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Was bleibt zu tun, wenn der Tod unmittelbar bevorsteht? Die Wohnung ist ausgeräumt, alle Vorkehrungen sind bereits getroffen. Làszlo, der in jungen Jahren aus Ungarn in die Schweiz geflohen ist, sitzt in seiner leeren Wohnung und wartet auf einen jungen Mann. Auf dem Tisch stehen ein paar Flaschen Portwein und Brandy, daneben liegt ein Stapel Manuskripte von Dominik: Das Vermächtnis von Làszlos altem Freund, das er vor der Vernichtung bewahren möchte und deshalb ausgerechnet einem Unbekannten überlassen muss. Aus der Begegnung wird ein Gespräch, das eine Verbundenheit offenbart, die alles in ein anderes Licht taucht: Am Tag vor dem Antritt seiner letzten Fahrt reist Làszlo in die eigene Vergangenheit und beginnt an die letzten Geheimnisse seines Lebens zu rühren, ein Leben, das sich aus Scheitern, Liebe, Schuld und Ideologie formte.
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Seitenzahl: 162
Veröffentlichungsjahr: 2016
verlag duotincta
E-Book
Stefanie Schleemilch wurde 1986 in Tettnang am Bodensee geboren. Sie kam 2007 nach Tübingen, um Politikwissenschaft und Philosophie zu studieren und blieb der Stadt am Neckar treu. Als Autorin widmet sie sich neben den existentiellen Themen des Daseins auch dem Ungewöhnlichen und schreibt Oden an schrottreife Autos oder Essays über Glasbruchversicherungen.
Stefanie Schleemilch
Letzte Runde
Roman
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Erste Auflage 2015
Copyright © 2015 Verlag duotincta
Alle Rechte vorbehalten.
Satz und Typographie: Verlag duotincta
Einband: Nadine Tsalawasilis, Stuttgart
Cover-Fotografie: © mirpic/Fotolia.com
ISBN 978-3-946086-05-5
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Letzte Runde
Das Leben verlieren ist keine große Sache;
aber zuschauen,
wie der Sinn des Lebens aufgelöst wird,
das ist unerträglich.
Albert Camus
Die Mathematiker haben eine Theorie. Sie besagt, dass jede monotone, beschränkte Menge konvergent ist. Das heißt, eine Anzahl von Elementen strebt immerzu nach einem gleichartigen Element, das jedoch von daher verschieden ist, dass es nicht zu der eigentlichen Menge gehört. Eine konvergente Menge strebt nach etwas Unerreichbarem, deshalb nennt man sie beschränkt.
Schwalben kreisen. Manche halten das für ein Zeichen des Friedens. Sie kreisen dicht über den Hausdächern, mit wenigen propellerartigen Flügelschlägen geben sie sich Auftrieb und segeln noch im selben Atemzug kamikazehaft zu Boden. Eine Masse, die zur Erde konvergiert.
Die Mathematiker haben eine Theorie, und die Mathematik behauptet schließlich, der Ursprung jeder Wissenschaft zu sein.
Eine beschränkte Menge ist lediglich in eine Richtung beschränkt. Sie kommt gewissermaßen aus dem unendlichen Nichts und konvergiert gegen einen Grenzwert, auch Limes genannt. Limes, wie der Grenzwall des römischen Reiches. Ein Grenzwall, dessen eigentliches Wesen mit Gräben geschützt ist; mit unüberwindlichen Gräben – man kommt an einen Limes einfach nicht heran.
Es ist, als wolle man eine Melodie begreifen, die man nicht hören kann, einen Horizont erforschen, der unsichtbar ist, ein Wort notieren, das man nicht kennt. Es ist, als würde man einen Stift über das Papier kreisen lassen, mit jeder Bewegung des Handgelenks kleinere Kreise ziehen, immer näher an den imaginären Mittelpunkt heranrücken, dem imaginären Ziel zu Leibe rücken. Aber solange man Kreise zieht, kann man zu keinem Punkt kommen.
Ich hatte wohl recht mit den Schwalben. Ein Sturm zieht auf.
Der Himmel zieht sich gerade noch ein schwarzes Wolkenhemd über, aber die Äste biegen sich schon im Wind.
Ich liebe den Sturm. Kurz davor versucht sich alles in aufgeregter Geschäftigkeit in Sicherheit zu bringen. Während er tobt, schweigt alles. Die Vögel haben sich verkrochen, der Baum vor dem Haus hat bereits etliche Blätter verloren. Blitze zeichnen Muster in den regenschwangeren Himmel. Erst der Sturm, dann das Gewitter. Die Natur gibt sich heute berechenbar.
Die große Hitze kam um zu bleiben. Blieb in der windleeren Luft hängen, legte sich über die Stadt und verwandelte Erde in Staub. Und als es unerträglich wurde, begannen die Schwalben zu kreisen. Doch der Regen kam zu spät, die Pflanzen auf dem Balkon sind längst eingegangen. Erst da wurde mir bewusst, dass sie einmal lebendig gewesen sind. Es ist kein großer Verlust, eher eine traurige Bemerkung, denn ich habe diese Pflanzen mit ihren filzig, fleischigen Blättern nie sonderlich gemocht. Warum ich sie dennoch gekauft, gedüngt und notdürftig gewässert habe, ist recht einfach: Ich habe mir angewöhnt zu wollen, was ich nicht leiden kann. Mozartkugeln, Balkone auf der Nordseite, schlimmes Wetter. Als ich noch ein Kind war, schenkte mir Tante Ethel ein Blechauto. Ich hasste dieses Auto, denn die schlecht gemachte Farbe drohte abzublättern und ich hätte es beim Spielen sicherlich verbeult. Meine Mutter mahnte mich, sobald ich dieses Blechgefährt nur in die Hand nahm.
– Damit musst du warten, bis du alt genug bist.
Ich konnte absolut nichts damit anfangen, aber es war ein teures Geschenk, ein seltenes Geschenk, ich musste dankbar sein. Also begann ich mir jedes Jahr ein Blechspielzeug zu wünschen. Meine Tante Ethel wurde erfinderisch, bald gab es Blechflugzeuge, Blechboote, Blechbusse. Und ich begann sie alle zu wollen, auch wenn sie nichts taten, als in der Vitrine meiner Mutter zu verstauben. Als die hübsche Sammlung im Krieg verloren ging, war ich sogar aufrichtig traurig. Ähnlich dem Gefühl, das in mir aufstieg, als ich bemerkte, dass die Blätter der Pflanzen in dicken gelben Krümeln auf den Boden fielen. Ich bemerke es, aber ich wundere mich kaum darüber. Wer sagt der Nacht, dass sie enden muss? Wer zeigt den Straßen, wo sie hinführen sollen?
Und wer sagt dem Lebendigen, dass er allmählich zu zerfallen hat? Schwächer werden, gebrechlicher, langsamer. Es passiert, ohne dass ich es verstehe. Ebenso wie die seltsamen Ereignisse, die sonderbare Gesellschaft eines Unbekannten, der sich ein Glas aus dem Schrank nimmt und es mit Wasser füllt, das Fenster schließt, wenn Regen droht, und die Sessel näher an die Heizung rückt. Oder die Fensterläden schließt, weil der Frühling die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke schießt.
In letzter Zeit bemerke ich derlei häufig: Es ist, als ob jemand vor mir da gewesen wäre.
Der menschliche Geist existiert in einer seltsamen Welt. Niemand vermag genau zu sagen, wann er beginnt, wo er entspringt. Die ersten Erinnerungen des Kindes sind lediglich die ersten fassbaren Zeichen. Denkt man darüber nach, ist das Denken immer da gewesen. Ein infiniter Regress, denn bevor ich über das Denken nachdenken kann, muss ich bereits gedacht haben. So dreht sich das Bewusstsein in einer Endlosschleife rückwärts in die vergangene Unendlichkeit. Als wäre jemand vor mir da gewesen, der mein Leben gelebt hat, das ich erst nachträglich verstehen kann. Doch woher es auch kommen mag, wer auch immer dieser sonderbare Fremde sein mag, der meinem Bewusstsein vorausgeht – eines ist sicher: Mein ganzes Bewusstsein strömt unaufhörlich gegen einen einzigen Punkt, gegen den Grenzwall des Lebens, den Limes des Denkens. Es strömt gegen das unfassbare Ende, den Tod. Der letzte Moment, wenn das Sterben abgeschlossen ist, die letzten Körperfunktionen, der Stoffwechsel, die Atmung, der Herzschlag eingestellt sind, diesen Moment können wir niemals begreifen. Der Unbekannte, der schon immer vor uns da war, wird ihn erleben. Wir selbst können nur wissen, dass der Moment kommen wird, aber begreifen können wir den Tod einfach nicht.
Der Sturm ist vorüber, es wird mein letzter gewesen sein. Der Himmel klart, die Luftmassen beruhigen sich, der Regen tropft nur noch kläglich. Ein letzter Blick bleibt mir vom Balkon auf den aufgewühlten See, doch ich muss mich beeilen. Noch bin ich auf der Suche nach etwas, das ich nicht kenne. Nach dem Unerreichbaren, das da draußen irgendwo ist. Und die Zeit rinnt bedrohlich schnell durch meine Poren, denn morgen schon bin ich tot.
1957, es wollte gerade Frühling werden, aber die Wassertropfen fielen in Symphonien zu Boden. Ein hässlicher Tag, ein Vorbote des Herbstes mitten im März, umso mehr freute ich mich auf ihr schönes Gesicht.
Die Beiz lag in Sichtweite des Grenzübergangs, die ganze Nacht lang hatte man durch das staubige Fenster den Zöllnern bei der Arbeit zusehen können.
Dominik saß bereits am Tresen, er bevorzugte beim Trinken stets einen Vorsprung. Er nahm kaum Notiz von meiner Anwesenheit, und die schöne Maria tat es ihm gleich.
Als Erstes waren mir die dunklen Schatten in ihrem Gesicht aufgefallen. Hohle Wangen, tiefe Augenhöhlen, vorgestülpte Lippen – die Anatomie nahm alles Licht von ihrer makellos weißen Haut. Wortlos stellte sie mir Portwein aufs Büffet, gerade so weit von mir entfernt, dass ich ihre Ablehnung begriff, jedoch nicht so weit, dass ich es als Beleidigung auffassen musste. Ebenso wortlos wandte sie sich einem Putzlappen zu, wobei ich ihre stolzen, schweigenden Augen hin und wieder auf meiner Schulter spürte.
– Wie geht das Schreiben?
Er zog einen Kurzen durch seine Lippen und schauerte leicht. Vielleicht schüttelte er auch sanft den Kopf, jedenfalls nahm er dabei die Dramatik seines ganzen Körpers zusammen.
– Ich bin heute genauso weit wie gestern und werde morgen so weit sein wie heute. Beim Schreiben kann es keinen Fortschritt geben: Man sucht immer nach dem nächsten Wort.
Eine scheinbar angeborene Arroganz brach durch seine jungenhafte Oberfläche und vermischte sich in einer Farbpalette mit seiner Trunkenheit zu ausgesprochener Schönheit. Ich liebte ihn gerade für seine mangelnde Liebenswürdigkeit. Der große Chronist ließ sich nicht von Freundlichkeiten beirren, hielt sich nicht mit Manieren auf. Das erste Mal, als ich ihn sah, ich habe es nie vergessen, da stand er groß und fest wie ein schroffer, ungehobelter Berg im Weg meines Lebens. Ein kein bisschen gütiger Ritter, dem ich dennoch alles zu verdanken hatte: Portwein in meiner Kehle, einen verstohlenen Blick auf die Hoffnung und nicht zuletzt mein Leben. Warum er sich dazu entschieden hatte, ausgerechnet mich zu retten, das wusste ich in dieser Nacht noch nicht. Er kannte keine großen Sorgen im Leben, das Geld seiner Familie reichte für ein Dasein im Rausch, keinen Moment musste er damit zubringen, Geld zu verdienen. Aber der Alkohol hatte ihm wohl nie ganz gereicht, die Frauen erst recht nicht, also widmete er sich schon ein halbes Leben lang dem Schreiben. Es waren weniger die Worte, schon gar nicht der Klang eines Verses oder gar der Reiz der Schöpfung: Dominik fand allein in der akribischen Archivierung, in der Konservierung des Augenblickes eine Erfüllung. Darin lag für ihn der einzige Sinn der Literatur begründet: Sie hatte festzuhalten, was sofort verflog, hatte eine Welt zu katalogisieren, die bereits vergangen war.
– Hier.
Eine schlampige Geste des Dahinwerfens sollte die Bedeutung herunterspielen, die Dominik in seiner Schreiberei sah. Vier Blatt Papier mit abgestoßenen Ecken landeten vor mir.
– Der Mann neulich, ich konnte nicht anders, musste etwas über ihn loswerden.
Er hatte mir bereits von dem Abend mit dem Dicken erzählt. Aufgewühlt und betrunken war er nach Hause gekommen, mit einem dreiblättrigen Kleeblatt in der erhobenen Hand.
– Mir ging sein dicker Hintern nicht mehr aus dem Kopf, den ganzen Tag musste ich an seinen fetten Ranzen denken. Ich wollte nicht, konnte aber auch nicht aufhören. Dieser unheimliche Drang zu schreiben. Was haben wir noch, wenn es keine Vergangenheit mehr gibt, László? Was bleibt übrig vom lebendigen Menschen, dessen Bewusstsein der Zeit bloß vage hinterherhinken kann? Etwas muss aus mir heraus, etwas ist da drin zu viel. Das Archiv der Toten, der Verlorenen, quillt über.
Er deutete auf seine Stirn und mit einem Zug war sein Bier leer.
Seine Reden beeindruckten mich. Allein schon, weil ihm das Deutsche ebenso leicht über die Lippen kam wie jede andere Sprache. Mühelos wechselte er den Dialekt, zitierte fehlerfrei das Französische oder beschimpfte die Männer am Nebentisch in allen erdenklichen Sprachen. Und ebenso mühelos, wie ihm die Sprache an sich fiel, so einfach fiel es ihm, den Sinn hinter den Dingen zu begreifen. Er sah die Bedeutung in allem, wohingegen ich nur noch aus sinnlos funktionierenden Organen bestand. Als wäre ich bei lebendigem Leibe abgestorben, atmend erstickt.
– Maria! Mach das Glas doch endlich wieder voll, ja?
Es stieß mir bitter auf, dass er mit ihr redete wie mit einer Dienstmagd. Dominik hatte mich das erste Mal an einem grauen Tag im Dezember hierher gebracht. Hochnebel klebte unter dem Horizont, sie saß neben dem Klavier und sang italienische Lieder.
Niemand stand hinter dem Tresen und bediente, man setzte das Trinken für die Dauer ihres Auftritts aus. Jeden Donnerstag wurde aus der gesichtslosen Serviererin die verzaubernde Schönheit. Doch für Dominik blieb sie immer nur die Frau, die ihm das nächste Bier zu bringen hatte.
– Maria! Wird,s bald? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, darauf zu warten, dass du deine Arbeit machst.
Ich traute mich nicht, in ihre Augen zu schauen, als sie ihm ein neues Bier brachte. Aber ich wusste, was ich als Freund zu tun hatte: Ich griff nach den wenigen, maschinengeschriebenen Seiten und begann mit gesenktem Kopf zu lesen.
Mein fremder Mitbewohner hat die Balkontür für mich geschlossen. Die Zeit wartet wirklich nicht. Der Anblick der leergeräumten Wohnung stimmt mich beinah melancholisch, als ob die Wände immer noch die Erinnerungen ausatmen würden. Ein halbes Jahrhundert strömt aus der Tapete, krallt sich im Teppich fest, weigert sich zu verschwinden. Stets vermittelte sie den Eindruck von Bodenständigkeit, geschmackvoll, aber dezent eingerichtet. Das Zuhause eines soliden Kerls, der sparsam lebt, um für die Zukunft vorzusorgen. Sie war wohl das Einzige an mir, was die Frauen glauben machte, ich wäre irgendwann ein guter Ehemann und Vater.
Es bleibt keine Zeit, die Scherben aufzusammeln, es klingelt, er steht vor der Tür.
Mit einem demonstrativ grauen Pullover auf einem gewollt heruntergekommenen Fahrrad, so trat er das erste Mal in Erscheinung. Wie oft habe ich ihn bei meinen Reisen durch die Stadt gesehen, als ob mir das Schicksal damit etwas hätte sagen wollen. Ich musste ihn ansprechen, und in seiner Schlichtheit lag das Versprechen eines letzten, möglichen Gewinnes.
Ein nervöser Mensch, der Typ Denker, Träumer, Taugenichts. In seinen Zwanzigern wird er begehrt da unerreichbar, in seinen Dreißigern abgeschmackt und überholt sein. Aber das werde ich ihm nicht sagen. Er wird auch morgen noch an sein Talent glauben, wird auch morgen noch die schlechtesten Bücher um der Kunst Willen zitieren, er wird eine Zukunft haben, deren Ungewissheit ihn am Leben hält.
– Guten Tag.
– Guten Tag, junger Herr. Ich habe Sie bereits erwartet.
– Ach, der Weg über die Grenze, Sie wissen ja, immer beschwerlich. Da fahren ja nicht einmal Busse.
Klatschnass ist er geworden. Riecht wie ein Hund, der sich gerade trockengeschüttelt hat. Ich kann mir die Schadenfreude nicht verkneifen.
– Dann bleibt nur zu hoffen, dass sich die beschwerliche Reise gelohnt hat. Hier sind sie.
Ich gestikuliere in den ehemaligen Wohnraum hinein. Nichts, außer dem schwer atmenden Teppich und einem vergilbten Stapel Papier. Er scheint von den Titeln keine Notiz zu nehmen, sein Blick schrammt an den hellen Rechtecken auf der Wand und auf dem Boden entlang. Das Inventar hat im ganzen Raum geisterhafte Schatten hinterlassen.
– Wollen Sie einen Blick auf die Auswahl treffen?
Er scheint mich nicht zu hören, der schlaksige Kerl. Ein komischer Kauz ist er ja schon, selbst in einem Raum mit mir. Er ist viel zu lang und dann steht er auch noch immerzu kerzengerade, als wäre er ein Offiziersanwärter aus dem achtzehnten Jahrhundert. Aufgefallen ist er mir aber durch seine Schlichtheit. Seine Bewegungen sind völlig schnörkellos, zielgerichtet, wirkungslos. Man kann kaum ausmachen, wann er durch eine Tür hineinkommt und wann er wieder durch sie verschwindet. Als passe er immer den einen Moment ab, in dem alle abgelenkt woanders hinsehen, um sich in die Welt hinein oder hinaus zu mogeln. Die einzige große Geste, die er sich in der Öffentlichkeit erlaubt, ist das Aufschlagen eines abgewetzten Taschenbuches, das er in seiner Gesäßtasche transportiert.
Er wirft einen Blick aus dem Fenster.
– Schön haben Sie es hier, ehrlich. Nur schade, dass die Pflanzen den Ausblick nicht mehr genießen können.
Unverhohlen grinst er mir ins Gesicht. Das mag ich. Wie er so dasteht, der begossene Pudel, und arrogant mein Leben inspiziert.
– Ärgerlich, gerade am letzten Tag haben sie den Geist aufgegeben.
– Sie ziehen morgen aus?
– Eher heute.
– Eher?
– Heute.
Wenn er lächelt, ähnelt er einem schlecht bemalten Nussknacker aus dem Erzgebirge. Sollte sich jemals eine Frau in ihn verlieben, dann wegen dieses Lächelns. Allein dieses unsichere Zähnefletschen macht ihn zum Menschen.
Er scheut sich keinen Moment, die Balkontür zu öffnen und das Desaster aus nächster Nähe zu betrachten. Ein seltener Charakterzug ist das, so in ein fremdes Leben einzudringen.
– Einen schönen Baum haben Sie da direkt vor der Nase. Ich meine, das muss ein Ahorn sein. Treibt recht spät aus, bleibt bis in den Frühsommer kahl. Ein entscheidender Vorteil, so versperrt er nicht so lang die gute Sicht.
Jetzt grinst er nicht wie ein Nussknacker, sondern lächelt wie ein Schauspieler in der Nahaufnahme. Er macht mich überflüssig in meinem eigenen Schauspiel, übernimmt die ganze Bühne und den vollen Dialog. Etwas pathetisch dreht er seinen Körper, greift mit beiden Händen nach dem Geländer und spricht in die Weite.
– Können Sie sich noch an den Baum erinnern, unter dem Sie zum ersten Mal eine Frau geküsst haben? Ich glaube, so etwas vergisst man nie. Wo Bäume stehen, da liegen auch immer die Erinnerungen, die unter ihnen geboren wurden.
Eine Gänsehaut läuft mir längs über den Körper. Kalt zieht es herein, der Boden ist noch nass vom Gewitter. Ein Unbehagen ist das, als ob es kein Morgen mehr gibt.
– Entschuldigen Sie, ich möchte Sie nicht mit meinen Baumgeschichten langweilen. Es ist nur, ich arbeite gerade viel mit Bäumen. Eigentlich eher indirekt, aber sie verfolgen mich überallhin.
Gerade so kann ich mich fangen, gewinne ein Stück Theater zurück.
– Ach, Sie sind Gärtner?
– Nein, ich bin Informatiker. Gerade arbeite ich an einer App – das ist –
Er fragt mich mit seinem Blick aus, kommt wohl zu dem fälschlichen Urteil, dass ich nicht in der Schweiz, sondern hinter dem Mond lebe.
– das sind diese Mikro-Programme für moderne Mobiltelefone. Jedenfalls können sich damit Menschen digital über ihre Lieblingsbäume austauschen. Man kann Bilder des Baumes ins Netz stellen, Kommentare verfassen, Erfahrungen austauschen, so Zeugs eben.
– Ist das so, bei den jungen Leuten, dass man so etwas braucht?
– Na ja, was braucht man schon. Aber Sie haben immerhin auch versucht, die eine oder andere Pflanze auf dem Balkon zu halten. Es ist eben so ein Bedürfnis, das gelebt werden will. Egal, ob real oder digitalisiert.
Er spricht wie seine eigene Werbebroschüre. Allmählich zieht es verflucht kalt durch die Tür herein.
– So ein Baum hat etwas Zeitloses. Wer hat schon wirklich einmal einen Baum heranwachsen und sterben sehen? Sie sind irgendwie immer schon da, und bleiben noch lange, nachdem wir gegangen sind. Und es sind eben nur die interessanten Frauen, die einen Kuss unter einem alten Ahornbaum ehrlich zu schätzen wissen.
Bei diesen Worten wird er todernst, der junge Baumknutscher. Wieder so ein seltener Charakterzug, der ihn mir zugänglicher macht.
– Aber ich will Ihre Zeit nicht stehlen. Sie sagten, Sie hätten etwas für mich?
Ja, das hatte ich ihm gesagt. Alles auf eine Karte gesetzt und den Fremden einfach angesprochen. Zu verlieren habe ich ja schon länger nichts mehr, also fragte ich ihn einfach, ob er Interesse hätte an Dominiks Frühwerk. An einer wahren Rarität, an den nie veröffentlichen Geschichten eines Wahnsinnigen.
– Alles, was Sie hier sehen, können Sie mitnehmen, sofern Sie denn wollen. Ich dachte zuallererst an die Aufschriebe, aber falls es Ihnen noch an einem Nudelsieb oder einem Übertopf mangelt – greifen Sie zu.
– Und die wollen Sie sicher nicht mitnehmen?
Ich blicke auf den Papierstapel auf den er deutet. Wenn ich doch nur könnte, denke ich, da schellt es an der Tür.
– Entschuldigen Sie bitte.
– Nur zu. Ich sehe mir derweil Ihre Schätze an.
Unbedacht öffne ich aus einem Reflex heraus, vergesse zuvor durch den Türspion zu sehen, was ich zugleich bereuen muss.
– Josef, oh Sie armer Josef!
Von Anfang an einigten wir uns darauf, dass sie mich Josef nennen dürfe, da ihr das fremdklingende László nicht von der Zunge wollte. Sie gehört zum einfachen Volk, zu den simpel gestrickten Weibern, denen die Lästerei noch lieber ist als das Laster. Und jetzt wieder, wie ihr eigenes, winselndes Echo in den leeren Raum hinein:
– Oh, Jo – sef!
