Leuchttürme - landwärts - Wilfried Anslinger - E-Book

Leuchttürme - landwärts E-Book

Wilfried Anslinger

0,0

Beschreibung

Verortet in rheinland-pfälzischen Landschaften, lebendig und abwechslungsreich erzählt, sind die Texte der 46 in der Anthologie vertretenen Autoren. Groteske und komische Geschichten, klug konstruierte Beschreibungen, neben historischen Erzählungen und lyrischen Impressionen, bespiegeln und bespielen die »Orte« und geben einen Einblick in das literarische Schaffen der Autoren in Rheinland-Pfalz.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 280

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



© 2024 – e-book-AusgabeRHEIN-MOSEL-VERLAGZell/MoselBrandenburg 17, D-56856 Zell/MoselTel 06542/5151 Fax 06542/61158Alle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-89801-949-1Ausstattung: Stefanie ThurTitelfoto: EvgeniT/pixabay.com

Die Edition Schrittmacher wird herausgegeben von Michael Dillinger, Sigfrid Gauch, Arne Houben und Gabriele Korn-Steinmetz. Die Anthologie »Leuchttürme – landwärts« wird herausgegeben durch den »VS Schriftstellerverband Rheinland-Pfalz«

VS Schriftstellerverband Rheinland-Pfalz

Leuchttürme landwärts

Anthologie

Edition Schrittmacher Band 41Rhein-Mosel-Verlag

Vorwort

Leuchttürme – landwärts ist die zweite vom VS Rheinland-Pfalz herausgegebene Anthologie. Diesmal liegt der Fokus auf Landschaften und Orten in Rheinland-Pfalz. Entstanden ist ein Potpourri aus Prosa und Lyrik. Reale Landschaften begegnen sich wechselseitig mit »Seelenlandschaften«. Ob der Gang durch vergessene Gassen in Mainz, die Lebensgeschichte eines Hochbegabten aus der Eifel, die seltsamen nächtlichen Streifzügen einer Büglerin aus einem rheinhessischen Dorf, bis hin zu Ausflügen an Nahe und Rhein und Streifzügen durch Mittelgebirgslandschaften. Historische Ereignisse werden thematisiert und experimentelle Lyrik findet ihre Verortung.

Letzthin stellt die Anthologie eine »Spurensuche« dar. Sie soll literarisches Schaffen dokumentieren und damit einen Einblick in die Ausdrucksfähigkeit rheinland-pfälzischer Literaten geben.

Wir danken dem Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration für die Unterstützung, die zu dieser Veröffentlichung geführt hat.

VS Rheinland-Pfalz

Winfried Anslinger Vom Ritter Lothar Lobesam

Es begab sich aber zu der Zeit, da Friedrich Rotbart Kaiser war im Heiligen Römischen Reich, als eine junge Magd einen Knaben gebar in dem kleinen Ort Annweiler mitten im Wasigenland. Annweiler lag in einem weiten Tal an dem Flüsschen Queich unterhalb der Reichsfeste Trifels. Der Trifels war eine trutzige Burg, welche vom hohen Fels herab das ganze Tal beherrschte. Jedermann im Land wusste, dass dort oben die Reichsklein­odien aufbewahrt wurden – Krone, Zepter, Reichsapfel und all das andere, was ein Kaiser brauchte, um lege artis und nach altem Brauch gekrönt zu sein. Die Schätze wurden dort oben aufgehoben, weil niemand auf dem ganzen Erdenrund diese Festung hätte einnehmen können, so steil ragte der Bergkegel gen Himmel und so stark waren ihre Mauern.

Von Zeit zu Zeit, wenn er von seinen Kriegen aus Reichsitalien zurückkehrte, begab sich der Kaiser selbst dorthin, denn der Trifels lag nah bei seiner Heimat Hagenau im Wasigenwald.

Die junge Magd hieß Anna und war die Tochter eines armen Gerbers. Die Leute sagten, der Knabe sei das Kind des Kaisers, denn Anna half auf dem Trifels in der Küche, seit sie das dreizehnte Lebensjahr vollendet hatte, und der Kaiser besuchte gern die Burg. Anna konnte niemandem einen Wunsch abschlagen und ließ ihr Kind am siebten Tag auf den Namen Lothar taufen.

Das Kindlein war keine drei Jahre alt, da ertrank der Kaiser unerwartet auf dem dritten Kreuzzug zum Heiligen Land in einem Fluss, woraufhin das ganze Reich trauerte. Anna weinte sieben Tage und sieben Nächte und wandelte sieben Wochen lang einher wie ein Gespenst, obgleich kein Mensch ihren Knaben anerkannt hätte als von hoher Abkunft. Denn die Kaiserin hatte sich zwar vor Jahren schon auf den Weg ins Himmelreich begeben, doch hatte sie zuvor zwölf Kindern das Leben geschenkt, von denen fünf noch sehr lebendig auf Erden wandelten, indem sie Herzogtümer, Fürstentümer und Grafschaften treulich verwalteten.

Lothar wuchs heran und manche sagten, er gleiche seinem kaiserlichen Erzeuger sehr. Da Anna weiterhin auf dem Trifels diente, nahm sie ihr Söhnlein jeden Tag mit sich, wenn sie von ihres Vaters Haus an der Queich hinaufstieg auf den Berg.

Als Lothar dreizehn Jahre war, fiel den Rittern auf, wie gut er im Burghof den Stock zu führen wusste, wenn er mit den anderen Knaben das Fechten übte, und dass er sogar schon ein Pferd zu reiten verstand. Ein Dienstmann namens Konrad nahm ihn bei sich auf und versprach, ihn das Schwertführen zu lehren, damit er einmal kämpfen könne wie ein Mann. Seine Mutter unten im Städtchen heiratete derweil den Hufschmied, welcher auch Waffen und Harnische anfertigen konnte.

Jahre vergingen, und als Lothar sechzehn Lenze zählte, hatte er seinem Herrn schon auf mancherlei Feldzügen an die Mosel und den Niederrhein hinunter als Knappe gedient. Da bat Konrad seinen Landesherrn Friedrich von Leiningen, ihn zum Ritter zu schlagen, denn ihm selbst war kein Sohn geschenkt worden und auf dem Trifels fehlte es zu dieser Zeit an wehrhaften Männern.

Es wurde Sommer und es wurde Winter. Und als einmal der Schnee im Tal so hoch lag, dass man von manchen Häusern nur noch einen Hügel sah, wurde Ritter Konrad hinausgetragen auf den kleinen Kirchhof von Annweiler, nachdem ihn ein böses Fieber sieben Tage lang geschüttelt hatte. Lange dauerte es in diesem schweren Jahr, bis das Eis schmolz und die Wiesen wieder erblühten. Zu Ostern wurde Lothar aufgenommen an die Tafelrunde in der Reichsburg, wo man nach wie vor die heiligen Kleinodien des Reiches zu bewachen hatte, während Krieg und Pestilenz das Land erschütterten.

Im Herbst des folgenden Jahres übertrug ihm der Vogt die Verwaltung der kleinen Nachbarfeste Anebos, welche den Trifels von Süden her beschützen sollte. Von dort hätte ein Heer den ganzen Bergrücken besetzen können und man wollte sichergehen, dass auch da keine Gefahr drohen konnte.

Sieben Jahre wohnte Ritter Lothar auf der Anebos und tat in dieser Zeit viel Gutes. Er speiste die Armen, half den Elenden und nahm sich der Witwen und Waisen an, denn er hatte die Seele wie seine Mutter, so dass er niemandem einen Wunsch abschlagen konnte. Sein Ruf verbreitete sich im ganzen Land. Im zweiten Jahr heiratete er Ritter Konrads einzig verbliebene Tochter Hildegard, die im Unterelsass begütert war. Edel, reich und minniglich trug sie ihr Gemüt und hatte ein Auge auf ihn geworfen. Sie bekamen übers Jahr einen Sohn und Lothar baute auf Geheiß seines Dienstherrn die kleine Burg zu einer starken Festung aus, die am Ende fünfunddreißig Klafter in der Länge maß. Kein Feind hätte von hier aus den Trifels mehr belagern können.

Im Frühjahr des Herrn 1217 rief der Heilige Vater in Rom zu einem neuen Kreuzzug auf, und auch Ritter Lothar nahm, wie viele seines Standes, gehorsam das Kreuz. Sieben Jahre lang stritt er im heiligen Land für unseren lieben Heiland und vollbrachte mancherlei Heldentat, ohne dass eine Kunde von ihm bis in die Heimat drang. An einem herbstlich verregneten Tag endlich kehrte er zurück mit zerschlagener Rüstung auf einem lahmen Gaul und hatte nichts gewonnen. Seine Mitstreiter und Knappen waren allesamt verewigt worden durch das Wüten der Feinde, Zehrung und Kranckhait. Nur eine geheimnisvolle Rebe trug er bei sich im Gepäck, die hatte ihm ein weiser Mann geschenkt, der am Nilstrom in einer Klause lebte und mancherlei Zauberkünste beherrscht haben soll. Er zeigte sie Hildegard, seinem Weib, und dem kleinen Sohn. Zusammen mit diesen pflanzte er sie am Abhang der Anebos und dankte dem dreieinigen Gott für seine glückliche Rückkehr. Doch da der Boden zwischen all dem Geröll sehr schlecht war, gedieh sie nicht.

Eines Tages besuchte ein anderer Kaiser den Trifels, um nach den Reichsschätzen zu sehen, denn er wollte sich krönen lassen im fernen Rom. Mit großem Gefolge kam er geritten und es wurde ein großes Fest gefeiert, das sollte mehrere Wochen dauern. Er war dem guten Leben zugetan und auch seine Untertanen sollten daran teilhaben. Während eines Trinkgelages erfuhr der künftige Kaiser jedoch, dass ein Sohn des alten Kaisers, den er hasste wie den Leibhaftigen, auf der Trifels diente. Sofort berief er seine Ratgeber zu sich. Sie erwogen die heftige Unfreundschaft, die ihre Häuser seit Generationen entzweit und schon viele tapfere Leben gekostet hatte. So beschlossen sie, diesen heimlichen Staufersohn durch einen Haufen gedungener Nichtsnutze zu beseitigen, bevor eine erneute Gefahr aufkommen konnte.

Als Lothars Leichnam am übernächsten Tag, dem Herz-Jesu-Fest, gefunden wurde, weinten seine Frau, die Mutter und das Söhnlein sieben Tage lang so laut, dass es im ganzen Tal widerhallte. Das Fest musste abgebrochen werden, und der Kaiser kehrte nie wieder in den Wasgau zurück. Den Reichsschatz nahm er mit sich. Auf der Anebos zog ein anderer Bewaffneter ein, doch wurde dieser nicht glücklich dort und zog bald wieder aus. Es gehe um dort oben, vor allem in mondlosen Nächten, behauptete er.

Kaum war der Leib des unschuldig Erschlagenen in geweihter Erde neben dem Kirchlein unten im Tal beigesetzt, fing die Rebe am Hang der Anebos an zu wachsen, dass jedermann sich verwunderte. Trotz des sandigen Bodens wucherte sie über alles hinaus, was dort sonst noch zumeist kümmerlich sprießte. Der Wein, den die Winzer aus den Dörfern der Haardt daraus kelterten, war blutrot und süß wie kein zweiter Trunk im ganzen Reich. Bald wurden weitere wundersame Dinge berichtet. Sobald man ein Weinblatt von dieser Rebe auf eine Wunde legte, schloss sie sich sofort, selbst ausgerenkte Glieder heilten in kurzer Zeit.

Schösslinge wurden bald im ganzen Wasigenland verbreitet, weil Frau und Mutter freigiebig schenkten. Sie waren gesinnt wie der gute Ritter Lothar, von dem der Volksmund alsbald ehrfürchtig begann zu sprechen als dem Ritter Lothar Lobesam. Ein jeglicher sei gesinnt wie auch er es war, hieß es landauf, landab, dann sei die Christenheit gewiss zu retten.

Seine Rebe hat seitdem viel Gutes vollbracht, doch sind nicht alle wasigenländischen Reben von derselben Art. Sie sind nur echt und heilsam, wenn ein blutroter Wein daraus zu machen ist, der süß schmeckt wie Honig, und wenn man im Falle von Gebresten und Kranckhaiten des Leibes vor dem Genuss ein Weinblatt davon auflegt im Gedenken an den guten Ritter Lothar Lobesam und seine Hülfe.

Seit dem Tod des ehrbaren Ritters wohnte auf der Burg Anebos kein Dienstmann mehr für längere Frist, denn alle, die dort aufzogen, fingen nach kurzer Zeit an, sich zu fürchten. Nachts spuke es im Gemäuer, indem ein weißer, kalter Hauch umginge, während von dem Hange, an dem die Untat geschehen sei, Klagelaute vernehmbar werden. Als selbst mehrmaliges Aussegnen durch den gottesfürchtigen Ortsgeistlichen nichts half, musste die Feste aufgegeben werden und verfiel seitdem.

Es gab verschiedentlich Versuche, Lothars Gebeine erheben zu lassen, damit man ihn anrufen könne in Stunden der Not. Immerhin habe er doch ein christgemäßes Leben geführt, Wunder gewirkt und sogar ein Martyrium getragen. Anträge beim Heiligen Stuhl wurden jedoch immer abschlägig beschieden, so gut sie auch begründet schienen. Mit spektakulären Wundern sei zu rechnen, wurde in Eingaben betont, beispielsweise anlässlich der Heiligsprechung, oder beim Überführen seiner Gebeine in einen eigens zu errichtenden Schrein. Ein derart gestifteter Kultus mit Bildern, Reliquien und Prozessionen, ein Gedenktag im liturgischen Kalender sei geeignet, die Volksfrömmigkeit zu heben und stehe nicht nur der heiligen Kirche gut an, sondern auch dem bischöflichen Kasten, der zahllose Arme speisen, Nackte kleiden und Elenden das Evangelium predigen, ja allen Christen die Sakramente spenden müsse.

Doch fand all das in Rom kein Gehör. In Anbetracht der weitgehenden Austilgung des alten Kaiserhauses und der päpstlichen Einsetzung neuer Regentschaft, hieß es, sei ein solcher Schritt nicht mehr opportun. Die Kirche unseres lieben Herrn Jesus Christus tue gut daran, den zwischenzeitlich eingetretenen Verhältnissen Rechnung zu tragen, solle sie nicht alsbald in Schutt und Asche fallen angesichts der großen Fährnisse unserer Zeit und schließlich gänzlich verderben. So sehr man dies bedaure, wiege doch die Verantwortung für das Ganze schwerer als der Einzelfall.

Ute Bales Alles im Kopf

Als Kind fiel Franz Kunzweiler dadurch auf, dass er auf Geräusche merkwürdig reagierte. Er hielt sich die Ohren zu, wenn eine Katze sich reckte, wenn der Wasserhahn tropfte, wenn jemand eine Buchseite umblätterte. Sein Gehör war mehr als erstaunlich. Er hörte die Wasserkräuselungen im Bach, wenn es auf dem Grund kratzte und Steine und Staub aufwirbelte, er hörte die Reibung in der Luft, wenn sich ein Vogel näherte, hörte das Fressen der Raupen und Regenwürmer. Ein Gegenstand, der unbeabsichtigt auf den Boden fiel, konnte die Ursache sein, dass seine Mutter Baldriantee kochen musste, so setzte ihm der Schall der Dinge zu. Manche Frequenzen, besonders die tiefen, gingen ihm durch Mark und Bein. So etwa sonntags, in der Kirche, wenn die satten und feierlichen Bässe der Orgel seinen Körper beben ließen. Gesang konnte er kaum aushalten. Hohe und klare Stimmen erzeugten bei ihm, je älter er wurde, sogar Schwindel.

Es gab Töne, die waren wie Schläge gegen seinen Kopf. Bohrend und dumpf war das Geräusch, das entstand, wenn Wasser sich mit Luft verband, wenn Wind über Steine strich.

Er behauptete, dass, je nachdem wer sprach, die Fensterscheiben zittern und die Lampen helle, feine Schreie ausstoßen würden. Ganz hoch und ganz schrill nahm er sie wahr und wunderte sich, dass keiner außer ihm so empfand. Die Töne, sagte er, gingen durch ihn hindurch, durch Haut und Knochen, was im Dorf alle nur mit Kopfschütteln aufnahmen.

Die Meinungen der Leute zu diesem Phänomen gingen auseinander. Manche glaubten, dem Franz fehle etwas, andere waren der Ansicht, er hätte von irgendetwas zu viel abbekommen.

Klassenkameraden stellten ihn auf die Probe und fanden heraus: Franz Kunzweiler hörte einen Ton schon, bevor er entstand, also schon mit dem Atmen, bevor jemand redete oder sonst ein Geräusch von sich gab.

Damit nicht genug. Franz konnte farbig hören. Zu allen Dingen, Worten, Zahlen und Gefühlen sah er Farben. So sah er beim Buchstaben A ein helles Blau, das bei lauter Aussprache grau wurde. Er empfand das Lachen seiner Mutter als ein goldglänzendes Braun, den Singsang des Küsters beim Singen der Psalmen als gelb wie die Zitronenfalter, die Tritte von Schuhen auf dem Straßenpflaster als Scharlachrot. Wut war dunkelgrün. Die Bässe der Orgel in der Kirche waren moosgrün. Wenn der Vater redete, hörte sich das an wie Papier.

Die Mutter glaubte an ein seltenes Talent, meinte, dass es der Franz mit seinen Fähigkeiten weit bringen werde. Von ihrem knappen Lohn als Schneiderin kaufte sie eine gebrauchte Geige und zahlte ihm Musikstunden bei einem pensionierten Lehrer. Im Dorf verbreitete sie, dass ihr Sohn Musik studieren werde, in München oder Hamburg, an einer Schule für Genies und später ein berühmtes Orchester, so eines wie die Berliner Philharmoniker, dirigieren würde. Schön stellte sie sich den Franz vor, in einem schwarzen Anzug mit Fliege, sah ihn beim Heben und Senken des Taktstocks, mit einer eigenwilligen Haarsträhne im Gesicht.

Der Vater, ein Schuster, betrachtete die Sache gelassener. Dass er bloß normal bleiben solle, riet er seinem Sohn. Ein Studium der Musik schien ihm zu hoch, aber er war einverstanden, dass der Franz, wenn es unbedingt die Musik sein müsse, ein Organist schon werden könne. Dabei schwebte ihm vor, dass Franz vielleicht vom Kapellmeister des Trierer Doms unterrichtet und später im Dorf die Orgel spielen würde.

Für Franz hingegen waren es eher die Töne als die Musik, die ihn fesselten. Brav absolvierte er die Stunden, die die Mutter ihm bezahlte, übte mindestens eine Stunde täglich, pflegte seine Geige. Die Töne der Geige gefielen ihm, aber sie berührten ihn nicht. Eher lauschte er nach allem, was die Dinge ihm zuflüsterten.

Nach der Schule und wenn ihn sein Vater nicht in die Werkstatt abkommandierte, streifte er durch die Natur, wo für ihn alles, was raschelte, flog, knisterte und säuselte, von unfassbarer Bedeutung war: die Berge, die Bäume, die Flüsse, überhaupt das Wasser.

Darauf war er nicht von allein gekommen.

Am Dorfrand lebte ein Schäfer, der von Frühjahr bis Herbst mit seiner Herde und einem zottigen schwarzen Hund über die Wiesen zog und in einem heruntergekommenen Wagen, besser gesagt, einem morschen Brettergestell auf Rädern, hauste. Sein Alter war nicht zu schätzen, denn das Gesicht war zugewachsen, nahezu verwittert, die Haare hatten lange keine Schere mehr gesehen und den Kleidern fehlte die Farbe.

Meist saß er auf einem Brett, das er an den Karren genagelt hatte, beobachtete seine Herde. Nebenbei flocht er Körbe, die er einem Bauern verkaufte, der sie zum Markt mitnahm.

Das Besondere aber war: Er machte Töne. Nicht nur, dass er auf zwei, auf vier oder ohne Finger pfeifen konnte, er schnitzte Holunderflöten, Weidenflöten, Stockflötchen und fertigte Walnussrasseln.

Hatte er Zeit, suchte er mit Franz geeignete Äste, zeigte ihm, wie er sie sauber sägte, wie er die Rinde um das Holz einschnitt, einen schmalen Ring abschälte und die Kerbe anbrachte, die den Ton erzeugen sollte. Franz durfte die Pfeifchen ausprobieren. Manchmal rauschte nur Atemluft durch, dann besserte der Schäfer nach.

Dies alles geschah ohne viele Worte und Franz verstand, dass man nicht viel reden muss, um etwas zu sagen. Der Schäfer wusste, ebenso wie Franz, dass sich das Rauschen in den Bäumen, je nach Baum und Blättern, im Frühjahr anders als im Herbst anhörte und auch das Aneinanderreiben von Steinen je nach Stein unterschiedliche Töne hervorbrachte. Die Lava vom Berg klang rauer als die Steine, die sie auf den Feldern fanden. Auch das Brechen von Ästen änderte den Klang je nach Holz, je nach Jahreszeit, je nach Wetter.

Oft saßen sie ganz still, fast bewegungslos. Da war so vieles um sie herum. Die Bäume mit ihren lispelnden, zittrigen Blättern, das Flügelschlagen von Vögeln und deren Keckern und Rufen, das heimliche Nagen einer Maus, ein brüllendes Kalb, ein vorbeifahrender Traktor, eine malmende Kuh und das fast schmerzhafte Geräusch, wenn sie mit der Zunge Gras abraufte. Schön waren Töne, die entstanden, wenn im Herbst Bucheckern auf das Dach des Karrens prasselten. Wie Trommelwirbel. Als ob ein Orchester einsetzen wollte.

Manchmal vibrierten Franz die Ohren. Hinzu kamen die Farben, die zu den Tönen gehörten. Rosa und Weiß, Blau und Gelb, Grün in allen Schattierungen. Auf dem Brett neben dem Schäfer dehnte sich die Zeit aus, manchmal aber stand die Welt mit einem Ton ganz still, um sich dann, wenn dieser Ton verglomm, wieder in Bewegung zu setzen.

Der Schäfer erzählte Franz von Tieren, die am Berg gelebt hatten, von Wisenten und Auerochsen, von Vulkanausbrüchen und gewaltigen Feuern und vom Wilden Heer, das in den Raunächten den Himmel stürmte. Auch über sich drehende und tanzende Steine wusste er Bescheid. Dunkelblau, fast schwarz, empfand Franz die Stimme des Schäfers, der zu alledem Töne mit seinen Flöten machte. Wenn Franz die Augen schloss, steigerten sich die Frequenzen, es säuselte und kratzte stärker als sonst und manchmal, wenn zudem Krähen in den Bäumen lärmten oder Mäuse fiepten, vereinten sich sämtliche Geräusche zu sonderbaren Gesängen. Mit offenem Mund saß er, die Fingernägel tief in den Handballen gegraben. Noch lange, nachdem es wieder still geworden war, bewegte Franz die Töne und behielt all das in seinem Kopf.

Er beendete die Schule mit Auszeichnung und so, wie es sich seine Mutter gewünscht hatte, verließ er sein Dorf, um in München oder Wien, so genau wusste es später niemand mehr, ein Studium der Musik und der Komposition zu beginnen.

Im Dorf verlief sich seine Spur. Da er ohnehin blass und unscheinbar war, hätte man ihn vielleicht vergessen, wenn nicht seine Mutter bei jeder Gelegenheit von Fortschritten und Erfolgen ihres Sohnes ins Schwärmen gekommen wäre. Die Leute nahmen ihre Schwärmereien mit Achselzucken auf. Meint wunders was, sagten sie, rollten die Augen und tippten sich mit dem Finger an die Stirn.

Franz absolvierte auch das Studium mit Auszeichnung, entwickelte Talent in der Kombination von Tönen. Er fand einen Mentor, der ihn unterstützte und ihm regelmäßig Auftragsarbeiten vorbeibrachte, und er begann, Tonfolgen nach Vorgaben zu entwickeln und Stücke entsprechend den Wünschen zu ändern. Bald übte er sich in eigenen Kompositionen.

Er wurde in ein Kompositions-Seminar aufgenommen, wo er sich mit Formen- und Harmonielehre, Kontrapunktik und Orchestrierung befasste. Nebenbei arbeitete er in einer Kohlenhandlung.

Seinem Dorf war er fremd geworden. Er kam selten und wenn, dann nur, um die Mutter zu besuchen. Sein Vater war frühzeitig gestorben, die Geschwister weggezogen. Im Dorf nannten sie ihn den Musikus. Wovon er lebte, konnten sich die Leute nicht zusammenreimen, weil er einen Arbeitgeber nicht nennen konnte. Verschroben fanden sie ihn, denn er trug merkwürdige Kleidung und verbrachte, kaum zuhause angekommen, mehr Zeit am Berg und auf den Wiesen als bei seiner Mutter. Er kam zuweilen in den Ernteferien und reiste jedes Mal ab, ohne sich zu verabschieden.

Es gab keinen Grund, jedenfalls konnte niemand einen benennen, aber irgendwann rissen die Besuche ab und jahrelang hörte man nichts vom Franz, bis sich, es soll Ende 1932 gewesen sein, Ungewöhnliches verbreitete.

Der Wirt, der das einzige Radio im Dorf besaß, hatte nach einer Operettenübertragung lange Ohren bekommen. Von Franz Kunzweiler war die Rede gewesen und der Wirt war fast in den Apparat gekrochen. »Habt ihr das gehört? Franz Kunzweiler! Im Radio! Also ist jetzt aus dem Franz wirklich was geworden«, schmetterte er durch die Wirtsstube und alle horchten auf. Dass er ganz sicher sei, den Namen Franz Kunz­weiler gehört zu haben, dass es ein Konzert geben würde, am Samstagnachmittag um fünf, dass dieses Konzert im Radio zu hören sei und dass der Franz dieses Konzert komponiert habe. Dass alle kommen sollten, forderte er, ja, kommen müssten, sogar die Frauen, wo doch der berühmteste Sohn des Dorfes seinen Auftritt habe.

Sofort flog die Nachricht durch das Dorf. Franz’ Mutter, umständlich und grau geworden, blühte auf, als sie davon erfuhr.

Der Wirt schaffte in den Tagen bis zum Samstag Stühle herbei, bestellte Bierfässer bei der Brauerei, trug seiner Frau auf, Waffeln, Streuselkuchen und Apfelpfannkuchen zu backen. Um die Männer wollte er sich selbst kümmern. Eingelegte Gurken, Soleier, dazu Wurst und Schinkenspeck sollte es geben.

Franz’ Mutter zog am Samstag ihr Sonntagskleid an, legte die Haare in Wellen und kramte ihre Goldbrosche aus dem Schmuckkästchen.

Von allen Seiten wurde ihr Platz gemacht, als sie die Wirtschaft betrat. »Also der Franz, wer hätte das gedacht?«

»Aber wir habens immer schon gewusst. Da steckt was drin in dem Jungen.«

»Stolz sein kannst auf deinen Franz. Also, dass wir den mal im Radio hören …«

Jemand rückte ihr einen Stuhl zurecht. Ein Mädchen, das mit rotglühenden Wangen von Tisch zu Tisch eilte und Bestellungen auf einem Zettel notierte, brachte ihr ein Kännchen Kaffee. Den Kaffee und zwei Waffeln, die sie zur Feier des Tages dazu bestellte, bekam sie gratis.

Die Wirtschaft füllte sich. Sogar aus den Nachbardörfern kamen Leute. Der Wirt platzierte das Radio – es war ein Röhrengerät mit einem Lautsprecher – in der Mitte des Saales auf einem Tisch, den er mit Bierkisten erhöht hatte. Immer wieder sagte er, dass er nie gedacht hätte, einmal Musik von einem aus seinem Dorf im Radio zu hören. Dabei schnippte er mit den Fingern, drehte sich im Lachen um die eigene Achse, tat so, als ob er tanzen wollte.

Er hatte Grund zur Freude. So voll war seine Wirtschaft selten gewesen. Pausenlos wurden Gläser über die Theke gereicht, pausenlos wurde bestellt. Auch die Wirtin hatte alle Hände voll zu tun, fürchtete, Bier und Schnaps reichten nicht.

Bis kurz von fünf kamen Leute. Was nicht reichte, waren die Stühle. Die Leute lehnten an den Wänden, saßen auf Fensterbänken, hockten auf den Fußbänkchen neben dem Ofen.

Auch der Schäfer kam. Noch grauer war er geworden, zerknittert wie seine Jacke, und er schien zu frieren, denn obwohl er in der Nähe des Ofens einen Platz fand, zog er weder Schal noch Jacke aus.

Der Bürgermeister saß gleich neben dem Röhrenempfänger, ein Logenplatz, wie er sagte und dass er sich freue, auf ­Heisassa und Hopsassa, ja, was für eine Ehre für das Dorf. Seine Frau, die hinter ihm saß, ließ verlauten, dass sie gerne das Schwalbenlied hören würde. Sofort wurde sie von ihrem Mann korrigiert: »Was jetzt kommt, sind alles Lieder vom Franz, von unserem Franz.«

Die Stimmung war gut. Köpfe reckten sich, als der Wirt den Regler der Antenne ausrichtete. Es pfiff und rauschte, dann, weit entfernt, eine Stimme, die durch hektisches Kurbeln am Sendeknopf immer deutlicher wurde. Eine männliche Stimme meldete, dass die nationalsozialistische Bewegung bei den Reichstagwahlen gut zwei Millionen Stimmen eingebüßt habe, was allerdings in Gemurmel und Geflüster unterging, weshalb sich der Bürgermeister gezwungen sah, mit der Faust auf den Tisch zu hauen: »Ruhe!« Dann endlich: Glockengeläut, zwei Fanfarenstöße und die Ankündigung: »Hier ist der deutsche Rundfunk. Meine Damen und Herren, Sie hören jetzt eine Reichssendung. Der Reichssender Berlin überträgt aus der Alten Oper in Frankfurt sechs Stücke für Orchester von Franz Kunzweiler.«

Die etwas zu laute Stimme teilte mit, dass die einzelnen Teile ein einheitliches Ganzes bilden würden, dass Franz Kunzweiler ein verwegener Neuerer der Töne sei, einer, der völlig anderes geschaffen habe, anders als alles, was bisher dagewesen sei. Dass man ihn schon jetzt zu den ganz Großen des 20. Jahrhunderts zählen müsse, was den Zuhörern die Pflicht auferlege, zuzuhören und dass auch das Orchester unter der Leitung von Hubert Anselm Biniot mehr als erfolgversprechend sei. Zum Schluss sagte er noch etwas vom Genius des Kunzweilerschen Neu­erertums, aber der Satz ging unter, weil einem der Bauern das Bierglas aus der Hand rutschte und auf dem Boden zerplatzte, was natürlich für Unruhe sorgte und dem Bauern böse Blicke einbrachte. Bei Franz’ Mutter, die längst nach einem Taschentuch getastet hatte, blieb das Wort ›Genius‹ trotzdem haften.

Der Wirt hob den Finger vor den Mund. Mit den ersten Tönen wurde es still in der Wirtschaft. Verunsichert stand das rotwangige Mädchen mit seinem niedlichen Gesichtchen und einem Tablett voller Bierkrüge an der Theke und sah von einem zum anderen.

Der Bürgermeister legte die Hand hinters Ohr. Jeder konnte spüren, wie der Dirigent den Taktstock hob. Ein langgezogener Ton sorgte dafür, dass alle noch aufmerksamer wurden. Man hörte Trommeln, dazwischen ein kurzes, helles Klingeln wie von einem Fahrrad. Eine laute Kinderstimme sang »A-a-a-a-a …« und bediente sich dabei der Tonleiter. Es folgte ein rhythmisiertes Gekecker, das an einen Hühnerstall erinnerte, dann setzte Schlagzeug ein, die Kinderstimme mischte sich darunter: »U-i, u-i, u-i …« Eine Frau trällerte: »Ges-tern.« Nur dieses eine Wort. Dann waren Bratschen zu hören, die plötzlich abgelöst wurden von einer Tonkette, die sich wie ein Kinderlied anhörten: »Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg, deine Mutter ist im Pommerland, Pommerland ist abgebrannt …« Kaum, dass eine anscheinend bekannte Melodie dabei war, setzte heftiges Trommeln ein. Der Schäfer beugte sich vor und murmelte: »Das sind Regentropfen. Hört doch.« Niemand beachtete, was er sagte. Die schrägen Tonfolgen hielten an. Die Bauern fingen an, auf ihren Stühlen zu rutschen. Der Bürgermeister zuckte mit den Mundwinkeln. »Was ist das?« Ein Trommelfeuer der Dissonanzen setzte ein, helle Tupfzeichen, etwas rieb aneinander, eine schrille Frauenstimme sang immer wieder nur das eine Wort: »Ges-tern.«

Ein Bauer, der am Ofen saß, fragte in die Runde: »Is dat jetzt schon dat Konzert oder wie?« Die Leute sahen sich irritiert an. Aus dem Empfänger tönte inzwischen das Miauen von Katzen. »Also, dat ist nix für mich.«

Ein alter Mann mit Pfeife wollte aufstehen. »Bleib sitzen«, ermahnte ihn der Wirt, »das ist eben ganz neue Musik.«

»Neu hin oder her«, sagte der Alte und wiederholte: »Dat is nix für mich. Dat hört sich an, wie Durcheinander in der Schublad. Wo bleibt denn da die Harmonie?«

Ein Tenor gesellte sich zu den Katzenstimmen. Die Frau mit der schrillen Stimme veränderte die Tonlage und rollte das R: »Ges-terrrrn.« Die Leute auf den Fußbänkchen standen fast geschlossen auf. Dem Wirt gelang es nicht, sie aufzuhalten. »Aber es ist noch gar nicht fertig …«

Langsam aber merklich leerte sich der Saal. Nur der Kreis um Franz’ Mutter saß noch zusammen. »Der Franz ist mir so fremd geworden«, sagte sie, fuhr sich durch die Haare und nippte an der Kaffeetasse.

Eine Weile hörten sie noch zu, aber die Musik blieb seltsam und bizarr. Irgendwann griff auch die Mutter nach der Tasche. »Jetzt ist der Franz also berühmt«, sagte der Wirt, indem er ihr die Hand drückte und Frau Kunzweiler nickte betreten. »Ja, jetzt ist er berühmt.«

Am Ende saß nur noch der Schäfer in der Ecke am Ofen. Fast sah es so aus, als sei er eingeschlafen. Dann aber stand er auf und setzte sich auf den Stuhl des Bürgermeisters, dicht neben das Röhrengerät, die Ohren am Lautsprecher. Angestrengt horchte er hinein, folgte den Tempowechseln, den Crescendi, den Pausen, den Staccati. Plötzlich, als ob er etwas entdeckt hätte, bewegten sich seine Hände und die Augen leuchteten: »Hört doch mal zu, hört doch!«, rief er in den leeren Saal und als sich der Wirt verwundert näherte, tippte er mit dem Zeigefinger auf das Radio: »Hört doch«, wiederholte er und der Wirt gab sich alle Mühe, aber die Musik kratzte, drehte sich im Kreis, ein Tier gab Laute, ein Vogel vielleicht und der Wirt konnte dem Schäfer beim besten Willen nicht folgen. »Das waren die Elstern«, sagte der Schäfer, »und das«, er hielt die Luft an und schloss die Augen, »das sind die Schmetterlinge. Ihr meint wohl, die hört man nicht. Aber der Franz konnte sie hören und das sind sie. Die Schmetterlinge vom Berg. Und die Steine hör ich auch. Lava und Basalt. Und die Wisente, die es da mal gab. Der Franz hat all das die ganzen Jahre in seinem Kopf behalten«, sagte er, während gurgelige Töne aus dem Lautsprecher quollen, die sich wie Wasser anhörten. »Da sind die Quellen, unser Wasser. Ja, unser Wasser und jetzt die Kühe, hört doch, die Kühe … Und da – die Flöten!« Der Wirt atmete tief ein. Der Schäfer hielt lächelnd die Augen geschlossen und öffnete sie erst wieder, als Applaus aus der großen Halle in Frankfurt in die Wirtstube floss, was sich ein bisschen wie Regen anhörte. Eine Weile noch saß er da, sah auf den Röhrenempfänger und stützte den Kopf auf die Hände. »Der Franz hat alles im Kopf behalten«, sagte er, als er aufstand und dem Wirt eine Münze auf den Tisch warf. »Alles in seinem Kopf.«

Anja Balschun Der frühe Vogel

Max Sperling, von seiner Frau Agathe liebevoll Spatz genannt, scheuchte energisch den fünfschnäbeligen Spatzennachwuchs aus den Federn, vielmehr aus dem Nest, das mit denselben gemütlich ausgepolstert war. Es stand nämlich ein Ausflug auf dem Programm, der bei Sperlings Tradition war. Max und Agathe unternahmen die Exkursion stets dann mit ihren Kindern, wenn diese kurz davor waren, das Nest für immer zu verlassen. Los ging es in der Morgendämmerung, oder, wie die kleinen Spatzen es ausdrückten, im Grauen des Morgens. Die Unternehmung begann damit, dass Max sich vor seinen gähnenden Kindern aufbaute und »Der frühe Vogel fängt den Wurm« schmetterte.

Als die komplette Spatzenfamilie startklar vor ihrer Wohnung in luftiger Höhe saß, war es noch angenehm kühl. Vom Rhein stieg Dunst auf, hinter dem die Landschaft verschwamm. Was für ein herrlicher Juni-Morgen. Max konnte sich nicht sattsehen an der Flusslandschaft. Die aufgehende Sonne tupfte goldene Kleckse auf den mächtigen Strom. Sie hatten großes Glück gehabt, als sie dieses tolle Zuhause in einer Nische unter dem Dach der Kirche St. Ägidius in Bad Salzig, einem Stadtteil von Boppard, gefunden hatten. In einer schwierigen Zeit, die erst ein paar Jahre zurücklag.

»Die Spatzen sterben aus!«, hatte es geheißen.

Max und seiner Braut Agathe war es angst und bange geworden. Da gab es verzweifelte Vogeleltern, die ihre frischgeschlüpften Jungen mit Brötchen und Pommes, von den Menschen achtlos weggeworfen, zu Tode fütterten, weil es an Lebensraum, unversiegelten Flächen und damit an Insekten mangelte. Daraufhin teilte Agathe ihrem Verlobten Max kategorisch mit, dass sie keinesfalls mit ihm in einen Biergarten ziehen würde. Die Gebäudenische am Supermarkt war ihr auch nicht recht gewesen, weil direkt in dem Baum davor Familie Elster hauste. Die klauten erstens wie die Raben und fraßen zweitens kleine Spatzen. Tagelang versuchte Max, seine angehende Frau von den Vorzügen eines gastronomischen oder Lebensmittelbetriebs in der Nähe des Nestes zu überzeugen. Die Diskussion endete abrupt, als Agathe spitz bemerkte, dass ihre Mutter wohl recht gehabt hatte, als sie meinte, dass Max zwar ein sehr hübsches Federkleid, aber leider auch ein ziemliches Spatzenhirn habe. Besser wäre, sie würde Matthes heiraten, den charmanten Spaßvogel mit dem schicken Penthouse-Nest in der repräsentativen Alten Burg in der Bopparder Rheinallee.

Von Agathes schlagkräftigen Argumenten überrollt, hatte Max sofort nach einer ähnlich beeindruckenden Unterkunft gesucht, sie zum Glück gefunden und mit dem Nestbau in der Nische unter dem Dach der denkmalgeschützten Kirche begonnen. Mit unverbaubarem Blick auf den Rhein. Was Matthes konnte, konnte er schon lange.

Nach der Fertigstellung hatten sie Hochzeit und Einzug gefeiert. Beides hatten sie nicht eine Sekunde lang bereut. Die Umgebung war ruhig und grün. Es gab Schalen mit Wasser zum Trinken und Baden, sandige Flächen, die sich wunderbar zur Gefiederpflege eigneten, ausreichend Futter und nette Nachbarn.

Nun freute sich Max auf den bevorstehenden Ausflug. Mit einem Pfiff segelte er los, die fünf Spatzenkinder hinterher, Agathe bildete die Nachhut. Bei einer Herde Alpakas gab es den ersten Halt. Den fünf Kleinen standen die Schnäbel offen vor Staunen. Wow, waren die flauschig. Ein Nest, mit den Haaren ausgepolstert, das wäre ein Traum. Max postierte seine Frau und den Nachwuchs im Halbkreis um sich herum. Der Sperlingsvater erklärte seinen Spätzlein, dass sie in einer traumhaften Landschaft leben würden, die sogar zum Welterbe Oberes Mittelrheintal ernannt worden war. Max wusste zwar nicht so genau, was das bedeutete, aber es hörte sich klasse an.

»Meine geliebten Spätzchen«, zwitscherte Max, »wie ihr wisst, sind wir seit vielen Generationen in Rheinland-Pfalz zu Hause. Eure Mutter und ich haben euch in den letzten Tagen einiges über unsere schöne Heimat beigebracht.«

»Weil wir wollen, dass ihr bestens vorbereitet eure eigenen Leben beginnt«, piepste Agathe. »Bildung ist dabei so wichtig.« Das Leere-Nest-Syndrom lauerte, wie schon so oft, hinter der nächsten Ecke. Es fiel ihr immer schwer, ihre Brut in die weite Welt hinausfliegen zu lassen, aber wie jede fürsorgliche Mutter wollte sie ihren Kleinen zu einem gelungenen Start in die Selbständigkeit verhelfen.

»Da hat eure Mama völlig recht.« Max hüpfte neben seine Frau und legte zärtlich den Flügel um sie. Sie waren einfach ein super Team, seine Agathe und er. »Nun wollen wir einmal sehen, wie es um euer Wissen bestellt ist«, fuhr der Spatzenvater fort. »Ganz in der Nähe liegt Koblenz. Eine einzigartige Stadt, denn …?«

»… nur Koblenz allein hat Mosel und Rhein«, trällerten die kleinen Spatzen im Chor.

»Sehr schön«, lobte Max seine Sprösslinge. »Wir sind als Rheinland-Pfälzer gesegnet mit reicher Natur und reicher Kult …« Weiter kam Max nicht, die kleinen Spatzen waren nicht mehr zu bremsen und zwitscherten und flatterten aufgeregt durcheinander.

»In Trier, der ältesten Stadt Deutschlands, steht die Porta Nigra.«

»Das größte zusammenhängende Waldgebiet der Bundesrepublik liegt in der Pfalz.«

»Der Mainzer Johannes Gutenberg hat den modernen Buchdruck erfunden.«

»Die größte romanische Domkirche der Welt findet man in Speyer.«