Lessons for Misguided Witches. Verlorene Magie - Norah Banner - E-Book

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Beschreibung

»Was wäre das Erste, das du tust, wenn du wieder zaubern könntest?« Die 19-jährige Elize liebt Hip Hop, tanzt für ihr Leben gern und verbringt die meiste Zeit im Kreise ihrer Clique. Ein ganz normales Leben also – bis auf eine Winzigkeit: Sie ist eine Hexe und niemand darf es erfahren. Als sie bei einem Unfall ihre Kräfte inmitten einer Menschenmenge offenbart, bricht sie das oberste Gesetz der Hexenwelt und wird prompt dafür bestraft. Elize kann es nicht fassen: Da spielt sie mal die gute Samariterin und zum Dank verliert sie all ihre Magie! Um sie wiederzuerlangen wird sie auf die School of Wizards in Bibury, England geschickt – die so gar nicht im 21. Jahrhundert angekommen zu sein scheint. Etwas, das auch für den jungen und charmanten Mr Goldberg gilt, ihren Lehrer in der Class of Misguided Witches and Wizards. Dennoch erweckt er nicht nur verbotene Gefühle in ihr, sondern auch eine Magie, die weitaus stärker ist, als je zuvor ...   Von der talentierten Newcomerin Norah Banner – cool, frisch und einfach magisch!  //»Lessons for Misguided Witches. Verlorene Magie« ist ein in sich abgeschlossener Einzelband.// 

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Lessons for Misguided Witches. Verlorene Magie

»Was wäre das Erste, das du tust, wenn du wieder zaubern könntest?«

Die 19-jährige Elize liebt Hip Hop, tanzt für ihr Leben gern und verbringt die meiste Zeit im Kreise ihrer Clique. Ein ganz normales Leben also – bis auf eine Winzigkeit: Sie ist eine Hexe und niemand darf es erfahren. Als sie bei einem Unfall ihre Kräfte inmitten einer Menschenmenge offenbart, bricht sie das oberste Gesetz der Hexenwelt und wird prompt dafür bestraft. Elize kann es nicht fassen: Da spielt sie mal die gute Samariterin und zum Dank verliert sie all ihre Magie! Um sie wiederzuerlangen wird sie auf die School of Wizards in Bibury, England geschickt – die so gar nicht im 21. Jahrhundert angekommen zu sein scheint. Etwas, das auch für den jungen und charmanten Mr Goldberg gilt, ihren Lehrer in der Class of Misguided Witches and Wizards. Dennoch erweckt er nicht nur verbotene Gefühle in ihr, sondern auch eine Magie, die weitaus stärker ist, als je zuvor …

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Vita

Danksagung

© privat

Norah Banner wuchs in einem ländlichen Dorf in der Nähe von Heilbronn auf. Ihre Liebe galt schon in der Grundschule den Büchern. Auch heute liest sie noch viel, vor allem Fantasy- und Liebesromane mit einer guten Prise Humor. Mit jedem selbst geschriebenen Wort lebt sie ihren Traum. Wenn sie gerade nicht schreibt oder liest, dann verbringt sie ihre Zeit mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern, oder diskutiert mit ihrer Schwester bei einem guten Glas Wein über ihren aktuellen Buddyread.

Ich widme dieses Buch jedem, in dem auch nur ein Fünkchen Magie steckt. Jedem, der sich eine Minute Zeit nimmt, um den Sternenhimmel anzusehen. Und jedem, der den schönen Dingen mehr Beachtung schenkt als den schlechten.

Eins

Mein Name ist Elize

Mein Name ist Elize Hecht, ich bin neunzehn Jahre alt und beherrsche mit vollem Stolz den Grundstein der magischen Elemente. Na ja, die meisten meiner Sorte nennen es ganz klassisch Hexerei, aber ich finde zaubern eindeutig das schönere Wort. Es klingt eleganter, nicht so schwarz-magisch und hat mehr Stil. Im Grunde bin ich überhaupt nicht so anders als normale Mädchen in meinem Alter. Meine beste Freundin Josephine ist ein normaler Mensch. Sie ist die Einzige, der ich jemals erzählt habe, was ich eigentlich bin. Was auch damit zusammenhängt, dass Josy ständig bei uns herumhängt. Und die Sache, dass mein Paps ein Zauberer der uralt-eingefleischten Sorte ist, der seine Autos nicht selbst repariert, hätte das Ganze ziemlich kniffelig gemacht. Er war schon immer der Meinung, man könne alles mit Magie lösen. Also fliegen bei uns dementsprechend oft Autoreifen, Glühbirnen und andere alltägliche Dinge durch die Gegend. Klar, Josy findet es cool, dass bei uns der Herd das Essen selbst kocht – wenn auch mehr schlecht als recht – und Mama dafür mit eher verrückten Dingen wie Hexen-Yoga und Öko-Zaubersprüchen beschäftigt ist. Ich dagegen beneide sie um ihre spießigen, normalen Eltern und darum, dass sie sich nicht ständig davor in Acht nehmen muss, dass ihr etwas gegen den Kopf knallen könnte. Aber so ist das Leben, man möchte immer das, was man nicht hat.

Josy war anfangs ganz entsetzt gewesen, dass man als Hexe weder einen Zauberstab brauchte noch sonst die klischeehafte schwarze Katze und Spinnweben an der Decke hängen hatte. Zauberstäbe gab es nicht, ein reines Märchen. Statt einer schwarzen Katze hatten wir ein dickes Meerschweinchen namens Isaac, das schon viel länger lebte, als der Tierarzt es ihm vor drei Jahren aufgrund seines Übergewichts prophezeit hatte, und wer bei uns nur eine einzige Fussel suchte, würde niemals etwas finden. Mama – oder eher unsere verzauberten Haushaltsgeräte – waren quasi besessen von Reinheit. Den Staubsauger hatte ich schon oft dabei erwischt, wie er sich bei nur einem einzigen Krümel unter dem Tisch heimlich in Gang setzte. Was dann eben nicht mehr heimlich war. Und der Staubwedel war sowieso irre, ich war mir sicher, dass er zwei Persönlichkeiten hatte. Er konnte putzen wie ein Weltmeister, manchmal aber, wenn man ihn dazu aufforderte, blieb er stur im Eck liegen. Eigensinniges Ding!

Ach ja, neben meinem grandiosen Hexen-Menschen-Leben kämpfe ich mich gerade durch mein letztes Jahr an der Schule und habe hoffentlich in zwölf Monaten das Abi in der Tasche.

Und was mein Aussehen angeht, beschreibt mich durchschnittlich hübsch am besten. Ich war mit meinen 1,65 Metern nicht unbedingt groß und außerdem, trotz meiner Liebe zum Sport, zu dünn – ein Hoch auf den Stoffwechsel, den ich von meiner Mutter geerbt hatte. Tja, und grüne Augen mit braunen Locken waren jetzt auch nicht unbedingt ein seltenes Highlight.

Das hätte ich aufgeschrieben, wenn mir jemand ein Blatt Papier und einen Stift gegeben und gesagt hätte »So, Elize, jetzt beschreibst du dich und dein Leben mal in ein paar kurzen Sätzen.«

Alles in allem war ich ein ziemlich zufriedener Teenager.

Ach ja, total vergessen: negative Dinge? Gibt es, sicher! Zumindest ein paar Ticks, die wohl den ein oder anderen in den Wahnsinn treiben würden. Aber hat die nicht jeder? Ich kann zum Beispiel nicht mehr aus einem Glas trinken, aus dem vorher schon jemand getrunken hat. Wenn ich mir nur vorstelle, dass darin ein Stück Brötchen, Wurst oder sonst etwas schwimmen könnte, ist es aus und vorbei. Ich mag es außerdem nicht, wenn man auf einem Fenster oder einer Küchenhochglanzeinrichtung Fingerabdrücke erkennen kann. Mit dieser Eigenschaft bin ich, denke ich, allerdings nicht ganz allein. Immerhin, zur Freude meiner Eltern bin ich ein sehr reinlicher Teenager. Also werte ich das eher als positive Eigenschaft. Was mir sonst noch auf Anhieb einfallen würde, wäre noch der Fakt, dass ich es hasse, wenn jemand kaut. Also nicht des Kauens wegen, sondern der Lautstärke. Jeder muss sein Essen kauen, keine Frage. Aber es sollte ein Schalldruckpegelgesetz für genormt lautes Kauen geben, oder nicht? Ansonsten war ich pflegeleicht, freundlich und hatte die typischen Teenager-Symptome, die mit zunehmendem Alter wieder verschwinden würden. Wir Halbwüchsigen waren süchtig nach Spaß, unseren Freunden, coolen Partys und ja, ich gestehe es … ich war irgendwie mit meinem Handy verwachsen.

So kam es auch, dass ich am letzten Sommermorgen vor den Ferien aufwachte und vor lauter Freude das Zucken und Flimmern in meinem linken Auge ignorierte. Wie ich erwähnt hatte, war es die abendliche Party, die mich alles andere ausblenden ließ. Rückschauend betrachtet ein fataler Fehler, aber hätte mich überhaupt jemand darüber aufklären können? Wohl nicht.

Ich zog mich an, band meine Haare zu einem Pferdeschwanz und ging immer zwei Stufen auf einmal nehmend nach unten in unsere Küche.

»Morgen, Mama.«

Sie war damit beschäftigt, ihre Lunchdose für die Arbeit zu richten. Ich sah dabei zu, wie Joghurt, Äpfel und Bananen durch unsere Küche flogen und sie nebenbei in einer Fitnesszeitschrift den neuesten Mittagspausen-Snack-Trend studierte. Ich lächelte, weil sie es mit ihrer schlanken Figur überhaupt nicht nötig hatte, aber für Erwachsene mit Vorbildfunktion war gesunde Ernährung wohl ungeschriebenes Gesetz. Hexe hin oder her.

»Guten Morgen, mein Schatz.« Sie sah kurz auf und lächelte. »Heute ist dein letzter Schultag.«

»Stimmt. Aber wir machen sowieso nicht mehr viel.«

»Freust du dich auf die Ferien?«

Und wie! Meine Eltern hatten vor ein paar Monaten vorgeschlagen, Tante Alba in Spanien zu besuchen. Ich erinnerte mich nur vage an sie, wir waren nicht mehr dort gewesen, seit ich dreizehn oder vierzehn Jahre alt war. Hauptsächlich, weil mein Vater es nicht akzeptiert, ohne Zauberei zu reisen. Aber man kann sich schließlich nicht von Ort zu Ort hexen, dafür braucht es dann doch das klassische Flugzeug. Und diesen Sommer hatte Paps endlich nachgegeben. Wurde auch mal Zeit, rauszukommen.

»Total«, antwortete ich, »deshalb würde ich mit Josy heute gern einen Filmeabend zum Einläuten machen. Du weißt schon, etwas Schönes soll man auch schön beginnen.«

»Eine schöne Idee. Was schaut ihr euch an?«

Ich presste die Lippen aufeinander und verkniff es mir, ihr zu erzählen, dass Josy und ich auch filmtechnisch eine Vorliebe für diverse Hexen und Zauberer hatten. Nur eher auf die komödiantische Art. Wie oft hatten wir schon vor Lachen auf dem Boden gelegen, wegen all dieser seltsamen Darstellungen unseresgleichen. Aber nun gut, so cool meine Mutter war, ich wollte ihr dann doch nicht direkt zu dick aufs Brot schmieren, dass ich Magie nicht immer ernst nahm. In dieser Hinsicht hatte sie ein paar Meinungen meines Vaters wohl ein paarmal zu oft gehört.

»Twilight. Teil eins bis drei«, entschied ich mich also für ein Zwischending. Das war auch Fantasie, aber ohne Zauberei. Also nicht so wirklich zumindest.

»Ach, das mit dem Mädchen und dem Hund?«

Ich verzog das Gesicht. »Es ist ein Werwolf, Mama, und hauptsächlich geht es um den Vampir.«

Sie schüttelte verständnislos den Kopf, während die letzte Banane sich den Weg in ihre Brotbox bahnte. »Schlimm, wie diese armen Werwölfe immer dargestellt werden. Sie sind so freundliche Leute …«

Genau das meinte ich … Gut, sie hatte recht. Meine Tante Alba war schließlich auch ein Werwolf und die netteste Person der ganzen Welt. Es war nicht so, dass sie sich bei Vollmond in ein Monster verwandelte. Ihre einzige Plage waren einfach das Fell und die Läuse, die sie in den Mondtagen in Kauf zu nehmen hatte. Das hatte ihrem zweiten Mann Rolf immer ganz besonders zugesetzt. Sie hatten sich in Frankfurt kennengelernt, als Alba zu Besuch bei meinen Eltern gewesen war. Vor meiner Zeit. Und zwar in einer Apotheke. Liebe auf den ersten Blick und alles, hatte Mama mir erzählt. Sie hatte sich ein Läuseshampoo gegen das monatliche Jucken besorgt und Rolf, der Apothekeninhaber, hatte sofort gewusst, was sie war. Denn sie teilten dasselbe Schicksal. Rolf, der Werwolf, oder auch WerRolf, wie er immer darauf bestanden hatte, von der Familie genannt zu werden, hatte Tante Alba im darauffolgenden Winter geheiratet. Ich erinnere mich kaum an ihn, was für das Gedächtnis eines Kleinkindes üblich ist. Es war das typische Auseinanderleben nach einigen Jahren gewesen und laut meinem Vater auch Albas immer empfindlicher werdendes Gemüt. Die Zeit um die Mondtage wurde mit dem Alter nicht leichter, zumindest nicht für meine Tante. Alba war zunehmend schlechter gelaunt geworden, was WerRolf dazu veranlasst hatte, sich in einer spanischen Apotheke in die nächstbeste Kundin zu verlieben, die ein Läuseshampoo kaufte.

Allerdings hatte die Dame tatsächlich nur an Kopfläusen mit Nissen gelitten. Aber wie das Schicksal so spielte, akzeptierte sie Rolf und sein Wesen voll und ganz und lebte bis heute ziemlich glücklich mit ihm in Tante Albas Nachbarschaft. Alle Beteiligten kamen damit klar und Alba ging laut ihrer Briefe sogar regelmäßig zu ihren Rommé-Abenden.

Das Leben eben.

»Also«, wechselte ich wieder das Thema, »dann bin ich heute Nacht bei Josy, ja?«

Ich blinzelte. Es war keine Lüge, denn das war unser erster Gedanke gewesen. Dass Alex und Ben zusammen eine Party schmissen, weil ihre Eltern verreist waren, hatten wir zu dem Zeitpunkt nicht gewusst.

Ich hätte meiner Mutter auch die Wahrheit erzählen können, immerhin war ich alt genug. Aber so war es einfacher. Sie musste sich keine Sorgen machen, wenn ich bei Josy war, und ich mir keine darum, wann ich wieder nach Hause gehen sollte. Im Grunde würde ich irgendwann in den frühen Morgenstunden ja tatsächlich bei meiner besten Freundin nächtigen.

Ein kleines bisschen hatte ich das Gefühl, dass meine Mutter Bescheid wusste. Aber sie sagte nichts und wünschte mir nur viel Spaß, nachdem sie mir einen Kuss auf die Stirn gegeben hatte. Auch sie war in Urlaubslaune und ich merkte ihr die Vorfreude auf ihre Schwester an. Vielleicht sollte ich auch noch kurz Albas Wolfslaufbahn erwähnen. Es ist völliger Quatsch, wie es gern dargestellt wird. Absolut niemand wird zum Werwolf, wenn ein anderer Werwolf ihn beißt. Das ist schließlich nicht übertragbar wie Tollwut. Nein, es ist eher eine Laune der Natur, wie man so schön sagt. Die Werwölfe haben ein bestimmtes magisches Chromosom, wie auch wir Hexen und Zauberer. Niemand kann sich das aussuchen, es ist einfach so ein Zellkern-einer-Zelle-Ding. Was aber klar ist, dass Wolfsgene fast ausschließlich in magischen Familien vorkommen. Noch genauer erklären kann ich das leider nicht, aber ich habe auch nicht vor, später mal bei der magischen Humangenetik zu arbeiten. Manche Sachen sind einfach, wie sie sind.

***

Die letzten beiden Unterrichtsstunden zogen sich. Mathe und Mathe, na super. Unser Lehrer war leider einer der hartnäckigen Sorte. Vom alten Schlag, könnte man sagen. Im Gegensatz zu seinen jüngeren Kollegen sah er es nicht ein, heute weniger Stoff durchzunehmen und strengte sich scheinbar ganz besonders an, die Köpfe seiner Schüler, die eigentlich schon in den Ferien waren, mit grauenhaften linearen Gleichungssystemen, analytischer Geometrie und Vektorrechnungen zu füllen.

Nach gefühlten Trillionen Jahren klingelte es. Endlich. Meine Mitschüler schienen von dem schönen Klang der Pausenklingel aus ihrer Trance zu erwachen. Waschechte Gymnasium-Zombies. Niemand nahm mehr wahr, wie Herr Fischer uns schöne Ferien wünschte und irgendwie tat der alte Kauz mir jetzt leid.

»Ihnen auch einen schönen Sommer, Herr Fischer«, sagte ich laut, um das Gemurmel meiner Mitschüler zu übertönen.

Josy stieß mir ihren Ellenbogen in die Seite. »Hast du dem Fischer gerade einen schönen Sommer gewünscht?«

Ich fühlte mich ertappt und wurde rot, obwohl ich keine Geheimaktion gestartet hatte.

»Äh, ja.«

Josy verdrehte die Augen, während sie ihren Rucksack schulterte. »Elize, natürlich wird er keinen schönen Sommer haben, egal, was du sagst. Ich meine, sieh ihn dir doch an.«

Verstohlen warf ich noch einen Blick zu Herrn Fischer, der noch an der Tafel stand und gerade dabei war, die dicken Gläser seiner Lehrerbrille anzuhauchen, um sie danach mit einem Seidentuch zu polieren. Leider fiel seine Brille dabei zu Boden und er präsentierte uns zu allem Übel noch ein Bauarbeiterdekolleté vom Feinsten. Igitt.

Gut, ich sah es ein. Josy hatte recht, weil der alte Lehrer quasi nach steinalter-Single-Mann-braucht-dringend-eine-Frau geradezu schrie. Vielleicht sollte er mal in der Zeitung annoncieren oder es über Social Media versuchen. Aber ihm das vorzuschlagen, verwarf ich wieder, als jetzt auch Ben neben Josy stehen blieb. »Ihr kommt heute, oder?«

»Klar«, sagte ich und versuchte seinem Blick auszuweichen. Ich mochte ihn wirklich, Ben war einer der coolen Sorte. Aber wie er mich in letzter Zeit ansah, machte mir doch ein bisschen Bauchschmerzen.

Wir liefen zu dritt aus dem Schulgebäude und ich war froh, dass er für den Heimweg in eine andere Richtung musste. Auch von Josy verabschiedete ich mich auf halber Strecke und freute mich auf später. Was gab es Schöneres als sechs Wochen Sommerferien?

Mein linkes Auge begann wieder zu flimmern. Pollen, dachte ich sofort und redete mir dabei unbewusst eine nicht vorhandene Allergie in den Sinn. Ich hatte noch nie Probleme gehabt, andererseits steuerte ich geradewegs auf die Zwanzig zu, warum also sollte nur der Gesundheitszustand von normalen Menschen mit dem Alter schlechter werden? Auch ich würde die kommenden Wehwehchen des Lebens nicht einfach wegzaubern können.

Im Übrigen, da ich strukturiert bleiben möchte … Ja, ich habe die siebte Klasse wiederholt, daher bin ich ein Jährchen älter als einige meiner Stufe. Ich hatte damals einfach andere Dinge im Kopf, vor allem hatte ich mich sehr im Thema Sport verbissen, was sich ungünstigerweise auf meine Zeugnisnoten ausgewirkt hatte.

Wie auch immer. Hätte ich auf dieses Bitzeln gehört, wäre vielleicht alles anders gekommen.

Vielleicht. Ein ziemlich neutrales Wort, das man entweder ins Positive oder ins Negative ziehen konnte.

Es war, als wollte mich meine Magie, meine Zauberkraft, an diesem Tag warnen. Und ich war zu geistlos, das zu kapieren.

***

Zu Hause angekommen fand ich erst einmal eine nicht zu deutende weiß-klebrige Masse in der Luft schwebend vor. Direkt mit meinem ersten Schritt ins Wohnzimmer. Es sah aus wie ein schlechtes Nachgebilde der Milchstraße.

»Paps?«, rief ich. »Papaaa!?«

Meine Mutter war bei der Arbeit, er aber ging seinem Job als Programmierer von zu Hause aus nach. Mein Vater kommt wirklich sehr sonderbar herüber. So sehr er auch seinen Status als Zauberer liebte – er hatte sich genauso einen Narren an Computergedöns gefressen. Gut für ihn, dass er seine Kollegen also nicht in seinem alltäglichen Outfit in Gewand, Hut und langem Bart beehren musste. Ich sagte es ja, ein eingefleischter Zauberer, so ganz à la Merlin. Für seine Arbeit musste er glücklicherweise selten jemanden sehen. Insgeheim glaubte ich, dass man ihm mit Absicht diesen Homeoffice-Job gegeben hatte. Seine Arbeit verstand er jedenfalls.

»Oben, Liebchen«, kam seine Stimme von der Treppe.

Also lief ich in die besagte Richtung und fand Paps schließlich in seinem und Mamas Schlafzimmer.

»Himmel!« Mehr fiel mir zu diesem Bild nicht ein. Paps stand vor einem aufgeklappten Koffer, der auf dem Bett lag. Alle möglichen Utensilien schwebten in der Luft, was nichts Ungewöhnliches war. Schlecht war allerdings der Umstand, dass weder Duschgel noch Rasierschaum in den Tuben geblieben waren, sondern jetzt ebenfalls munter durch die Gegend schwirrten.

Ich muss dazu erklären, dass die Zauber meines Vaters sehr vielseitig sind. Vielseitig, aber niemals strukturiert, und die Basics der Haushaltszauber hat er einfach nie richtig in den Griff bekommen.

»Ja, ich weiß, ich wollte deine Mutter einfach mal entlasten.« Sein Gesichtsausdruck unter dem langen Bart wirkte gestresst. Kein Wunder, er hatte das genaue Gegenteil seines Vorhabens fabriziert.

»Dann ist das da unten im Wohnzimmer …«

»… Sonnencreme«, beendete er meinen Satz.

»Liebchen, meinst du, du könntest mir ein klein wenig helfen, bevor deine Mutter nach Hause kommt?«

Ich verdrehte die Augen. »Du meinst, bevor die Sonnencreme Spuren auf dem Sofa hinterlässt?«

Haushaltszauber hatte ich, ganz im Gegensatz zu ihm, drauf. Keine Frage, ich hatte von der Meisterin gelernt. Trotzdem war ich leicht genervt. Da es das Gesetz der Zauberei nicht erlaubte, jemals vor einem Menschen Magie anzuwenden, hielt ich mich damit generell eher zurück. Und da ich nun einmal zur Schule ging und viel unter Menschen war, vermied ich es auch zu Hause, allzu viel zu zaubern. Nicht einmal vor Josy konnte ich das tun. Sie sah zwar des Öfteren unsere verzauberten Haushaltsutensilien, jedoch nie, wie jemand in unserer Familie wirklich einen Zauber anwandte. Ganz im Gegensatz zu meinen Eltern, die jede freie Sekunde nutzten, um irgendetwas auf magische Art und Weise zu tun. Aber wenn man kein Gymnasium besucht und auch sonst nicht allzu viele nicht magische Kontakte hegt, geht das einfach leichter von der Zauberhand.

»Von mir aus. Dafür habe ich aber echt was gut«, forderte ich. Was tat man nicht alles für seine geliebten Eltern. Sie hatten mich immerhin trotz der Besonderheit unserer Familie ganz vernünftig großgezogen.

***

So verschwiegen mein Vater und ich diesen kleinen Zwischenfall zwei Stunden später beim Essen.

Mama erzählte von ihrem Tag, machte sich eine Liste, was alles noch bis zu unserem Flug in drei Tagen zu erledigen war, und telefonierte der Sicherheit halber noch einmal mit Tante Alba.

Ich schmiss mich in Jeans, ein blaues Top und Turnschuhe. Sportlich war immer eine gute Wahl. Ich war weder Tussi noch Nerd, sondern einfach ein gesundes Zwischending. Immerhin lebte ich aber mit dem Privileg, mir im Alter einmal die Falten aus dem Gesicht zaubern zu können.

Zufrieden sah ich in den Spiegel in meinem Zimmer, wuschelte noch einmal meine Locken in Form, bevor ich mit Drei Wetter Taft anrückte, und war in Gedanken schon voll und ganz bei unserer Sommerferienbeginn-Party.

Zwei

Der Unfall

»Willst du noch was trinken, Elize?«

»Was?«, rief ich, um den Sänger, dessen Namen ich nicht kannte, während seines Put your hands in the air zu übertönen.

»Trinken!«, rief Ben und vollführte die Demo eines trinkenden Menschen. »Ob du noch was willst, habe ich gefragt.«

»Ja«, brüllte ich, »eine Cola bitte, wenn’s geht.«

Er streckte einen Daumen in die Luft und stand auf. Wir saßen zusammen mit ein paar anderen in der Gartenlounge von Alex’ Eltern. Es war gemütlich, die Pizza war lecker gewesen und die Partystimmung fing langsam an. Während die anderen sich ein Bier genehmigten, blieb ich bei meinen geliebten eisgekühlten Zuckergetränken.

Josy saß neben mir und war in eine Unterhaltung mit zwei unserer Klassenkameradinnen vertieft.

Ich schloss kurz die Augen und genoss die warme Sommerluft trotz der späten Uhrzeit. Das war nicht selbstverständlich, wir hatten auch schon oft sehr trübe und kalte Sommer gehabt. Oder sehr viel Regen.

Während ich mich entspannte, lauschte ich den anderen, wie sie sich über die Ferien und ihre bevorstehenden Urlaube unterhielten, bis Ben wiederkam.

Ich öffnete die Augen wieder, als ich schon seinen leicht schlurfenden Schritt von Weitem hörte, und nahm ihm dankend die Cola ab.

»Gern geschehen«, sagte er, während er sich auf den Gartenstuhl neben mir setzte und mir mit seinem Getränk zuprostete.

»Erzähl mal, was machst du so in den Ferien?«

»Du wirst es nicht glauben, aber Paps hat sich endlich dazu breitschlagen lassen, in den Urlaub zu fliegen.«

Er lächelte. Auch er hatte meinen Vater schon ein paarmal gesehen und wusste über so manches nervtötendes elterliches Verhalten, über das ich mich in der Schule beschwert hatte, Bescheid. Wenn er auch längst nicht alles über unsere Familie wusste. Josy war immer meine einzige Ausnahme geblieben.

»Ist ja irre, und wo genau geht’s hin?«

»Spanien, Toledo. Zu meiner Tante Alba.«

Er pfiff kurz durch die Zähne. »Nicht schlecht, Frau Hecht.«

Ich grinste. Er zog mich schon seit Jahren mit meinem Nachnamen auf, den ich selbst, seit ich mich erinnern konnte, furchtbar fand.

Elize Hecht … Das war weder für einen Menschen noch für eine Hexe sonderlich cool. Aber es gab Schlimmeres.

»Jap«, stimmte ich ihm zu. »Ganze drei Wochen!«

Eine kurze Pause folgte und ich spürte deutlich, dass er noch etwas sagen wollte, wofür er sich erst sammeln musste.

»Denkst du, man kann dich da vielleicht für eine Woche oder so besuchen?«

Ich verschluckte mich. »Waa…haas?«, hustete ich.

Ben kratzte sich unschuldig am Hinterkopf. »Ich meine, ich habe jetzt ein paar Wochen lang nichts zu tun, meine Eltern sind dieses Jahr allein verreist und ich habe ziemlich was gespart von meinem letzten Ferienjob …«

Es war unser letzter freier Sommer vor dem Abitur, also nicht unbedingt überraschend, dass einige meiner Klassenkameraden lieber zu Hause blieben, als in den Ferien mit ihren Eltern loszuziehen. Aber dass Ben mir hinterherreisen wollte, kam aus heiterem Himmel.

»Das geht nicht«, entfuhr es mir etwas zu schnell. »Ich meine, meine Tante ist da etwas eigen. Während der Ferien sind auch noch die Mondtage und Alba macht es ziemlich zu schaffen, wenn sie sich in einen Wer…« Ich brach abrupt ab, als Ben mich immer seltsamer ansah. Mist, Notbremse! Ich wusste nicht, ob er beleidigt, erstaunt oder verwirrt war. Oder alles auf einmal. Scheinbar war ich nicht mehr in der Lage, einen Gesichtsausdruck richtig zu deuten.

»Ich meine, es macht ihr zu schaffen, wenn sie sich in einen Werkstatt putzenden Arbeitsmenschen verwandeln muss, während ihre Familie zu Besuch ist. Es ist nicht leicht für sie.«

Reife Leistung. Statt besser hatte ich es wirklich noch so viel schlimmer gemacht. Das Gespräch wurde wirr und unsinnig. Ben runzelte die Stirn.

»Deine Tante putzt Werkstätten in Toledo?«

»Richtig. Und wenn sie was macht, ist sie total euphorisch. Sie ist dann abends so kaputt, dass sie ihre Ruhe braucht.«

Wirr, wirrer, Elize …

»Okay, dann … nicht«, stammelte Ben. Ich hatte die Situation zwar nicht gerettet, ihn aber offenbar so durcheinandergebracht, dass ihm nichts weiter dazu einfiel.

Und bevor ich darüber nachdenken konnte, was ich jetzt sagen sollte, hörten wir quietschende Autoreifen, eine Hupe und einen Schrei, der einem durch Mark und Bein ging.

Es kam von der Straße vor dem Haus und ich stand automatisch mit allen anderen zusammen sofort auf und rannte aus dem Garten nach vorn. Alex wohnte an einer Ecke der Hauptstraße eines Frankfurter Nebenortes. Es war nicht ungewöhnlich, dass es dort zu dem ein oder anderen Verkehrsunfall kam. Was aber heute passiert war, war die tragische Ausnahme.

Der erste Anblick lähmte mich und ich bemerkte, wie sich auch Alex und Josy neben mir versteiften. Ich war nicht fähig, mich zu bewegen. Ben und ein Mädchen aus meiner Klasse waren die beiden Schnellsten, die sofort zu der von einem Auto angefahrenen Frau rannten, die am Boden lag. Was passiert war, wusste ich nicht. Ich wusste nur, dass ich hätte helfen sollen, doch das erwies sich im Moment als gar nicht einfach.

Josy ging irgendwann auf den vor Tränen schluchzenden Autofahrer zu, der ausgestiegen war und dabei zusah, wie meine beiden Mitschüler der Frau Erste Hilfe leisteten.

Und ich … ich fühlte mich noch immer benommen, als ich das Jucken und Brennen in meinem linken Auge wegwischte und zur Unfallstelle lief. Ich kam mir vor wie eine Kassette, die ablief und ich wusste, dass ich einfach funktionieren musste.

Ich blieb erst stehen, als ich bei der Verletzten ankam. Sie war bewusstlos, Alex drückte mit irgendeinem Fetzen Stoff auf ihre Verletzungen.

Es musste seltsam für die anderen aussehen, als ich meine beiden Hände hob, die Augen schloss und darauf wartete, dass die Magie, die ich rief, kam. Geballt in Form von Farben und Wärme spürte ich sie vor mir und lenkte all ihre Kraft auf die Frau am Boden.

Wie lange das Spektakel dauerte, wusste ich nicht. Gewiss war ich mir nur der einen Sache: Sie würde überleben. Wenn Magie etwas leisten konnte, dann war es der größte Nutzen, zu heilen. Man konnte natürlich keine Toten wiederauferstehen lassen, aber in diesem Moment schenkte ich der Frau ein zweites Leben.

***

»Das Internat in Bibury! Vertness!«

»Das können wir nicht tun!«

»Wir müssen, oder willst du, dass sie ohne ihre Kräfte weiterlebt?«

»Wäre es ein Urteil, wenn ja?«

»Sabine, sie würde es eines Tages selbst bereuen.«

»Sie war sich bewusst, was sie tat. Ich bitte dich, Liebling, wir haben sie mit jedem Wissen über Zauberei aufwachsen lassen.«

Ich sagte kein Ton, als ich auf dem Bett sitzend meine Eltern noch in derselben Nacht dabei beobachtete, wie sie sich zum ersten Mal, seit ich mich erinnern konnte, stritten. Sie liefen in meinem Zimmer auf und ab. Meine Mutter war den Tränen nahe, mein Vater rieb sich verzweifelt das Gesicht.

Es war geschehen, was niemals hätte geschehen dürfen.

Ich hatte meine Zauberkraft benutzt, vor den Augen von ungefähr zehn Menschen.

Nie hatte ich mir auch nur Gedanken darüber gemacht, was passieren würde, wenn ich das tat.

Aber heute, in dieser Nacht, hatte ich mein Schicksal besiegelt. Es war so mit der Magie, dass sie einem durch ein vor Tausenden von Jahren geschriebenes Zaubergesetz einfach genommen werden konnte. Dieses Gesetz wiederum war selbst ein Zauber für sich. Niemand würde irgendetwas dagegen tun können. Das waren die Regeln unserer Urururvorfahren gewesen. Die Magie würde einfach verschwinden, wenn man sich einen Fehltritt erlaubte. Und ich hatte mir einen gewaltigen erlaubt.

»Ich konnte nicht anders«, warf ich heiser in den Raum.

Meine Eltern schienen jetzt erst zu bemerken, dass ich auch noch anwesend war.

Sie stoppten beide und sahen zu mir. Paps mit ziemlich wirrem Haar und Mama mit Tränen in den Augen.

»Nicht doch, Liebchen«, sagte mein Vater. »Wir werfen dir das nicht vor.«

Meine Mutter stieg schnell mit ein: »Er hat recht, mein Schatz. Du hast ein Menschenleben gerettet, das ist etwas Großartiges. Wir dachten nur, wenn es der Lauf des Lebens ist …«

Ich starrte meine Eltern beide mit großen Augen an und wurde wirklich wütend. Über diese Blindheit, dieses Ignorieren.

»Ihr denkt, es wäre besser gewesen, ich hätte nichts getan? Was, wenn es jemand von uns gewesen wäre?«

»Wir … Also du weißt, dass es nicht einfach ist, Zauberkräfte wiederherzustellen. Vielleicht gelingt es nie wieder und dann …«

Ich ließ sie nicht aussprechen. »Soll ich euch sagen, was meine Zauberkraft heute gemacht hat? Sie hat mir den ganzen Tag gesagt, dass so etwas passieren wird. Ich habe es schon beim Aufstehen gespürt. Sie hat mich vorgewarnt und ich war zu blöd, das zu kapieren! Sie wollte mir helfen, sie hat es mir aufs Brot geschmiert, dass ich sie heute noch brauchen würde. Schon klar, euch ist nur dieser bescheuerte Zauberstatus wichtig! Aber wisst ihr was? Ich würde es immer wieder so machen!« Ich brüllte, während ich aufstand und anklagend mit dem Finger zwischen ihnen hin und her zeigte.

Mama wurde blass und Paps sah aus, als hätte er sich an einem der trockenen Kekse unseres Backofens verschluckt. Wir stritten uns selten und dass wir zum Schluss auch noch anderer Meinungen waren, sprengte den Rahmen.

Ich konnte sie nicht mehr sehen, rannte aus meinem Zimmer und die Treppen nach unten.

Raus, ich wollte einfach nur fort von unserem Haus, von meinen Eltern und der Zauberei, die ab dieser Nacht kein Teil mehr von mir war.

***

Vierundzwanzig Stunden nach der besagten Nacht, die mein Leben für immer verändern sollte, war alles in Butter. Okay, nicht wirklich alles. Auch wenn ich froh war, meinen Humor und meine Energie wenigstens oberflächlich wieder ein wenig gefunden zu haben.

Das brauchte ich, mir war bewusst, dass jetzt ziemlich viel Neues auf mich zukommen würde.

Rückgängig machen, was passiert war, konnte niemand von uns. Das hätte ein erneutes Zaubern vor menschlichen Augen gefordert und auch meine Eltern wären dann ihre magischen Kräfte losgeworden. Ganz davon abgesehen, dass man dazu eine streng unter Verschluss gehaltene Zauberformel brauchte, die natürlich nur die magische Regierung kannte und ausführen durfte. Das machte die Gleichung also unmöglich.

Josy war die Einzige, die Bescheid gewusst hatte, und ich dankte dem Himmel samt jedem seiner Engel, wenn es diese wirklich gab, für meine beste Freundin.

Sie hatte sich die bizarrste Story überlegt, irgendetwas von wegen ich hätte eine seltene Autoimmunkrankheit. Der Autofahrer hatte sich nicht großartig darum geschert, hatte sie mir später am Telefon erzählt. Er war einfach dankbar gewesen, dass die angefahrene Frau, die sowieso nichts mitbekommen hatte, überlebt hatte. Ihm hatte Josy nichts von autoimmun oder besessen vom Teufel auftischen müssen, auch wenn es einem schon zu denken geben sollte, wenn Wunden mit einem Fingerschnippen verschwanden.

Ich hatte sogar ein bisschen darüber lachen müssen, dass die anderen unserer Klasse jetzt dachten, ich wäre eine Weile zwecks Exorzismus bei einem jüdischen Priester in der Pampa.

Sollten sie eben denken, ich wäre verrückt geworden. Das würde mir immerhin weitere extravagante Erklärungen gegenüber Ben ersparen.

Trotzdem war die Stimmung zu Hause dahin. Ich hatte mich so sehr auf die Ferien gefreut und jetzt hieß es Tschüss, Alba, spanische Sonne, Lichtschutzfaktor 50 und Wolfsgeheul in der Nacht und Hallo, kleines Städtchen in England im Nirgendwo.

Jaja, mein Urteil war nicht ganz fair, aber es sollte mir mal einer erzählen, dass er gern einundzwanzig Tage Sonnenbrand und After-Sun-Lotion gegen eine Schule irgendwo im Nirgendwo eintauschte.

Aber mehr Optionen hatte ich nicht, wenn ich meine Zauberkräfte wieder zurückhaben wollte, auch wenn es keine Garantie gab. In Bibury befand sich eine der wenigen Hexenschulen der Welt, auf der uralte Magie gelehrt wurde.

Vertness.

Da Hexen und Zauberer allerdings in Sachen Beschreibungen eher einfach gestrickt waren, wurde Vertness im Allgemeinen auch oft einfach nur School of Wizards genannt. Ich weiß, nicht sehr einfallsreich. Allerdings gab es nicht allzu viele Zauberschulen auf der Welt. Daher bestand keine Verwechslungsgefahr.

Meine Eltern hatten mir davon erzählt, aber es war mir nie in den Sinn gekommen, eines Tages tatsächlich dort auf die Schule zu gehen. Es war nicht so, dass man als Hexe oder Zauberer dorthin musste, um etwas zu lernen. Zaubern war leicht, es lag einem gewissermaßen im Blut und man musste sich nicht sonderlich dafür anstrengen. Es war einfacher, als es in Märchen und im Fernsehen dargestellt wurde, und wenn man wirklich etwas dazulernen wollte, gab es so viel Lektüre mit diversen Zaubersprüchen. Ich hatte das nie gebraucht, mir hatten immer die Basics zu Hause gereicht, zumal ich nie vorgehabt hatte, einen magischen Beruf auszuüben. Und jetzt brauchte ich den Rat und das Wissen dieser Leute.

Vertness besuchte man nur, wenn man entweder einen Beruf in der Branche der Magie ausüben wollte, denn auch hier gab es natürlich eine Verwaltung und Bürojobs noch und nöcher. Aber die meisten Magie beherrschenden Wesen bevorzugten menschliche Berufe, es gab ja immerhin keine Hexenwelt oder so was. Wir lebten unter den Menschen, also lag es auch auf der Hand, dass wir uns anpassten.

Der zweite Grund, weshalb man eine magische Schule besuchte, war einer der seltenen Fälle. So wie meiner.

Einmal Zauberei vor einem – oder gleich mehreren – Menschen benutzt – zack, war es das gewesen mit dem Hexen. Da war dieses Internat dann die einzige Möglichkeit, wieder zu versuchen, das Zaubern zu erlernen. So, wie es die meisten von uns im Kindesalter gelernt hatten, was sich im Erwachsenenalter allerdings deutlich schwieriger erweist. Es ist wie mit Fremdsprachen oder Ski fahren lernen, nur noch eine Nummer härter.

Ich wollte überhaupt nicht allzu viel darüber nachdenken, denn immerhin war es am Ende ich selbst gewesen, die das so entschieden hatte. Also sollte alles so kommen, wie es kommen würde. So war ich eben, es brachte nichts, mir im Voraus schon über alles Mögliche den Kopf zu zerbrechen. Ob ich mit meinem Abschlussklassen-Englisch weit kommen würde, wie alt die anderen Schüler waren, ob sie nett waren oder Freaks, die mich in einen Frosch verwandeln würden, wenn ich auch nur ein falsches Wort sagte … Ja, das alles war sowieso schon in meinem Kopf, ich versuchte es nur im hintersten Eck in Schach zu halten.

***

So standen wir also die darauffolgende Nacht in unserem Gartenschuppen. Mama, Paps und ich. Neben mir mein Koffer, der so dick war, dass ich Angst hatte, er würde gleich platzen und uns alle drei in unserem Gartenhäuschen ersticken. Ein ehrwürdiger Tod …

Nacht, weil meine Eltern morgen früh direkt zu Alba reisen würden und mein Vater mich so lange wie möglich zu Hause haben wollte. Und, ach so, ich sollte noch erzählen, warum der Schuppen. Jede gemeldete, Zauberei beherrschende Familie, bekam von höchster Stelle, dem Zaubereipräsidium, eine magische Markierung zugeteilt. Das hieß im Grunde nur, dass ein magischer Beamter bei einem zu Hause vorbeischaute und eine von der Familie ausgewählte Stelle mit höherer Magie markierte. Diese diente dazu, sie in einem Notfall zu benutzen. Notfälle für unseresgleichen waren zum Beispiel, wenn ein Dämonenangriff erfolgte, was überaus selten war. Man könnte es sich vorstellen wie einen Einbruch in den eigenen vier Wänden, während man zu Hause ist. Dämonen trieben sich eher in ruhigeren Gegenden herum, wie in den Bergen oder Sumpflandschaften. So richtig typisch dämonisch eben. Man durfte die Markierung außerdem benutzen, um zu einer Zauberschule zu kommen. Beziehungsweise das war sogar die einzige Option. Man würde eine durch Zauber geschützte Schule nicht finden, wenn man auf normalem Wege anreiste. Das Ganze diente allerdings nur als One-Way-Ticket. Zurück musste man die öffentlichen Verkehrsmittel in Anspruch nehmen. War schon fies, aber das Präsidium verhängte Strafen für Hexen und Zauberer, die diese zeitaufwendigen Markierungen für andere Zwecke missbrauchten.

Meine Eltern bekamen die Markierung jedenfalls kurz nach ihrer Hochzeit, hatten sie mir erzählt. Und da mein Vater schon computermäßig sehr viel im Haus zu tun hatte, wollte er nicht noch mehr Strahlung hier drin haben. Wobei ich bis heute zweifle, ob es wirklich so etwas wie Elektrosmog der Magie gibt.

Also, wo war ich? Ach ja, es gab nur einen Weg, zur Schule zu gelangen, und zwar ausnahmsweise durch Zauberei. Da mein Vater das Oberhaupt unserer Familie und der erfahrenste Zauberer war, würde er das übernehmen. Es blieb mir ein seltsam bitterer Geschmack im Mund, als ich meine Eltern umarmte. Wir hatten uns nicht richtig ausgesprochen, aber das musste jetzt warten.

»Du schreibst uns, Liebchen, ja?«, nuschelte Paps mit roten Augen unter seinem Bart hervor.

Ich nickte. »Und ihr grüßt Alba schön von mir. Mama, pass auf, dass Paps sich auf dem Flug benimmt.« Ich lächelte schwach, als sie mir zum Abschied über die Wange strich.

Dann stellte ich mich gerade hin, nahm meinen Koffer in die Hand und wartete, bis mein Vater den Zauberspruch sprach, der mich für eine Weile von hier fortbringen würde.

Ich konnte Paps’ Genuschel nicht übersetzen, aber hätte ich das gemusst, hätte ich gesagt, es hörte sich an wie eine Mischung aus Chinesisch und der Elbensprache. Dabei war es schlichtes Latein. Und wer auch immer so geistesgegenwärtig gewesen war, dass man für anspruchsvollere Zaubersprüche Latein benutzen musste … Er war der Grund dafür, dass ich jetzt nicht mehr in unserem Schuppen stand, sondern vor der größten Zauberschule unseres Kontinents. So hieß es zumindest.

Drei

Hermogenes Rudarin Iduquam Nathanael Goldberg

Es dauerte nicht einmal eine Sekunde, bis ich ein völlig anderes Bild vor Augen hatte. Es war nicht so, wie man es sich vorstellt, dass man von Licht umhüllt oder durch eine Art Tunnel gesogen wird. Nein, eigentlich war es so überhaupt nicht Zauberei-Manier, selbst ich hatte es mir anders vorgestellt. Edler. Aber es war ein Blinzeln, mehr nicht. Kaum hatte mein Vater das letzte Wort ausgesprochen, stand ich auch schon auf einem Kiesplatz vor der riesigen Schule. Das war vermutlich eine Art Parkplatz, nur eben nicht für Autos. Ich sah mich um, ob noch jemand anderes hier war, aber ich war die Einzige, die wie bestellt und nicht abgeholt mit ihrem propperen Köfferlein dastand. Also fiel mein Blick letztendlich auf die Schule, die wie ein riesiger Schatten aus der Dunkelheit hervorragte.

Das war neu für mich, dass ich diese Ehrfurcht hatte, vor diesem großen, dunklen Gebäude aus Stein. Doch es war nun mal eher eine Rarität und ich kam mir vor, als hätte ich eine Zeitreise ins letzte Jahrhundert unternommen. Modern sah anders aus. Vielleicht war ich der Marty McFly der Hexen.

Ich wusste nicht, wie viele Minuten ich hier stand, ohne mich zu bewegen, nur, dass ich irgendwann fror. Stimmt, ich hatte fast vergessen, dass es dunkel und mitten in der Nacht war, aber anhand dieses Anblicks konnte das schon einmal passieren.

Ich wollte gerade den ersten Schritt machen, da stand plötzlich jemand neben mir. Es war ein Mann. Er war vielleicht ein paar Jahre älter als ich und ich war mir sicher, dass er nicht allzu viel nicht magischen Kontakt pflegte. Er trug einen dunklen Umhang über seinem Karohemd, die Gläser seiner immerhin nicht ganz so altmodischen, aber schief sitzenden Brille waren verschmiert und von einem Kamm hatte sein braunes strubbeliges Haar offenbar noch nie etwas gehört. Oder von Haargel. Oder Wachs. Oder einem Friseur. Und trotzdem konnte ich nicht anders, als ihn auf eine schräge Art und Weise süß zu finden, und damit meinte ich nicht das haustiermäßige Süß, sondern das in meinem Alter hormonell gesteuerte Süß. Vielleicht war es auch ein bisschen der magische Bonus, den dieser Kerl besaß. In einer Welt ohne Magie wäre er einfach nur ein seltsamer verkleideter Kauz gewesen. Es wäre keine Zeit gewesen, bei all der Hektik, für einen zweiten Blick. In der Welt aber, die auch zum Teil meine war, ließ das Karohemd diesen fremden Zauberer statt unordentlich menschlich wirken. Sympathischer und zugänglicher. In einer Welt ohne Magie wäre mir vielleicht nie aufgefallen, wie unglaublich seine grünen Augen selbst im Dunkeln leuchteten. Eines schien heller zu sein als das andere. Oder wie charmant ihn seine schiefe Brille und die verwuschelten Haare machten, die ihm ganz sicher kein topmodernes Friseurstudio geschnitten hatte. Das alles brauchte dieser Mann überhaupt nicht. Er war ein Zauberer, das sah man ihm schon an der Nasenspitze an. Und wenn man sich die Zeit für einen zweiten Blick nahm, ein ziemlich gut aussehender dazu. Ich jedenfalls nahm sie mir. Und ich musste wirklich zugeben, dass mir dieser Zauberer gefiel. Er war sexy, gleichzeitig mysteriös auf seine ganz eigene Art und er strahlte etwas aus, das mich automatisch ruhiger werden ließ, sodass ich meine Aufregung fast vergaß. Vielleicht war es der warme Blick aus seinen faszinierend grünen Augen. Vielleicht waren es seine Haltung oder das Lächeln, das er für mich übrig hatte. In diesem Moment jedenfalls konnte ich die Anziehung zu dem Fremden nicht leugnen. Ich atmete einmal tief durch, um jetzt nichts total Blödes zu sagen. Vielleicht hatte ich ja Glück und ich würde ihm in der Schule öfter mal über den Weg laufen.

»Hey«, grüßte mein freundliches Ich automatisch. Es war immerhin besser, wieder ich selbst zu sein, als wie ein verängstigtes kleines Mädchen weiter hier herumzustehen. Außerdem machte mich die Anwesenheit dieses fremden Zauberers nervös, und Schweigen war in so einer Situation bekanntlich ja auch nicht gerade hilfreich.

»Hallo«, sagte der Mann.

»Deutsch oder Englisch?«, fragte ich ihn, trotz seines Hallos.

Er runzelte die Stirn. »Weder noch?«

»War das eine Frage?«

»Nein.«

»Aber Sie haben es wie eine Frage gesagt.«

»Der Schein kann trügen.«

»Was?«

»Nichts, nur eine Trivialität.«

»Meine Güte.« Ich hatte den Faden verloren.

Er streckte mir lächelnd die Hand entgegen. Eine ausgesprochen schöne männliche Hand, mit gepflegten Fingernägeln.

»Hermogenes Rudarin Iduquam Nathanael Goldberg. Sehr erfreut.«

»Ernsthaft?«, rutschte es mir heraus, während ich seine Hand ergriff und schüttelte. Nie wieder würde ich mit dem öden Namen Elize Hecht unzufrieden sein.

»Aufrichtig. Ein Scherz zu solch später Stunde verstimmt den Magen. Und für dich Mr Goldberg, ich bin Lehrer an dieser Schule.« Tja, ich würde diesem heißen Typen also tatsächlich öfter über den Weg laufen. Super, wenn ich ins Fettnäpfchen trete, dann richtig.

»Oh, das wusste ich nicht.«

Mein Magen zog sich für einen kurzen Moment zusammen. Das lief ja alles prima hier, ich hatte noch nicht einmal einen Fuß ins Innere der Schule gesetzt und schon fühlte ich mich auf unerklärliche Weise zu jemandem hingezogen, den ich überhaupt nicht kannte. Und der sich ausgerechnet als ein Lehrer entpuppte. Und das, obwohl ich genügend andere Probleme hatte. Vielleicht war bei dem Magieunfall ja doch mehr kaputtgegangen, als wir alle angenommen hatten.

»Auch die Magie ist nicht allwissend. Willkommen in Bibury, an der School of Wizards, Miss Hecht.«

»Woher kennen Sie meinen Namen?«

»Nun, deine Eltern haben dich angemeldet.«

»Per …?«

»Magischer Markierung.«

Aha. Mir war bisher nicht bekannt gewesen, dass man die Markierung auch zum Versenden von Anmeldeunterlagen benutzen konnte. Aber man lernte schließlich nie aus.

Trotzdem blieb ich verwirrt. Mehr als verwirrt. Es waren nicht nur der Anblick dieses Zauberers und dieses komische Gefühl in meinem Bauch, sondern auch das konfuse Gespräch.

»Wie war das noch mal mit der Sprache, sagten Sie?«

»Ich sagte nichts. Wir sprechen hier die Sprache der Zauberei.«

»Wie meinen Sie das?«

»Wie ich es sagte.«

»Bitte?«

»Wir sprechen durch die Magie. Du wirst hier alles verstehen und jeder versteht dich.«

»Sie wollen mir sagen, dass ich eine andere Sprache spreche als sonst?«

Er zuckte mit den Schultern, was seine Brille noch etwas schiefer rutschen ließ, sodass er sie wieder auf die Nase schieben musste. »Das ist möglich. Ich weiß es nicht.«

Ich stöhnte und rieb mir die Nasenwurzel. »Okay, also vielleicht können Sie mir sagen, wo ich hier mein Zimmer finde.«

»Nein, das kann ich nicht.« Er lächelte.

Wollte er mich für blöd verkaufen? Ich warf ihm jetzt den wahrscheinlich seltsamsten Gesichtsausdruck zu, den ich jemals aufgesetzt hatte. Wenn alle Lehrer hier so waren, würde das echt nicht leicht werden.

»Verzeihung?«, fragte ich heiser. Ich verkniff es mir, etwas Unfreundlicheres herausrutschen zu lassen, das wäre nicht fair gewesen, aber es kostete mich gerade alle Kraft.

»Du wirst es wissen, sobald du die Schule betrittst. Ich wünsche dir eine angenehme Nacht, Elize. Sie ist voller Sterne.«

Er wies nach oben und lachte, als hätte er einen Scherz der Oberklasse gemacht. Dann lief er mit einem etwas schlurfenden Schritt in Richtung Eingangstür und ließ mich einfach stehen. Ich sah ihm hinterher und war gleichermaßen durcheinander, verwirrt und erstaunt. Was ich aber ebenfalls war, war fasziniert. Von diesem Lehrer, unserer Unterhaltung und dem seltsam schnellen Rhythmus meines Herzens, der sich seit unserer Begegnung eingestellt hatte.

***

Zugegeben, ein paar Minuten später musste ich mir eingestehen, dass der seltsam-süße Lehrer recht gehabt hatte. Kaum, dass ich über die Schwelle ins Innere der Schule getreten war, wusste ich sofort, wo ich hinmusste. Es war nicht wirklich Zeit, mir alles genauer anzusehen, so drängend war mein Gefühl, dass ich nicht anders konnte, als zu laufen. Ich nahm nur nebenbei die hohen Decken dieser Schule wahr. Also doch Mittelalter statt Ikea. Es war fast nicht möglich, sich hier wie im 21. Jahrhundert zu fühlen. Eine weitere verrückte Sache war die, dass statt Lichtern Fackeln in den Ecken der langen Gänge angebracht waren. Fehlte nur noch, dass sie hier kein W-Lan hatten.

O Gott, bitte lass sie W-Lan haben!

In meinem Zimmer angekommen, staunte ich erst mal nicht schlecht. Ich hatte erwartet, dass ich ein eigenes Zimmer in dieser Gruft beziehen würde.

Tja, falsch gedacht.

Auf einem der beiden Betten saß ein Mädchen und las in einem Buch. Sie blickte nicht einmal auf, als ich eintrat, murmelte aber wenigstens »Hallo, Elize.«

Schön, offenbar kam der Klatsch und Tratsch hier immerhin nicht zu kurz.

»Hallo, Zimmerbewohnerin ohne Namen«, rutschte es mir eine Idee zu sarkastisch heraus.

Jetzt sah sie doch von ihrem Buch auf und ihre Augen leuchteten in einem türkisenen Blau. »Oh, du täuschst dich. Ich habe einen Namen.«

Ich stand immer noch an der Tür, schleppte meinen Koffer jetzt aber in Richtung des Bettes Nummer zwei.

»Verrätst du ihn mir auch?«, presste ich hervor, während ich begann, meine Sachen auszuräumen und in den verstaubten Schrank daneben zu werfen. Ich hatte keine Lust mehr auf eine weitere seltsame Unterhaltung.

»Ylvie Margaret Larsson. Es freut mich.«

»Woher kommst du?«, fragte ich, während ich meinen letzten Pullover im Schrank verstaute und mich dann im Schneidersitz auf dem knarzenden Bett niederließ. Entweder war es ungeschriebenes Gesetz, dass jeder – einschließlich mir selbst -, der an diese Schule kam, einen verrückten Namen hatte oder ausgefallen war wieder modern.

»Malmö. Schweden«, erklärte sie knapp und wickelte sich eine schwarze Haarsträhne um den Finger. Es lag mir auf der Zunge, ihr zu sagen, dass sie nicht aussah wie eine Schwedin und dass sie doch eher blonde Haare haben sollte. Aber ich verkniff es mir. Alles hier wurde mit jeder Minute ein wenig irrer. Selbst meine Gedanken. Vielleicht hatte Ylvie sich die Haare auch einfach gefärbt. Ich warf einen Blick auf die Uhrzeit, die auf meinem Handydisplay aufleuchtete und unterdrückte ein Gähnen.

»Coole Sache«, sagte ich nur. »Und, warum bist du hier?«

»Ich möchte Lehrerin werden, also liegt es nahe, dass ich auch hier lernen sollte.« Sie lächelte.

»Du willst also später mal nicht lieber einen menschlichen Beruf?«

»Nein, meine ganze Familie ist die magische Berufskarriere gefahren. Alle seit Opa Arvids Generation haben Lehramt für Magie studiert. Es gab nur einen Ausreißer. Mein Großcousin Eggert – nur zweiten Grades – arbeitet bei der Presse. Er war schon immer das schwarze Schaf, frag nicht.«

Ich fragte nicht. Das war schon mehr Input gewesen, als ich mir gewünscht hatte. Und zu viele Namen.

Ylvie schüttelte nur ihren Kopf.

Ich verschwieg lieber meine angestrebte menschliche Karriere. Leichtathletik und Hip-Hop-Tanz standen für so überzeugte Hexen und Zauberer, wie wohl auch meine Mitbewohnerin zu ihnen gehörte, sicher auf der schwarzen Liste. Ich hatte vor, Sport zu studieren, unbedingt. Dafür brauchte ich keine Zauberei.

»Warum bist du hier?«, fragte sie dann.

Ich überlegte, ob ich ihr die Wahrheit sagen sollte. Aber wenn nicht einmal meine Eltern mich verstanden hatten, dann sicher auch keine Fremde.

Also schüttelte jetzt ich den Kopf. »So ähnlich«, antwortete ich und hoffte, sie wäre damit zufrieden und würde mich nicht genauer nach den Top Ten meiner Traumberufe fragen.

»So spät am Abend unehrlich zu sein ist keine gute Idee. Na ja, wie dem auch sei«, gähnte sie und legte ihr Buch beiseite. »Ich gehe jetzt schlafen, es war anstrengend genug, den ganzen Tag auf dich zu warten. Du hättest dich ruhig ein bisschen beeilen können.«

Himmel, was hatten sie hier nur alle mit ihrer Uhrzeit. Abgesehen davon schien Ylvie bestens über mich Bescheid zu wissen.

»Ich? Du hättest nicht …« Ich sprach nicht mehr zu Ende. Ylvie hatte sich bereits hingelegt und die Augen geschlossen. Ich würde sie morgen fragen, wo ich meinen Unterrichtsplan fand, oder ich würde mich im Sekretariat melden, sollte es so etwas geben. Ein Anlaufpunkt für Informationen.