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Feine Sandbuchten, steile Küstendörfer, mystische Moorlandschaften. Der Südwesten Englands ist verspielt und rau zugleich;man verirrt sich in entlegene Landschaften und findet sich dann auf einmal in wuseligen, engen Gassen wieder. Man kommt bis in Teufels Kessel und entdeckt vielleicht den Heiligen Gral. Das endlose Meer, mal kristallklar gluckernd, mal heftig tosend, lockt und der frische Wind verdreht einem den Kopf. Anna-Maria Bauer sucht in Devon und Cornwall das Verborgene: Sie klettert durch Untergrundpassagen und moosige Schluchten, ist ungeheuren Schmugglern und berühmten Detektiven auf der Spur. Sie genießt den einzig tatsächlich englischen Tee, besucht eine Insel, die manchmal gar keine ist, und ein Herrenhaus, das Filmstar wurde. All das geht nicht ohne die passende Stärkung: dampfende Cornish Pasty und ofenwarme Scones. Und diese führen zur obligatorischen Frage: Wie gehört Cream Tea richtig: Mit Clotted Cream oder Marmelade zuerst?
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Seitenzahl: 134
Veröffentlichungsjahr: 2024
Anna-Maria Bauer
Zerklüftete Küsten und vergessene Moore
Picus Verlag Wien
Copyright © 2024 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien
Alle Rechte vorbehalten
Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien
Umschlagabbildung: © Helen Hotson/Shutterstock
ISBN 978-3-7117-1121-2
eISBN 978-3-7117-5525-4
Informationen über das aktuelle Programm des Picus Verlags und Veranstaltungen unter www.picus.at
Vom Immer-Meer-Wollen
Land der Kontraste
Von den abenteuerlichen Passagen Exeters in den weiten Südwesten
Ein Strand für die Ewigkeit
An der Jurassic Coast auf der Suche nach unseren Vorfahren
Im Bann der Elemente
Von steilen Bahnen einer Zwillingsstadt und fahlen Steinen am Klippenrand Exmoors
Royales Rauschen
Clovellys malerische Steilvorlage für straffe Oberschenkel
Wo die wilden Winde leben
Von den Höhen und Tiefen des Dartmoors
Eintauchen in giftige Gärten
Auf Spurensuche bei der meistgelesenen Autorin der Welt in Torquay
Von furchtbaren Früchtchen und fruchtbaren Fuhren
Gesucht und gefunden auf den abgelegenen Küsten um Salcombe
Nur nicht falsch herum
Abwarten und cream tea trinken in Plymouth
Nicht zu übersehen
Grenzen verschieben auf Cornwalls vergessener Halbinsel Rame
Zerklüftet, zeitlos, zauberhaft
Eintauchen in die mittelalterliche Magie von Tintagel
Ein Haus zum Verlieben
Wie der Landsitz von Padstow zum deutschsprachigen Filmstar wurde
Blätter der Ruhe, Blätter der Kraft
Wie die kornische Hauptstadt die Geburtsstätte englischen Tees wurde und welche kornische Spezialität gar nicht aus Cornwall stammen könnte
Wo Kunst auf Küste trifft
Lichtspiele der Inspiration in St. Ives
Insel auf Zeit
Wie die Natur bei St. Michael’s Mount den Takt vorgibt
Die Meisterin der Steine
Porthcurnos Spektakel mit schwankender Kulisse
Sie wirken im Verborgenen
Vom Ende der Insel ins Herz der Schmugglerbanden
Die Autorin
Wer an der Küste lebt, entkommt dem Sog des Meeres nicht. Unweigerlich wird man angezogen von den ewigen Wellen, die einen an einem Ort sanft schwappend einlullen, anderswo kraftvoll rauschend antreiben oder laut tosend schäumend aufrühren. Mal bietet sich beim Besuch der Küste kristallklares Wasser und darunter feinster Sandstrand, in den man die Zehen vergraben und an dem man die Zeit vergessen kann. Mal stakst man seltsam gestikulierend über dicke Kieselsteine, die sich mit Vorliebe in die weichste Stelle der Sohle bohren. An einem Tag findet man eine nach Osten gewandte Bucht, so geschützt vor Wind und Wetter, dass man nach wenigen Minuten den kühlenden Schatten aufsucht. Tags darauf erreicht man ausgesetzte Klippen, über die der Wind peitscht, sodass einem trotz des aufgestellten Kragens die Gänsehaut über den Körper läuft. Und dann gibt es noch diesen Moment der Enttäuschung, wenn man das Meer aufsucht, es aber verschwunden ist, vorübergehend ausgelaufen. Denn natürlich hat man zuvor davon abgesehen, sich nach Ebbe und Flut zu richten, und wundert sich nun über den dargebotenen Meeresboden, der anstelle des frischen Wassers geriffelten Sand, kleine Pfützen und glitschige Algen präsentiert.
Diese Reise handelt von Besuchen zu all diesen Buchten, Küsten und Stränden in Devon und Cornwall und von manchen Erkundungen ein wenig weiter im Landesinneren der beiden Grafschaften. Doch selbst wenn man das weite Wasser einmal nicht sehen sollte, so ist doch der Alltag, das Leben, die Kultur dieser Ortschaften vom Rhythmus des Meeres bestimmt und man fügt sich beim Entdecken ganz von selbst in den Takt der Gezeiten. Ohne dass es einem so richtig bewusst ist, wird man dabei auch ein wenig langsamer, in diesen Regionen fernab der hektischen Großstädte Großbritanniens. Man verweilt ein wenig länger bei der Tasse Tee und vergisst beim Blick in die Weite die Zeit. Denn sie haben etwas Einzigartiges, diese zwei südwestlichsten Grafschaften mit ihren rollenden Hügel- und endlosen Moorlandschaften, den großzügigen Gärten und abgelegenen Küstenabschnitten. Diese zwei Regionen, die trotz ihrer Unterschiede – das liebliche Devon im Kontrast zum rauen Cornwall – neben ihrer Fülle an Mythen und Schmuggleranekdoten noch eines eint: ihre Anziehungskraft.
Seit meinem Umzug nach Southampton vor drei Jahren habe ich bei meinen Wochenendtrips stets nach Westen geschielt, an diesen Zipfel Englands, der in den Atlantik baumelt, weitestmöglich vom europäischen Festland entfernt und doch größtmögliche Faszination auslösend. Eine Faszination, der ich für dieses Buch gerne nachgegeben habe. Denn wie bemerkte nicht schon Oscar Wilde, der übrigens auch drei Monate in Torquay, Devon, gelebt hat: »Der einzige Weg, eine Versuchung loszuwerden, ist, ihr nachzugeben. Widersteht man ihr, so wird die Seele krank vor Sehnsucht nach dem, was sie sich selbst verboten hat, vor Verlangen nach dem, was ihre monströsen Gesetze monströs und ungesetzlich gemacht haben.«
Gibt es eine schönere Ausrede, sich ins nächste Reiseabenteuer zu werfen?
Von den abenteuerlichen Passagen Exeters in den weiten Südwesten
Man muss wissen, was man sucht. Obwohl ich mir zuvor genau angesehen hatte, wo sie sich befindet, zieht der suchende Blick auf der High Street nun so schnell an der kleinen Öffnung zwischen den Häusermauern vorbei, dass ich mich zweimal im Kreis drehen musste, bis ich – ha! – den Spalt zwischen Patisserie Valerie und Bäckerei Greggs auf der Hauptstraße ausmachen kann. Ich trete zwischen die zwei Häuserfronten und kann meine abgewinkelten Arme nur ein paar Zentimeter anheben, dann kratzen die Ellbogen bereits am rauen Stein, an den wettergegerbten Mauerziegeln auf beiden Seiten. Ganz schön eng, hier in der Parliament Street, der engsten Gasse Großbritanniens, die an ihrer schmalsten Stelle bloß dreiundsechzig Zentimeter misst und einst als Small Lane bekannt war. Bis ein Stadtrat im 19. Jahrhundert angeblich seinen Unmut über das Inkrafttreten eines parlamentarischen Gesetzes zum Ausdruck bringen wollte, in dem (wie konnte es das Parlament wagen!) das Wahlrecht der Bürger gestärkt wurde.
Ganz schön eng, das ist aber doch auch typisch englisch. Und noch viel mehr: typisch für den englischen Südwesten. Wie oft werde ich auf dieser Reise innerlich fluchen, wenn ich den Koffer über die schmale Teppichtreppe in den oberen Stock des charmanten, aber platzsparenden b & b-Cottage hieve. Werde bei den Autofahrten immer wieder den Hals so weit wie möglich nach vorne strecken, um ein bisschen mehr von der kurvigen Landstraße erhaschen zu können, weil die Hecken direkt an den Asphaltrand gerückt sind. Werde manchmal, wenn ich in einer ganz engen Kurve stecke, sicherheitshalber hupen oder das Licht betätigen, um etwaige Entgegenkommende zu warnen. Muss mich mitunter seitwärts drehen, um voranzukommen, in engen Räumen, kleinen Booten, auf steilen Treppen oder in schmalen Durchgängen, wie in jenen hier in Exeter.
Und so beginnt unsere Entdeckungstour in der Hauptstadt Devons, die für so viele Reisende Eintrittstor in den englischen Südwesten ist. Wer mit dem Zug fährt, kommt meist hier an; wer mit dem Auto anreist, wählt diese Stadt oft für einen ersten Zwischenstopp; eine kurze Verschnaufpause in dieser antiken, lebhaften Stadt, die Sinnbild für vieles ist, auf das wir stoßen werden. Die rauen Wände um mich, die steil in den Himmel ragen, erinnern an die mystischen, monolithischen Gesteinsformationen, die einem in der unberührten Landschaft Cornwalls begegnen. Und an die Skulpturen der britischen Künstlerin Barbara Hepworth, auf die wir in St. Ives stoßen werden. Ich lege den Kopf in den Nacken und kann am Ende der hohen Backsteinwände einen dünnen Streifen grauen Himmels ausmachen – wie durch einen Schmugglertunnel. Geschützt oder eingesperrt? Und auf dem Weg zurück zur High Street bleibe ich einen Moment lang in der dunklen Straßenöffnung stehen, beobachte das Treiben der Einkaufsstraße, ohne bemerkt zu werden. Sehe den Vater, der den bunten Rucksack seiner Tochter schultert; die Frau, die energisch telefonierend aus dem Einkaufszentrum tritt; die lachende Teenagergruppe. Welche Geheimnisse kann man auf diesem Weg erkennen, beim Herausspähen, Beobachten, Wahrnehmen; welche Ideen stibitzen? Denn ewige Streitereien zwischen Devon und Cornwall gibt es so einige. Wer hat die berühmte Cornish pasty eigentlich erfunden? Und wie gehört der cream tea richtig serviert: mit clotted cream oder mit Erdbeermarmelade zuerst? Doch noch ist es nicht Zeit für diese Antworten, sondern für die Frage: Wo geht es hier denn zum quay?
Wir treten also aus der Parliament Street, biegen rechts auf die High Street ab, die dann zur Fore Street wird, und folgen links der West Street bergab. Auf halber Höhe fällt der Blick auf ein robustes Tudor House mit schwarzen Holzbalken, dessen Obergeschosse gefährlich über die Straße ragen und das zwischen den verputzten anderen Häusern ein bisschen fehl am Platz wirkt – weil es das tatsächlich ist. Das Merchant House wurde nicht für diese Straße gebaut. Es stand ursprünglich ein paar Dutzend Meter weiter an der Edmund Street und ist im Dezember 1961 als komplettes Haus verlegt worden. Damals hätte das Haus abgerissen werden sollen, um Platz für eine Umgehungsstraße von der Brücke über den Fluss Exe zu schaffen. Doch nach heftigem Kampf mit der Stadtverwaltung gelang es Aktivisten, das Haus zu retten – indem sie es umsiedelten. Ein Unterfangen, das von zahlreichen Reportern und Schaulustigen verfolgt wurde. Bis auf den Rahmen wurde das Fachwerkhaus dafür entkernt und auf Metallräder gestellt. Die Fenster wurden zur Sicherheit herausgenommen, und damit beim Transport nichts verrutschen konnte, wurde das Haus in ein Holzgerüst gepackt. Sechs Tage dauerte es dann, bis das Haus siebenundsechzig Meter weiter an seiner neuen Adresse in der West Street ankam.
Heute schneidert Emma Healey im Erdgeschoss Brautkleider und betreibt damit ein passendes Geschäft in dem ikonischen Haus einer Stadt, die durch den Wollhandel kurzzeitig zur vielleicht reichsten und angesehensten Stadt Englands wurde. Denn Schafe finden in den sanften Hügeln und weiten Ebenen des Südwestens ideale Bedingungen und ihre Wolle wurde im 16. und im 18. Jahrhundert von Exeter in die Welt gebracht. Hektisch muss es damals zugegangen sein an dem quay, den wir über Lower Coombe Street erreicht haben. Lastkähne und Seeschiffe wurden hier mit den Wollprodukten beladen, um sie nach Frankreich oder Spanien zu schiffen. An dem milden Frühlingstag, an dem wir die Stadt besuchen, ist es ruhig. Touristen inspizieren die kleinen Verkaufsstände und wir genehmigen uns im Mango’s einen Cappuccino, setzen uns an das Quay-Ufer und lassen die Beine schlenkern. Der Asphalt ist von der Sonne bereits so gewärmt, dass man sich kurz zurücklegen und den Wolken beim Ziehen zusehen kann.
Doch zu lange können wir hier nicht verweilen: Wir haben noch einen Termin. Über die South Street geht es also wieder bergauf, bis wir zu einem der eindrucksvollsten Kirchenhäuser Europas kommen. Exeter Cathedral zählt mit vierhunderttausend jährlichen Besucherinnen und Besuchern zu den drei bestbesuchten Attraktionen im englischen Westen. Eindrucksvoll sticht sie am Cathedral Green in den Himmel und heißt einen beim Betreten mit eindrucksvoller Weite willkommen. Unbedingt sollte man beim Besuch nach oben sehen: Das gerippte Steingewölbe aus dem 14. Jahrhundert sieht aus wie eine Allee aus Palmzweigen. Aber noch eine andere Meisterleistung hat die Kathedrale initiiert; eine in entgegengesetzter Richtung. Bereits im Mittelalter wurde mit dem vielleicht ausgeklügeltsten Wassersystem des Landes sauberes Trinkwasser von St. Sidwell außerhalb der Stadtmauer nach Exeter geholt. Und um undichte Stellen an den Bleirohren (damals wusste man noch nicht, dass diese gesundheitliche Schäden verursachen könnten) einfach beheben zu können, wurden die Rohre in schmale Tunnel gelegt. Diese Untergrundpassagen sind heute die einzigen Passagen in ganz Großbritannien, die für Besucherinnen und Besucher offen sind und die wir nun erkunden werden.
»Right«, sagt Gruppenleiterin Gail Smith, die achtzig Jahre alt ist, früher Historikerin war und heute mehrmals die Woche Gruppen durch die Passagen führt. »Jacken in die Spinde und Helme auf.« Es riecht modrig, warm, aber nicht stickig, als ich Gail in den viel zu schmalen Gang folge. Sie hat uns vorgewarnt, dass der Anfang am schwierigsten ist. Und tatsächlich: Es wird immer enger, die Wände scheinen ja nicht nur auf uns zuzukommen, sie tun es tatsächlich. Wir müssen den Kopf einziehen und uns, als Gail uns ein paar Informationen gibt, mit dem Rücken gegen die Mauer lehnen. Zwei jüngere Teilnehmerinnen verabschieden sich an dieser Stelle wieder; ihnen ist es zu eng. Meine Hände sind auch leicht zittrig, aber die Neugier siegt. Wir stapfen weiter, der Boden wird schlammig und dann öffnet sich der Gang seitlich sowie nach oben; wir sind in einem moderneren Abschnitt angekommen, direkt unter der Hauptstraße. Merkwürdig, sich vorzustellen, dass über unsere Köpfe hinweggehetzt wird. Gail führt uns weiter an jene Stelle, über der einst der Great Conduit Pavillon stand, an dem sich die Bevölkerung Frischwasser holen konnte und an dem große Neuigkeiten wie etwa ein neuer König ausgerufen wurden.
Auf dem Rückweg ende ich als Letzte in der Gruppe. Das Herz hämmert heftiger. Wie war das noch einmal mit den Ratten, die hier leben? Und wie müssen sich erst Minenarbeiter gefühlt haben, die nicht nur für eine halbe Stunde, sondern den ganzen Arbeitstag unter Tage verbrachten? Oder jene Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs die Gänge als Luftschutzbunker nützten? Es ist beklemmend genug, ohne dass die Wände vibrieren. Ich lasse mein Ausatmen länger als mein Einatmen werden. Die Ankündigung, dass wir wieder zurück sind, kommt mit der Welle der Erleichterung, die jene Abenteuer begleitet, die ein wenig zu aufregend, aber doch bereichernd waren und an die man sich genau deswegen lang erinnern wird.
Als wir aus der Passage und damit heraus aus der Stille und Abgeschiedenheit des Untergrunds treten, landen wir wieder im geschäftigen Stadtzentrum. Das grelle Licht mischt sich mit Gelächter, Rufen und Stimmengewirr. Der Duft des Mittagsmarkts lockt die geschäftige Hauptstraße hinab. Beim Schlendern durch die High Street komme ich noch einmal an der Stelle vorbei, an der die Parliament Street abzweigt. Diesmal sehe ich den schmalen Durchgang sofort.
An der Jurassic Coast auf der Suche nach unseren Vorfahren
Nichts, schrieb der britische Naturforscher Charles Darwin 1843 in einem Brief an seine Schwester Catherine, gehe über die Geologie. Ja selbst das Vergnügen am ersten Tag einer Rebhuhnjagd könne da nicht mithalten.
Der Rebhuhnjagd kann die britische Naturforscherin Tessa Stone knapp zweihundert Jahre später zwar nichts abgewinnen, doch Darwins Empfinden für die Magie der Erde, die teilt sie dennoch. Ihre Augen glitzern wie die weißen Schaumkronen auf den Wellen neben uns, als wir an diesem kühlen Frühlingsmorgen über den Strand stapfen. »Was man hier zum Beispiel ganz oft findet«, sagt sie, verlangsamt ihren Schritt kaum und greift im Gehen nach einem kleinen Kieselstein, »sind diese Hexensteine.« Sie präsentiert den glatt gewaschenen Stein mit Loch in der Mitte. »Reisende haben sie früher als Glücksbringer gesammelt und Kapitäne gerne an ihr Boot gehängt.« Sie lächelt. »Man hat geglaubt, dass der Stein bricht, bevor es das Boot tut.« Wir stapfen weiter. Die Kieselsteine, manche von ihnen mit Loch, knirschen unter den Schuhen und mit jedem Schritt sinken wir ein wenig ein, sodass es nur langsam vorangeht. Aber das ist ohnehin wichtig, wenn man nichts übersehen möchte. Denn wir suchen hier am Strand von Beer etwas ganz Bestimmtes.
Beer ist unser dritter Küstenstopp im östlichen Devon. Von Exeter sind wir dafür zunächst der Landstraße so lange südöstlich gefolgt, bis sie in Budleigh Salterton an den Strand führte. Die imposanten Häuser in diesem Ort mit ihren verschnörkelten Veranden, aber abblätternden Fassaden erzählen vom Ruhm längst vergangener Sommer, als sich während der Regency Ära im 19. Jahrhundert die Wohlhabenden der Gesellschaft zu Golf, croquet und Fischen einfanden, sich von der Bademaschine (einer hölzernen Badekabine auf Rädern) ins Wasser tragen und den afternoon tea an die Liegestühle am Strand liefern ließen.
Das Meer empfing uns in Budleigh Salterton milchgrau und spiegelglatt. Doch die größere Attraktion war hier ohnehin der Landstrich davor. Wir folgten der Strandpromenade nach rechts, bis nach wenigen Minuten die Erde kräftig anhob, die Häuser in den Hintergrund rückten und sich die Klippen rostrot vor uns auftürmten. Die Farbe zeugt von den eisenhaltigen Mineralien, die sich in den Felsen befinden und im Laufe der Jahre oxidiert sind. Im Laufe der – sollte ich korrekterweise ergänzen – zweihundertfünfzig Millionen Jahre. Denn diese Küste ist Teil Englands erster Weltnaturerbestätte: der Jurassic Coast. (Auch wenn sich dieser Strand streng genommen nicht im Jura, sondern in der noch älteren Trias gebildet hat; die Strände werden jünger, je weiter man nach Osten fährt.)
Wenn man den Kopf in den Nacken legt, kann man im roten Hang rote, rosafarbene und graue
