Let me introduce you Darling - Sabrina Utoff - E-Book

Let me introduce you Darling E-Book

Sabrina Utoff

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Beschreibung

Noah hat dank seiner Eltern alles, wonach andere ihr Leben lang streben – Geld, Einfluss und Charisma. Doch nicht jeder gönnt ihm dieses Glück. Umso besser, dass seine beste Freundin Olivia ihm jederzeit den Rücken stärkt und alle anderen wachsam im Auge behält. Als allerdings mit Beginn des neuen Studienjahres die unscheinbare, aber äußerst attraktive Victoria auf der Bildfläche erscheint, wird nicht nur Noahs, sondern auch Olivias Leben kräftig durcheinanderwirbelt…

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Epilog

Danksagung

Impressum

Let me introduce you Darling

written by Sabrina Utoff

Kapitel 1

Victoria

»Ich finds kacke.«

Ich blickte von meinem Koffer auf und hielt kurz inne. Liam starrte zerknirscht auf den tristen, grauen Teppichboden meines alten Kinderzimmers und schabte gedankenverloren mit seinem Fuß über einen imaginären Fleck.

»Also…dass du heute gehen musst, meine ich«, ergänzte er.

»Ich weiß«, antwortete ich und versuchte seinen Blick einzufangen.

Es war der letzte Tag in den Sommerferien und endlich stand meine Abreise bevor. Ich hatte sie trotz aller Vorfreude so lange wie möglich aufgeschoben und mich an die letzten Wochen Zuhause mit meiner Mum und meinem Bruder geklammert.

»Schon beängstigend, wie schnell das letzte Schuljahr vergangen ist. Ich hab so lange auf diesen Tag gewartet und nun ist er da«, sagte ich erstaunt.

Ich widmete mich wieder meinem Koffer und überlegte, welche Sachen ich noch einpacken musste. Bereits verstaut waren all meine Lieblingsbücher, Kleidung und Schuhe, Bettwäsche, Handtücher, meine Waschtasche, mein Laptop, einiges an Schreibutensilien, ein Flyer vom Harvardcollege mit den zehn besten Tipps für Neulinge sowie eine kleine selbstbemalte Box mit Erinnerungsstücken und Fotos von Mum, Dad, Liam, mir und meinem (mittlerweile Ex-)Freund Lee.

»Ich glaub, ich hab soweit alles.« Ich blickte erneut zu Liam und versuchte ihm ein Lächeln abzugewinnen. »Hey, jetzt schau doch nicht so traurig! Du wolltest doch, dass ich mich dort bewerbe. Ich hätte nie gedacht, dass sie mich wirklich nehmen!« Lächelnd nestelte ich an meinem silbernen Armbandkettchen und dachte daran, was mich wohl die nächste Zeit erwarten würde.

»Ja, ich weiß. Aber es fühlt sich irgendwie komisch an, dass es heute schon so weit ist!« Liam seufzte und betrachtete mich missmutig.

»Du und Mum könnt mich doch jederzeit besuchen kommen – ich wette, ihr werdet begeistert sein! Und vielleicht wird Harvard in einem Jahr auch dein neues Zuhause«, versuchte ich ihn aufzumuntern.

»So viel Glück wie du hab ich garantiert nicht… Und mir gefällt der Gedanke nicht, dass du ans andere Ende des

Landes ziehst und wir uns nicht mehr sehen können.« »Aber wir können uns schreiben und miteinander skypen. Und telefonieren«, zählte ich auf. »Außerdem hast du dein letztes Schuljahr vor dir, du wirst also sowieso genug um die Ohren haben.« Ich klappte meinen Koffer zu und spürte ein freudiges Kribbeln im Bauch. Auch wenn ich Abschiede nicht leiden konnte und ich Liams Bedenken bezüglich der großen Distanz zwischen uns insgeheim teilte, freute ich mich dennoch auf den neuen Lebensabschnitt und darüber, dass ich dank eines Stipendiums die Chance auf ein Studium in Harvard bekam.

Ich zog den Reißverschluss zu, stand auf und setzte mich zu Liam aufs Bett.

»Hör mal, Liam«, ich legte seine große Hand in meine und sah ihm in die Augen. »Ich bin auch traurig, euch nicht mehr jeden Tag sehen zu können, glaub mir! Aber in Harvard zu studieren, war schon immer mein größter Traum… Und ich bin dir und Mum wahnsinnig dankbar, dass ihr mich ermutigt habt, dieses Ziel zu verfolgen. Vielleicht schaffst du es ja nächstes Jahr ans MIT? Dann ziehst du auch nach Cambridge und wir können uns so oft sehen wie wir wollen.«

Endlich entspannten sich seine Gesichtszüge und seine

Mundwinkel zuckten ein kleines Stück nach oben. »Glaubst du wirklich, dass ich es ans MIT schaffe?« »Klar! Du bist der größte Nerd, den ich kenne! Wenn du es nicht schaffst, dann weiß ich auch nicht«, sagte ich lachend und stupste ihn spielerisch in die Seite. Seufzend nahm er meinen Koffer und ich schnappte mir mein Handy, meine kleine Handtasche und mein Ladekabel vom Nachttisch. Ich überprüfte noch einmal, ob ich auch wirklich mein Flugticket und die Packung Reisetabletten eingesteckt hatte, denn der Gedanke daran, dass ich heute das erste Mal in meinem Leben fliegen würde und das auch noch ohne Begleitung, machte mich ziemlich nervös.

»Gut, alles da.« Wehmütig warf ich einen letzten Blick in mein altes Kinderzimmer. Wie schnell die letzten Jahre verflogen waren! Und wie oft ich mich darüber beschwert hatte, dass Liam das größere Zimmer bekommen hatte. Ich schüttelte traurig den Kopf und ließ die ungewohnte Leere des Raumes auf mich wirken. Die Wände waren in einem blassen Grünton gestrichen, hinter der Tür hingen aus meiner Jugendzeit noch ein paar alte Poster, aber sonst hatte ich alles eingepackt. Wie trostlos der Raum so ganz ohne persönliche Gegenstände wirkte! Es war ein seltsames Gefühl, dass all meine Sachen nicht mehr an ihren ursprünglichen Platz lagen. Ich unterdrückte ein deprimiertes Seufzen und straffte stattdessen meine Schultern. Es war Zeit, loszulassen und einen weiteren Schritt Richtung Erwachsenwerden zu gehen.

Unten in der Küche stand Mum bereits am Tresen und wartete auf uns. Neben ihr stand ein kleines Lunchpaket mit der Aufschrift Vicci.

Ich sprang die letzten Treppenstufen zu ihr herab und lachte beschwingt: »Mum, das hättest du nicht extra machen müssen! Ich hätte mir doch auch am Flughafen was zu essen holen können!« Bevor sie etwas erwidern konnte, schnappte ich mir freudig die Tüte und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Danke dafür!«

Sie lächelte wissend zurück, doch in ihre Augen trat ein herzzerreißendes Glitzern. »Mein Schatz, dein Dad und ich sind so stolz auf dich! Du hast bereits jetzt schon so viel erreicht und mit dem Platz in Harvard stehen dir alle Türen offen. Das ist wundervoll!«

Ich merkte den mir allzu bekannten Schmerz in der Brust und drückte sie fest an mich.

»Bitte nicht weinen«, brachte ich mühsam mit belegter Stimme hervor und musste selbst mit aller Macht gegen die aufsteigenden Tränen ankämpfen.

Während wir uns in den Armen lagen, erklang von draußen ein lautes Hupen. Mein Taxi für die Fahrt zum Flughafen war da.

Mum löste sich von mir, fuhr sich mit den schlanken Fingern unwirsch durch ihre ordentlich frisierten Haare und wandte kurz den Blick ab. Als sie wieder aufschaute, wirkte sie etwas gefasster und legte ihre Hand auf meine Wange. »Schreib uns, ok? Egal was ist, du kannst jederzeit anrufen oder nach Hause kommen!«

»Weiß ich doch«, versprach ich ihr lächelnd. Ich legte meine Hand auf ihre und drückte sie beruhigend. Dann gingen wir zum Taxi und Liam übergab dem Fahrer meinen Koffer.

Bevor ich einstieg, umarmte ich beide noch einmal herzlich und versuchte den Schmerz zu ignorieren, den mir der Abschied bereitete. Ich nahm mir fest vor, diesen letzten Moment als glücklich in Erinnerung zu behalten, doch als das Taxi losfuhr und ich die beiden so traurig dreinblickend und winkend dastehen sah, konnte ich die Tränen nicht länger zurückhalten.

Die Fahrt zum Flughafen nach San Francisco dauerte eine halbe Stunde. Wir fuhren am Gateway Park vorbei über die Bucht von San Francisco über die berühmte Bay Bridge. Die atemberaubende Landschaft von Kalifornien zählte definitiv zu den Dingen, die mir in Massachusetts fehlen würden. Genauso wie die schwül-heißen Sommer mit der ungnädig prallenden Sonne und die milden Wintermonate. Von meinem Fenster aus sah ich die vielen leicht bekleideten Menschen, die entlang der Fußwege schlenderten und aller Wahrscheinlichkeit nach keinen einzigen Gedanken an ihre traumhafte Lebenssituation verschwendeten. Ich fragte mich, ob die Leute in Massachusetts genauso gut gelaunt und optimistisch waren. Doch selbst wenn nicht, würde ich sicher trotzdem schnell Anschluss finden.

Gut gelaunt lehnte ich mich zurück und stellte mir vor, dass ich in Harvard vermutlich meinen allerersten heftigen Schneefall erleben würde. Ich könnte mit meinen Kommilitonen nach ein paar Tassen Glühwein die Stadt unsicher machen und mit einigen von ihnen das erste Mal in meinem Leben Ski fahren gehen. Ich schmunzelte bei der Vorstellung, im dicken Schneeanzug unbeholfen einen steilen Hang hinunterzusausen und verwarf den Gedanken schnell wieder. Eislaufen wäre auch eine Option… Ich starrte zum wolkenverhangenen Himmel hinauf und konzentrierte mich auf die Aussicht, romantisch auf dem Eis mit wehendem Haar und filigranen weißen Schlittschuhen dahinzugleiten und die Leute zu verzaubern. Dass ich in Wirklichkeit noch nie Schlittschuhlaufen war und dabei höchstwahrscheinlich keine sonderlich gute Figur abgeben würde, musste ja keiner wissen.

Im Flughafengebäude selbst war die Hölle los. Überall wuselten Gruppen von Touristen mit Reiseführern herum, mehrere Jugendliche lungerten abseits ihrer Eltern zusammen auf den Bänken und schauten – mit Unmengen an Energydrinks ausgestattet – wie Zombies auf ihre Smartphones. Dazwischen standen wohlhabende Rentnerpärchen und jede Menge gestresste Geschäftsleute, die mit ihren Koffern entweder genervt am Check-in warteten oder sich mit grimmigem Blick einen Weg durch die Menschenmenge bahnten.

Ich zog das Flugticket aus meiner Handtasche und suchte die Bildschirme nach dem passenden Check-in-Schalter ab. Laut Airline erwarteten mich etwas mehr als sechs Stunden Flug, sodass ich mir für die Zeit an Board noch fix ein paar Filme über das Gratis- WiFi des Flughafens herunterlud und meine mitgebrachte Saftschorle vor der obligatorischen Sicherheitskontrolle leerte.

Der Aufruf kam und schließlich war es so weit: – mein bevorstehendes Leben in Cambridge, Massachusetts würde endlich beginnen.

***

Nach sechseinhalb Stunden Flug kam ich ohne Verzögerung in Boston an. Das lange Sitzen hatte mir ziemlich zugesetzt und war dank eines übergewichtigen älteren Mannes zu meiner linken und einer stark parfümierten Frau zu meiner rechten Seite anstrengender gewesen als gedacht. Auch konnte ich während des Fluges aufgrund meines Sitzplatzes weniger von der Landschaft sehen als erhofft. Umso schöner war es, mich endlich wieder an der frischen Luft bewegen zu können, ganz ohne eingequetscht zu sein wie eine Sardine.

Als ich das riesige Flughafengebäude verließ und mit meinem Koffer in Richtung Taxistand rollte, strahlte mir die Nachmittagssonne ins Gesicht. Verglichen zu den Sommermonaten in Kalifornien war es hier an der Ostküste mit aktuell 17 Grad für Ende August erstaunlich kühl. Da ich keine Strickjacke dabei hatte und meine anderen Sachen tief im Koffer verstaut waren, hielt ich mir schützend die Arme vor die Brust und eilte zum Taxistand. Ich nannte dem Fahrer die Adresse und merkte, dass die Aufregung in meinem Bauch weiterhin wuchs. Wir fuhren vorbei an imposanten und modernen Häusern, vielen niedlichen Cafés und schicken Restaurants, einem kleinen Fluss, dessen Brücke mich sofort an meine Heimat erinnerte, und dem Boston Public Garden, einem kleinen, liebevoll gepflegten Stadtwäldchen.

»Sind Sie das erste Mal hier?«, fragte mich der Fahrer lächelnd und schaute über den Rückspiegel zu mir. »Ja, ich komme ursprünglich aus Oakland in Kalifornien. Ich fange dieses Semester mit meinem Studium in Harvard an.« Verlegen angesichts des unerwarteten Interesses an meiner Person rutschte ich auf meinem Sitz hin und her. Einerseits war ich stolz auf mich und auf meinen Studienplatz, andererseits wollte ich nicht eingebildet wirken und vermied deshalb seinen neugierigen Blick. »Na dann herzlichen Glückwunsch! Sie werden sehen, dass Cambridge seinen ganz eigenen Charme hat. Dank Harvard und dem MIT ist Cambridge nicht nur einer der bekanntesten Orte in den USA, sondern auch ein echter Blickfang, was die historischen Altbauten betrifft. Ich sag immer: Wer das Glück hat, in Cambridge zu studieren, der hat es ganz nach oben geschafft!« Er grinste mir wohlwollend zu, erwartete aber anscheinend keine Antwort, denn er fing fröhlich an zu pfeifen.

Auf dem Campus angekommen, begriff ich sofort was er meinte: Die historischen, roten Backsteinhäuser waren von gigantischer Größe und versprühten einen derart altehrfürchtigen Charme, dass es mir die Sprache verschlug. Auf dem Campus tummelten sich Studenten, wohin ich auch blickte – durch die riesigen Parkanlagen schlendernd, mit Büchern und Ordnern die Treppenstufen entlang eilend, auf der Wiese oder auf den Parkbänken sitzend, zu zweit oder in größeren Gruppen.

Im Schein der Sonne sickerte mir dieser besondere Moment tief ins Bewusstsein: Endlich war ich da, wo ich schon immer sein wollte.

Kapitel 2

Victoria

Das mir zugeteilte Wohnheim befand sich am Rande des Campus und war vom Hauptgebäude ungefähr 15 Minuten entfernt. Am westlichen Ende des angrenzenden Parks konnte ich einen kleinen Wald erkennen und nach Süden hin bot sich mir ein wunderschöner Ausblick auf einem kleinen See und einen gläsernen Pavillon. Östlich vom Gebäude befanden sich ausreichend Parkplätze, ein großzügiger Grillplatz sowie ein einladender Pool mit Liegestühlen, kleinen Tischchen und Sonnenschirmen.

Begeistert schnappe ich mir meinen Koffer, winkte dem Taxifahrer zum Abschied zu und betrat den großen Empfangsbereich. Die hohe Decke war mit Spitzbögen verziert und in der Mitte des Raumes hing ein moderner Kronleuchter. Zu meiner rechten Seite standen ein kleines, dunkelgrünes Sofa und ein dazu passender Sessel neben einem antik aussehenden Beistelltisch und einer hübschen Topfpflanze. In der linken Raumhälfte zierten mehrere Bücherregale die Wand, in der Ecke stand ein kleines Stehpult und in der Mitte hing eine riesige Karte des Campusgeländes mit zahlreich markierten Lehrgebäuden.

Ich hatte kaum Zeit, alles auf mich wirken zu lassen, als eine zierliche, rothaarige Studentin in der für Harvard typischen Schuluniform auf mich zukam und mir begeistert ihre Hand entgegenstreckte.

»Hey, ich bin Lissy. Du musst Victoria sein, richtig?« Ihr Lächeln war strahlend weiß.

»Ja, aber nenn mich einfach Vicci«, bot ich ihr an und ergriff ihre Hand.

»Alles klar, Vicci! Du hast das seltene Glück, eine der wenigen Auserwählten zu sein, die sich eine unserer Gemeinschaftssuiten mit nur einer anderen Person teilen müssen. Also fühl dich geehrt!«

»Wirklich? Ich dachte, es gibt ausschließlich Zimmer für drei bis fünf Studierende?«, fragte ich erstaunt. »Ja, normalerweise schon. Aber seit diesem Jahr wird ein neu akkreditierter Studiengang etabliert, für den es insgesamt weniger Zulassungen gibt und deshalb ist in unserer Erdgeschosssuite zurzeit nur eine Studentin untergebracht – nämlich ich. Wir können uns die Suite teilen und haben somit neben der Küche, dem Bad und dem Wohnzimmer jeweils ein Zimmer plus Nebenraum für uns allein«, erklärte sie mir und deutete auf eine hellbraune Tür am Ende des Raumes. »Auf jeder Etage gibt es vier Gemeinschaftssuiten, die vom Schnitt her alle gleich groß sind. Die hier im Erdgeschoss ist ein klein wenig großzügiger aufgeteilt als die anderen, deshalb nutzen wir den Wohnbereich mit Gartenzugang auch einmal im Monat am Wochenende für unsere Partys. Aber keine Sorge, in deinen privaten Bereich darf natürlich keiner rein. Falls du also deine Ruhe haben willst, sag einfach Bescheid.« Heiter schaute sie mich an und warf einen Blick zur Treppe, als es von oben polterte und laute Stimmen zu uns herunter drangen.

Ich brauchte einen Moment, um die vielen Informationen zu verarbeiten. Dass mir nur Lissy als Mitbewohnerin zugeteilt wurde, sagte mir sehr zu, aber dass unsere Suite regelmäßig für Partys zur Verfügung stehen sollte, war nicht gerade mein Ding. Gemütlich im Schlafanzug abends vor dem Fernseher zu sitzen oder in Unterwäsche durch die Wohnung zu laufen, konnte ich also vergessen. Nachdem ich mich etwas gesammelt hatte, bemerkte ich, dass Lissy offenbar auf eine Reaktion wartete. »Das klingt doch ganz gut«, sagte ich lahm und überlegte krampfhaft, was ich noch fragen könnte. »Ähm und warum wurde ausgerechnet ich dir zugeteilt?«

»Ach, das war reiner Zufall! Du hättest genauso gut auch woanders eingeteilt werden können.« Sie zuckte mit den Schultern und zwinkerte mir zu: »Also freu dich einfach und komm mit!« Sie zog einen großen Schlüsselbund aus ihrer Hosentasche und ging forschen Schrittes durch den Empfangsbereich zur besagten Tür.

Von der oberen Etage kam just in diesem Moment eine Gruppe junger Studenten die Treppe herunter gepoltert, laut lachend und mit Badesachen bekleidet.

»Hey Lissy, kommst du nachher mit zum Pool eine Runde abhängen?«, rief ihr einer der Kerle verschwörerisch zu und erntete dafür ein grölendes Johlen von seinen Freunden.

»Klar, gern doch! Ich bring Vicci mit, wenn sie nichts dagegen hat«, gluckste sie erfreut und deutete schmunzelnd auf mich. Die Jungs pfiffen anerkennend und einer von ihnen rief lachend: »Aber nur im Bikini, Ladys!« Ich wurde knallrot und wandte den Blick ab. Keine zehn Pferde würden mich an meinem ersten Collegetag nur im Bikini bekleidet zwischen eine Horde junger Collegestudenten bringen, die wer weiß was unter dem Begriff ‚abhängen‘ verstanden.

Lissy musste meine Abneigung bemerkt haben, denn sie legte mir beruhigend die Hand auf den Arm und sagte: »Entspann dich, du musst gar nichts! Komm erst mal rein.«

Der Eingangsbereich der Suite war ganz anders, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Der Flur war recht klein und ziemlich zugestellt mit allerlei Krimskrams. Ich stellte meinen Koffer ab und folgte Lissy durch eine angrenzende Tür in einen großzügig geschnittenen Raum mit offener Küche.

»Hier ist das unser Wohnzimmer. Es wurde das letzte Mal vor fünf Jahren renoviert, ist also nicht mehr ganz neu, aber mir gefällts trotzdem«, meinte sie und ließ ihre Hand im Vorbeigehen über die graue Sofalehne gleiten. Dann deutete sie auf die Küchenzeile und erklärte: »Deine Lebensmittel kannst du in den oberen Hängeschränken verstauen und im Kühlschrank ist genug Platz für uns beide.«

Sie warf einen prüfenden Blick in den Kühlschrank und ging dann zur Terrassentür. »Und hier ist der Zugang zum Garten, wie du dir vielleicht schon denken kannst. Den lassen wir an unseren Partywochenenden immer unverriegelt. Das betrifft aber immer nur die Samstagabende. Von Freitag zu Samstag und von Sonntag zu Montag feiern wir nicht. Das ist eine unserer Hausregeln.« Sie öffnete die Terrassentür und trat hinaus in die nun schon tiefstehende Nachmittagssonne.

Ich trat zu ihr und es fröstelte mich etwas. »Ist es nicht etwas zu kalt zum Baden?«, bemerkte ich mit einem kritischen Blick auf die sich am Pool tummelnden Studenten.

»Für dich als California - Girl mag das vielleicht zutreffen.

Aber hier sind die Leute etwas härter im Nehmen, was kühlere Badetemperaturen betrifft.« Sie winkte dem Kerl von vorhin zu, der ihr vom Pool aus etwas Unverständliches zurief und entschied: »Komm, lass uns wieder reingehen. Es gibt noch mehr zu sehen.«

Ich folgte ihr durch den Wohnbereich zu einem angrenzenden Durchgangszimmer mit drei weiteren Abgängen. »Hier rechts ist unser gemeinsames Badezimmer mit Dusche und großer Badewanne. Ausreichend Platz für deine Sachen und deine Handtücher müsste da sein.«

Dann wies sie auf die Tür zu meiner linken Seite: »Von dort aus gelangst du in deine beiden Zimmer. Geh ruhig rein!«

Aufgekratzt folgte ich ihrer Anweisung und betrat mein neues Zuhause. Das Hauptzimmer war circa 25 Quadratmeter groß und hatte ein großes Fenster mit einem fantastischen Ausblick auf den kleinen See und den gläsernen Pavillon. Der Boden war mit grob gemustertem Parkett verlegt und neben Schrank, Bett und Nachttisch war auch eine hübsch-verzierte, schmale Kommode vorhanden. An der linken Wand diente ein schmaler Rundbogen mit geschnitzten Ornamenten als Durchgang zum etwas kleineren Nebenraum. Ihn zierten ein rosa-gemustertes Sofa, zwei hohe Bücherregale und ein großer Schreibtisch aus dunklem Holz mit einem dazu passenden antiken Stuhl.

Zu meiner Freude war auch hier ein großes Fenster eingelassen, sodass der Raum tagsüber schön hell sein würde und momentan von der untergehenden Abendsonne in ein warmes, goldenes Licht getaucht wurde. Ich trat an das Fenster und konnte den angrenzenden Park und den Wald am Ende des Campus erkennen. Da ich von draußen das ausgiebige Planschen der Studenten hören konnte, war ich mehr als dankbar, dass ich vom Pool aus keine neugierigen Blicke in mein Zimmer zu befürchten hatte.

»Lissy, die beiden Zimmer sind perfekt! Einfach unglaublich!« Ich drehte mich zu ihr um und strahlte sie an. Mir viel ein Stein vom Herzen, dass ich mit der Zuteilung meiner Suite und Lissy als Mitbewohnerin so viel Glück gehabt hatte. Und mit den Partys würde ich mich schon irgendwie arrangieren.

»Freut mich, wenn es dir gefällt! Meine zwei Zimmer sind direkt nebenan. Also falls du Fragen hast oder etwas brauchst, komm einfach rüber.« Eilig kramte sie in ihrer Hosentasche. »Hier, bevor ichs vergesse: Das ist dein Schlüssel für unsere Wohneinheit. Bitte gut drauf aufpassen und am Ende deiner Studienzeit im Sekretariat wieder abgeben. Willkommen in Harvard!«

***

Den restlichen Abend verbrachte ich damit, meinen Koffer auszupacken, mein Bett zu beziehen und mir zu überlegen, ob ich die Möbel in der Raumaufteilung anders platzieren wollte als sie gegenwärtig aufgestellt waren. Lissys Zimmer hatte den gleichen Schnitt und sie hatte sich dafür entschieden, ihr Zweitzimmer als reines Atelier umzugestalten. Wohin sie ihren Schreibtisch verbannt hatte, war mir schleierhaft. Ihre Aussage dazu war lediglich, dass sie für Hausarbeiten und Uniaufgaben kein extra Zimmer bräuchte und stattdessen lieber in der Bibliothek oder den Seminarräumen der Universität lernte.

Da mir die vorgegebene Raumaufteilung meiner beiden Zimmer grundsätzlich gefiel, entschied ich mich schließlich dafür, die Anordnung beizubehalten. Erschöpft warf ich mich auf mein Bett, griff zu meinem Handy und wählte Liams Nummer.

Er ging beim fünften Klingeln ran. »Hey! Wir haben schon auf deinen Anruf gewartet! Bist du gut angekommen?« Im Hintergrund konnte ich unsere Mum aufgeregt fragen hören: »Ist das Vicci? Na endlich! Frag sie nach ihrem Wohnheim! Hatte ihr Flug Verspätung?« »Hey ihr beiden!«, rief ich lachend in den Hörer. »Der Flug verlief ganz gut, die Leute waren etwas komisch, aber naja... Das hatte ich ja schon befürchtet. Die Taxifahrt zum Wohnheim hat dafür nur 20 Minuten gedauert und der Fahrer war echt nett! Er hat mir ein bisschen was über Boston und Harvard erzählt.«

»Und wie ist das Wohnheim, will Mum wissen?«, fragte Liam gehorsam. Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie sie ihm im Nacken saß.

»Sehr schön! Der Campus ist genauso schön wie auf dem Flyer, den ich euch gezeigt hatte – überall schöne alte Häuser und gepflegte Parkanlagen. Und von meinem Zimmer aus habe ich einen tollen Ausblick auf einen kleinen See und den Wald.«

»Den Wald? Hat sie Wald gesagt? Harvard liegt doch in Cambridge? Ich wusste gar nicht, dass es Wälder im Vorort von Boston gibt!«, tönte Mums Stimme überrascht.

»Naja, es ist natürlich kein richtiger Wald, Mum! Mehr ein kleines Wäldchen… so eine Art optische Abgrenzung des Geländes. Wenn ihr mich besuchen kommt, dann werdet ihr es schon sehen«, erklärte ich ihr.

»Ich freu mich schon!«, sagte Liam und ergänzte, »In den Herbstferien könnten wir vorbei kommen. Weihnachten wirst du ja wohl Zuhause sein oder?«

»Klar, was denkst du denn? Ich lass mir doch Mums Braten nicht entgehen!«

»Ach Liebling, das ist sehr lieb von dir! Aber ich kann dir noch nichts versprechen… Du weißt, dass ich viel arbeiten muss«, hörte ich Mum dazwischen rufen, »es kann sein, dass ich dich erst nächstes Jahr besuchen kommen kann. Tut mir leid!«

Ich fühlte die vertraute Traurigkeit in meiner Brust und dachte kurz daran, wie es hätte sein können, wenn Dad noch da wäre.

Liam spürte das heikle Thema und lenkte ein: »Das wird schon klappen, Mum. Dann nimmst du dir halt mal ein

Wochenende frei und gut ist!«

Das erinnerte mich an Lissys Erzählung.

»Also an den Wochenenden schmeißen die hier wohl regelmäßig eine Party… Da steht unsere Wohnung so ziemlich allen offen, also wäre es mit Übernachten wahrscheinlich eh schwierig«, gestand ich den beiden schüchtern.

»Was?«, rief Mum aufgebracht und ich wusste, dass sie sich gerade fragte, ob sie sich verhört hatte. »Das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Und warum ausgerechnet bei dir?«, wollte Liam wissen. »Weil unsere Suite am größten ist und im Erdgeschoss liegt. Von unserem Wohnzimmer aus kann man direkt raus in den Garten. Dort gibt es einen großen Pool und einen Grillplatz«, erklärte ich.

»Wie geil ist das denn!«, johlte Liam, während Mum im Hintergrund entsetzt stöhnte.

»Naja, wenigstens scheint dein Wohnheim wirklich nett ausgestattet zu sein«, lenkte sie seufzend ein und kam nun näher an den Hörer. »Und wie sind deine Mitbewohner? Ich hoffe, es sind nur Mädchen!«

»Ich hab nur eine Mitbewohnerin. Lissy heißt sie und sie studiert im Hauptfach Kunstgeschichte. Sie ist wirklich nett und kennt sich hier gut aus.«

»Okay, gut. Das beruhigt mich etwas«, seufzte Mum erleichtert und ich hörte ihr Lächeln am anderen Ende der Leitung. »Ich freu mich, wenn es dir gefällt. Hauptsache du vergisst bei all den Aktivitäten im Wohnheim nicht dein Studium!«

»Mum, da brauchst du dir keine Sorgen zu machen! Erstens beginnen meine Kurse erst am Montag und zweitens hab ich hier extra ein Studierzimmer. Und außerdem: Was bringt es mir, das Studium zu vernachlässigen, wenn ich dadurch mein Stipendium verlieren könnte und demzufolge aus dem Wohnheim fliegen würde?«

»Ja, ja… Schon gut! Ich freu mich jedenfalls für dich, mein Schatz. Wenn deine erste Woche vorbei ist, dann kannst du dich ja nochmal melden, okay?«

Ich hörte es an meiner Zimmertür klopfen, erhob mich vom Bett und schlenderte zur Tür. »Ja, mach ich. Du, ich muss jetzt erstmal auflegen. Lissy hat gerade geklopft. Ich melde mich nächste Woche wieder bei euch. Kussi!« »Schreib mir!«, hörte ich Liam im Hintergrund noch laut rufen, dann legte ich auf.

Ich öffnete meine Tür und vor mir stand eine bis über beide Ohren grinsende Lissy. Sie trug einen knappen Einteiler, ihre rote Mähne wallte offen bis zur Mitte ihres Rückens und in der Hand hielt sie zwei Sektflaschen.

»Partytime!«

Kapitel 3

Noah

»Welches Kleid findest du besser: Das rote oder das schwarze?«, fragte Olivia und hielt zwei Kleiderbügel mit ziemlich knapp geschnittenen Partykleidern in die Höhe. »Keine Ahnung, sie sehen beide gut aus«, antwortete ich überfordert und starrte auf mein Handy. Noch immer hatte Beth mir nicht geantwortet. Wie sie so dreist sein konnte, war mir unerklärlich.

»Ich glaub, ich nehme das Rote«, ertönte Olivias Stimme überzeugt, während sie sich vor dem Spiegel probehalber das rote Kleid vor ihren Körper hielt und sich von Kopf bis Fuß kritisch betrachtete.

»Du weißt aber schon, dass es nachher ziemlich kühl werden wird und wir die meiste Zeit draußen sein werden?«, fragte ich sie mit hochgezogener Augenbraue und dachte an unsere letzte Party zurück. Olivia hatte sich damals frisch von ihren Ex getrennt und sich daraufhin ordentlich die Kante gegeben. Das Ende vom Lied war, dass ich sie völlig unterkühlt, verheult und in einer dunklen Ecke im Garten sitzend vorgefunden hatte und sie nach Hause bringen musste.

»Ich nehm dann einfach deine Jacke«, entschied sie und grinste mir zuckersüß zu.

»Das kannst du vergessen«, lachte ich und warf eins ihrer grauenhaft bestickten Zierkissen nach ihr.

»Oh doch! Und du wirst heute Nacht nicht nur ohne deine teure Jacke auskommen müssen, sondern auch ohne dein Handy!«, sagte sie wissend mit einem Blick auf mein Smartphone und verzog verächtlich ihre Mundwinkel nach unten. »Ich hab genau gesehen, wie du es anstarrst! Aber Beth wird sich nicht melden. Es wird Zeit, dass du sie endlich vergisst.«

»Ich weiß. Aber ich verstehe einfach nicht, wie sie so dreist sein kann! Erst heult sie mir die Ohren voll, dass es ihr leid tut und bittet mich um Verzeihung. Und jetzt ignoriert sie mich? Was soll die Scheiße?«

»Die dumme Kuh weiß halt, dass sie es verkackt hat! Hak sie einfach ab und gut ist – sie war eh nicht gut genug für dich. Das wusste ich von Anfang an!« Olivia entschied sich für das rote Kleid und schlüpfte hinein.

»Ich hoffe echt, dass sie heute Abend nicht aufkreuzt… Ich glaub, ich würde platzen«, knurrte ich und warf einen wütenden Blick auf mein Display.

»Klar wird sie da sein! Und zwar mit ihm! Darauf kannst du wetten.« Sie zupfte sich ihren Ausschnitt zurecht und zog anschließend ihre Lippen mit einem dunkelroten Lippenstift kräftig nach. Für eine Erstiparty donnerte sie sich ganz schön auf. Aber das war typisch für Olivia; sie wollte immer den größten Auftritt hinlegen. Ich steckte mein Handy in die Hosentasche und prophezeite ihr: »Dann wirst du dieses Mal diejenige sein, die mich betrunken nach Hause bringen muss.«

Erschrocken drehte sie sich um und sah mich mit geweiteten Augen an. »Bitte nicht! Ich hab nicht die Kraft, dich zum Auto zu schleppen. Außerdem reicht es, wenn einer von uns bereits einen Totalabsturz hinter sich hat!« Sie schnappte sich ihre Handtasche. »So, ich bin soweit. Wollen wir los?«

»Klar, aber willst du nicht vorher nochmal nach deiner Mum sehen?« Erwartungsvoll sah ich sie an.

Ihr Blick flackerte einen Augenblick lang nervös zur angrenzenden Tür am Ende des Raumes und dann wieder zu mir. »Nein, sie kommt schon zurecht.«

»Okay, na dann los.«

***

Als wir im Studentenwohnheim ankamen und dem Taxifahrer die ungefähre Uhrzeit nannten, wann er uns spätestens wieder abholen sollte, war die Bude bereits voll von älteren Studenten, jede Menge Erstsemestern und einigen Mitarbeitern des Colleges.

Olivia und ich gingen durch den kleinen, einfach gehaltenen Eingangsbereich des Hauses und begrüßten die vielen uns bekannten Gesichter.

Lissy hatte wie gewohnt nicht abgeschlossen und so konnten wir durch den Flur direkt in das bereits jetzt schon stark zugemüllte Wohnzimmer treten.

Die Tür zum Garten stand offen, es dröhnte laute Musik aus der kleinen Anlage im Hintergrund und sowohl drinnen als auch draußen standen jede Menge Menschen. Viele von ihnen waren im selben Collegejahr wie Olivia und ich und grüßten uns begeistert. Es waren aber auch viele neue Gesichter dabei, die ich noch nicht kannte. »Süß, oder?«, rief mir Olivia übertrieben mitleidig zu und deutete auf ein paar Erstsemester, die etwas unbeholfen in der Menge standen und an ihren Pappbechern nippten. »Die können einem ja fast schon leidtun!«, lachte sie und bahnte sich einen Weg zum Küchenbereich.

Ich folgte ihr und mein Blick blieb an einem attraktiven

Mädchen hängen, das hölzern auf dem grauen Sofa saß, gedankenverloren an ihrem Armband nestelte und insgesamt einen ziemlich unglücklichen Eindruck machte. Ich zuckte zusammen, als plötzlich Lissys laute Stimme durch den Raum gellte. »Heeeeey! Schön das ihr da seid!« Sie umarmte Olivia und mich kurz und drückte uns zwei Becher mit Bowle in die Hand. »Erdbeergeschmack. Hab ich selbst gemacht!«, strahlte sie uns an.

»Von Bowle sollte ich wohl lieber die Finger lassen«, sagte Olivia mit einem skeptischen Blick auf das Getränk und erinnerte sich offenbar an ihren letzten Absturz. Sie kippte den Inhalt des Bechers zurück in die Glaskaraffe und warf ungeduldig ihr langes Haar über die Schulter. »Habt ihr nichts anderes?«, fragte sie Lissy gelangweilt.

»Äh, doch. Klar! Wir haben noch jede Menge alkoholfreie Getränke«, bot sie nervös an und eilte zum Kühlschrank. Sie kam zurück mit einer Packung Orangensaft und einer Flasche Cola.

Während ihr Olivia mit einer Geste zum Ausdruck brachte, dass Lissy ihr gefälligst Orangensaft in ihren Becher füllen sollte, versuchte ich Olivias fehlenden Charme wieder gut zu machen.

»Wie waren deine Semesterferien?«, wollte ich von Lissy wissen und warf einen Blick auf die vielen bunten Bändchen an ihrem Handgelenk.

»Oh, wirklich super! Brian und ich waren fast jedes Wochenende mit Freunden auf Konzerten und Festivals«, erzählte sie stolz und hielt ihren Arm in die Luft. Sie warf einen Blick über ihre Schulter nach draußen und winkte Brian zu. »Wenn ihr mich entschuldigt, ich war gerade dabei, ihm etwas zu trinken zu holen«, erklärte sie zerknirscht und war auch schon wieder verschwunden.

»Für mich wäre das nichts«, sagte Olivia abfällig und drehte sich zu mir um. »Die ganze Zeit nur rumzustehen und auf irgendeiner ekligen Wiese den Leuten beim Pinkeln zusehen zu müssen. Abartig.«

»Ich denke, du siehst das alles etwas eng. Nicht umsonst gehen dort so viele Menschen hin«, lachte ich und musterte Olivias angeekelte Miene.

»Naja, es kann ja nicht jeder Geschmack haben.« Damit war das Thema für sie beendet. »Ich frag mich jedes Mal wieder, wie man hier bloß wohnen kann! Diese kleine Bude! Und dann regelmäßig all die vielen Leute… Guck nur, wie abgeranzt die Möbel mittlerweile aussehen!« »Olivia, jetzt hör endlich auf zu meckern! Wozu hast du dich so schick gemacht, wenn du keine Lust auf die Party hast? Lass uns einfach raus in den Garten gehen!«, ermahnte ich sie stöhnend und packte sie am Handgelenk. Ich zog sie durch das Wohnzimmer hinaus in den Außenbereich und war froh, dass uns die Leute bereitwillig Platz machten. Draußen tummelten sich nicht weniger viele Studenten als drinnen und belegten sowohl die Liegen am Pool als auch die Bänke am Grillplatz. In der Mitte des Platzes war ein gemütliches Lagerfeuer auf der kleinen Feuerstelle entfacht worden und es lag eine angenehme Wärme in der sonst so kühlen Nachtluft.

Als ich auf den Pool zusteuerte und vor mir in die Menge sah, blieb ich abrupt stehen, sodass Olivia gegen mich knallte.

»Oh nein«, schnappte ich nach Luft und starrte quer über die Rasenfläche zu einem knutschenden Pärchen.

»Was ist?«, fragte Olivia verwirrt, folgte meinem Blick und holte zischend Luft. »Ich hab‘s dir doch gesagt! Ich wusste, dass die beiden nicht den Anstand besitzen würden, heute woanders zu feiern!«, flüsterte sie mir aufgebracht zu und erdolchte meine Exfreundin Beth und ihren neuen Macker – meinen ehemaligen besten Freund Jason – mit ihren Augen.

Genau in diesem Moment entdeckten die beiden uns und mir gefror das Blut in den Adern, als mich Jasons Abneigung mit voller Wucht traf. Beth, die eher unsicher wirkte, machte Anstalten auf mich zuzukommen, doch zum Glück hielt Jason sie kopfschüttelnd zurück und beiden wandten sich ab.

Ich spürte, wie mir das Herz bis zur Brust schlug und ich ballte beide Hände zu Fäusten, um mich abzureagieren. »Entspann dich!«, zischte Olivia und packte mich an den Schultern. »Die beiden sind es nicht wert.« Sie warf ihnen noch einen giftigen Blick zu und drehte mich dann von ihnen weg.

»Ich komm mir einfach so verarscht vor«, knurrte ich sie an und presste meine Zähne fest aufeinander. »Vergiss die beiden einfach! Wir machen uns einen schönen Abend und haben Spaß.« Da ihr Aufmunterungsversuch nicht viel bewirkte, legte ihre Hand auf meine Wange. »Lass dich von den beiden nicht runterziehen! Sie sind diejenigen, die sich schämen sollten! Nicht du.«

Ich seufzte tief und fuhr mir unsicher mit der Hand durch die Haare. Ich wusste, dass Olivia Recht hatte.

Nicht ich war derjenige gewesen, der fremdgegangen war. Sollten die beiden doch bleiben wo der Pfeffer wächst!

Ich zog Olivia weiter Richtung Pool und beschloss, mir Jason und Beth ein für alle Mal am Arsch vorbeigehen zu lassen.

Victoria

Die Party war für mich ein einziger Albtraum. Angefangen schon allein damit, dass Lissy unsere Wohnungstür nicht abgeschlossen hatte und die meisten von den Studenten nicht den Anstand besaßen, vorher kurz anzuklopfen oder sich anderweitig bemerkbar zu machen. Auch war ich mir unsicher, ob ich Lissy darum bitten durfte, in Zukunft die Tür zum Eingangsbereich des Wohnheims abzuschließen.

Anscheinend war es hier so üblich, dass alle kommen und gingen wann sie wollten.

Als 22 Uhr die ersten Gäste eintrudelten, hatte Lissy die drei großen Kannen selbstgemachte Erdbeerbowle bereits kalt gestellt und sämtliche Knabbersachen im Innen- und Außenbereich verteilt. Brian, der Typ von heute Nachmittag, der sie zum Abhängen am Pool eingeladen hatte, war offenbar ihr Freund und hatte mit seinen Kumpels bereits eine riesen Sauerei veranstaltet noch bevor die Party eigentlich losgegangen war. Dass ich mich erfolgreich geweigert hatte, im Bikini mit seinen Kumpels schwimmen zu gehen, muss ich wohl nicht erwähnen.

Lissy überredete mich, mit ihr wenigstens ein Glas Sekt auf meinen Einzug zu trinken und mit den Univorbereitungen bis morgen zu warten. Trotz Müdigkeit und Erschöpfung meiner langen Anreise, ließ ich mich dazu breitschlagen mir die Party zumindest bis Mitternacht anzusehen und dann zu entscheiden, ob ich lieber ins Bett gehen wollte oder nicht.

Also kämmte ich mir meine Haare, frischte mein Makeup etwas auf und zog ein etwas enger geschnittenes, schwarzes T-Shirt an. Ich half Lissy bei den restlichen Vorbereitungen und aß mit ihr und Brian ein paar Hotdogs am Grillstand.

Es dauerte gerade mal bis 23 Uhr, bis unsere Wohnung schier aus allen Nähten platzte. Alle schienen sich bei uns pudelwohl zu fühlen und da ich noch niemanden kannte, wusste ich nicht, wer bereits in den höheren Semestern studierte und wer nicht.

Ich versuchte mein Glück und gesellte mich zu einer Gruppe von drei jungen Frauen und zwei Männern, doch bis auf ein knappes ‚Hallo‘ und einen abscannenden Blick von einer der Mädels wurde ich nicht weiter in die Gesprächsrunde einbezogen. Lissy hatte alle Hände voll zu tun und kannte offenbar jeden hier, also ließ ich sie in Ruhe und verzog mich mit einem Becher Bowle aufs Sofa und hoffte, dass die restliche Zeit bis Mitternacht schnell verging. Um mir die Zeit zu vertreiben, widmete ich mich hauptsächlich meinem Handy und war dankbar, als zufälligerweise eine Nachricht von Liam eintrudelte.

Feier nicht zu wild. ;)

Ich lachte kurz freudlos auf und simste zurück.

Schade, dass du nicht hier bist. Mit dir wäre es viel lustiger. :/

Seine Antwort kam prompt:

So schlimm? :O

Ich blickte auf und fühlte mich schlecht. Jetzt hatte ich sogar schon Liam die Ohren vollgeheult. Nur weil ich unfähig war, mit fremden Leuten ins Gespräch zu kommen.

Nein, geht schon. War schön vorhin mit euch zu telefonieren.

Freu mich, wenn wir uns wiedersehen.

Ich freu mich auch. Feier schön und hab etwas Spaß.

Seufzend steckte ich das Handy weg und sah mich lustlos im Raum um. Mein Blick fand Lissy, die in diesem Moment durch die Terrassentür hinein kam und auf ein äußerst attraktives Pärchen zusteuerte. Sie begrüßte die beiden mit einer kurzen Umarmung und sowohl er als auch sie sahen so unfassbar gut aus, dass ich den Blick nicht abwenden konnte.

Das Mädchen musste ein bis zwei Jahre älter sein als ich, hatte lange blonde Haare, die ihr in seidig glatten Wellen über die Schultern fielen. Ihre Haut hatte eine erstaunliche Bräune für die Region hier und in ihrem roten Kleid sah sie mehr als hinreißend aus. Dass die anderen Mädchen zusammenstanden und heimlich tuschelten und die Kerle kurz davor waren zu sabbern, schien ihr offenbar nicht aufzufallen. Oder sie hatte sich schlicht und einfach daran gewöhnt. Die Aura, die sie umgab, war faszinierend und beängstigend zugleich.

Der Typ neben ihr war nicht weniger einschüchternd. Groß, gut gebaut und mit braunen, nach hinten gegeltem Haar. Seine Körperhaltung war stolz und platzeinnehmend, er schien sehr selbstbewusst und in sich ruhend zu sein. Ich beobachtete, wie er von allen Seiten begrüßt wurde, obwohl er selbst keinen sonderlich aufgeschlossenen Eindruck machte. Auffallend waren auch seine gute Kleidung, die teuren Schuhe und die fette Armbanduhr an seinem linken Handgelenk. Was die wohl wert war? Davon könnte ich sicher ein ganzes Jahr meine Studiengebühren finanzieren, überlegte ich abschätzend und konzentrierte mich noch lustloser als vorher auf meinen Pappbecher. Nur noch eine halbe Stunde bis Mitternacht, dann würde ich Lissy vorgaukeln, dass ich müde sei und die Fliege machen.

Ich schloss die Augen und lehnte mich zurück. So hatte ich mir meinen ersten Tag hier nicht vorgestellt. Klar, ich hatte mich zwar schon darauf gefreut, Teil einer neuen Gemeinschaft zu werden. Aber die lange Reise, das Auspacken und das Kennenlernen von so vielen neuen Menschen und Dingen an einem einzigen Tag war eindeutig zu viel für mich.

Ich spürte, wie sich jemand neben mich setzte und schlug die Augen auf.

»Na Süße, bist du neu hier?«, fragte der Fremde. Sein Gesicht zierten viele tiefe Aknenarben, die ihn einen verbrauchten Ausdruck verliehen und er trug ein weit geschnittenes Trikot. Als er ein Stück zu mir heran rutschte, konnte ich seine Alkoholfahne riechen und lehnte mich angewidert ein Stück zurück.

»Ja«, antwortete ich knapp und schaute demonstrativ in die andere Richtung.

»Cool, was studierst du denn?«, wollte er wissen und versuchte meinen Blick auf sich zu lenken.

»Literaturwissenschaften«, sagte ich nur und vermied es weiterhin, ihn anzusehen. Von der Alkoholfahne und der vernarbten Haut mal ganz abgesehen, war er auch sonst nicht mein Typ. Er war zwar groß, aber schlaksig gebaut und hatte helles, krauses Haar. Mit seinen stechenden kleinen blauen Augen fixierte er mich und ich rutschte soweit es ging von ihm ab.

Zum Glück hörte ich in diesem Augenblick Lissys Stimme, die quer durch den Raum rief: »Vicci, komm mal rüber!«

Aus reiner Höflichkeit lächelte ich dem Typen entschuldigend zu und eilte dankbar hinüber zu Lissy. Sie zog mich zur Tür hinaus und sah mich eindringlich an. »Lass dich nicht dumm anquatschen«, riet sie mir und warf einen Blick auf den nervigen Kerl. »Wenn du kein Interesse hast, dann sag es ihm direkt ins Gesicht. Bei so viel Alkohol brauchen die meisten klare Ansagen!« Bevor ich etwas dazu sagen konnte, zog sie mich weiter

Richtung Pool und steuerte auf eine der Sonnenliegen zu. Die Lichterketten tauchten den Außenbereich in ein buntes Licht und dank der klaren Nacht waren am Himmel die Sterne zu sehen. Wir gingen an ein paar laut lachenden Leuten vorbei und als wir uns setzten, fröstelte es mich etwas.

»Vicci, ich weiß, dass das für dich alles etwas viel sein muss. Du hattest einen langen Tag und mit Sicherheit haben dich die vielen fremden Gesichter erstmal ziemlich eingeschüchtert. Aber du wirst sehen, dass wir hier eine tolle Gemeinschaft sind und alle aufeinander Rücksicht nehmen.« Sie streckte ihre Füße aus, streifte ihre Absatzschuhe ab und tauchte ihre Füße in das warme Wasser. »Auch wenn du es vielleicht nicht glauben wirst, aber solche Partys eignen sich gut, um mit den Mitarbeitern hier ins Gespräch zu kommen. Klar, es nehmen zwar nicht alle teil, aber ab und zu sind ein paar von denen mit da und das ist eine super Chance, sich vorzustellen und Beziehungen zu knüpfen. Für Jobs zum Beispiel oder auch für Hilfestellungen, was das Studium betrifft.« Ich warf einen Blick durch die Runde und sah für einen kurzen Moment die Umgebung mit Lissys Augen. Die lachenden Menschen, die amüsierten Gesichter, die gedämpfte Musik, das glitzernde Wasser und das gemütliche Flackern und Knistern des Feuers. Ich entspannte mich etwas und lächelte ihr zaghaft zu. »Ja, du hast sicher Recht. Ich bin einfach nur ziemlich fertig, weißt du?« »Du musst nicht bleiben, wenn du nicht willst«, versicherte sie mir und warf einen Blick auf ihr vibrierendes Handy. »Brian textet mich zu, der Idiot«, gestand sie schmunzelnd und steckte ihr Handy zurück in die Tasche. Ich sah Brian vom Grillplatz aus auf uns zukommen und merkte, wie die Müdigkeit an mir nagte. Ich unterdrückte ein herzhaftes Gähnen und rieb mir erschöpft in den Augen. »Ich glaub, ich werde mich jetzt zurückziehen. Es war ein langer Tag.«

»Dann bis morgen und gute Nacht.« Lissy drückte mich kurz zum Abschied.

Ich war froh, dass sie Verständnis für mich aufbringen konnte und ging erleichtert zurück ins Haus. Ich verschwendete keinen weiteren Blick an die Menge oder das Chaos in unserer Wohnung, sondern steuerte direkt auf das Badezimmer zu, schloss die Tür hinter mir und befreite mich aus meinen engen Klamotten. Die heiße Dusche entspannte meine müden Muskeln und ich ließ mir alle Zeit der Welt, um die Anspannung der letzten Stunden von mir abzuwaschen.

Als ich fertig war, stellte ich erschrocken fest, dass ich vollkommen vergessen hatte, mir vor dem Duschen frische Klamotten aus meinem Zimmer zu holen. Ich ärgerte mich über mich selbst und hüllte mich notgedrungen fest in eines der Handtücher, um dann so unauffällig wie möglich zu meinem Zimmer zu sprinten und mich zu verschanzen.

Gerade als ich die Badezimmertür hinter mir schloss und mich umdrehen wollte, stieß ich hart mit jemanden zusammen. Erschrocken sah ich auf und stellte entsetzt fest, dass es der betrunkene Typ von vorhin war.

»Hi«, lallte er mir laut ins Ohr und stützte sich mit seinen Händen neben mir an der Wand ab. »Schön siehst du aus«, plauderte er anzüglich und griff nach einer meiner nassen Haarsträhnen.

»Lass das«, sagte ich empört und versuchte ihn mit meiner freien Hand von mir wegzustoßen. Doch ich war zu sehr damit beschäftigt mein Handtuch festzuhalten und kam gegen seinen schweren Körper nicht an. »Komm schon! Ich hab doch vorhin genau gesehen, wie du mich angeschmachtet hast!«, meinte er mit einem arroganten Lächeln und kam noch ein Stück näher.

Mir wehte erneut seine Alkoholfahne entgegen und ich merkte, wie mir übel wurde und ich Panik bekam. Wie konnte es sein, dass unsere Wohnung voller Menschen war, aber sich ausgerechnet hier niemand außer uns beiden blicken ließ?

Ich versuchte noch einmal den aufdringlichen Kerl von mir wegzustoßen, aber er lachte nur und fuhr nun mit seinen schwitzigen Fingern über mein Schlüsselbein. »Eric, lass den Scheiß!«, hörte ich plötzlich eine männliche Stimme bellen und augenblicklich ließ mich Eric frei.

Erleichtert stieß ich den Atem aus und schloss für einen kurzen Moment dankbar die Augen.

Als ich sie wieder öffnete, erkannte ich den hübschen Typen von vorhin und schämte mich augenblicklich in Grund und Boden. Nicht nur, weil ich hier halb nackt auf dem Flur stand, sondern auch wegen der Tatsache, dass ich mich gegen Eric nicht hatte durchsetzen können. »Misch dich nicht ein, Noah!«, lallte Eric und sah ihn genervt an. »Sie wollte es doch!«

»Das glaub ich nicht. Und jetzt verpiss dich gefälligst!« Seine Stimme war eisig und glasklar.

Eric schien kurz abzuwägen, ob er einer körperlichen Auseinandersetzung mit Noah in seinem jetzigen Zustand gewachsen war und starrte ihn herausfordernd an. Doch dann überlegte er es sich offenbar anders, zuckte nur mit den Schultern und torkelte an Noah vorbei zurück ins Wohnzimmer.

»Danke«, murmelte ich leise als Eric weg war und wir allein im Flur zurückblieben.

Noahs hübsches Gesicht musterte mich besorgt und vorsichtig kam er einen Schritt auf mich zu. Ich bemerkte, dass seine grünen Augen für den Bruchteil einer Sekunde über meine nackten Schultern huschten und danach interessiert hoch zu meinem Gesicht wanderten. Ich fühlte, wie mir das Blut in die Wangen schoss und senkte verlegen über diese plötzliche Intimität den Blick. »Nicht dafür. Pass das nächste Mal einfach etwas besser auf«, erwiderte er sanft und warf anschließend einen verwunderten Blick auf mein Handtuch. »Warte mal – bist du Lissys neue Mitbewohnerin?«

»Ja, ich bin heute erst eingezogen.« Ich merkte, dass mein Handtuch dank meiner nassen Haare mittlerweile fast vollständig durchnässt war und spürte ein unangenehmes Frösteln auf meiner Haut. Sehnsuchtsvoll blickte ich auf meine Tür und schlang schützend die Arme um meinen Körper.

Noah bemerkte meine veränderte Körperhaltung und zählte offenbar eins und eins zusammen. »Okay, na dann lass ich dich jetzt besser mal in Ruhe… Dann kannst du dich umziehen.«

»Ja, danke«, hauchte ich befreit. Ich blickte noch einen Moment lang in seine neugierigen Augen, aber schlängelte mich dann gekonnt an ihm vorbei und betrat mein Zimmer.

Kurz bevor ich die Tür hinter mir schloss, hörte ich ihn noch rufen: »Wie heißt du?« Ich lächelte mild. »Victoria.«

Kapitel 4

Noah

Die Party wütete noch eine ganze Weile, nachdem ich mich von Victoria verabschiedet hatte. Nun, verabschiedet war vielleicht nicht das richtige Wort. Ich hatte sie nach ihrem Namen gefragt und nachdem sie mir geantwortet hatte, war ihre Zimmertür auch schon ins Schloss gefallen. Etwas verwirrt ging ich zurück in den Wohnbereich und holte mir einen neuen Becher Bowle. So schnell hatte mich noch keine Frau abblitzen lassen, das stand fest. Aber nach der Sache mit Eric war ihr höchstwahrscheinlich einfach nicht nach Reden zumute gewesen, was mehr als verständlich war.

»Wo warst du?«, durchdrang Olivias tadelnde Stimme meine Gedanken und ich sah ihre Hände nach der Cola Flasche greifen.

»Auf Toilette«, wich ich ihrer Frage aus und nahm einen Schluck aus meinem Becher. Olivia von Victoria und Eric zu erzählen war keine gute Idee. Erstens ist Olivia sehr empfindlich, wenn es um andere Frauen geht und zweitens wäre es Victoria mit Sicherheit unangenehm, wenn ich den Vorfall zwischen ihr und Eric an die große Glocke hängen würde. Und wenn Victoria wirklich Lissys neue Mitbewohnerin war, dann würden wir zwangsläufig früher oder später nochmal ins Gespräch kommen. Ich freute mich über den Gedanken, Victoria näher kennenlernen zu können und konnte mir ein verlegenes Schnauben nicht verkneifen. Wie sie da in ihrem Handtuch gestanden hatte, war ein seltsam vertraulicher Anblick gewesen. Sie war trotz ihrer Kurven so zart und zerbrechlich…Und Eric, dieser Mistkerl, hatte das schamlos ausgenutzt. Wer weiß, wie weit er gegangen wäre, wenn ich nicht da gewesen wäre!

Ich schüttelte mich bei der Vorstellung, ihn über Victoria herfallen zu sehen und stellte mir dann vor, wie ich ihm ordentlich seine Fresse polierte. Eric gehörte definitiv zu den Menschen, die gelegentlich eine reingehauen bekommen sollten.

Wie sich Victoria wohl gefühlt haben muss? Ich fragte mich, wie es für sie sein musste in so einer Unterkunft leben zu müssen. Zwar hatte Harvard hohe Standards und prinzipiell konnte man hier als Student definitiv nicht meckern. Aber die regelmäßigen Partys, die vielen fremden Menschen, die fehlende Privatsphäre und die gemeinschaftliche Raumnutzung – all das wäre absolut nichts für mich. Ich dachte einen Augenblick lang an mein Zuhause und war dankbar dafür, dass ich das Glück hatte, allein in einer mehr als großzügigen Wohnung leben zu dürfen. Und das Haus meiner Eltern stand im Zentrum von Boston und war eine der teuersten Villen, die hier im Umkreis zu finden waren. Olivia war die einzige Kommilitonin von mir, die in derselben Straße aufwachsen war und aus einem ähnlichen Elternhaus stammte wie ich. Nicht, dass es mir besonders wichtig gewesen wäre. Aber es verband uns dennoch auf eine unsichtbare Art und Weise und schwebte unausgesprochen im Raum, egal wo wir waren.

Olivia griff nach einem Käsekräcker und musterte mich interessiert. »Ist irgendwas passiert?«, fragte sie neugierig und lehnte sich ein Stück näher in meine Richtung. Meine Güte, die Frau würde einen guten Spürhund abgeben! Ich unterdrückte ein Augenrollen und seufzte: »Nein, warum?«

»Du wirktest gerade so in deine Gedanken vertieft«, stellte sie argwöhnisch fest.

»Nein, alles gut«, winkte ich ab und fühlte mich auf einmal ziemlich müde. Ich fuhr mir mit den Händen über meine Schläfen und verkniff mir ein Gähnen. »Eric ist sturzbesoffen. Sieh ihn dir nur an«, bemerkte Olivia angewidert und belustigt zugleich und deutete mit ihrem Kinn auf dem zum Pool wankenden Eric.

»Ja, ich weiß. Er hat es ziemlich übertrieben.« »Hauptsache, er säuft uns nicht ab«, witzelte sie und nahm sich noch einen Kräcker.

»Na ihr, ist alles klar bei euch?«, ertönte Lissys Stimme hinter uns. Wir drehten uns um und sahen sie mit einer Unmenge an Pappbechern und Ping Pong Bällen auf uns zusteuern. »Habt ihr Lust mitzumachen?«, fragte sie hoffnungsvoll und warf einen Blick Richtung Wohnzimmertisch. Dort hatte sich bereits eine Gruppe von Studenten versammelt, die am Trinkspiel teilnehmen wollten. »Auf gar keinen Fall!«, stöhnte Olivia entsetzt und warf ihre langen Haare nach hinten. »Ich erinnere mich noch allzu gut an meinen letzten Absturz.«

Lissys Blick fiel auf mich und ich sah das Flehen in ihren Augen. Ich wusste, dass Olivia und ich für sie die wichtigsten Gäste waren. Nicht, weil uns eine besonders tiefe Freundschaft verband, sondern weil wir aus den reichsten Familien Bostons stammten und daher ungewollt im Mittelpunkt standen, egal wo wir waren.

»Sorry, Lissy. Aber ich bin auch raus. Ich will nicht enden wie Eric«, entschuldigte ich mich bei ihr und hob abwehrend die Hände.

Sie folgte meinen Blick zum Pool und schnaubte amüsiert, als sie Eric völlig fertig auf einer der Sonnenliegen sitzen sah. »Okay. Es war einen Versuch wert«, murmelte sie mit einem Schulterzucken. Sie ging hinüber zum Tisch und Olivia stupste mir in die Seite.

»Lass uns raus zum Lagerfeuer gehen!«, schlug sie vor, »Aber vorher gibst du mir noch deine Jacke.«

»Nichts da! Du mummelst dich in eine Decke und gut ist«, erwiderte ich lachend.

Wir gingen hinaus und setzten uns auf eine kleine Bank in der Nähe des Feuers. Inzwischen war es ziemlich kühl, und ich war froh, dass uns das Feuer wärmte. »Weißt du, auch wenn ich kein Fan von den Wohnheimen hier bin, bin ich dennoch froh hier zu sein«, sagte Olivia leise und schlang eine grob karierte Decke um ihren schlanken Körper.

»Ich weiß. Geht mir auch so«, raunte ich zustimmend und genoss die Wärme des Feuers.

»Die Zeit vergeht viel zu schnell! Ich fühl mich so, als wäre es erst gestern gewesen, dass wir hier neu waren... Und jetzt sind wir schon im dritten Collegejahr.« Sie stierte ins Feuer und ich sah das Flackern der Flammen in ihren Augen.

»Naja. Genau genommen sind wir erst ab morgen im dritten Collegejahr«, zog ich sie auf und warf ihr ein mildes Lächeln zu.

Sie ignorierte meinen Scherz und starrte weiter trübsinnig auf das Feuer. Okay, es war ihr offenbar ernst. Ob es wohl an ihrem Zuhause lag? Ich dachte an ihre Mutter. »Ich finde auch, dass die Zeit wie im Flug vergeht. Aber so ist das nun mal… Dagegen kann man nichts machen«, antwortete ich stirnrunzelnd.

Gerade als sie etwas erwidern wollte, durchschnitt eine laute Stimme die klare Abendluft.

»Na sieh mal an, wer uns da beehrt!« Eric torkelte auf uns zu und blieb gefährlich nah am Feuer stehen. »O Mann, ist das jetzt sein Ernst?«, fragte Olivia angewidert.

»Was willst du Eric?«, fragte ich geradeheraus und konnte nur mit Mühe meine aufkochende Wut unterdrücken. »Hört, hört. Der König spricht!«, lallte er verächtlich und breitete die Arme aus.

»Eric«, ertönte Jasons mahnende Stimme vom anderen Ende des Platzes. Ich stöhnte auf und schloss für einen kurzen Moment die Augen.

»Wusstest du, Jason, dass unser lieber Noah hier eine der Neuen klarmachen wollte?«, rief Eric mit lauter Stimme durch die Runde.

Ich spürte Olivias überraschten Blick auf mir ruhen und merkte, dass auch die anderen neugierig lauschten. »Aber er hat sie nicht gekriegt, der Vogel! Tja, dumm gelaufen oder?«, laberte Eric weiter und wankte nun stark alkoholisiert ein Stück auf mich zu.

»Halt einfach deine verdammte Fresse und sieh zu, dass du nicht ins Feuer fällst«, erwiderte ich verächtlich und durchbohrte seine hohle Miene mit einem eisigen Blick. »Von wem spricht er?«, flüsterte mir Olivia fragend ins Ohr. Ich ignorierte ihre Frage und mein Ärger wuchs, als ich bemerkte, dass die Menge uns immer noch mit unverhohlener Neugier anstarrte und anscheinend auf eine Zuspitzung der Situation hoffte.

Eric lachte und schien die Szene in vollen Zügen zu genießen. Ich spürte das harte Holz der Bank unter meinen Fingern und versuchte mit aller Macht gegen die in mir tobende Wut anzukämpfen.

Jason, der mich gut genug kannte und eine Eskalation des Konflikts bereits vorauszuahnen schien, griff nach Erics Arm und ermahnte ihn erneut: »Lass gut sein, Eric. Wir gehen lieber.« Er zog ihn auffordernd am Ärmel und zu unser aller Erleichterung ließ Eric sich wegführen. Beth folgte den beiden unsicher und warf mir einen undurchdringlichen Blick zu.

Bevor die drei ganz aus unserem Sichtfeld verschwunden waren, drehte sich Eric plötzlich nochmal um und leierte mit belehrender Stimme: »Merks dir, Noah! Du kannst sie nicht alle haben! Jason hat alles richtig gemacht, als er dir deine heißgeliebte Beth ausgespannt hat!« Er lachte boshaft und ich sprang wütend auf.

»Nicht!«, rief Olivia erschrocken und zog mich zurück auf die Bank.

Ich spürte, wie die Wut in meinen Adern kochte und biss fest die Zähne zusammen.

»Lass uns abhauen«, schlug Olivia vor und zückte ihr Handy. Sie wählte die Kurzwahl des Taxifahrers und sprach leise ins Telefon: »Bitte holen Sie uns sofort ab.« Nachdem sie ihr Handy zurück in ihre Handtasche gestopft hatte, bemerkte sie nun ebenfalls die gaffenden Blicke der anderen um uns herum.

»Die Show ist vorbei!«, bellte sie mit strenger Stimme. Ihr Ton duldete keine Widerrede und augenblicklich blickten alle Anwesenden verlegen zu Boden oder wandten sich ab, um dann heimlich weiter miteinander über das Geschehene zu tuscheln.

Lustlos leerte ich den restlichen Inhalt meines Bechers, warf ihn dann ins Feuer und marschierte hinaus zur Tür.

Olivia

Ich eilte Noah hinterher und warf einen Blick auf mein Handy. Zum Glück würde das Taxi höchstens zehn Minuten brauchen, bis es am Wohnheim eintraf. Ich durchquerte das zugemüllte Wohnzimmer und warf den anderen Partygästen einen verärgerten Blick zu. Draußen vor dem kargen Eingangsbereich des Studentenwohnheimes fand ich Noah mit hängenden Schultern auf dem Treppenabsatz sitzen. Er starrte auf die Straße und schien tief in Gedanken versunken zu sein. Ich ließ mich neben ihm nieder und wusste nicht recht, was ich sagen sollte. Wenn Noah so still war, konnte er jeden Moment hochgehen wie eine tickende Zeitbombe. Verunsichert sah ich ihn an, doch da er meinen Blick nicht erwiderte und stattdessen nur weiterhin trübsinnig in die Nacht hinaus starrte, entschied ich mich dafür, solange zu schweigen bis er von selbst das Gespräch suchte. Es dauerte nicht lange, bis mein Körper unter der kalten Abendluft zu zittern begann. Das schien Noah aufzuwecken. Er schälte sich aus seiner Jacke und legte sie mir über die Schultern.

Ich warf ihm ein dankbares Lächeln zu und konnte mir nicht verkneifen, ihn liebevoll zu necken: »Hab ichs also doch geschafft, dir deine heißgeliebte Jacke abzuluchsen.«

Träge erwiderte er mein Lächeln und hinter uns hörten wir die Tür aufgehen. Lissy kam heraus gestürmt und seufzte erleichtert auf, als sie uns erblickte. »Zum Glück seid ihr noch da! Ich hab gehört, was am Lagerfeuer passiert ist. Das tut mir echt leid, Leute! Wenn ihr wollt, schmeiße ich Eric künftig raus«, stellte sie klar und blieb unsicher neben uns stehen. Sie musterte die Jacke auf meinen Schultern und blickte dann zwischen Noah und mir hin und her.

Noah schien ihren fragenden Blick nicht zu bemerken, denn er sagte bloß leise: »Wegen mir musst du Eric nicht rauswerfen. Zur Not hau ich ihm eine rein und gut ist. Aber du solltest dir lieber um Victoria Sorgen machen.« Lissy sog scharf die Luft ein und fragte alarmiert: »Was? Warum? Hat er sie angefasst?«

Verwirrt blickte ich zwischen den beiden hin und her. Hatte ich was verpasst? Wer war Victoria? Und warum kannten sie beide, aber ich nicht?

»Er hat es versucht«, murmelte Noah frustriert und kickte einen Stein vor seinen Füßen auf die Straße.

In diesem Moment fuhr das Taxi vor.

Noch während Lissy verdattert an der Tür stehen blieb und aufgewühlt auf weitere Informationen wartete, sprang Noah auf, murmelte ihr eine kurze Verabschiedung zu und eilte zum Auto. Ich sprang ebenfalls auf und war verwirrter denn je. Was war auf der Party passiert? Was hatte ich nicht mitbekommen?

Ich stieg zu Noah auf die Rücksitzbank und unser Fahrer sauste los. Mittlerweile war es zwei Uhr morgens und die Straßen von Cambridge waren leer. Noah hüllte sich in Schweigen und stierte aus dem Fenster. Also tat ich es ihm gleich und beobachtete den klaren Sternenhimmel und das Vorbeirauschen der gelbschimmernden Laternen.

***

Als wir in Boston einfuhren, füllten sich die Straßen merklich, denn trotz der späten Stunde schienen viele Leute unterwegs zu sein. Als wir an der vorletzten Ampel vor unserer Straße standen, brach ich schließlich das

Schweigen. »Wer ist Victoria?«

»Lissys neue Mitbewohnerin«, antwortete er knapp. Ich zog seine Jacke aus und schob sie ihm über den Mittelsitz zu. Er nahm sie an sich und zückte sein Handy. Ich konnte sehen, wie er sein Adressbuch öffnete und Beth aus seinen Kontakten löschte. Dann scrollte er weiter und löschte auch Eric und Jason.

»Wäre ich nicht zufällig auf dem Weg zur Toilette gewesen, hätte Eric sie angefasst«, sagte er leise und sah mir dabei emotionsgeladen in die Augen. Ich konnte Wut, Traurigkeit und Abscheu darin erkennen. Als der Inhalt seiner Worte zu mir durchdrang, atmete ich scharf ein und wurde augenblicklich selber wütend. Und so ein Mistkerl bekam das Privileg in Harvard zu studieren, dachte ich kopfschüttelnd.

»Und…Wie geht es ihr?«, fragte ich ihn anteilnehmend. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, wie ich mich in so einer Situation gefühlt hätte oder ob ich mich hätte wehren können. Eric war groß und trotz seiner schlaksigen Erscheinung viel schwerer als andere Männer. Das wusste ich, weil Noah mit ihm in der Baseballmannschaft spielte. Keine guten Voraussetzungen also, um sich als Frau zu verteidigen.

»Sie war ziemlich durch den Wind. Aber ich denke, sie ist mit einem Schrecken davongekommen«, seufzte er müde. Wir erreichten Noahs Wohnhaus und der Taxifahrer hielt wartend am Straßenrand.

»Na dann… War trotzdem ein schöner Abend mit dir«, probierte ich die Stimmung zu retten und warf ihm ein unsicheres Lächeln zu.

»Ja, fand ich auch.« Er sah ziemlich mitgenommen aus. Er öffnete die Tür und ich sah ihm nach, wie er die Treppenstufen zu seiner Wohnung hinaufeilte.

Kapitel 5

Victoria

Am nächsten Morgen erwachte ich zeitig und warf als erstes einen Blick auf mein Handy. Ich hatte Liam vor dem Einschlafen noch eine SMS geschrieben, dass wir heute dringend miteinander telefonieren mussten.

Er hatte zwei Stunden später geantwortet:

Okay, ruf mich morgen früh einfach an, wenn du wach bist.

Also klemmte ich mir mein Kissen unter den Nacken und startete einen Videoanruf. Er ging nach dem vierten Klingeln ran.

»Hey! Na, wie war der restliche Abend noch?«, begann er das Gespräch und sah für die frühe Uhrzeit eindeutig zu ordentlich aus.

»Frag nicht«, winkte ich seufzend ab und hielt mir die Hand vor das Gesicht.