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Berlin, Ende Dezember 2020: Der Koffer ist viel zu schwer und genauso rot wie die Sticker, die beim letzten Gang in den Supermarkt "Abstand halten!" und "Maskenpflicht" brüllen. Die Stunden vor dem Weggang aus ihrem alten Leben sind gezählt. Doch wird ihr die Flucht nach Schweden gelingen? Die Übergabe ihrer leer geräumten Wohnung verläuft komplizierter als gedacht. Und vor dem ersten Umsteigebahnhof klafft auch noch der Reißverschluss ihres Koffers auseinander! Zwischen Corona-Restriktionen, medialer Angstmache, Maskengesichtern und bösen Anfeindungen von Maßnahmen-Befürwortern hat sie nur ein Ziel vor Augen: Freiheit.
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2021
Über die Autorin
Annika Senger veröffentlichte als junge Erwachsene regelmäßig Gedichte und Kurzgeschichten in deutschsprachigen Literaturzeitschriften. Als Jugendliche schrieb sie das Theaterstück „Ganymed“ (erschienen im Plausus Theaterverlag). Zwischen 2015 und '16 brachte sie unter dem Pseudonym Alexandra Sonnental die Kurzgeschichtensammlung „Das ist Berlin, Baby!“ sowie die beiden Romane „Zurückbleiben, bitte!“ und „Zimmer in Berlin“ (Neobooks) heraus.
Für Tilda und alle anderen Kinder dieser Zeit
Annika Senger
Letzte Ausfahrt 2020
Ein Roman
© 2021, Annika Senger
Autorin: Annika Senger
Umschlaggestaltung: Annika Senger
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN:
978-3-347-34455-6 (Paperback)
978-3-347-34456-3 (Hardcover)
978-3-347-34457-0 (e-Book)
Printed in Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
29. Dezember 2020, 7:00 Uhr
Edvard Griegs „Morgenstimmung“ ertönt auf der Waschmaschine. Daniel hat mein Handy zum Aufladen ins Badezimmer gelegt. Felix nagt angeblich Kabel an. Der beste aller Berliner Kater hat sicher tiefer geschlummert als ich. Und schon spielt mein Wecker „Morgenstimmung“, obwohl es über den Dächern von Schöneberg noch stockduster ist. Die Gedanken haben in meinem Kopf Pirouetten gedreht. Erst vor ein paar Minuten ist mir eingefallen, dass mich ein paar Tropfen CBD-Öl auf der Zunge vielleicht beruhigt hätten. Wie lange habe ich überhaupt geschlafen? Drei Stunden? Oder vier? Meine rote Ex-Couch ist so unbequem! Im Rücken spüre ich die Kuhle, die mein Hinterteil im Laufe der Jahre ins Polster gegraben hat. Dass Daniel und Erik sich überhaupt erbarmt haben, das alte Teil zu übernehmen! Hellwach schleiche ich ins Bad, damit in fünf Minuten nicht noch einmal „Morgenstimmung“ durch die Wohnung dröhnt.
Die Schlafzimmertür öffnet sich einen Spalt. Daniel schaut mich müde und betreten aus seinen großen braunen Hundeaugen an.
„Du hättest doch weiterschlafen können“, flüstere ich, um Erik nicht zu wecken.
„Nein, ich will mich noch von dir verabschieden.
Ich mache dann mal Kaffee.“
„Das ist lieb von dir“, antworte ich und mir wird bewusst, wie sehr ich Daniel vermissen werde. Nachdem ich mich gewaschen und angezogen habe, geselle ich mich zu meinem besten Freund in die Küche. Ich lasse zwei Scheiben finnisches Vollkornbrot in den Toaster wandern. Dann hole ich die letzten Lebensmittelvorräte aus meinem alten Leben aus dem Kühlschrank: ein veganes Schnitzel, Soja-Margarine und eine Scheibe Käse. Vor knapp zwei Wochen habe ich so viele Äpfel im Biomarkt gekauft, dass ich am 29. Dezember 2020 noch einen fürs Frühstück übrig habe. Alles genau abgezählt.
Daniel und ich schweigen, während wir mein vorletztes Mahl in Berlin anrichten. Felix erwartet uns schnurrend auf der gemusterten alten Oma-Plüschcouch seiner beiden Herrchen. Daniel setzt sich neben ihn, krault ihm den Hals. Der schwarzweiße Kater schnurrt noch lauter und streckt seinen Kopf in die Höhe. Auch er wird mir fehlen. Felix, der sich bei jedem meiner Besuche wie besessen an meinen Taschen gerieben hat. Wer wird sich in Zukunft um ihn kümmern, wenn Daniel und Erik mal wegfahren? Felix und ich waren während der Abwesenheit der Jungs immer ein tolles Team.
„Na, wie fühlst du dich? Bereust du es?“, fragt mich Daniel, als ich in mein Finn-Brot mit Veggie-Schnitzel beiße.
Ich kaue aus und erkläre ihm: „Nein, das ist richtig so. Es fällt mir extrem leicht, meine Bruchbude und die Hauptstadt des Grauens hinter mir zu lassen!“
„Ja, das glaube ich dir“, seufzt Daniel und ich habe das Gefühl, dass ich langsam meine Tränen nicht mehr zurückhalten kann.
„Aber euch werde ich vermissen. Genauso wie die Landschaften im Umland von Berlin! Die Seen und die Wälder! Man geht wohl nie nur mit zwei lachenden Augen.“
„Ich vermisse dich schon jetzt.“
Nach diesem Satz aus Daniels Mund flenne ich wirklich. Er springt von seinem Platz auf, setzt sich rechts neben mich und nimmt mich in die Arme.
„Ich wollte schon so lange weg aus Berlin und der Bude!“, schluchze ich. „Aber ich hätte nie gedacht, dass ich mal wegen der politischen Umstände gezwungen werde! Dass ich gar nicht mehr anders kann als abzuhauen!“
Daniel streichelt meinen Rücken und murmelt: „Verständlich.“
„Weißt du was, Daniel? Anfang des Jahres, bevor das Schmierentheater losging, habe ich oft an meine Oma gedacht. Meine Großmutter väterlicherseits, die 1945 mit einem Schiff über die Ostsee geflüchtet ist. Ich habe mich immer gefragt:
Wieso schwirrt die ständig durch meinen Kopf? Warum jetzt? Inzwischen passt alles wunderbar zusammen! Als wollte sie mir aus einer anderen Welt was mitteilen.“
„Ja, das ergibt Sinn“, sagt Daniel, der mich immer noch im Arm hält. „Vielleicht brauchtest du einfach diesen Schubs vom Leben.“
„Sicher! Wahrscheinlich wäre ich ohne den Faschismus in diesem Land alt und grau in dem maroden Haus geworden.“
„Meinst du wirklich? Irgendwann wärest du sicher ausgezogen.“
Daniel und ich lösen uns voneinander. Ich wische mit dem Handrücken meine Tränen von den Wangen und trinke einen Schluck Kaffee.
„Nur wann? Ich war all die Jahre viel zu feige zu gehen. Jetzt komme ich mir vor wie die Protagonistin in einem ganz düsteren Zukunftsroman. Mit dem Unterschied, dass die böse Zukunftsvision unsere reale Gegenwart ist!“
„Tja. Wir sollten eigentlich auch die Koffer packen. Zu blöd, dass Erik in Fremdsprachen total inkompetent ist.“
„Der ist eben Naturwissenschaftler durch und durch.“
„Ja, und kann super Mathe.“
Ich lache: „So hat eben jeder seine Talente. Ein bisschen Schwedisch spreche ich ja schon. Wird sicher bald mehr.“
„Na klar. Du bist doch sprachbegabt.“
„Und ich reise gerne. Vor zweieinhalb Wochen hatte ich echt die Befürchtung, dass heute die Grenze dicht ist und ich in Berlin bleiben muss“, erzähle ich Daniel von meinem Worst-Case-Szenario.
„Nein, das sollte alles so sein. Wird schon gut gehen“, antwortet er ruhig.
„Das glaubt meine innere Stimme auch. Irgendwann werde ich der Bundesregierung danken für ihre Taten. Dafür, dass sie mich animiert hat, endlich meinen Arsch zu bewegen!“
Jetzt lachen wir beide.
„Um neun Uhr nur noch die Wohnungsübergabe und dann ab die Post in mein neues Leben. Meine Knast-Entlassung nach lebenslänglicher Haftstrafe. Ein Monat ist mir wohl wegen guter Führung erlassen worden!“, scherze ich. „Berlin war bei meiner Ankunft Anfang 2006 eine ganz andere Stadt.“
„Ja, das hat sich schon lange zum Negativen verändert. Nicht erst seit Corona“, stimmt Daniel mir zu. „Unser schöner Schwulen-Kiez ist auch nicht mehr das, was er mal war.“
„Das haben mir schon ein paar andere Leute gesagt. Euer Kumpel, der mal das Café 'Rosenstolz' geführt hat, ist auch weg, oder?“
„Ja, den Laden hat er letztes Jahr aufgegeben. Jetzt habe ich Angst, dass er auf den Kanaren bleibt. Kurz vor Weihnachten ist er mit seinem Ex losgeflogen.“
„Ach, Daniel, die machen sicher nur Urlaub.“
„Na ja, auf den Kanaren ist das ganze Jahr über Sommer.“
„Wie wahr. Ich liebe die Kanaren!“, sage ich. „Trotzdem zieht es mich schon das ganze Jahr nach Norden. Immer ist die Ostsee auf meinen Reisen mit im Spiel gewesen.“
„Du hast 2020 wirklich viele schöne Orte auf deinem Fahrrad erkundet“, erinnert mich Daniel und ich werde wieder wehmütig: „Mein Fahrrad in eurem Keller werde ich auch vermissen. Das war gestern Abend ein ganz merkwürdiges Gefühl, die letzte Fahrt zu euch anzutreten.“
„Schon klar. Das Fahrrad hat dir viel bedeutet.“
„Und deshalb steht es jetzt bei euch und nicht im Lager. Dann kann ich es mir jederzeit holen, wenn die politische Lage es zulässt.“
Ich habe keine Ahnung, wann das sein wird. Zurzeit plane ich nur noch den nächsten Schritt, über allen weiteren liegt ein dunkler Schleier. Mein nächster Schritt ist, zu Ende zu frühstücken und mir die Zähne zu putzen.
Als ich fertig bin, steht Daniel an der Garderobe im Flur und hat 70 Euro in der Hand. Er streckt mir einen Zwanziger und einen Fünfziger entgegen und verkündet: „Für dich.“
Ich bin verwirrt: „Wofür das denn?“
„Für deine Reise. Du hast doch viel Gepäck und ich bestehe darauf, dass du mit dem Taxi zum Hauptbahnhof fährst.“
„Echt? Dann vielen lieben Dank.“
Ich nehme die beiden Geldscheine entgegen und begehe die Straftat, Daniel zu umarmen, ohne anderthalb Meter Abstand von ihm zu halten.
„Sehr gerne. Ich bestelle gleich ein Taxi, damit du ganz in Ruhe zur Wohnungsübergabe fahren kannst.“
„Ich kann auch die U-Bahn oder den Bus nehmen“, wende ich ein.
„Nein, brauchst du nicht. Das Taxi ist sofort da. Ich frage, ob der Fahrer unten klingelt. Dann können wir noch kurz bei Felix sitzen.“
Während Daniel das Taxiunternehmen anruft, verabschiede ich mich von meinem vierbeinigen Freund, der mich mit weit geöffneten grünen Augen anschaut. Ich streichele ihn und weiß, dass es für eine ganze Weile das letzte Mal sein wird.
Als Daniel seinen Anruf beendet hat, setzen wir uns wieder auf die Couch, ich auf die rote, er auf die plüschige. Aus meiner rechten Hosentasche ziehe ich meine grüne Löchermaske und streife sie mir übers Gesicht.
„Die brauchst du nicht. Zwischen dir und dem Taxifahrer ist eine Plastikfolie“, sagt Daniel.
„Ist doch eh nur Attrappe, die Maske.“
„Klar“, grinst er.
„Diese Maske fühlt sich an wie gar keine Maske. Die Maske für freies Atmen. Ich liebe dieses Teil!“
Ende November habe ich meinen roten Stringtanga ausrangiert. Durch die Maske atme ich noch besser als durch den Protestschlüpfer aus Spitze. Ich bin es leid zu protestieren. Was hilft es Deutschland, mit Maske und Abstand Selbstdarsteller auf einer Bühne zu beklatschen und das als Demonstration zu bezeichnen?
Es klingelt an der Wohnungstür. Daniel und ich fallen uns nochmal in die Arme. Wieder möchte ich weinen und verkneife es mir.
„Melde dich von unterwegs. Ich drücke dir die Daumen, dass alles klappt.“
„Das wird es“, beteuere ich.
Wir verabschieden uns mit einem Küsschen auf die Wange und ich husche vier Stockwerke durchs Treppenhaus in die Tiefe.
29. Dezember 2020, 8:15 Uhr
Kein Licht mehr in meinem ehemaligen Schlafzimmer. Zu wenig, um ordentlich meinen roten Hartschalenkoffer zu packen. Ich sammele Kleidungsstücke und Kosmetika von den Dielen auf, trage die Sachen ins leere Wohnzimmer. Dort gibt es noch zwei Lampen an der weiß tapezierten Wand. Ich schalte das Licht ein und breite auf dem Fußboden meine allernötigsten Utensilien aus. Es sind auch ein paar Gewürze, Salz, ein Paket Spaghetti und drei Tüten meines Lieblingskakaos dabei. Die eine Seite des Koffers ist für meine Klamotten und die Edelmetalle reserviert, die andere für meine beiden MacBooks, den Drucker, das Kamera-Equipment, die Lautsprecherboxen und den Kopfhörer. Das läppert sich, obwohl ich mich nur auf das Nötigste beschränkt habe! Ja, ich brauche die technischen Geräte, um meine Arbeit zu erledigen. Wenn ich die Sachen klug verpacke, kann ich wirklich alle mitnehmen. Zum Glück hat der Koffer Rollen, ohne die wäre ich aufgeschmissen. Ob ich es schaffe, alle Schuhe zu transportieren? Drei Paar gefütterte Winterschuhe, bunte Stiefel, ein schwarzes Paar Halbschuhe für den Frühling und meine Hausschuhe. Die Jacken müssen auf jeden Fall auch mit. Die Kunstfelljacke ist am schwersten, die trage ich während der Fahrt. Den Lackmantel und die rote Übergangsjacke will ich im Frühjahr anziehen.
Ein Bruchteil meines Lebens in einem Koffer! Den Rest habe ich verschenkt, verkauft, verschrottet, in einem Lagerraum und bei Daniel deponiert. Seit Ende August habe ich Schritt für Schritt den Krempel aus meinem alten Leben losgelassen. Seit dem Tag in Finnland, als mir klar geworden ist, dass ich aus Merkel-Dummland verschwinden sollte.
Es war ganz einfach. Ich fühle nichts für diese Bude, kein Funken Abschiedsschmerz. Die Geschichte ist auserzählt. Der Corona-Terror war mir eine große Hilfe! Ich wollte schon vor fünf Jahren einen Schussstrich ziehen, stand noch Anfang 2020 vor einer Mauer, war verzweifelt. Warum hing ich eigentlich so lange fest in Berlin? So schwach und unentschlossen!
Ich mache die inneren Reißverschlüsse auf beiden Kofferseiten zu und schließe dann den Koffer von außen. Ein bisschen muss ich drücken, die Sachen zusammenpressen, doch es passt hinten und vorne nicht! Und wenn ich mich auf den Koffer setze und es dann versuche? Nee, absolut keine Chance! Die Hausschuhe wegwerfen? Nein, die sind so gut wie neu, sie passen bestimmt noch in die Keyboard-Tasche. Das Handtuch kann weg, in meinen Unterkünften gibt es Handtücher. Weg mit dem schwarzen Oberteil und dem Halstuch, weg mit der ausgeleierten Tunika und der schwarzen Strumpfhose. Den blauen Schal werde ich im Winter noch brauchen. Ich binde ihn mir um die Taille. Die Jacken sind Unikate einer Berliner Designerin, auf keinen Fall werde ich mich davon trennen, auch nicht von den Stiefeln. Wenn ich ein bisschen umdisponiere, passt alles. Ja! Ich presse die beiden Kofferhälften zwischen meinen trainierten Radfahrerschenkeln zusammen, ziehe den Reißverschluss … Geschafft! Puh. Ich hebe ihn an. 30 oder 40 Kilo? Im Flugzeug müsste ich für Übergepäck kräftig löhnen. Diesmal fahre ich Zug und Fähre.
Jetzt aber raus damit. Der Koffer bleibt vor der Wohnungstür stehen, bis ich die Reise zum Bahnhof antrete, das Keyboard auch. Mein Rucksack ist bis oben vollgestopft mit Kosmetik und Büchern. Mein Schwedisch-Lehrbuch, mein Finanzplaner, mein Traumtagebuch … Das hat echt lange gedauert, alles zu packen.
Gleich kommt Frau Klein-Krämer von der Hausverwaltung und ich habe den Stromzähler noch nicht abgelesen. Der Zählerkasten ist hinter einem Sperrholzkasten mit Filzüberzug versteckt. Ich schiebe das unhandliche Ding zur Seite und schreibe auf: 0,33476,6. Die Sicherungen am Zählerkasten sind von anno Schnee. Sicherungen zum Schrauben. Jetzt noch den Rest vor die Wohnungstür tragen und im Schlafzimmer und Wohnzimmer die letzten Krümel vom Boden auffegen. Dann ist die Bude pikobello sauber. Daniel hatte gestern den Staubsauger abgeholt, bevor die Sperrmüllmänner auf der Matte standen.
Es liegen noch ein paar Holzsplitter auf den Dielen. Ich habe Muskelkater vom Zerlegen der Möbel und vom vielen Schleppen. Die beiden Müllmänner waren halbe Portionen. Deshalb habe ich noch mit Hand angelegt und geholfen, die Möbelteile zum Transporter zu bringen. Was für Pussys!
Ich schieße ein letztes Foto von meinem leeren Wohnzimmer und schicke es meiner Mutter. Stolz klopfe ich mir auf die Schulter. Es ist vollbracht. Jetzt sieht es genauso aus wie am 29. Dezember 2005. Wie während der Wohnungsbesichtigung, bei der ich in meinem jugendlichen Leichtsinn auf vieles nicht geachtet hatte. Nicht auf den billigen Filzbelag im Badezimmer, nicht auf den Gipsverputz anstelle von Fliesen und schon gar nicht auf die dunkle Hinterhaus-Romantik, die mir schnell zum Graus wurde. Hätte ich damals gewusst, wie hellhörig das Haus ist, wäre ich gar nicht eingezogen. Hätte, hätte, Fahrradkette!
29. Dezember 2020, 8:57 Uhr
Ich habe noch ein paar Minuten, um den letzten Müll in den Hof zu bringen. Ein Orangennetz und ein bisschen Altpapier. Mein Handy meldet sich im Treppenhaus. Hier könnte man einen Horrorfilm drehen, meinte Frau Schmidt von oben vor ein paar Jahren. Sie wohnt immer noch über meiner Wohnung. Viele hängen fest in diesem Haus, das den Zweiten Weltkrieg nur zur Hälfte überlebt hat. Die andere Hälfte wurde zerbombt und nicht mehr aufgebaut.
Ich ziehe das Handy aus der Hosentasche und lese eine Benachrichtigung von YouTube: „Du bist dumm, dümmer geht’s nicht. Du beschissene dumme Fotze!“, kommentiert RedFlag2020 mein neues Musikvideo.
Ich blockiere den Troll und lösche den Kommentar wie alle anderen Beleidigungen, mit denen meine Hater meine Social-Media-Kanäle unter Beschuss halten. Seit ich öffentlich meine Meinung kundtue, die Regierung kritisiere und Protestlieder veröffentliche, bin ich in gewissen Kreisen nicht mehr ganz unbekannt. Am 27. Dezember hatte mich ein Propaganda-Clown aus dem Staats-Fernsehen am Wickel. Ein Troll bezeichnete mich daraufhin als „Mörderin“ und als „Deutschlands meist gehasste Person“.
Mein bisher schlimmstes Verbrechen in diesem Leben war, die Maskenpflicht und die Angst-Propaganda zu kritisieren.
„Don't feed the troll“, lautet mein Motto und ich gehe weiter die Treppe runter. Im Erdgeschoss begegnet mir eine mollige blonde Frau in schwarzer Kleidung.
„Guten Morgen. Sind Sie Frau Klein-Krämer von der Hausverwaltung?“, spreche ich sie an.
„Ja, die bin ich.“
Ihre Stimme klingt genervt.
„Okay, ich gehe nur noch mal kurz zum Müllcontainer. Ich bin gleich bei Ihnen zur Wohnungsübergabe. Die Tür steht offen, Sie können schon rein.“
„Okay.“
