Lesereise Latium - Veronika Eckl - E-Book

Lesereise Latium E-Book

Veronika Eckl

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Beschreibung

Latium, von dessen bukolischer Landschaft Maler und Schriftsteller schwärmten, lädt heute zu Entdeckungen abseits der großen Touristenströme ein. Nur wenige Kilometer vom Trubel der Metropole entfernt stehen heute noch Schafherden unter Aquädukten: Hier schlägt das ländliche Herz Roms.Auf ihrer Landpartie geht Veronika Eckl mit einem Tiber-Kapitän auf große Fahrt, trifft einen Trüffelbauern, der seine Schätze auf den römischen Märkten verkauft, und darf in den Garten von Ninfa blicken, eines der bestgehüteten Geheimnisse Italiens. Sie besucht die Bewohner der kleinen Insel Ponza vor der Küste Latiums, die Mönche von Subiaco und Mussolinis Planstadt Latina und spricht mit indischen Landarbeitern, die Zucchini für Europa ernten. Die bukolische Idylle von einst hat sich gewandelt, und doch: Im Latium findet man alles, was Italien ausmacht.

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EPUB

Seitenzahl: 133

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für meine Eltern

Copyright © 2007 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien

überarbeitete und veränderte Neuausgabe 2018

Alle Rechte vorbehalten

Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien

Umschlagabbildung:

© mauritius images/imageBROKER/Stefan Auth

ISBN 978-3-7117-1086-4

eISBN 978-3-7117-5364-9

Informationen über das aktuelle Programmdes Picus Verlags und Veranstaltungen unter www.picus.at

Veronika Eckl studierte Romanistik und Germanistik. Journalistische Lehr- und Wanderjahre bei der »Süddeutschen Zeitung«, der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, der »Katholischen Nachrichten-Agentur« und beim »Bayerischen Rundfunk«. Nach ihrer Redakteursausbildung ging sie nach Rom, wo sie längere Zeit als Journalistin arbeitete und das Latium für sich entdeckte.

Veronika Eckl

Lesereise Latium

Hinter Rom beginnt das Zauberland

Picus Verlag Wien

Inhalt

Hinter Rom beginnt das Zauberland

Unbekanntes schönes Latium

Signorina ist Schriftstellerin

In Olevano Romano finden deutsche Künstler heute noch Inspiration unter Ölbäumen

Der göttliche Fluss des Kapitän Ranucci

Bei einer Schifffahrt auf dem Tiber gibt es Unglaubliches zu entdecken

Einsiedler unterm Sternenhimmel

In Subiaco leben heute noch drei Mönche über der Höhle des heiligen Benedikt

Am Sonntag kommt der Trüffelkönig

Im kulinarischen Salon Latiums

Picknick im Maul des Monsters

Wie aus einem adeligen Rätselpark ein Ausflugsziel für die Bürger von heute wurde

Gina und der parfümierte Esel

Das Dorf Castel San Pietro Romano ist in die Geschichte des Kinos eingegangen

Papstfans allein zu Haus

Das Städtchen Castelgandolfo vermisst einen prominenten Sommerfrischler

Reif für die Insel

Auf Ponza suchen alle die Ruhe und finden das pralle Leben

Nachts, wenn die Wölfe kommen

Im höchstgelegenen Dorf Latiums kämpft der letzte Bauer ums Überleben

Die Brunnenflüsterer von Tivoli

In der Villa d’Este spielt heute wieder eine Wasserorgel

Neuer Wein von alten Hügeln

Die Winzer von Frascati wollen endlich ernst genommen werden

Auch in der Planstadt macht das Leben, was es will

Im einstigen Mussolini-Wunderland leben die Menschen mit den Überbleibseln des Faschismus

Zucchini unter Schmerzen

Wie indische Landarbeiter Europas Gemüse ernten

Zu Besuch im Reich der Nymphe

Der Garten von Ninfa ist eines der bestgehüteten Geheimnisse Latiums

Das Aquädukt im Unterholz

In Gallicano nel Lazio kümmert sich ein Verein um die antiken Fernwasserleitungen

Arpino liest im Buch aus Stein

Eine kleine Stadt am Fuß der Abruzzen wird zum großen Gedicht

Hinter Rom beginnt das Zauberland

Unbekanntes schönes Latium

Das ländliche Herz Roms schlägt in einer Wiese gleich hinter der Stadtautobahn. Roter Mohn leuchtet im Staub des Straßenrands, Wohnsilos machen Ölbäumen Platz, in den Gestank der Autos mischt sich ein Hauch von Lorbeerduft. Und da steht plötzlich dieser Hirte mit seinen Schafen wie hingetupft in der Landschaft. Eine Idylle, die kein Mensch heutzutage nur wenige Kilometer vom Verkehrschaos einer Großstadt vermuten würde. Für das Latium aber, diese quirlige und oft doch so stille Region, die Rom zur Hauptstadt hat, ist dieser Kontrast typisch.

Stadt und Land prallen hier mit Wucht aufeinander und gehören doch zusammen. Denn in der campagna romana, wo der Trubel in eine bukolische Landschaft ausläuft, liegen die Wurzeln Roms. Von hier kommen die Mythen, das Olivenöl und viele der Kunstschätze in den Museen. Von hier kommen die Römer, deren Vorfahren aus dem bitterarmen Land in die Stadt zogen. Heute noch pflegen manche Großstädter Schrebergärten in der Vorstadt und buddeln nostalgisch in der Erde. Die Ewige Stadt, die jahrhundertelang von Päpsten, Kaisern und Adeligen beherrscht wurde, hat die Seele eines Bauern.

Früher einmal, als es noch keine Billigflüge und Wochenendtrips gab, wussten die Reisenden um diesen engen Zusammenhang zwischen Rom und dem Latium – eine ausgiebige Landpartie gehörte fest zum Programm einer Romreise. Seit Goethe sich vor den Toren der Ewigen Stadt in Positur warf und von dem Maler Tischbein verewigen ließ, machte man sich auf nach Italien, um gerade auch die campagna romana zwischen dem Meer und den Sabiner Bergen zu erleben. Ferdinand Gregorovius, der Historiker und größte Italienkenner des 19. Jahrhunderts, schwärmte von Latium: »Ich habe die meisten Gefilde Italiens durchzogen, ich habe die berühmten Fluren von Agrigent und Syrakus durchwandert, aber trotz aller Farbenpracht jener südlichen Zone muss ich doch bekennen, dass mir die Campagna von Rom und Latium den mächtigsten Eindruck macht. Diese Landschaft bleibt immer neu und groß für mich.« Besonders die Künstler pilgerten aufs Land hinaus, das dem romantischen Maler Franz Horny als »wahres Zauberland« erschien. Jede größere deutsche Gemäldegalerie, die etwas auf sich hält, hat eine Ansicht von Olevano Romano oder eine Zeichnung des Wasserfalls von Tivoli in ihren Beständen. Das Latium mit seiner zugleich wilden und harmonischen Landschaft galt als Inbegriff des Pittoresken und prägte über Jahrhunderte das deutsche Italienbild, bevor ihm die lieblichen Hügel der Toskana den Rang abliefen. Für die heutigen Touristen ist das Latium ein weißer Fleck auf der Landkarte. Sie fahren nach Rom und anschließend schnell wieder nach Hause. Von der Gegend um die italienische Hauptstadt herum sehen die meisten Besucher nur den Flughafen Fiumicino.

Natürlich, das Land um Rom hat sich verändert. Die Nähe der Großstadt ist heute von Viterbo im Norden bis Terracina im Süden allerorten spürbar. Baumärkte, Supermarktketten, Fitnessstudios säumen die römischen Konsularstraßen, die aus der Hauptstadt hinausführen. Immer mehr Römer ziehen in planlos wuchernde neue Siedlungen, um den hohen Mieten Roms und seinem Lärm zu entrinnen. In einstigen Bauerndörfern entstehen Neubauviertel für Pendler, riesige Park-and-Ride-Plätze vor den Bahnhöfen der Provinzstädte fressen sich in Äcker und Weinberge hinein. Doch Hornys Zauberland gibt es immer noch. Da trotten in einsamen Gebirgslandschaften Kühe und Schafe gemütlich über schmale Straßen und Aquädukte stehen einsam im Wald. In mittelalterlichen Städtchen, die, lägen sie in der Toskana oder in Umbrien, von Busladungen von Touristen im Sturm genommen würden, haben sich die Motive der romantischen Maler erhalten. Nach wie vor machen die Winzer von Frascati ihren Wein, lächeln Madonnen von den Fresken der Klöster herab, schlägt im Garten kitschig-schön die Nachtigall. Die Mythen der Antike liegen dicht unter der Oberfläche des alltäglichen Lebens. An der Küste von Terracina baden die Sommerfrischler dort, wo einst die Zauberin Circe den Odysseus und seine Mannen verhext haben soll. Der Tiber, den die alten Römer als Gott verehrten, schlängelt sich samt Abwässern und Ausflugsbooten gen Meer. Auch der Kirchenstaat, auf dessen Resten sich die moderne Region Latium gründet, lebt fort. Die prächtigen Villen und verspielten Gartenanlagen der geistlichen Herren sind Ziel der Sonntagsausflügler geworden.

Rom ist den Menschen im ländlichen Latium nah und fern zugleich. Mit überlegener Nachsicht behandeln sie die Großstädter, die bei ihren Sonntagsausflügen die Straßen verstopfen – fast als stammten sie aus einer anderen Welt. Der barista der Dorfbar ist da ebenso gelassen wie der Parlamentsabgeordnete, der niemals sein Häuschen in einem entlegenen Weiler gegen eine Stadtwohnung eintauschen würde. Demonstrativ hängen sie die weißblauen Wimpel des Fußballclubs Lazio Roma in die Lokale, was diejenigen unter den Römern ärgert, die Anhänger des Lokalrivalen AS Roma sind. Sie rächen sich, indem sie die Landbewohner verächtlich burini nennen, Bauern. Die Landbewohner nehmen das mit einem Achselzucken hin. Warum sollen diese Römer etwas Besseres sein, nur weil sie das Kolosseum haben? Schließlich gibt es im Latium viele stolze Städte, von denen einige älter sind als die Hauptstadt und in denen es sich gut leben lässt. Natürlich, man fährt nach Rom, um zu arbeiten, einzukaufen oder zu studieren. Abends oder am Wochenende jedoch sitzen die Bewohner von Palestrina, Arpino oder Subiaco vor ihren Häusern und schauen ins Land hinein – mit der Gelassenheit von Menschen, die wissen, wo sie herkommen und wo sie hingehören.

Signorina ist Schriftstellerin

In Olevano Romano finden deutsche Künstler heute noch Inspiration unter Ölbäumen

Die Künstlerin hat Apfelkuchen gebacken, deutschen Apfelkuchen mit einem feinen dünnen Boden, üppigem Belag und einem Hauch Zimt. Er findet begeisterte Abnehmer draußen auf der Terrasse der Villa Serpentara, wo gerade heftig der Ausblick genossen wird. Wie könnte man auch das Spiel aus Licht und Schatten nicht bestaunen, das das Städtchen Olevano Romano mit seiner Burgruine und seinen an den Hang gelehnten Häusern an diesem Abend aussehen lässt wie gemalt. Nur dass der Ausdruck »wie gemalt« für diesen Ort, gelinde gesagt, reichlich abgegriffen erscheint. Weil Olevano Romano, seit der Romantik eine beliebte Künstlerkolonie, in seiner Geschichte tatsächlich sehr oft gemalt wurde, und besonders eifrig von den Deutschen.

Das ist schön, und doch ist es irgendwie auch ein Elend für die, die heute hierherkommen und unter den Ölbäumen Latiums etwas Neues machen wollen. Junge Leute sind es meistens, junge Leute mit einem Kopf voller Ideen und mit einem Stipendium. Die Berliner Akademie der Künste schickt alle paar Monate einen oder eine Auserwählte in die Villa Serpentara. Unten im Ort wohnen zwei Stipendiaten für je ein Vierteljahr in der Casa Baldi. Das Haus gehört zur Villa Massimo in Rom, der Deutschen Akademie, die Schriftstellern, bildenden Künstlern und Komponisten eine Heimat auf Zeit in Italien gibt. Viele von denen, die die deutsche Kultur mitprägten, haben einmal in Olevano Romano gelebt.

Das wissen die Gäste beim kleinen Abschiedsfest der Berliner Künstlerin Ines Hertel im Sommer 2007 und vielleicht rauchen sie deshalb ihre Zigaretten oft schweigend, sprechen dem Apfelkuchen zu und atmen das Panorama ein wie die kühle Luft. Die meisten von ihnen sind aus der Villa Massimo hergefahren, um ihre Künstlerkollegen auf dem Land zu besuchen. Sie wirken noch wie auf einen fremden Planeten geworfen in der Stille, durch die nur ab und zu ein motorino knattert. Hertel dagegen schaut mit verliebten Blicken auf die Ölbäume und Eichen. »Olevano bedeutet für mich: Ruhe und Frieden«, sagt sie. Drei Monate hat sie in dem lichten Haus gewohnt. Drinnen im Wohnzimmer hängen an die Wand gepinnt Dutzende Fotos, die die Künstlerin in dieser Zeit aufgenommen hat: Immer wieder derselbe Blick von der Terrasse. Immer wieder der Himmel. Warum der sie so fasziniert? »Vielleicht, weil er hier besonders groß ist«, sagt Hertel.

Der Mythos von dem malerischen latinischen Städtchen ist offensichtlich nicht totzukriegen, selbst wenn inzwischen unschöne Neubauten am Ortsrand keinen Zweifel daran lassen, dass auch hier die Zeit nicht stehen geblieben ist. Trotzdem sieht es an vielen Ecken noch so aus wie im 19. Jahrhundert, als die Maler in das gastliche Nest vor Bergkulisse strömten. In Scharen pilgerten sie während der Sommermonate aus dem stickigen Rom heraus; rund zweihundert Künstler ließen sich damals von der campagna romana mit ihren Ölbäumen und Schafherden inspirieren. Zuerst kamen die Dänen, ihnen voran der Bildhauer Bertel Thorvaldsen. Dann entdeckte der Tiroler Maler Joseph Anton Koch kurz nach 1800 den Ort und heiratete ein Mädchen aus Olevano. Aber auch Franzosen, Engländer, Ungarn und Russen nahmen in dem Städtchen Quartier. In der Casa Baldi, dem Haus eines Weinhändlers zwischen Ortszentrum und Friedhof, wohnten der schwäbische Dichter Wilhelm Waiblinger, der Schriftsteller Joseph Viktor von Scheffel, der Altertumswissenschaftler Theodor Mommsen und der Historiker Ferdinand Gregorovius. Auch der französische Landschaftsmaler Camille Corot kam vorbei, doch die deutschen romantischen Maler waren die treuesten Fans. Johann Christian Reinhart, Heinrich Reinhold, Franz Horny, Ludwig Richter, Philipp Fohr, Carl Rottmann und Julius Schnorr von Carolsfeld waren in Olevano am Werk. Die abwechslungsreiche Landschaft mit ihren schroffen Bergen und idyllischen Hainen galt als Inbegriff des Pittoresken. In jeder größeren deutschen Gemäldegalerie, die etwas auf sich hält, hängt deshalb eine Ansicht von Olevano Romano, Häuser am Hang, mit Schafen oder ohne.

»Ich finde die romantische Malerei scheußlich, und ich habe einen Horror vor diesen steinernen Häuschen«, sagt Christina Zück. Die Künstlerin aus Berlin hat in der Casa Baldi überwintert. Sie präsentiert an diesem Abend einen Videofilm, in dem sie die Landschaft um Olevano und immer wieder den Eichenwald hinter der Villa Serpentara eingefangen hat. Der Lieblingsplatz der Maler, der Gustave Doré zu seinen Illustrationen für Dantes »Göttliche Komödie« inspirierte, wäre 1873 fast für immer zerstört worden; aus den Eichen sollten Bahnschwellen gemacht werden. Der Maler Edmund Kanoldt kaufte daraufhin das Gelände und schenkte es dem deutschen Kaiser, sodass die Stipendiaten heute noch im raschelnden Laub spazieren gehen können. Natürlich, sagt Zück, habe sie sich in Olevano mit der Tradition der Landschaftsdarstellung auseinandergesetzt, »das ist ja auch unvermeidlich, wenn man auf dem Berg sitzt«. Aber die Tradition sei für sie ein ausgetretener Pfad. Und Silke Scheuermann, die Frankfurter Schriftstellerin, die gerade noch in einem Sessel im Atelier der Casa Baldi römische Gedichte aus einem ihrer Lyrikbände vorgelesen hat, sagt, dass es schwer sei, heute noch über Italien zu schreiben. Aber morgens bei Sonnenaufgang war sie oft mit Mozart im Kopfhörer spazieren. Und da strahlt Scheuermann übers ganze Gesicht und sagt sehr nachdrücklich: »So eine schöne Landschaft.«

Da ist es irgendwie lustig, dass italienische Reiseführer Olevano Romano nicht einmal erwähnen, vielleicht weil für Italiener Häuschen am Hang und Ölbäume und Berge nichts besonderes sind und Burgen auch nicht, all das gibt es schließlich andernorts genauso. Manche Leute in Olevano Romano ärgert das, Leute wie Domenico Riccardi, einen pensionierten Gymnasiallehrer, der an einem dreibändigen Werk über die ausländischen Maler in Olevano schreibt. »Wir haben doch die Pflicht, diese Geschichte zu dokumentieren«, sagt er und rüttelt mit dem Schlüssel im Eingangsportal der Villa De Pisa. Dort, in einem rot getünchten alten palazzo am Ortseingang, haben Riccardi und seine Freunde vom Verein Associazione Amici del Museo 1989 ein Museum gegründet. Mehr als vierhundert Exponate zählt es inzwischen, die allermeisten sind Geschenke deutscher Künstler, Galerien oder Antiquariate. Geld für eigene Ankäufe hat der Verein nicht, das Museum öffnet nur am Wochenende oder auf Anfrage, schließlich organisieren die Freiwilligen alles selbst. Und es sei schon ein Glück, dass die Stadt ihnen das Haus zur Verfügung gestellt habe, findet Riccardi, der mit Hut auf dem Kopf und Schal um den Hals selbst wirkt, als würde er gleich mit der Staffelei unterm Arm in Wiesen und Felder hinausziehen. Voller Enthusiasmus führt er durch die Räume, an deren Wänden Bilder von Heinrich Dreber hängen und von Rudolf Englert, von Jürgen Möbius, Robert Reiter und Heinz Hindorf. Der ganze Stolz des Vereins ist aber eine Serie von Radierungen von Joseph Anton Koch, die die campagna romana mit hübschen jungen Damen beim Erntetanz, mit Schäfern und frommen Prozessionen zeigt. »Koch hat überhaupt nichts idealisiert, so war das in Olevano wirklich«, erklärt der Museumschef und lässt durchblicken, dass die Skizzen für ihn wahre Kunst sind. Die deutschen Stipendiaten heute, na ja, die würden viel Videokunst machen, aber hin und wieder auch hübsche Sachen, doch. Dann macht Riccardi sein Museum wieder zu wie ein Einmachglas, von dem jemand kurz den Deckel gehoben hat. Drinnen ist die Kunst von gestern.

Die Einwohner von Olevano Romano sind aber noch lange nicht fertig mit der Kunst. Die Münsteraner Malerin Helga Rensing, eine ehemalige Stipendiatin der Casa Baldi, haben sie den Sitzungssaal im Rathaus ausmalen lassen und sie zur Ehrenbürgerin gemacht. Sie haben eine Städtepartnerschaft mit Michelstadt, der Heimatstadt des Malers Heinz Hindorf, und am Gymnasium wird Deutsch gelernt, was nicht selbstverständlich ist in der römischen Provinz. Guido Milana, der ehemalige Bürgermeister von Olevano, der heute Abgeordneter im Europäischen Parlament ist, pflegte zu sagen, er würde lieber eine Straße weniger bauen, wenn er dafür den kulturellen Austausch mit Deutschland fördern könne. Und seine Nachfolgerin Guglielmina Ranaldi, eine adrette rothaarige Dame, die ebenfalls zum Fest in der Villa Serpentara erschienen ist, erklärt mit Verve, sie wolle, dass die Geschichte der ausländischen Künstler in Olevano Romano nie ende. Und sie glaube auch nicht, dass sie jemals enden werde. Denn: »Wir sind sehr gastfreundlich, und der Begriff des Fremden existiert hier nicht.«

Nein, fremd muss sich in Olevano Romano niemand fühlen. Obwohl das Städtchen fern von allen Touristenströmen liegt, wundert sich niemand, wenn ein Ausländer nach dem Weg fragt oder sich verzweifelt nach einem Parkplatz erkundigt. Die freundliche runde signora in der Bar nahe der Casa Baldi findet das ganz normal und erzählt gleich, dass ein Herr aus Deutschland (»Ja ich denke schon, dass er ein Landsmann von Ihnen ist«) jeden Morgen seinen caffè bei ihr einzunehmen pflege. Sie sei ja schon manchmal erstaunt, dass es den Leuten aus dem Norden so gut gefalle in Olevano, wo es doch schon recht weit ab vom Schuss liege und es anderswo viel schönere Geschäfte gebe. Aber gut, die Ruhe, die Ruhe … Und Vincenzo vom Alimentari