Letzte Fahrt mit Marilyn - Philip Nußbaum - E-Book

Letzte Fahrt mit Marilyn E-Book

Philip Nußbaum

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Beschreibung

Marilyn ist stets dabei. Tag und Nacht. Mal mit Pi unterwegs, mal mit Chris, egal, ob sie gerade Brüder oder Fremde sind. Wenn gesoffen wird und Musik spielt, wenn Tränen fließen und ab und zu auch ein bisschen Blut, auf den Wegen dieser Stadt, auf Umwegen und Abwegen, und in Dörfern, die Scheiße im Namen tragen. Und auch, als Lydia auftaucht und alles etwas verworrener wird. Marilyn ist dabei, bis sie schlicht nicht mehr kann… Ein Roman bis zum Hals im Lebensgefühl der 90er Jahre. Zwei Brüder, eine Frau und genug Beiwerk, um die damals noch weit entfernte digitalisierte und verbeliebigte Welt nicht zu vermissen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 225

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Philip Nußbaum

Letzte Fahrt

mit Marilyn

Roman

PHILIP NUSSBAUM: „Letzte Fahrt mit Marilyn“

1. Auflage, Juni 2013, Edition Subkultur Berlin

© 2013 Periplaneta - Verlag und Mediengruppe / Edition Subkultur

Inh. Marion Alexa Müller, Postfach: 580 664, 10415 Berlin

www.subkultur.de

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Korrektorat: Michael Tietz

Coverfoto: Philip Nußbaum

Satz & Layout: Thomas Manegold

print ISBN: 978-3-943412-05-5

epub ISBN: 978-3-943412-55-0 E-Book-Version: 1.2

Make your own Soundtrack: Die Musik, die leise im Hintergrund spielt ... und die in fragmentarischen Zeilen im Roman auftaucht, ist von Grooveminister, Nationalgalerie, Bush, The Police, Groucho Marx, Pink Floyd, Die Fantastischen Vier, Tocotronic und EXXX.

www.edition.subkultur.de

Philip Nußbaum

Es war ein etwas längerer Weg von Ruit auf den Fildern (Das ist ein Ort) bis zur Edition Subkultur (Das ist ein Verlag), aber tatsächlich war er jede Kurve und jeden Schlenker wert. Schreiben und Musik interessierten Philip Nußbaum (*1973) schon immer. Anfangs veröffentlichte er seinen Kram in Schülerzeitungen. Später begannen mit Versuch X Experimente in Text und Ton mit verschiedenen Mitstreitern. 2010 erschien unter diesem Namen die CD „Märchen vom Durchbrennen“ sowie 2012 die CDs „Lebzeug“ und „Brief“ in freundschaftlicher Zusammenarbeit mit Gehirn. Implosion.

Die Versuche gehen weiter.

Philip Nußbaum schreibt für diverse Fanzines (u. a.Daily Atrocity, Pankerknacker, Renfield, econore)

2011 erschien der Roman „Nichts von alledem ist wahr...“.

Philip Nußbaum lebt mit Familie am niederen Rhein und arbeitet dort in einer Stadtverwaltung.

Over

Das ist das Ende.

Diese Erkenntnis hämmert sich in meinen Schädel wie ein Specht in morsches Holz: Alles ist vorbei, bevor es richtig anfängt. Käse, Menschen, Liebe – hat irgendetwas in diesem verdammten Universum kein Verfallsdatum? Wem gibt die Endlichkeit keine finale Kopfnuss?

Ich komme nicht drauf, durchschaue es nicht, das Ganze.

Irgendwann muss doch ein Ausbruch gelingen, ein Aufstand gegen das Schicksal, das Scheitern.

Ach scheiße, was weiß ich.

So starre ich aus anderen Gründen als die übrigen Zuschauer auf das riesige Ungetüm, das auf diesem abgetakelten Supermarkt-Parkplatz Kleinwagen für Kleinwagen niederwalzt.

Monstertruck nennen es die unzähligen Plakate, die die hässliche Stadt pflastern. Zu Siebziger, zu Wanderzirkus. Der verantwortliche Werbemensch muss auf irgendeinem Trip hängengeblieben sein.

Noch drei.

Röhren. Diesel wird literweise in den Himmel geblasen.

Noch zwei.

Das Ding ist unersättlich. Gnadenlos.

Noch einer.

Sämtliche Scheiben und Teile des Innenraums kotzt Marilyn auf den Asphalt, als die fahrende Schrottpresse sie besteigt wie ein notgeiler Bulle und sie fickt. Voll Ekel verzieht sie ihr lädiertes Antlitz und kapituliert binnen Sekunden. Vergewaltigt streckt sie alle viere von sich, am Boden zerstört, am Ende.

Marilyn

Marilyn gegen Monster: Autos gegen Menschen, Fleisch gegen Metall, du gegen die Ampel, die noch mitten in der Nacht rot leuchtet. Stets ist etwas im Weg, du kommst nicht voran, immer nur scheinbar. Bis du dann sagst: „Okay, das war‘s. Dankeschön, ich mache nicht mehr mit und steige genau jetzt aus.“ Mein kleiner Bruder Pi war ein bisschen früher als ich auf den Trichter gekommen. Vor etwa einem halben Jahr hatte er mich aus einem Krankenhaus angerufen und gefragt, ob ich Marilyn nehmen wolle.

„Bist du verrückt?“

„Nimm und fahr. Ein halbes Jahr Versicherung hast du noch. Und mit dem Scheiß-TÜV tricksen wir irgendwas.“

„Trotzdem. Ich kann dir die Karre nicht abkaufen!“

Der Trottel schien allen Ernstes anzunehmen, ich hätte mehr Geld als er und, selbst wenn es so gewesen wäre, die selbstverständliche Bereitschaft, ihm etwas davon abzugeben. Aufwachen, Brüderchen!

„Ich sagte: Nimm sie! Okay?“

Ich verstand kein Wort.

„Ich werde nicht einen einzigen Kilometer derselben Straße wie solche Pisser befahren.“

Klick. Er hatte aufgelegt und ich anscheinend ein Auto.

Weiß der Teufel, was mit ihm los war. Ich nahm an, dass er wieder einmal besoffen, zugekifft oder sonstwie vernebelt war, schließlich hatte er einen phantastischen Hang zu Rauschmitteln jeder Art: Er trank eigentlich alles, was mehr drehte als Radler, nur Korn mochte er nicht. Auch was Drogen betraf, so war er für jeden Stoff empfänglich, zumindest behauptete er das immer. Und selbst wenn er läppischen Kaffee, trank, dann immer vorsätzlich so viel, dass er Sternchen sah und wie ein Spanferkel schwitzte. Rauchte er, kaufte er sich Tabak, der die Farbe und den Geruch von frischem Straßenbelag hatte.

Autofahren machte unter dreißig-Stundenkilometer-zu-schnell keinen Sinn und Sport ohne Schmerzen war scheiße.

Die Liste seiner autoaggressiven Übertreibungen ließe sich endlos weiterführen. „Hardcore“ nannte er das Ganze grinsend. Ich kannte niemanden wie ihn. Er war mehr als nur bemerkenswert – er war ein selbstzerstörerisches, arrogantes, kleines Arschloch. Nun, ich hatte zwar momentan ein Auto, aber ich war mir sicher, nicht für lange. Sondern nur bis zum Ende seines seltsamen, durch welchen Umstand oder welche Substanz auch immer motivierten Trips.

Aber er blieb drauf.

Am nächsten Tag hupte es vor meiner Tür, und am Kreischen des Getriebes erkannte ich, dass er es war, der der armen Marilyn den Rückwärtsgang zum Einparken reinprügelte. Als ich ihm die Tür öffnete, glubschten mich zwei glasige Augen an, und eine zittrige dreckige Hand hielt mir einen Packen Papiere und vier Schlüssel vor die Nase.

„Hier: Fahrzeugbrief, Schein, Versicherungspolice. Alles umgemeldet. Die Versicherung ist gekündigt. Da steht nur noch sechs Monate dein Name drauf.“ Er zeigte auf irgendetwas auf einem hellblauen Wisch, aber durch sein unruhiges Gehampel konnte ich nichts erkennen. Da konnte praktisch alles stehen. „Der ist für links, der für rechts und hinten, der für den Tank. Und mit dem kriegst du sie an.“

Aha.

„Aber pass auf beim Starten, das Zündschloss ist irgendwie im Sack. Du wirst es merken. Hier. Gute Fahrt.“

Ich hielt den Krempel in den Händen.

„Kannst du mir vielleicht erklären, was das …“

„Kann ich. Aber nicht jetzt. Ich muss zurück. Ich ruf dich an.“

Vielleicht sollte es ein Grinsen werden. Mit leicht verzerrtem Gesicht sah er mich kurz an und weg war er. Ich hatte also doch ein Auto. Mein Bruder verstand es, immer genau das zu tun, was man nicht von ihm erwartete. Manchen Leuten machte das sicher eine gewisse Freude. Mir nicht.

Der Wagen stank wie die Pest. Nicht nur nach seinen ekelhaften Zigaretten, sondern auch nach angesengtem Plastik, nach Öl und Schmier und verschüttetem Bier und vor sich hinfaulenden Essensresten.

Und nach Benzin.

Und zwar dermaßen, dass ich minutenlang bei geöffneter Tür wartete, um mich beim Anzünden eines Glimmstängels nicht selbst in die Luft zu sprengen.

Und kaum saß ich drinnen, drängte mich meine Nase, wieder auszusteigen und den fahrenden Mülleimer im nächsten See zu versenken. Aber ich widerstand und fummelte an den vielen Kleinigkeiten herum, die mein Bruder anscheinend desinteressiert im Wagen gelassen hatte: Drei unterschiedlich große Gummifrösche mit dreckigen Füßen, ein altes Namensschild, das ich nicht mehr lesen konnte; Sonnenbrillen, Lappen, Kleinteile ohne ersichtliche Funktion, Kassetten, Kassetten und nochmal Kassetten, allesamt mit Musik von Gruppen bespielt, deren Namen mir überhaupt nichts und wenn, dann auf jeden Fall nichts Gutes sagten. Und ungefähr sechzig Postkarten von der Monroe – der Namenspatin dieser Dreckskiste. Der Wagen war eine einzige Halde. Allein der Aufwand, ihn zu säubern, ließ sich mit einem halben Jahr freier Fahrt kaum aufwiegen.

„Naja, was soll‘s.“

Ich drehte den Zündschlüssel und erkannte, was er mit irgendwie im Sack gemeint hatte. Der letzte Widerstand beim Starten war weg, der dämliche Schlüssel blieb stehen, und bevor ich dahinterstieg, kotzte das Auto Gott weiß was aus, zündete und zündete ohne Unterlass. Beim erschrockenen Zurückdrehen des Schlüssels ging der Motor natürlich aus. Prima. Ich versuchte es nochmal. Und nochmal. Nach dem sechsten Versuch blieb er endlich an und tuckerte mehr schlecht als recht vor sich hin. Ich trat die Kupplung, merkte, wie meine Beinmuskeln überanstrengt zuckten, legte einen Gang ein, löste die Handbremse und fuhr mit viel zu viel Gas los.

Das war nicht mein Platz, es war seiner. Nicht nur, weil der Fahrersitz unmöglich eingestellt war, ich mehr lag als saß, ich in den Spiegeln nur unwichtige Nischen des Autos sah und mir das komplette Inventar feindlich gesonnen zu sein schien. Es war ganz und gar sein Wagen, vollkommen wurscht, wer ihn vor ihm gefahren hatte und wer ihn nach ihm führe.

Marilyn. Naja, so schlecht war der Name nun auch nicht. Ich strich über das schiefstehende Lenkrad, auf dem ein grünes Vieh klebte, das in den Kurven mit den Augen rollte. Es war gar nicht so einfach, nicht mit seiner Aufmerksamkeit an diesen idiotisch kullernden Augen hängenzubleiben.

Ich müsste sie ja nicht lange fahren.

Genüsslich beschleunigte ich auf neunzig, wo auch ungefähr ihr Maximum liegen musste, zumindest dem Lärm nach zu urteilen.

Offenkundig war der Wagen hässlich, schmutzig und technisch scheiße. Aber irgendetwas hatte er dennoch, Pardon, sie. Irgendetwas, das sich gut anfühlte. Taub vom Lärm, gequält von einem ausgelutschten Sitz und voller Angst aufgrund etwaiger Macken Marilyns, die mich ins Grab bringen konnten, war ich beinah glücklich, mit ihr durch die Gegend zu rollen.

Ich musste aufpassen, ich begann, Gefallen an der Rostbeule zu finden.

Ich fuhr zum Stadtwald und stellte mich bei heruntergekurbeltem Fenster in die pralle Sonne, um Freundschaft mit Marilyn zu schließen. Wie selbstverständlich fanden sich innerhalb kürzester Zeit meine Füße auf dem Armaturenbrett wieder. Urgemütlich, so als führe ich den Wagen schon seit Jahren. In der frühsommerlichen Hitze entwickelte der Wagen seine Gerüche vollends, aber es interessierte mich merkwürdigerweise nicht im Geringsten. Ich zündete mir eine Zigarette an und beobachtete entspannt ein paar alte Leute, die verbotenerweise Enten mit Brot bombardierten. Irgendjemand sollte eingreifen, die killten mit dem Dreck das dem Schlinginstinkt ausgelieferte Federvieh. Einfach ins Wasser werfen, die alten Säcke. Irgendwie aber auch egal. Ich lehnte mich zurück. Die Welt musste schon mindestens untergehen, um mich von meinem automobilen Müßiggang abzuhalten, und danach sah es im Moment nicht aus. Tick, tick, tick. Marilyn klackerte noch der kurzen Fahrt hinterher. In meinen Ohren hatte es etwas vom Schnurren einer Katze vor einem Kachelofen. Ich fummelte am Radio herum, jemand sang „Das hamma uns verdient“. Meine Gedanken klebten natürlich an das Wort „verdient“ direkt „Geld“, und ehe ich mich versah, begann eine fatale Gehirnakrobatik: Was wäre, wenn ausgerechnet ich den Lottojackpot von dreißig Phantastillionen knackte? Die ersten ein-, zweihundert Sachen, die mir einfielen, drehten sich einzig und allein um meine Person und meinen Luxus und scherten sich einen feuchten Kehricht um Großzügigkeit und Teilen und diesen Kram. Fies. Ich schlug mir zwischen der einen und anderen Idee selbst eine rein. Im Geiste fuhr ich schon mit zwanzig neuen Luxuskutschen, wofür ich mich bei Marilyn entschuldigte. Keine vierundzwanzig Stunden war es her, dass ich mit ihr zusammengekommen war, und schon ging ich mit einem kompletten Kfz-Harem fremd. Ich kaufte Häuser, Kleidung, Tinnef, reiste mit allen nur erdenklichen Verkehrsmitteln um die Welt, erstand dies, erwarb das.

Dann fing ich mich und stellte erschreckt fest, dass ich im Grunde nicht die kleinste Idee hatte, was ich tatsächlich mit einem solchen Batzen Kohle anfinge. Ich betrachtete mich im inzwischen so lala gerichteten Innenspiegel und sah ratlos aus. Ratloser als ohnehin schon. Scheißgedankenspielerei!

Mit drohender Faust verließ ich Phantasien. I’ll be back! Mit ziemlicher Sicherheit. Nicht die beste Art, sich zu entspannen. Geld. Alles, was mit ihm zusammenhing, stresste, wie kam ich nur wieder darauf? Ich hatte keins, und damit basta. Jeder weitere monetäre Traum war überflüssig.

Wo waren die senilen Tierquäler? Ich wollte schließlich relaxen und fremde Leute angaffen. Natürlich war niemand mehr da, die Alten hatten sich ersatzlos aufgelöst und anscheinend auch die Enten mitgenommen. Oder sie waren wirklich in den Teich gekippt! Beinah wäre ich ausgestiegen und hätte nachgesehen, aber so sehr interessierte es mich nun doch nicht. Dem Ärger über meine Unfähigkeit zur Errichtung eines sorgenfreien Phantasiereiches zum Trotz nahmen mich Faul- und Trägheit nun vollkommen in Besitz.

Ich glotzte ins Nichts.

Alles Mögliche schoss durchs Hirn, nur um direkt wieder zu verpuffen.

Irgendein Liedtext: „Hey, hey – nichts ist okay, alles geht in Ordnung, wenn ich es will, lalala.“ Puff!

Arbeit hatte ich lange nicht mehr, aber mein Chef hatte es auch prophezeit. Gartenlandschaftsbau, wer die Finger von bestimmten pflegerischen Aspekten ließ, fiel unweigerlich in ein Sommerloch. Pech. Puff!

Ich müsste eigentlich noch eine Ladung Wäsche in die Maschine packen. Puff! Irgendein Gesicht. Puff! Noch eins. Puff!

Kiuzcfwg. Puff! Puff!

Kein fassbarer Gedanke mehr.

Es war wunderbar, einfach umwerfend herrlich! Ich hätte jetzt zu gerne jemand in meinen Schädel eingeladen, jemand, der Stein und Bein darauf schwor, dass das, was ich gerade erleben durfte, ein verdammtes Ding der Unmöglichkeit war. Nur damit er miterleben konnte, wie schön und wie wirklich es war, nichts zu denken.

Dämlicherweise schaffte ich es nicht, dieses unbeschreibliche Gefühl einfach nur zu genießen. Nein, ich musste mir unnötigerweise darüber klar werden, dass ich das fühlte, was ich fühlte, und mit einem abscheulichen letzten Puff! war ich wieder da. Scheißdreck, ich fuhr los.

Nichts denken, aber auch wirklich überhaupt nichts. Das war das Höchste, Meisterschaft des Geistes! Nur leider schwierig, es gezielt zu erreichen. Vielleicht durch Meditation, autogenes Training oder Kram wie die ,Sanfte Brille‘, die eine bewusste Blindheit ermöglichte. Keine Ahnung. Das Gehirn zu überlisten, seine Unruhe zu unterdrücken und mal abzuschalten, das gelang mir immer nur zufällig. Ich könnte Pi fragen. Er hatte sicher einige Empfehlungen. Ohne das Eigentliche überhaupt zu würdigen! Für ihn waren es nur irgendwelche belanglosen Filmrisse, die es billig zu nutzen, aber nicht zu genießen galt. Sex. Naheliegend, Hirn war da sowieso irgendwie hinderlich, aber ohne eine Partnerin brauchte ich mich über die Erkenntnis gar nicht zu freuen. Es war zum Heulen. Wie lange war ich inzwischen alleine? Und wieso? Hatte ich anderes im Kopf gehabt? Und wenn ja, was zum Teufel? Filmrisse alles. Offensichtlich hatte mein Bruder mich infiziert. Mein Hirn war perforiert wie seins. Eigentlich ließ das hoffen, eventuell war ich doch auf dem Weg zum ewigen Nichts.

Zuhause angekommen fütterte ich die elende Waschmaschine mit Handtüchern und dreckiger Unterwäsche. Vielleicht waren auch andere Klamotten dabei, das unterschied sich bei mir alles nicht. Grau in grau in grau. Mal mit Ärmel und Beinen, mal ohne. Das Telefon klingelte, was mich jedoch nicht davon abhielt, die gefräßige Maschine in aller Seelenruhe weiter zu mästen. Ich war nicht scharf auf Telefonate, mir war ein Gespräch unter mindestens vier Augen wesentlich lieber. Ich wollte sehen, was mit meinem Gegenüber los oder nicht los war. Ob es sauer oder entspannt, gelangweilt oder konzentriert oder was auch immer war. Je nachdem, mit wem ich mich unterhielt, wollte ich auch einem eventuellen Gefühl nachgeben können, denjenigen zu berühren. Oder Rauch in irgendein Gesicht zu blasen. Oder zu prügeln. Oder fingerzeigend auszulachen. Auch zog ich Kopfnicken oder -schütteln, Stirnrunzeln oder Schulterzucken einem Sprechbrei aus „Ja“, „Nein“ und „Aha“ vor. Nicht zuletzt verlockte telefonieren geradewegs dazu, den Gesprächspartner von vorn bis hinten zu bescheißen; ihn zu zwingen, sich mit halbseidenen Wahr- oder tatsächlichen Unwahrheiten zufriedenzugeben. Die nicht zu überschätzende körpersprachliche Komponente als Kontrolle und Bestätigung fehlte, die Wahrnehmung war supereingeschränkt. Selbst wenn irgendjemandes Nase durch spontanes Wachstum Lügen verriet, der, dem dies passierte, musste einzig sicherstellen, dass sein Zinken dabei nicht mit der Sprechmuschel kollidierte und seinen Betrug durch ein hölzernes Pock! aufdeckte. Ich ließ mich nicht gerne hinters Licht führen, vermied deshalb auch meist, dies mit anderen zu tun. Außerdem war es mir zu anstrengend, ein Lügengerüst mühsam vor dem Zusammenbrechen zu bewahren. Wie leicht konnte dies schließlich passieren. Durch Unachtsamkeit, Übermüdung, im Suff oder dadurch, dass sich jemand anders verplapperte. Irgendein Trümmer des plötzlich einstürzenden Gebäudes traf einen immer selbst. Eigentlich wäre es schlau, sich Doppelbödigkeiten jeder Art zu schenken und diese Schlauheit auch anderen Leuten ins Blaue hinein zu unterstellen. Weniger Gedanken, weniger Sorgen. Aber leider war ich nicht frei von Lüge und darüber hinaus auch verflixt misstrauisch. Mein Ideal der Zwischenmenschlichkeit verkam dadurch bedauerlicherweise zur Utopie.

Bevor mein Anrufbeantworter ansetzte zu quasseln und ich per Mithörfunktion meine ekelhafte Stimme ertragen müsste, hob ich widerwillig ab.

„Ist da Soundso?“

Ich legte wieder auf. So etwas liebte ich! Irgendwelche Idioten, die mich durch ihr Dauerklingeln in eine Stresssituation manövrierten, nur um mich dann, wenn mein innerer Kampf in seine heiße Phase übergegangen war, erfahren zu lassen, dass ich mich wieder vollkommen unnötig aufgewühlt hatte, weil sich diese zum Telefonieren zu dämlichen Idioten nur verwählt hatten! Vielleicht hatten sie das ja auch nicht, sondern der Anruf war, so wie er war, absolut gezielt. Psychoterror, ein sadistisches ständiges Nachspannen meiner Nerven.

Da ich aber schon mal im Wohnzimmer war, setzte ich mich auf meine Couch und ließ mich – wider den Krawall der Waschmaschine – wahllos mit Musik berieseln. Jetzt, wo ich saß, kehrte mit Siebenmeilenstiefeln die Trägheit zurück. Ich legte mich hin.

Innerhalb weniger Minuten war ich weggeduselt.

Keine Ahnung, wie spät es war, als ich wieder erwachte. Ich hatte aber wohl ein paar bewegte Stunden mit einer wildfremden Phantasieperson verbracht, denn draußen war es inzwischen dunkel geworden. Ich erinnerte mich, im Traum in irgendeinem alte-Leute-Café gesessen zu haben. Ich hatte Kaffee getrunken und, ich glaube, mein Gegenüber genauso. Händchenhalten oder sowas, irgendwas war da noch gewesen, aber ich wusste nicht mehr exakt was. Jedenfalls fühlte ich mich nicht sonderlich schlecht.

Klick. „Dies ist der Anschluss blablabla. Ich bin im Moment nicht in Reichweite des Telefons. Sollten sie tatsächlich …“, undsoweiterundsofort.

Ich erfasste, was mich aufgeweckt hatte. Wieder einmal das Dreckstelefon, und das zu einer Zeit, zu der mich normalerweise überhaupt niemand anrief. Ich bekam im Allgemeinen nur selten Anrufe. Um, ich sah auf die Uhr, elf Uhr nachts hatte ich meines Wissens noch nie einen gehabt. Während der Anrufbeantworter mühsam seinen Text abspulte, überlegte ich, wer etwas von mir wollen könnte. Mit einiger Wahrscheinlichkeit hielt der Anrufer nicht bis zum Piepton aus. So sehr lud der von mir aufgesprochene Text nämlich nicht dazu ein, eine Nachricht zu hinterlassen. Der Moment der Entscheidung. Und – bitte:

„Hi, Chris. Hier ist Bärbel. Ich weiß, du hast keinerlei Ahnung, wer ich bin, aber komm bitte so schnell wie möglich ins Maria Hilf. Dein Bruder hat da ein kleines Problemchen. Tschüss.“

„Piep!“, sprach ich der sich abschaltenden Maschine nach.

Dein Bruder hat da ein kleines Problemchen. Was konnte das schon wieder sein? Ich war noch weit davon entfernt, mir Sorgen zu machen. Er war besoffen hingefallen und hatte sich den Arm gebrochen, das konnte diese Bärbel beispielsweise mit kleines Problemchen gemeint haben.

Vielleicht hatte er diesmal in einer Gesellschaft getrunken oder geraucht oder was auch immer, die es nicht für normal und alltäglich gehalten hatte, dass er plötzlich kalkweiß und besinnungslos auf dem Boden rumlag. Vielleicht hatte er auch jemand anderem weh getan.

Jede Lappalie hielt ich für wesentlich wahrscheinlicher als einen eventuellen schweren oder zumindest mittelschweren Unfall oder sonst etwas, als ich mich muffig auf den Weg machte. Ein scheiß Weg nebenbei, denn die nächtliche Kälte passte Marilyn absolut nicht in den Kram, sie stotterte und keuchte noch lauter als bei unserem beinah problemfreien Mittagsausflug. Außerdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass die Polizei besonders viel Verständnis für meinen herunterhängenden Scheinwerfer aufbrächte, erwischte sie mich damit. Ich war sauer, als ich die Notaufnahme des Krankenhauses betrat, wo sonst sollte ich diese Bärbel und meinen Bruder zu dieser Stunde schon finden? Und tatsächlich war es so. Ich erkannte zwar nicht die junge Frau, die mir die Hand schüttelte, als kannte sie mich schon ewig, dafür aber die andere Gestalt, die auf drei Stühle verteilt heftig schnarchte.

„Fein. Wegen dieses Haufens Elend ziehe ich mich also nochmal an und setze mich hinters Steuer“, schmückte ich meinen Zorn ein bisschen aus. „Ich habe gar nichts anderes erwartet! Eine Zeit lang hat er mich ja gottseidank verschont, aber ich habe das schwere Gefühl, es könnte sich wieder häufen, verdammt nochmal!“

„Äh, ich weiß nicht so recht, wie ich es dir sagen soll“, unterbrach mich diese Bärbel, „aber die Sache – nicht dein Bruder, der liegt da auf den Stühlen – liegt doch ein klein wenig anders.“

„Ach ja? Und wie, wenn ich fragen darf?“ Meine Stimme hatte inzwischen einen leicht bellenden Ton.

„Ähm, Pi, äh, dein Bruder …“

Was druckste sie so rum wie ein Kleinkind, das seinen Fußball in ein funkelnagelneues Gewächshaus gefeuert hat? Ich war schließlich nicht seine Mutter, sondern nur sein Bruder. Was erwartete sie denn? Dass ich ihm seinen Hintern versohlte oder ihm eine ordentliche Portion Stubenarrest verpasste?

„… er hat sich eben eine halbe Bierflasche …“

Also doch Alkohol, ich wusste es doch! In diesem Punkt, vielleicht als einzigem überhaupt, waren die Handlungen meines Bruders doch einigermaßen gut vorherzusehen.

„… in den Unterarm gerammt.“

Ein „Was!?!“ blieb mir im Halse stecken. Ich konnte doch nicht alles vorhersehen! Eine Flasche in den Unterarm gerammt! Was war das wieder für eine beschissene Mutprobe? Wem zum Teufel hatte er nur wieder irgendetwas beweisen müssen?

„Ich hab ihn auf dem Klo gefunden, er hat da anscheinend schon eine ganze Weile gesessen und auf den Boden getropft.“

„Gefunden?! Klo?! Wo, verdammte Scheiße nochmal?! Warum zum Henker?! Ich denke, es war so was wie eine Mutprobe, ein Spielchen!“ Ich ließ mich auf einen der Stühle fallen. Sie setzte zu einer Antwort an, aber ich unterbrach sie: „Warte. Fünf Minuten. Fünf Minuten, kurze Pause.“

Ich zündete mir eine Zigarette an und steckte meinen Kopf zwischen beide Arme. Sie hatte ihn also gefunden, und zwar auf irgendeinem Klo, einem Platz, der nicht umsonst stilles Örtchen hieß, einem Platz also, der zum Teufel nicht als Lokalität für prahlerische Spiele prädestiniert war. Eine Mutprobe schloss sich folglich aus. Was blieb schon übrig? Verflixter Wahnsinn nochmal! Mein eigener seltsamer Bruder hatte sich also mit Vorsatz ein Stück Glas zwischen die Sehnen gesteckt! Er hatte sich an einer Stelle geschnitten, von der er, egal, wie besoffen er auch wieder gewesen sein mochte, einigermaßen genau wusste, dass sie eine der Hauptweichen für die Fahrstrecke menschliches Leben war! Dieses elende Mistschwein hatte versucht, sich selbst umzulegen! Ich schüttelte den Kopf. Der Gedanke war zu sperrig, er ging mir nicht in den Schädel. Warum, verflucht nochmal? Nach dem, was Bärbel gesagt hatte, war ihm das Ganze anscheinend sogar beinah gelungen. So ein Arschloch! Was, wenn tatsächlich … Rauchen, nur rauchen. Gar nicht weiterüberlegen. Vollkommen sinnlos, also besser nur rauchen und sich nicht aufregen. Ich versuchte so etwas wie autogenes Training, Selbstprogrammierung, Hokuspokus, aber die Aktion war schon etwas zu heftig, um sie mit ein paar gedanklichen Fingerübungen vergessen zu machen. Sterben, abhauen, sich wegschleichen, nein, nicht wegschleichen – die Kurve derart kratzen, dass es quietscht; eine gottverdammte Tür so schließen, dass es knallt. Etwas in der Art hatte es wohl werden sollen. Aber nicht irgendjemand, nicht irgendeine verkrachte Existenz, es musste mein eigener Bruder sein! Warum nur hatten wir uns nicht längst einmal zerstritten, aber so richtig zerstritten? Dann hätte ich jetzt nicht in diesem sterilweißen Raum sitzen und mir den Kopf darüber zerbrechen müssen, was ich jetzt tun sollte. Ich hatte kein Patentrezept für Extremsituationen, in die ich geriet. Ich brach zwar nicht in Panik aus, wenn meine Heizung im tiefsten Winter ihren Geist aufgab, aber wenn ich meinen Bruder an einer doch heiklen Körperstelle dick bandagiert vor mir liegen sah, dann war die Grenze bei Weitem überschritten.

Doch die Anzahl der mir zur Verfügung stehenden Lösungsansätze tendierte so ziemlich gegen null.

„Verfluchte Scheiße nochmal.“ Ich blies den letzten Zug Zigarette müde hinaus, zerdrückte den angesengten Filter und zündete mir eine neue an. Zum Kettenrauchen nötigte mich die Sache also auch noch! Fein. „Was mache ich jetzt?“ Ich wusste selbst nicht, ob ich die Frage an mich oder auch an diese mir völlig unbekannte Bärbel gerichtet hatte. Ich entschied, dass es wohl eine Frage war, die ich uns beiden gleichsam stellen konnte. Ich hob meinen Kopf, um zu sehen, ob sie mehr Ideen hatte als ich.

„Hmm.“ Sie überlegte offensichtlich und starrte dabei auf die Zigarettenpackung, mit der ich herumspielte. Ich hielt sie ihr hin. „Danke. Hm. Bist du mit dem Wagen da?“

„Ja, mit seinem.“ Ich nickte zu meinem Bruder rüber. „Das heißt, es ist jetzt meiner. Er hat ihn mir geschenkt, der blöde Arsch. Keine Ahnung warum. Es scheint, als hätte er sich vorgenommen, eine ganze Reihe von Dingen zu tun, die über meinen Verstand gehen.“

„Prima, du hast also Marilyn“, konstatierte Bärbel einigermaßen knapp. „Dann würde ich vorschlagen, wir schnappen uns jetzt Pi, packen ihn in euer Auto, und du fährst ihn nach Hause. Oder woanders hin, jedenfalls weg von hier.“

„Fein.“ Diese eigenartige Bekannte von ihm war nicht ganz bescheuert, sie behielt doch tatsächlich einen klaren Kopf. „Fein. Wir packen ihn in unser Auto, und ich fahre ihn irgendwohin. Fein, kein Problem. Hervorragende Idee, ja.“ Ich war noch nicht klar, das merkte ich deutlich. Und da ich das noch nicht war, war es wohl oder übel notwendig, die Aktion noch ein paar Augenblicke hinauszuzögern. Ich hatte keine Lust, seinen hirnrissigen Suizidversuch durch eine unvorsichtig genommene Kurve zu vollenden. „Lass mich noch eben aufrauchen, dann packen wir ihn uns und fahren ihn irgendwohin, okay?“

„Kein Problem“, sie grinste. „Der Abend hat doch gerade erst angefangen.“

„Sehr komisch.“ Ich vergrub meinen Kopf wieder zwischen meinen Unterarmen.

„Chris, hör mal. Es ist nichts passiert. Hast du verstanden? Egal, was er vorgehabt hat. Es ist nichts passiert.“

„Ich sehe, dass nichts passiert ist. Er liegt da wie immer, sternhagelvoll mit einem blutverschmierten Verband am Arm. Ganz normal, was mache ich mir überhaupt für Gedanken?“

„Ich denke, du hast gerade keinen Sinn für Humor.“

„Das war nicht sonderlich witzig gemeint!“

Vielleicht war das zu schroff von mir, ich wusste ja noch gar nicht, ob und was sie mit diesem stressigen Abend zu tun hatte. Ich entschuldigte mich also.

„Was zum Teufel war denn wieder?“, startete ich einen zweiten Anlauf. „Ich meine, du bist hier, du hast ihn irgendwo gefunden. Du musst doch wissen, was mit ihm los ist. Er war vor nicht allzu langer Zeit bei mir, hat mir aus heiterem Himmel seinen Wagen aufs Auge gedrückt und ist kommentarlos wieder abgezogen. Er würde es mir irgendwann später erklären oder irgendwas in der Art, und jetzt so etwas.“

Ich sah ihn an, wie er da schnarchend und augenscheinlich sorglos wie ein kleines Kind auf den unbequemen Stühlen lag. Er schaute nicht einmal aus wie eine typische Schnapsleiche, er hatte eine gesunde Gesichtsfarbe, war nicht vollgekotzt oder mit irgendwelchem anderen Dreck beschmiert. Er hätte auch jemand sein können, der selbst auf einen verletzten Bekannten oder Angehörigen wartete, und zwar bereits so lange, dass ihn die Müdigkeit übermannt hatte. Die Müdigkeit des sogenannten Rechtschaffenen und nicht die eines Säufers.

„Ich kann es dir auch nicht genau erklären, ich weiß, du würdest jetzt gerne etwas hören, aber ich weiß nichts Genaues.“

Bärbel setzte sich zwei Stühle neben mich und schnorrte sich noch eine Zigarette.

„Er war den ganzen Abend nicht besonders gut drauf, hat jeden zum Teufel geschickt, der ihn angesprochen hat, und einfach nur schnell viel getrunken. Zwischendurch sah es aus, als hätte er geheult, aber ich kann mich auch irren. Jemand anders hat mich danach gefragt. Ja, und dann war er plötzlich weg, ziemlich lange sogar, und jetzt ist er hier.“

„Hat er nichts gesagt?“

Ich verstand ihn immer noch nicht mehr, irgendetwas musste er doch gesagt haben.

Bärbel zuckte die Schultern.

„Zu mir jedenfalls nicht.“