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"Lesestunde" enthält Kurzgeschichten und Märchen, gemischt mit Gedichten und Haiku, die den Leser in entspannter Atmosphäre in eine andere Welt eintauchen lassen.
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Seitenzahl: 81
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Kindheitsträume
Die kleine Elfe
Maientanz der Elfen
Das Mädchen aus dem Eismeer
Sturmnacht
Des Seemanns Schicksal
Das Dach der Welt
Der Berg ruft
Die sprudelnde Quelle
Die Sage vom versunkenen Schloss
Das Gold der Eifel
Wanderer (Haiku)
Die blaue Blume
Maienzeit
Schneeglöckchen
Lavendel
Erinnerungen
Der weiße Hirsch
Auf der Pirsch
Ich, der Rattenfänger
Über Grenzen hinaus
Neuanfang
Die karierte Reisetasche
Visionen
„Muße ist der schönste Besitz von allen.“
(Sokrates)
Wohlig warme Sommernacht.
Ich schließe meine Augen.
Erinnerungen werden wach.
Sie durchziehen meine Gedanken
wie feine, seidene Fäden.
Weben sich fort in ein filigranes Netz,
eingefangen Märchen aus der Kindheit.
Elfen – zart wie Schmetterlingsflügel,
Feen – gute, böse
Kobolde –witzig, frech
tummeln sich in meinem Kopf.
Glühwürmchen umschwirren mich,
bringen mich zurück in die Gegenwart.
Ich öffne die Augen.
Vorbei.
Im Elfenland lebte einst die kleine, junge Elfe Tatanka, die noch nichts von der großen weiten Welt gesehen hatte. Sie wusste nur vom Hörensagen, wie schön es bei den Menschen auf der Erde sei. Wunderschöne Blumen wuchsen dort, Häuser so groß wie ein Berg gaben den Menschen Unterschlupf, riesige bunte Vögel flogen in Scharen gen Himmel. Ach, wie gerne würde sie dieses auch einmal mit eigenen Augen sehen. Aber sie musste sich noch etwas gedulden. Ihr Geburtstag rückte von Tag zu Tag näher und dann durfte sie endlich in Begleitung einer erwachsenen Elfe zu den Menschen auf die Erde. Einige Ermahnungen musste sie noch mit auf den Weg nehmen: „Du darfst niemals mit einem Menschen reden, dich nie ganz in seine Nähe begeben, immer Abstand halten. Wenn du dich mit einem Menschenkind anfreundest, kannst du nicht mehr zu uns zurück ins Elfenland kommen. Wir sind nur da, um die Menschen vor sich selbst und vor anderen Gefahren zu schützen, mein liebes Kind!“ Tatanka nickte und die goldenen Glöckchen, die sie um ihren zarten Hals trug, erklangen in wundersamer Weise. Ihr Kleid bestand aus hauchdünner, rosafarbener Seide. Ihr blondgelocktes Haar warf durch die Sonnenstrahlen glitzernde Sternchen zurück und mit jedem Flügelschlag pulsierte das Blut in ihren Adern.
„Du bist das schönste Elfenkind, das die Menschen auf der Erde vor Gefahren beschützen darf“, sagte ihre Begleitung. „Nimm dich aber in Acht, denn du bist ganz allein auf dich gestellt!“
Die kleine Elfe nahm den Rat der Älteren gerne an, denn es drängte sie, schnellstmöglich zu den Menschen auf die Erde zu kommen. Früh am Morgen ihres Geburtstages, der Tau lag noch wie eine schützende Hand über den Wiesen und Auen, begaben sie sich auf die Reise. Sie schwebten leicht wie eine Feder durch die Luft. Als sie ihr Ziel, eine wunderschöne grüne Wiese mit bunten Wildkräutern erreicht hatten, ließen sie sich hinabgleiten. Es war eine Wonne, ihnen zuzuschauen. Sie setzten sich auf einen Stein, der in der Nähe der Kräuter lag, um sich auszuruhen, denn die Reise war für die kleine Elfe anstrengend und aufregend gewesen. So viele neue Eindrücke kamen auf sie zu. Sie sah Bienen und Hummeln umherschwirren, die sich auf den Blüten niederließen, um Nektar zu sammeln. Eine Hasenfamilie hüpfte an ihnen vorbei und ein Frosch quakte zum Steinerweichen. Das war die Natur wie die Elfen sie liebten, sie waren ja selbst auch Naturwesen und konnten sich daher gut anpassen. Sie waren scheu und zeigten sich den Menschen nur, wenn diese eins mit ihnen waren.
Die Elfenfrau verabschiedete sich von Tatanka und meinte: „Mein liebes Kind, ich lasse dich nun allein zurück. Du wurdest gut auf deine Aufgabe vorbereitet und es dürfte keine Schwierigkeit für dich sein, diese zu bestreiten. Lebe wohl“, und damit schwebte sie davon.
Nun sah sich die kleine Elfe ganz verloren um. Etwas eigenartig war ihr doch zumute. Was sollte sie wohl als Erstes tun? Sie blickte sich um und stellte fest, dass ganz in der Nähe ein kleiner Bach vorbeifloss. Dort wollte sie hin und sich in das kühlende Nass begeben. Sie putzte sich noch schnell über die hauchdünnen Flügel, um die feine Staubschicht auf ihnen zu entfernen, denn schon die kleinste Verunreinigung konnte sie bei ihrem Flug zum Abstürzen bringen. Sie hatte diese Erfahrung schon gemacht und war nun achtsam. Tatanka schwebte leicht wie eine Daunenfeder am Ufer des Baches nieder. Sie setzte sich auf eine gelbe Schlüsselblume, die eben erst ihre Blüte entfaltete und summte leise ein Lied, welches sie von den älteren Elfen gelernt hatte. Es hörte sich an, wie ein leises Rauschen des Windes. Plötzlich wurde sie durch ein lautes Geräusch, welches sie nicht einordnen konnte, aufgeschreckt. Sie versteckte sich unter den Grashalmen und hoffte, nicht entdeckt zu werden. Aber neugierig wie sie war, steckte sie ihr Köpfchen aus dem Versteck und sah eine Schafherde auf der Wiese weiden. Junge Lämmchen grasten dort und jetzt wusste sie auch, wer das Geräusch verursacht hatte. Es waren die Schafe mit ihrem mäh, mäh.
Doch was sie nun erblickte, ließ sie vergessen, wer und wo sie war. Im satten Grün der Wiese lag ein wunderschöner Jüngling. Er schlief. Sein schwarzes Haar war unter einer unförmigen Mütze verborgen, nur einige Strähnen schauten heraus und ließen erkennen, welche Farbe seine Locken hatten. Tatanka flog zu ihm herüber und ließ sich lautlos neben ihm nieder.
„Wie schön doch dieses Menschenkind ist“, dachte sie und eine leise Wehmut stieg in ihr auf. Wie hatte die Elfenfrau zu ihr gesagt? Freunde dich nicht mit einem Menschen an, denn dann kannst du nie mehr zu uns zurück. Doch die kleine Elfe hatte sich unsterblich in den schlafenden Jüngling verliebt. Und jetzt war sie sehr traurig, ihr kleines Herz war verwundet und es schmerzte bei dem Gedanken, dieses Menschenkind nie mehr wiederzusehen. Und sie weinte vor Kummer viele Tränen. Dann trat sie an den Jüngling heran und küsste ihn zärtlich und raunte ihm ins Ohr: „Nun sehe ich dich noch zweimal und dann niemals mehr. Dann flog sie davon. Als der Jüngling erwachte, wunderte er sich sehr. Er glaubte, einen schönen Traum gehabt zu haben. Eine Elfe hatte ihn geküsst. Als er sich umblickte, sah er sieben weiße, vollkommene Perlen im Gras liegen. Er hob sie auf und bewunderte sie. Er konnte sich nicht erklären, wo sie herkamen. Er nahm seine Stofftasche und legte die Perlen vorsichtig hinein, bevor er sich die Tasche über die Schulter warf. Dann sammelte er seine Schafe ein und machte sich auf den Heimweg. Am nächsten Tag war er wieder an der gleichen Stelle am Bach, ließ die Schafe weiden, legte sich ins Gras und schlief ein. Tatanka hatte auf ihn gewartet. Wie am Tag zuvor ließ sie sich vor ihm nieder, küsste ihn und raunte ihm ins Ohr: „Nun sehe ich dich noch einmal und dann niemals mehr.“ Dann weinte sie wieder bittere Tränen und flog davon. Der Schafhirte fand beim Erwachen wieder sieben weiße, vollkommene Perlen und wunderte sich sehr. Er legte sie zu den anderen Perlen und dachte bei sich: „Morgen werde ich versuchen, nicht einzuschlafen. Ich muss doch sehen, welche Dinge hier geschehen und woher die wunderschönen Perlen kommen.“
Am dritten Tag legte der junge Mann sich wieder ins Gras, aber er tat nur so, als ob er schlief. Tatanka, die kleine Elfe, schwebte heran und ließ sich vor dem Jüngling nieder. Wieder küsste sie ihn und sprach: „Nun sehe ich dich ein letztes Mal“, und weinte erneut bittere Tränen, die zu weißen Perlen wurden und auf die weiche, moosbedeckte Erde fielen. Der Jüngling schlug die Augen auf und erblickte zu seinem Erstaunen eine Elfe, eine wunderschöne Elfe. Sofort entflammte sein Herz für sie. Behutsam näherte er sich Tatanka und flüsterte ihr zu: „Hab keine Angst, kleine Elfe. Wie ist dein Name?“ „Ich werde Tatanka genannt“, erwiderte sie. Und traurig fügte sie hinzu: „Ich darf nicht mit dir reden. Jetzt kann ich nie mehr ins Elfenland zurückkehren.“ Der junge Schafhirte nahm Tatanka an der Hand und gestand ihr, dass er sich sofort als der die Augen aufschlug und sie sah, in sie verliebt hätte. Die kleine Elfe strahlte vor Glück und weil ein Mensch sie auch liebte, geschah das Wunder und sie nahm die Gestalt einer wunderschönen, jungen Frau an. „Komm mit mir, meine kleine Tatanka“, sagte der Jüngling. „Schau nur, die Tränen, die du aus Kummer geweint hast, sind alle zu weißen vollkommenen Perlen geworden. Wir sind reich und haben genug, um ein ganzes Leben glücklich und zufrieden miteinander zu verbringen. Sag, willst du meine Frau werden?“ „Ja, das will ich von ganzem Herzen“, rief sie freudig aus.
Die Hochzeit wurde alsbald gefeiert und unter den Gästen befanden sich auch einige Elfen, die natürlich nur von den Menschen gesehen wurden, die eins mit ihnen waren. „Werde glücklich, kleine Tatanka“, flüsterte eine Elfe ihr ins Ohr, nur für sie hörbar.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute glücklich und zufrieden.
Es beginnt die Zeit der lauen Nächte,
der Mond ganz sanft die Blumen weckt.
Und auf der silberhellen Wiese
ein Lied erklingt vom Wind gespielt.
Wie Harfentöne schwebt es durch die Lüfte
und lockt herbei ein Elfenpaar.
Verträumte, süße Düfte
streuen in die Blütenschar.
Zart und fein schwingen sie zum Tanze
von Grillen, Nachtigall‘n umringt.
Und in des Mondscheins vollem Glanze
ein Liebesfunke überspringt.
Am Waldesrande bei den Weiden
ungeahnt erscheint die Elfenschar.
Sie tanzt und singt im Reigen
umjubelt laut das Elfenpaar.
So wach ich auf und denke:
War es ein Traum, der mich umgab?
Oder gibt es sie, die Elfe
in einer lauen Maiennacht?
