Letzte Unruhe - Ludwig Henkelmann - E-Book

Letzte Unruhe E-Book

Ludwig Henkelmann

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Beschreibung

Der Friedhof: Ein Ort der Trauer, der Begegnung und des Gedenkens, ein Ort, der viel zu erzählen hat. Der Friedhofsgärtner Ludwig Henkelmann hat die vielen verschiedenen Geschichten von Hinterbliebenen und Angehörigen aufgeschrieben, denn obwohl wir seine Anwesenheit bei einem Friedhofsbesuch vielleicht kaum wahrgenommen haben, war er stets vor Ort und hatte ein offenes Ohr für unsere Geschichten … ... etwa die Geschichte von Katharina Markiewski, deren Urne sein Chef ihm mit den Worten in die Hand drückte: »Da kommt keiner, die kannst du einfach bestatten, wenn du Zeit hast« … … oder die Geschichte von Berta Wiecher, die ihr kleines Eifeldorf Zeit ihres Lebens nur selten verlassen hatte, und deren Verlobter am Tag der Hochzeit bei einem Motorradunfall tödlich verunglückte. Diese Begegnungen am Rande des Lebens erzählen von traurigen, aber auch aufmunternden, Mut machenden und sogar lustigen Begebenheiten.

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Seitenzahl: 81

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Impressum1. Auflage 2019

© Eifeler Literaturverlag

In der Verlagsgruppe Mainz

Alle Rechte vorbehalten

Printed in Germany

Eifeler Literaturverlag

Verlagsgruppe Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.eifeler-literaturverlag.de

Gestaltung, Druck und Vertrieb:

Druck & Verlagshaus Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.verlag-mainz.de

Abbildungsnachweis (Umschlag):

Privatarchiv des Verfassers

Print:

ISBN-10: 3-96123-002-1

ISBN-13: 978-3-96123-002-0e-Book:

ISBN-10: 3-96123-012-9

ISBN-13: 978-3-96123-012-9

Eines lege ich euch allen ans Herz:

Leben und Tod sind eine ernste Sache.

Schnell vergehen alle Dinge.

Seid ganz wach,

niemals achtlos,

niemals nachlässig.

Aus dem Zenbuddhismus

HERR, lehre mich doch,

dass es ein Ende mit mir haben muss

und mein Leben ein Ziel hat

und ich davon muss.

Psalm 39, Vers 5

1. Kapitel:

Kreuzweg – Unerreichtes Ziel

Die Koffer waren gepackt und in den Kofferraum des VW Golf verstaut worden. Lange hatten sie von dieser Reise geträumt, lange war sie von ihnen geplant worden. Nun endlich konnte es losgehen. Die Sonne Spaniens hatte gerufen und sie wollten diesem Ruf folgen.

Jürgen und Karla hatten vor vier Monaten geheiratet obwohl sie erst 19 und 21 Jahre alt waren. Recht unüblich in der heutigen Zeit, aber sie waren sich sicher, dass ihre Liebe von Dauer sein würde und so gaben sie sich das Eheversprechen. Sie arbeiteten in der gleichen Firma und hatten sich dort auch kennen gelernt.

Marc und Stefan waren Jürgens beste Freunde. Lange schon verbrachten sie einen Großteil ihrer Freizeit zusammen und bis hierhin hatte auch Jürgens Liebe zu Karla der Freundschaft der drei jungen Männer nichts anhaben können.

Oft ist es ja so, dass Freundschaften langsam auseinander gehen, wenn der ein oder andere sich verliebt und eine Liebesbeziehung eingeht. Jürgen, Marc, Stefan und Karla hatten sich vorgenommen diesen so oft eintretenden Fall nicht zu zulassen.

Jürgens Mutter und noch mehr Karlas Eltern hatten den beiden Jungvermählten geraten, den ersten gemeinsamen Urlaub doch lieber allein als junges, verliebtes Paar zu verbringen. Es sei nicht gut und werde ihrer Beziehung sicher nicht dienlich sein, die beiden Freunde mit auf die »Hochzeitsreise« zu nehmen. Doch alle Einwände nutzten nichts.

Schließlich verzichteten die Eltern auf weitere gute Ratschläge in diese Richtung. Die jungen Leute müssen letztlich ihre eigenen Erfahrungen machen.

Nun also war der Tag gekommen. Es konnte losgehen. Als letztes waren die vier noch zu Jürgens Mutter gefahren um sich zu verabschieden und vernahmen dort von ihr dieselben Mahnungen, doch ja vorsichtig zu fahren und bloß aufzupassen, dass ihnen nichts passiere, wie sie sie zuvor schon von den anderen Eltern mit auf den Weg bekommen hatten. Und natürlich versuchten sie auch Jürgens Mutter mit dieser – den jungen Leuten eigenen Unbekümmertheit – zu beruhigen. Was soll denn schon passieren? In vierzehn Tagen sind wir wieder da und dann gibt es viel zu erzählen.

Wenn man im Aachener Raum wohnt und mit dem Auto Richtung Südfrankreich oder Spanien fahren will, tun sich einem zwei Möglichkeiten auf: Entweder man fährt in Aachen auf die Autobahn nach Belgien und hält sich bei Verviers Richtung Trier und Luxemburg um dann in Frankreich bei Metz auf die französische Route National zu gelangen oder aber, man wählt den beschaulicheren Weg durch die belgische Eifel nahe St. Vith um über Land nach Luxemburg, später nach Metz zu kommen.

Viele, die Richtung Süden aufbrechen, wählen die zweite Strecke. Wer mit offenen Sinnen unterwegs ist und durch die Eifel der Nacht und Frankreich entgegen fährt, kann sich der eigentümlichen Stimmung nicht entziehen, die sich dort einstellt. Auf eine verlockende Weise ist es gut, eine lange Reise langsam zu beginnen und so lässt diese Strecke durch die kurvenreiche Eifel ein wenig Zeit fürs Abschiednehmen. Das Kilometerfressen, das Schnellankommenwollen – das kommt erst später, wenn die Autobahn erreicht ist. Mir ist es selber schon so gegangen als ich, ebenfalls auf dem Weg nach Spanien, schon nach einer guten halben Stunde Fahrtzeit auf einer Anhöhe in der Nähe eines verschlafenen belgischen Dorfes anhielt um genüsslich eine Zigarette zu rauchen, den Sonnenuntergang und die Schönheit der Landschaft zu genießen und mich leicht wehmütigen Gedanken hinzugeben.

Auch Jürgen, Karla, Stefan und Marc wählten an diesem Abend im Juli 1998 diese Strecke. Bewusst oder unbewusst aus den Gründen die ich oben beschrieben habe.

Damian Maertens hatte keinen leichten Tag gehabt. Den ganzen Tag über hatte er mit seinem Geländewagen in so manchem Stau gestanden. Mal war es ein Unfall gewesen der seine Fahrt unterbrochen hatte, ein anderes Mal eine Schafherde, die die Straße kreuzte. Und überhaupt hatte er an diesem Tag den Eindruck, die halbe belgische Bevölkerung sei genau da mit dem Auto unterwegs, wo er mit seinem Wagen hin musste. Zuletzt als er sich gerade zu Hause gemütlich zum Feierabend einrichten wollte, hatte ihn ein Anruf seines besten Freundes noch um das allabendliche Bierchen gebracht.

Dessen Auto war kurz vor St. Vith liegen geblieben und er hatte keine andere Wahl gehabt, als von der Telefonzelle aus seinen Freund Damian anzurufen. Der war bekannt dafür, so ziemlich jeden Wagen wieder flott zu bekommen. Auf jeden Fall aber, konnte er mit seinem riesigen, starken Nissan Patrol jedes liegengebliebene Auto mühelos abschleppen. So auch an diesem frühen Juliabend.

Der alte Renault seines Freundes Freddy hatte den Geist aufgegeben und hier und heute war ihm auch kein neues Leben mehr einzuhauchen. Da brauchte es Zeit, Muße und vernünftiges Werkzeug; so viel war Damian Maertens nach den ersten Startversuchen des Renault klar geworden. Nichts also für den Straßenrand und schon gar nichts für die Dämmerung, die langsam hereinbrach.

Schnell war das Abschleppseil zur Stelle und der große Geländewagen vor den Renault gespannt. Es war ein leichtes für Damian Maertens mit seinem schweren Diesel den kleinen R5 seines Freundes nach Hause zu ziehen. Man verabredete sich für den nächsten Abend. Dann würde man dem alten Karren schon zu Leibe rücken. Schließlich war er ja dafür bekannt, jedes Vehikel wieder flott zu bekommen.

Warum Damian Maertens auf dem Nachhauseweg am Ortsausgang von St. Vith an der Kreuzung den von links kommenden VW Golf übersah, ob ihn etwas abgelenkt hatte oder er seinen Gedanken nachhing – er vermochte es später bei der polizeilichen Befragung nicht zu beantworten. Er wusste es nicht.

Die Wucht des Aufpralls jedenfalls und die Masse des Geländewagens zertrümmerten den Golf fast völlig. Die Schreie der Insassen hörte Damian nicht, geschweige denn das letzte leise Stöhnen von Jürgen, der einige Sekunden länger gelebt hatte als seine Frau und seine Freunde.

Als ich Jahre später als Friedhofsgärtner arbeitete und mehr oder weniger im Vorbeigehen auf Jürgens Grabstein aufmerksam wurde, schreckte ich zurück.

Jürgen Grienhaus? Das ist doch der jüngere Bruder von Helmut Grienhaus, meinem Freund aus Jugendtagen! Das gibt es doch nicht! Und dann sah ich, dass rechts und links von ihm seine Frau und seine Freunde bestattet worden waren. Alle vier das exakt selbe Sterbedatum. Ich fragte meinen Kollegen und der erzählte mir etwas von einer Spanienreise, einem Unfall in Belgien und einer ergreifenden und unendlich traurigen vierfachen Beerdigung.

Wieder ein, zwei Jahre später musste ich in Jürgens Grab die Urne seines Vaters beisetzen.

Noch einige Zeit später traf ich Jürgens Mutter am Grab ihres Mannes und ihres Sohnes. Vorsichtig versuchte ich mit ihr ins Gespräch zu kommen. Den Tod ihres Mannes hatte sie recht gut verkraftet, da er sich durch ein langes und schweres Leiden früh angekündigt hatte. Am Ende habe dieser sich den Tod gewünscht und als Erlösung von seinem Leiden betrachtet. Auch sie habe das nicht mehr anders sehen können. Aber den Tod ihres Sohnes, der ja nun schon einige Jahre länger zurücklag, den konnte sie nicht überwinden. Mitten aus dem Leben gerissen sein, dazu auf einer harmlosen Urlaubsfahrt, die ja zudem noch die Hochzeitsreise sein sollte, das konnte sie nicht ertragen. Was hatte der Tod auf solch einer Reise zu suchen? Wer hatte das Recht, ihrem Sohn die Schnur des Lebens ganz am Anfang abzuschneiden?

Sie erzählte von dem Prozess gegen Damian Maertens in Belgien, von dem Unrecht das ihr widerfahren sei, von den immensen Kosten, die sie für Anwälte und Übersetzer hatte aufbringen müssen und von einem lächerlichen Urteil. Einmal während des Prozesses hätte sie genau gesehen, dass Damian Maertens gegrinst habe. Einer der bei so etwas lache, könne kein Gewissen haben. Ein solcher gehöre lebenslang eingesperrt. Ob ich mir vorstellen könne noch jemals lachen zu können, wenn ich vier Menschen auf dem Gewissen hätte? Ich schüttelte den Kopf und erschauderte bei der Vorstellung am Tod auch nur eines Menschen schuldig zu sein.

Frau Grienhaus muss all das unendlich oft erzählt haben. Immer wieder steigerte sie sich beim Erzählen in Einzelheiten der Tragödie. Vielleicht glaubte sie so das Ganze eines Tages verarbeiten zu können. Jedoch hatte ich den Eindruck, dass sie das unablässige Wiederholen des schrecklichen Ereignisses daran hinderte einen Anfang vom Ende ihres Leides zu machen. Wie auch immer – mir blieb nicht mehr als wirklich aufrichtige Anteilnahme zu zeigen.

Im Jahre 2012 kam mir Frau Grienhaus wieder in Erinnerung. Die Nachricht eines verunglückten belgischen Busses in einem Tunnel in der Schweiz bei dem 28 Menschen ums Leben gekommen waren, schockte nicht nur mich, sondern einige Tage wohl ganz Deutschland und das benachbarte Belgien sowieso. Wahrscheinlich hatte die Assoziationskette Belgien – Unfall – viele Tote die Erinnerung an die Geschichte Jürgen Grienhaus‘ bei mir wachgerufen.

Jedenfalls war es der Polizei auch nach intensivsten Ermittlungen nicht gelungen die Ursache des Unfalls – der Bus war frontal gegen eine Tunnelwand geknallt – zu klären. Der Busfahrer war ein erfahrener, gewissenhafter Mann gewesen. Er hatte die vorgeschriebenen Fahrtzeiten nicht überschritten und stand nicht unter Alkoholeinfluss. Ebenso hatte das Busunternehmen eine sehr gute Reputation, das Fahrzeug war in einem tadellosen technischen Zustand und war nachweislich regelmäßig gewartet worden. Akutes technisches Versagen konnte ebenfalls ausgeschlossen werden. Was wirklich Sekunden vor dem furchtbaren Aufprall passiert ist, darüber kann man nur spekulieren.