barbara schnaubte erleichtert. Mit ihren Händen an den gelben Rucksackträgern wäre sie jetzt am liebsten schnurstracks auf den ICE zugelaufen und hätte sich hineingeschwungen. Nichts wie weg hier!

Doch dann ließ ihre gute Kinderstube sie innehalten. Das ist nicht fair, dachte sie, und drehte sich zu der deutlich kleineren Frau um, die sie bis auf diesen Bahnsteig begleitet hatte. Wie zart sie ist, durchfuhr es Barbara, wie zierlich, ja, fast schon … zerbrechlich. In einem plötzlichen Anfall von Zuneigung, gepaart mit einem für sie typischen Beschützerinstinkt, legte sie ihren rechten Arm um die Frau, die sich weich und schmiegsam an sich ziehen ließ. Barbara beugte ihren Kopf nach unten und küsste Mareike. Was eigentlich nur ein Abschiedskuss auf den Mund sein sollte, wurde fast von allein ein Zungenkuss, der zaghaft begann und leidenschaftlich erwidert wurde. Barbara fühlte die Hitze, die sich fast reflexartig in ihrem Unterleib ausbreitete. Sie wollte das nicht, wollte lieber einfach einsteigen und wegfahren, aber es war wie eine Sucht. Wie schon so oft an diesem Wochenende drückte sie ihre schmale Begleiterin an sich und versank mit diesem Kuss in ihr.

Es war Mareike, die sich Minuten später aus der intensiven Umklammerung löste und Barbara ganz zart und in einer fast nur angedeuteten Geste von sich schob. Barbara schüttelte sich kurz wie ein Hund, der unversehens nass geworden war und riss sich ruckartig ganz los. Nichts wie weg, dachte sie erneut und hatte gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, weil sie so schnell wegwollte. Mareike half ihr: „Mach, dass du da reinkommst!“, sagte sie mit einem Lächeln und deutete mit ihrem Kinn in Richtung Zug.

Barbara nickte wortlos und ging auf die nächste ICE-Tür zu. Sie zog sich mit Schwung in den Waggon und drehte sich dann noch einmal nach Mareike um. „Pass auf dich auf, Kleine“, wollte sie sagen und hatte ihren rechten Arm schon angehoben, um Mareike zuzuwinken, doch sie konnte sie nirgends mehr entdecken. Scheiße, dachte sie, so eine Scheiße. Sie hätte sich umdrehen und mir zuwinken sollen! So wie damals! Scheiße. Ich habe mich mal wieder vollkommen danebenbenommen, das ganze Wochenende lang. Und jetzt ist sie weg.

Mareike war unterdessen die Bahnsteigstufen hinabgehuscht. Unten angekommen, sah sie auf eine der vielen Bahnhofsuhren und rechnete, wobei sich ihre Lippen unwillkürlich mitbewegten. Es war genau 17.37 Uhr, ihre Frau kam irgendwann zwischen 18.00 und 19.00 Uhr nach Hause - das könnte knapp werden, dachte Mareike und straffte sich. Als sie in Richtung Parkplatz zu ihrem Auto lief, war nichts Weiches mehr an ihr, im Gegenteil. Ihr schneller Schritt gab ihr etwas Gehetztes, das Genick eingezogen, die Augen starr auf den Ausgang des Bahnhofs gerichtet. Was habe ich nur getan, fragte sie sich. Wie soll das gutgehen? Die frische Feuchtigkeit zwischen ihren Beinen ignorierte sie.

Erst auf ihrem Nachhauseweg kamen die Erinnerungen wieder. Sie waren plastisch und deutlich, nicht wie die verhuschten Erinnerungsfetzen nach einem nächtlichen Traum, sondern sie kamen in kräftigen Bildern mit satten Farben und intensiven Gerüchen, feuchter Haptik und tiefen Gefühlen. Mareike sah Schenkel, die nicht ihre waren, und Hände, die nach ihr griffen, geöffnete Lippen über ihr und ein pralles Gesäß unter ihren Händen. Sie hörte ein wohliges Seufzen, das aus einem Körper strömte, vielleicht sogar aus ihrem. Das war das letzte Mal, dachte sie. Das waren die letzten Male, korrigierte sie sich traurig. Das Gefühl eines unendlichen Verlustes ließ sie wieder klein und zerbrechlich werden.

Als sie zuhause eintraf, straffte sie sich erneut, zumal sie sah, dass Katrins Wagen bereits in der Einfahrt stand, viel früher als erwartet. An der Haustür sah sie ihre große, hagere Frau mit einem großen Rollkoffer kämpfen. Mit kräftigen Schritten ging Mareike auf Katrin zu und griff nach deren Koffer.

„Lass, das geht schon“, sagte Katrin statt einer Begrüßung und zerrte ihr Gepäck über die Türschwelle.

„Ich will ja nur helfen“, sagte Mareike. „Wieso bist du denn so früh?“

Statt einer Antwort zog Katrin den Rollkoffer ins Innere ihres kleinen Häuschens. „Wo kommst du überhaupt her?“, stellte sie die Gegenfrage.

„Ich war im Murgpark spazieren“, log Mareike und war froh, dass sie hinter Katrin stand und ihr nicht ins Gesicht lügen musste. „Wie war es diesmal?“, fragte sie, um das Thema zu wechseln.

„Wie soll es schon gewesen sein?“, fragte Katrin zurück und klang dabei unendlich müde. „Nervig, wie immer. Demut liegt der alten Lady nicht.“

Mareike lachte kurz auf. Sie kannte Katrins Mutter. „Da werde ich es mit dir einmal auch nicht einfach haben“, sagte sie, während sie zusah, wie Katrin schon im Flur begann, den Koffer auszuräumen. Ich habe es ja jetzt schon nicht einfach mit dir, fügte sie in Gedanken hinzu.

Sie hat es ja jetzt schon nicht einfach mit mir, dachte Katrin zeitgleich, und verstaute ein Paar Schuhe im Schuhschrank.

„Wie lang bist du gefahren?“, fragte Mareike.

„Es ging einigermaßen. Sechs Stunden“, antwortete Katrin, während sie eine Jacke an die Flurgarderobe hängte.

„Warum fährst du auch nie mit dem Zug?!“, kommentierte Mareike. „Du bist sicher völlig erledigt. Magst du dich einen Moment hinlegen? Ich übernehme die Wäsche.“

„Danke, das ist lieb“, sagte Katrin, während sie den Koffer wieder schloss und Mareike in die Hand drückte. Dabei fielen ihr die frisch manikürten, betont kurzen Fingernägel ihrer Frau auf. Irritiert stellte sie fest, dass ihr der Anblick weh tat, aber sie wusste nicht, warum. „Wie war dein Wochenende?“, fragte Katrin schließlich und schaltete dabei auf einen fröhlichen Plauderton um.

Mareike zuckte mit den Schultern. „Es ging so“, antwortete sie und vermied es erneut, ihre Frau anzusehen.

Sie müsste sich ein Hobby suchen, dachte Katrin, oder neue Freunde, sie langweilt sich immer ohne mich. Mit diesen Gedanken zog sie sich in ihr Schlafzimmer zurück, während Mareike den Koffer ins Bad schob, auspackte und die Wäsche auf einen Stapel legte. Dann schlich sie sich noch einmal leise nach draußen, um heimlich ihre riesige Hobo-Tasche aus dem Wagen zu holen, die sie dann in Windeseile ebenfalls auspackte. Ihre zarten Dessous passten so gar nicht zu der Baumwollwäsche, die Katrin mitgebracht hatte.

Mareike verstaute ihre eigene Wäsche in der gemeinsamen Wäschetruhe, konnte aber nicht verhindern, dass dabei die bunten Erinnerungsbilder wieder auf sie einstürmten. Sie roch den zarten Duft, der ihrer Wäsche entströmte und sah den Schweiß ihrer klatschnassen Haare auf ein Rückentattoo tropfen. Nicht jetzt, schalt sie sich. Nie, nie wieder. Ich bin einfach zu alt für sowas. Beinahe hätte sie angefangen zu weinen, während sie Katrins Schlafanzug und ihre Baumwollslips in die Waschmaschine stopfte.

In diesem Moment piepte ihr Handy, das sie im Flur an die Ladestation gehängt hatte. Mareike stellte die Waschmaschine ein und ging zu ihrem Smartphone. „Zurück in Köln“, hatte Barbara geschrieben und das Abbild eines Zuges zierte die WhatsApp-Nachricht. „Bei dir alles okay? Sorry, dass ich mich so danebenbenommen habe. Können wir wenigstens telefonieren?“

„Heute nicht“, schrieb Mareike zurück und dachte, und morgen auch nicht. Ich sollte das auch schreiben, dachte sie, ich sollte schreiben: morgen nicht und übermorgen nicht und nie wieder. Aber da keimte plötzlich so etwas wie Freude und Hoffnung in ihr auf und ihr Herz hüpfte ungefragt. Rasch schickte sie Barbara ein fröhliches Emoticon hinterher und legte das Handy zurück. Sie würde das in Ruhe … ja was eigentlich? Überdenken? Kommunizieren? Neu entscheiden?

Zurück im Bad sah sie nach der Wäsche und räumte auf. Ihr Herz wurde wieder schwer. Es war doch nur Sex, sagte sie sich, aber nun weinte sie wirklich. Ich möchte lieben dürfen, jammerte ein kleines Kind in ihr, ich möchte doch einfach nur lieben dürfen, haltlos und rückhaltlos und immer und immer wieder! Ich will niemanden abweisen, von niemandem abgewiesen werden, nicht taktieren, nicht kritisieren, ich will nur …

Es war so viel, was sie wollte. Nichts davon funktionierte. Und man konnte ja nicht einfach ein neues Leben probeleben und in das alte zurückkommen, wenn es nicht funktionierte. Alles Handeln hatte Konsequenzen und je älter sie wurde, desto schwerer wogen sie. Früher hieß es: „Das Leben geht weiter“, aber das Leben geht nicht immer weiter. Es ist endlich. Und niemand weiß, wann genau es zu Ende sein wird und ob noch Zeit und Kraft genug da ist, um alles kaputt zu machen und sich danach wieder neu aufzustellen.

„Mareike?“ Katrin klopfte an der Badezimmertür.

„Komme gleich“, rief Mareike zurück, schnäuzte sich und trocknete ihr Gesicht. Unfassbar, dachte sie, dass es Menschen geben soll, die jahrelang ein Doppelleben führen, ohne aufzufliegen! Dann öffnete sie ihrer Frau die Tür und fragte: „Hast du ein wenig geschlafen?“, während sie sich Katrin zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr genauer ansah. In den viel zu weiten Hosen wirkte sie sehnig und ausgemergelt, das Gesicht leicht verhärmt. Wortlos nahm Mareike sie in die Arme und drückte sie an sich. Katrin ließ es erst willig geschehen. Dann sagte sie: „Ja, danke“, während sie sich aus Mareikes Armen wand und ein paar Schritte in Richtung Wohnzimmer ging. Schon drehte sie sich wieder zu ihr hin und fragte: „Was machen wir heute Abend? Kommt ein Blockbuster?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete Mareike wahrheitsgemäß. „Wollen wir nicht ein wenig zusammensitzen und reden? Wie geht es denn deiner Mutter?“

„Wie immer“, antwortete Katrin spröde. „Sie will und will einfach nicht sterben.“

Die Worte klangen traurig, sarkastisch und hartherzig zugleich, waren aber Katrins bleierner Müdigkeit geschuldet. Sie und ihre Schwester wechselten sich mit Dauerbesuchen ihrer sechsundachtzigjährigen Mutter ab, die einen Schlaganfall erlitten hatte, aber sich weigerte, in ein Heim zu gehen. Was gut gemeint begonnen hatte, zog sich nun schon über ein Dreivierteljahr hin und kostete alle mehr Kraft als sie hatten. Katrin hatte dabei den schwärzesten Peter erwischt: Ihre Mutter lebte noch im Osten, ihrer alten Heimat. Jedes zweite Wochenende fuhr Katrin hin und blieb ein paar Tage.

Mareike lächelte. Auch sie war müde. Seufzend lief sie in das gemeinsame Wohnzimmer, um nach der Programmzeitschrift zu suchen. Sie fand sie, blätterte darin und legte die Seite mit den Abendspielfilmen offen auf den Tisch.

„Hier hast du deine Blockbuster“, sagte sie zu Katrin, die ihr gefolgt war.

„Ich fürchte, ich bin heute keine Stimmungskanone“, sagte Katrin leise, während sie an den Tisch herantrat und auf die Programmzeitschrift sah. Dann deutete sie auf Renée Zellweger im Ringelshirt, die Ankündigung von „Bridget Jones‘ Baby“.

„Das habe ich schon gemerkt“, bestätigte Mareike lächelnd und schaute auf die Filmbeschreibung. Kein Film, für den sie jemals extra ins Kino gegangen wären, aber ein paar Lacher würden ihnen guttun, dachte Mareike und nickte.

SEKT MIT ALEX

„Ich hätte eher gedacht, dass sie sich sowas wie ‚Grüne Tomaten‘ ansehen“, sagt Alex, während sie sich lasziv auf ihrem Sofa räkelt.

„Kann natürlich auch sein“, antworte ich. „Aber ist das wichtig? Bridget Jones ist immerhin witzig. Das dürfen Lesben schon auch gucken.“

„Auch Mareike und Katrin?“ Alex lacht.

„Du und deine Vorurteile“, schmunzle ich amüsiert.

„Wieso Vorurteile?“, empört sie sich. „Ich habe die beiden doch auch einmal kennengelernt! Auf einem Dyke March vor zwei, drei Jahren“, behauptet Alex.

Das erstaunt mich. Mareike und Katrin wohnen im Gegensatz zu uns in einer kleinen badischen Stadt, deren Name mir oft nicht einfällt. Sollten sie wirklich einmal nach Köln zu einem Dyke March gekommen sein? „Ach, und wo war ich denn da?“, frage ich verwundert.

„Keine Ahnung“, Alex zuckt mit den Schultern. „Wir haben uns doch damals noch gar nicht gekannt. Auf jeden Fall habe ich auf der anschließenden Party noch wild mit Katrin getanzt.“

„Oh, und wie findest du sie so?“, frage ich, denn ich hatte noch nicht das Vergnügen, Katrin kennenzulernen.

„Groß, dunkel, schlank, nett“, antwortet Alex. „Auf eine herbe Art gutaussehend. Natürlich nicht so eine Lichtgestalt wie Mareike“, sinniert Alex nachdenklich in Erinnerungen schwelgend. Dann sieht sie kritisch in ihr Glas Sekt, findet noch einen Schluck darin und kippt ihn ab. „Was machen die nochmal beruflich? Ich erinnere mich, dass Katrin Ingenieurin ist und aus dem Osten stammt, aber was macht Mareike nochmal?“

„Mareike war ursprünglich Buchhalterin, hat aber mit Fünfzig noch ihren Heilpraktiker gemacht und arbeitet seither selbständig in eigener Praxis. Hättest du mit einer von beiden gerne mal was gehabt?“, frage ich ins Blaue, denn ich hatte die Bewunderung gehört, mit der Alex ‚Lichtgestalt‘ über sie gesagt hatte und unterstelle ihr ein gewisses Interesse an Mareike.

„Wer weiß“, antwortet sie kryptisch und lächelt vielsagend. Dann beschließt sie, das Thema zu wechseln: „Was machen deine Lesbinas?“

„Oh, da gibt es wieder einiges zu erzählen“, antworte ich erfreut über den Themenwechsel und nehme erst einmal einen kräftigen Schluck Sekt.

„Erzähl!“, fordert sie.

Man könnte Alex für neugierig halten, und ja, das ist sie. Aber sie darf das. Schließlich ist sie die einzige Frau, die ich kenne, die zugibt, dass sie sich für jedes Detail interessiert, das mir beim Daten passiert.

Ich habe Alex selbst über Lesbinas.de kennengelernt. Das war ein nettes Erlebnis. Wir schrieben kurz hin und her, stellten fest, dass wir nur wenige Kilometer voneinander entfernt wohnen und vereinbarten schnell ein Treffen. Ich wusste nicht, wie Alex aussieht, denn das Foto, das sie von sich hochgeladen hatte, war ein künstlerisch in schwarz-weiß gestaltetes Suchbild und zeigte ganz hinten, in der Landschaft versteckt, eine vom Betrachter abgewandte Frau.

Mehr Hinweise über ihr Aussehen fand ich unter der Rubrik Haarfarbe. Rot stand dort. Das nahm ich als gutes Zeichen, denn rote Haare bei Frauen zwischen fünfzig und sechzig erinnern mich an meine Teenagerzeit. Wir rochen damals nach Gras und Patchouli und waren alle ein wenig Henna.

Unser Treffen sollte am nächsten Sonntag um 15 Uhr stattfinden und weil sie auf der Rückreise von einer längeren Tour kam, bot sich ein bestimmtes Café an einer Autobahnausfahrt an. Ich hatte die Torten dort in guter Erinnerung und Parkplätze gab es auch genug.

Aber just an dem Sonntag, an dem wir uns treffen wollten, veranstaltete dieses Café eine Art Tag der offenen Tür mit Supersonderrabattaktionen und das ganze Parkplatzareal war völlig überfüllt. Als ich endlich eine Lücke für meinen orangeroten Kleinwagen fand, war es bereits kurz vor drei und ich kämpfte mich gegen die ein- und ausströmenden Menschenmassen. Wie um Himmels Willen und vor allem wo sollte ich hier mein Blind Date finden? Ich ging in Richtung Parkplatzausgang, um mich neu zu orientieren und wie ich so lief, kamen mir zehntausend Familien mit ihren Kinderwagen und Hunden entgehen, aber auch eine rundliche, entspannt lächelnde Blondine, die aussah, als könne sie aus der Nähe beschnuppert nach Gras und Patchouli riechen.

„Hallo“, sagte sie so gelassen, als würden wir uns nicht aufregenderweise gerade kennenlernen, sondern als hätten wir uns erst vor zwei Stunden voneinander verabschiedet.

„Hallo Alex“, antwortete ich und bemühte mich um die gleiche Coolness. „Wo sind die roten Haare?“

Alex runzelte die Stirn, aber dann fiel es ihr wieder ein. „Ach die!“, antwortete sie und lachte. „Ich glaube, ich sollte mal wieder meinen Lesbinas-Account überarbeiten!“

Wir lachten überhaupt viel an diesem Nachmittag, drängelten uns durch die unerwarteten Menschenmassen, versicherten uns, dass wir das hassten wie die Pest, ließen uns je ein Riesenstück Schokotorte bringen und wurden Freundinnen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Mittlerweile trägt Alex ihre Haare wieder tizianrot und trifft sich kaum noch mit den Frauen, mit denen sie über Lesbinas.de korrespondiert. Ihr Privatleben ist derzeit äußert befriedigend und sie hat es daher schlichtweg nicht nötig. Außerdem hat sie einen Sohn, den sie lieben kann. Dazu braucht sie uns Frauen nicht.

Aber, ich mache mir da gar nichts vor, auch wenn ich selbst nie aus diesem Kelch getrunken habe: Alex hat es faustdick hinter den Ohren. Falls eine Lesbina ihre Neugierde wecken kann, dann dated Alex auch wieder. Und ich vermute, dass sie schon beim ersten Date ein paar kleinere Toys im Gepäck hat und sofort zur Sache kommt.

Im Moment ist sie allerdings Yvette treu, ihrer neuesten Flamme. Sie hat sie – wo sonst? – ebenfalls auf Lesbinas.de kennengelernt, als sie ihren Einzugsradius um den Süden Deutschlands erweiterte und bis ins Elsass vorstieß.

Ich hingegen date noch. Ich habe auch schon großartige Frauen bei Lesbinas.de getroffen, aber meine Suche scheint nie zu enden. Zudem hat mir der liebe Gott auf dem Weg zum erfolgreichen Date besonders in letzter Zeit ein paar haarsträubende Steine in den Weg gelegt.

„Hast du dich mit der aus Bergisch Gladbach getroffen?“, fragt Alex.

„Die Gleichaltrige mit dem Hund?“

„Ja, wieso? Gab es noch eine?“