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Was wir als Kinder lesen, prägt uns ein Leben lang. Wer erinnert sich nicht daran, wie es war, sich mit seinem Lieblingsbuch auf die Couch zu kuscheln und stundenlang in Geschichten zu versinken, gemeinsam mit Atréju auf Fuchurs Rücken gen Elfenbeinturm zu fliegen, mit Ronja Räubertochter über den Höllenschlund zu springen, mit Harry Potter den Zauberstab zu schwingen – Expecto Patronum! Maria Russo und Pamela Paul haben mit LESEN MACHT STARK ein Buch geschrieben, das Eltern, Großeltern, Lehrern und Kindergärtnern dabei zur Seite steht, Kinder und Jugendliche auf dem Weg zum selbstbewussten Leser zu unterstützen. Dieses Buch ist angefüllt mit kreativen Ideen, wie man die Lust am Lesen entfacht, es ermutigt zum Vorlesen, es singt ein Loblied auf die Arbeit der öffentlichen Bibliotheken, die Arbeit von engagierten Buchhändlern und Gemeinden, es hilft dabei, eine Auswahl zu treffen, und in einer Welt voller Ablenkungen Ruhe zu bewahren und darauf zu vertrauen, dass die Liebe zur Literatur dennoch wachsen wird. Es birgt einen unermesslichen Schatz an Erfahrungen und praktischen Tipps, wie wir Kinder und Jugendliche für das Lesen, für Bücher und Geschichten begeistern können: Ergibt es wirklich Sinn, einem Baby etwas vorzulesen (Ja!); Welche Bücher bereiten einem Kleinkind Vergnügen? (Und welche trotzen seinen Zähnchen?); Wie unterstützt man einen angehenden Leser? (Mut zur Ganz-Körper-Lesung!); Und wie hält man die Leselust auch über die bewegten Teenagerjahre hinweg lebendig? (Geduld, Geduld, Geduld!) In vier Kapiteln, die sich den verschiedenen Lesealtern widmen, wartet jede Seite dieses reich illustrierten Buches mit nützlichen Tipps auf, ob es nun darum geht, Leserituale zu erdenken, den ersten Bibliotheksausweis zu beantragen oder eine scheue Lesemaus zu motivieren. Das Buch schließt mit einer Leseliste, die randvoll ist mit thematischen Buchempfehlungen für jedes Alter und von deutschen Kinderbuchexperten zusammengestellt wurde. Ein unverzichtbarer Wegweiser, um Kinder in der Welt des Lesens willkommen zu heißen und ein Muss für jede Familienbibliothek.
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Seitenzahl: 349
Veröffentlichungsjahr: 2020
Pamela Paul • Maria Russo
Wie wir unsere Kinder für Bücher und Geschichten begeistern
Was wir als Kinder lesen, prägt uns ein Leben lang. Wer erinnert sich nicht daran, wie es war, sich mit seinem Lieblingsbuch auf die Couch zu kuscheln und stundenlang in Geschichten zu versinken, gemeinsam mit Atréju auf Fuchurs Rücken gen Elfenbeinturm zu fliegen, mit Ronja Räubertochter über den Höllenschlund zu springen, mit Harry Potter den Zauberstab zu schwingen – Expecto Patronum!
Maria Russo und Pamela Paul haben mit LESEN MACHT STARK ein Buch geschrieben, das Eltern, Großeltern, Lehrern und Kindergärtnern dabei zur Seite steht, Kinder und Jugendliche auf dem Weg zum selbstbewussten Leser zu unterstützen.
Dieses Buch ist angefüllt mit kreativen Ideen, wie man die Lust am Lesen entfacht, es ermutigt zum Vorlesen, es singt ein Loblied auf die Arbeit der öffentlichen Bibliotheken, die Arbeit von engagierten Buchhändlern und Gemeinden, es hilft dabei, eine Auswahl zu treffen, und in einer Welt voller Ablenkungen Ruhe zu bewahren und darauf zu vertrauen, dass die Liebe zur Literatur dennoch wachsen wird. Es birgt einen unermesslichen Schatz an Erfahrungen und praktischen Tipps, wie wir Kinder und Jugendliche für das Lesen, für Bücher und Geschichten begeistern können: Ergibt es wirklich Sinn, einem Baby etwas vorzulesen (Ja!); Welche Bücher bereiten einem Kleinkind Vergnügen? (Und welche trotzen seinen Zähnchen?); Wie unterstützt man einen angehenden Leser? (Mut zur Ganz-Körper-Lesung!); Und wie hält man die Leselust auch über die bewegten Teenagerjahre hinweg lebendig? (Geduld, Geduld, Geduld!)
In vier Kapiteln, die sich den verschiedenen Lesealtern widmen, wartet jede Seite dieses reich illustrierten Buches mit nützlichen Tipps auf, ob es nun darum geht, Leserituale zu erdenken, den ersten Bibliotheksausweis zu beantragen oder eine scheue Lesemaus zu motivieren. Das Buch schließt mit Leselisten, die randvoll sind mit thematischen Buchempfehlungen für jedes Alter.
Ein unverzichtbarer Wegweiser, um Kinder in der Welt des Lesens willkommen zu heißen und ein Muss für jede Familienbibliothek.
Pamela Paul ist Herausgeberin der New York Times Book Review und betreut die Buchberichterstattung der New York Times, daneben schreibt sie u. a. für The Atlantic, The Washington Post und Psychology Today. Sie ist Gastgeberin des wöchentlichen Book Review Podcasts für die Times und Autorin und Herausgeberin von fünf Büchern. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt sie in New York.
Maria Russo ist Kinderbuchredakteurin der New York Times Book Review. Sie war Autorin und Redakteurin bei der Los Angeles Times, The New York Observer und Salon und promovierte in Englisch und Vergleichender Literaturwissenschaft an der Columbia University. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt sie in New Jersey.
Anja Malich studierte Literaturübersetzen in Düsseldorf. Nach Stationen in der Verlags- und Werbebranche übersetzt sie seit mittlerweile fast 20 Jahren Bücher aus dem Englischen und Französischen. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien.
Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel «How to Raise a Reader» bei Workman Publishing Co., Inc., New York
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Dezember 2020
Copyright © 2020 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
«How to Raise a Reader» Copyright © 2019 by Pamela Paul and Maria Russo
Illustrationen im Innenteil Copyright © 2019 von Dan Yaccarino (Teil 1), Lisk Feng (Teil 2), Vera Brosgol (Seite 13 und Teil 3) und Monica Garwood (Teil 4)
Redaktion Antje Röttgers
Redaktionelle Beratung Marlene Zöhrer, Nicole Filbrandt
Covergestaltung zero-media.net, München
Coverabbildung Fabio Consoli/kombinatrotweiss
ISBN 978-3-644-00818-2
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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www.rowohlt.de
von Pamela
für Beatrice, Tobias und Theodore und für meine Leser
von Maria
für August Larkin, Mario James und Dante Nicholas
Wissen Sie noch, wie es war, sich als Kind in einer Geschichte zu verlieren? Wenn alles um Sie herum in den Hintergrund trat und Sie höchstens noch den leicht staubigen Geruch eines guten Buches und Ihren Vater im Sessel neben sich wahrnahmen? Vielleicht gehörten Sie früher auch zu jenen, die sich in der Bücherei verschanzten, um dort den ersten Harry-Potter-Band zu verschlingen, weil Sie es kaum erwarten konnten, herauszufinden, was es mit dem Stein der Weisen auf sich hatte. Vielleicht erinnern Sie sich sogar noch daran zurück, wie Sie sich, eingekuschelt auf dem Schoß Ihrer Mutter, vorstellten, all das in sich hineinzustopfen, durch das sich die kleine Raupe Nimmersatt so hungrig frisst. Wissen Sie noch, wie es war, als Sie das erste Mal dorthin segelten, wo die wilden Kerle wohnen?
Welche Erinnerungen Ihnen auch in den Sinn kommen, wahrscheinlich sind es schöne: Ein Kind – und dieses Kind sind Sie –, das sich wohl und geborgen fühlt in einer ganz eigenen Welt und erlebt, wie es ist, vollkommen in einer Sache aufzugehen und darüber die Zeit zu vergessen.
Haben Sie jetzt, da Sie die nächste Generation aufwachsen sehen, mitunter das Gefühl, diese Gabe, sich in etwas zu verlieren, könnte den Kindern abhandenkommen? Oder dass es für sie zumindest schwieriger geworden ist, Zeit zu finden, um sich Hals über Kopf in ein Buch zu stürzen? Ist das Lesen auch heute noch der unbeschwerte Zeitvertreib, der er einmal war und der zum Aufwachsen dazugehörte, wie auf einen Baum zu klettern oder Fahrradfahren zu lernen? Wenn Sie ein Buch wie dieses aufgeschlagen haben, wünschen Sie sich wahrscheinlich, dass Ihr Kind genau wie Sie die Freuden des selbst- und zeitvergessenen Lesens kennenlernt. Wahrscheinlich ist es Ihnen wichtig, dass es eine Verbindung zu Büchern aufbaut, und Sie möchten sichergehen, dass das geschriebene Wort ein wichtiger Bestandteil seiner Entwicklungsjahre wird. Sie wünschen sich ein wenig Unterstützung in der Frage, wie man Kinder für Bücher und Geschichten begeistert.
Denn selbst wenn Sie die feste Absicht haben, Ihrem Kind die Welt der Bücher zu eröffnen, plagen Sie vielleicht hin und wieder Sorgen. Sie mögen noch so unbegründet sein, sind deshalb aber nicht weniger präsent. Oft fängt es schon damit an, dass Ihr nicht mehr ganz so kleiner Sohn die Magnetbuchstaben am Kühlschrank unverdrossen und fröhlich, aber nach wie vor vollkommen willkürlich zusammenschiebt und über Wörter nur staunen kann. Wenn die Schule dann beginnt, fängt bei vielen das Maßnehmen an. Warum kann mein Kind das Alphabet noch nicht? Und so dreht sich das Gedankenkarussell weiter: Liest mein Kind genug, ausreichend schnell, seinem Alter entsprechend? Und ehe man sich versieht, landet man bei den großen Fragen: Wird meine Tochter das erlernen können, was sie sich wünscht, eine Arbeit finden, die sie erfüllt, genug verdienen, um für ihren Lebensunterhalt aufzukommen? Ganz zu schweigen von der wachsenden Angst um die Zukunft: Wird die nächste Generation überhaupt noch Bücher lesen oder nur stundenlang an elektronischen Geräten hängen? Und werden unsere eigenen Kinder Teil dieser Vision sein? (Keine Sorge, die Antwort darauf lautet nein.)
Inmitten von alldem kann es mitunter schwierig sein, Bilder von Kindern heraufzubeschwören, die unbefangen und selbstvergessen lesen, einfach aus Spaß an der Freude. Doch genau das ist der Ausgangspunkt dieses Buches. Lassen Sie sich von diesen Bildern leiten, denn es stellt sich heraus, dass sich vieles ganz von selbst ergibt, wenn unsere Kinder in jungen Jahren aus purer Lust am Lesen zu Büchern greifen.
Kinder, die lesen, sind, ja, es stimmt, mit hoher Wahrscheinlichkeit gut gerüstet für ihre schulische Laufbahn, aber das ist noch nicht alles. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass Kinder, die auch zu Hause lesen, einen besseren Zugang zu sich selbst haben und Herausforderungen selbstbewusst begegnen – Fähigkeiten, die uns zufrieden und besonnen durchs Leben gehen lassen. Sie sind aufmerksam, setzen sich Ziele und finden heraus, wie man sie erreicht. Man könnte auch sagen, sie sind «bereit fürs Leben». Indem Sie Teil des Leselebens Ihres Kindes sind – indem Sie bewusst beschließen, Ihre Begeisterung für Bücher und Geschichten weiterzugeben –, helfen Sie ihm dabei, sein eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen.
In der Schule wird Kindern vermittelt, dass Lesen etwas ist, das sie lernen müssen. Zu Hause sollten Sie Ihren Kindern vermitteln, dass Lesen etwas ist, das Spaß macht. Hier lernen sie, das Lesen zu lieben. Es ist immer wieder erstaunlich zu erleben, wie anders es sich anfühlt, wenn Kinder sich eine Aktivität selbst aussuchen. Die Stimmung ist unbeschwerter. Wenn sie etwas wirklich gern machen, wirkt es sofort sinnhaft. Man spürt einen greifbaren Eifer anstelle einer schwerfälligen Skepsis. Deshalb sollten Sie das Langzeitprojekt, Ihr Kind zum Lesen zu ermutigen, auch nicht als Verpflichtung sehen, sondern als Möglichkeit, Ihrem Kind und Ihrer Familie ein wunderbares Geschenk zu machen. Dieser Teil der Leseförderung ist in vielerlei Hinsicht viel interessanter, vergnüglicher und zeitlich unbegrenzter als der schulische Teil des Projekts, der oft von Bewertungen und Lernzielen geprägt ist.
Wir hoffen, dass dieses Buch als Rückhalt, Bestätigung und Inspiration dient, nicht nur für Sie als Eltern, sondern auch für Ihr eigenes Leseleben. Wir möchten Sie dabei unterstützen, die Liebe zu Büchern und zur Literatur zu nähren, die Sie bereits in sich tragen. Wir wünschen uns, dass dieses Buch für Sie von Nutzen ist, gleichzeitig aber auch Spaß macht, genauso wie Lesen Spaß macht. Wir für unseren Teil hatten jedenfalls viel Freude damit, unsere besten Tipps und Ideen zu sammeln und Ihnen unsere Lieblingsbücher zu empfehlen. Als Mütter von jeweils drei Kindern und als Buchmenschen, die jeden Tag mit Literatur arbeiten (ja, wir sind uns bewusst, wie glücklich wir uns schätzen können), sind wir der Kinder- und Jugendliteratur seit Jahren verbunden.
Und obwohl sich die US-amerikanische und die deutsche Kinder- und Jugendbuchszene, das Aufwachsen und Lesenlernen hier wie dort in vielerlei Hinsicht gleichen, gibt es doch auch Unterschiede. Wir freuen uns deshalb, dass in die Ausgabe, die Ihnen nun vorliegt, die Empfehlungen, das Wissen und die Leidenschaft so vieler Buchmenschen eingeflossen sind. Ein Buch ist immer ein großes Gemeinschaftsprojekt – so viele Hände arbeiten daran mit, dass es seinen Weg hinaus in die Welt findet und junge Leser*innen es schließlich begeistert aufschlagen und darin versinken können – Autor*innen, Verlagsmitarbeiter*innen, Buchhändler*innen, Jurymitglieder, Bibliothekar*innen, Redakteur*innen, Rezensent*innen, Leselernhelfer*innen, wissenschaftliche Mitarbeiter*innen, Festivalorganisator*innen, Menschen, die sich in Vereinen und Literaturhäusern für Bücher und Geschichten starkmachen und ihre Begeisterung für des Lesen an Kinder und Jugendliche weitergeben – sie alle haben ohne zu zögern ihr Wissen mit uns geteilt und ihre Empfehlungen zu diesem Buch beigesteuert. Ihnen allen und ihren Initiativen gilt unser Dank.
Dieses Buch ist nun für Sie – zukünftige oder bereits erfahrene Eltern, Großeltern, Lehrer*innen und all die anderen engagierten Bezugspersonen. Wir wünschen uns, dass Sie Ideen, Erkenntnisse, Ermutigung und vielleicht sogar eine gewisse Erleichterung daraus ziehen können. Unsere Hoffnung ist, dass Sie das Buch immer wieder zur Hand nehmen, sei es als Rückversicherung, als Erinnerung oder um zum nächsten Kapitel überzugehen, weil Ihr Kind die nächste Sprosse seines Leselebens erklimmt. Unsere größte Hoffnung aber ist, dass Ihre Kinder dieses Buch eines Tages selbst durchblättern und sich darin wiedererkennen. Vielleicht werden sie es dann sogar selbst behalten wollen, um es an ihre eigenen Kinder weiterzugeben. Denn schließlich denken wir alle gern an das befriedigende und freudige Gefühl, die fast schwindelerregende Begeisterung zurück, als sich uns erst die Welt der Buchstaben – und in der Folge die ganze Welt eröffnete.
Eine Erinnerung: Ich sitze im Hochbett meines sechsjährigen Sohns zwischen ihm und seiner achteinhalbjährigen Schwester. «‹Eine Seeschlange!› ‹Eine Boa constrictor!› ‹Es ist ein Manticorus!›», lese ich. Sie fangen beide laut an zu lachen. Ich lese weiter, wie James Henry Trotter und seine Insektenfreunde New York von ihrem Riesenpfirsich auf dem Empire State Building aus in Angst und Schrecken versetzen: «‹Das ist ein Oger!›, stieß der Feuerwehrhauptmann aus. ‹Oder ein Basilisk!›, brüllte der Polizeichef.» An der Stelle halte ich inne und wir rufen gemeinsam: «‹Zurück, Männer! Er kann sich jeden Augenblick auf uns stürzen!›» – dabei biegen wir uns vor Lachen.
Das Exemplar von Roald Dahls James und der Riesenpfirsich, aus dem ich ihnen und später ihrem jüngeren Bruder vorlas, stammte noch aus meiner eigenen Kindheit. Ich hatte es als Siebenjährige von einem Freund der Familie geschenkt bekommen. Den Umschlag gibt es schon lange nicht mehr, aber wenn ich den ausgeblichenen orangefarbenen Leinendeckel sehe, fühle ich mich sofort zurückversetzt in die Zeit, als ich noch klein war und die furchtbar aufregenden Abenteuer des unglücklichen James las, dem dann so viel Gutes widerfährt. Es ist, als wäre diese Geschichte bis in alle Einzelheiten in mir verankert. Ich betrachte es als riesiges Geschenk, dass ich als Mutter zu ihr zurückkehren und sie mit meinen Kindern teilen durfte. Das Gefühl, das sich bei dieser Erinnerung einstellt, könnte man wohl Liebe nennen.
Eltern sein ist anstrengend. Das Leben an sich ist anstrengend. Aber ich habe herausgefunden, dass ich mich selbst in den schwierigsten Momenten, an wirklich fordernden Tagen, sofort wieder besser und mehr wie ich selbst fühle, wenn ich nach einem Buch greife. An Tagen, an denen ich glaube, keine Kraft mehr für meine Kinder zu haben, kann ich immer noch bei ihnen sitzen und ein Buch lesen. Und sobald wir loslegen, sieht die Welt gleich wieder anders aus.
Manchmal, wenn ich mir Gedanken darüber mache, womit meine Kinder jetzt oder in der Zukunft zu kämpfen haben werden, ob mein Mann und ich hier oder dort die richtige Entscheidung für sie getroffen haben, denke ich daran, dass jedes Buch, das sie gelesen haben oder das ihnen vorgelesen wurde, Spuren hinterlassen hat und Erinnerungen schafft, die fortwirken und aus denen neue gute Dinge entstehen können. Den Beweis dafür liefert mir meine Erfahrung mit James und der Riesenpfirsich.
Als meine Kinder elf, acht und drei Jahre alt waren, änderte sich unser Leben von Grund auf, weil wir aus Kalifornien nach New York zogen, wo ich eine Stelle als Kinderbuchredakteurin bei der New York Times antrat. Mehr Bücher als je zuvor wanderten nun durch unser Haus, und meine Kinder wurden meine Testleser*innen – eine Rolle, die sie meistens gern annahmen, manchmal ging sie ihnen aber auch auf die Nerven, oder sie lehnten sie rundweg ab. Mit den wahrscheinlich schönsten Leseerlebnissen hatte ich jedoch gar nichts zu tun. Einmal nahm mich eine Lehrerin zur Seite, um mir zu erzählen, dass meine Tochter im Unterricht bei der stillen Lektüre von Die Bücherdiebin geweint hatte, weil sie so ergriffen war. Und ich weiß noch, wie mein älterer Sohn zum ersten Mal ein Buch – Bone von Jeff Smith – überall mit hinschleppte und im Auto, in Restaurants und in Wartezimmern las, oder wie mein jüngerer Sohn in der zweiten Klasse vor Freude juchzte, wenn die Bücher, die er sich im Buchclub in der Schule ausgesucht hatte, endlich eintrafen.
Während ich es nach wie vor genieße, täglich tiefer in die Welt der Kinder- und Jugendliteratur einzutauchen, stellt es mich gleichzeitig vor einige Herausforderungen. Ich arbeite mich durch die einzelnen Titel, bisweilen scheinbar ewig lange, stelle einige ins Regal und nehme dafür andere wieder heraus, bis mir die Schultern schmerzen und ich kaum noch gucken kann. Wie können es nur so viele sein? Wie kann ich je allen gerecht werden? Doch dann geschieht es: Ich öffne einen Karton, in dem sich ein Stapel Pappbücher von Sandra Boynton befindet, und sofort stelle ich mir lebhaft meine Tochter als Kleinkind vor, wie sie mit mir auf unserem violetten Sitzsack saß und ich ihr zum hundertsten Mal vorlas: «Die Kuh macht muh, ein Schaf macht mäh, drei Schweine singen …», und meine Tochter ruft: «‹Täterätätä!›»
«Die Zeit, die Sie damit verbringen, Ihren Kindern vorzulesen, bekommen Sie später millionenfach zurück», schrieb der Autor George Saunders, «nicht nur, weil Ihre Kinder Sie dafür lieben, dass Sie ihnen vorlesen, sondern auch, weil Ihnen jene stillen Abende, in denen Sie sich zusammen einkuschelten und nur das Geräusch des Umblätterns zu hören war, Jahre später wie etwas Heiliges erscheinen werden, das verspreche ich Ihnen.» Eine Familie von Leser*innen zu werden ist eine bereichernde, nie endende Reise, und ich hoffe, dieses Buch wird Ihnen und Ihren Kindern dabei helfen, sich eine eigene Reiseroute zusammenzustellen.
Ich gehörte zu jenen Kindern, die ständig mit der Nase in einem Buch steckten, was damals, als ich aufwuchs, nicht unbedingt als besondere Leistung galt. Aber als schüchternes Mädchen, das weder in Musik noch in Kunst oder Sport gut war, fühlte ich mich eben in der Welt der Geschichten mehr zu Hause. Das Leben in den Büchern erschien mir so viel besser als das Leben da draußen, das mir bedrohlich und oft unberechenbar vorkam. Damals ahnte ich noch nicht, dass mich jene Bücher mit dem Wissen und den Fähigkeiten ausstatten würden, die sich als sehr nützlich erwiesen, als ich mutig genug war, mich in die Welt hinauszuwagen; sie hatten mir dabei geholfen, zu lernen, Risiken einzugehen. Lesen ist für mich zur Lebensader geworden.
Deshalb überrascht es auch nicht, dass ein Buch darüber, wie man jungen Menschen das Lesen nahebringt, für mich eine Herzensangelegenheit ist. Hier sehe ich vier Dinge vereint, die mir besonders wichtig sind: Kinder, Bücher, Bildung und Elternschaft – für mich gehört all das zusammen. Selbst meine Vorstellungen davon, was Elternsein bedeutet, stammen aus Büchern. Ich bin eine von jenen Frauen, die sich schon als junges Mädchen wünschten, später Kinder zu haben, je mehr, desto besser. Und heute bin ich fest davon überzeugt, dass dieser Wunsch in den Büchern begründet liegt, die ich als junge Leserin geliebt habe – in den einzigartigen Familienromanen Kleine Frauen und Im Dutzend billiger.
Entsprechend überrascht es nicht, dass sich viele meiner Phantasien von einer großen Familie um das gemeinsame Geschichtenerzählen und das abendliche Einkuscheln im Bett mit Alice hinter den Spiegeln drehten, um gemütliche Zusammenkünfte vor dem Kamin, bei denen die Flammen Schatten auf die Buchseiten werfen. Um Geistergeschichten, die man sich flüsternd im Schein einer Taschenlampe erzählt. Und ich freute mich darauf, meine Lieblingsbücher eines Tages mit meinen Kindern zu lesen und durch sie neue entdecken zu können.
Ich war mir immer sicher, dass sie gern lesen würden, und kam zu keinem Zeitpunkt auf die Idee, dass es anders sein könnte. Obwohl mir bewusst ist, dass Kinder nie genauso sind wie ihre Eltern (was bei meinen ganz sicher der Fall ist), erschien es mir unmöglich, dass sie in den oben erwähnten Familienszenen nicht vorkämen. Auch ganz praktisch gesehen, war es einfach nicht vorstellbar: Was sollte aus all den Kinderbüchern werden, die ich aufgehoben hatte (abgenutzte Ausgaben von Ein Licht unterm Dach oder all die Titel von Frances Hodgson Burnett)? Und mit den Klassikern von Dr. Seuss, die ich als gebundene Ausgaben in einem modernen Antiquariat erstanden hatte – mit Mitte zwanzig, als Single und noch Jahre davon entfernt, Mutter zu werden.
Zum Glück habe ich die Bücher nicht umsonst gekauft oder aufgehoben. Viele Eltern haben Grund, stolz auf die Talente und besonderen Fähigkeiten ihrer Kinder zu sein. Und meine Kinder sind ganz sicher nicht perfekt oder in allem gut. Aber ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass alle drei, jetzt zwischen neun und dreizehn Jahre alt, begeisterte Leser*innen sind – sogar bessere als ich. Sie sind viel abenteuerlustiger, als ich es in ihrem Alter gewesen bin, sie sind talentiertere Wiederholungs-Leser*innen und unersättlicher. Ihre bemitleidenswerte Mutter halten sie für jämmerlich langsam und nie ganz bei der Sache. «Bist du immer noch auf derselben Seite?», fragen sie, wenn ich nach einem langen Tag versuche, mich einem Buch zu widmen.
Damit kann ich leben. Ich kann sogar sehr gut damit leben, dass sie schneller lesen als ich und mich gelegentlich ignorieren, wenn ich zum Abendessen rufe, weil sie noch ein Kapitel zu Ende lesen wollen. Und ich lebe damit so gut, weil ich weiß, dass sie, was auch immer die Welt dort draußen für sie bereithält, durch die Geschichten, die sie gelesen haben, besser darauf vorbereitet sind. Sie werden Handlungsstränge, Wendungen und Happy Ends verstehen, der Entwicklung einer Figur und dem roten Faden folgen können. Ihnen wird aber auch klar sein, dass nicht jede Geschichte gut ausgeht. Durch ihre Leseeindrücke werden sie eher in der Lage sein zu entscheiden, in welche Geschichten sie sich selbst einbringen möchten, was für ein Mensch sie sein wollen. Sie werden besser darauf vorbereitet sein, Situationen und Zusammenhänge zu erfassen und im Angesicht des scheinbar Unbegreiflichen nach einem Sinn zu suchen. Sie werden wissen, wie man eine Geschichte zusammenfasst und Schlüsse aus ihr zieht. Sie werden Menschen einschätzen und sich selbst und andere in der Welt verorten können. Und meine Hoffnung ist, dass auch sie Bücher als ihre Lebensader betrachten und ihre Geschichten an andere weitergeben werden.
Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie meine Tochter ihr erstes Buch las. Es muss am Ende ihres ersten Schuljahrs gewesen sein. Sie saß auf halber Höhe der Treppe und buchstabierte sich Wort für Wort und Seite für Seite durch den glücklicherweise kurzen Text eines Bilderbuches. Ich stand für sie unsichtbar in der Küche und hielt den Atem an. Als sie zum letzten Wort gekommen war, stürzte ich auf sie zu. «Du hast ja ein ganzes Buch gelesen!», rief ich begeistert. «Und? Wie hat es dir gefallen?»
Meine Tochter starrte mich verblüfft an. «Woher soll ich das denn wissen?», fragte sie. «Ich weiß doch nicht, was da drinsteht!»
In diesem Moment begriff ich, warum es so schwierig ist, Kinder zu Leser*innen zu machen. In der Anfangszeit brauchen sie noch ihre ganze Konzentration, um überhaupt die Buchstaben zu erkennen und zusammenzuziehen; den Inhalt nehmen sie dabei unglaublicherweise gar nicht auf – etwas, das jede Grundschullehrerin weiß. Und selbst wenn ein Kind allmählich so gut lesen kann, dass es den Inhalt versteht, dauert es noch eine ganze Weile, bis das Lesen so automatisiert ist, dass Raum bleibt, um die eigenen Gefühle, Erinnerungen und Sehnsüchte mit dem Gelesenen zu verbinden, sich zu identifizieren, in der Geschichte zu leben – all das, was den Spaß am Lesen ausmacht. Der Weg dahin ist so lang und so schwierig, dass immer weniger Kinder ihn bis zu seinem Ende gehen und zu begeisterten Leser*innen werden.
Als Kind der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts habe ich früh viel und leidenschaftlich gelesen. Aber ich hatte ja auch keine Alternative, wenn ich etwas anderes erleben wollte als meinen eigenen langweiligen Nachkriegskinderalltag: Es gab noch kein Fernsehen, digitale Möglichkeiten sowieso nicht, nur sonntagmittags eine halbe Stunde Kinderfunk im Radio und natürlich die Geschichten, die meine Mutter mir erzählte. Darum wurden so viel mehr Menschen meiner Generation zu Leser*innen: Schüler*innen, Auszubildende und Student*innen lasen auf dem Weg zur Schule, Universität oder Arbeit in der Straßenbahn, sie lasen Bücher oder Groschenhefte, Zeitungen und Zeitschriften. Die waren für uns das einzige Fenster in die Welt, die einzige Möglichkeit, ferne Länder kennenzulernen und gemeinsam mit unseren Held*innen Abenteuer zu erleben, wie sie uns in unserem wirklichen Leben nie begegnen würden. Darum haben wir die Mühen des langen Wegs dorthin ohne Murren auf uns genommen.
Schon als Lehrerin Ende der 1970er, zwanzig Jahre später also, bemerkte ich dann, dass die Kinder weniger lasen. Inzwischen gab es Fernsehen, es gab Videokassetten, bald auch CD-ROMs, und bei Elternsprechtagen klagten die Eltern, dass ihre Kinder einfach nicht mehr lesen wollten und dass darum ihre Rechtschreibung so schlecht wäre.
Und heute? Heute brauchen die Kinder nicht einmal mehr Fernsehen oder DVDs, um in die Welt zu reisen, und Bücher sind für viele von ihnen inzwischen altmodische Gegenstände. Schon mit einem Jahr können sie sich auf dem Tablet den Weg ins Abenteuer mühelos freiwischen; und weil die Strecke bis zur Freude an Büchern so lang und steinig ist, wird ein Kind sie schwerlich zu Ende gehen, wenn es nicht zumindest aus vielen Jahren Vorlesezeit weiß: In Büchern stecken Geschichten, die mir eine ganz andere Erfahrung ermöglichen als Filme, Games oder soziale Medien. Und das kann nur gelingen, wenn es Erwachsene gibt, die dem Kind – möglichst täglich – vorlesen. «An Tagen, an denen ich glaube, keine Kraft mehr für meine Kinder zu haben, kann ich immer noch bei ihnen sitzen und ein Buch lesen. Und sobald wir loslegen, sieht die Welt gleich wieder anders aus», schreibt Maria in ihrem Vorwort zu diesem Buch. Aber selbst wenn Sie Ihrem Kind jahrelang vorgelesen haben, reicht das noch längst nicht immer aus. Denn die Mühen der langen Anfangsphase bleiben ja trotzdem bestehen, während die anderen Medien praktisch anstrengungslos zugänglich sind.
Als Eltern, Großeltern, mit Kindern ehrenamtlich oder beruflich befasste Menschen wissen Sie: Apps, YouTube, soziale Medien und Games konkurrieren mit Büchern nicht nur um die begrenzt verfügbare freie Zeit der Kinder und sind zudem einfacher und enorm kraftvoll; sie sind auch Kristallisationsinstanzen in der Kommunikation der Peergroup. Verweigern wir einem Kind den Zugang zu TikTok, Netflix-Serien, Minecraft oder Fortnight, gerät es in Gefahr, zum Außenseiter zu werden. Alle Konkurrenzmedien zum Buch einfach nur zu verbieten, kann also nicht die Lösung sein. Die Lösung muss heißen: eine Begeisterung für Bücher zu wecken, die so groß ist, dass sie mit der für digitale Medien Schritt hält.
Wie das gelingen kann, darum geht es in diesem Buch. Denn viele Eltern haben erlebt: Einfach nur vorzulesen oder Vorbild zu sein reicht oft nicht aus. Auch die Kinder leidenschaftlicher Leser*innen werden nicht automatisch begeistert zum Buch greifen, egal, wie sehr die Eltern sich auch bemühen.
Darum ist dieses Buch so hilfreich. Es bleibt nicht im Allgemeinen stecken (Vorlesen! Selbst lesen!), sondern bietet eine Fülle realitätserprobter, alltagstauglicher Tipps von der Geburt bis zur Adoleszenz, dazu Lektürevorschläge für jede Phase. Pamela und Maria haben beide drei Kinder: Sie kennen die Wirklichkeit, die Rückschläge, sie wissen, dass Kinder ganz unterschiedliche Wege gehen und dass diese nicht bei jedem Kind gleich lang sind. Sie trösten Eltern, die schon fast die Hoffnung aufgegeben haben.
Natürlich: Selbst die riesengroße Fülle der Tipps in diesem Buch wird nicht bei jedem Kind funktionieren. Es sind Tipps, keine Gebrauchsanweisungen. Wo der Sohn der Nachbarin begeistert mitmacht, schüttelt Ihrer vielleicht nur gelangweilt oder genervt den Kopf. Der Umgang mit Kindern ist bis zu einem gewissen Grad Trial and Error, immer, und also auch bei diesem Thema. Und natürlich gibt es auch Kinder, das muss der Ehrlichkeit halber gesagt werden, die niemals zu Leser*innen werden.
Viele mit der notwendigen Unterstützung aber eben doch.
Als Autorin habe ich es seit Jahrzehnten mit ebensolchen Kindern zu tun, die auf Bücher niemals verzichten möchten. Ich bekomme täglich so viele Briefe, Mails, Nachrichten per Facebook Messenger und Instagram, dass ich sie kaum alle beantworten kann. Kinder bitten um Fortsetzungen zu Serien, von denen es längst sechs, sieben, acht Bände gibt («Aber die hab ich doch schon alle dreimal gelesen!»), und flehen mich geradezu an, ein Buch nicht verfilmen zu lassen («Das macht mir dann alles kaputt!»). Und eine Lehrerin, die in einer Gegend mit vielen sozial Benachteiligten während des Corona-Lockdowns Anfang 2020 Büchertaschen zu «ihren» Kindern trug, erzählte von der Begeisterung, mit der sie von diesen Kindern entgegengenommen wurden – von Kindern, die vorher bei dem Gedanken an ein Buch eher gestöhnt hätten. Zum Teil seien sie gar nicht hoch bis zu ihrer Wohnung gegangen, sondern hätten sich sofort im Treppenhaus mit einem Buch hingesetzt und angefangen zu lesen.
Ganz gleich, was Ihr Kind liest, ob ein Buch im Feuilleton gepriesen wird oder Sie wegen seiner trivialen Handlung, simplen Sprache, seiner unrealistischen Charaktere die Stirn runzeln: Solange es Freude an einem Buch hat, wird Ihr Kind daran wachsen. Und so banal es klingt, wahr ist es trotzdem: Mit jedem Buch wird es schlauer, empathischer werden und sich selbst besser verstehen, als das ohne Bücher der Fall wäre.
Seit über zehn Jahren halte ich mich für unsere Möwenweg-Stiftung etwa zweimal im Jahr für einige Wochen in Swasiland auf, einem armen kleinen Land im Süden Afrikas. Ich weiß nicht, wie verblüfft ich war, als ich vor einigen Jahren für unsere knapp 100 Kinderbetreuungshäuser dort Bilder- und Kinderbücher anschaffen wollte und feststellen musste: Es gibt sie nicht. Es gibt keine Kinder- und Bilderbücher in der Landessprache siSwati, und auch Bücher auf Englisch finden als gebrauchte Exemplare nur durch zufällige Spenden aus England und den USA ihren Weg in die wenigen Büchereien des Landes. Und genauso ist es, wie ich seitdem weiß, in einer erstaunlich großen Zahl von Ländern weltweit. Wir dagegen haben in Deutschland das große Glück, dass in jedem Jahr so viele und sehr unterschiedliche Bücher erscheinen, dass wirklich für jedes Kind das Passende dabei sein müsste: für die Freundin ferner Galaxien ebenso wie für den Fußballfan oder den Feen- und Einhorn-Begeisterten. Mit seinen umfangreichen Bücherlisten will dieses Buch Ihnen helfen, auch für Ihr Kind zu jedem Zeitpunkt das richtige Buch zu finden.
Die Lektüre dieses Buches macht selber schon Spaß. Darum: einfach loslegen und loslesen!
Das erste Kapitel, in dem es um Babys und Kleinkinder geht, haben wir in zwei Abschnitte aufgeteilt. Die wertvolle erste Zeit, die Eltern mit ihrem Baby und einem Buch verbringen, legt den Grundstein für sein Leseleben. Im Kleinkindalter wird die Lektüre dann deutlich komplexer. Wir widmen deshalb jeder dieser beiden Phasen mehrere Seiten mit jeweils zahlreichen Buchtipps.
Vielleicht erleben Sie gerade die aufregenden ersten Monate als Eltern, vielleicht warten Sie auch noch auf die Geburt Ihres Babys. In beiden Fällen: herzlichen Glückwunsch! Sie haben dieses Buch aufgeschlagen, um sich für Ihr Kind mit dem Thema Lesen zu beschäftigen, aber beginnen wir doch bei Ihnen … Wahrscheinlich haben Sie sich in letzter Zeit mindestens mit einem Buch über Schwangerschaft und Geburt beschäftigt und mit einem weiteren über den Umgang mit Neugeborenen, was sicher beides wichtig ist. Dennoch lautet unser erster Rat, wenn es darum geht, Ihr Kind für das Lesen zu begeistern: Verbringen Sie noch vor der Geburt und in den ersten vollgepackten Tagen seines Lebens wenigstens ein bisschen Zeit mit einem Buch, das Sie mögen und in dem es nicht um irgendwelche praktischen Dinge geht. Es kann ein altes oder neues sein, eines, das Sie zum ersten Mal vor vielen Jahren gelesen haben, oder ein aktueller Bestseller. Aber auch ein Roman, ein Sachbuch, Lyrik oder eine Biographie. Es kann lustig oder traurig, ein Comic oder eine Graphic Novel oder ein schmaler Band übers Gärtnern sein. Schlagen Sie es einfach auf und versinken Sie darin. Lesen ist eine gute Möglichkeit, sich mit dem eigenen Ich zu verbinden, und jetzt ist genau die richtige Zeit, um dies zu tun. Wer Sie sind und wie Sie leben, dem allen kommt jetzt eine ganz neue Bedeutung zu. Sie begründen – oder erweitern – eine Familie und eine Familientradition. Ein kleiner Mensch wird bald seine Aufmerksamkeit auf Sie richten, verinnerlichen, wie Sie leben, was für Sie zählt und welche Traditionen und Ideen Sie für wertvoll halten.
Wie verbringen Sie im Moment Ihre freie Zeit? Was machen Sie mit den Stunden – oder seien es auch nur Minuten? –, die Ihnen zur Verfügung stehen? Wir alle sind heutzutage zahlreichen Ablenkungen ausgesetzt. Wenn das Lesen dabei etwas an den Rand gedrängt wurde, ist dies der Augenblick, es langsam wieder mehr ins Zentrum zu rücken. Bücher sind ein Vergnügen und festigen Ihre Haltung der Welt gegenüber. Schaffen Sie also Raum und Zeit, um selbst Bücher zu lesen.
Denn letztlich gilt: Um Kinder für Bücher und Geschichten zu begeistern, seien Sie selbst eine begeisterte Leserin oder ein begeisterter Leser.
Lesen Sie Ihrem Baby vor. Wahrscheinlich haben Sie das schon öfter gehört: von Ihrem Kinderarzt, Ihrer Schwiegermutter oder von der Frau, die hinter Ihnen an der Supermarktkasse stand. Sie alle haben recht, aber seien wir ehrlich – bisweilen kommt man sich ein bisschen albern vor, einem Baby vorzulesen. Es kann seltsam sein, mit singender Stimme und vollem Eifer die Geschichte von einer Ente und einer Gans vorzutragen, während Ihr Baby noch nicht einmal geradeaus gucken kann, ganz davon zu schweigen, dass es sich für die Worte und Bilder auf der Buchseite interessieren würde.
Angesichts der Reaktion Ihres Babys haben Sie wahrscheinlich den Eindruck, Sie würden sich selbst vorlesen. Neugeborene sind zappelig. Sie können noch nicht mit den Augen fixieren. Sie schlafen. Das Miteinander, das eine Vorlesestunde für alle Beteiligten zu einem so befriedigenden Erlebnis machen kann, gibt es einfach noch nicht. Erst im Alter von ungefähr drei Monaten fangen Babys an wahrzunehmen, dass ihnen vorgelesen wird. Das ist also in jedem Fall ein guter Zeitpunkt, um mit dem regelmäßigen Vorlesen zu beginnen. Sollten Sie aber schon früher die ein oder andere Vorlesestunde in den Alltag einbauen können, dann tun Sie es. Der Klang Ihrer Stimme hat vom ersten Tag an Bedeutung. Genau wie die Worte selbst und der Rhythmus der Sätze, die Verbindung, die trotz allem geschaffen wird, wenn sich das Baby behaglich auf Ihrem Schoß oder in Ihrer Nähe befindet. Die Zufriedenheit, dass ihm Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ihr Kind wird spüren, wie viel Freude Sie selbst dabei empfinden.
Natürlich können Sie sofort damit anfangen, Ihrem Neugeborenen die Papp- oder Bilderbücher vorzulesen, die dann den Grundstock seiner eigenen Büchersammlung bilden werden. Aber eigentlich ist jedes Buch geeignet. Wenn Sie mögen, erfüllt auch ein Kochbuch den Zweck, ein Roman oder ein Erziehungsratgeber – solange es nur Worte enthält. Forscher haben herausgefunden, dass die Anzahl der Wörter, die ein Baby hört, direkte Auswirkungen auf die Sprachentwicklung und die Alphabetisierung des Kindes haben. Nicht wichtig ist dabei, ob es die Wörter sofort versteht. Vielen von uns ist das instinktiv bewusst; deshalb reden wir ja auch unaufhörlich beim Windelnwechseln. Eine Bedingung gibt es allerdings doch: Die Worte müssen live und von Ihnen persönlich ausgesprochen werden und direkt an das Kind gerichtet sein. Ein Video oder auch ein Hörbuch einzuschalten reicht nicht. Es geht darum, dass Sie laut vorlesen.
Egal, was Sie vorlesen, machen Sie ein schönes Ereignis daraus. Setzen Sie verschiedene Stimmen ein, wenn Ihnen danach ist. Singen Sie die Wörter. Sorgen Sie sich nicht darum, dass Sie Wörter verwenden, die Ihr Baby noch nicht versteht. Wenn Sie gerade mitten in der Lektüre eines Buches stecken, lesen Sie Ihrem Baby hin und wieder einen Absatz daraus vor, während Sie es halten oder stillen. Keinesfalls sollte das Vorlesen eine Belastung für Sie sein. Babys nehmen Stimmung und Tonfall des Gesagten stärker wahr als den Inhalt selbst. Lesen Sie also nur vor, wenn Sie sich danach fühlen. Doch es kann genau das Richtige sein, um sich in den ersten Tagen mit einem Neugeborenen wach zu halten und sich als Teil dieser Welt zu fühlen.
Babys, denen vorgelesen wird, lernen nicht nur, dass Lesen Spaß macht, sondern auch, dass man dabei viel mehr als Ohren und Augen einsetzen kann: Über den Klang der elterlichen Stimme hinaus wird Ihr Kind bald erfahren wollen, wie sich die Seiten anfühlen, welche Form das Buch hat und wie schwer es ist, es wird den Kleber riechen (Machen Sie sich nicht verrückt!) und natürlich Graphik und Illustrationen erkennen. In den ersten Lebensmonaten können die Augen des Babys noch nicht fokussieren, im Alter von sieben bis zehn Monaten fangen Kinder jedoch normalerweise an, sich für die visuellen Aspekte eines Buches zu interessieren. Zeigen Sie auf die Bilder, die es sich ansieht, und erzählen Sie mehr darüber. Bedenken Sie, dass Sie sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht streng an den Text auf den einzelnen Seiten zu halten brauchen.
Noch früher – ab einem Alter von ungefähr zwei Monaten – können Sie das Baby über den Tastsinn einbinden. Helfen Sie ihm, die Seiten anzufassen. In immer mehr Büchern sind hier und da oder auch durchgängig besondere Strukturen eingearbeitet, was die Entwicklung des Tastsinns Ihres Baby fördert. Zeigen Sie ihm, was es zu erfühlen gibt, und lassen Sie es Bücher spüren.
Wenn Sie einem Baby vorlesen, sollten Sie sich keine bestimmte Reaktion erhoffen. Der Tag wird kommen, an dem sich ein reger Austausch zwischen Ihnen entwickelt. Vielleicht fängt Ihr Baby an, Laute von sich zu geben, wenn Sie ihm vorlesen. Deshalb enthalten viele Bücher für die Kleinen Unsinnswörter oder Tierlaute, die leicht nachzuahmen sind. Wenn Ihr Kind etwas äußert, das zielgerichtet zu sein scheint, antworten Sie ihm mit Worten oder eigenen Phantasielauten. Auch wenn es erst einmal keinen Sinn zu ergeben scheint, so ist es doch Kommunikation. Bücher, in denen viele Tierlaute vorkommen oder die in Dialogform erzählt sind, verlangen förmlich nach einer Reaktion. Auch wenn diese zu Beginn nur aus einem Glucksen bestehen mag – jene ersten Schritte bilden den Grundstein für Ihren ersten ganz persönlichen Eltern-Kind-Leseclub.
Machen Sie sich bewusst, dass Sie Ihr Baby über das Vorlesen hinaus in eine Kultur des Lesens im weitesten Sinne einführen. Bücher in den Alltag zu integrieren – sie im Bettchen oder auf der Spieldecke zu verteilen, auf einem Regalbrett aufzureihen, das Ihr Kind sehen kann, oder auf dem Tisch zu stapeln – zeigt ihm, dass Lesen ein natürlicher und wertvoller Teil der Welt ist. Dem Kind bestimmte Bücher zu festen Tageszeiten vorzulesen, lässt sie darüber hinaus Teil einer geliebten und vertrauten Alltagsroutine werden. Wenn man sich die Zeit nimmt, dem Baby vorzulesen, und damit irgendwann sogar seine Aufmerksamkeit gewinnen kann, bildet dies das Fundament für das didaktisch-methodische Lernen, das später unweigerlich zu seinem Leben gehören wird. Merken Sie sich die Bücher, die Ihrem Kind sichtlich Freude bereiten. Wenn Sie sich dann bewusst mit ihm hinsetzen, um erneut daraus vorzulesen, wird es sich schlicht und einfach geliebt fühlen.
Die meisten Eltern neigen dazu, Bücher vorzulesen, die sie selbst als Kinder geliebt haben, und das ist ein sehr guter Ausgangspunkt, nicht zuletzt weil Sie auf diese Weise wunderbar nostalgische Momente erleben (Frederick! von Leo Lionni). Das ist auch der Grund, weshalb gute Kinderbücher für gewöhnlich lange lieferbar bleiben, oftmals in günstigen Ausgaben. Backlist-Titel bilden die Haupteinnahmequelle vieler Kinderbuchverlage und verkaufen sich häufig nach wie vor besser als die meisten neuen Kinderbücher. Natürlich können Verlage nicht all Ihre persönlichen Lieblingsbücher lieferbar halten. Nach einigen müssen Sie vielleicht suchen – zum Beispiel online über das Zentrale Verzeichnis antiquarischer Bücher (ZVAB) oder in Antiquariaten.
Allerdings wird Ihnen beim Lesen vielleicht auffallen, wie antiquiert einige Textpassagen oder Illustrationen in diesen alten Klassikern sind. Wo sind die Kinder anderer Hautfarbe oder Herkunft, und warum sind Weihnachten und Ostern die einzigen Feste, die gefeiert werden? Viele klassische Kinderbücher gelten inzwischen als sexistisch, rassistisch, veraltet und damit in gewisser Hinsicht schlichtweg als nicht mehr hinnehmbar. In einigen werden Kinder als «dumm» bezeichnet und mobben einander so stark, dass sie heutzutage dafür umgehend zum Schuldirektor zitiert würden. Oder Eltern verbieten ihren Kindern bei Tisch zu reden. Scheuen Sie sich nicht, alte Bücher «auszubessern», wo es möglich ist (einige sind und bleiben allerdings unverbesserlich). Passen Sie den Text beim Vorlesen an. Lektorieren Sie ihn beim Erzählen. Insbesondere in diesem frühen Stadium wird Ihr Kind es nicht bemerken, und Sie können es in den Genuss der guten Seiten eines Buches kommen lassen, während Sie die schlechten überspringen.
Pappbücher sind meist kleinformatig und bestehen aus festem Karton, den Babyhände gut greifen können. Sie sind für Kinder bis zu drei Jahren gedacht. Auf ihnen kann ohne Gefahr gekaut werden, und sie vertragen es auch, wenn sie mal quer durch den Raum fliegen. Wie bei ihren größeren Geschwistern, den Bilderbüchern, kommen in Pappbüchern Text und Bild zusammen. Die Geschichte wird durch die Illustrationen genauso erzählt wie durch das geschriebene Wort, teilweise sogar stärker durch Erstere. Viele Pappbücher kommen auch ganz ohne Text aus. Sie können – und sollen – einfach und klar sein, damit Ihr Baby am Buch bleibt.
Unsere Kleinsten erkennen in Büchern gern ihre eigene Welt wieder – die Gesichter anderer Babys oder schlicht Haushaltsgegenstände wie einen Kinderwagen, eine Badewanne oder ein Bettchen. Da Ihnen selbst diese Bücher vielleicht langweilig erscheinen, könnten Sie daraus schließen, sie seien auch für Ihr Kind wenig reizvoll, aber weit gefehlt. Denken Sie immer daran, dass für Babys alles neu ist und sie sich freuen, in einem Buch etwas wiederzuentdecken. Wählen Sie bewusst Pappbücher aus, in denen Aspekte ihres Alltags auftauchen: Menschen, Tiere, die Natur, Wohnungen, Autos, Städte. Nebenbei lernen die Kleinen dabei, dass die Dinge, von denen sie in der Welt umgeben sind, auch in Büchern vorkommen.
Ein schlichter Augenschmaus
Pappbücher sollten große, bunte Bilder enthalten und vergleichsweise wenig Text. Für sehr kleine Babys, die noch nicht gut fokussieren und Farbnuancen erkennen können, sind simple und klar umrissene Schwarz-Weiß-Illustrationen ideal. Für Ihr älteres Baby suchen Sie Pappbücher mit kräftigen Farben und einer einprägsamen Gestaltung aus. Schlicht und ergreifend kommt in diesem Alter eindeutig besser an als pastellfarbene Zurückhaltung.
Sobald Ihr Kind gezielter nach etwas greifen kann, meist im Alter von vier Monaten, wird das Lesen körperlicher. Jetzt ist es an der Zeit, ein neues Kapitel – das Buch – aufzuschlagen. Unterschiedliche Oberflächen zu erspüren. An Schiebern zu ziehen. Sobald Kinder in der Lage sind, mit den Händen Dinge in Bewegung zu versetzen, probieren sie solche Elemente mit Begeisterung aus. Für Babys ist das Lesen. Besorgen Sie also einige Mitmachbücher, wie die großartige Hasenkind-Reihe von Jörg Mühle. Daneben gibt es Klappen-, Fühl- und Stoffbücher mit Klettverschluss, die Babys buchstäblich begreifen können, und die gleichzeitig das Moment der Überraschung in die Vorlesezeit einfließen lassen.
Einige Bücher wollen immer wieder gelesen werden, und deshalb lohnt es sich, robuste Pappbücher statt Ausgaben mit flexiblem Einband oder ein größeres Bilderbuch mit vergleichsweise dünnem Papier anzuschaffen, solange Ihr Kind noch im Baby- oder Kleinkindalter ist. Heißgeliebte Bücher werden (an)gegriffen, sie werden gekuschelt, und selbst ein Lieblingsbuch fliegt gelegentlich quer durchs Zimmer, weshalb es widerstandsfähig sein sollte. Wenn Sie glauben, dass ein bestimmtes Buch jahrelangen Liebesattacken wird standhalten müssen, wie vielleicht Margaret Wise Browns Gute Nacht, lieber Mond
