Letzte Tage auf Wangerooge - Malte Goosmann - E-Book

Letzte Tage auf Wangerooge E-Book

Malte Goosmann

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Beschreibung

Nach seiner Pensionierung taucht der ehemalige Inselkommissar Lars Petersen zunächst für einige Wochen in Italien ab. Auf dem Wangerooger Revier muss es von nun an irgendwie ohne ihn weitergehen. Das neue Team unter der Leitung von Hella Hansen hat sich ganz gut zusammengerauft. Als aber eine junge Frau erschossen in einem Strandkorb aufgefunden wird, könnten die Kollegen die erfahrene Spürnase Petersens schon ganz gut gebrauchen, denn mehrere Verdächtige scheinen ein Motiv für die Tat zu haben. Ein Physiotherapeut der Kurverwaltung gerät ins Visier der Ermittler und die Bremer Polizei wird auch wieder um Hilfe gebeten. Wie nicht anders zu erwarten, kann Petersen es nicht lassen, sich in die Ermittlungen einzumischen...

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Seitenzahl: 408

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Bisher ermittelte Kommissar Petersen in folgenden Fällen:

 

2015 / Schatten über Wangerooge

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2016 / Verscharrt auf Wangerooge

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2018 / Rufmord auf Wangerooge

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2019 / Mundtot auf Wangerooge

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2021 / Novemberblues auf Wangerooge

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2022 / Zerbrochen auf Wangerooge

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2023 / Endstation Wangerooge

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2024 / Todesangst auf Wangerooge

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2025 / Ausgelöscht auf Wangerooge  

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2026 / Letzte Tage auf Wangerooge

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Kriminalromane

von

Malte Goosmann

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Alle Titel sind ebenfalls als eBooks und Hörbücher erhältlich

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Buch-Tipp

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Ein Winter auf Wangerooge

Petersens Kampf gegen die Pfunde

ISBN 978-3-757510-76-3

Eine Humoreske mit Illustrationen

von Monika Goosmann

Copyright: © 2026 Malte Goosmann

Self-publisher

Cover Design & Buch-Layout: Monika Goosmann

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Jedwede Verwendung des Werkes darf nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors erfolgen. Dies betrifft insbesondere die Vervielfältigung, Verbreitung, Übersetzung und Verfilmung.

 

In Gedenken

an

Bounty

Letzte Tage

auf

Wangerooge

 

 

Petersens zehnter Fall

 

 

******

 

Kriminalroman

von

Malte Goosmann

 

1

Der Nebel hing tief über dem Wattenmeer. Der Inselhafen war vom Deich aus nicht mehr zu sehen. Von Ferne klang das Heulen eines Nebelhorns durch den Dunst. Die joggende Frau schob sich mit dem Stirnband ihre kurzen, fuchsroten Haare aus der Stirn. Mit ihren grau-grünen Augen sah sie angestrengt vor sich auf den Deich. Die hohe Luftfeuchtigkeit machte Hella Hansen, der neuen Leiterin des Polizeipostens Wangerooge, mächtig zu schaffen. Ihre morgendliche Jogging-Runde setzte ihr dadurch heute mehr zu als sonst. Sie hatte Schwierigkeiten, das Tempo zu halten. Als sie die Pumpstation, die sich parallel zur Landebahn des Flughafens befand, erreicht hatte, blieb sie keuchend stehen und machte einige Stretching-Übungen. Die Betonpiste war durch die tiefliegenden Nebelschwaden nur schwerlich zu erkennen. Mit Sicherheit würde in den nächsten Stunden kein Flugbetrieb stattfinden können. Mehrfach ließ Hella Hansen ihre Arme kreisen, reckte und streckte sich noch einmal gründlich, drehte sich um und begann dann, weiter zu joggen. Sie hatte die ersten Monate in ihrer neuen Funktion hier auf Wangerooge relativ gut überstanden. Sie wurde dahingehend gewarnt, dass in der dunklen Jahreszeit Kneipenschlägereien auf der Tagesordnung stehen würden. Aber, zu ihrer Überraschung, war dem nicht so gewesen. Im Gegenteil, sie musste sich eingestehen, dass eher mal Langeweile sie geplagt hatte, wenn da nicht der Gospelchor gewesen wäre, der ihr nach wie vor viel Freude bereitete. Das Weihnachtskonzert in der Nikolai-Kirche war ihr noch in guter Erinnerung geblieben, mit dieser tollen festlichen Stimmung. Als sie später aber so ganz alleine in ihre Dienstwohnung zurückgekehrt war, hatte ihr die Einsamkeit schon zu schaffen gemacht und sie beschlichen Zweifel, ob die Entscheidung, auf die Insel zu gehen, richtig gewesen war. Aber was sollte es, auch auf dem Festland wäre sie, die schon knapp über fünfzig war und keine Familie hatte, an Weihnachten alleine gewesen. Ein wenig enttäuscht war sie von Lars Petersen, ihrem Vorgänger. Ihr Kater, der den Namen Maigret nach dem legendären französischen Kommissar trug, schien seinen Freund Petersen sehr zu vermissen. Nach dessen Rückkehr aus Italien hatte dieser sich aber nur sporadisch auf der Wache blicken lassen. Mit Ronny, ihrem neuen Kollegen, war Petersen allerdings wohl schon des Öfteren im „Störtebeker“ gewesen, der Kneipe, die auf der Insel Kultstatus hatte. Klar, sie hätte mitgehen können, aber Kneipe war nun wirklich nicht ihr Ding. Petersen hatte vor Längerem mal berichtet, dass er mit Sönke Meiners, dem pensionierten Musiklehrer, an den Basic-Tracks für die Neuinterpretation einiger Lale Andersen-Lieder arbeitete. An jenem Abend auf Petersens Terrasse, bei dem etwas zu viel Wein geflossen war, überkam es Hella und sie hatte einige Lieder mitgesungen. Im Anschluss hatte sie sich geschmeichelt gefühlt, weil Petersen, als auch Meiners, der genau nebenan wohnte und sich dazugesellt hatte, in dem Moment von ihrer Stimme so begeistert gewesen waren. Daraufhin hatte sie etwas zu leichtfertig, wie sie jetzt fand, zugesagt, die Lieder einzusingen. Gut, früher, als sie noch in Oldenburg lebte, hatte sie dort im Opernchor des Staatstheaters gesungen, eigentlich waren diese Schlager, schon gar nicht solche alten Schinken, nach ihrem Geschmack. Während sie so ihren Gedanken nachhing, bemerkte sie gar nicht, dass sie schon das Deichschart erreicht hatte. Wenige Minuten später stand sie wieder, völlig aus der Puste, vor der Wache. Im Dienstzimmer brannte bereits Licht. Auf ihren neuen Kollegen konnte sie sich wirklich verlassen. Hansen lief zügig die Treppe zu ihrer Dienstwohnung hoch, um schnell zu duschen.

Ronald Rohde, genannt Ronny, war mehr als dankbar dafür, dass die Versetzung von Bremen nach Wangerooge geklappt hatte und er nun endlich in der Nähe seiner Freundin Mandy Richter sein konnte. Er hatte damals in Bremen eine schwere Zeit durchleben müssen, nachdem er bei einem Einsatz im Stadtteil Gröpelingen einen Menschen erschossen hatte. Mitarbeiter einer Wohnungsbaugesellschaft wollten sich damals Zutritt zu der Wohnung eines Marokkaners verschaffen, aus dessen Wohnung Wasser bis in den Keller gelaufen war. Der Mieter, der sich nach Zeugenaussagen von Nachbarn in seiner Wohnung befand, aber ihnen nicht öffnete, galt als psychisch auffällig und so war die Polizei um Begleitschutz gebeten worden. Der eigentliche Routineeinsatz war in dem Augenblick eskaliert, als der Mann plötzlich schreiend und mit einem Messer bewaffnet aus seiner Wohnungstür gestürmt und auf die Beamten zugelaufen kam. Der Einsatz löste seinerzeit in Bremen kontroverse Diskussionen aus. Auf den Internetplattformen der rechten Szene wurde der junge Polizist Ronald Rohde, der die tödlichen Schüsse abgefeuert hatte, nahezu als Held gefeiert. Die linke Szene hingegen sah das Ganze als Beleg für die rassistische Gesinnung der Bremer Polizei. Nachfolgende Ermittlungen gegen Ronald Rohde waren eingestellt worden. Um sozusagen Druck aus dem Kessel zu nehmen, wurde Ronny daraufhin für ein Jahr an die Polizei Wangerooge ausgeliehen. Er unterstützte damals Kommissar Lars Petersen in einem spektakulären Mordfall in Zusammenhang mit Kinderverschickungen auf die Nordseeinsel. Als hervorragender Fußballspieler sorgte Ronny in dieser Zeit beim TuS Wangerooge für Furore. Auch hatte er in dem Jahr auf der Insel seine Freundin Mandy kennen und lieben gelernt.

Nach Ablauf des Jahres musste er allerdings zurück nach Bremen, wo er sich, trotz der eingestellten Ermittlungen gegen ihn, nicht mehr wohlfühlte. Die Fernbeziehung zu Mandy trug natürlich auch dazu bei. Immer wieder liebäugelte er mit einer kompletten Versetzung nach Wangerooge, was aber nicht so einfach gewesen war. Umso erfreuter war er, dass durch die Pensionierung von Lars Petersen es Hella Hansen und Martje Willms, der Kommissarin aus Wilhelmshaven, die für Wangerooge zuständig war, gelungen war, ihn auf die Insel zu lotsen. Hansen, die eine bekannte Mordermittlerin in Oldenburg gewesen war, kam selbst auf Grund eines Burn-Out Syndroms auf die Insel und brauchte dringend einen Kollegen, der, wie es Petersen ausgedrückt hatte, „fürs Grobe“ zuständig sein würde. Eigentlich passte Ronny diese Rollenbeschreibung überhaupt nicht. Er sah sich nicht als prügelnden Polizisten, sondern eher als Beamten, dem allein durch seine Körperlichkeit Respekt entgegengebracht werden sollte. Obwohl er nur mittelgroß war, bestach er durch seinen durchtrainierten Körper. In der dunklen Jahreszeit war es zu keinem einzigen Einsatz gekommen, bei dem körperliche Gewalt angewandt werden musste. Mit seiner Chefin Hella Hansen gab es keine Probleme. Sie gab sich zwar recht unnahbar, was aber im dienstlichen Alltag nicht unbedingt ein Nachteil sein musste. Die Wohnsituation auf der Insel war für ihn ebenfalls äußerst befriedigend, da er die Wohnung seiner Ex-Kollegin Heike Wohlers übernehmen konnte, die mittlerweile auf Baltrum ihren Dienst tat. Eigentlich hatte er sogar so viel Platz, dass ein Zusammenziehen mit Mandy möglich wäre. Aber irgendwie zögerte sie eine Entscheidung darüber immer wieder hinaus und das enttäuschte ihn schon, denn er verstand ihre Gründe bis heute nicht so richtig.

Petersen war in den letzten Monaten nicht so häufig auf der Insel gewesen. Einige Male waren sie zusammen in der Kneipe gewesen, aber sonst hatte er sich ziemlich rar gemacht, was Ronny wunderte. Aber wahrscheinlich brauchte der Sheriff erst einmal Abstand von seiner alten Tätigkeit. Rohde hatte seinen PC hochgefahren. Es galt jetzt einen Bericht über einen Vorfall zu schreiben, der sich vorgestern im Rosengarten ereignet hatte. Dort war es zwischen einer Mädchengruppe aus Wangerooge und einer Schülergruppe aus Herne in Westfalen zu einer Auseinandersetzung gekommen. Im Verlaufe einer zunächst verbalen Auseinandersetzung hatte ein vierzehnjähriger Schüler einem Mädchen aus Wangerooge ins Gesicht geschlagen. Das verletzte Mädchen musste danach ärztlich behandelt werden. Die Mutter des Mädchens hatte diesen Vorfall daraufhin zur Anzeige gebracht. So sehr sich Hansen und er auch bemüht hatten, die Hintergründe der Auseinandersetzung zu ergründen, war es ihnen doch nicht gelungen, irgendwie Licht in das Dunkel zu bringen. Rohde kannte diese Art von Konflikten auch aus Bremen. Da genügte manchmal schon ein schräger Blick und los ging die Prügelei. „Was guckst du?“, war nicht nur der Spruch eines bekannten Comedians, sondern tatsächlich Auslöser so mancher Schlägerei gewesen. Hansen und er hatten die Lehrkräfte vernommen, um abzuklären, ob in diesem Fall eine Verletzung der Aufsichtspflicht vorlag. Hier war die Sachlage etwas unklar. Beide Pädagogen befanden sich während des Vorfalls im gegenüberliegenden Geschäft im „Deichwork“ und suchten nach passenden Inselshirts. Der Junge, der die Schläge ausgeteilt hatte, musste am darauffolgenden Tag von seiner Mutter abgeholt und wieder nach Hause mitgenommen werden. Rohde hatte gerade seinen Bericht beendet, als seine Kollegin, gefolgt von ihrem Kater Maigret, das Dienstzimmer betrat.

„Moin, Ronny, du bist ja schon richtig fleißig“, begrüßte Hella Hansen ihn.

Er zeigte lächelnd auf die Kaffeemaschine.

„Frischer Kaffee! Ist gerade durchgelaufen.“

Hansen hob den rechten Daumen und füllte sich ihren Kaffeepott, danach studierte sie den Bericht, der auf Ronnys PC zu sehen war, und überlegte.

„Wir müssen wohl eine Kopie ans Schulamt in Herne schicken. Woher sollen wir hier denn wissen, was die für Regeln in Sachen Aufsichtspflicht für ihre Lehrkräfte haben.“

„Okay, der Junge ist ja nur beschränkt strafmündig. Soll ich das trotzdem an die Staatsanwaltschaft schicken, obwohl die ja bestimmt nichts machen?“

Hansen nickte.

In diesem Moment hörten sie, dass jemand an der Außentür des Reviers war. Dann klopfte es auch schon und noch bevor jemand „herein“ gerufen hatte, betrat Lars Petersen das Revier. Coole Lederjacke, schwarze Jeans und im entspannten Gesicht noch immer eine leichte Italienbräune.

„Moin, liebe Kollegen, das darf ich doch wohl noch sagen, oder?“

„Ach, nee, der verlorene Sohn gibt sich mal wieder die Ehre“, pflaumte Hansen ihn an. Petersen wollte gerade zur Rechtfertigung ansetzen, als Hansen lächelnd weitersprach.

„Hallo, du bist Pensionär, war nur Spaß!“

Ihm war klar, dass Hella Hansen es durchaus ernst meinte mit ihrem Spruch. Immerhin hatte er Unterstützung versprochen und war dann doch einfach abgetaucht. Er hatte erst einmal Abstand gebraucht, aber ein schlechtes Gewissen war bei ihm durchaus vorhanden, zumal die dritte Stelle im Revier noch immer unbesetzt war. Ronny hatte mittlerweile Petersens alten Kaffeepott mit der Werder Raute gefüllt und ihm vor die Nase gestellt. Mit Verwunderung stellte dieser fest, dass „Kollege Maigret“ keine Notiz von ihm nahm, wahrscheinlich war er beleidigt und strafte ihn deshalb mit Missachtung.

Nach dem ersten Schluck aus seinem vertrauten Kaffeepott lächelte er etwas verlegen und fuhr sich mit der linken Hand über den Drei-Tage-Bart.

„Natürlich wollte ich euch auch besuchen, aber ich komme noch aus einem anderen Grund. Besorgte Bürger haben mich angesprochen.“

Hansen unterbrach ihn in einem etwas ärgerlichem Ton.

„Und warum kommen die besorgten Bürger nicht direkt zu uns?“ Immer noch wandten sich viele Insulaner an ihren alten Sheriff, der anscheinend so etwas wie einen Legendenstatus auf der Insel hatte. Irgendwie fühlte sie sich ausgegrenzt. Der Kontakt zur Inselbevölkerung war in der Tat noch ausbaufähig.

Petersen spürte ihre Verärgerung.

„Hella, mein Gott, ich bin hier lange tätig gewesen, die sprechen mich halt zum Beispiel beim Einkaufen mal eben an. Das richtet sich doch nicht gegen euch.“

Ronny, der aufgestanden war, um Kaffeenachschub zu holen, schüttelte nur den Kopf.

„Hört doch mal auf mit dem Scheiß! Was wollten die besorgten Bürger denn nun von dir?“

Petersen war dankbar für Ronnys Einwurf und begann zu berichten:

„Auf einer Sitzung des Arbeitskreises Tourismus im letzten November ist die Idee entstanden, etwas für die Verschönerung der Insel zu tun. Es fand sich daraufhin auch schnell eine Gruppe von engagierten Insulanern, die sofort zur Tat übergingen und Wetterhäuschen, Schilder und Sitzbänke neu strichen. Auch Schmierereien, Aufkleber und Graffitis wurden beseitigt. Die Gruppe bekam bisher viel Lob für ihre Arbeit. Seit gestern nun herrscht blankes Entsetzen. Kaum war die Arbeit beendet, wurden Wetterhäuschen, Sitzbänke und auch Schilder der Nationalparkverwaltung beschmiert, teilweise sogar mit rechten Parolen.“

Hella Hansen wirkte resigniert.

„Warum bekommen wir so etwas nicht gleich mit?“

Petersen machte eine beruhigende Handbewegung.

„Ist doch gestern Abend erst entdeckt worden.“ Jetzt zückte er sein Handy und legte es auf den Tisch. „Ich hab‘ ein paar Bilder gemacht.“

An der Innenwand eines Wetterhäuschens war etwas undeutlich die Aufschrift AfD geschmiert worden und auf zwei Schildern der Nationalparkverwaltung stand die Zahl 1161. Und an einer Bank auf dem Deich standen mit Filzstift deutlich folgende Wörter geschrieben: „Fick Linke, Fick Grüne, Fick Ausländer, Ausländer raus, Deutschland den Deutschen.“ Ebenfalls tauchte wieder die Zahl 1161 auf. Nachdem sie die Bilder aufmerksam betrachtet hatten, lehnten sich alle zurück. Hansen ergriff als erste das Wort.

„Diese Zahl, was hat die zu bedeuten?“

„Da muss wohl der Großstadt-Cop weiterhelfen“, schaltete Ronny sich ein, „1161 ersetzt die Buchstaben AAFA.“

„Ja und?“, bemerkte Petersen ungeduldig.

„Anti-Anti Fascist Action“, erklärte Ronny.

„Also, eine Aktion gegen Antifaschisten. Interpretiere ich das richtig?“, schaltete sich Hansen wieder ein.

Ronny nickte und freute sich über seinen aufklärenden Beitrag. Einen kleinen Augenblick herrschte eine gewisse Ratlosigkeit in der Runde. Alle schienen nachzudenken. Petersen war der erste, der dann die Stille durchbrach. Wie in alter Manier, gerade so, als wäre er hier immer noch der Chef, begann er zu referieren:

„Insulaner würde ich als Täter ausschließen, sonst hätte es schon früher solche Schmierereien gegeben. Auch sind mir keine rechtsradikalen Aktivitäten auf der Insel bekannt. Die Frage ist also, wer hält sich im Moment auf der Insel auf? So kurz nach den Osterferien ist hier eigentlich wenig los. Ich sehe ab und an mal ein paar Rentnerpaare, aber sonst ist hier doch tote Hose, oder nich‘?“

Eine Antwort auf seine Frage wartete er erst gar nicht ab.

„Dieses ständige Wiederholen des Wortes Ficken auf der Bemalung der Bank macht mich stutzig. Ihr mögt mich korrigieren, aber für mich klingt das sehr pubertär. Früher, während meiner Schulzeit, haben wir das Wort heimlich benutzt und ständig dabei albern rumgekichert. Ist das heute auch noch so?“ Jetzt machte er eine Pause.

„Ich denke, das Wort wird heute sehr häufig als Schimpfwort benutzt, ‚Fick dich, Alter‘ ist doch sehr gängig. Ein sehr bekannter Fernsehkoch benutzt das Wort doch ständig im Fernsehen“, antwortete Ronny.

Hella Hansen musste grinsen. „Stimmt, die Sendung mit ihm habe ich das ein oder andere Mal auch gesehen.“

„Police Station Impossible, diskutieren wir jetzt über Kochshows?“, polterte Petersen. Hansen besann sich jetzt darauf, wer hier eigentlich die Chefin war und ging Petersen direkt an.

„Lars, was willst du uns denn nun mit deiner Abhandlung über dieses Wort, das ich jetzt nicht auch noch mal aussprechen möchte, eigentlich sagen?“

„Schulklassen!“, kam es von ihm, sonst nichts.

Hansen nickte und machte ein nachdenkliches Gesicht.

„Okay, das könnte natürlich sein. In den Schullandheimen auf der Insel, und davon gibt es ja recht viele, machen meines Wissens in der Regel Klassen in der Altersstufe von 5 bis 8 Klassenfahrten. Das würde für deine Pubertätsthese sprechen.“

„Aber die Sache mit 1161 erfordert schon eine gewisse Fachkenntnis über die rechte Szene“, schaltete Ronny sich wieder ein. Jetzt stand Hansen auf und ging an Ronnys PC, auf dem noch der Bericht von dem Vorfall im Rosengarten zu lesen war.

„Lars, kannst du dir das mal eben durchlesen?“ Petersen rückte mit einem Stuhl an den Monitor und überflog die Zeilen. Als er fertig war, grinste er Hansen an.

„Ich verstehe, du tippst auf Rache. Der Junge, der das Mädchen geschlagen hat, wurde nach Hause geschickt. In der Tat wäre das eine Möglichkeit. Ist die Klasse noch auf der Insel?“

„Keine Ahnung, aber ich denke schon, das kann man ja schnell rausbekommen.“

Petersen erhob sich und klopfte mit der Faust auf den Tisch, wodurch er Maigret weckte, der ihn allerdings nur angähnte.

„Nun, das ist jetzt euer Job, bin ja nur ein besorgter Bürger. Bis bald, hat mal wieder Spaß gemacht, mit euch zu diskutieren“, sprach er und verschwand sehr schnell.

Hella Hansen und Ronny blickten sich an. Beide schienen den gleichen Gedanken zu haben. Genau das hatte ihnen gefehlt, der Austausch mit dem „alten Inselsheriff“.

2

Noch am Nachmittag fuhren Hansen und Rohde in Richtung Westen. Durch einen Anruf im Schullandheim „Dünenburg“ hatten sie rausbekommen, dass heute für die besagte Schulklasse der letzte Tag auf Wangerooge war. Gerade kam den Beamten ein Materialzug der Inselbahn entgegen. Der Lokführer gab ein kurzes Signal und winkte ihnen freundlich zu.

Hella Hansen war etwas verunsichert.

„Was war das denn jetzt?“

„Der Lokführer ist ein Mitspieler von mir beim TuS.“

Du hast es durch deinen Sport leichter, hier akzeptiert zu werden, dachte sie. Aber mit Sport und Kneipe konnte sie nun wirklich nicht bei den Insulanern punkten. Kurz vor dem Westturm verließen sie den Deich. Direkt hinter dem Turm befand sich auf der linken Seite das Schullandheim. Die Schüler befanden sich zurzeit auf der Sportanlage des Heims. Auf dem Sportplatz wurde Fußball gespielt, im hinteren Bereich Basketball auf einen Korb. Ronny wunderte sich, wie schnell sich seit der Olympiade in Paris diese neue Variante des Spiels durchgesetzt hatte. 3X3 Basketball hatte er sich im Fernsehen gerne angesehen, immerhin hatte Deutschland hier die Goldmedaille gewonnen. Als die beiden Polizisten die Anlage betraten, kam sofort der Lehrer, der hier augenscheinlich den Schiedsrichter spielte, auf die Beamten zu.

„Guten Tag, gibt es wieder Ärger?“ Sorgenvoll musterte er die beiden. Ärger hatten er und seine Kollegin ja nun schon genug gehabt.

„Kommt drauf an. Wo waren Sie mit der Klasse am gestrigen Tag?“

Der Lehrer überlegte kurz, bevor er antwortete:

„Gestern sind wir zum „Café Neudeich“ gelaufen, dort an den Strand und dann zurück auf dem Deich am Wattenmeer. Was ist denn los? Warum fragen Sie?“

„Einen Moment noch“, Hella Hansen machte eine abwehrende Handbewegung, „war die Gruppe immer vollständig zusammen?“

Hansen bemerkte jetzt eine kleine Unsicherheit im Gesicht des Pädagogen. Die Frage schien ihm unangenehm zu sein. Er räusperte sich.

„Nun ja, wie das so ist bei Wanderungen. Die Gruppe zieht sich bei solchen Strecken schon ganz schön auseinander.“

Hansen blickte kurz zu Ronny. Dieser holte nun sein Handy aus seiner Uniformjacke und zeigte dem Lehrer die besagten Fotos mit den Nazi-Parolen.

„Ach, du Scheiße“, entfuhr es dem Lehrer, „und Sie vermuten, es könnte ein Schüler unserer Gruppe gewesen sein?“

Ronny zuckte leicht mit der Schulter.

„Das versuchen wir ja gerade rauszukriegen.“

Der Lehrer nahm seine Trillerpfeife und pfiff die Gruppe zusammen, die auch sofort reagierte. In kurzer Zeit hatte sich eine Traube um die Beamten und den Lehrer gebildet. Jetzt rief er:

„Alle herhören, irgendjemand hat gestern auf der Insel Nazi-Parolen geschmiert! Habt ihr irgendetwas gesehen oder gehört? Könnt ihr etwas dazu sagen?“

„Warum wir denn schon wieder?“, hörte man einen Schüler murmeln.

„Ich habe ja nicht gesagt, dass ihr das wart“, beschwichtigte der Lehrer, „aber es ist schon merkwürdig, dass wir dort, wo die Schmierereien gefunden wurden, gestern langgegangen sind.“

Hansen und Rohde beobachteten die Gesichter der Schüler. Ein schmächtiger Junge wirkte irgendwie verschüchtert, er hielt als einziger seinen Kopf nach unten gesenkt. Hansen war eine geübte Verhörspezialisten und erkannte schnell, wenn jemand log oder sich auffällig verhielt. Sie ging einen Schritt auf den Jungen zu.

„Können wir uns mal kurz unterhalten?“ Der Junge errötete. Der Lehrer erkannte die Situation und schickte die anderen Schüler wieder zum Spielen. Während die Gruppe etwas murrend davon trottete, hörte Ronny, wie ein Mädchen halblaut zu einer Mitschülerin sagte:

„War ja klar, Nazi-Kevin.“

„Da der Schüler noch minderjährig ist, darf ich wohl bei dem Gespräch dabei sein. Ich vertrete hier ja sozusagen die Erziehungsberechtigten“, stellte der Lehrer in einem recht formellen Ton klar. Beide Beamten nickten.

„Was wollen Sie denn von mir?“, kam es von dem Schüler in einem etwas weinerlichen Ton. Ronny übernahm jetzt.

„Wie heißt du denn?“

„Kevin.“

„Also, Kevin, wir hatten eben gerade den Eindruck, als wolltest du uns was erzählen, oder täusche ich mich?“ Kevin zuckte mit der Schulter.

„Okay, Kevin, dann gehen wir jetzt mal eben rein und du schreibst uns auf ein Blatt Papier die Wörter ‚Fick Grüne und Ausländer raus‘!“ Kevins Gesichtszüge entgleisten ihm sofort, er stand jetzt kurz vor einem Weinkrampf.

„Ich fand das alles so ungerecht“, schluchzte er bereits. Der Lehrer legte vorsichtig seine Hand auf die Schulter des Schülers und fragte ruhig:

„Was fandest du so ungerecht, Kevin?“

„Dass Sie Dennis nach Hause geschickt haben. Die Mädchen da haben uns doch blöde angemacht, diese arroganten Tussis.“

Jetzt ergriff Hansen das Wort.

„Deshalb hast du also die Sachen da hingeschmiert? Aber warum denn, das eine hat doch nichts mit dem anderen zu tun?“

„Ich war so sauer auf diese verfickte Insel. Auf Nazi- Parolen reagiert ihr doch sofort“, erklärte er jetzt in einem gefassteren Zustand. Hansen schüttelte den Kopf.

„Und wo hast du das alles denn her, vor allem diese 1161?“

„Aus dem Internet und von meinem Bruder. Der hat mir die richtigen Seiten gezeigt, der ist wirklich ein Nazi, aber so richtig hardcore-mäßig. Ich hab‘ damit eigentlich überhaupt nichts am Hut, hab‘ sogar viele türkische Freunde, auch hier in der Klasse.“ Sein Lehrer nickte bestätigend. Hansen zückte ihren Notizblock.

„Kevin, dir ist schon klar, dass es sich hier um eine Straftat handelt. Nach §303 des Strafgesetzbuches kann man, wenn man fremde Sachen beschädigt oder zerstört, sogar mit Gefängnis bestraft werden.“

Kevins Lehrer schüttelte jetzt etwas verärgert den Kopf.

„Der Junge wird doch nach dem Jugendstrafrecht behandelt, nun machen Sie ihm mal nicht unnötig Angst.“

„Ich kann doch helfen, das wieder wegzumachen“, schlug Kevin etwas übereifrig vor.

„Erst nehmen wir mal deine Personalien auf. Alles andere entscheidet der Jugendrichter“, belehrte Hansen den sofort wieder etwas verängstigt dreinblickenden Schüler. Sie wollte dem Jungen tatsächlich Angst machen, als kleine Lektion. Es hätte nicht des Einwurfs des Lehrers bedurft. Natürlich wusste sie, dass ein Minderjähriger nur nach dem Jugendgerichtsgesetz verurteilte werden konnte.

Nachdem alles aufgenommen war, verabschiedeten Hansen und Rohde sich und radelten zurück zur Wache. Unterwegs ließen sie das eben Erlebte noch einmal Revue passieren.

„Nazi-Parolen als Rache für einen Klassenkameraden, der nach Hause geschickt worden ist. Irgendwie unwirklich“, äußerte Hella Hansen ihr Unverständnis über die Situation. Ronny pflichtete ihr bei, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass in Großstädten diese Art von Provokationen schon länger an der Tagesordnung waren.

3

Oberkommissarin Aylin Çelik von der Abteilung Organisierte Kriminalität (OK) rührte gedankenversunken in ihrer Latte Macchiato. Vor zwei Wochen war sie vom Dienst suspendiert worden. Sie hatte mal wieder ihre Emotionen nicht im Griff gehabt. All das wäre nicht passiert, wenn Mona Behrens, ihre damalige Vorgesetzte, noch im Dienst gewesen wäre. Auch Mona war während ihres letzten Falls suspendiert worden, als sie einem algerischen Jugendlichen, der auf Wangerooge eine ukrainische Frau brutal ermordet hatte, mehr oder weniger die Abschiebung angedroht hatte. Mona hatte sich krankschreiben lassen und sich dann in den Schwangerschaftsurlaub begeben. Danach war es in der Abteilung drunter und drüber gegangen. Staatanwaltschaft und Polizeiführung bekriegten sich seitdem.

Aylin Çelik sah in der Abteilung OK keine Perspektive mehr für sich, selbst wenn sie wieder zurückkehren könnte, woran sie aber zweifelte, würde sie das nicht wollen. Was war geschehen? Bei einer Razzia in einem illegalen Bordell in Oldenburg waren mehrere vermeintliche Zuhälter festgenommen worden. Einen davon, ein bulgarischer Staatsangehöriger, sollte durch Aylin und einem Kommissaranwärter verhört werden. Der Verdächtige hatte breitbeinig und mit einem unverschämten Grinsen vor ihr gesessen und sie dann provoziert.

„Bevor du alte kurdische Schlampe mich hier verhörst, sollte ich dich mal richtig durchficken“, hatte er ihr ins Gesicht geschleudert. Da waren ihr die Sicherungen durchgebrannt. Sie war auf ihren Gegenüber losgegangen und hatte diesen durch mehreren Faustschläge ins Gesicht niedergestreckt. Ihrem jungen Kollegen war es nur mit Mühe gelungen, sie von weiteren Schlägen abzuhalten. Nun saß sie hier in einem Café im Lambertihof und dachte über ihre Zukunft nach. Die Möglichkeit wieder von Oldenburg zurück nach Wilhelmshaven zu gehen, verwarf sie. Ihre alte Freundin, Martje Willms, mit der sie früher beim Kriminaldauerdienst zusammengearbeitet hatte, war mittlerweile zur Hauptkommissarin aufgestiegen. Mit Martje als Vorgesetzte würde es nur Schwierigkeiten geben. Damals hatten sie noch beide auf Augenhöhe agiert, aber jetzt unter den veränderten Bedingungen war für Aylin eine Zusammenarbeit nur schwer vorstellbar. Der Personalrat hatte ihr sowieso mitgeteilt, dass sie mit einer Versetzung und Gehaltskürzung rechnen müsse. Gerade als sie zahlen wollte, vibrierte ihr Handy, Martje Willms. Das war dann wohl Gedankenübertragung.

„Moin, Polizeipräsidentin, was macht denn die Karriere?“, pflaumte Aylin Martje an.

„Lass den Scheiß, ich versuche gerade eine Lösung für dich zu finden, bist ja wohl mal wieder ausgerastet. Mensch, dass du das nicht in den Griff kriegst.“

„Ach, hat sich das schon wieder bis Schlicktown rumgesprochen?“

„Hör zu, Aylin, die wollen dich zur Polizeistation Wangerland nach Hohenkirchen versetzen.“

„Ach du Scheiße, dann kündige ich!“

„Pass mal auf, ich hab‘ da doch noch immer die vakante Stelle auf Wangerooge. Ich liege gerade im Streit mit dem Personalrat. Könntest du dir eventuell vorstellen, auf die Insel zu gehen? Dann wärst du auch nah bei deinem Jens.“

„Hallo, mit dem ist doch schon lange Schluss.“

„Wäre das denn ein Hindernis?“

„Nee, wir haben uns ja ganz freundschaftlich getrennt. Mensch, Martje, Wangerooge, das hätte was.“

„Aber du musst wissen, Lars ist in Pension und die Wache ist neu besetzt. Hella Hansen kennst du ja schon von den Ereignissen des letzten Jahres, als ich mit diesem Vollpfosten von Kollegen Andersen gegen Lars ermitteln musste.“

„Erinnere mich bloß nicht daran, aber die Hansen machte auf mich wirklich einen ganz patenten Eindruck, etwas unterkühlt vielleicht, aber egal. Außerdem soll sie laut Flurfunk hier bei uns bis zu ihrem Burn-Out einen Eins-A-Job gemacht haben.“

„Dann ist da noch ein aus Bremen versetzter Kollege, Ronald Rohde.“

„Warte mal, Martje, der Name kommt mir jetzt bekannt vor. Mona Behrens hat mir ausführlich von den Ermittlungen damals gegen diesen Friedhofsgärtner aus Bremen erzählt. Sein Name fällt mir jetzt nicht mehr ein. Vielleicht erinnerst du dich auch an den Fall, es ging da ursächlich um Misshandlungen in der Kinderverschickung auf Wangerooge, die allerdings Jahrzehnte zurück lagen. Der Mann war vom damaligen Opfer zum Mehrfachmörder mutiert. Eigentlich war das eine ganz traurige Sache. Egal, jedenfalls glaube ich, damals von Mona gehört zu haben, dass ein Ronny für ein Jahr nach Wangerooge strafversetzt worden war.“

„Genau, das ist Ronald Rohde. Das Ganze geschah genau in dem Jahr, bevor wir beide auf die Insel gekommen waren. Der Mörder hieß übrigens Wähling und hat sich auf Wangerooge selbst das Leben genommen, das weiß ich, weil ich mir damals aus Neugierde die Akten dazu persönlich angesehen hatte.“

„Ja, richtig, Wähling, das war sein Name gewesen. Der Fall war ja seinerzeit echt spektakulär...“

Martje unterbrach Aylin an dieser Stelle.

„Aber nun zurück zu Ronny. Der Kollege hatte jedenfalls in seinem Jahr auf Wangerooge nicht nur einen sehr guten Eindruck hinterlassen, sondern Lars hat sich für Ronnys Versetzung jetzt auf die Insel noch persönlich stark gemacht. Hansen und Ronny wären also dann deine Kollegen.“

„Okay, das hört sich doch alles ganz vielversprechend an. Ich könnte mir das schon vorstellen, wieder auf Wangerooge zu arbeiten. Wir wären dann ja eine tolle Truppe, drei Verdammte auf der Insel der Verdammten.“ Aylin musste über ihren Gag selbst lachen. „Aber Lars ist doch noch auf der Insel, oder?“

„Ja, nicht immer, aber er hat sich ja eine Haushälfte gemietet und fühlt sich anscheinend dort sehr wohl.“

„Okay, dann kann ich ja mit ihm ab und zu ein Bier im „Störtebeker“ trinken.“

„Ist das jetzt als ein Ja zu verstehen?“

„Ja, Schwester!“

„Okay, du hörst von mir.“

Die alte Vertrautheit zwischen den beiden war plötzlich wieder da. Ihre großen braunen Augen blickten viel zuversichtlicher in die Zukunft, als noch vor einer halben Stunde. Während sie sich eine Strähne ihrer dunklen Locken von der Stirn pustete, verließ sie gut gelaunt den Lambertihof.

 

Mona Behrens schob ihren Kinderwagen durch den Kurpark an der Promenade von Bad Zwischenahn. Noch waren wenige Touristen unterwegs. Sie genoss die Ruhe. Ihr gerade mal eine Woche alter Sohn Nils schlief. Die Nacht war wieder sehr unruhig verlaufen. Immer wieder musste sie den Säugling hochnehmen und beruhigen, selbst wenn er gestillt und satt war, quengelte er. Tagsüber war ihr Kind eher ruhig, was ihr aber wenig half. Der kurze Schlaf mit den vielen Unterbrechungen machte ihr schwer zu schaffen. Ihr Freund, Dr. Christian Krönke, hatte sich aus dem gemeinsamen Schlafzimmer ausquartiert, da er einen stressigen Job in der Klinik hatte, dagegen konnte sie auch wenig sagen. Schließlich verdiente er die Kohle. Auf Dauer würde sie das aber nicht akzeptieren. Ihr Plan war, in ein bis zwei Jahren wieder in ihren Job zurückzukehren, allerding nicht in die Abteilung OK. Ihr Freund hatte versprochen, dann ein Sabbatjahr zu nehmen. Mona betrachtete ihren schlafenden Sohn. Sie forschte in seinem Gesicht und ertappte sich bei dem Gedanken: Wem sah er nun ähnlicher, Christian oder Lars?

Nach ihrem letzten Fall, bei dem sie auch auf Wangerooge tätig gewesen war, hatte sie noch ein letztes Mal mit Lars Petersen, ihrer alten Liebe, geschlafen. Einen Tag später aber auch mit Christian, ihrer neuen Liebe. Beide Männer könnten theoretisch also der Erzeuger ihres Kindes sein, aber sie durften niemals davon erfahren. Christian glaubte, Nils wäre sein Kind und so sollte es auch bleiben. Sorge bereitete ihr allerdings die Tatsache, dass Lars Petersen wahrscheinlich noch nichts von der Geburt des Kindes erfahren hatte. Wie würde er reagieren? Würde er eventuell vermuten, der Vater zu sein? Sie musste mit ihm reden, hatte aber richtigen Bammel davor.

Ein Vaterschaftstest würde alles zerstören, da war sie sich sicher und sie würde das auch zu verhindern wissen. Sie hatte ihre ganz eigene Vorstellung von einem Test. Würde ihr Sohn hochbegabt und ein Ass in der Schule sein, wäre Christian der Vater, dessen Abi-Schnitt war 1,2 gewesen. Wäre Nils hochmusikalisch und sich als eigenwilliger Typ entwickeln, wäre garantiert Lars der Vater. Irgendwie amüsierte sie die Vorstellung von zwei möglichen Vätern ihres Sohnes, obwohl sie nicht sicher war, ob das alles konfliktfrei ablaufen würde. Sie musste unbedingt Kontakt zu Lars aufnehmen.

4

Auf dem Rückweg von einem Strandspaziergang entschloss sich Petersen, beim „Diggers“ einen Cappuccino zu trinken. Er nahm sein Getränk mit nach draußen und platzierte sich an einen der Stehtische. Der Himmel war bedeckt und die See nur leicht bewegt. Er schätze die Windstärke auf 3 Beaufort (Bft). So langsam hatte er eine gewisse Struktur in sein Pensionärsleben gebracht. Jeden Morgen fuhr er erstmal eine Runde Fahrrad mit dem E-Bike, nach dem ausgiebigen Frühstück nahm er sich dann seine Gitarre und übte, manchmal fielen ihm dabei auch Melodien ein, die er dann abspeicherte. Nur zwei Kneipenbesuche pro Woche hatte er sich genehmigt. Zu Hause trank er fast überhaupt keinen Alkohol mehr, außer, wenn er Gäste hatte, was aber sehr selten vorkam. Immer noch klangen ihm die drohenden Worte seiner Tochter Lena im Ohr.

„Papa, wenn du mit dir selbst nicht diszipliniert umgehst, wirst du noch zum Alkoholiker!“

Er trank den letzten Schluck von seinem Cappuccino und musste grinsen. Im Alter übernahmen anscheinend die Kinder die Erziehungsarbeit für ihre Eltern. Jetzt erregte eine vorbeifahrende Fregatte der Bundesmarine seine Aufmerksamkeit. Er hatte im Radio gehört, dass heute die Fregatte „Hamburg“ ins Rote Meer fahren würde, um dort die internationale Schifffahrtsroute gegen die Angriffe der Huthi-Rebellen zu schützen. Er musste an die Besatzung denken, wie denen wohl zumute war vor einem so gefährlichen Einsatz. Er holte sich einen zweiten Cappuccino und sinnierte weiter. Nun beschäftigte ihn die Situation auf der Wache. Ein schlechtes Gewissen beschlich ihn dabei. Er hatte Hella versprochen, sie zu unterstützen, zumal eine Stelle unbesetzt war, aber stattdessen war er in Italien abgetaucht gewesen und auch danach hatte er sich auf dem Revier kaum blicken lassen. Allerdings hatte er diesen Abstand gebraucht, um zu sich selbst zu finden. Es war nicht zu leugnen, dass sich die Koordinaten in seinem Leben verschoben hatten. Trotzdem nahm er sich vor, demnächst mal wieder häufiger auf der Wache vorbeizuschauen, so wie er es vorhin gemacht hatte. Mit Hella musste er sowieso sprechen, denn Sönke Meiners und er hatten die Basic-Tracks für die vier Lale Andersen Lieder fertiggestellt. In Bremen wurden die Tracks noch einmal von Merti, seinem alten Musiker-Freund, überarbeitet. Merti musste sein Brot nicht mehr als Berufsmusiker auf Hochzeiten und Beerdigungen verdienen. Als Bar-Pianist auf Kreuzfahrtschiffen verdiente er mittlerweile sehr gut, so dass er es sich auch leisten konnte, zwischendurch junge Rockbands zu produzieren. Witzigerweise hatte Merti bei dem Lied Hafen und Mädchen den Männerchor völlig neu von jungen Leuten einsingen lassen. Im Vergleich dazu fand Merti, war das, was Sönke und Petersen vorher gesungen hatten, geradezu lächerlich. Im O-Ton hatte er gesagt:

„Jungs, das lass ich euch nicht durchgehen, das klingt ja wie Statler und Waldorf aus der Muppet Show.“

Petersen hatte sich danach das Stück noch einmal angehört und musste feststellen, dass Merti recht gehabt hatte. Sie hätten sich mit diesem Altmänner-Gegröle absolut lächerlich gemacht. Morgen würde er Hella Hansen ansprechen, um einen Termin zu vereinbaren, damit sie ihre Stimme einsingen konnte. Hoffentlich würde sie keinen Rückzieher machen. Schon zum zweiten Mal schob jetzt eine relativ attraktive Blondine einen alten Mann in einem Rollstuhl über die Promenade am „Diggers“ vorbei. Er hatte diese Frau schon häufiger mit alten Männern gesehen. Ob das eine Pflegerin war? Gab es auf der Insel so eine Station für Häusliche Pflege? Seines Wissens nicht.

Nachdem Petersen ausgetrunken hatte, ging er langsam in Richtung „Café Pudding“. Als er an der Kneipe „Strandkorb“ vorbeikam, traute er seinen Augen nicht. An der Theke saß sein alter Kumpel, der Magister, Wirt der Kultkneipe „Störtebeker“ und knobelte. Nun ja, es war Sonntagmittag und der Magister hatte Ruhetag, warum also nicht. Petersen entschloss sich rein zu gehen und schritt langsam die Treppe zum „Korb“ hinauf. Er wurde mit einem vielfachen „Moin“ freundlich begrüßt. Wie immer beim Knobeln standen schon sehr viele Jever Flaschen auf der Theke, nur beim Magister war das anders. Er traute seinen Augen nicht. Vor ihm stapelten sich mehrere Tafeln Schokolade der Marke Ritter Sport. In einer Knobelpause sprach er den Magister an:

„Alter, was hat das denn zu bedeuten?“, und zeigte mit dem rechten Zeigefinger auf den Schokoladenturm.

„Moin Sheriff, wie du weißt, trink‘ ich ja nur alkoholfreies Bier, aber wenn diese ständigen Verliererrunden kommen, hängt mir irgendwann die Suppe zum Hals raus, deshalb lass‘ ich mir lieber eine Schokolade ausgeben.“

Eine vernünftige Idee befand Petersen und blickte aus dem großen Fenster auf die Promenade. Wieder schob dieselbe Blondine mit dem alten Mann vorbei. Beide unterhielten sich scheinbar angeregt. Petersen stieß den Magister mit dem Ellenbogen in die Seite.

„Sag mal, kennst du die? Was für einen Auftrag hat die denn?“

Der Magister reagierte fassungslos.

„Was ist denn mit dir los, willst du die angraben, oder was?“

Petersen schüttelte den Kopf.

„Quatsch, aber irgendwie fällt mir die Frau auf.“

„Attraktive Frauen fallen immer auf, das liegt ja wohl in der Natur der Sache, das muss ich dir doch wohl nicht erklären!“

Jetzt schaltete sich der Thekennachbar des Magisters ein.

„Jungs, das is‘ doch Yvonne, eine private Pflegerin, die begleitet alte Männer in ihren Urlaub. Die hat hier wohl selbst ein größeres Appartement und wohnt dann da mit ihren Urlaubsgästen.“

Petersen sah ihn ungläubig an.

„Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt. Zahlt denn die Kasse sowas?“

Der Magister fing jetzt an zu lachen.

„Sag mal, wo lebst du denn? Für solch einen Service musst du richtig Kohle auf den Tisch des Hauses legen und wenn du Bock hast, werden dir dafür auch mal die Eier geschaukelt.“

Es ertönte das für den Magister typisch dröhnende Lachen, das immer dann kam, wenn er glaubte, einen Gag gemacht zu haben. Kurz bevor er wieder mit dem Würfeln dran war, schob er noch einen nach.

„So, wie das aussiehst, solltest du schon mal ordentlich Geld beiseitelegen. Von deiner Beamtenpension kannst du dir so eine Luxuspflege-Tussi nämlich ganz sicher nicht leisten.“

Lachend knallte er den Würfelbecher auf die Theke. Das Gespräch endete, als Petersen Hella Hansen in Uniform auf der Promenade vorbeigehen sah. Er warf einen Fünfer auf die Theke, lief die Stufen zum Ausgang runter und rief ihr hinterher:

„Frau Wachtmeisterin, bitte warten Sie einen Moment!“

Skeptisch musterte Hansen ihn.

„Hast du etwa getrunken?“

„Natürlich nicht, hatte nur kurz oben ein Gespräch mit dem Magister, der knobelt da gerade. Ich wollte dir nur sagen, die Lale-Tracks sind fertig, du brauchst nur noch deine Stimme einzusingen.“

„Puuh, jetzt schon? Ich weiß nicht…“

„Du hast es versprochen, Kollegin“, unterbrach er sie.

„Okay, stimmt ja, aber ich müsste mir das Ganze vorher erstmal anhören, um mich vorzubereiten.“

„Das geht sicher, du musst dann allerdings zu mir kommen, weil ich das entsprechende Gerät habe.“

„Ich würde das lieber für mich alleine proben, dann fühle ich mich bei unserem gemeinsamen Üben sicherer.“

„Okay, kann ich verstehen. Wir machen einen Termin bei mir und ich hau‘ dann einfach für ‘ne Weile ab, einverstanden?“

Hella Hansen nickte nur zögerlich. In diesem Augenblick sprach eine Passantin sie an und beschwerte sich über die Radfahrer auf der Promenade. Petersen verdrückte sich klammheimlich. Er war nur froh, dass er mit so einer Scheiße nichts mehr zu tun hatte.

5

Eigentlich wollte er zu einem Spaziergang an die Weser aufbrechen. Aber in diesem Moment fing es an zu regnen. Seufzend ließ er sich in einen der Sessel fallen, die in der Lobby der Seniorenresidenz aufgestellt waren. Seitlich von ihm stand ein Regal mit Werbebroschüren. Verschiedene Wohlfahrtsverbände hatten hier Werbematerial für ihre Produkte ausgelegt. Häuslicher Notruf, Essen auf Rädern, Informationen über die Pflegestufen. Für ihn war das aber alles uninteressant. Er hatte sich hier in die Residenz eingekauft und ein kleines Zweizimmer-Appartement erworben. Wenn er wollte, konnte er die Dienste der Einrichtung in Anspruch nehmen, wenn nicht, war er ein ungebundener Mann, der tun und lassen konnte, was er wollte. Mit seinen 84 Jahren war der ehemalige Senatsdirektor Dr. Gerhard Schönfelder geistig noch relativ fit. Nach dem Frühstück gehörten Kreuzworträtsel und Sudoku zu seinem Fitnessprogramm. Zusätzlich hatte er drei Tageszeitungen abonniert und las in der Woche mindestens ein Buch, entweder politische oder historische Sachbücher oder aber spannende Kriminalromane. Körperlich machten ihm die Folgen einer misslungenen Hüftoperation zu schaffen. Seither konnte er sich nicht mehr gerade aufrichten und nur noch mit Hilfe eines Stockes leicht gekrümmt fortbewegen. Aber noch schwerer wog für ihn die Diagnose seines Hausarztes, der ihm kürzlich eine schleichende Demenz attestiert hatte. Wie schnell das Gespenst sich seiner bemächtigen würde, hatte der Doktor ihm nicht sagen können. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als, so lange er dazu noch in der Lage war, sein geistiges Fitnessprogramm weiterhin konsequent durchzuziehen. Seiner Tochter Alexandra, die Oberärztin am Uni-Klinikum in Großhadern in München war, hatte er diese Diagnose tunlichst verschwiegen. Sie sollte ihr Leben als erfolgreiche Ärztin unbeschwert genießen können. Ihren Versuchen, ihn nach München zu locken, hatte er stets widerstanden. Er wollte ihr ganz sicher nicht zur Last fallen und als bekennender Hanseat hatte er seiner Meinung nach in Bayern sowieso nichts zu suchen. Seine Tochter konnte diese Gedanken überhaupt nicht nachvollziehen. Sie hatte ihm sogar das Angebot gemacht, selbst auf halbe Stelle zu gehen, um mit ihm noch ein paar schöne Jahre verleben zu können. Schönfelder hatte dies bisher immer abgelehnt. Erstens wusste er, dass seine Tochter kurz vor einer Professur stand und zweitens hatte er sich als Vater während ihrer Kindheit viel zu wenig um seine Tochter gekümmert. Seine Karriere in der bremischen Verwaltung war ihm damals wichtiger gewesen. Die Erziehungsarbeit hatte er allein seiner Frau überlassen, die sich dafür fünf Jahre aus dem Schuldienst hatte befreien lassen. Alles das bedauerte er rückblickend sehr und deshalb hatte er kein Recht, die Karriere seiner Tochter zu behindern und von dieser Sichtweise wollte er sich auch in keinem Fall abbringen lassen.

Während Schönfelder seinen Gedanken nachhing, fiel ihm rein zufällig ein Stapel Flyer ins Auge, der vor ihm auf einem kleinen Beistelltisch lag. Die freundlich lächelnde blonde Dame auf dem Faltblatt erregte sein Interesse und er griff sich einen der Flyer. Die Frau bot ihre Dienste als „Urlaubspflegerin“ an. In dem nachfolgenden Text stand geschrieben, dass auch pflegebedürftige Menschen ein Recht auf die Befriedigung ihrer Bedürfnisse hätten, zu denen natürlich auch das Reisen gehören würde. Die pflegebedürftige Person würde das Reiseziel selbstverständlich frei wählen können. Sie sei in der Lage, für die Dauer der Reise die komplette Pflege zu übernehmen. Bevorzugt bot sie allerdings den Aufenthalt auf der Nordseeinsel Wangerooge an, auf der ihr ein pflegegerechtes Appartement zur Verfügung stehen würde. Als Schönfelder das Wort Wangerooge las, durchströmte seinen Körper ein wohliges Gefühl. Auf jener Insel hatte er vor fast 60 Jahren als junger Gerichtsreferendar seine verstorbene Frau Johanna kennengelernt, die als Lehramtsstudentin eine Schulklasse begleitet hatte. Er war damals mit mehreren Kumpels für ein gemeinsames Wochenende auf der Insel gewesen. Am Strand hatte er beobachtet, wie ein sehr junges Fräulein verzweifelt versuchte, Schulkindern das Volleyballspiel beizubringen. Gemeinsam mit seinem Freund Bernd hatte er sich das Schauspiel amüsiert angesehen, nach einer Weile ihr dann aber pädagogische Hilfe angeboten. Bernd und er hatten jeweils in einer Mannschaft agiert und schon war ein reges Spiel zustande gekommen. Die Begeisterung der Schüler hatte sich auch auf die junge Studentin übertragen. Als Dankeschön hatte sie die beiden Hilfstrainer am Abend zu einem Bier eingeladen. Noch am selben Abend hatten sie sich Hals über Kopf ineinander verliebt. Und so hatte das Schicksal seinen Lauf genommen. Ein paar Jahre später waren sie ein Ehepaar und nachdem ihre Tochter Alexandra geboren worden war, urlaubte die junge Familie mehrere Jahre hintereinander auf Wangerooge. Schönfelder hatte erst bemerkt, dass ihm ein paar Tränen über die Wangen gelaufen waren, als diese auf das Faltblatt in seiner Hand tropften. Er hatte seine geliebte Frau viel zu früh verloren. Elendig war Johanna an Krebs zugrunde gegangen. Zum Glück hatte er einen kleinen Freundeskreis gehabt, der ihn aufgefangen hatte. Aber auch der war im Laufe der Jahre dahingeschmolzen, sie waren mittlerweile alle verstorben. Er war der letzte Überlebende. War das ein Segen? Er wagte es zu bezweifeln. Am härtesten hatte ihn der Kontaktabbruch zu seinem besten Freund Bernd getroffen, der unter merkwürdigen Umständen zustande gekommen war und das schmerzte immer noch. Hierüber war das letzte Wort eigentlich noch nicht gesprochen, obwohl Bernd längst nicht mehr unter den Lebenden weilte. Die Einsamkeit schien ihm wie ein Fluch, dem er nicht mehr entkommen konnte. Schönfelders altes Kämpferherz begann leise zu rebellieren, er wollte nicht nur von alten Erinnerungen zehren müssen, er wollte noch irgendwas halbwegs Schönes erleben. Und wer weiß, wie lange er noch klar denken konnte…

Gerade schob eine demente Seniorin auf wackeligen Beinen zielstrebig mit ihrem Rollator in Richtung Ausgang, um die Residenz zu verlassen. Sie war total verwirrt und rief völlig aufgelöst:

„Ich will nach Hause!“

Gerade noch konnte eine Pflegerin, die der Seniorin im Eilschritt gefolgt war, das Schlimmste verhindern und fing sie gerade noch rechtzeitig ab, als diese auf die Straße zu rollen drohte. Schönfelder blickte hinauf zum Himmel. Es hatte endlich aufgehört zu regnen.

„Jetzt muss ich hier schleunigst raus“, murmelte er, stand etwas umständlich auf, aber nicht, ohne sich das Faltblatt der schönen Pflegerin in die Jackentasche zu stecken. Er nahm seinen Gehstock und machte sich in leicht nach vorne gekrümmter Haltung auf den Weg runter an die Weser.

6

Nachdem Petersen sein Fitnessprogramm absolviert hatte, trank er einen Cappuccino im „Café Treibsand“. Leider hatte er den Magister nicht angetroffen. Der Termin für die Urlaubsvertretung im „Störtebeker“ rückte näher. Er wollte in jedem Fall sein Versprechen gegenüber dem Magister halten. In letzter Zeit hatte er des Öfteren den Eindruck gehabt, dass der alte Knabe dringend eine Pause gebrauchen könnte. Der Gesundheitszustand des Magisters bereitete Petersen durchaus Sorgen. Aber bis heute hatte er noch keine Einweisung von ihm bekommen. Langsam wurde Petersen deshalb nervös. Wenn er sich hinter der Theke blamieren würde, könnte er die Insel gleich verlassen, befürchtete er. Aber er hatte nun mal versprochen, für eine Woche die Vertretung in der Kneipe zu übernehmen. Die Playlisten hatte er schon vorbereitet, aber es fehlte eben die handwerkliche Einweisung für zum Beispiel Fasswechsel, Spülmaschine, Getränkebestellungen und so weiter. Er entschloss sich, kurz zum Strand hoch zu gehen, da das Wetter aufklarte. Dort angekommen, atmete er die Seeluft ganz tief ein und ließ erstmal in aller Ruhe seinen Blick schweifen. Es war noch recht früh am Tag und der Strand war nur mäßig besucht. In Richtung „Haus Germania“ spielte eine Schulklasse Beach-Fußball. Es war ablaufend Wasser und der Beobachtungsturm der Wasserwacht war deshalb noch nicht besetzt. Er ging langsam in Richtung untere Promenade und beobachtete das Meer. Ein Schwarm Möwen umkreiste kreischend einen Fischkutter, der gerade dabei war, seinen Beifang wieder ins Meer zu kippen. Als Petersen so gedankenversunken dastand, bemerkte er nicht, dass eine weibliche Stimme ihn aufforderte, zur Seite zu treten. Erst bei der zweiten Aufforderung realisierte er die Situation. Die blonde Pflegerin, die ihm schon mehrfach aufgefallen war, schob wieder einen alten Mann im Rollstuhl. Neben den beiden ging der italienische Physiotherapeut und Animateur, den Petersen schon häufig beobachtet hatte, wenn dieser den Touristen am Strand Zumba-Kurse gab. Petersen trat einen Schritt zur Seite und entschuldigte sich. „Alles gut“, sprach die Pflegerin und lächelte ihn freundlich an. Ihm entging dabei nicht, dass der Italiener die rechte Hand der Blondine hielt. Waren die beiden ein Paar? Seine innere Stimme rief ihn zur Ordnung. „Das geht dich nichts an, Petersen.“

Laute Schreie rissen ihn aus seinen Gedanken. Etwa 100 Meter rechts von ihm schrie ein vielleicht zehn bis zwölf Jahre alter Junge aus vollem Hals um Hilfe und ruderte dabei wild mit beiden Armen in der Luft herum. Ohne auch nur einen Moment zu zögern, sprintete Petersen in Richtung des Jungen. Sein Fitnesstraining machte sich jetzt bezahlt. Es dauerte weniger als eine Minute, bis er den Jungen erreicht hatte. Dieser heulte und stand augenscheinlich unter Schock. Eine Beschreibung dessen, was ihm passiert war, kam nicht über seine Lippen. Wild gestikulierend zeigte er immer wieder auf den aufgewühlten Haufen Sand, der vor ihnen lag. Petersen musste sich jetzt konzentrieren. Er durfte sich von der Panik des Jungen nicht anstecken lassen. War da jemand verschüttet, rätselte er. Als dem Jungen das Wort „Tunnel“ über die Lippen kam, hatte er verstanden. Fieberhaft fingerte er sein Handy aus seiner Jacke und wählte sowohl 110 als auch die 112. Dann begann er knieend, mit beiden Händen zu graben. Aber er bekam keinen Kontakt zu der Person, die da anscheinend verschüttet lag. Ernst sah er den wimmernden Jungen an, der jetzt neben ihm kniete. „Wie tief?“, fragte er ihn so ruhig wie möglich. Der Junge machte eine ausladende Handbewegung. „Ach du Scheiße“, entfuhr es Petersen. Wenn das stimmte, was der Junge da angezeigt hatte, lag der Verschüttete mindestens 1,5 Meter tief. Mittlerweile waren weitere Personen eingetroffen, die Petersen sofort aufforderte, auch mit den Händen zu graben. Fieberhaft versuchte Petersen, etwas Ordnung in die Rettungsversuche zu bringen und teilte die freiwilligen Helfer systematisch auf. Auch die beiden Lehrkräfte waren jetzt erschienen und beteiligten sich an den Rettungsversuchen. Von Ferne war bereits das Martinshorn zu hören. Kurz darauf fuhr ein Fahrzeug der Freiwilligen Feuerwehr in relativ hohem Tempo auf die Promenade. Dort stoppte das Fahrzeug, dann rannten einige Feuerwehrmänner mit Schaufeln bewaffnet, den Strand hinunter direkt auf die Unglücksstelle zu. Der Brandmeister wies seine Männer an, sehr vorsichtig vorzugehen, um die verschüttete Person nicht zu verletzen. Inzwischen waren auch Hella Hansen und Ronny Rohde herbeigeeilt. Petersen gab ihnen einen kurzen Überblick zur Lage. Die freiwilligen Helfer mussten jetzt etwas zurücktreten, damit die Männern der Feuerwehr, welche auch von drei Personen der Wasserwacht unterstützt wurden, ihre Arbeit machen konnten. Ronny forderte die Freiwilligen auf, einen Kreis um die Grabungsstelle zu bilden, um zahlreiche Schaulustige abzuhalten, von denen einige bereits, wie es leider zu erwarten war, ihre Handys gezückt hatten.

„Ich hab‘ was!“, rief einer der Feuerwehrmänner. Sofort legten sie die Schaufeln weg und wieder wurde mit den bloßen Händen gegraben. Langsam kam eine blaue Jacke zum Vorschein. Und nun ging es sehr schnell. Der Körper eines Jungen zeichnete sich im Sand jetzt schon deutlich ab. Die Retter versuchten, ganz vorsichtig unter den Körper zu fassen und tatsächlich gelang es ihnen, den Verschütteten langsam aus der Grube zu heben. Inzwischen war auch die Notärztin, Frau Doktor Gall, die neben Doc Meyerdierks die zweite Arztpraxis auf der Insel hatte, eingetroffen. Hansen bahnte ihr einen Weg durch die Menge. Gemeinsam mit den Notfallsanitätern des Wangerooger Rettungsdienstes leitete die Ärztin Wiederbelebungsmaßnahmen ein. Der Junge musste Unmengen an Sand geschluckt haben. Nach einer gefühlten Ewigkeit begann er endlich zu husten. Erleichterung machte sich breit. Jetzt meldete sich die Rettungsleitstelle vom Festland bei Hella Hansen.

„Kann der Hubschrauber am Strand landen oder lieber auf dem Flugplatz? Wir brauchen eine Entscheidung, sofort!“