Lesewoche - Rüdiger Koch - E-Book

Lesewoche E-Book

Rüdiger Koch

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Beschreibung

Lesewoche: Ein ideales Buch zum Verschenken oder selbst lesen! 7 Kurzgeschichten für jeden Tag einer Woche! Die Texte sind dem Alltagsgeschehen entnommen, spüren dessen gelegentliche Skurrilität auf und eignen sich wegen ihrer zumeist heiteren Note auch als Aufmunterung in krisenhaften Lebenssituationen. Alle 7 Kurzgeschichten gehen aus von einem Missgeschick bzw. einer Fehlleistung: So vermelden die Texte etwa, dass sich jemand verirrt, verzockt, sich verfährt, etwas vertauscht, sich vertut, verwirrt ist oder sich selbst verkennt. Konkret geht es beispielsweise darum, ob im Rotlichtmilieu ein Mann einen Schritt zu weit gegangen ist oder ob jemand beim Kartenspiel nicht aufgepasst hat. Ob zwei Suchende von einer unerwarteten familiären Vergangenheit eingeholt werden oder ob ein Unglücklicher den Faux Pas seines Lebens begeht. Ein kurzzeitig unaufmerksamer Autofahrer fädelt sich in die falsche Spur ein, eine verunsicherte alte Frau erliegt einer Sinnestäuschung und die Blasenschwäche eines Jugendlichen macht sich ausgerechnet bei einer Papstaudienz im Vatikan bemerkbar. Die Handlung folgt nun dem Weg, auf den sich die Akteure begeben, um zu einer Lösung ihrer Probleme zu gelangen. Dass dieser Weg hin und wieder mit Stolpersteinen gepflastert ist, unerwartete Wendungen nimmt und skurril anmutende Situationen entstehen lässt, macht die Sache spannend und sorgt gleichermaßen für Lesevergnügen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2015

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www.tredition.de

Rüdiger Koch

Lesewoche

7 skurrile Geschichten

www.tredition.de

© 2015 Rüdiger Koch

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7323-5862-5

Hardcover:

978-3-7323-5863-2

e-Book:

978-3-7323-5886-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Rüdiger Koch

Lesewoche

7 skurrile Geschichten

Inhalt

Montag:

Ausgefuchst und Schwein gehabt

Dienstag:

Felix Wojtyla

Mittwoch:

Falsche Tür

Donnerstag:

Emma

Freitag:

Verwirrt

Samstag:

Wenn Engel (mit)reisen

Sonntag:

Totgesagte leben länger

Ausgefuchst und Schwein gehabt

Prolog

Zu fortgeschrittener Stunde hatten die meisten Teilnehmer des privaten Doppelkopfturniers bereits das eine oder andere Glas vom süffigen Spätburgunder Weißherbst getrunken, der von den Gastgebern des Abends immer wieder großzügig nachgeschenkt worden war.

Nach einer mehr als zweimonatigen Pause wollten die acht Anwesenden - es waren überwiegend Lehrkräfte am Erwachsenenbildungskolleg in Schachtwald - endlich einmal wieder ihrer Spielleidenschaft frönen; entsprechend gelöst war die Stimmung im Raum. Gespielt wurde an zwei Vierertischen.

Petra hatte wie gewohnt wieder einmal ihre Augen überall gehabt und mit schnellem Blick ihren Mitspielern an Tisch 1 in die Karten geschaut. Folglich wusste sie längst, mit wem sie bei diesem Spiel zusammenspielen würde und mit wem nicht. Aufgrund ihrer geheimen „Karteneinsicht“ war sie sich sicher: Es würde nicht Walter sein. Dieses Wissen hielt sie jedoch nicht davon ab, sich mit einem als Hilfe deklarierten Angebot direkt an Walter zu wenden: „Wenn du Sorgen hast, kannst du sie jetzt loswerden“, säuselte Petra mit unschuldsvollem Blick, aber auch mit einer gewissen Ungeduld, was man an ihrer linken Hand ablesen konnte, die außer Kontrolle geraten zu sein schien und nervös auf die Mahagoniplatte des ersten Tisches klopfte.

Walter zögerte zunächst noch einen Moment lang, um dann aber mit einem Seufzer der Erleichterung endlich die Karte auszuspielen, die ihm vor Petras eigentlich unstatthafter Offerte so sehr unter den Nägeln gebrannt hatte.

Während Walter noch seiner Karte hinterherschaute, registrierte er am benachbarten Tisch 2, an dem die anderen vier Teilnehmer des Doppelkopfturniers spielten, eine Bewegung, die er nicht sofort einordnen konnte und die ihn zunächst nur irgendwie irritierte, die dann aber schlagartig seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Als er schließlich genauer hinschaute, erstarrte Walter: Was da etwa zwei Meter von ihm entfernt, also in seiner unmittelbaren Nähe, vor sich ging, war schier unglaublich und zog ihm augenblicklich den Boden unter den Füßen weg, wurde er doch ungewollt und unvorbereitet Zeuge einer völlig unakzeptablen Handlung seiner Frau, eines Verhaltens, das er von Elise niemals erwartet hätte. Er kannte doch seine Frau!? Oder etwa nicht…?

Elise, die alle hier nur Ella nannten, galt im Kreis der Doppelkopfspieler als eine sympathische und allseits beliebte Frau, die jedoch durch und durch traditionellen Konventionen verhaftet war und sich gerne als moralische Instanz verstand, gerade auch, wenn es um Fragen der Sexualmoral ging. Einige hielten sie in diesem Zusammenhang schlicht für eine Spaßbremse.

Dass jedoch stille Wasser, wie der Volksmund weiß, sich meist als ziemlich tief erweisen und Sein und Schein allenfalls Halbgeschwister sind, hatte sich jüngst zwar Ellas Lover Ronald bereits erschlossen, bis hin zu diesem Abend aber erstaunlicherweise noch nicht ihrem Ehegatten.

Deshalb traute Walter auch seinen Augen nicht, als er Ella bei einer Handlung ertappte, die nicht nur im eigentlichen Sinne des Wortes ein „sexueller Übergriff“ war, sondern nach landläufiger Meinung mindestens als geschmacklos, mehr noch aber als unmoralisch gelten würde und erst recht unter den gegebenen Umständen zweifelsfrei einen Akt ehebrecherischen Ausmaßes darstellte: Nur notdürftig verhüllte nämlich der herunterhängende Zipfel eines Tischtuchs, dass sich die Hand von Walters Ehefrau Ella voller Eifer am Hosenschlitz ihres Sitznachbarn Ronald zu schaffen machte.

Walter hatte genug gesehen!

Bleich vor Wut stand er auf, blickte auf den Kartentisch und hatte noch sekundenlang vor Augen, was ihm Petras triumphierender Blick verriet: Sie hatte ihn mit ihrer „vergifteten“ Offerte aufs Glatteis geführt und den Stich nicht für ihn übernommen, sondern als seine Gegnerin gemacht, indem sie Walter zum Ausspielen seiner Karo-Ass-Karte, die von Doppelkopfspielern „Fuchs“ genannt wird, animiert, ja geradezu verleitet und ihn damit schlichtweg überlistet hatte.

Petra hatte mit ihrem geglückten Täuschungsmanöver, über das sie sich diebisch freute, Walters Fuchs „gefangen“ und damit ihren vermeintlichen Spielpartner aber tatsächlichen Spielgegner ebenso zum Trottel gemacht wie seine Ehefrau Ella ihn als Hahnrei zum Gespött hatte werden lassen.

Dies jedenfalls waren Walters erste Gedanken angesichts einer Situation, auf die er in keiner Weise vorbereitet war und in der es ihn - sozusagen - „kalt erwischt“ hatte.

Was er gesehen hatte, hätten mit großer Wahrscheinlichkeit auch andere im Raum sehen können, nämlich alle seine sogenannten „Freunde“, die sich über das Geschehnis mit Sicherheit nur zu gern das Maul zerreißen würden.

Dies alles ging Walter in Sekundenbruchteilen durch den Kopf, als er mit einem vor sich hin gezischten „Scheiß Weiber!“ ohne sich zu verabschieden, nahezu fluchtartig den Raum verließ, verschwand und eine ratlose Gruppe von Doppelkopfspielern zurückließ.

Tatsächlich hatte jedoch niemand außer Walter die in subversiv-erotischer Absicht vortastende und vorfühlende Hand seiner Frau Ella bemerkt, die sich natürlich ebenso wie Ronald, ihr männlicher Gegenpart und Lover, sorgsam davor hütete, freiwillig ihr kleines pikantes Geheimnis zu lüften.

Von dieser Seite aus erfolgte also keinerlei Aufklärung des für alle nicht nachvollziehbaren Zornesausbruchs von Walter sowie für sein plötzliches Verschwinden.

Da sich die „Hauptverursacher“ von Walters fluchtartigem Abgang aus verständlichen Gründen bedeckt hielten, konzentrierte sich die Diskussion unter den zurückgebliebenen Doppelkopfspielern ausschließlich auf Walters Verärgerung über den „gefangenen Fuchs.“ Letztlich fragten sich jedoch alle, was wohl in Walter gefahren sei, derart überzureagieren bzw. sich so kindisch zu verhalten.

„Ich bin mir jedenfalls keiner Schuld bewusst, wenn Walter hier den Abgang macht“, sagte Petra schließlich unter dem beifälligen Gemurmel und zustimmenden Kopfnicken der Zurückgebliebenen.

Man war sich einig, dass Walter sich unmöglich benommen hatte, wollte sich aber durch sein unakzeptables Verhalten nicht die Spiellaune verderben lassen.

Nur Ella wurde von der allgemeinen Stimmung nicht erfasst.

Einerseits hatte sie jetzt Gewissensbisse bekommen wegen ihres heftigen Flirts mit Ronald, der unter beiderseitigem überreichlichen Alkoholgenuss völlig aus dem Ruder gelaufen war, andererseits schämte sie sich auch für ihren Gatten. Trotz jahrelanger Erfahrung in ihrer Ehe konnte sie immer noch nicht nachvollziehen, wenn er in bestimmten Situationen - bildlich gesprochen - aus einer Mücke einen Elefanten machte und selbst bei der kleinsten Kleinigkeit, wie z. B. einem im Kartenspiel „gefangenen“ Fuchs, total ausrastete. Unter dem Vorwand, starke Kopfschmerzen zu haben, verabschiedete sich Ella aus der Doppelkopfrunde, was allgemein bedauert wurde - auch schon deshalb, weil durch zuerst Walters und jetzt ihren Weggang nur noch an einem Tisch gespielt werden konnte.…

Walter

Mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit schoss der weiße 5er BMW über die enge, auf beiden Seiten von Chausseebäumen flankierte Landesstraße.

Das Gefühl für die Gefahren, die auf dieser Straße drohten, war Walter durch den reichlich genossenen Alkohol abhandengekommen; außerdem befand er sich in einem emotionalen Ausnahmezustand und musste sich einfach irgendwie abreagieren.

Das eingebaute Audio-System seines Wagens zeigte, wozu es fähig ist: So fuhr Walter begleitet von Helene Fischer unter Dolby Surround Bedingungen in voller Lautstärke mitsingend „atemlos durch die Nacht“.

Vor ihm tauchte aus der Dunkelheit eine von hohen Bogenlampen hell erleuchtete Straßenkreuzung auf.

Walter konnte sich daran erinnern, dass sich dort neben einer Bushaltestelle auch ein Schnellimbiss befand. Die Pommesbude sehen und Appetit bekommen war eins für Walter. Obwohl er eigentlich den Geruch von zigmal wieder verwendetem Frittenfett verabscheute, meldete sich jetzt vehement sein Magen.

Walter war zwar am Abend verköstigt worden, denn es war üblich, dass die jeweiligen Gastgeber den Mitgliedern der Doppelkopfrunde etwas zu essen anboten, aber gemäß dem plattdeutschen Schnack: „Wat de Buur nich kennt, dat frett he nich!“ hatte Walter sich entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten beim Essen sehr zurückgehalten und nur aus Höflichkeit Kleinstportionen zu sich genommen.

Als Gastgeber des aktuellen Doppelkopfabends wollte das Ehepaar Schulze-Dinkelgrün seine in kulinarischen Angelegenheiten bewunderte, von einigen seiner Gäste allerdings auch gefürchtete kreativ-experimentelle Gesinnung und Kompetenz einmal mehr unter Beweis stellen und servierte als Hauptgang moldawische Letscho-Bratlinge mit einem Sulz aus Wiesenchampignons und einem Rote-Bete-Stampf. Wie üblich bei den abendlichen Treffen der Doppelkopfgruppe hatte das Essen allen ein Ah und Oh entlockt.

Auch Walter hatte in das Loblied mit eingestimmt, insgeheim jedoch für sich gedacht: „Das mag ja alles schön und gut sein, aber letztlich ist das ein Essen für den hohlen Zahn. Viel lieber wäre mir jetzt ein kaltes Kotelett mit Kartoffelsalat, ein Schnitzel mit Pommes Frites oder einfach eine schlichte Currywurst in der Pappschachtel, mundgerecht zerteilt und mit einer süßscharfen Sauce übergossen.“

Als er den Schnellimbiss erreicht hatte und seinen weißen BMW auf dem geschotterten Parkplatz mit einer Welle aufspritzender Kieselsteinchen zum Stehen gebracht hatte, stand sein Entschluss fest: Hier würde er sich für das ihm heute Abend entgangene Vergnügen entschädigen, zumindest was seinen Appetit auf etwas Deftiges und Scharfes betraf.

Walter stellte sich an den Tresen, hinter dem eine schon etwas ältere Frau mit verschiedenen Behältnissen hantierte. Nachdem er die Speisenangebote auf der beleuchteten Anzeigetafel ausgiebig betrachtet hatte, orderte er: „Einmal Curry schön scharf und Pommes „Schranke“, dazu ein Jever.“ Beim Aufgeben der Bestellung lief Walter bereits das Wasser im Munde zusammen.

Da im Moment keine anderen Gäste im Imbiss waren, blieb Walter am Tresen stehen, schaute der Frau zu, wie sie sein Essen zubereitete und fing dann ein Gespräch mit ihr an: „Was ist mit der jungen Frau da draußen an der Bushaltestelle? Die muss sich doch zu Tode frieren bei der Kälte!“

„Och, die steht da schon ’ne ganze Zeit, wartet wohl auf den Bus, kommt aber keiner mehr. Ein paar von meinen Kunden hat sie schon angehauen, sie mitzunehmen. Haben aber alle abgelehnt. Schätze, die kommt auch zu ihnen!“

Walter setzte sich an einen der resopalbeschichteten Tische, aß erst seine Currywurst mit großem Appetit und stippte dann die Fritten abwechselnd in die überreichlich vorhandene Mayo bzw. das Ketchup, bis alles verzehrt war.

Zwischendrin hatte Walter auch die Jeverflasche in großen Schlucken geleert und beendete nun seine Mahlzeit mit einem gewaltigen Rülpser. Essen, Trinken und der Rülpser hatten Walter gutgetan und seine Laune deutlich verbessert.

Hin und wieder blickte Walter in Richtung Buswartehäuschen. Sie stand noch immer da und hatte die Arme um ihre Brust gelegt, vermutlich um sich vor der beißenden Kälte da draußen zu schützen. Sie schaute jetzt in seine Richtung.

Walter verspürte bei sich den Impuls, seine Arme um den Körper der jungen Frau zu legen.

Er machte eine unbestimmte Armbewegung, die man als Einladungsgeste verstehen sollte und offensichtlich auch konnte, denn die junge Frau hatte verstanden.

Sie lief auf den Imbiss zu, öffnete die Tür, brachte einen Schwall eisiger Luft mit hinein und stand plötzlich vor Walter, dem bei ihrem Anblick für einen kurzen Moment der Atem stockte.

Die Frau war ja der Hammer mit ihren kurz geschnittenen, fuchsrot eingefärbten Strubbelhaaren sowie ihrer leicht drallen, aber ansonsten gut proportionierten Figur, die ihre weiblichen Reize ebenso sichtbar machte wie es auch ihr sexy Outfit tat, das aus Leggings im Farbton ihrer Frisur, einem minikurzen schwarzen Lederrock und einer Lederjacke mit Pelzbesatz bestand. Dazu trug sie hoch geschnürte Stiefel von Doc Martens.

Spontan formte sich in Walters Bewusstsein das Wort, mit dem er seine Wahrnehmung auf den Begriff brachte:

Die junge Frau, die auf einen bloßen Wink von ihm hierhergekommen war und nun vor ihm stand, entsprach ganz und gar seinen Vorstellungen von einer „Foxy Lady“, deren erotische Ausstrahlung ihn schon gelegentlich in Tagträumereien beunruhigt, aber auch fasziniert hatte.

Als Walter - nach einigen Sekunden verträumter Zeit - wieder einigermaßen klar denken konnte, sprach er die junge Frau von sich aus an, um ihr die Peinlichkeit zu ersparen, hier als Bittstellerin auftreten zu müssen.

„Darf ich Sie auf einen Kaffee einladen? Sie müssen ja völlig durchgefroren sein; da tut Ihnen ein heißer Kaffee sicher richtig gut, oder möchten Sie lieber einen Glühwein?“

„Danke für die Einladung, aber das süße Zeugs ist nicht so meins. Würdest du mir vielleicht einen Jagertee bestellen? Der wärmt jedenfalls phantastisch.“

„Super, wie das läuft mit uns, die Braut weiß, was sie will und wir sind jetzt schon beim Du“, dachte Walter und bestellte zwei Jagertee bei der Frau am Tresen, die voller Interesse beobachtete, wie sich die Dinge an dem vorderen Tisch entwickelten.

„Möchtest Du vielleicht auch etwas essen? Ich spendiere Dir gerne eine Currywurst und Fritten“, sagte Walter zu der jungen Frau, die sich inzwischen zu ihm gesetzt hatte und schob dann nach, indem er in Richtung Tresen deutete: „Die Curry machen sie hier echt scharf!“

„Ich liebe es scharf, aber nicht so sehr in der Currywurst … Trotzdem danke für das Angebot. Ich nehme aber gerne eine Portion Pommes mit Mayo und noch einen Jager, wenn das für dich o.k. ist?“

„Aber sicher doch: Auf einem Bein kann man ja nicht stehen, deswegen hole ich mir jetzt auch noch einen zweiten Jagertee.“

Walter ging zum Tresen, kam dann mit zwei randvoll gefüllten Gläsern zurück und fragte: „Worauf trinken wir?“

„Wir sollten darauf trinken, dass uns beiden richtig warm wird und auf alles, was uns der Abend noch so bringt.“

„Du gehst ja ganz schön ran, Süße. Dabei weiß ich noch nicht einmal, wie du heißt.“

„Auch auf die Gefahr hin, dass Du meinen Namen altbacken und abtörnend findest: Ich heiße Gudrun! Ich schätze mal, du hast auch einen ganz stinknormalen Namen. Du siehst jedenfalls so aus, als könntest Du Willy, Werner oder auch Walter heißen.“

Als ihr Gegenüber beim letzten Namen zustimmend nickte, ergänzte sie: „Hab ich mir doch gleich gedacht! Du siehst jedenfalls aus wie ein „W-Typ“ und Du bist auch einer: Wirst leicht wütend, bist wehleidig und wankelmütig wie die meisten Männer, die nie wissen, was sie eigentlich wollen. Im Gegensatz dazu weiß ich genau, was ich will!“

„Und das wäre?“

„Ich möchte, dass du mich nach Hause fährst. Ist das zu viel verlangt?“

„Kommt darauf an, wo du wohnst.“

„In Fähensen, nur 6 Kilometer von hier.“

„Das lässt sich bestimmt machen.“

„Na, dann wollen wir doch mal sehen, was sich da machen lässt. Hast ja ’ne echt schicke Karre da draußen, damit sind wir bestimmt in 10 Minuten in Fähensen.“

Walter war für einen Moment nicht mehr ganz bei sich. Die Selbstverständlichkeit, mit der Gudrun das Wörtchen „wir“ benutzte, hatte ihn sprachlos gemacht.

Mit offenem Mund starrte er Gudrun an, was sie veranlasste zu sagen: „Wie guckst du denn? Alles im Griff, schöner Mann? Du musst nicht sauer sein, wenn ich dich ein bisschen ärgere. Auch wenn Du Walter heißt und ein W-Typ bist: Irgendwie mag ich Dich und deswegen steig ich auch in deinen weißen Schlitten ein. Los, und nun komm endlich!“

„Ganz schön schräg, die Tussi“, dachte Walter und blieb noch auf seinem Platz sitzen. Er konnte diese eigenartige Frau nicht so recht einordnen und fühlte sich durch ihr raumgreifendes Auftreten verunsichert, das man wohlwollend als selbstbewusst bezeichnen konnte, dem man aber genauso gut das Etikett „aufdringlich“ hätte anheften können.

Ob sie wohl eine Professionelle war und hier anschaffen ging? -

Walter hätte es nicht sagen können und war sich gar nicht mehr so sicher, ob er diese zweifellos reizvolle und ihm auch nicht unsympathische junge Frau, die ihn trotz des Altersunterschieds zudem auch zu mögen schien, in seinem Wagen mitnehmen sollte.

Er hatte da ziemlich unbedacht etwas in Gang gesetzt, das nun eine eigene Dynamik entwickelte, von der er nicht wusste, wohin sie ihn führen würde. Entsprechend zögerlich verhielt er sich jetzt.

„Was ist los, Walter? Hast du kalte Füße bekommen und willst mich nicht mehr mitnehmen? Du denkst bestimmt, dass ich ’ne Nutte bin, die an der Bushalte auf Freier wartet. Hab’ ich recht? Du brauchst gar nicht erst rot zu werden, ich habe es dir die ganze Zeit schon angesehen, dass Du das von mir denkst. Vielleicht macht es Dich ja sogar an, wenn Du mich kaufen könntest, aber da muss ich Dich enttäuschen: Ich bin nicht käuflich – nur furchtbar wütend. Bis heute Mittag noch glaubte ich, fest liiert zu sein und zwar mit einem Kerl, der ungefähr so alt ist wie du. Irgendwie hab ich es wohl mit den etwas älteren Semestern. Vielleicht liegt das daran, dass ich, obwohl erwachsen, noch zur Schule gehe, da verliebt man sich leicht in seine Lehrer. So ist es mir jedenfalls mit Ronald gegangen, der am hiesigen Erwachsenenbildungskolleg mein Mentor und Vertrauensdozent war.

Dass Ronald verheiratet ist, hat mich dabei nicht gestört, im Gegenteil: Ich fand es immer ganz beruhigend, dass es da jemanden gibt, der den ganzen Müll, den so ein Mann ständig produziert und mit sich herumträgt, tagtäglich entsorgt.“

„Was hat dich denn dann so wütend gemacht. Etwa dieser Ronald?“

Nachdem Gudrun diesen Namen genannt hatte, war Walter ganz Ohr und begierig, irgendwelche Details zu erfahren, die seinen plötzlich aufkeimenden Verdacht bestätigen würden.

„Ja, natürlich Ronald. Wer denn sonst? Der Kerl spielt mit falschen Karten: Erst sülzt er mir die Hucke voll, dass seine Frau ihn nicht versteht und sich von ihm abgewendet hat und ich sein Ein und Alles wäre, was ich, wie schon gesagt, gar nicht werden möchte. Und dann, du glaubst es nicht, erfahre ich, dass dieses Arschloch ständig mit einer anderen Frau SMS austauscht und sie auch wöchentlich trifft. Seine eigene Frau darf davon natürlich nichts mitbekommen, genau so wie Ronald ihr auch meine Existenz verheimlicht hat.

Für mich ist jetzt Schluss mit lustig. Das habe ich Ronald heute auch verklickert: Ich spiel da nicht mehr mit. Die Ehefrau mit einer Geliebten zu betrügen ist schon nicht besonders anständig, aber dann den Hals nicht voll zu kriegen und mit noch einer anderen rumzumachen, das ist einfach zu viel! Als ich ihm das an den Kopf geworfen habe, hat Ronald nur gelacht und gesagt: ‚Das ist doch allein meine Angelegenheit, was mischst du dich da ein und woher weißt du überhaupt das mit Ella?’ Da bin ich aber ausgeflippt. Ich habe ihn angeschrien, dass mich das sehr wohl etwas angehe und dass wir hier doch nicht in einem Swinger Club seien. Für mich ist jedenfalls jetzt Feierabend.

Da fing er wieder mit seinem Gesülze an: ‚Ach Gudrun, du bist doch etwas ganz Besonderes für mich.’ So ging das die ganze Zeit weiter, bis ich gesagt habe: ‚Schluss jetzt! Pack deine Sachen und verschwinde. Ich will dich hier nicht mehr sehen, wenn ich in meine Wohnung zurückkomme.’ Um mich selber für die Zukunft vor Verleumdungen abzusichern, die ich Ronald durchaus zutraue, habe ich ihn noch gewarnt: ‚Wenn ich spitzkriege, dass du irgendwann schlecht über mich redest, dann werde ich auspacken und jedem, der es hören will, die ganze Geschichte erzählen. Das wird dann weder deiner Frau, noch dieser Ella gefallen, am allerwenigsten aber dir selbst.’

Da war plötzlich von dem großartigen Ronald nicht mehr viel übrig: Sooo klein mit Hut war der auf einmal! Und dann habe ich ihm noch einen guten Rat mit auf den Weg gegeben: ‚Wenn Du mich fragst, woher ich das mit Ella weiß, dann antworte ich dir: Du solltest dein Handy nicht überall unbeaufsichtigt herumliegen lassen. Frauen sind nämlich von Natur aus neugierig.’

Nachdem ich ihm das gesteckt hatte, hättest du sein Gesicht sehen müssen - einfach köstlich! Damit, dass ich praktisch alles über ihn und diese Ella wusste, hatte er nicht gerechnet. Man konnte es ihm ansehen, dass er sich jetzt zu Dreck ärgerte, weil er selbst so blöd gewesen war, den Verlauf auf seinem Smartphone nicht zu löschen. Das Gute an dem Schock, den diese Erkenntnis bei ihm ausgelöst hatte, war zu meiner großen Erleichterung, dass er endlich kapiert hatte, dass mit mir nichts mehr lief. Nach dem ganzen Trara mit Ronald brauchte ich erst einmal Zeit für mich und vor allem frische Luft. Ich habe deshalb meine Wohnung verlassen und einen längeren Waldspaziergang unternommen. Irgendwann bin