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Es ist Urlaubszeit. Aber leider ist für Maximiliane auch dieser Sommer mehr Tortur als Seelenkur. Statt in einem netten Hotel zu logieren, vegetiert sie mit ihrem Mann und den zwei pubertierenden Kids am Gardasee in einem überhitzten Bungalow vor sich hin.Während sich ihre Familie wieder einmal zwischen schwitzigen Touristenleibern in Richtung Futtertröge schiebt, reicht es Maximiliane plötzlich.Sie rennt auf und davon. Anfangs will sie nur für ein paar Tage raus, doch diese werden zu einer langen Reise. Während ihr Mann am Italo-Ballermann-Himmel zur peinlichen Kultfigur mutiert, findet Maxi auf ihrem Trip von Venezia nach Calabria Gefährten, mit denen sie Schlägertrupps, Geldnot, Autopannen, Liebe und andere Katastrophen übersteht.Und immer wieder der Polizei entwischt, denn inzwischen ist Maxi im überhitzten Internet erst zur berühmtesten Touristin und dann zur meist gesuchten Frau Italiens geworden … Ein satirischer Südstaaten-Roman über die Macht der Klischees und über das Suchen und Finden.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
periplaneta
ANDREA LIMMER: „Letzte Ausfahrt: Lecko Mio!“ - Ein Südstaatenroman 1. Auflage, September 2024, Periplaneta Berlin, Edition Periplaneta
© 2024 Periplaneta - Verlag und Medien Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin periplaneta.com
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.
Songzitate / Playlist: “Schatzi, schenk mir ein Foto” by Micky Krause “Civil War” by Guns N’Roses “Schickeria” by Spider Murphy Gang “Blond” by Rainhard Fendrich “A mano a mano” by Rino Gaetano “Revolution Of The Heart” by Albert Hammond “Take Me Sailing” by Albert Hammond “Doe Was The Loving Kind” by Albert Hammond “Bella ciao”
Lektorat, Cover, Satz: Thomas Manegold Cover: Made with Adobe Firefly
Buch ISBN: 978-3-95996-288-9eBook ISBN: 978-3-95996-289-6
Letzte Ausfahrt:
Ein Südstaatenroman
periplaneta
Für Oma Zenzi.Unsere Weltenbummlerin.
Die strahlende Sonne hält sich fest am Meer.
Halb stabil, halb wabernd.
Man weiß nicht: geht sie gerade auf oder unter.
Aber eins weiß man:
Maxi hat keine Angst mehr.
Man sagt ja: Der Tod ist der große Gleichmacher.
Das stimmt aber nicht. Denn der wahre große Gleichmacher ist der Gardasee im Sommer.
Dort, in den vielen sich gleichenden Touristenstädtchen, die den See umzingeln, findet man jedes Jahr, eine Woche nach Beginn der großen Ferien bis zu deren Ende, das gleiche menschliche Urlaubselend: Ein Mann segelt durch ein immer gleich überlaufenes, aufreizend kitschiges Gässchen, angetrieben von einem immer gleich kleinen Rest Lebenswillen oder großem Hunger oder verzehrendem Durst. Hintennach, im mikroenergetischen Kielwasser, driften die immer gleich brüllenden, verschmierten, bockigen Kinder. Und zum Abschluss schwemmt es die Ehefrau daher, mit dem immer gleichen Gesicht, das schreit: Ich! Will! Sterben!
Davor, dahinter und daneben drängeln sich zig andere solcher Gruppen aneinander vorbei: Arme reiben an Arme, Falten verhängen sich kurz ineinander, Schweiß vermischt sich mit Schweiß, Blicke töten, Speiseeise gehen zu Boden, Euro und Plunder wechseln kiloweise den Besitzer, kindliche Gliedmaßen und Halswirbel werden verdreht, Sandalen treten in Hundehaufen und Gerüche aus Küchen, Körperöffnungen und Drüsen vereinen sich zu einem olfaktorischen Himmelfahrtskommando.
Und mitten in diese Szenerie hinein plärrt ein Typ mit einer fünfsaitigen Gitarre und einem sechszahnigen Mund italienische Gassenhauer. O dolce vita!
Die unzähligen Unglückseligen mäandern dergestalt freilich wochenlang, tagtäglich durch diese immer gleichen Gässchen des Grauens, die aus jenem Teil der italienischen Hölle stammen, den der Teufel speziell für Deutsche reserviert hat … und für ein paar Österreicher.
Durch solch ein Meer aus immer gleich zu vielen, gleich überreizten, gleich überweinten und gleich überpastarisierten Leibern, schob sich an diesem frühen Augustabend auch Maximiliane Pullinger. Vor ihr her trieben ihre Kinder David und Annie, angeführt von ihrem Mann Felix.
Jeder Atemzug forderte Kraft und Überwindung, weil sie wusste, dass die Luft, die sie gleich einatmen würde, gerade von einem anderen ausgeatmet worden war. Und zwar von jemanden, dem sie ohne triftigen Grund nicht mal die Hand geben würde.
Maxi sehnte sich in die Zeit der FFP2-Masken zurück. Sogar nach der Aufhebung der Maskenpflicht hatte sie die ihre weiterhin getragen, mit dem guten Gefühl, geschützt zu sein und andere zu schützen. So lange, bis Felix es ihr verbot, unter Androhung von Strafen, wie dem Verkauf ihrer Luftfilter.
Also trottete Maxi unmaskiert und gefügig wie ein sediertes Muli durch die schwüle Abendluft. Vorbei an Häusern, deren lustige orangen, gelben und roten Fassaden ihrer eigenen Verfassung spotteten. Dabei versuchte sie, normal zu atmen und so oft wie möglich an etwas Beruhigendes zu denken.
Zum Beispiel an das Hygienespray nur für Notfälle in ihrer Handtasche. Sie gehörte nicht zu denen, die sich alle fünf Minuten die Hände desinfizierten. Das schädigte nämlich die Haut und zudem wusste sie, dass Seife Keime viel effektiver vernichtete, wie die Hautärztin ihr es immer wieder versichert hatte – beim Anblick von Maxis aufgesprungenen Händen.
Maxi blickte nur auf, wenn ein fremder Ellbogen sie stieß, ein fremdes Stück Haut über ihre Haut schmierte oder eines ihrer Kinder so etwas wie einen Klagelaut ausstieß.
Bei deren Gejammer ging es jedoch meistens nur um Schwierigkeiten mit dem Netz (David) oder um zu wenig Likes für ein neues Tanzvideo (Annie). In seltenen Fällen betrafen die Laute noch einen Terrorakt der Natur, vielleicht ein Insekt oder das Wetter. Für echte Klagelaute, die überlebenswichtige Bedürfnisse ausdrückten und das Muttertier archaisch anlocken sollten, waren die beiden mit 14 und 12 schon zu alt.
Maxi fühlte sich ebenfalls zu alt - für alles. Obwohl sie sich rein äußerlich gut gehalten hatte: braunes, dichtes Haar ohne eine Spur von Grau, sportliche Figur, fein geschnittenes Gesicht mit großen, braunen Augen. Sie kam sich trotzdem mit 39 vor wie ein überreifer, stinkender Weichkäse, der in einem Backofen langsam verschmurgelte, weil ihn jemand bei Ober- und Unterhitze vergessen hatte.
,Käse! Oh, Gott! Pfui Deibel!‘, dachte sie. Eine schleimige Vorahnung von Unwohlsein stieg in ihr auf. Maxi schlucke hart und verbannte den Gedanken an Käse schnell aus ihrem Kopf.
Das Gefühl, zu alt wiewohl vergessen zu sein, kam natürlich aus den Tiefen ihrer Seele, aus der auch seit vier Jahren diese feinen Falten in ihr Gesicht krochen, noch wenige zwar, aber im Spiegel unübersehbar und definitiv nicht der Familie der Lachfalten zugehörig.
Sie betrachtete im Vorbeitrotten die aufgesprungenen, abblätternden Fassaden der fröhlich farbigen Häuser.
„Romantisch“ nannten das die Reiseagenturen und die meisten Touristen. Letztere hatten schließlich für „romantisch“ bezahlt, also waren diese Gassen auch „romantisch“, gottverdammmichnocheins!
Maxi hingegen nannte die Fassaden „sanierungsbedürftig“. Dass sie für ihre Ansicht nur wenig Zustimmung vor Ort fand, war ihr egal. Denn sie war sich sicher, dass niemand von den anderen Touristen bei sich daheim so ein Haus ohne Ganzkörperschutzanzug und Begleitung der Seuchenbehörde betreten hätte.
Schon wieder stieß sie jemand in die Seite. Maxi blickte auf und in die bösen Augen einer älteren Frau, die an Nordic-Walking-Stöcken hing.
„Passen Sie doch auf!“, erboste sich die Stockgeherin. „Rolf, hast du das gesehen? Also, manche Leute! Sie sind doch nicht allein auf der Welt! Hier sind Kinder!“ Sie rempelte Maxi noch einmal an und stöckelte dann ihrem Rolf samt Rudel hinterher, Letzteres bestehend aus zwei Kindern, wahrscheinlich Enkel. Oder Opfer von Menschenhandel.
Die Frau trug offene Sandalen. Sandalen und Stöcke. Ideal, um den ganzen Dreck der letzten 1.040 Jahre hier aufzusammeln. Maxi schauderte. Bevor sie solche Sandalen im Freien trüge, würde sie sogar lieber eine Woche mit Felix’ Eltern samt Zwillingsschwestern am Gardasee verbringen.
Glücklicherweise trug Felix seine roten FC-Bayern-Sandaletten nur daheim in Niederbayern, wo Maxi diese samt seiner Füße vorm Betreten des Hauses anständig reinigen konnte. Hier in Italien hatte Felix zu viel Angst, jemand würde ihm die Sandaletten klauen. Schließlich hatte darauf einst Pep Guardiola unterschrieben. In einem schwachen Moment, wie Maxi vermutete.
Die Kinder trugen sowieso zu jeder Tages- und Nachtzeit weiße Sneaker. Wahrscheinlich sogar beim Schlafen, falls ihre Freunde und Freundinnen überraschend drei Uhr morgens vorbeischauten, um eine Coolness-Kontrolle durchzuführen.
„Maxi! Was ist denn?!“, rief Felix ungeduldig. „Ein bisschen mehr pronto! Wir sind hier nicht beim Damenschach!“
Er und die Kinder standen schon außerhalb des Gässchens, auf der Seepromenade mit Ausblick auf das glitzernde Wasser. Die Promenade bot sich ihr so herrlich wenig frequentiert dar, dass sie sogar etwas die Arme von sich spreizen könnte, ohne einen anderen Menschen zu berühren.
Felix drehte sich zum Wasser. Die kahle Stelle an seinem Hinterkopf glänzte in der abendlichen Sonne.
Er hatte sich äußerlich nicht so gut gehalten wie Maxi. Zur beginnenden Glatze kamen der bei Felix’ Lebensweise unvermeidliche Bauchansatz, unregelmäßiges Körperhaar, Falten und - oh ja! - Krampfadern. Sein Selbstvertrauen blieb von seiner äußeren Erscheinung allerdings unberührt.
„Hey!“, rief David in sein Smartphone starrend, gebückt, dürr, mit geröteten Augen und bleich. Wie ein junger Nosferatu.
„Mama!“, rief Annie durch ihre braune Mähne, die ihr um den Kopf flog, weil sie schon wieder hysterische Tanzschritte übte.
,Das ist alles so falsch‘, dachte sie und klammerte sich fester an den Riemen ihrer Handtasche. ,Im Urlaub sollte man doch Zeit für alles haben. Vor allem als Familie.‘
Die Gründe für die Eile aber kannte sie genau. David wollte das Essen so schnell wie möglich hinter sich bringen, um wieder voll konzentriert zu zocken. Denn, wenn er etwas erreichen wolle in seinem Business, hatte er ihr unlängst erklärt, müsse er jeden Tag hart dranbleiben.
Annie wollte wiederum zur richtigen Tageszeit ihr Essen posten, um möglichst viele Likes zu kriegen. Das sei die Vorstufe, hatte ihre Tochter erklärt, um in ihrem Business mal voll durchzustarten, weil man sich mit Social Media eine stabile Fanbase aufbauen müsse.
Und Felix? Der hatte einfach nur Hunger.
Maxi neidete ihrem Mann inzwischen dieses gesunde Bedürfnis. Sie litt seit dem dritten Urlaubstag unter Verdauungsproblemen. Denn kein Mensch auf dieser Welt kann sich zwei Wochen fast ausschließlich von Pizza Quattro Formaggi ernähren und weiterhin einen gesunden Darm mit sich herumtragen.
Was aber sollte sie am Gardasee sonst essen, bitte sehr?
Jegliches Getier, egal ob Rind, Schwein, Fisch, Meeresfrüchte oder Geflügel rührte sie hier nicht an, hier im Süden, hier in dieser Hitze. Die an heimische Bedingungen gewöhnten Mikroorganismen eines menschlichen Körpers hatten nämlich keinen Urlaubsschalter.
Maxi war auch vollkommen überzeugt, dass alle anderen Touristen, die entweder aus Unwissenheit oder Dummheit Sachen wie Carpaccio, Muscheln in Weißweinsauce oder Vitello Tonnato in sich hineingabelten, bald ihren letzten Bissen tun würden.
Entweder stürben sie gleich vor Ort oder an der Behandlung in den Krankenhäusern oder an Krankenhauskeimen. Dass dies ihre Familie ebenso beträfe, blendete sie so gut wie möglich aus.
Damit verblieben auf Maxis Speisekarte nur vegetarische Gerichte. Aber Nudeln konnte sie nie außerhalb essen, nur daheim. Weil sie ganz genau wusste, dass der Koch die Nudeln mit seinen Händen anfasste. Salat? Voll mit Pestiziden! Lasagne? Siehe Nudeln! Und finde in dieser Region mal Reis mit Käsesauce.
Da blieb ihr nur eine vegetarische Pizza, die der Pizzabäcker brav mit Handschuhen zubereitete und mit einem Schieber aus dem Ofen holte. Die vier Käsesorten stellten dagegen täglich einen stummen Akt des Aufstandes ihrerseits dar, weil Felix Käse hasste.
Die einzige Abwechslung zum Aufstand mittels vergorener Milch gönnte sie sich beim Frühstück. An geraden Tagen trank sie Instantkaffee, an ungeraden Beuteltee. Montag, Mittwoch und Freitag aß sie diesen italienischen Hohn von Semmeln mit Marmelade, Dienstag, Donnerstag und Samstag mit Honig und an Sonntagen mit Nutella. Jeden Nachmittag trank sie dazu einen kleinen Cocktail, aus Abführmitteln plus einem Cognac, um überhaupt noch irgendwie klarzukommen.
Aufgrund der Wirkung ihrer speziellen Vesper jedoch, war freilich der Strand seit dem dritten Tag für Maxi tabu.
„Aber, wenn du einfach ganz schnell ins Wasser gehst … dafür, dann kriegt dein Malheur doch gar keiner mit. Also, wenn du halt weit genug rausschwimmst“, sagte Felix am fünften Tag zu ihr.
Und er meinte es vielleicht sogar auf irgendeine Art gut. Leider klang er dabei wieder einmal belehrend und geringschätzend. So, dass die unter Krämpfen leidende Maxi am liebsten seinen Vorschlag gleich ausprobiert hätte. Und zwar direkt neben ihm.
So saß Maxi jeden Urlaubsnachmittag alleine schwitzend vor dem winzigen Witz von einem Ventilator, während ihre Familie sich im Gardasee abkühlte. Während Felix am Strand Biere trank und die Kinder Eise aßen, hockte sie sprungbereit und mit gurgelnden Schmerzen auf der hässlichen, blauen Couch. Und während Felix mit absoluter Sicherheit andere Frauen begaffte und die Kinder im Schatten Netflix-Serien weggafften, gaffte sie in den Fernseher. Dort lief auf den deutschen Sendern, die sie empfangen konnten, um diese Zeit natürlich nur Mist. Aber das Netz auf diesem Campingplatz war so mies, dass sogar der Instagram-Feed oft streikte.
Maxi kannte sich bereits bestens bei Rote Rosen aus. Mehr noch: Sie ergriff Partei für einige Figuren und verurteilte andere, wobei sie das beunruhigend tröstliche Gefühl der Geselligkeit verspürte. Vor allem, wenn sie mit den Figuren sprach. Dann nahm sich eine fast familiäre Atmosphäre Raum. So lange, bis ihre wirkliche Familie nach dem Strandspaß wieder über ihre doch sehr spezielle Ferienbehausung herfiel .
Sie zuckte jedes Mal zusammen, wenn ihre Kinder, diese wahnsinnigen, „ich-ich-ich“-brüllenden Derwische, durch ihr viel zu kleines Domizil marodierten und Chaos hinterließen. Ohne Not. Einfach, weil sie es konnten.
Während sich Maxi an die Sisyphusarbeit der Chaosbeseitigung machte, brüllten Sohn und Tochter ihre materielle Wünsche in die Welt und diverse Verwünschungen bei Nichterfüllung, bevor sie sich gegenseitig ankeiften, dass der jeweils andere sofort aufhören solle, die Mama anzuschreien, weil: „Ich bin jetzt dran bei der Mama!“
Maxi schaute ihnen verwundert nach, wenn sie wieder davonrasten. Freilich erst, nachdem sie Sohn und Tochter jeweils eine nicht unerhebliche Summe Bargeld übereignet hatte.
Wohin, fragte sie sich, waren die zwei einst so süßen Wesen verschwunden, die in ihr echte Mutterliebe entfacht hatten? Und wer, zum Teufel, waren diese beiden Ungeheuer?
Sie fühlte sich bei solchen Gedanken anomal und elendig. Doch schien ihr dies alles unabänderlich. Ebenso wie der Kreislauf ihrer Ehe, die seit vier Jahren nur mehr aus Einkaufszetteln, Aufgabenzetteln und Alltagsverzettelungen bestand.
So funktionierte eben ein zufriedenes Leben - glaubte man den anderen Ehefrauen, die sie in ihrem kleinen niederbayerischen Heimatort umgaben. Und diese waren alle, trotz aller Schwierigkeiten, immer noch verheiratet.
Dass Felix und sie seit einem Jahr keinen Sex mehr hatten - geschenkt! Solche Phasen gab es. Diesbezüglich lautete der Glaubenssatz der Nachbarsfrauen sogar, dass der Sex mit zunehmenden Ehejahren ganz natürlich abnahm. In dem Maße, in dem die Anzahl der Kochbücher, die Küchenutensilien und das Ausmaß der Mahlzeiten zunahmen. Alles ganz normal, also.
Aber, dass Maxi immer öfter freiwillig im Gästezimmer schlief und Felix das völlig unkommentiert ließ, das … ja, das war sehr, sehr unnormal.
Bisher konnte Maxi erfolgreich verdrängen, wie unglücklich sie war. Doch jetzt kam ihr das Unglück hoch, wie ein Rest unverdaulicher Käsepizza, wenn sie mit Krämpfen vom Abführmittel und leichtem Kopfweh vom Cognac täglich ihre Lebenszeit mit sich alleine vergeudete. Und ähnlich wie das allabendliche Sodbrennen brannte in ihr immer öfter eine verzehrende Traurigkeit und versengte schier alle Freude.
Sie vermied es deswegen sogar, ihrer besten Freundin Nina zu schreiben. Um diese nicht unnötig zu beunruhigen, lautete die offizielle Erklärung. In Wahrheit aber schämte sie sich vor Nina.
Auf die zahlreichen Nachfragen ihrer besten Freundin, wie es ihr so ginge, wie der Urlaub sei, ob alles okay sei, warum sie nicht schreibe, schrieb Maxi jedes Mal kurz zurück, nach der Bestellung ihrer Folterpizza, dass sie kaum Netz habe. Was auch die meiste Zeit des Tages stimmte.
Dass es auf diesem Campingplatz schlechtes Netz gab (David hatte freilich einen W-Lan-Verstärker dabei, damit er für seine Spielerkarriere trainieren konnte), erschien Maxi zwingend kausal.
In ihrem Teil des Molto-Maxi-Family-Campingdorfs war nämlich alles so schlecht wie preiswert. Dass Felix ein Family Mobilheim de luxe, Klasse S für ihren Sommerurlaub gebucht hatte, dem es sogar an einer Klimaanlage gebrach, überraschte sie dann aber doch.
„Ein Family Mobilheim de luxe verbindet das einmalige Gefühl eines Urlaubs auf dem Campingplatz mit den Annehmlichkeiten einer Ferienwohnung. Unsere Family Mobilheime de luxe eignen sich perfekt für kleine und große Familien und für jeden Geldbeutel. Genießen Sie Ihren Sommer stilvoll und gemütlich zusammen mit Ihrer ganzen Familie in einem unserer bewährten Family Mobilheime de luxe“, versprach verheißungsvoll jenes Prospekt, das Felix eines Tages glänzenden Auges mitgebracht hatte. Ihr Family Mobilheim de luxe entpuppte sich dann als ein ordinärer Wohnwagen ohne Räder mit Jägerzaun und Miniterrasse.
Das „de luxe“ indes bestand aus einem alten Minifernseher, einem Miniventilator, einem Minispülbecken, einem röchelnden Kühlschrank, der etwas fischig roch und einer Außen-Toilette. Nur die Zelte um ihre Behausung herum boten noch weniger Komfort. Duschen mussten sie, genau wie die Zeltbewohner, in den gemeinschaftlichen Sanitäranlagen.
Von den Unzulänglichkeiten des Wohnwagens wollte man vermieterseits offenbar durch die Farbgestaltung der Inneneinrichtung ablenken: eine Mischung aus Pfeffi-Kotze-Grün und Durchfallbraun plus verwaschen-blauer Möbel.
Ihr Family Mobilheim de luxe stand also aus gutem Grund ein wenig verschämt hinten auf dem Campingplatz, zwischen den schnöden Zelten, gut 200 Meter Fußweg vom Parkplatz entfernt. Es hätte wohl weder zu den richtigen Ferienwohnungen gepasst, noch zu den prachtvollen Luxus-Campern, die wie komfortable, kleine Häuser auf Rädern dastanden und Wohlstand zur Schau stellten.
Felix nannte ihren Urlaub „Glamping“.
Maxi nannte ihn „Damnping“.
In einem gab sie Felix natürlich recht: Drei Wochen Urlaub mit zwei Kindern, das kostete, schon klar. Sie mussten immer an die laufenden Rechnungen denken, an die höhere Bildung der Kinder (wobei Maxi da im Fall von David inzwischen eher mit beträchtlichen Beträgen für die Unterstützung eines ewig daheim wohnenden, rotäugigen Spielsüchtigen rechnete) und dazu wollte das Haus noch abbezahlt werden. Aber so wenig verdiente Felix als Beamter eigentlich nicht, dass sie bei unerträglicher Hitze in einer abgewohnten, pseudomobilen Bruchbude hausen mussten.
Maxi zahlte außerdem ein Drittel des Mobilheim-Preises sowie die gesamten Fahrtkosten und die Hälfte der Verpflegung. Alles von ihrem Gehalt als Büroteilzeitkraft und Bedienung im Pilspub Gerades Eck.
Ein Drittel des Unterkunftspreises müsste ein Drittel Mitspracherecht bezüglich der Unterkunft bedeuten, oder? Müsste bedeuten, dass Maxi dieser Urlaub zu einem Drittel gefiel. Doch bereits als sie mit ihrem mausgrauen Oktavia vor dem Molto-Maxi-Family-Campingdorf in der Schlange standen, da wusste sie, dass sie lieber daheim geblieben wäre, in ihrem Garten. Unkrautzupfen und Insektenvergiften. Alles wäre besser als das hier.
Felix gefiel der Urlaub dagegen zu hundert Prozent. Allein, weil er seinen Geltungsdrang als bisher verhinderter Star ausleben konnte, indem er für die Nachbarn kleine Shows gab. Sobald mehr als zwei Menschen aus ihren Zelten krochen, saß er schon mit seiner Gitarre auf der kleinen Terrasse vor ihrem Wohnwagen und sprach die Worte, die er bei jedem seiner „Gigs“ sprach: „Habe die Ehre, liebes Publikum. Schön, dass ihr so zahlreich gekommen seid. Ich bin der Felix und hier bin ich bald daheim. Ha, ha, ha.“
Er spielte seine Coversongs so lange, bis nur noch der alte Mann aus Slowenien zuhörte. Genauer gesagt: Der Slowene schaute Felix beim Spielen zu, denn er war taub. Und bewegungsunfähig, denn sobald seine Frau nach dem Frühstück gen Strand verschwunden war, schüttete er Tag für Tag Wein und Sliwo in sich hinein, als würde er dafür bezahlt.
„Heute gehen wir mal in ein richtig tolles und teures Restaurant“, verkündete Felix, als er gut fünfzig Meter vor Maxi über die Promenade stiefelte. Dabei hielt er Kurs auf das augenscheinlich ausgebuchte Restaurant Delizioso. „Weil wir heute was zu feiern haben!“
Maxi horchte auf und rückte ihre Handtasche zurecht. Etwas zu feiern? Was mochte das sein? Eine Beförderung? Ein Lotto-Gewinn? Oder nur sein Aufstieg zum zweiten Vorsitzenden des FC Bayern Fanclubs Velden/Vils?
Das Restaurant sah tatsächlich toll aus, in Anbetracht der Touristenklitschen, in denen sie sonst aßen. Elegant dunkelbraunes Ambiente. Auf den Tischen im Außenbereich standen romantisch schimmernde Lichter. Stoffservietten! Und die Gäste trugen fast alle richtige Schuhe sowie richtige Oberbekleidung.
Felix und David standen schon vor den besetzten Tischen auf der Terrasse. Vor ihnen stand ein makellos gekleideter Kellner, der ein makellos blasiertes Gesicht machte. Annie tanzte mit eckigen Bewegungen um die drei herum.
„Reservatio“, redet Felix auf den Kellner ein. „Reservatio! Pullinger.“
„No. Scusi.“ Der Kellner schüttelte den Kopf und lächelte erfreut.
„Si, si! Pullinger! Reservatio! Ich heute Mittag! Reservatio! Kapisch?!“
Maxi schaute in das sich rötende Gesicht von Felix, sah in seinen Augen die fünf bis sechs Strandbiere hin- und herwiegen.
„Pu … Pupi …?“, fragte der Kellner. „Pupi? Ihr Name? Pupi?“
„Ha, ha. Pupi, wie peinlich, Alter“, sagte David in sein Smartphone.
Felix knurrte. „Nenn mich nicht immer Alter. Ich bin dein Papa.“
„Pupi! Pupi“, rief Annie und drehte ungelenk eine Pirouette. „Papi! Pupi!“
Einige der anderen Gäste schauten bereits zu ihnen her. Maxi zuckte mit den Achseln. „Ich gehör da eigentlich gar nicht dazu. Bin nur die Tante. “, raunte sie einer Frau Mitte 40 in ihrer Nähe zu.
„Was hat die Frau bei den Verrückten gesagt, Hilde?“, rief der Mann gegenüber der Frau. Dabei versprühte er feine Bruschettabröckchen. „Sag doch. Hat sie was wegen den Kakerlaken gesagt, die wir gestern in dem anderen Restaurant gesehen haben?“
„Ja, was hat die Frau bei den Verrückten gesagt, Mama?“, rief die circa 18-Jährige am Tisch, während sie mit einem Löffel ihr Risotto kunstvoll zu Häschen, Hündchen und Kätzchen formte. „Geht es um mich?“
,Oh, Gott, sie ist ihre Tochter!‘, dachte Maxi. ,Dass die inzwischen bei uns Eltern wohnen, bis sie 30 sind, hab ich bis jetzt völlig verdrängt.‘
Die Frau indes tätschelte Maxis Unterarm. „Ja, ja. Ich bin auch bloß die Tante. Ein kleiner Tipp: ein bisschen Cipralex im Wein macht müde Tanten munter!“
„Pullinger!“ Felix klopfte mit seinem Zeigefinger auf das Reservierungsbuch des Kellners. „Pull-ing-er, Herrschaftszeiten!“
„No.“ Der Kellner lächelte breiter. „Scusi!“
„Susi! Dusi“, schrie Annie fröhlich, während sie ein Rad schlug. „Susidusipupsipapsi!“
David keuchte ein heiseres Lachen in sein Smartphone, das er mit seinen Daumen bearbeitete. „Hast du’s verbockt, Bro?“
Felix gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. „Nenn mich nicht immer Bro. Ich bin dein Papa.“
Der Kellner lächelte entzückt.
„Hey, Alter!“, rief David in sein Smartphone hinein. „Mein Highscore, Bro!“
„Oh, entschuldige!“ Felix streichelte seinem Sohn zärtlich den Kopf. „Das wollte ich nicht. Kriegst ihn trotzdem hin?“
Maxi atmete tief durch. „Felix, vielleicht sollten wir woanders …“
Felix’ gesamter Ärger richtete sich sofort auf sie. „Nein, das sollten wir mit Sicherheit NICHT! Weil ich HIER eine Reserveratio gemacht hab!“
Der Kellner, holte tief Luft, sammelte offenbar die ganze Kraft seiner Kellnerautorität, um die Familie Pupi von dannen zu schicken.
Da erkannte Annie den richtigen Moment, um ihre stärkste Geheimwaffe abzufeuern: auf Kommando weinen.
Annie heulte auf. Der Kellner sah sie an. Sein Lächeln wandelte sich in blankes Entsetzen. Er schaute rasch nach links, schaute rasch nach rechts. Kollegen betrachteten ihn und Annie mit missbilligendem Kopfschütteln. Eine bella Ragazza brachte man unter keinen Umständen zum Weinen, außer es ging um den Bestandsschutz der eigenen, etwas speziellen amourösen Angelegenheiten.
„Hören Sie“, wandte sich die Mittvierzigerin an Maxi. „Könnte ihre Tochter meiner vielleicht etwas beibringen? Mit Weinen kommt die später mal weiter, als mit ihren Reisfiguren.“
„Mama!“ Ihre Tochter fotografierte die kleine, heile Welt auf dem Teller: Kätzchen, Hündchen, Häschen, Krokodile, ein Einhorn, ein Blobfisch sowie ein kragenartiges Monster. Alle Figuren sahen froh eine große rote Tomaten-Sonne an, die sie wiederum mit großen, schwarzen Olivenaugen und breitem Reiszahngrinsen anstarrte. „Das ist Food-Art. Geht voll steil bei Insta und TikTok. Ich hab schon über 6.000 Follower!“
„Sehen Sie, was ich meine?“, raunte die Frau Maxi zu. „Ich zahl Ihrer Tochter auch was für die Nachhilfe. Bevor die da gar nichts anderes mehr weiß und sich auf eine Straße klebt.“
Maxi deutete anerkennend auf das Krakenmonster. „Zumindest kennt Ihre Tochter H. P. Lovecraft.“
„OMG, der Typ von Scooter?“, rief die Tochter. „OK, Boomer?! Das ist halt original das letzte Gewinnerkostüm von The Masked Singer!“
Der Mann pikste mit seiner Gabel Löcher in die Luft. „Ich hab dir doch gleich gesagt, Hilde, dass diese Schüsslersalze von deiner Hexenschwester dem Kind nur schaden. Jetzt schau sie dir an!“
„Cipralex. Merken Sie sich das“, sagte die Frau.
Annie zog an Maxis Hand. „Mama, wir kriegen einen Tisch“, sagte sie mit einem restlichen Schluchzen in der Stimme.
Es stimmte schon: So was konnte Annie verdammt gut.
Der Kellner schritt schon mit erhobenem Reservierungsbuch forsch voran, durch die Reihen der besetzten Tische. Hinter dem Kapellmeister her schritt Felix genauso forsch, zwar ohne Tambourstab, die Hand trotzdem gereckt. David folgte wie immer mit gesenktem Kopf.
,Wahrscheinlich lässt er sich von Google Maps zum Tisch leiten‘, dachte Maxi.
Sie folgte den dreien eilig mit Annie und versuchte vergeblich, einen freien Tisch für vier Personen zu entdecken. „Hoffentlich müssen wir nicht drinnen sitzen“, sagte sie zu Annie. „Drinnen. Bei den schlechten Luftfiltern, die die hier haben.“
„Flipp bitte nicht wieder aus, Mami“, sagte Annie leise. „Bitte nicht. Sonst flippt Papi auch wieder aus. Und heute soll es doch mal schön werden.“
Maxi runzelte verwundert die Stirn. „Was soll denn das heißen? Findest du es hier nicht schön? Im Urlaub? Mit uns? Am Strand und …“ Ihr blieb der Rest des Satzes im Halse stecken, als sie sah, dass der Kellner bei einem kleinen Tisch stehen blieb, im finsteren, hinteren Teil des Außenbereichs, zwei Meter weg von den anderen Gästen, neben einem Lüftungsrohr und vollen Mülltonnen. Die warme Küchenabluft, direkt ins Gesicht geblasen, gemischt mit den Mülltonnen, würden einem das unvergleichliche Gefühl vermitteln, in einem Abfallcontainer mit Umluft zu sitzen.
Und wie die faule Kirsche auf einem Eisbecher Viziato, saß am Tisch ein Typ, auf den der Kellner jetzt einredete.
Das Alter des Tischtyps konnte Maxi durch die Schichten von Dreck nicht abschätzen. Sein Haar stand vom Kopf ab, wie der Schopf eines Kronenkranichs. Das schaffte kein Haarspray, sondern nur Dreck, alter Dreck. Er trug einen verwaschenen Blaumann, dreckig natürlich, auf dessen linker Brust stolz ein BMW-Aufnäher prangte. Außer dem Blaumann trug er nichts, nicht mal Schuhe.
In der linken Hand hielt der Tischtyp einen kaputten Besen, in der rechten Hand eine Zigarette, deren langer Ascheschnabel in diesem Moment von selber abfiel. Neben dem Stuhl des Tischtyps stand ein Eimer mit braunem Wasser, an dessen Rand sich verzweifelt ein feuchter Lappen klammerte.
„Das ist wahrscheinlich der Facility-Manager hier, Maxi“, sagte Felix in bittendem Ton, als er in ihr Gesicht sah. „Die sehen eben so aus.“
Maxi konnte ihr eigenes Gesicht freilich nicht sehen. Aber aufgrund von Felix’ Tonfall, konnte sie es sich gut vorstellen.
Vor einem Jahr hatte Felix ihr Gesicht in solchen Situationen obendrein beschrieben: „Wie besessen. Da schaust du aus, als wärst du vom Teufel besessen. Und seiner Großmutter. Und alle zwei mit einer richtigen Scheißlaune.“
Maxi hätte diese Beschreibung durchaus verdrängen können. Wenn es eine Einzelmeinung gewesen wäre. Aber sogar ihre Eltern, die damals diese kleine Vierer-Intervention organisiert hatten, sogar die beiden hatten ohne zu zögern der Beschreibung von Felix zugestimmt.
„Besser als der Felix kann man es nicht sagen“, hatte ihre Mutter gemeint und dann mit einem süffisanten Lächeln ihrem Mann zugeflüstert: „Das hätte ich dem nicht zugetraut, dass der fast poetisch sein kann. Du etwa, Konrad?“
Ihr Vater hatte gesagt: „Schau Maximiliane, wir wollen dir doch nur helfen. So kann es doch nicht weitergehen. Du warst früher eine so freie und lebenslustige Frau. Und jetzt kannst du uns nicht einmal mehr die Hand geben, bevor wir sie gewaschen haben.“
„Als ob wir Bauern wären, die den ganzen Tag im Mist rumkreuchen“, hatte ihre Mutter hinzugefügt.
„MEINE Eltern waschen sich dich Hände! Kruzifix noch einmal“, war Felix sofort explodiert.
Und so hatte, wie so oft, eine Auseinandersetzung darüber begonnen, wer mehr Wert sei, der Bauer oder der Intellektuelle, die Feldfrucht oder die geistige Nahrung, wobei Felix, wie so oft, rhetorisch unterlegen und schlussendlich brüllend von dannen gezogen war, mit dem Verweis, wenn er wiederkomme, wolle er keine Intellektuellen mehr in seinem Haus sehen.
„In diesem Fall“, hatte ihre Mutter Felix hinterhergerufen, „müssten wir allerdings auch deine Frau mitnehmen.“
So war Maxi schlussendlich, geplagt von Schuldgefühlen, in eine Psychotherapie gegangen. Gegen ihre Ängste, um zu heilen. Leider hatte ihre Therapeutin die meiste Zeit von sich und ihrer kaputten Ehe erzählt. Den Rest der Zeit hatte sie unter anderem diagnostiziert, dass Maxi wahrscheinlich ihre anale Phase nicht hatte ausleben dürfen und das aber jetzt jederzeit nachholen könne. Sie, als Therapeutin, habe nämlich dafür eigens eine Therapiegruppe gegründet, die sich immer donnerstags treffe, um mit anderen, völlig frei und freudvoll, den Umgang mit Kot zu erlernen. Dem eigenen Kot und, auf besonderen Wunsch, ebenfalls fremden. Immer ab 19:45 Uhr, im Pfarrheim St. Petrus, bitte nur mit Anmeldung, damit sie, die Therapeutin, dann als Gruppenleiterin wisse, wie viele Windeln, Plastiküberzüge, Matten, Klopapierrollen, etc. sie mitbringen müsse.
Vor drei Monaten hatte Maxi die Therapie abgebrochen. Ohne jemanden etwas davon zu sagen. Ihrer Meinung nach bekämpfte man Keime mit gründlicher Hygiene und Krankheiten mit ausreichend Medikamenten - und nicht mit blödem Palaver oder Scheißespielgruppen.
„Facility-Manager“, wiederholte Maxi tonlos. „Nennt man jetzt die Penner so?“
Annie drückte jetzt Maxis Hand. „Bitte. Mami.“
David zockte zwei Schritte abseits von ihnen scheinbar unberührt weiter. Aber Maxi merkte, dass er mit seinen Daumen auf die immergleichen Stellen des Smartphonedisplays tippte und sie dabei aus dem Augenwinkel beobachtete.
Der Tischtyp lächelte den redenden Kellner nickend an. Er drückte seine Zigarette irgendwie im übervollen Aschenbecher aus. „Buonasera ragazze“, sagte er dann mit breitem Lächeln zu Maxi und Annie. „Sono Ricardo. Al tuo servizio.“
Dann stand er auf. Und streckte Maxi seine dreckige Hand hin.
Maxi durchfuhr heißkaltes Entsetzen. Sie schrie und wich zurück. Annie klammerte sich an ihre Hand, stemmte sich gegen die mütterliche Fluchtrichtung.
Mühsam rang Maxi nach Luft. „Weg hier“, keuchte sie.
Der Tischtyp kam auf sie zu, bot ihr unter einem Schwall Italienisch seinen dreckigen Stuhl an. Maxi schwindelte. Annie stützte sie mühsam.
„Schaffen Sie ihn doch endlich weg“, rief Felix dem Kellner zu, der bereits laut schimpfend tat, wie ihm geheißen. Der Tischtyp zog gemächlich wie kopfschüttelnd ab.
„Nein, nein. ICH will weg“, keuchte Maxi.
Felix legte eine Hand auf ihren Oberarm. Sie zuckte zurück. „Reg dich bitte nicht so auf, Maxi“, sagte er. „Beruhig dich. Die machen den Tisch doch gleich sauber.“
„Hey. Äh …“, sagte David beklommen. Er steckte sogar sein Smartphone weg.
„Mami“, sagte Annie. „Komm schon. Schau, der Kellner bringt uns sogar einen neuen Tisch.“
Tatsächlich. Der Kellner brachte einen neuen Tisch. Und hinter ihm kam ein Hilfskellner mit zwei neuen Stühlen angetrabt. Der Kellner schaute sie an. Aus seinem Gesicht war jegliche Blasiertheit verschwunden. Stattdessen sah sie dort Angst. Angst vor ihr, Maxi, der Irren.
In diesem Moment glomm das Eisfeuer samt Schwindel in Maxis Kopf herunter. Ihre Brust weitete sich. Sie sog gierig die Luft ein.
,So satt‘, dachte sie. ,ich hab das alles so satt. So zu sein. Ich zu sein. Das ist doch alles halb so wild. Neuer Tisch, neue Stühle, neuer Anlauf und wir können heute mal friedlich als Familie …‘
„Caaaaarbonaaaraaaa“, grölte jemand in ihr Ohr.
Sie fuhr herum. Direkt vor ihr stand der sechszahnige Musiker mit seiner fünfseitigen Gitarre und grölte sie an. Feiner Speichel sprühte in ihr Gesicht.
Und da sah Maxi rot. Beziehungsweise, sah sie nicht mehr viel. Ihr Blickfeld verengte sich zu einem kleinen Kreis. Sie riss sich los, wobei sie aus weiter Ferne ein dumpfes Poltern und den Aufschrei ihrer Tochter vernahm. Ihr Sohn rief ebenfalls etwas.
Aber Maxi konnte sich darum nicht kümmern. Sie rannte los, stieß gegen Tische, warf etwas um, empfand verzögert dumpfen Schmerz in der Hüfte, rannte aus dem Lokal in Richtung Promenade. Ihr Herz hämmerte und ihr Atmen brannte in der Brust. Hinter ihr schrie Felix ihren Namen.
Maxi rannte und rannte.
,Verstecken‘, dachte sie. ,Sonst haben die mich gleich.‘
Sie bog links ab, in die Corso Cangrande, rannte weiter bis zu einer kleinen, dunklen Gasse zwischen zwei Lokalen. Felix schrie und Maxi machte einen Satz in die Gasse. Im Abendschatten schlich sie rückwärts in die Gasse hinein, bis zu einer Biegung, hinter der sie sich schwer atmend an einer Mauer zu Boden sinken ließ. Schweiß strömte ihr jetzt aus allen Poren. Ein Tropfen fiel von ihrer Nase ins Dekolleté.
Von der Straße her hörte sie Stimmen. Die Stimmen ihrer Familie. Wütend, ratlos, weinerlich.
,Ich habe das so satt‘, dachte sie.
Die Stimmen entfernt sich wieder, wütend, ratlos, weinerlich.
Langsam kehrte Ruhe in Maxi ein, die Hitze der Hysterie wich aus ihrem Körper. Sie nahm die Grillen wahr, welche fleißig ihr Tagwerk vollzirpten. Irgendwo lachten ein paar Leute miteinander. Gläser klirrten und Besteck klapperte. Die Hunde bellten sich träge die neuesten Nachrichten zu. Das Licht schwand. Bald würde der Mond seine heutige Himmelsschicht antreten.
Maxi lehnte ihren feuchten Hinterkopf gegen die Mauer.
,Das gibt sicher wieder Ärger, großen Ärger. Ärger der nach neuer Scheißetherapie riecht‘, dachte sie, als aus ihrem Smartphone Mickie Krause „Schatzi, schenk mir ein Foto“ sang.
Felix rief an. Er selbst hatte diesen Klingelton für seine Anrufe auf ihrem Smartphone eingestellt. Mit einem konspirativen Zwinkern, nach dessen Grund Maxi vergeblich suchte.
Sie überlegte, ob sie ans Telefon gehen konnte. Vielleicht sollte sie noch fünf Minuten einfach hier entspannt bei sich sein. Mickie Krause hörte auf zu singen. Nach einer Sekunde fing er wieder damit an. Felix würde einfach stur so lange anrufen, bis sie abhob. Wie immer. Irgendwann musste sie ja rangehen und zurückgehen, zu ihm und den Kindern. So, wie immer.
Sie legte den Kopf schräg. Der Unterschied bestand allerdings dieses Mal darin, dass sie beide Schuld für die hässliche Szene trugen. SIE wollte schließlich nicht in dieses Lokal, SIE hatte die „Reservatio“ nicht versaubeutelt und SIE konnte auch nichts für diesen Horror-Tisch. Wahrscheinlich würde die Abbitte für ihre Panikattacke heute schnell geleistet sein. Vielleicht zeigte Felix ja geradezu Verständnis?
„Felix?“, fragte sie matt ins Telefon.
„Wo zum Teufel bist du?“, schrie er. Maxi sog erschrocken die Luft ein.
„Bitte, Papi, schrei doch nicht so“, hörte sie Annie im Hintergrund.
„Ja, Bro“, sagte David. „Das ist echt bodenlos. Macht kein Ehrenmann.“
Felix schickte sie mit knappen Worten Eise kaufen.
„Bist du jetzt zufrieden?“, sagte er anschließend gefährlich ruhig. „Hm? Bist du jetzt zufrieden? Das möchte ich mal wissen.“
„Wie bitte?“ Maxis Furcht schwand.
„Ob du zufrieden bist, hab ich gefragt.“
„Also, Felix, ich …“
„Weil, wenn du nicht zufrieden bist, frage ich mich, warum du so eine Scheiße immer wieder abziehst.“
In Maxi verdrängte grollender Ärger ihr schlechtes Gewissen. Und damit war sie durchaus zufrieden. „Sag mal, spinnst du jetzt völlig? Ich mach das doch nicht zum Spaß! Oder, um zufrieden zu sein!“
„Warum dann, hm? Warum tust du mir so was an?“
„Dir? Wieso denn dir? Und überhaupt ist das doch nicht meine Schuld. Erst dieser Kellner, dann dieser Penner! Du weißt doch, dass ich dann … Dass ich … Weil ich …“ Maxi biss sich auf die Lippen, schluckte das: „krank bin“ hinunter, um Ersatzworte durchzulassen. „Du weißt doch, dass mich solche Situationen überfordern.“
„Und das nach einem Jahr Therapie? Was macht ihr eigentlich in dieser Therapie?! Hm? Däumchen drehen? Kaffeekränzchen? Euch gegenseitig die Haare flechten?“
Sie wollte widersprechen.
„Nein, lass. Sag nix. Weil, weißt du was? Es ist mir inzwischen völlig egal, was du da treibst! Weil heute, Maxi, heute hast du eine rote Linie überschritten! Ich wollte heute einfach nur mal schön einen Erfolg feiern, gemeinsam mit meiner Familie.“
Maxi seufzte schuldbewusst. „Was wolltest du denn überhaupt feiern?“
„Dass ich morgen einen Gig habe. Hier. In der Stadt.“
„Was? Einen Gig? Wo?“ Sie hoffte, dass sie sich ausreichend begeistert anhörte.
„Ja! Einen Gig! Stell dir vor! Bei Peters Fish and Chips. Von 15:00 bis 19:00 Uhr. Und zwar Solo!“
„Fish … and Chips?“, fragte sie konsterniert. Das musste ein Scherz sein.
„Ja, genau. Peters Fish and Chips. Der Laden hat immer total viel Zulauf. Und das bedeutet: total viel Publikum für mich! Von 15:00 bis 19:00 Uhr. Solo.“
„Aber, das ist doch bloß ein Straßenverkauf. Kein richtiger Laden, mit Bühne und so. Oder baut der eine Bühne auf? Kriegst du da überhaupt eine Gage?“
Felix lachte überheblich. „Das war so klar, dass du mir das madig machen musst. Weil du das gar nicht verstehst, weil du das gar nicht kapierst, wie das im Showbusiness so läuft!“
„Showbusiness“, sagte Maxi. „Bei Fish and Chips.“
„Du, wenn ich da richtig geil aufspiele, von 15:00 bis 19:00 Uhr, und damit einen Haufen Leute ziehe, dann spricht sich das rum, verstehst du?“
„Ich dachte, die haben schon viel Zulauf, hast du gesagt?“
„Aber nicht von 15:00 bis 19:00 Uhr. Da haben sie immer eine Flaute. Und wenn ich das rocke, wenn ich ihnen noch mal Leute herbringe, dann darf ich sicher bald auch woanders spielen. Vielleicht sogar irgendwann im La Pachiamo.“
„Im La Pachiamo.“ Maxi dachte verblüfft an das Rocker- und Biker-Lokal am Rand der Innenstadt, wo jeden Tag unzählige Motorräder standen und unzählige Menschen in Lederkutten ihre Bierhumpen und Grillfleischteller um unzählige Feuer herum trugen. Beim Vorbeigehen roch es immer ein wenig nach Apokalypse. Immerhin einer lustigen Apokalypse. Die Musik dort klang nach richtig harten Kerlen, die nach Leder und Öl rochen, die ihre heißen Frauen auf ihren heißen Maschinen herumfuhren und sich nur an ihre eigenen Regeln hielten. Es klang aus dem La Pachiamo eben gar nicht nach einem Beamten aus Niederbayern, der mit seiner Akustikgitarre „Guten Morgen Sonnenschein“ spielte.
„Ja, genau. In der geilen Rock-Bar“, sagte Felix so triumphierend, als hätte er jetzt gerade dort als männliche Nana Mouskouri die Massen begeistert.
„Aber, du spielst doch gar keinen Rock.“
„Du checkst es echt nicht, oder?! Ich würde dort überall meinen Italien-Sommer-Hit spielen! Mit dem ich dann hier voll durchstarten könnte. Wie Ballermann, nur italienisch.“
,Ach, du meine Güte‘, dachte Maxi. ,Der ist ja noch durchgeknallter als ich. Oh, die armen Kinder! Kein Wunder, dass die jetzt schon so merkwürdig sind, bei den Eltern.‘
„Leider spricht sich halt so was wie heute Abend genauso herum. Und deswegen kann ich mir das Durchstarten hier an den Hut stecken. Weil, wer engagiert schon einen Musiker, bei dem man immer Angst haben muss, dass seine überspannte Alte die Bude sprengt? Aber weißt du was? Ab jetzt ist Schluss damit! Du boykottierst mich nicht mehr! Du hältst mich nicht mehr klein! Ich lasse mir von dir nämlich nicht mehr meine Karriere ruinieren!“
Maxi legte auf.Ihr brummte der Schädel.
Felix rief wieder an. Sie schaltet das Smartphone auf Flugmodus und steckte es in ihre Handtasche. Langsam stand sie auf und ging los. Ohne Ziel, ohne ihre Umgebung überhaupt richtig wahrzunehmen, marschierte sie auf dämmrigen Schleichwegen voran, die ob der Abendessenszeit menschenleer waren.
In zwei Stunden schon würden die Gässchen aber wieder voller verstoffwechselnder Touristen sein, wenn diese ausschwärmten, ein letztes Mal an diesem Tag, um nach Snacks, billigen Sonnenbrillen oder betäubenden Absackern zu suchen.
Als Maxi wieder zu sich kam, sah sie zuerst ein großes Holzschild, das in roten Lettern in die Welt hinausrief: La Pachiamo. Sie riss erstaunt die Augen auf. Ohne es zu wollen, war sie genau zum Tempel von Felix’ musikalischen Träumen gelaufen.
Das Schild hing am länglichen Hauptlokal, welches eine belebte Terrasse und ein angebauter Grill-Imbiss umsäumten. Um dieses Ensemble arrangierten sich Rauchwolken, Motorräder sowie eine kleine, rote Ape mit Flammen an den Seiten und Feuerschale auf der Ladefläche, für Lieferungen samt Grill-In-Time. Darum formierten sich auf dem Hof separate, feurige Acht-Personen-Grills. Es sah aus, als wäre das La Pachiamo ein Mahlzeit-Stein, der gerade im lukullischen Wasser gelandet war und Wellenkreis um Wellenkreis der Gastfreundlichkeit erzeugte.
In diesen Rauch-Grill-Vehikel-Kreisen tummelten sich zahlreiche Menschen, beschallt von Hard-Rock. Die gute Stimmung der Gäste nahm man trotz der Entfernung so deutlich wahr, wie man Vanillezucker durch die Verpackung riechen kann. Freilich roch es hier stattdessen durch den Zaun nach gegrilltem Fleisch. Zu Maxis Überraschung bekam sie sogar ein wenig Appetit.
Aus den Rauchschwaden schaute sie eine schwarzhaarige Frau in Lederklamotten irritiert an. Ihr wurde bewusst, dass sie die Menschen dort drinnen wohl anstarrte, wie eine Blödsinnige die Tiere im Zoo. Außerdem machte sie zerzaust, verschwitzt und erschöpft in Sachen Außenwirkung sicherlich gerade keinen schlanken Fuß.
Plötzlich nahm Maxi Bewegungen und Stimmen wahr. Sie blickte erschrocken nach rechts. Sechs Männer und einer Frau betraten laut schwatzend den Außenbereich des Lokals. Deren Herankommen hatte sie überhaupt nicht bemerkt. Wenn das nun Felix und die Kinder gewesen wären? Dann wäre sie jetzt schon fällig gewesen. Fällig für das Fallbeil des Familientribunals.
Da drinnen, zwischen Grill und Rauch, würden ihre persönlichen Rote-Linienrichter sie nie vermuten.
Außerdem bekam sie gerade Lust auf ein Bier.
Mit noch nassen Fingern deutete Maxi zwanzig Minuten später in Richtung Bar, wo vor Spirituosenflaschen und einem orange-braunen Ambiente die Chipstütchen hingen. „Und bitte zwei Mal Chips, Pfeffer und Chili und Salz und Essig. Die Tüten aber bitte zu lassen.“
„Si, grazie mille“, sagte der junge, erfreulich ordentliche Kellner erfreulich freundlich und verschwand, um die Bestellungen zu holen.
,Bei dem hat es sich anscheinend noch nicht rumgesprochen, dass ich eine überspannte Alte bin, die jeden Laden sprengt‘, dachte Maxi. Sie saß an einem der kleinen, aus Bierfässern gebauten Tische auf der Terrasse, unter einem der großen weißen Schirme. Über das Stimmengewirr hinweg sang Axel Rose „Civil War“. Maxi wippte im Takt mit dem linken Fuß. Das Lied lief oft bei ihrer Schicht im Geraden Eck.
Ein leichter Wind verschaffte ihr eine angenehme Kühlung. Maxi hatte ihr Haar, nach einer Gesichtskatzenwäsche, auf der Toilette einfach mit nassen Händen durchkämmt, so wie die Rocker-Frauen neben ihr.
Der Kellner brachte schwungvoll ihr Bier und die Chips.
„Grazie.“ Sie wischte den Rand ihres Humpens mit einem Tempo ab und trank einen kalten Schluck Bier. Die erste Chipstüte wischte sie ebenso ab, bevor sie diese knisternd aufriss. Sie probierte einen scharfen, salzigen Chip.
„Genau das Richtige“, schmatze sie. „Scheiß auf deinen Cholesterinfetisch, Dr. Fürstl.“ Klar, ihr Hausarzt meinte es sicher gut mit ihr. Aber seine dauernden Verweise auf den beinahe bewiesenen Zusammenhang zwischen Cholesterin und neurologisch-psychischen Erkrankungen hauten sie kein bisschen nach vorn.
Kauend las sie die Nachrichten von Felix, die er nach 35 vergeblichen Anrufen geschrieben hatte:
„Ist das dein Ernst?!“
„Geh ran!“
„Lass uns reden.”
„Wo bist du?“
„Ich meins ernst, Maxi! Geh ans Telefon!“
„Wo bist du?“
„Geh an das scheiß Telefon!!!“
„Was soll das werden, wenn’s fertig ist?“
„Du führst dich auf wie ein Kleinkind!“
„Das ist doch nicht dein Ernst! Wo bist du??????“
„Ernsthaft?! Dann bleib doch, wo der Pfeffer wächst!“
,Pfeffer‘, dachte Maxi. ,Stimmt. Ein bisschen mehr Pfeffer könnten die Chips leicht vertragen.‘ Die letzte Nachricht von Felix lautete:
„Sei doch vernünftig! Das hat dir doch alles wieder die Nina eingeredet, oder? Die hat dir wieder alles madig gemacht, oder? Weil unsere Weltgereiste unser Leben zu kleinbürgerlich und zu eng findet? Oder?“
„Nein“, murmelte Maxi. „Mir ist das alles zu kleinbürgerlich und zu eng.“ Erschrocken schüttelte sie den Kopf. Was redete sie denn da?
Der Kellner räumte ihren Tisch ab und Maxi bestellte bei ihm noch mal das Gleiche. ,Ein Dr.-Fürstl-Gedächtnis-Gedeck‘, dachte sie lächelnd.
Bis der Kellner ihre Bestellung brachte, betrachtete sie das lebhafte Treiben zwischen den Grillschwaden. Vor ihr stiefelten gerade zwei Männer mit Vollbärten und Lederklamotten vorbei. Der linke, laut Kutte hieß er Gonzo, haute dem rechten, laut Kutte Chuck, auf den Rücken.
„Das war ein Ding, du! Hat der Manni diesem blöden Arsch Bubi doch glatt in sein Zelt geschissen! Und dann hat er da Strohhalme reingesteckt! Und dann hat er auf einem Schild dazugeschrieben: ‚Dieser Igel wohnt jetzt hier!‘ Ha, ha, ha! Der blöde Arsch Bubi wird es sich jetzt ganz sicher zwei Mal überlegen, bevor er das Bier von fremden Leuten wegsäuft.“
Gonzo und Chuck lachten dröhnend, ob der kreativen Wehrhaftigkeit von Manni gegenüber dem blöden Arsch Bubi.
,Der blöde Arsch Bubi muss einen breiten Rücken haben‘, überlegte Maxi grinsend. ,Wenn sein ganzer Name hinten auf die Kutte passen soll.‘ Sie lehnte sich entspannt in ihrem Stuhl zurück, an ihrem Bier nuckelnd. Die leichte, beschwingte Stimmung des Abends breitete sich in ihr aus. Doch wie ein Blitzschlag, durchzuckte ein unangenehmer Gedanke die Wolke der Wohligkeit:
,Und jetzt? Wie geht’s weiter?‘
Sie konnte ja schlecht für alle Ewigkeit hier sitzen und sich bei Dr.-Fürstl-Gedächtnis-Gedecken Geschichten von blöden Ärschen namens Bubi anhören, die anderen das Bier wegsoffen. Nein, die kleine Auszeit, die sie sich hier nahm, dauerte nur noch über die Länge ihres Bieres. Und dann musste sie … Ja, was musste sie dann?
,Das hat dir doch Nina wieder eingeredet, oder?‘, hörte sie Felix’ Stimme.
Maxi nickte erleichtert. Gute Idee. Sie würde jetzt endlich Nina anrufen. Tacheles reden. Rat einholen. Es läutete lange, bis sich die Mailbox einschaltete und Ninas Stimme fröhlich sagte: „Hey, ho, schön, dass du anrufst. Leider bin ich grad mit Dingen beschäftigt, bei denen ein Telefon unfasslich stören würde. Ich melde mich, sobald ich fertig bin. Versprochen.“
Maxi legte auf und schrieb: „Ey, Süße, ich muss mit dir reden. Hier ist alles so ätzend. Felix führt sich auf wie ein totaler Volldepp. Und der Urlaub ist einfach nur ein einziger Albtraum. Weiß nicht, was ich tun soll. Meld dich. Bussi, Maxi.“
Sie trank einen Schluck Bier, während sie durch Instagram scrollte, auf der Suche nach Ablenkung und Hilfe. Tolle Fotos zogen vor ihren Augen vorbei, hintereinander aufgereiht, wie glänzende Perlen auf der goldenen Kette der Lebensfreude: Von Silvy, einer Bürokollegin, die herausgeputzt und von bunten Scheinwerfern bestrahlt im Club abfeierte. Von einer ehemaligen Schulfreundin, die strahlend am Strand kleine, glitzernde Wellen kickte. Malerische Landschaftsbilder von Poldi, dem Schankkellner aus dem Geraden Eck, der offensichtlich aktuell einen Wander- und Klettertrip machte. Von Nina natürlich, die elegante Akazienbäume im endlosen Wüstenrot und archaische Krokodile an einem brackigen Flussufer mit der Welt teilte. Ein Blumenstrauß samt Pralinenherz auf einem festlich gedeckten Tisch für zwei, von der rundlichen Bäckereifachverkäuferin ihrer Stammbäckerei daheim. (Warum hatte sie die überhaupt auf Insta abonniert?) Und sogar ein nettes Foto von Felix’ biestigen Zwillingsschwestern Anna und Lisa, die stolz ihre Zwillingsmistgabeln reckend, auf ihrem nunmehr ganzheitlich biologischen Misthaufen standen.
Sie verglich die Fotos mit ihren eigenen Fotos auf Instagram: Der Garten im Herbst. Die Kinder in jüngeren Jahren und Tracht, brezelzuzelnd auf einem Volksfest. Der Garten im Frühling. Der Garten im Sommer. Ein Stück Marmorkuchen auf einem Tisch, vor dem Starnberger See. Nina und Maxi, verleidet als Joker (Maxi) und Harle Quinn (Nina), beim Pubfasching vor drei Jahren im Geraden Eck. Das also war ihr Leben in Bildern. Meine Güte, dabei schliefen ihr ja selber die Fußnägel ein. Für ihre Fotos bekam sie auch nie mehr als 5 Herzen. Das Zwillings-Misthaufen-Foto protzte mit satten 157 Herzen.
Entnervt wollte Maxi Instagram schließen, da entdeckte sie noch ein Video, das Nina gepostet hatte: Eine als Drache verkleidete Katze fuhr auf einem Saugroboter herum. Maxi schaute es sich leise lachend zwei Mal an. Und dann sah sie unter dem Video den oberen Rand eines Fotos von John Lennon. Sie scrollte weiter. John Lennon betrachtete den Himmel. Auf dem Foto stand ein Zitat von ihm: „Zahme Vögel singen von Freiheit. Wilde Vögel fliegen.“
Maxi schloss Instagram und blickte auf. Wilde Vögel fliegen.
Neben ihr saß inzwischen ein Paar in ihrem und Felix’ Alter, samt einem jungen Golden Retriever. Der Mann wies ein magentarotes Gesicht sowie einen beachtlichen Körperumfang vor, den er in enge Jeansshorts und ein schwarzes Muskelshirt geschossen hatte. Er schwitzte sich augenscheinlich gerade zu Tode, was er mit großen Schlucken Bier zu verhindern suchte. Seine Frau, die körperlich das genaue Gegenteil von ihm war, trug ein weites, weißes Kleid. In ihren dünnen, krallenartigen Händen hielt sie die Hundeleine und redete liebevoll auf den jungen Hund mit Namen Betsy ein, der begeistert mit der Leine spielte.
„Jetzt lass sie doch mal alleine laufen“, schnauzte der Mann seine Frau an. „Lass sie doch mal zeigen, was sie kann. Das ist wichtig, hat der Trainer gesagt, wegen dem Selbstvertrauen. Hier ist ja weit und breit kein Hund.“
„Doch. Da vorne sind Hunde.“ Die Frau kniff ihre wässrigen, blauen Augen zusammen, deutete vage in Richtung eines kleineren Grills auf dem Areal. „Dobermänner, glaube ich.“
„Die sind doch ganz weit weg. Außerdem sind Dobermänner total friedliche und intelligente Hunde. Das weiß man doch. Gell, Betsy, das weißt du auch?“
Die Frau beugte sich ruckartig vor und suckelte durch einen schwarzen Strohhalm kleine Schlucke von ihrem Aperol-Spritz, wobei sie die Umgebung nie aus den Augen ließ. Wie ein Eichhörnchen, allzeit fluchtbereit. „Aber da vorne hängt ein Schild, dass man Hunde an der Leine lassen soll.“
„Ach!“ Der Mann machte eine wegwerfende Handbewegung. „Schilder bei den Italienern! Das sind Vorschläge, keine Regeln. Das ist hier ganz anders als daheim. Die haben hier ja nicht mal Flaschenpfand.“ Er lachte auf, wobei er seinen eigenen Worten zustimmend nachnickte.
Die Frau suckelte an ihrem Spritz. Betsy drehte sich in ihre Leine ein.
„Hey, red ich Chinesisch? Jetzt lass sie doch mal alleine. Oder, Betsy? Die Betsy will doch mal zeigen, was sie schon kann, oder? Was sie schon alles gelernt hat, im Training. Ohne, dass Frauchen ihr das wieder versaut. Die gescheite Betsy, gell!“
Die gescheite Betsy stimmte zu, indem sie in die Hocke ging, um auf die Holzdielen zu urinieren.
„Betsy!“, rief die Frau. Sie ruckte scharf an der Leine, wodurch das gescheite Vorhaben der gescheiten Betsy gerade noch scheiterte. „Ich geh mal schnell mit ihr nach draußen.“ Sie rutschte von ihrem Stuhl, nahm Hundekotsäckchen aus ihrer Handtasche und führte die gescheite Betsy zum Rand des Areals, in die entgegensetzte Richtung der gesichteten Dobermänner.
„Ja, aber draußen lässt du sie mal alleine laufen. Damit sie zeigen kann, was sie schon gelernt hat“, sagte der Mann grantig, während seine Frau davonglitt wie eine Feder im Wind. „Hast du gehört?“, rief er. „Lass sie alleine laufen. Und dann gib ihr ein paar Leckerlis! Wie der Trainer gesagt hat! Hast du gehört? Der Hund kann deine Angst fühlen und übernimmt die Angst, hat der Trainer gesagt! Hörst du?“ Zufrieden mit sich und seiner Lehreinheit, verschränkte er die behaarten Arme vor der ölig glänzenden Brust. „Hm.“ Er besah grübelnd den Aperol-Spritz seiner Frau. Schnell nahm er das Glas und trank einen großen Schluck. „Wahnsinn. Und für dieses Zeug zahlt man dann gut acht Euro mit Trinkgeld. Pfff. Reine Verschwendung. Genau wie diese blöde Hundeschule.“
Maxi sah der Frau nach und resümierte, dass alle Paare, alle Familien doch im Grunde gleich seien. Sogar hier. Dass sie selber daheim nur die Realität, den Alltag einer Ehe und Familie erlebe. Dass es auf der ganzen Welt am Ende des Tages nichts anderes geben würde als jene Realität. Nicht für sie jedenfalls.
,Also husch, husch, zahmer Vogel, zurück in deinen Käfig. Und dort sing dein immer gleiches Lied.‘
„Leben ist das, was passiert, während du fleißig dabei bist, andere Pläne zu schmieden“, ist noch ein Zitat von John Lennon.
Wenn Maxi dieses Zitat gekannt hätte, wäre sie vielleicht anders durch die Gassen der Stadt zurück in Richtung Campingplatz gewandert. Aufmerksamer, leichter im Herzen, erwartungsvoller.
So aber ging sie langsam, sehr langsam durch die nächtliche Stadt. In ihr schwelte eine laue Trauer, welche bald zu einer Resignation erkalten würde. So, wie immer.
Es war kurz vor elf. Die Luft des späten Sommerabends roch schwach nach alter Sonnencreme, aufgeheizten Gummischwimmtieren und italienischen Gewürzen. Inzwischen tummelten sich angenehm wenige Menschen in der Stadt. Die meisten Geschäfte hockten dunkel verschlossen nebeneinander in den Gassen und in den Restaurants saßen spärlich verstreut Gäste, beäugt vom ungeduldig wartenden Personal, das mit Schlüsseln oder Kleingeld klimperte und sich italienische Worte zuraunte, die deutlich nach Unmut bezüglich des ausgeprägten Sitzfleisches ihrer letzten Gäste klangen. Keine Frage, man näherte sich dem Ende eines weiteren langen Tages einer Touristenstadt in der Hauptsaison.
Die letzten zwei Stunden hatte Maxi an der Promenade damit herumgebracht, das satt schwappende, nachtschwarze Wasser des Lago di Garda zu betrachten. Dabei hatte sie sich verschiedene Szenarien ausgemalt, die ihre Rückkehr betrafen. In keinem davon gab es für sie ein angenehmes Happy End.
Ihre Erwartung beschränkte sich darauf, bald, entweder am Campingplatz oder auf dem Weg dorthin, in ungemütlicher Atmosphäre ihre Familie wieder zu sehen.
Das Leben schickte ihr jedoch zuerst völlig unerwartet den blasierten Kellner aus dem Delizioso.
Er sah allerdings gerade alles andere als blasiert aus, dort in einer spärlich beleuchteten Gasse, neben einer rustikalen Mauer. Gekleidet in alte Jeans und ein einfaches Hemd, versuchte er fluchend, seinen blauen Roller anzukicken. An einem Lenker hing eine weiße, voll bepackte Plastiktüte, an dem anderen ein Helm.
Maxi sah den Kellner erst, als sie fünf Schritte entfernt bei einem weiteren Fluch von ihm den Kopf hob. „Oh. Sie!“, rief sie überrascht.
Der Kellner hob fluchend den Kopf. „Duuuuu“, rief er. „Alles wegen dir! Alles Scheiße, wegen dir! Du Verruckte!“ Er stieg vom Roller ab.
„Was? Was bitte?“ Maxi versuchte kopfschüttelnd zu begreifen, was er von ihr wollte. Geld? Benzin? Starthilfe?
„Roller! Scheiße!“ Der Kellner trat gegen den hinteren Reifen. „Roller, Scheiße! Zu lange stehen, nix geht! Und zu lange stehen, weil duuuuuuuuu“, er kam einen Schritt auf sie zu, „duuuuuu gemacht Chaos! Duuuuu! Vacca isterica!“
„Was? Was soll denn das? Bleiben Sie sofort stehen!“ Sie wich einen Schritt zurück. Die Furcht krabbelte kalt über ihren Nacken hinunter, in den Rest des Körpers. Vergeblich sah sie sich in der leeren Gasse nach Hilfe um.
„Chaos, wegen dir! Ich aufräumen! Scheiße hier“, er trat gegen den Vorderreifen, „zu lange stehen! Nix geht! Wegen dir! Scheißedrecke! Burana! Alles wegen dir! Arme Mann deiner, arme Mann.“
Maxi sog die Luft ein, richtete sich auf. Jetzt reichte es! Sie ließ sich sicher nicht von diesem Idioten schon rund machen, bevor die Familie sie dann rund machen würde! „Ich bin an gar nichts Schuld! Sie haben das Chaos verursacht! Sie haben uns den dreckigen Tisch gegeben!“
„Dreeeeck“, schrie der Kellner. „Dreck! Du mit deine verdammte Dreck! Hier hast du Dreck!“ Er riss einen Styroporbehälter aus der Plastiktüte und schleuderte ihn auf Maxi. Sie konnte gerade noch ausweichen. Der Behälter knallte an die gegenüberliegende Hauswand und platzte dort auf, wie eine überreife Polystyrolfrucht. Salatblätter, Tomaten und andere undefinierbare Stückchen klatschen auf den Boden.
Der Arsch bewarf sie mit Essen! Sie fuhr zum Kellner herum. Zu spät. Ihr knallte eine Ladung Spaghetti Carbonara mitten ins Gesicht. Fassungslos starrte sie den Kellner an, der irre lachte. In der einen Hand hielt eine weitere Styroporbox, in der anderen bereits eine weitere Portion Wurfnudeln.
„Dreeeeeeeck“, brüllte er. „Hier hast du deine Dreeeeeeck.“
Ohne nachzudenken, rannte Maxi auf ihn los. Er ließ schreiend die Portion Spaghetti fallen. Sie riss ihr Hygienespray aus der Handtasche - wenn DAS jetzt kein Notfall war, was dann? - und sprühte ihm das Desinfektionsmittel in die Augen.
Der Kellner kreischte, begann unkontrolliert zu zucken, hielt aber immer noch die offene Styroporbox fest in der einen Hand. Maxi entriss ihm die Box und drückte sie ihm ins Gesicht, drückte ihn damit grob nach hinten, bis er mit dem Kopf gegen die rustikale Wand schlug. Erst jetzt ließ sie los. Er ging röchelnd zu Boden. Sie taumelte zurück, hielt sich an einer Polsterung fest. Das musste der Rollersitz sein. Ihr Herz raste.
,Ruhig atmen‘, dachte sie, tiefe Züge der Abendluft einsaugend, ,ruhig, ruhig.‘
Der Kellner saß mit hängendem Kopf am Boden, die Beine von sich gestreckt. Die verschmierte Box lag in seinem Schoß und sein Gesicht überzog ein Belag aus Sauce und Speckstückchen.
„Oh Gott! Schau mal Edi! Schau, die Frau da“, rief eine weibliche Stimme vom Ende der Gasse her.
„Hey, was machen sie denn da?“, rief eine männliche Stimme, wahrscheinlich aus Edis Mund. „Was machen Sie mit dem Mann?“
Maxi fuhr sich mit der Zunge über die Mundwinkel und schmeckte, dass sie ebenso besudelt sein musste wie der Kellner. Sie rieb sich hektisch mit den Händen über das fettig-klebrige Gesicht. Der Kellner wimmerte. Sie beugte sich rasch zu ihm hinab, um seinen Kopf zu begutachten.
,Gott sei Dank! Kein Blut.‘
„Edi, das ist doch der Kellner aus dem Delizioso!“
„Polizei“, rief Edi alarmiert. „Polizei! Wir müssen die Polizei rufen!“
Instinktiv wischte sie ihre Hände am Hemd des Kellners ab, stieg auf den Roller, setzte sich den Helm auf und startete mit nur einem kräftigen Kick.
„Hättest du dir mal lieber ein E-Bike gekauft, du Depp. Wenn du nicht kicken kannst“, rief sie ihm über die Schulter zu. Dann gab sie Gas, fuhr so schnell wie möglich durch die dämmrige Gasse, weg von den immer lauter werden Polizei- und Empörungsrufen.
Am Ende der Gasse bog sie rechts ab, sah aus den Augenwinkeln das Family Pizza & Kebab an sich vorbeiziehen, während sie Fußgängern auswich. Sie wusste jetzt, wo sie war. Eben diesen Imbiss wählte Felix jeden zweiten Abend für das Familiendinner aus. Wegen des tollen Angebots und der tollen Atmosphäre, die seiner Meinung nach die anderen, unzufriedenen, stoisch kauenden Knauserer wiewohl die stetig an ihnen vorbeigetragenen Plastiktüten der Futterfortschaffenden bildeten. In Wahrheit natürlich der günstigen Preise wegen.
An der Kreuzung bog sie links ab und dann rechts, hinein in eine kleinere Gasse, um nicht auf die Hauptstraße zu gelangen.
Sie horchte auf Polizeisirenen. Zu ihrer Erleichterung ergebnislos.
„Da war kein Blut“, sagte sie sich immer wieder. „Da war kein Blut. Kein Mensch wird eingesperrt, weil er einem anderen Spaghetti ins Gesicht drückt. Oder? Na ja, vielleicht in Italien schon. Aber nicht wegen dem Gesicht, sondern wegen der Vergewaltigung eines italienischen Weltkulturerbes.“
