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Gibt es zweite Chancen für Happy Ends? Rose hat sich mit dem Blossom & Boots – einem Laden für Westernlifestyle – einen Traum erfüllt und ihr Leben endlich wieder im Griff. Doch dann kehrt Nate nach Falcon Heights zurück und mit ihm all ihre chaotischen Gefühle und falschen Entscheidungen aus der Vergangenheit. Jahrelang war sie absolut sicher gewesen, dass das mit ihr und Nate niemals hätte funktionieren können. Doch nun steht Falcon Heights kurz vor dem Ruin und Rose kann weder die Ranch vergessen noch das starke Band zu Nate ignorieren. Der zweite Band der mitreißenden »Falcon Heights«-Reihe für alle Fans von Lilly Lucas, Elsie Silver und der »Virgin River«-Serie!
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Rose hat sich mit dem Blossom & Boots – einem Laden für Westernlifestyle – einen Traum erfüllt und ihr Leben endlich wieder im Griff. Doch dann kehrt Nate nach Falcon Heights zurück und mit ihm all ihre chaotischen Gefühle und falschen Entscheidungen aus der Vergangenheit. Jahrelang war sie absolut sicher gewesen, dass das mit ihr und Nate niemals hätte funktionieren können. Doch nun steht Falcon Heights kurz vor dem Ruin und Rose kann weder die Ranch vergessen noch das starke Band zu Nate ignorieren. Doch gibt es zweite Chancen für Happy Ends?
eBook-Neuausgabe September 2025
Copyright © der Originalausgabe 2025, Bookapi Verlag e.K. Theodor-Heuss-Str. 5, 89340 Leipheim
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nina Prömer
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (cdr)
ISBN 978-3-69076-143-7
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Margit Weber
Roman: Falcon Heights 2
dotbooks.
Für alle Freunde da draußen, die um ihre Freundschaft kämpfen. Die lernen, zu vergeben und Dinge besser zu machen. Die ihre Freundschaft kitten oder sie loslassen, weil es so besser ist, aber die nie den Glauben daran verlieren, dass wir letzten Endes alle gleich sind. Und uns Gemeinsamkeit weiterbringt als Einsamkeit.
Rose
»Verwegener Träumer sucht strahlenden Stern für romantisches Abenteuer.«
Die Begeisterung in Nanas Stimme lässt meine Alarmglocken schrillen. Prompt fühle ich dieses altbekannte Stechen im Bauch, das verlässlich jede fatale Idee meiner Großmutter begleitet. Ich sehe von meinem perfekt temperierten Cappuccino mit fluffiger Milchschaumhaube auf und mustere sie ungläubig. Nana sitzt vornübergebeugt an unserem kleinen Esstisch und studiert äußerst konzentriert die Annoncen in der Wochenzeitung. Sie ist noch immer erschreckend angetan von diesem unmöglichen Inserat, wie das leichte Lächeln auf ihren Lippen beweist.
»Du weißt, dass es heutzutage Apps dafür gibt«, sage ich vorsichtig. Mit dem Sturkopf meiner Großmutter muss man bedacht umgehen. Redet man ihr eine Sache zu schlecht, erreicht man damit nur, dass sie sich noch mehr darin verbeißt.
»Natürlich.« Sie schiebt die Brauen zusammen, ihre Zungenspitze ragt ein klein wenig aus dem rechten Mundwinkel und mit dem Zeigefinger fährt sie über die nächste Anzeige, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ebenso furchtbar ist wie die zuvor.
»Diese Annonce klingt nicht seriös«, wage ich einen direkteren Versuch. Sie kann diese bescheuerten Angebote doch nicht ernsthaft in Betracht ziehen, oder?
»Das sind Dating-Apps auch nicht«, kontert sie.
»Woher weißt du etwas über Dating-Apps?«
»Auch ich habe ein Handy.« Sie bedenkt mich mit einem eindeutigen Blick.
Ich reiße die Augen auf. »Hast du dort etwa einen Account?«
Sie zuckt die Schultern. »Ich nicht, aber Cressida hat all das neumodische Zeug installiert.«
Ich seufze. Cressida Games, Nanas beste Freundin, natürlich. Die beiden haben wirklich nur Blödsinn im Kopf. Die Antwort, die mir auf der Zunge liegt, schlucke ich aber um des morgendlichen Friedens willen hinunter. Stattdessen greife ich nach einem Cantuccini und tunke ihn in meinen Kaffee. Zucker und Koffein. Ohne diese beiden Wunder würde ich keinen einzigen Morgen überstehen.
»Wieso musst du mir immer alles madigmachen?« Nana sieht auf.
»Das tue ich nicht. Ich möchte nur, dass du vorsichtig bist.«
Sie lässt von der Zeitung ab, stemmt die Hände in die Hüften. »Was denkst du denn, wie ich so alt geworden bin?«
Durch Glück? Ein Wunder? Ganz viel italo-kanadischen Starrsinn? Aber mit Sicherheit nicht durch Vorsicht!
Ich schürze die Lippen. »Es gibt nun einmal viele Mistkerle da draußen.«
»Ich habe eine gute Menschenkenntnis«, behauptet sie und steckt die Nase zurück in die Zeitung.
Wir brüten beide schweigend vor uns hin. Ich atme still auf, als Nana den Inseratsteil endlich hinter sich lässt und zum Lokalgeschehen wechselt.
»Heute Abend sollte ich pünktlich aus dem Laden kommen«, sage ich und obwohl ich dabei, wie ich meine, fröhlich klinge, wird mein Oberkörper zu einem Käfig und erschwert mir das Atmen. Der Tag, der vor mir liegt, ist wie ein zusätzliches Gewicht auf meiner Brust. Ich lasse den Blick über unsere kleine Wohnung gleiten. Versuche Stolz über alles, was ich mir aufgebaut habe, heraufzubeschwören. Dennoch ist heute wieder einer der Tage, an denen mir das fehlt, was ich mir so mühsam erarbeitet hatte.
Nana und ich haben alles, was wir brauchen, sage ich mir stumm. Alles ist gut, wie es jetzt ist. Anders, aber gut. Ich atme tief durch. Verdränge den Gedanken an den einen Ort, der für immer einen Platz in meinem Herzen hat, zu dem ich aber leider nie mehr zurückkehren kann. Den Ort, wo ich meine Bestimmung gefunden hatte. Zumindest für eine Weile.
Ich muss endlich aufhören, diesem vergangenen Leben nachzutrauern, und mich aufs Hier und Jetzt konzentrieren. Auf meine neuen Ziele. Meinen Laden, der Nana und mich über Wasser hält. Meine Großmutter hat fast mein ganzes Leben auf mich aufgepasst, nun ist es an mir, das Gleiche für sie zu tun. Kein einfaches Unterfangen, wenn man bedenkt, wie viele Flausen sie im Kopf hat. Misstrauisch mustere ich die Zeitung.
»Du denkst doch nicht ernsthaft darüber nach, auf eine dieser Annoncen zu antworten, oder?«
Meine Großmutter zieht eine ihrer mit dunklem Stift nachgezogenen Augenbrauen hoch. »Sei nicht so verklemmt, Rose.«
»W-was?« Ich blinzele. Also wirklich. »Ich bin doch nicht verklemmt.« Ich atme tief ein und wieder aus, um meine Nerven zu beruhigen. Es hilft nichts. Ach, was solls?! »Nana, wenn du dich mit einem von diesen …« Ich zeige mit dem Finger auf die Zeitung. »… Betrügern triffst, dann …«
»Willst du mir ernsthaft vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe? Ich bin doch kein Kind!«, empört sie sich und verschränkt die Arme vor der Brust.
Aber du benimmst dich wie eines, denke ich. Ich schnappe mir die Zeitung und stopfe sie in meine Tasche.
Nana rollt mit den Augen, als ich wieder zu ihr schaue. »Also gut.« Sie wirft die faltigen Arme in die Luft. »Dann bleibe ich eben zu Hause, wie alle anderen langweiligen Senioren.« In ihre Augen tritt ein Glitzern. »Aber eines sage ich dir, junge Dame.« Nun ist sie diejenige, die mit dem Zeigefinger herumfuchtelt. »Du solltest dich lieber um dein eigenes Liebesleben kümmern. Es ist an der Zeit, endlich wieder in den Sattel zu steigen, wenn du verstehst, was ich meine, Rose. Du bist viel zu lange allein. Und sag jetzt nicht, dass du ja mich hast und sonst niemanden brauchst.« Sie sieht mich ernst an. »Du bist nicht dafür gemacht, ohne romantische Liebe zu leben. Das sind wir beide nicht.«
Ich versuche mich an einem Lächeln, aber es gefriert mir auf den Lippen. Ich würde ihr so unglaublich gerne widersprechen; behaupten, ich könne auch alleine glücklich sein. Ich wäre allein glücklich.
Fuck! Wieso funktioniert das für viele Menschen gut und für mich absolut nicht?
Ich bin zwar nicht komplett unglücklich, aber tief in meinem Herzen fühle ich eine Leere, die jeden Tag größer wird, mich von innen heraus aushöhlt und die ich verzweifelt zu füllen versuche. Vor allem, da ich weiß, wie es sich anfühlen kann, wenn man liebt. Ich schließe die Augen. Plötzlich sind da so viele Gefühle in mir, die ich nicht haben will. Ist das vielleicht mein Preis, meine Strafe, die ich zahlen muss für meine vergangenen Fehler?
»Nana, bitte«, flüstere ich und erschrecke über meine eigene Reaktion, sage nichts mehr, damit mich das Beben meiner Unterlippe nicht verrät. Aber wem möchte ich überhaupt was vormachen? Die Frau, die mich aufgezogen hat, kann ich nicht täuschen.
»Ach, Kleines.« Sie steht auf, kommt zu mir. Nimmt mich in den Arm und für einen Augenblick sauge ich ihren vertrauten Duft in mich ein. »Dass dir dieser Callister-Bursche aber auch so sehr das Herz gebrochen hat.«
»Das ist es ja. Nicht er hat mein Herz gebrochen, sondern ich seines, das weißt du doch«, erwidere ich und fühle den Schmerz, der nach all den Jahren noch immer da ist, um mich daran zu erinnern, was für ein furchtbarer Mensch ich war … vermutlich immer noch bin.
Meine Großmutter bringt etwas Abstand zwischen uns und mustert mich, hält mich aber noch immer an den Armen von sich gestreckt. »Zu einer Trennung gehören für gewöhnlich zwei«, sagt sie sanft.
»Tja, es gibt aber auch immer die eine Ausnahme von der Regel.« Und die bin ich.
Damals habe ich so viel mehr verloren als nur eine Beziehung. Und wirklich absolut niemand außer mir selbst trägt die Schuld daran. Was es irgendwie noch schlimmer macht. Die Erinnerung schnürt mir die Luft ab. Ich denke an Falcon Heights und kann nur mühsam meine Tränen zurückhalten. Bilder der Ranch steigen vor meinem inneren Auge auf und mit ihnen dieses Gefühl von Frieden, das kein anderer Ort der Welt in meiner Seele erzeugt. Abgesehen von Menschen, die ich bedingungslos liebe. Oder geglaubt habe, es zu tun. Nun löst sich doch eine einzelne Träne aus meinem Augenwinkel, als ich an meine beiden ehemaligen besten Freunde denke und daran, wie dick unser Band war, bis ich es zerschnitten habe.
Ich löse mich endgültig von Nana und richte mich auf. »Für das, was zwischen Ben und mir schiefgelaufen ist, trage ich alleine die Verantwortung. So ist es nun einmal.« Und ich muss lernen, endlich damit klarzukommen. Ich muss aufhören, ständig in der Vergangenheit herumzuwühlen, das bringt doch nichts. Außer Schmerz.
Nana schürzt die Lippen. Obwohl wir uns sehr ähneln, hat sie mir eine ihrer besten Eigenschaften nicht vererbt. In diesem Moment wünsche ich mir wirklich, ich könnte mir etwas von ihrer dicken Haut überziehen, um mich vor mir selbst zu beschützen.
»Rose, du darfst nicht so schlecht von dir denken«, sagt sie just in diesem Moment, weil sie einfach immer weiß, worüber ich mir den Kopf zerbreche. »Du bist so viel besser, als du glaubst.«
»Du musst das sagen.« Ich lächle sie an. »Schließlich bist du meine Großmutter.«
»Das bin ich.« Sie kneift mir in die Wange, als wäre ich wieder sieben Jahre alt und würde mich für die Schule fertig machen.
Ich trage das Geschirr zur Spüle. Während ich Wasser einlasse, schnappt sich Nana ein Geschirrtuch. Für ihre sechsundsiebzig Jahre ist sie erstaunlich flink. Während ich eingetrocknete Kaffeereste von Tassen wasche, schwindet auch die Schwere in mir. Sie geht nie ganz weg, aber meistens schaffe ich es, sie in den hintersten Winkel meiner Seele zu verbannen.
Nachdem wir alles verräumt haben, nehme ich meine Korbtasche samt Wasserflasche und Mozzarella-Sandwich und gebe Nana einen Wangenkuss zum Abschied.
Im Hausflur müffelt es schon wieder, wie ich mit gerümpfter Nase feststelle, als ich hinaustrete. Rasch gehe ich weiter zum Aufzug. Er war ein entscheidender Faktor bei der Wahl der Wohnung, da ich Nana kein Treppensteigen zumuten wollte. Feuchte Morgenluft empfängt mich, als ich knapp eine Minute später durch die doppelte Tür nach draußen trete und auf meinen Wagen zuhalte. Ich verstaue meinen Korb so, dass er in den schnellen Kurven nicht herumgleiten kann, und fahre los.
Unser vierstöckiges Wohnhaus liegt etwas außerhalb von Silverton in einer günstigen Gegend. Wäre ich alleine, würde ich wahrscheinlich im hübschen Ortskern eine kleine Einzimmerwohnung bewohnen, aber die Einkünfte aus dem Laden reichen nicht für ein gemeinsames Zuhause im Zentrum. Finanziell ist es nicht immer leicht, aber ich liebe meine Großmutter und all ihre Macken über alles. Sogar ihr freches Mundwerk. Lächelnd passiere ich das Ortsschild von Silverton und steure meinen Wagen die Mainstreet entlang. Kurz überlege ich, bei Emmas Café zu halten und mir eine zweite Koffein-Dröhnung für den Vormittag zu sichern, aber ich trinke ohnehin zu viel Kaffee und fahre weiter. Außerdem bin ich spät dran. Zum Glück finde ich schnell einen Parkplatz und schaffe es, doch noch pünktlich zu Ladenbeginn aufzuschließen.
Mit einem zufriedenen Seufzer trete ich ein und das Glöckchen der Ladentür begrüßt mich mit seinem Klingeln. Hier riecht es so viel besser als im Hausflur. Die Theke aus naturbelassenem Holz verströmt einen steten, heimeligen Duft, außerdem verwende ich Lavendelsäckchen, um meine Ware frisch zu halten. Diesen Geruch mag ich mindestens genauso sehr. Nachdem ich meinen Korb im Lager verstaut habe, werfe ich die alte Registrierkasse an. Anschließend kontrolliere ich, ob alle Kleiderstapel ordentlich und die Hängerchen ansprechend drapiert sind.
Danach gehe ich zurück ins Lager, um die Bestellung vorzubereiten, die mir seit heute Morgen Magenschmerzen bereitet. Nicht einmal die Berührung des weichen Stoffes der kirschroten Bluse kann sie vertreiben. Nur Gott alleine weiß, weshalb Abigail Callister – meine ehemalige Beinahe-Schwiegermutter – noch immer bei mir einkauft. Obwohl ich alles, was sie mir angeboten hat, mit Füßen getreten und weggeworfen habe. Jedes Mal, wenn ich ihr unter die Augen treten muss, fühle ich mich ihrer Zuneigung nicht würdig. Ich wünschte, ich hätte die heutige Begegnung bereits hinter mir. Doch die Arbeit auf Falcon Heights spannt sie zu sehr ein, deshalb wird sie erst kurz vor Ladenschluss hier hereinschneien, was bedeutet: Ich werde den ganzen Tag damit verbringen, Vergangenes in meinem Kopf ohne Ziel umherzuwälzen. So läuft es immer. Ich würde meine geliebte italienische Siebträgermaschine eintauschen, wenn ich dafür nur diese Gedanken abstellen könnte.
Ich falte die Bluse, das Halstuch und Abigails Jeans, drapiere alles in eine meiner schönen Papiertragetaschen, lege noch ein Lavendelsäckchen dazu und mache die Rechnung fertig. Für den Fall, dass Abigail doch früher als erwartet kommt, will ich dennoch bereit sein. Danach stelle ich die fertige Tasche in das Eichenholzregal für die reservierten Bestellungen und gehe nach vorne in den Laden. In diesem Moment bimmelt die Türglocke und der erste Kunde tritt ein. Ich bin froh über die Ablenkung. Genau das brauche ich jetzt. Einen Tag vollgepackt mit Arbeit, damit das Kopfkino, das der Name Callister stets in mir auslöst, endlich schweigt. Damit ich vergesse, was ich Ben angetan habe, und nicht daran denke, wie einsam ich inzwischen bin, obwohl früher kaum ein Tag verging, an dem Ben und Nate nicht an meiner Seite waren. Ich vermisse sie. Meine beiden besten Freunde. Wir waren ein unzertrennliches Trio, das nun nicht mehr existiert. Zerstört durch einen dummen Fehler – nein, meinen dummen Fehler! Diese Beziehung hätte nicht auf diese Art enden sollen, obwohl ein Ende wichtig war. Gott, bereits der Anfang war falsch. Aber will ich mich all diesen Wahrheiten überhaupt stellen, obwohl sie schon lange nichts mehr bedeuten? Will ich mir wirklich eingestehen, was mein allererster und vielleicht größter Fehler überhaupt war? Wenn ich das tue, werde ich wohl mein Leben lang unglücklich bleiben, denn diese Wahrheit ist mir längst entglitten. Ich habe sie ziehen lassen, weil ich Angst hatte, mich an dem Menschen zu verbrennen, der mir so ähnlich ist wie niemand sonst.
Feuer und Feuer führt zu nichts als Verwüstung. Der Satz hallt noch immer in meinen Gedanken nach, als ich mich längst dem Kunden zugewandt habe. Jenen Satz, den ich mir selbst gepredigt habe, als ich die Liebe in Nates Augen erkannt habe. Damals. Als ich – wie so oft – die falsche Entscheidung traf.
Das Seidenpapier raschelt beim Einschlagen des Kleides. Ich liebe dieses Geräusch, genauso wie das Gefühl des Stoffes unter meinen Fingern. Weiche Baumwolle gepaart mit einer neuen Viskosemischung aus Europa.
»Es sitzt wirklich toll«, bestätige ich meiner Kundin. Das Schicksal hat mich erhört und mir tatsächlich einen sehr geschäftigen Tag beschert. Sie ist die Zwölfte heute und ich freue mich still über den ordentlichen Umsatz, den ich gut gebrauchen kann. Ich blicke auf, direkt in das Gesicht meiner Kundin. Zwei der Sommersprossen auf ihrer Nasenspitze verschmelzen miteinander, ganz so, als würden sie sich küssen, was irgendwie süß aussieht und mir ein Lächeln entlockt. Einen Herzschlag lang. Dann fällt mir ein, dass Bens neue Freundin Serena ebenfalls Sommersprossen hat. Heftiger als nötig schiebe ich die Lade der Registrierkasse zu, weil sich mein Magen schon wieder verkrampft. Nicht, weil ich ihm das Glück nicht gönne. Im Gegenteil, es soll ihm gut gehen. Ich wünschte nur, ich hätte damals vernünftiger gehandelt. Denn dann gäbe es noch eine Chance auf Freundschaft.
»Hier, bitte schön.« Ich reiche meiner Kundin die Tüte mit dem Kleid darin und ignoriere die rostroten Pünktchen in ihrem Gesicht. »Es steht Ihnen wirklich ausgezeichnet«, wiederhole ich und zaubere das Lächeln in mein Gesicht zurück. Es ist wichtig, dass ich mich zusammenreiße.
»Ja, oder? Ich kann es nicht erwarten, das Kleid heute Abend zu tragen.«
»Sie haben etwas Schönes vor, nehme ich an?«
Die Kundin nickt und ihre Augen leuchten. »Mein Mann und ich feiern unseren zweiten Hochzeitstag.«
»Ah, sehr gut. Dann wünsche ich Ihnen einen wunderschönen Abend.«
»Ich danke Ihnen, besonders für die tolle Beratung und …« Sie verzieht den Mund. »… für Ihre Geduld mit mir.«
Schnell lässt sie ihren Blick in Richtung der Kabine huschen, die randvoll mit Teilen ist, die sie anprobiert hat – und welche ich wieder einsortieren muss.
»Dafür bin ich da.«
Sie nickt, packt ihre Tasche etwas fester und bedankt sich erneut, ehe sie sich dem Ausgang zuwendet. Ich steuere die Kabine an und sammele den Kleiderberg ein. Das Modell des gekauften Kleides liegt in einer zu kleinen Größe obenauf, darunter verschiedenste Varianten jener Bluse, die meine ehemalige Fast-Schwiegermutter in Kürze abholen wird. Ein Schauer überläuft mich und mein Puls beschleunigt augenblicklich, als ich an die mir bevorstehende Begegnung denke. Ich blinzle und dränge die Panik zurück, die mein Herz allein bei dem Gedanken bereits wieder zusammendrückt. Ich verstehe einfach nicht, wie sie mir vergeben kann, was ich ihrem Sohn angetan habe, wo ich das doch nicht einmal selbst schaffe, weil ich mich so sehr schäme.
Abigail weiß, dass dieser Laden mein Überleben sichert, und das von Nana. Vielleicht unterstützt sie mich deshalb. Weil kaum jemand besser begreift als sie, dass mein ursprünglicher Traum ein für alle Mal vorbei ist. Gestorben.
Wie gern ich von Luke gelernt habe. Der flüchtige Gedanke an Bens Vater reicht aus, dass ich mich vor Kummer krümme. Die Kleider werfe ich mehr, als dass ich sie auf den Tresen lege. Denn die Scham darüber, was für ein furchtbarer Mensch ich bin, wütet in meinem Körper, frisst sich in meine Gelenke und treibt mir auch jetzt noch, sechs Jahre später, Tränen in die Augen.
Ich zwinge meine verkrampften Schultern dazu, sich zu lockern. Das Blossom & Boots ist mein Lebensunterhalt und es würde sich nicht gut machen, wenn mich jemand so sieht. Beinahe wünsche ich mir die drei Monate zurück, in denen Abigail mich genauso verachtet hat, wie ihr Sohn es noch immer tut. Denn ich bin überzeugt, diese Geringschätzung war angebrachter als jedes warme Gefühl, das sie mir inzwischen entgegenbringt.
Wie in Trance sortiere ich endlich die Kleider auf die Bügel und hänge sie zurück an die Stangen. Es ist jedes Mal eine emotionale Achterbahnfahrt, aber heute bin ich noch mehr mit den Nerven am Ende als sonst und verstehe selbst nicht, weshalb das so ist. Ich schlucke trocken und gehe nach hinten ins Lager, um die Bestellung ein letztes Mal zu kontrollieren. Ich nehme die Tasche vom Regal und betrachte den Inhalt. Die taillierte Bluse in dem strahlenden Rotton, der mich an meine Lieblingsdahlie erinnert, das Paar Jeans mit geradem Bein und ein rosa kariertes Halstuch. Die Kombination wird toll an Abigail aussehen. Ich sehe sie schon auf dem Wochenmarkt stehen, um ihr Gemüse und die biologisch gezogenen Schnittblumen anzubieten. So wie früher, als ich ihr noch dabei geholfen habe. Meine Unterlippe zittert und ich kann nichts dagegen tun, dass mir ein leiser Schluchzer entweicht. Wird es jemals leichter werden? Wie viele Jahre Sühne braucht es noch? Da ich ohnehin am Boden bin, erlaube ich mir, ausnahmsweise aktiv an Ben zu denken. An seinen Blick in dem Moment, als er mich dabei erwischt hat, wie ich unsere Welt zerstört habe. Die grausame Wahrheit meines Betrugs gespiegelt in seinen Augen. Ich erinnere mich an jede einzelne Sekunde, an den Geruch des Rasierwassers von Roger, das plötzliche Geräusch von Bens Schritten, aber am allermeisten an die Scham in mir. Scham, die mich seit Jahren verfolgt wie mein eigener Schatten.
Damals wie heute bete ich darum, dass sich ein Loch auftut, um mich zu verschlingen, damit ich büßen und meine Strafe absitzen kann. Irgendwann müsste es doch endlich gut und ich frei sein. Aber nichts passiert. Sind manche Fehler unsühnbar? Vermutlich. Damals habe ich Bens Herz zerquetscht. An einem Tag, an dem ohnehin seine Welt zerstört worden ist. Er ist damals zweimal gebrochen und auch wenn ich nicht für beide Male etwas kann, so bin ich auch nicht unschuldig. Deshalb bohre ich mir die Nägel in das weiche Fleisch meiner Handballen. Es hilft zumindest ein bisschen. Schmerz verdrängt Schmerz, und ich kann wieder freier atmen.
Zum hundertsten Mal an diesem Tag zwinge ich meine Gedanken von der Vergangenheit in die Gegenwart zurück. Rede mir selbst ein, dass Abigails Einkauf vorübergehen wird, wie er es immer tut. Es wird unangenehm und schmerzhaft sein, doch daran bin ich gewöhnt. Unangenehm und schmerzhaft kann ich gut. Leider. Danach werde ich den Laden schließen und nach Hause fahren. Gemeinsam mit Grandma werde ich Nudeln mit Tomatensoße und einer ungesund großen Menge Parmesan essen, eine Flasche Rotwein trinken – den guten – und vergessen. Einfach nur vergessen. So, wie ich es immer tue.
Ich wünschte nur, es wäre schon so weit und ich hätte diesen Teil meines Tages längst hinter mir, könnte mich in mein Auto setzen und losfahren. Doch stattdessen konzentriere ich mich wieder auf meine Arbeit, stapele leise seufzend die neuen Longsleeve-Shirts und nehme sie mit in den Verkaufsraum. Das Eisblau der Stücke wird sich gut mit den Chinohosen kombinieren lassen. Von denen habe ich bisher noch nicht viele verkauft, vielleicht bringt die neue Kombination den nötigen Kick. Ich hoffe es. Ladenhüter kann ich mir nicht leisten. Ich räume den Ständer mit den Kleidern weiter nach vorne. Sie haben heute gut Anklang gefunden und könnten unentschlossene Kundschaft im Laden halten und zum Stöbern anregen.
Als die Ladenglocke bimmelt und ich intuitiv weiß, dass es so weit ist, bin ich beinahe erleichtert. Ich straffe die Schultern, hole einmal tief Luft und drehe mich um.
Mein Herzschlag stoppt, ehe mein Kopf ganz begreift, was meine Augen längst sehen. Ich blinzele. Einmal, zweimal, doch das Bild bleibt dasselbe. Den ganzen verdammten Tag habe ich angenommen, nichts könnte schlimmer sein, als dass Abigail Callister heute durch diese Tür tritt. Die Frau, die einst Familie für mich war. Die mich wie eine Tochter auf Falcon Heights aufgenommen hat und die ich auf das Schlimmste enttäuscht habe. Ich dachte wirklich, es gäbe niemanden, der mir meine Fehler deutlicher vor Augen führen könnte. Wie sehr man sich täuschen kann.
Sein Anblick raubt mir den Atem, den Pulsschlag und jeden klaren Gedanken. Ich weiß, dass mein Mund offen steht, aber ich habe die Kontrolle über meinen Körper verloren. Alles in mir zieht sich zusammen, auf eine seltsam wehmütige und schmerzhafte Art und Weise. Ich denke an unsere Freundschaft, die ich – wie mein ganzes verficktes, mühsam aufgebautes Heile-Welt-Leben – vor sechs Jahren verloren habe. Oder schon lange davor? Als ich mich damals für Ben entschied, obwohl es da noch einen zweiten Jungen gab, der mein Herz noch höherschlagen ließ? Wie viele Jahre habe ich ihn nicht gesehen? Weil er nicht nur diesen Ort, sondern das ganze Land verlassen hat? Dieser Junge, der mindestens so viel Feuer in sich trägt wie ich selbst? Ein Junge, an dem ich mich mit Sicherheit verbrannt hätte? Ben war die klügere, die sicherere Entscheidung. Jedenfalls dachte mein jüngeres Ich das. Die erwachsene Rose sieht das anders. War die Wahl der falschen Liebe schon mein erster Fehler? Und alle weiteren danach vorherbestimmt? Weil ich mich selbst belogen habe? Und macht das alles nicht noch viel schlimmer? Denn jetzt habe ich keinen von beiden mehr.
»Hallo, Rose.« Seine Stimme jagt mir einen warmen Schauer über den Rücken. Sie ist tief und eindringlich. Aus dem Jungen von damals ist schon lange ein Mann geworden. Ein großer dunkelhaariger Mann, der mein Herz auch heute noch dazu bringt, schneller zu schlagen.
»Hallo, Nate«, sage ich und trete hinter dem Verkaufspult hervor.
Nate
Selbst nach so vielen Jahren raubt mir diese Frau immer noch den Atem.
Roses Augen sind aufgerissen und wirken riesig. Den Mund hat sie leicht geöffnet und die weichen Wellen ihrer Haare streichen über den Stoff ihres Shirts, knapp über ihrer Brust. Meine Kehle ist ganz trocken, trotzdem schaffe ich es, eine raue Begrüßung auszustoßen: »Hallo, Rose.«
Ich bin, nein ich war berühmt für meine Modelbekanntschaften, doch keine dieser Laufstegschönheiten kann mit den Kurven der Frau vor mir mithalten und vor allem nicht mit Roses Aura, die mich selbst über die zehn Meter, die uns trennen, einfängt. Diese ganz besondere Mischung aus Warmherzigkeit, Übermut und Energie, die Rose schon immer verströmt hat. Sie ist ein Feuerball aus Emotionen. Feuer, das einen heilen und behüten kann, aber auch verbrennen. Wie man an Ben sehr gut sieht.
Sie macht einen Schritt auf mich zu und ich kann nicht anders, als ihre Gestalt in der hellen Jeans zu mustern. Obwohl es kein eng anliegendes Model ist, habe ich das Gefühl, es gäbe mehr frei, als es verhüllt, und mir wird warm. Überall.
Sie hat deinen besten Freund betrogen, rufe ich mir Roses schlimmste Verfehlung ins Gedächtnis und schlagartig kühlt meine Euphorie ab. Denn dieser Verrat war wirklich unterste Schublade.
»Was machst du hier?«, fragt sie etwas zu schrill.
»Ich soll Abigails Bestellung abholen«, antworte ich und ignoriere das Ziehen in meinem Magen und all die anderen schmerzhaften Symptome, die mir mein Hiersein bereitet. Mein klopfendes Herz und das leise Pfeifen in meinem Ohr. Fuck, ein sechzehn Stunden langer Arbeitstag hat mir nichts davon beschert. Aber vor dieser kleinen Frau werden meine Knie weich.
Sie nickt. »Okay … aber ich meinte eigentlich, was machst du hier in Silverton? Wieso bist du nicht mehr in Kalifornien?«
»Es ist …« Ich sehe zu Boden. »… viel passiert in letzter Zeit.«
Sie lässt ihren Blick zu meiner Hand huschen, der künstlichen, bevor sie mir hastig wieder ins Gesicht sieht. »Ja, davon habe ich gehört. Es … es tut mir leid.«
»Ich wurde gefeuert«, sage ich schnell, da ich es nicht ertrage, über meinen Unfall zu sprechen. Nicht hier. Nicht mit ihr. Wo ein Blick von ihr auf meine Prothese ausreicht, um mich innerlich schrumpfen zu lassen.
»Was?« Zwischen ihren Augenbrauen bildet sich eine Falte.
»Das Unternehmen, dem ich jahrelang Spitzenumsätze eingebracht habe, hat mich rausgeworfen«, erkläre ich und es schwingt mehr als nur ein Hauch Bitterkeit in meiner Stimme mit. Obwohl man weiß, dass man für ein Unternehmen letzten Endes immer nur eine Zahl sein wird, tut es dennoch weh, das am eigenen Leib zu erfahren.
»Aber warum?«
Ich knirsche mit den Zähnen.
»Weil ich nicht mehr so gut funktioniere.« Ich unterdrücke den Drang, meine Prothese zu heben. Obwohl sie mein Leben verbessert, schäme ich mich noch immer für sie. Schäme mich, sie zu brauchen.
»Das … Nate, das ist scheiße.« Roses Gesicht wird weich. Sie kommt zwei weitere Schritte auf mich zu, und mein Herz hüpft mir in die Kehle bei dem Gedanken daran, sie könnte auch noch die letzte Distanz zwischen uns überbrücken – mich berühren. Doch dann bleibt sie stehen. Irgendwie bin ich erleichtert und irgendwie auch nicht.
»Dabei ist Ben sogar für mich eingesprungen. Während der Reha«, erkläre ich, um den Raum zwischen uns zu füllen, um irgendetwas zu sagen, dass mich vom Klopfen meines Herzens ablenkt, dem Gefühl auf unsicherem Boden zu stehen und all den anderen Dingen, die in mir hochkochen.
Ein Schatten legt sich über Roses Gesicht und ich nehme an, dass sie weiß, wen Ben während dieser Zeit kennengelernt hat. Silverton ist ein kleiner Ort. Geschichten und Neuigkeiten verbreiten sich schnell.
»Ist die Reha nicht gut verlaufen?«, fragt sie und neigt den Kopf.
»Doch.« Ich fahre mir mit der gesunden Hand durch die Haare. »Körperlich ist alles …« Ich stocke, denn nichts ist wieder gut. »… so gut, wie es eben sein kann. Trotzdem hat es gedauert, bis ich mit allem zurechtgekommen bin. Zu lange, wenn es nach AnimalsFinests geht.«
»Das war bestimmt schwierig. Nate, es tut mir wirklich unglaublich leid, was dir passiert ist.«
Noch ein Schritt. Inzwischen bilde ich mir ein, ihren Duft zu riechen, und ich mache ebenfalls einen Schritt auf sie zu. So, als würde mich ihr Geruch anlocken. Wie eine Blume ihre Biene. Ich rufe mir in Erinnerung, was diese Frau getan hat. Wie lange Ben ihr trotz allem nachgetrauert hat und wie sehr es ihn zerstört hat.
Zerstörung habe ich bereits genug erlebt. Ich hebe das Kinn, richte mich noch mehr auf. Es ist beinahe lächerlich, wie klein Rose ist und welch große Wirkung sie auf mich hat.
»Hast du die Sachen fertig?«, frage ich knapp. Ich sollte zusehen, dass ich hier wegkomme. Sonst geht noch mehr an mir kaputt. Allen voran mein Herz, weil es sein eigenes Tempo nicht halten kann. Und auch mein Stolz. Weil mich diese Frau immer noch berührt. Ausgerechnet sie.
Rose versteift sich. Sie fühlt die veränderte Atmosphäre. Das sehe ich in ihrem Gesicht.
»Natürlich«, sagt sie, wendet sich ab, hält dann jedoch noch einmal inne. Nur ganz kurz dreht sie halb den Kopf und sieht mich an. Einen Herzschlag lang, der endlos zu sein scheint. Ihre Augen sind wieder fast so groß und rund wie zu Beginn, als ich den Laden betreten habe, und sie schimmern feucht, was dem dunklen Braun der Iris noch mehr Ausdruck verleiht. Dann strafft sie sich und eilt in den hinteren Teil des Ladens. All die Wärme im Raum nimmt sie dabei mit sich und ein Schauer überläuft mich.
Ich atme tief ein, will mich zur Ruhe zwingen, lasse meinen Blick schweifen, was es nicht besser macht. In jedem verdammten Detail dieses Ladens erkenne ich Roses Handschrift. Ich presse die Lippen zusammen, schließe für einen Moment die Augen und rufe mir in Erinnerung, dass mir mein bester Freund nach meinem Unfall den Arsch gerettet hat. Er hat für mich seine Ranch verlassen und meinen Job für einen Monat übernommen. Ich habe nur eine simple Aufgabe: Mich von der Frau, die ihn im Stich gelassen hat, als es drauf ankam, fernzuhalten. Das werde ich doch hinkriegen, oder?
»Du greifst Ben also unter die Arme?«
Ihre Stimme lässt mich zusammenzucken und ich öffne die Augen.
Sie stellt soeben eine Papiertragetasche auf das Verkaufspult und bleibt daneben stehen.
»Ja, vor allem jetzt, da er so lange ausfällt«, antworte ich automatisch.
Sie blinzelt. »Was? Wie meinst du das?«
»Du weißt es nicht?« Ich horche auf. Das kann nicht sein. Oder?
»Was weiß ich nicht?«
Ich lache auf. »Ich hätte nicht gedacht, dass Silvertons Flurfunk tatsächlich eines Tages versagt.«
»Nate!« Sie stemmt die Hände in die Hüften. Den fordernden Ausdruck auf ihrem Gesicht erkenne ich von früher wieder.
Einen Moment überlege ich, einfach zu gehen. Mir die Tragetasche zu schnappen und abzuhauen. Aber wie feige wäre das? Und wie unfair? Ein kleiner Teil von mir fragt sich schon, warum ich mir nie ihre Sicht der Dinge angehört habe. Klar, der Betrug war falsch, daran ist nicht zu rütteln. Und dennoch habe ich ihr nie die Chance gegeben, sich zu erklären. Ich habe meine Seite gewählt und ihr jegliche Möglichkeit für eine Entschuldigung genommen.
»Ben und Serena hatten einen Unfall«, erkläre ich ihr und Rose erbleicht.
»Ist ihnen etwas passiert?« Sorge steht in ihren dunklen Augen und diese treibt mich an, weiterzusprechen.
»Es war heftig, aber beiden geht es den Umständen entsprechend relativ gut. Bei Ben steht jedoch eine unklare Diagnose im Raum. Und es ist noch nicht absehbar, wie lange er im Krankenhaus bleiben muss.«
»Was bedeutet das?« Rose lehnt sich an den Verkaufstresen, als suche sie Halt. Und in diesem Moment erkenne ich die alte Rose von damals, bevor alles zwischen uns zerbrochen ist.
Oder will ich nur, dass es so ist? Ein Nachhall der unerschütterlichen Freundschaft, die längst Geschichte ist. Freunde, die sich umeinander kümmern, egal was zwischen ihnen steht.
»Das wissen wir selbst nicht so genau. Wir hoffen, dass es bei einem Halswirbelschleudertrauma bleibt und auch die Nachuntersuchungen nicht mehr ergeben.« Ich greife mir an den Nacken, als könnte ich selbst etwas spüren.
Rose schlägt sich die Hand vor den Mund. »Hoffentlich erholen sie sich schnell. Alle beide«, sagt sie dann und betont besonders die letzten beiden Worte. Ich spüre, wie sich mein Körper ein winziges bisschen entkrampft.
»Was genau ist eigentlich passiert?«, fragt sie weiter und mit jeder Frage von ihr schrumpft mein Drang, von hier wegzukommen.
»Sie haben die neuen Pferde abgeholt.«
»O Gott, geht es den Tieren gut?«
Ich nicke. »Die sind glücklicherweise unverletzt. Der Unfallverursacher ist in die Fahrerkabine des Tiertransporters gekracht.«
Erneut wandert ihre Hand zum Mund. Dann lässt sie diese wieder sinken. »Das ist ja furchtbar. Wann?«
»Vor drei Tagen. Ich kann wirklich kaum glauben, dass dir niemand etwas gesagt hat.«
Rose hebt die Schultern, lässt sie gleich darauf fallen. »Ich reagiere etwas allergisch auf Tratsch von Ben und …«
»Verstehe.« Ich blicke zu Boden. Ist sie doch eifersüchtig auf Serena? Und warum versetzt mir diese Möglichkeit einen Stich? Ich reibe mir kaum merklich die Brust.
»Das ist eine mittlere Katastrophe«, stellt Rose fest, »nicht nur wegen der beiden. Wie soll das mit der Ranch funktionieren? Sie haben doch gerade erst eröffnet!«
Wie üblich erfasst Rose schnell die Tragödie hinter der Tragödie. Vielleicht der Grund, warum ich noch immer hier stehe und mich mit ihr unterhalte.
»Am Samstag kommt die erste Gästegruppe.«
»Müssen sie den Leuten absagen? Ausgerechnet jetzt am Anfang?«
»Das geht nicht. Sie brauchen die Einnahmen. Ein Storno kommt nicht infrage.« Ich reibe mir über die Augenlider. »Abigail und ich tun, was wir können. Bert hilft, so oft es geht. Und auch einige andere Nachbarn haben Unterstützung angeboten. Wenn die Menschen in Silverton eines können, dann zusammenhalten. Das weißt du doch.« So wie wir damals.
Rose öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Ob ihr dasselbe durch den Kopf geht wie mir? Sie schluckt geräuschvoll und mein Magen verkrampft. Das Verantwortungsgefühl in ihr ist noch immer da. Ich kann es in ihren Augen sehen, der leicht vorgebeugten Haltung und wie sie an der Nagelhaut ihres Daumens herumpult. Sie ringt mit sich und ich ahne, was sie anbieten will. Und hoffe von ganzem Herzen, dass sie es nicht tut. Dass sie es gut sein lässt.
Bitte Rose, stell mich nicht vor diese Entscheidung, flehe ich stumm.
Aber sie wird es tun. Ich weiß es. Kann die Worte bereits in der Luft fühlen. In der Spannung zwischen uns. Jeder für jeden, unser Motto hat für sie immer noch eine Bedeutung. Trotz allem, was war.
»Ich kann helfen«, sagt sie da auch schon und ich lege frustriert den Kopf in den Nacken. Aber ich bin selbst schuld. Ich hätte einfach gehen sollen. Nicht mit ihr reden. Mich nicht in ihren Bann ziehen lassen dürfen. Fuck! Ben würde ausrasten, wenn er erfährt, dass sie auf der Ranch auftaucht, um zu helfen. Er ist der sanfteste und beste Mensch, den ich kenne. Aber Rose ist ein rotes Tuch für ihn. Sie hat ihn zu sehr verletzt.
Ich richte mich wieder gerader auf und sehe überall hin, nur nicht zu Rose.
»Nate, das ist eine Ausnahmesituation. Ich weiß, dass ich mich in der Vergangenheit nicht mit Ruhm bekleckert habe, aber …«, redet Rose weiter.
Ich lache bewusst böse auf, muss diesen Anflug von Fürsorge im Keim ersticken. »Das ist nicht ganz die Umschreibung, die ich dafür verwenden würde, weißt du?!«, sage ich.
Ihre Wangen röten sich und nun ist sie es, die den Blick senkt.
»Ich bin ein männervernichtendes Arschloch. Ist es das, was du von mir hören willst?« Ihre Stimme ist schwer vor Frust.
»Du hast ihn zerstört, Rose.« Mein Herz wummert, weil mit diesem Satz so viel an Gefühlen und Fragen in mir hochsteigen, dass ich es kaum aushalte. Sie hat sich für ihn entschieden und ihn offensichtlich doch nicht gewollt. Warum? Will ich überhaupt eine Antwort auf diese Frage?
»Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, sah er alles andere als zerstört aus«, hält sie dagegen und allmählich werde ich wütend. Auf wen genau, weiß ich selbst nicht.
»Ja, weil es sechs verdammte Jahre her ist, dass du ihm das Herz gebrochen hast. Sechs Jahre, die es gebraucht hat, ihn wieder zusammenzusetzen. Jahre, die er nicht mehr zurückbekommt.« All die gefährlichen Gefühle lassen meine Stimme vibrieren. Wie eine zu straff gespannte Schnur kurz vorm Zerreißen.
Rose sieht zur Seite, ballt ihre linke Hand zur Faust.
»Also danke für das Angebot, aber wir verzichten«, verkünde ich, gehe zum Tresen und greife nach der Tasche, die sie mir mit einem finsteren Blick überlässt. »Abigail wird dir den Betrag überweisen. Die Rechnung ist drin?«, frage ich kalt.
Rose wendet den Blick ab. Ihr Körper zittert vor Anspannung und vor vielen anderen unterdrückten Gefühlen. Sie sieht immer noch demonstrativ an mir vorbei, nickt aber nun. Die Rose von früher hätte mir die Augen ausgekratzt, ungeachtet dessen, ob ich im Recht bin oder nicht. Sie hat sich schon immer mit allen Mitteln verteidigt. So hat sie es nun mal gelernt. Doch obwohl sie vor Wut bebt, bleibt sie still stehen. Zumindest das ist neu.
»Machs gut, Rose«, verabschiede ich mich und wende mich der Tür zu. Was habe ich mir nur dabei gedacht, in diesem Kessel aus Altlasten rumzustochern? Natürlich kommt dabei nichts Gutes raus. Im Gegenteil, es scheint, als hätte ich mehr Probleme wie zuvor.
»Sieht Abigail das auch so?«, ruft sie mir hinterher und ich halte inne. »Dass ihr in der Lage seid, mein Angebot abzulehnen?«
Niemals kampflos aufgeben – also steckt doch noch etwas von der Rose, die ich kannte, in ihr. Allerdings ist sie diplomatischer als früher und schlauer. Mich an meine Kompetenzen zu erinnern, ist klug. Und dennoch kann ich nicht zulassen, dass Rose einen Fuß auf Falcon Heights setzt. Abigail und ich müssen, nein wir werden eine andere Lösung finden. So ist es besser für Ben, Falcon Heights, mich, für alle.
»Sie wird nicht davon erfahren«, antworte ich deshalb barsch, bevor die Ladentür hinter mir zufällt.
Rose
Oh, dieser verdammte, arrogante, eingebildete, unverschämte Mistkerl! Was glaubt er, wer er ist? Ich schlage so fest mit der Faust auf den Tresen, dass meine Finger schmerzen und mir Tränen in die Augen treten. Ich bin kurz davor, Nate hinterherzulaufen, um ihm ordentlich die Meinung zu sagen, obwohl es längst zu spät dafür ist.
In diesem Moment braust ein Ford Pick-up am Ladenfenster vorbei. Viel zu schnell, dennoch glaube ich, Nates vornübergebeugte Gestalt über dem Lenkrad zu erkennen. Er muss in der Straße weiter vorne gewendet haben. Ich stelle mir sein grimmiges Gesicht dazu vor. Wie gerne würde ich ihn von seinem hohen Ross herunterholen. Aber ich befürchte, das wird leider die Realität für mich übernehmen. Spätestens, wenn die ersten miesen Bewertungen auf Google eintrudeln. Und das haben sie nicht verdient. Weder Abigail noch die Ranch.
Früher oder später wird er einsehen müssen, dass es falsch war, meine Hilfe auszuschlagen. Ich hoffe nur, dass Falcon Heights nicht den Preis für seinen und Bens Stolz zahlen muss.
»Verfluchte Scheiße«, murmele ich. Diese Ranch bedeutet mir noch immer unangebracht viel. Der Drang, in meinen Wagen zu steigen und direkt dorthin zu fahren, wird beinahe übermächtig. Abigail würde meine Hilfe annehmen, vielleicht nicht sofort, aber sie ist klug genug, um rational an die Sache heranzugehen. Doch Ben würde eher mit seinem ganzen verdammten Projekt untergehen, da bin ich sicher.
Nur wenn er mir jemals etwas bedeutet hat – und das hat er, verflucht viel sogar –, wäre das jetzt nicht der Moment, ihn vor sich selbst zu beschützen? Alle für einen, das haben wir uns doch damals versprochen. Aber was ist dieses Motto noch wert? Ich knibble an meiner Nagelhaut. Hin- und hergerissen zwischen den Möglichkeiten laufe ich im Laden auf und ab.
Ben hat den Sprung ins kalte Wasser gewagt und die Verträge mit seinen Getreideabnehmern gekündigt sowie den Plan seines Vaters vom nachhaltigen Reittourismus auf Falcon Heights umgesetzt. Lange bevor der Eco- und Nachhaltigkeitsgedanke die Welt erobert hat, war Bens Dad ein Pionier. Luke Callister hat mich mit seiner Vision so sehr begeistern können, dass wir angefangen haben, Flyer zu entwerfen. Bei der Erinnerung löst sich eine Träne aus meinem Augenwinkel. Ich habe den Geruch von seinem alten Büro in der Nase und sehe seine strahlenden Augen vor mir. Wenn er davon gesprochen hat, Kurse zu geben, die nichts mit den rohen Methoden zu tun haben, mit denen viele Bereiter Jungpferde turnierfit machen. Dafür mit einer Basis des Vertrauens zwischen Tier und Mensch. Meine Kehle wird eng. All das habe ich weggeworfen, obwohl ich dachte, meine Bestimmung gefunden zu haben. Etwas, das mich erfüllt. Ich lasse meinen Blick durch den Laden schweifen und plötzlich fühlt sich nichts mehr richtig an.
»O Gott.« Ich sinke auf die Knie. Versuche, das warme Gefühl heraufzubeschwören, das mich normalerweise durchströmt, wenn ich im Blossom & Boots bin. Daran zu denken, was ich trotz allem geschaffen habe. Doch jetzt, mit dem Gewicht der Vergangenheit in meinem Kopf und auf meinen Schultern, wirkt die Gegenwart inhaltslos.
Ein giftiger Gedanke schleicht sich in meinen Kopf. Will ich vielleicht nur helfen, um mich selbst zu retten? Geht es mir nicht um Falcon Heights? Sondern bin ich womöglich das egoistische Miststück, als das mich manche sehen?
Meine Hände zittern. Ich denke an den Augenblick zurück, als ich den ersten Flyer von Bens Idee gesehen habe. The natural way stand darauf, darunter ein Bild von ihm und seiner Freundin Serena und ein Bild von Buck. Bens treuem Wallach. Das einzige Gefühl, das ich empfunden habe, als ich diesen Flyer betrachtet habe, war: Stolz. Ein unglaublicher Stolz darauf, dass er diesen Schritt endlich wagt und die Pferdewelt damit ein kleines Stück besser macht. Wenn ich wirklich so herzlos wäre, wie alle glauben, wie ich selbst manchmal glaube, dann hätte ich Neid oder Missgunst oder Eifersucht empfunden. Aber das habe ich nicht.
Was wird passieren, wenn ich mich einmische? Wenn Abigail zustimmt und Ben davon erfährt? Wird alles wieder gut, oder lässt er mich von der Ranch werfen?
Will ich das riskieren?
Ich schlucke, schließe die Augen und atme sehr lange aus. Dann, als mich die Ruhe wiedergefunden hat, treffe ich eine Entscheidung. Ob sie richtig ist? Keine Ahnung, zumindest fühlt sie sich richtig an, überlegt, beinahe erwachsen. Dieses Mal werde ich mich zurückhalten und Bens Einstellung respektieren. Ich werde mich nicht einmischen. Unsere Freundschaft ist ein Traum aus der Vergangenheit. Nicht mehr. Ich darf all dem nicht länger hinterherjagen. Inzwischen habe ich begriffen, dass ich mich als junges Mädchen nicht in Ben verliebt habe, sondern in das, wofür er stand. In die heile Welt, die sein Zuhause war. All das hat mir den Halt gegeben, den ich so dringend brauchte. Es war gut für mich, aber unglaublich unfair Ben gegenüber. Heute weiß ich das. Heute würde ich anders handeln.
Aber heute ist es zu spät.
Das Einzige, was ich für ihn tun sollte, ist, die Ranch in Ruhe zu lassen. Egal, wie viel sie mir noch immer bedeutet. Ich greife nach dem Schlüsselbund. Wenige Minuten später habe ich den Laden abgeschlossen und sitze im Auto.
»Hi Nana!«, rufe ich, als ich die Tür unserer Wohnung aufschließe.
Laute Musik schallt mir entgegen und ich rieche Rauch. Im Gegensatz zu meinem Vater war Nana immer für mich da, daran muss ich mich stets erinnern, wenn sie mir wieder mal den letzten Nerv raubt. So wie jetzt. Dabei will ich doch nur ein kleines bisschen Ruhe nach diesem Tag. All den Ballast hinter mir lassen. Ist das zu viel verlangt? Augenrollend gehe ich in die Küche und erwische Nana paffend am Fenster.
»Wir hatten doch …!«, schreie ich gegen die Musik an.
Gott, manchmal frage ich mich, ob ich zu einem Teenager oder zu meiner Großmutter nach Hause komme. Frustriert greife ich mir an die Stirn. Nana wedelt den Dunst mit ihrer faltigen Hand weg und verzieht das Gesicht.
»Du hattest es besprochen. Das war ein Monolog. Kein Gespräch«, stellt sie klar, als ich die Musik abgestellt und mich vor ihr aufgebaut habe.
Natürlich weiß sie, was ich sagen wollte, obwohl ich meinen Satz nicht beendet habe.
»Das …« Ich deute auf den Glimmstängel in ihrer Hand. »… ist ungesund.«
»Mia cara, ich bin sechsundsiebzig Jahre alt. Zigaretten sind mein kleinstes Problem, glaub mir.«
»Gut, du bist offensichtlich reif genug, um mündig zu sein.« Obwohl ich das manchmal – oft! – stark bezweifele. »Aber der Gestank ist mein Problem.« Ich rümpfe demonstrativ die Nase.
»Nun hab dich mal nicht so. Das bisschen Rauch bringt dich schon nicht um.«
Ich reibe mir mit dem Daumen über die Nasenwurzel. »Nana, bitte.«
»Ist ja schon gut. Ich werde zum Rauchen rausgehen, okay? Das ist ein Kompromiss, oder? Ihr jungen Leute haltet ja so viel von Kompromissen.« Sie hält die Zigarette unter den Wasserhahn und wirft sie anschließend in den Mülleimer. »Eure Generation ist so wahnsinnig verklemmt. Ich weiß wirklich nicht, ob das gut ist.«
»Was möchtest du zum Abendessen? Salat oder Pasta?«, frage ich, um das Thema zu wechseln. Diese Diskussion will ich heute nicht führen.
Sie überlegt. »Nudeln. Du siehst aus, als könntest du eine ordentliche Portion Glück in Form von Kohlehydraten vertragen. Hattest du einen schlimmen Tag, Kleines? Ich weiß, was da hilft.« Meine Großmutter steuert den Weinschrank an und ich halte sie nicht auf. Bei Rotwein sind wir ausnahmsweise einer Meinung. Die komplexe Aromatik des Pinot Nero verzaubert mich, als ich den ersten Schluck nehme, und für einen Moment erlaube ich mir, nur zu genießen. Nanas Hand zittert leicht, als sie das Glas zum Mund führt.
»Schau nicht so«, rügt sie mich, »andere Frauen in meinem Alter sehen sich die Blumen bereits von unten an.«
Liebevoll streiche ich ihr über den Arm. Selbst den noch so schlimmen Dingen in ihrem Leben mit ein bisschen Witz und einer ordentlichen Portion Sturheit zu begegnen, war schon immer ihre Art. Nanas ganz persönliches Erfolgsrezept, um dieses Leben voller Entbehrungen und Rückschläge zu meistern.
Sie räuspert sich. »Weißt du, mir ist durchaus klar, dass es nicht selbstverständlich ist, dass es mir so gut geht. Und dafür bin ich dankbar, deshalb versuche ich auch, aus jedem Tag das Beste zu machen. Dann kann ich mir später nichts vorwerfen.« Ihr Blick ist sehr intensiv. »Vielleicht solltest du das auch mal probieren?«
Ich schüttele den Kopf. »Als ob das so einfach wäre.«
»Das ist es nicht und dennoch ist es jeden Aufwand wert.«
»Vielleicht hast du recht«, sage ich und fühle plötzlich eine Schwere auf der Brust. »Aber auf jeden Fall möchte ich, dass es dir noch lange gut geht, Nana, deshalb habe auch ich einen Tipp für dich. Das …« Ich tue, als würde ich an einer Zigarette ziehen. »… solltest du zukünftig wirklich lassen.«
Nana verzieht den Mund und seufzt.
»Wo du doch so gute Vorsätze hast, deine Zeit sinnvoll zu nutzen«, erinnere ich sie augenzwinkernd.
»Ist ja schon gut«, brummt sie und ich unterdrücke ein Grinsen.
Wir nippen schweigend am Wein.
»Ich setze mal die Nudeln auf? Orecchiette?«, frage ich dann.
»Ja, die kleinen Seelentrösterchen werden dir guttun.« Nana nickt bekräftigend. »Erzählst du mir dann auch, was heute los war?«
Ich versteife mich. Aber ich hätte wissen müssen, dass sie nachhakt. Sie kennt mich zu gut. Für einen Augenblick hatte ich Nate und sein Verhalten sogar vergessen. Dieses Gefühl, nie genug sein zu können, egal wie sehr ich mich anstrenge. Dieses Gefühl, das Männer viel zu oft in mir auslösen.
»Es war nichts.« Meine zitternde Stimme verrät mich, das weiß ich schon, bevor Nana ihre erhebt.
»Rose Basetti! In unserer Familie wird nicht viel hochgehalten, aber wir sagen uns immer die Wahrheit. Lügen ist nicht okay«, rügt sie mich.
»Davonlaufen schon?« Ich bereue die Worte in dem Moment, als sie mir über die Lippen kommen. Warum muss ich ausgerechnet heute Dad ins Spiel bringen?
