Leuchtturmtänze - Manuela Inusa - E-Book

Leuchtturmtänze E-Book

Manuela Inusa

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Beschreibung

Auf den Outer Banks will Nora ihr Trauma verarbeiten – und Trost und Heilung finden

Nora ist Tänzerin in Chicago. Sie und ihr Mann Christopher freuen sich auf die Geburt ihres ersten Kindes. Doch es gibt Komplikationen, die das Baby nicht überlebt. Nora fällt in ein tiefes Loch, aus dem sie lange Zeit nicht mehr herausfindet. Erst ein Ortswechsel in das idyllische Städtchen Avon auf den Outer Banks schenkt ihr ein wenig Hoffnung. Sie findet Trost im Tanzen und bei Gesprächen mit ihrer älteren Vermieterin Rose. Schafft Nora es bei den wilden Pferden und dem Leuchtturm, der sie magisch anzuziehen scheint, dem Leben doch noch zu vertrauen?

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Seitenzahl: 470

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das Buch

Nora ist Tänzerin in Chicago. Sie und ihr Mann Christopher freuen sich auf die Geburt ihres ersten Kindes. Doch es gibt Komplikationen, die das Baby nicht überlebt, und Nora wird von einer allumfassenden Trauer überwältigt. Als die Ärzte ihr mitteilen, dass sie nie wieder schwanger werden kann und Christopher sie daraufhin verlässt, fällt sie in ein tiefes Loch, aus dem sie lange Zeit nicht mehr herausfindet. Erst ein Ortswechsel in das idyllische Städtchen Avon auf den Outer Banks schenkt Nora ein wenig Hoffnung. Sie findet Trost im Tanzen und bei Gesprächen mit ihrer älteren Vermieterin Rose. Schafft Nora es bei den wilden Pferden und dem Leuchtturm, der sie magisch anzuziehen scheint, dem Leben doch noch zu vertrauen?

Die Autorin

Manuela Inusa wurde 1981 in Hamburg geboren und wollte schon als Kind Autorin werden. Kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag sagte sich die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin: »Jetzt oder nie!« Seither verzaubert sie ihre Leser*innen regelmäßig mit gefühlvollen Romanen. Mit ihrer erfolgreichen Valerie Lane-Reihe, den Kalifornischen Träumen und Lake Paradise eroberte sie die Bestsellerlisten im Sturm. Die Autorin liebt es zu reisen, liest vorzugsweise Thriller und trinkt am liebsten Tee. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in ihrer Heimatstadt.

MANUELAINUSA

Leuchtturmtänze

ROMAN

WILHELMHEYNEVERLAG

MÜNCHEN

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Originalausgabe 03/2026

Copyright © 2026 by Manuela Inusa

Copyright © 2026 dieser Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Daniela Bühl

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von Max Meinzold, AdobeStock

(Bryan, V. J. Matthew, eyetronic, Birol Dincer, olezzo, Andrea Izzotti, Gerald Zaffuts, aheflin, structuresxx) und Shutterstock.com (giedre vaitekune)

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN: 978-3-641-33383-6V001

www.heyne.de

Prolog

Chicago, 18 Jahre zuvor

Nora stand vor dem Wandspiegel in ihrem Kinderzimmer und betrachtete sich darin. Sie befühlte ihr rotes Haar, die Sommersprossen, die blasse Haut – und wünschte sich, sie wäre eine andere.

Heute hatten ein paar ihrer Mitschülerinnen sie wieder gemobbt. Hatten sie herumgeschubst und sie White Trash genannt. Weil sie zwar in einem Viertel lebte, das zu über neunzig Prozent von Schwarzen bewohnt wurde, und weil sie mit Kindern zur Schule ging, die schwarz waren, sie es aber nicht war.

Ihre Freundinnen Kelly und Alicia hatten ihr wie üblich beigestanden und sie verteidigt, und trotzdem hatte sie auf dem einsamen Nachhauseweg wieder einmal geweint.

Ihre Mutter war noch auf der Arbeit gewesen, als sie durch die Tür trat, und ihr Dad saß vor der Glotze und schaute sich etwas auf einem der beiden funktionierenden Sender an. Als er Nora kommen sah, erhob er sich widerwillig und wärmte ihr eine Schüssel Chili con Carne auf, das es auch die letzten drei Tage schon gegeben hatte. Doch sie rührte es nicht an, stattdessen schmollte sie. Als ihr Dad sie fragte, was denn los sei, entgegnete sie nur, sie hasse Chili und sowieso alles hier. Dann lief sie in ihr Zimmer und schleuderte die Barbie mit den blonden Haaren, die sie seit ihrem siebten Geburtstag besaß, gegen die Wand.

Manchmal war Nora richtig böse auf ihre Eltern, weil sie arm waren und in Englewood leben mussten. Wie sehr wünschte sie sich, dass ihr Vater oder ihre Mutter einen besseren Job fanden und sie ins Stadtzentrum ziehen konnten. Dorthin, wo die ganzen Filme und Serien spielten, die im Fernsehen liefen. Dorthin, wo es schön war und wo sie keine Außenseiterin wäre. Oftmals lag Nora nachts wach und flehte das Universum an, sie aus diesem Elend rauszuholen. Doch wenn sie am nächsten Tag aufwachte, war sie nur immer noch hier und musste sich auf zur Schule machen, wo das Anderssein auf sie wartete.

Zum Glück war sie im Sommer zehn geworden und durfte somit endlich an den Jugendprojekten der Young Artists of Englewood teilnehmen, einem Sozialprogramm, das die Gemeinde mit viel Mühe ins Leben gerufen hatte. Dank staatlicher Unterstützung war es Nora nun möglich, zweimal in der Woche Ballettstunden zu nehmen, die sie über alles liebte.

Da ihre Eltern nicht das Geld hatten, um ihr neue Ballettschuhe, ein Trikot oder ein Tutu zu kaufen, ging ihre Mom mit ihr zu Goodwill und durchsuchte die Second–Hand–Sachen. Fast ein halbes Jahr lang trug sie ein einst weißes Tutu mit mehreren hässlichen Flecken, die sie irgendwann herausschnitt – bis sie von Grandma Faye ein wunderschönes rosafarbenes zu Weihnachten geschenkt bekam.

Sie berührte den Spiegel mit der Hand, hätte ihn am liebsten heruntergerissen und zerschmettert. Doch stattdessen strich sie ihrem Spiegelbild über die Wange und tröstete sich selbst. Wenn schon niemand anderes es tat.

Als sie hörte, wie die Stimmen im Nebenzimmer lauter wurden, ging sie zum Bett, verkroch sich unter der Decke und hielt sich die Ohren zu.

So war es hier fast jeden Tag. Immer war es laut. Wenn ihre Eltern nicht stritten, ertönten draußen Sirenen, Autoalarmanlagen und manchmal sogar Schüsse.

Nora wartete darauf, dass der Streit nachließ, aber er wollte einfach nicht verklingen.

»Während ich Doppelschichten schiebe, hast du ernsthaft wieder deinen Job verloren?«, hörte sie ihre Mom schreien.

»Die hatten viel zu hohe Anforderungen«, verteidigte sich ihr Dad.

»Du hast zu hohe Anforderungen, Jimmy!«

»Hab ich überhaupt nicht! Ich will nur, dass man meine Arbeit wertschätzt und …«

»Und weißt du, was wir wollen? Nora und ich? Wir wollen etwas zu essen auf dem Tisch. Wir wollen warmes Wasser. Und wir wollen verdammt noch mal ein Jahr überstehen, ohne dass man uns den Strom abstellt. Wir haben keine fünfzig Dollar mehr auf dem Konto, Jimmy. Wir haben nicht einmal mehr Eier im Kühlschrank!«

»Eier? Ist es das, was du willst? Dann gehe ich jetzt verdammt noch mal Eier kaufen«, blaffte ihr Dad.

»Ich will, dass du endlich der Ehemann und Vater bist, den wir verdienen!«, schrie ihre Mom zurück.

Nora hielt es nicht mehr aus. Sie stand auf, verließ ihr Zimmer und schlich sich raus in den Garten. Hinter sich das heruntergekommene Haus, sah sie hinauf zum Mond und wünschte sich, dass sie diesen Mond eines Tages von einem wundervollen, besseren Ort aus betrachten konnte.

Selbst hier draußen hörte sie ihre Eltern noch streiten. Und deshalb tat Nora das Einzige, was immer alles andere verblassen ließ. Das, was immer alles besser machte. Sie begann zu tanzen. Hier in ihrem Garten. Egal, ob sie jemand sah, nichts war mehr wichtig. Nur sie und die Bewegungen, das Plié und das Chassé, das Développé und das Jeté. Als sie schließlich eine Pirouette drehte, fühlte sie sich stark. Mutig. Und sie wusste, eines Tages würde sie nichts als tanzen und allen zeigen, dass sie auch etwas wert war. Weil sie tief im Innern fühlte, dass sie auf dieser Welt zu mehr bestimmt war.

1

Chicago, heute

Sie tunkte den Pinsel in die Dose und nahm die hübsche rosa Farbe auf. Die alte Kommode von Christophers Eltern zu streichen, bereitete ihr große Freude, vor allem, wenn sie sich vorstellte, dass ihr Liebster einst darauf gewickelt worden war. Bald nun würden sie dasselbe mit ihrem Töchterchen tun, sie konnte es kaum erwarten.

Nora war im siebten Monat schwanger – und sie liebte jeden Moment. Auch wenn sie das Tanzen stets als ihre Berufung bezeichnet hatte, war ihr dennoch klar geworden, dass Mutter zu werden, ihre eigentliche Bestimmung war. Seit sie herausgefunden hatte, dass sie ein Baby erwartete, fühlte sie sich nun endlich vollständig. Angekommen. Wusste sie, wofür sie hier war auf dieser großen, weiten Welt.

Dass Christopher sich genauso freute, war nur das Sahnehäubchen. Und seit sie wussten, dass ihr erstes Kind ein Mädchen werden sollte, war er vollends begeistert. Sie sprachen kaum noch von etwas anderem. Ganze Abende saßen sie gemeinsam auf der Couch und planten ihre Zukunft, schlugen einander Babynamen vor und überlegten, welche Art von Geburt die angenehmste wäre.

Sie musste lächeln und streckte sich. Ihr Rücken schmerzte ein wenig, weshalb sie den Pinsel ablegte und sich erhob. Sie trat ans Fenster und schaute hinaus auf den Lake Michigan. Die Aussicht war atemberaubend, und wieder einmal konnte sie ihr Glück kaum fassen.

Es war fünf Monate her, dass sie in diese Wohnung gezogen waren, die sich im Stadtteil Lincoln Park befand. Niemals hätte Nora zu träumen gewagt, eines Tages hier zu leben, in einem sicheren Viertel mit Restaurants, Bars, Yogastudios und wunderschönen Parks statt mit Gangs, Armut, Gewalt und Drogen. Wohin sie auch blickte, sah sie Wolkenkratzer statt Bruchbuden, Touristen statt Junkies, saubere Straßen statt rissigem Asphalt. Und das alles hatte sie sich selbst erarbeitet, worauf sie am allerstolzesten war.

»Wir haben es geschafft«, sagte sie und streichelte ihren Bauch. Dann nahm sie ihr Handy zur Hand und stellte klassische Musik an, weil sie gelesen hatte, dass das gut und beruhigend fürs Baby war. Und weil es sie an ihre Zeit beim Ballett erinnerte.

Sobald sie die Highschool abgeschlossen hatte, war sie raus aus Englewood gewesen. Natürlich hätte sie am liebsten eine Schule wie die renommierte Juilliard School in New York besucht, doch leider wollte es mit einem Stipendium nicht klappen, und die Gebühren für solch eine private Institution hätte sie sich niemals leisten können. Also nahm sie das, was ihr möglich war: Sie bezog eine Einzimmerwohnung im Zentrum von Chicago, suchte sich einen Job als Kellnerin, sparte jeden Cent, belegte Tanzkurse an der Joffrey Ballet School, bewarb sich weiter für Stipendien und ging zu Castings für alle möglichen Shows, Ballettaufführungen und Musicals. Hauptsache raus aus dem Elend. Weg von zu Hause. Fort von allem, was sie die ersten achtzehn Jahre ihres Lebens verfolgt hatte.

Es musste ein wahres Wunder gewesen sein, dass sie nach nur einem Jahr eine Rolle im Schwanensee ergatterte. Schon beim Casting wusste sie, dass sie es geschafft hatte, sie brauchte lediglich in die Augen der Direktorin zu sehen. Eine Woche später erhielt sie den Anruf, und ihr größter Traum wurde wahr. Fortan durfte sie an fünf Abenden pro Woche am Robertson Theatre auftreten und sich die Seele aus dem Leib tanzen. Als die Darstellerin der Odette sich das Fußgelenk verstauchte, durfte Nora sogar die Hauptrolle übernehmen – der absolute Höhepunkt ihrer Karriere, das war ihr bereits mit zwanzig Jahren bewusst.

Als das Stück nach achtzehn Monaten auslief, standen ihr alle Türen offen. Sie nahm Rollen beim Nussknacker und in Ein Sommernachtstraum an. Bei Letzterem lernte sie Zoey kennen, die zu ihrer neuen besten Freundin wurde und die sie ihrem Bruder Christopher vorstellte. Und damit war Noras Schicksal besiegelt.

Sie setzte sich in den Stillsessel, lauschte der Musik und sah sich im Zimmer um. Es war bereits fertig eingerichtet. Die Wände hatte Christopher gestrichen – in einem warmen Beige –, und Nora hatte sie mit Schmetterlingen beklebt. Das Babybett war aufgebaut, ein Regal war mit Kuscheltieren bestückt, Bücher zum Vorlesen standen bereit. Auf einer hübsch verzierten, hölzernen Truhe lagen Bodys, Strampler und Söckchen und warteten darauf, in die Schubladen der Kommode gelegt zu werden. Von der Decke hing eine rosafarbene Lampe mit Schäfchen, und über dem Bett ein selbstgeschnitztes Mobile ihres Dads, über das sie sich riesig gefreut hatte und was sie noch immer zu Tränen rührte, wenn sie es betrachtete. Weil sie so etwas von ihrem Vater nicht erwartet hätte. Aber vielleicht wollte er ja wiedergutmachen, was er bei ihr falsch gemacht hatte.

Als Nora zwölf Jahre alt gewesen war, hatte ihr Dad die Familie verlassen. Hatte Nora und ihre Mom einfach zurückgelassen, in dem zerfallenen Haus in Englewood, mit einer nicht bezahlten Stromrechnung und einem Kühlschrank, in dem sich neben einer Flasche Ketchup und einem Glas Senf lediglich ein paar verschimmelte Dinge befanden, die ohne Kühlung mit jedem Tag mehr verrotteten. Bis Nora sie wegwarf. Weil ihre Mutter dazu nicht in der Lage war. Denn sie steckte anscheinend in einer Zwischenwelt fest, die aus Arbeit und Wut bestand. Und Kummer. Nora konnte sie jede Nacht weinen hören, ihrer Ehe nachtrauern, ihrem kaputten Leben und ihrem Schicksal an diesem Ort, der nur immer schlimmer statt besser wurde.

Währenddessen lag Nora ebenfalls wach in ihrem Bett. Doch sie weinte nicht. Stattdessen träumte sie. Von einer Zukunft, in der sie all das hinter sich lassen und dem Slum den Rücken kehren würde. Sie würde es nicht so weit kommen lassen wie ihre Mom, würde mehr aus ihrem Leben machen. Würde stolz auf sich sein können. Einen vollen Kühlschrank haben. Einen funktionierenden Fernseher. Einen Job, bei dem sie nicht zehn Stunden am Fließband stand und Etiketten auf Lebensmittel klebte, die sie selbst sich nicht leisten konnte. Und vor allem würde sie eine gute Mutter sein, für die das Wohl ihres Kindes an erster Stelle kam. Die ihm seine Wünsche erfüllen konnte. Eines Tages. Dafür würde sie einfach alles tun.

Sie merkte, wie sie einschlummerte. Ihre Gynäkologin Dr. Vogel hatte ihr gesagt, dass sie sich schonen sollte. Ihr Blutdruck war zu hoch, und sie litt unter Wassereinlagerungen. Doch es ging ihr gut, sie hatte nicht gedacht, dass die Schwangerschaft so problemlos verlaufen würde. In den ersten drei Monaten, in denen die meisten Schwangeren sich übergeben mussten, war ihr nur leicht übel gewesen. Ein paar Kekse oder Cracker am Morgen, und das Unwohlsein war verflogen. Natürlich hatte sie nicht mehr tanzen können, denn das wäre zu anstrengend gewesen, zumal neben den Aufführungen stundenlange Proben anstanden. Glücklicherweise war ihr Engagement bei Endstation Sehnsucht beinahe ausgelaufen, als sie herausgefunden hatte, dass sie ein Kind erwartete. Sie waren auf Amerikatour gewesen, zu dem Zeitpunkt in Salt Lake City, und hatten nur noch zwei Aufführungen vor sich, die Nora locker über die Bühne brachte. Danach konnte sie sich ganz auf die Schwangerschaft konzentrieren – und sie hatte bisher jede Sekunde ausgekostet.

Als sie hörte, wie die Wohnungstür geöffnet wurde, musste sie lächeln.

»Ich bin hier!«, rief sie. »Im Kinderzimmer.«

Kurz darauf trat Christopher herein. »Hallo, mein Schatz«, sagte er, gab ihr einen Kuss und betrachtete die Wickelkommode. »Du sollst doch nicht so viel tun.«

»Es macht aber Spaß«, erwiderte sie und erhob sich. »Außerdem bin ich fast fertig.«

»Das sehe ich. Ist wirklich toll geworden.«

»Danke schön.« Sie strahlte übers ganze Gesicht. »Wie war denn dein Tag?«

»Der war ein wenig stressig. Ich war beinahe ununterbrochen im Gericht.« Christopher war seit anderthalb Jahren als Scheidungsanwalt in der Kanzlei seines Schwagers angestellt und ging in seiner Tätigkeit voll auf. Auch wenn Nora es eher traurig fand, dass er einst glückliche Paare scheiden musste. Doch jedem das, was ihn erfüllte, und Christopher hatte damit ebenfalls seine Berufung gefunden.

»Hörst du wieder Tschaikowsky?«

Sie strich abermals über ihren Bauch. »Ich glaube, unsere Kleine mag Schwanensee. Vielleicht wird sie ja eines Tages auch Tänzerin.«

»Wenn sie deine Anmut mitbekommt, ganz bestimmt.«

Sie ließ sich von ihrem Mann umarmen und schloss die Augen, genoss den Moment, ihr Glück, das Leben.

»Bestimmt bist du nun zu müde, um noch auszugehen, oder?«, fragte Christopher.

»Oh, ich möchte auf jeden Fall ausgehen. Darauf freue ich mich schon seit dem Aufwachen«, erwiderte sie. Denn heute war ihr fünfter Jahrestag, und Christopher hatte ihr versprochen, sie in ihr Lieblingsrestaurant auszuführen.

»Bist du sicher?«

Sie nickte. »Ganz sicher.«

»Na gut. Dann lass mich einen Tee aufsetzen, und in etwa einer Stunde machen wir uns auf den Weg, ja?«

»Perfekt«, antwortete sie und küsste ihren Liebsten auf die Wange, bevor er in die Küche ging.

2

Sie schlenderten die Armitage Avenue entlang bis zur Ecke North Halsted Street und bogen dann nach links ab, wo sich das Summer House Santa Monica befand, das Nora nach dem zweiten Besuch zu ihrem Lieblingsrestaurant erklärt hatte. Es war nicht übertrieben schick, sondern eher modern rustikal eingerichtet in hellen Farben, mit von der Decke hängenden Grünpflanzen und bequemen Rattanstühlen. Der Laden war auch nicht überteuert, sodass ihn sich nur die Reichsten der Gegend leisten konnten, sondern die Preise lagen im mittleren Bereich. Das Beste war aber: Das Summer House hatte die leckersten Truffle Fries, die Nora je gegessen hatte.

Obwohl sie Pommes mit Trüffelöl, Parmesan und Aioli über alles liebte, entschied sie sich heute jedoch für etwas anderes, und zwar für Fish Tacos, denn sie war außerdem ein großer Fan von allem, was das Meer hergab.

»Vermisst du die hausgemachte Burrata sehr, mein Schatz?«, fragte Christopher, nachdem sie bestellt hatten.

»Und wie!« Leider waren Käsesorten aus Rohmilch ja in der Schwangerschaft nicht erlaubt. »Aber nicht so sehr, wie ich Muscheln vermisse.« Seit Nora zum ersten Mal welche gegessen hatte, war sie verrückt danach: nach Miesmuscheln, Jakobsmuscheln, Austern und allen anderen erdenklichen Arten. Am liebsten wäre sie mal aufs Meer hinausgefahren und hätte ein ganzes Netz voll gefangen, nur um sich danach eine Woche lang von Muscheln zu ernähren.

Der eine oder andere Ratgeber besagte, dass zumindest gekochte oder frittierte Muscheln in der Schwangerschaft okay waren, zumal sie ja auch viel Eisen und Proteine mit sich brachten. Dr. Vogel hatte ihr aber dringend davon abgeraten, da neuere Studien ergeben hatten, dass die hohen Methylquecksilberwerte dem Fötus dennoch schaden könnten. Dasselbe betraf Thunfisch, Rotbarsch und einige andere Fischsorten. Es gab Momente, in denen vermisste Nora es, einfach essen zu können, wonach ihr war, andererseits gab sie diese Dinge gern für eine Weile auf – genau wie das Tanzen –, da sie ja wusste, dass es nicht von Dauer war. Und weil sie alles für ihr Baby getan hätte. Genau wie Christopher.

Sie betrachtete ihn, wie er so dasaß in seinem dunkelbraunen Anzug, dem weißen Hemd und der beigefarbenen Krawatte. Er war ein wirklich gutaussehender Mann, zumindest in Noras Augen, und manchmal konnte sie ihr Glück, ihn gefunden zu haben, noch gar nicht richtig fassen. Besonders mochte sie die Tatsache, dass sie so viel gemeinsam hatten. Sie beide liebten Musik, Nora, weil sie gern dazu tanzte, und Christopher, weil er ein großer Blues- und Jazzfan war und sogar in einer Band Trompete spielte. Den Rhythmus hatten sein Dad und sein Grandpa ihm mit in die Wiege gelegt, die beide Musiker waren. Grandpa Harley hatte Jahrzehnte lang in einer Jazzband Saxofon gespielt, Noras Schwiegervater Warren sang seit Kindesalter im Gospelchor der Kirche, in die er jeden Sonntag ging. Früher hatte Christopher ihn oft begleitet, mit den Jahren hatte er aber das Interesse an den Gottesdiensten verloren.

Das war eine weitere Sache, die Christopher und sie verband. Als Kinder waren sie beide inmitten von zwei Welten aufgewachsen. Nora in einer Gegend, in der sie sich nicht dazugehörig fühlte, mit Menschen, die sie nie so richtig akzeptiert hatten. Und Christopher in einer Familie, die diverser nicht hätte sein können. Sein Vater war ein afroamerikanischer, gläubiger Baptist, der keinen Kirchgang verpasste und streng nach den zehn Geboten lebte, seine Mutter eine blonde, katholische Irin, die allerdings nicht sehr religiös, sondern vielmehr spirituell war. Sie konnte einem die Karten legen und hatte sogar eine Glaskugel, um mit der Welt der Geister zu kommunizieren. Nora hatte sich mehr als einmal gefragt, wie die beiden so eine harmonische Beziehung führen konnten, doch am Ende war sie immer zu dem einen Schluss gelangt: Die Liebe konnte alle Brücken überwinden, und vielleicht zogen Gegensätze sich manchmal ja wirklich an.

»Nicht mehr lange bis zum St. Patrick’s Day«, sagte sie, als die Getränke kamen. Christopher hatte sich ein Bier bestellt, Nora einen Orangensaft. »Freut deine Mom sich schon drauf?«

»Oh ja, sie kann es kaum erwarten«, antwortete Christopher und verdrehte ein wenig die Augen.

Nora musste lachen. »Das kann ich mir vorstellen.«

Fiona war nämlich wie beinahe alle Iren, die sie kannte, ungemein stolz auf ihre Herkunft. Jedes Jahr am St. Patrick’s Day, dem irischen Nationalfeiertag, zog sie sich grün an, behängte sich mit allerhand kitschigem Schmuck und machte sich mit ihren irischen Freunden auf ins Stadtzentrum, um sich den grüngefärbten Chicago River anzusehen. Danach tischte sie zu Hause alle möglichen Gerichte aus der Heimat auf, von Irish Stew bis hin zu Shepherd’s Pie. Nora hatte diese Tradition lieben gelernt, genau wie die vielen Familientreffen, an denen sie seit fünf Jahren teilnehmen durfte. Weil es das in ihrer eigenen Familie nie gegeben hatte. Ihre Eltern konnten sich seit der Scheidung nicht mal in einem Raum aufhalten, geschweige denn zusammen Weihnachten oder Geburtstage feiern. Nora hoffte so, dass sich das nach der Geburt ihrer Tochter ändern würde.

»Hat deine Mom sich tatsächlich diesen riesigen grünen Hut bestellt, den sie mir neulich im Internet gezeigt hat?«, erkundigte sie sich.

Christoper lachte. »Hat sie. Ich weiß allerdings nicht, wie sie den ganzen Tag damit herumlaufen will, der wiegt bestimmt fünf Kilo.«

Amüsiert schüttelte Nora den Kopf. »Du kennst doch deine Mom. Wenn sie sich einmal was vornimmt, zieht sie es auch durch.«

»Oh ja.« Christopher nahm einen Schluck Bier. »Hab ich dir je von dem Elterntag erzählt, bei dem sie meiner Klasse ihren Beruf vorgestellt hat?« Fiona war Spirituelle Lebensberaterin.

»Nein, ich glaube nicht.«

»Eigentlich hatte Dad geplant mitzukommen und von der Spedition zu erzählen, von den Lkws und so weiter, was die Kids sicher cool gefunden hätten. Aber Mom meinte, sie wolle unbedingt übernehmen. Ja, und was hat sie letztlich gemacht? Meinen Mitschülern erzählt, dass es im Leben darum geht, ein tieferes Verständnis für sich selbst zu entwickeln und seine innere Transformation voranzutreiben. Die haben kein einziges Wort verstanden – wir waren in der dritten Klasse!« Er lachte. »Nach der Stunde hat mich einer meiner Freunde gefragt, was meine Mom da eigentlich von den Transformers erzählt hat.«

»Diese Roboter aus der gleichnamigen Serie?« Sie erinnerte sich, dass die Jungs in ihrer Schule immer mit den Figuren gespielt hatten.

Christopher nickte schmunzelnd und nahm noch einen großen Schluck Bier.

»Das ist ja echt lustig«, meinte sie und griff nach ihrem Saft.

»Und wie geht es deiner Mom?«, fragte Christopher im nächsten Moment. »Gefällt ihr der neue Fernseher?«

»Ja, sie ist ganz vernarrt in ihn und froh, sich ihre Talkshows nicht mehr mit einem lauten Rauschen anschauen zu müssen. Nicht, dass sie es zugeben würde.« Es war sowieso ein Wunder, dass Cindy Bryson so ein teures Geschenk angenommen hatte, denn normalerweise wollte sie sich finanziell nicht helfen lassen – zumindest nicht von ihrer Tochter. Aber es war ihr Geburtstag gewesen, und Nora und Christopher hatten keine Widerrede gelten lassen, da ihre Mom einen neuen Fernseher dringend benötigt hatte. Jahrzehnte hatte sie mit kaputten Fernsehern auskommen müssen, wahrscheinlich besaß sie zum ersten Mal überhaupt einen einwandfrei funktionierenden.

»Sehr schön.« Christopher lächelte zufrieden. Dann machte er eine kurze Pause und griff über den Tisch nach ihrer Hand, bevor er die nächste Frage stellte. »Hast du in letzter Zeit auch mit deinem Dad gesprochen?«

Sie nickte. »Ja. Es geht ihm gut. Er verbringt wohl die meiste Zeit des Tages in der Werkstatt.«

Nachdem Jimmy sein ganzes Leben lang einen Job nach dem anderen verloren beziehungsweise geschmissen hatte, weil er sich niemandem unterwerfen wollte, hatte er irgendwann beschlossen, sein eigener Boss zu werden. Er hatte sich Geld geliehen, wo er konnte, von Banken, Freunden und sogar einem Kredithai, und hatte eine heruntergekommene Autowerkstatt auf Vordermann gebracht.

»Und was machen deine Geschwister?«, wollte ihr Mann schließlich wissen. Und es war nicht ungewöhnlich, dass er sich danach erkundigen musste. Denn von sich aus erzählte sie nie viel von ihrer Familie.

»Die sind auch wohlauf. Cash kommt im Sommer auf die Middle School, und Dolly hat gerade angefangen, Gitarre zu spielen.«

Wenn sie an ihre beiden Halbgeschwister dachte, die ihr Dad nach seinen Idolen Johnny Cash und Dolly Parton benannt hatte, begleitete dies noch immer ein kleiner Stich in ihrem Herzen – ob sie wollte oder nicht. Sie mochte die beiden Kleinen und gönnte ihrem Dad sein neues Familienglück, und doch brachte es ihr jedes Mal, wenn sie ihren Vater mit seiner neuen Frau Claudia und den Kids sah, all das vor Augen, was sie nicht gehabt hatte. Und was er jetzt mit ihnen hatte.

»Wow, Cash kommt schon auf die Middle School? Wie alt ist er, zehn?«

Sie nickte und hielt Ausschau nach ihrem Essen. »Er wird in zwei Monaten elf.«

»Wir haben sie länger nicht gesehen. Findest du, wir sollten sie demnächst besuchen gehen? Oder sie zu uns einladen?«

»Klar, das können wir sehr gerne machen.«

Ihr Essen kam, und Nora stürzte sich darauf. Wie immer genoss sie den ersten Bissen am meisten. Denn es war bis heute keine Selbstverständlichkeit für sie, in tollen Restaurants essen zu gehen. Als Kind hatte sie das nicht gekannt. Da hatten sie allenfalls frittiertes Hühnchen bei KFC gegessen oder ein paar Hamburger und Pommes bei Burger King oder McDonald’s, wenn ihre Mom irgendwo Coupons aufgetrieben hatte. Noras erster und einziger Restaurantbesuch war an dem Tag gewesen, als Grandma Faye sie mit zu einem Termin in die Innenstadt genommen hatte. Da hatte Nora zum ersten Mal all die Wolkenkratzer aus der Nähe gesehen und den Lake Michigan. Grandma Faye hatte eine Freundin getroffen, die etwas Wichtiges mit ihr besprechen wollte, und Nora, die zu dem Zeitpunkt etwa neun Jahre alt gewesen war, hatte nur staunen können. Sie hatte all die neuen Eindrücke in sich aufgesogen und die Salamipizza in vollen Zügen genossen, die tatsächlich auf einem echten Porzellanteller serviert worden war. Niemals hatte sie diesen besonderen Tag vergessen.

»Du hast aber Appetit.« Christopher grinste sie an.

»Unsere Kleine hat Appetit«, korrigierte sie ihn und biss ein weiteres Mal von dem Taco mit dem frittierten Seelachs ab, der köstlich war.

Christopher machte sich an seine Pizza heran. »Konntest du inzwischen darüber nachdenken, wie du zu Holly stehst?«

Den Namensvorschlag hatte er ihr vor einigen Tagen gemacht.

»Ich mag ihn sehr. Er ist süß. Allerdings kam mir da noch eine Idee.«

»Und zwar?«

Sie schluckte herunter. Trank etwas. Wollte ein wenig Spannung aufbauen, weil sie den Namen wirklich perfekt fand, der ihr am Nachmittag in den Sinn gekommen war, als sie Tschaikowsky gehört und sich dabei ganz friedlich gefühlt hatte. Sie blickte ihrem Mann, dem Vater ihres Kindes, tief in die Augen und fragte: »Wie findest du Melody?«

Christopher legte seinen Kopf schräg und schien darüber nachzusinnen. Dann brauchte er zum Glück nur eine Minute, um dieselbe Begeisterung zu empfinden. »Melody … das klingt ziemlich umwerfend.«

»Ja, oder? Und es passt so gut zu uns beiden.«

»Der Meinung bin ich auch.« Er strahlte sie an, und seine entzückenden Wangengrübchen zuckten dabei. »Wir haben also einen Namen?«

Nora nickte euphorisch. »Ich glaube schon.«

»Darauf müssen wir anstoßen«, sagte er und hob sein Glas.

»Auf Melody«, sagte sie und stieß ihr Glas sachte gegen seins.

»Auf Melody! Und auf uns. Auf die ersten fünf Jahre unseres wunderbaren gemeinsamen Lebens.«

»Ich hätte es nicht besser sagen können«, erwiderte sie und dachte an ihre erste Begegnung zurück.

Sie kannte Zoey seit ein paar Wochen, sie probten zusammen für Ein Sommernachtstraum und waren nach den anstrengenden Tagen öfter abends was zusammen essen gegangen. Nora mochte Zoey, fand, man konnte sich gut mit ihr unterhalten, und zudem bewunderte sie ihre neue Freundin. Nicht nur für ihre Schönheit und ihre Grazie, sondern auch dafür, dass sie so ein zufriedener und ausgeglichener Mensch zu sein schien. Sie war bereits im Leben angekommen, wo sie hinwollte, während Nora noch immer auf der Suche war. Zwar hatte sie längst herausgefunden, dass sie nichts als tanzen wollte, und trotzdem haderte sie mit anderen Dingen. Ihre Vergangenheit verfolgte sie weiterhin. Ihre Familie war zerrissen, und sie wusste nicht, ob sie eine eigene wollte. Sosehr sie sich einen netten Mann an ihrer Seite wünschte und am liebsten auch ein paar niedliche Kinder, hatte sie doch große Angst, dass es bei ihr enden würde wie bei ihren Eltern. Was, wenn sie ihren Kindern nicht das geben konnte, was sie sich für sie wünschte? Am Ende würden sie sich genauso verloren fühlen wie sie.

Eines Abends bei McDonald’s erzählte Nora ihrer Freundin, dass ihr Handy kaputt war, und die bot ihr gleich an, es von ihrem Bruder reparieren zu lassen.

»Gib es mir mit, und ich frag Christopher, ob er es sich ansieht. Oder du gehst selbst gleich morgen zu ihm. Er arbeitet im Apple Store auf der Michigan.«

Nora hatte Christopher bereits bei einer Familienfeier kennengelernt, zu der Zoey sie mitgenommen hatte. Allerdings hatten sie nicht mehr als ein paar Sätze miteinander gewechselt.

»Ich kann ja aber nicht mit meinem billigen Handy in einen Apple Store gehen.«

»Klar kannst du. Chris macht das bestimmt für dich, wenn ich ihn lieb darum bitte.«

Nora war sich unsicher. Als sie ihr Telefon über Nacht aber nicht einmal mehr laden konnte, nahm sie das Angebot ihrer Freundin an. Am nächsten Tag sollten die Proben erst mittags beginnen. Zuvor machte sie sich also auf in die Michigan Avenue und in den Store, der sie ein wenig einschüchterte. Nie im Leben hätte sie sich ein iPhone leisten können, ihr erstes Smartphone hatte sie sich erst mit fünfzehn gekauft, nachdem sie sich als Babysitterin ein bisschen was verdienen konnte. Doch in diesen Welten fühlte sie sich noch immer unwohl und gehemmt.

Sie sah sich um. Christopher zu finden, war keine Schwierigkeit. Er sah seiner Schwester so unglaublich ähnlich, dass sie lächeln musste.

»Hi, Christopher«, sagte sie schüchtern, als sie vor ihm stand. Nervös kratzte sie sich am Handrücken.

»Hi, Nora.« Er strahlte sie an, und seine Grübchen sowie seine warmen braunen Augen verzauberten sie völlig. »Wie kann ich dir helfen? Zoey hat erzählt, dein Handy spinnt?«

Sie nickte und holte es heraus. Sofort nahm er es ihr ab und betrachtete es eingehend. Er versuchte es einzuschalten, aber es wollte nicht reagieren, woraufhin er es mit zu einem der Servicetische nahm.

Nora folgte ihm. »Bist du sicher, dass das okay ist? Ich will nicht, dass du meinetwegen Ärger bekommst.«

Er zuckte die Schultern. »Sollen sie mich halt feuern. Ich mag den Job eh nicht allzu gern.«

Kurz weckte das Erinnerungen an ihren Dad. Aber sie wollte keine Vorurteile haben, wenn Christopher schon so nett war.

»Warum arbeitest du dann hier?«, frage sie letztlich doch. Einfach aus Interesse, und weil sie das Gefühl hatte, sie müsste irgendwas sagen.

Ihr Gegenüber grinste sie an. »Gute Frage. Vielleicht, weil ich noch nicht weiß, was ich mit meinem Leben anfangen soll?«

Diese Aussage fand sie ein wenig komisch. War Christopher nicht bereits fünfundzwanzig und hatte das College mit Bravour abgeschlossen? Und das bereits vor zweieinhalb Jahren? Zumindest war es das, was Zoey ihr erzählt hatte. Sollte ein Collegeabsolvent also nichts Besseres anstreben, als sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten?

»Nun, ich hoffe, du findest es bald heraus.«

»Wir werden sehen.« Er begutachtete weiterhin ihr Handy. »Ich glaube, dafür brauche ich eine Weile. Ich würde es tatsächlich mal meinem Kumpel Clint zeigen wollen, der mehr Ahnung von Reparaturen hat.«

»Okay. Denkst du denn, er bekommt es wieder hin?«

»Da bin ich mir ziemlich sicher.«

»Und wie viel wird er mir dafür berechnen? Ungefähr?« Würde die Reparatur nämlich zu teuer werden, könnte es eventuell Sinn machen, sich einfach ein neues Handy zu besorgen.

»Mach dir darüber keine Gedanken. Er schuldet mir einen Gefallen.«

»Das ist ja cool.« Sie schenkte Christopher ein Lächeln. »Was schätzt du, wann ich es zurückbekomme?«

»Ich melde mich bei dir. Gibst du mir deine Festnetznummer?«

»Ehrlich gesagt habe ich kein Festnetz.« Damals bei ihrem Einzug wäre das nur eine weitere unnötige Ausgabe gewesen, die sie sich nicht leisten konnte. Inzwischen hätte sie sich zwar einen Anschluss anschaffen können, doch noch immer versuchte sie so sparsam wie möglich zu leben. Wer wusste schon, wann es wieder knapp wurde?

»Dann gebe ich es am besten einfach meiner Schwester mit, wenn es heil ist, ja?«

»Super, danke«, sagte sie. Schließlich nannte sie Christopher das Passwort für ihr Samsung.

»Ich speichere meine Nummer in deinem Handy ab, wenn es wieder geht. Dann kannst du mich irgendwann anrufen, wenn du magst«, sagte er und lächelte sie ein letztes Mal an.

Sie nickte und lächelte zurück. Das würde sie vielleicht sogar machen.

Als sie aus dem Laden war und durch das Fenster schaute, sah Nora ihn winken, und sie musste gestehen, dass sie sich richtig darüber freute.

Als sie aufgegessen hatten, fragte Christopher, ob sie einen kleinen Spaziergang machen wollten.

»Unglaublich gerne«, antwortete sie.

»Bist du nicht zu erschöpft?«

»Nein. Ich würde am liebsten runter zum Wasser gehen.«

»Wie du möchtest«, sagte ihr Mann, der ihr jeden ihrer Wünsche erfüllte, sofern es ihm möglich war. Allerdings hatte sie auch nicht viele offen. Meistens war alles, wonach ihr Herz begehrte, eine Tasse Tee, ein Schokoladenmuffin oder eine Massage. Ansonsten war sie wunschlos glücklich. Endlich. Nach all den Jahren, in denen sie sich nach einem neuen Leben, einer neuen Identität, einer neuen Familie, einem neuen Zuhause gesehnt hatte, empfand sie vollkommene Zufriedenheit.

Hand in Hand schlenderten sie durch die dunklen Straßen an diesem kühlen, klaren Abend Ende Februar. Sie durchquerten den Lincoln Park, in den Nora sich um diese Uhrzeit zwar allein nicht getraut hätte, doch mit Christopher an ihrer Seite fürchtete sie überhaupt nichts. Sie wusste, er würde sie beschützen, würde für sie durchs Feuer springen und die höchsten Berge erklimmen. Er war einer der letzten Kavaliere, ihr Wohlergehen stand für ihn an erster Stelle, und dafür liebte sie ihn nur umso mehr.

Sie schmiegte sich an ihn. »Ich bin so froh, dich zu haben«, sagte sie.

Zwei Jahre waren sie nun schon verheiratet, zwei Jahre lang hieß sie bereits Nora Carpenter, seit zwei Jahren durfte sie jede Nacht neben diesem wunderbaren Menschen schlafen, der sie hielt, wenn sie schlecht träumte, und der ihr am Morgen ein liebevolles Lächeln zuwarf, wenn sie neben ihm aufwachte.

»Ich bin auch froh, dass wir uns gefunden haben«, sagte Christopher. »Und dass du mir damals eine Chance gegeben hast. Obwohl ich … ein wenig vom Weg abgekommen war.«

»Wir waren beide verloren. Und dann hat plötzlich alles Sinn ergeben.«

»Ja.« Er küsste sie auf die Lippen, und es fühlte sich an, als wäre es das erste Mal.

3

Zwei Tage später, an einem äußerst kalten Freitag, machte Nora sich auf nach Englewood. Während sie in der Green Line der Hochbahn saß, überlegte sie, was sie noch alles besorgen musste, für ihr Baby und für sich selbst nach der Geburt. Sie brauchte dringend ein Stillkissen, einen Wickeleimer und einen Kindersitz fürs Auto, so einen, mit dem man das Baby auch umhertragen konnte. Vielleicht könnten sie sich sogar eine von diesen Kinderwagen-Kombinationen anschaffen, sie würde es Chris gleich heute Abend vorschlagen. Außerdem hatte sie noch keine Milchpumpe und nahm sich vor, Zoey nach einer guten zu fragen. Die war immerhin schon Mutter und kannte sich da sicher aus.

An der Halsted Station stieg sie aus. Von dort waren es nur zehn Minuten zu Fuß zu ihrem alten Haus. Der Wind war eisig und ließ sie erzittern, sodass sie sich den Mantel enger band und den Schal ein weiteres Mal um den Hals wickelte.

Sie lief durch die Straßen, die genauso unsicher auf sie wirkten wie früher. Doch sie hatte keine Angst, denn sie war hier schließlich aufgewachsen und hatte es unbeschadet überstanden. Zumindest, was das Physische anging.

Ein paar Schritte weiter musste sie aufpassen, um nicht in das Loch im Asphalt zu treten, das schon vor zwanzig Jahren an dieser Stelle gewesen war. Sie kam an der alten Kirche vorbei und an dem Kiosk, an dem sie sich als Kind ein paar Lollis oder eine kleine Tüte Chips geholt hatte, wenn sie mal einen Dollar besaß. Das war eigentlich nur der Fall, wenn Grandma Faye ihr einen zusteckte oder wenn Tante Mary zu Besuch kam. Ihre Eltern vergaßen nämlich meistens, ihr ein Taschengeld zu geben, und Nora vermutete, dass sie dafür die meiste Zeit sowieso zu pleite gewesen waren.

Als sie ihr Ziel erreichte und die Pforte aufstoßen wollte, bemerkte sie, dass sie nur noch an einer Angel hing und zu nichts mehr zu gebrauchen war, genau wie der Briefkasten, der bereits vor Jahren umgekippt und nie wieder aufgestellt worden war. Sie klopfte an die Tür, weil die Klingel auch schon vor Ewigkeiten den Geist aufgegeben hatte.

Wenn sie irgendwem erzählte, dass sie als Kind in einem Haus aufgewachsen war, dann stellten die Leute sich wahrscheinlich ein nettes kleines Eigenheim mit weißem Gartenzaun, ein paar Blumenbeeten und einer Veranda vor. Wenn sie das hier gesehen hätten, hätten sie jedoch verstanden, dass ein Haus eben nicht gleich ein Haus war.

Nach einem weiteren Klopfen öffnete ihre Mom die Tür.

»Hey, Nora«, sagte sie. »Komm rein.«

Kein warmes, einladendes Lächeln. Keine Umarmung. Kein Schön, dich zu sehen. So, wie sie von Christophers Mutter empfangen wurde, wenn sie sie besuchte. Aber so war es schon immer gewesen, ihre Mom war nun mal kein sehr herzlicher Mensch. Das hatte sie akzeptieren gelernt, ändern konnte man die Menschen ja eh nicht.

»Hi, Mom«, erwiderte sie, als sie eintrat. »Wie geht es dir?«

Eigentlich brauchte sie gar nicht zu fragen, denn sie wusste bereits, was jetzt kam. Dasselbe wie jedes Mal. Ihre Mutter würde sich die nächste Viertelstunde über dies und das beklagen, bevor sie überhaupt mal daran dachte, sich nach Noras Wohlbefinden zu erkundigen.

»Ach, weißt du, es wird immer schlimmer. Mein Rücken killt mich, und die Arbeit ist das Letzte. Mein beschissener Boss hat die Mittagspause um zehn Minuten gekürzt.«

»Kann er das einfach so machen?«, fragte Nora, während sie ihren Mantel auszog und ihn über die Sessellehne legte. Denn die Garderobe war … nun ja, die war auch nur noch ein Etwas, das einmal einer Garderobe geglichen hatte.

Ihre Mom zuckte die Schultern. »Keine Ahnung. Er macht es halt. Soll ich mir jetzt ’nen Anwalt nehmen und ihn verklagen?« Sie lachte. »Vielleicht kann dein Christopher sich ja darum kümmern.«

»Christopher ist Scheidungsanwalt«, erinnerte sie ihre Mutter.

Die zog sich die heruntergerutschte Jogginghose wieder hoch. »Den hätte ich damals gut gebrauchen können. Dann hätte dein Daddy schön blechen müssen.«

Zu erwähnen, dass Christopher zum Zeitpunkt der Scheidung ihrer Eltern gerade mal fünfzehn und weit davon entfernt war, Anwalt zu werden, hätte nichts gebracht. Genauso wenig wie ihrer Mutter die Tatsache in Erinnerung zu rufen, dass ihr Dad doch bei seinem Weggang keinen Cent in der Tasche gehabt hatte. Also schwieg sie und setzte sich aufs Sofa, auf dem sich noch immer überall Katzenhaare befanden, obwohl Jupiter schon vor Monaten Reißaus genommen hatte.

»Hast du Hunger?«, fragte sie, nachdem ihre Mom ein paar Minuten von ihrer schrecklichen Arbeit erzählt hatte, die sie dennoch nicht aufgab. Weil sie nichts anderes kannte und auch nie etwas anderes gelernt hatte, als am Fließband zu stehen.

Im Laufe der Jahre hatte sie in etlichen Fabriken gearbeitet: einer Metallfabrik, einer Konservendosenfabrik und mindestens zehn weiteren. Gerade arbeitete sie in einer für Hundefutter und stand nun lediglich vier Tage in der Woche am Fließband, weil ihr Rücken nicht mehr mitmachte. Obwohl sie erst fünfundfünfzig war, ging sie gekrümmt wie eine Achtzigjährige.

Nora wollte nicht über sie urteilen, sie tat ihr nur unglaublich leid. Wie gern würde sie ihr helfen, einen neuen Job und eine nette Wohnung zu finden. Doch trotz all der Klagen schien ihre Mutter dieses Leben nicht aufgeben zu wollen, warum, wusste der Himmel.

»Eigentlich nicht«, gab ihre Mom zur Antwort, und Nora bemerkte den grauen Ansatz ihres ebenfalls roten Haares.

»Hast du schon was gegessen?«, fragte sie. Denn der Freitag war der freie Tag ihrer Mutter, und Nora wusste, dass sie da bis mittags schlief.

»Hatte vorhin ein Erdnussbutter-Marmeladen-Sandwich.«

Sie betrachtete ihre Mom, die immer dünner wurde, und ihr schlechtes Gewissen machte sich bemerkbar trotz aller Mühen, es nicht zuzulassen. Denn man schuf sich selbst das Leben, das man führte, oder? Sie hatte es ja auch hier rausgeschafft, wenn ihre Mutter es wirklich gewollt hätte, wäre es ihr ebenso gelungen.

»Wir könnten uns eine Pizza bestellen«, schlug sie vor, weil sie befürchtete, dass ihre Mom seit Tagen nichts Warmes zu sich genommen hatte.

Die druckste herum. »Ich bin ein bisschen knapp gerade«, gab sie zu. Aber das war natürlich nichts Neues, im Grunde war sie ja immer knapp.

»Ich gebe sie aus«, bot Nora an.

Ihre Mom beäugte sie, knabberte auf ihrer Lippe herum, schien abzuwägen und begann dann breit zu lächeln. Anscheinend hatte sie beschlossen, ihren Stolz zu überwinden.

»Okay, ich nehm ’ne große mit Schinken und Ananas. Wenn was übrigbleibt, tu ich es für morgen in den Kühlschrank.«

Nora holte ihr Handy hervor, bestellte online eine große Pizza Hawaii, dazu eine kleine Gemüsepizza für sich und ein paar zusätzliche Knoblauchbrote und Dips, damit ihre Mutter übers Wochenende versorgt war.

»Danke«, sagte ihre Mom und setzte sich auf ihren Lieblingssessel, der ein Loch in der Lehne hatte, aus dem das Futter herausguckte.

»Gerne.«

»Wie geht’s dir?«

Ein bisschen spät, aber immerhin.

Nora strich sich das offene Haar hinter die Ohren. »Mir geht’s gut, danke.«

»Wie weit bist du jetzt? Bist ja ganz schön rund.« Ihre Mutter starrte auf ihren Bauch, als hätte sie erst jetzt so richtig begriffen, dass sie schwanger war.

»In der achtundzwanzigsten Woche.«

»Achter Monat?«

»Fast, ja.«

Ihre Mom pustete sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Hast du schon ein Babybett?«

»Ja, das steht bereits.« Sie hatte einen ganzen Tag gebraucht, um es aufzubauen. Was natürlich ihre eigene Schuld war, weil sie nicht auf Christopher gewartet hatte. Mit ihm zusammen wäre es sicher schneller gegangen.

»Gut. Ich hätte dir längst dein altes angeboten, ist noch in der Garage. War allerdings schon damals ziemlich hinfällig.«

Was auch sonst?

»Kein Problem.«

Sie schwiegen eine Weile.

»Vermisst du das Tanzen?«, fragte ihre Mutter dann unerwarteterweise.

»Ja, sehr«, antwortete sie. »Aber irgendwann in naher Zukunft kann ich ja wieder tanzen.«

Stirnrunzelnd sah ihre Mutter sie an. »Und wie soll das gehen mit ’nem Baby?«

»In ein, zwei Jahren könnten wir uns eine Nanny nehmen.«

»Ah, ich vergaß, dass ihr im Geld schwimmt.« Ihre Mutter legte die Füße auf den Couchtisch und verschränkte die Arme.

»Das tun wir nicht, Mom. Christopher verdient nur ganz gut. Und das hat er sich hart erarbeitet«, fügte sie hinzu, weil sie das Gefühl hatte, es rechtfertigen zu müssen.

»Tja, du hast es richtig gemacht. Dein Daddy hat immer mehr ausgegeben, als er verdient hat. Der Mistkerl«, ließ ihre Mutter sich nicht nehmen, noch schnell hinzuzufügen.

Cindy hasste Jimmy aus tiefstem Herzen, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Wie sehr wünschte Nora sich, die beiden könnten das Kriegsbeil endlich begraben.

Sie erwiderte daraufhin nichts, weil sie sich schon vor langer Zeit geschworen hatte, sich aus den Streitereien ihrer Eltern rauszuhalten.

»Wann kommt denn die Pizza endlich?«, fragte ihre Mom, stand auf und ging zum Fenster. Sie schob die schmutzige Gardine beiseite und starrte hinaus.

»Das dauert sicher noch eine Weile. Ich hab ja gerade erst bestellt.«

»Hast du auch Dips bestellt?«

»Ja. Und Knoblauchbrot.«

»Lecker.« Ihre Mutter zog sich die Hose erneut hoch. Sie war viel zu locker, vielleicht konnte Nora ihr bei ihrem nächsten Besuch eine neue mitbringen. Sie hatte sowieso vor, morgen mit Zoey shoppen zu gehen, da ihr ihre eigenen Sachen zu eng wurden. Bisher hatte sie sich mit weiten Hosen mit Gummibund und Oversize-Pullovern ausgeholfen, doch so langsam brauchte sie nun wirklich Umstandsmode.

»Wie ist der neue Fernseher?«, fragte sie, weil ihr nichts Besseres einfiel. Es war nie leicht, eine Unterhaltung mit ihrer Mutter aufrechtzuerhalten.

»Der ist der Hammer!« Ihre Mom strahlte.

»Das freut mich.«

»Ich hoff nur, er wird mir nicht geklaut. Ich pass gut auf, nicht zu vielen Leuten zu erzählen, dass meine reiche Tochter und ihr reicher Mann mir einen teuren Fernsehapparat geschenkt haben.«

»Oh, Mom …« So war es immer. Ihre Mutter ließ sie spüren, dass sie neidisch auf sie war. Dass sie irgendwie sogar verabscheute, was aus ihr geworden war. Dass Nora in ihren Augen ihre Herkunft und ihre Familie verraten hatte.

»Schon gut, schon gut. Genieß du nur dein schönes Leben. Mir geht’s ja auch gut, ich kann mich nicht beklagen. Ich mein, ich hab ’nen neuen Fernseher und gleich ’ne große Pizza mit Schinken und Ananas. Und Dip. Und Knoblauchbrot. Wo bleibt denn der blöde Lieferant?«

Nora musste tief durchatmen. »Er kommt bestimmt jeden Moment.«

Ihre Mutter sah noch eine Weile aus dem Fenster, dann fiel ihr anscheinend etwas ein. »Oh! Ich hab ja was für dich!«

»Für mich?«, fragte sie überrascht. Es kam nicht allzu häufig vor, dass ihre Mom etwas für sie hatte. Eigentlich eher … nie.

»Ja, warte.« Sie eilte los ins Nebenzimmer und kam eine Minute darauf mit einem kleinen Stapel Kleidung in den Händen zurück.

»Was ist das, Mom?«

»Die hab ich neulich durch Zufall gefunden. Ein paar deiner alten Babysachen. Ich dachte, vielleicht willst du die haben. Für dein Kleines.«

Ihr traten Tränen in die Augen. »Die hast du tatsächlich aufgehoben? All die Jahre?«

»Ja. Wusste ich ehrlich gesagt auch nicht mehr. Sind ein bisschen staubig, müsstest du mal waschen.« Sie reichte ihr die drei Strampler in Rot, Rosa und Grün.

Ehrfürchtig nahm Nora sie entgegen. Mit so etwas hätte sie im Leben nicht gerechnet, sie war richtig gerührt.

»Danke, Mom. Ehrlich, das bedeutet mir viel.«

»Ach.« Ihre Mutter winkte ab.

Nora faltete die winzigen Anzüge auseinander und betrachtete sie. Wenn sie sie zur Reinigung brachte, sollte ihre Tochter sie tatsächlich tragen können. Sie konnte es kaum erwarten, sie Christopher zu zeigen.

Es klingelte an der Tür.

»Na, endlich!«, rief ihre Mom und ging sie öffnen. »Hast du das Geld parat?«

»Ich hab schon bezahlt«, sagte sie.

»Umso besser.« Begierig nahm ihre Mutter die Pappkartons entgegen, brachte sie zum Couchtisch und öffnete ihren.

Der Duft von Ananas und Käse stieg Nora in die Nase. Sie nahm sich ein Stück von ihrer Gemüsepizza und wünschte guten Appetit.

»Den wünsch ich dir auch«, erwiderte ihre Mutter freudig und ließ es sich schmecken.

4

»Was hast du heute Schönes vor?«, fragte Christopher beim Frühstück, bevor er in seinen Bagel mit Graved Lachs biss.

»Ich gehe shoppen mit deiner Schwester«, antwortete Nora und lächelte breit.

Christopher runzelte die Stirn, musste dann aber lachen. »Schon wieder?«

»Ich brauche ein paar Sachen«, verteidigte sie sich.

»Für dich oder fürs Baby?«

»Umstandsmode für mich, weil mir so langsam echt nichts mehr passt.«

»Okay, akzeptiert.« Er hatte ja selbst mitbekommen, dass ihr all ihre Sachen zu klein geworden waren. Die Oberteile spannten, die Hosen bekam sie kaum mehr über den Hintern. Und dabei hatte sie erst acht Kilo zugenommen. Zoey dagegen beklagte sich ständig, wie »fett« sie geworden war, und bei inzwischen siebzehn Extrakilos konnte Nora ihren Missmut gut verstehen.

»Uuund …«, hängte sie noch an und fuhr schnell fort, bevor Christopher Einwände erheben konnte. »Ein paar Sachen möchte ich für unsere Kleine kaufen.«

Ihr Mann nahm einen Schluck Kaffee. »Haben wir nicht bereits mehr als genug?«

»Nein. Ich habe nachgesehen, und es sind nur sieben Bodys in der Kommode. Weißt du aber, wie oft man die wechseln muss? Babys bespucken sich ständig nach dem Stillen, und von vollen Windeln, bei denen mal was daneben gehen kann, will ich gar nicht erst anfangen.«

Christopher verzog das Gesicht, und sie wusste, damit hatte sie ihn.

»Okay, bitte nichts mehr davon, während ich esse.«

»Ich meine ja nur.«

»Gut, dann kauf noch ein paar Bodys, wenn du unbedingt willst. Ich möchte dich aber daran erinnern, dass es da ein Ding namens Waschmaschine gibt.«

»Und ich dich daran, dass ich eine Geburt hinter mir haben und total schlapp und übermüdet sein werde. Wenn du jedoch das Waschen übernehmen willst, nur zu.«

Verschmitzt grinste Christopher. »Ich gebe mich geschlagen. Das war eine echt gute Argumentation. Vielleicht solltest du ebenfalls Jura studieren.«

Sie legte den Kopf schräg und schmunzelte. »Wozu denn, wenn ich das schon von Natur aus so gut kann?«

Christopher lachte. »Perfekt gekontert!«, sagte er, beugte sich rüber zu ihr und küsste sie. Dann sah er ihr ein paar Sekunden lang in die Augen und ließ sie liebevoll wissen: »Ich kann es kaum erwarten, dich als Mutter zu erleben. Ich bin mir sicher, darin wirst du auch von Natur aus perfekt sein.«

Christophers Worte bedeuteten ihr so viel. Während sie noch vor ein paar Jahren ihre Bedenken gehabt hatte, ob sie das Ganze wirklich besser würde meistern können als ihre eigene Mutter, war sie sich da heute ziemlich sicher. Wozu aber ihr Mann viel beitrug, der bereits jetzt das in ihr sah, was sie gern sein wollte: eine fürsorgliche Mommy, die ihrem Kind die Sterne vom Himmel holen würde.

»Danke, Chris«, sagte sie und schenkte ihm ein Lächeln, das von Herzen kam.

»Nichts zu danken«, erwiderte er. »Es ist ja nur die Wahrheit. Wir beide werden das Ding rocken und die besten Eltern sein, die wir sein können.«

Daran hatte sie überhaupt keine Zweifel. Wenn sie sah, wie sehr Christopher sich auf eine eigene Familie und aufs Vatersein freute, wurde ihr immer ganz warm ums Herz.

»Das werden wir«, stimmte sie zu, und einen Moment lang lächelten sie einander einfach nur an.

»Wie sieht es bei dir heute aus?«, fragte Nora ihren Mann schließlich, der bereits in einem Anzug steckte. Sein Haar trug er nun sehr kurz im Gegensatz zu der Zeit, als sie ihn kennengelernt hatte. Manchmal vermisste Nora seine Locken, mit denen sie nur zu gern gespielt hatte. Aber der neue, seriöse Christopher gefiel ihr ebenso, er vermittelte ihr ein Gefühl von Sicherheit. Daran, dass er sogar samstags arbeitete, hatte sie sich gewöhnt, obwohl sie hoffte, dass er versuchen würde, mehr Zeit zu Hause zu verbringen, sobald das Baby da war.

»Gleich als Erstes habe ich diesen komplizierten Fall«, erzählte Christopher. »Mein Mandant und ich müssen zu einem Treffen mit seiner Noch-Ehefrau und deren drei Promi-Anwälten.«

»Oooh! Ist sie denn ein Promi?« Sie musste zugeben, sie stand auf Promi-Klatsch und -Tratsch.

»Ich stehe unter Schweigepflicht, das weißt du doch.«

»Nicht mal ein kleiner Tipp?«

Christopher setzte eine ernste Miene auf und sagte: »Nein, Nora, ich darf dir nicht verraten, dass es sich eventuell um eine Fernsehbekanntheit handelt, die eine deiner absoluten Lieblingssendungen moderiert.«

Sie machte große Augen. »Ist es Helen Carmichael oder Sylvie Johannsen?«, fragte sie gespannt.

»Das kannst du dir selbst aussuchen.« Er zwinkerte ihr zu und stand vom Stuhl auf. »Ich muss leider los. Hab viel Spaß beim Shopping und grüß Zoey von mir.«

»Danke, mache ich«, sagte sie, erhob sich ebenfalls und brachte ihren Mann wie jeden Morgen zur Tür, um sich mit einem Kuss und ein paar lieben Worten von ihm zu verabschieden.

»Pass auf dich auf, Schatz«, wählte sie heute.

»Und du auf dich«, erwiderte Chris, ging den Flur entlang und stieg in den Fahrstuhl. Die Türen schlossen sich, und Nora ging zurück in die Wohnung, um das Geschirr in die Spülmaschine einzuräumen und um ihren grünen Smoothie auszutrinken. Sie versuchte sich so gesund wie möglich zu ernähren, die Pizza gestern war eine Ausnahme gewesen. Und die Fish Tacos neulich. Und das große Stück Schokokuchen mitten in der Nacht. Sie musste an dieses Affen-Emoji denken, das sich aus Scham die Hände vor die Augen hielt. 

Während sie sich allerdings für ihren Einkaufstrip fertigmachte, sagte sie sich: Wenn ich grüne Smoothies trinke, haufenweise Obst esse und Schwangerschaftsvitamine zu mir nehme, kann ich mir ruhig mal etwas gönnen, was wirklich schmeckt.

Ihre eigene Mom hatte damals nur billiges Fast Food gegessen und hin und wieder sogar ein Bier getrunken, und Nora war auch gesund zur Welt gekommen. Gott sei Dank!

Nachdem sie sich in eine Strumpfhose und ein übergroßes Wollkleid gezwängt hatte, ging sie ins Kinderzimmer, weil sie sich unbedingt noch mal die Strampler ansehen wollte, die ihre Mutter ihr gestern gegeben hatte. So eine liebevolle Geste hatte sie ihr seit Jahren nicht zugestanden, Nora war ehrlich sprachlos und voller Dankbarkeit. Sie stellte sich bereits vor, wie Melody in dem roten Anzug aussehen würde, den sie von den dreien am hübschesten fand, und vielleicht würde die ihn ja sogar eines Tages an ihre eigene Tochter weiterreichen.

Nora stockte kurz vor Überwältigung. Es war das erste Mal, dass sie nicht gedacht hatte: das Baby. Sondern dass sie ganz automatisch Melody an dessen Stelle gesetzt hatte. Sie musste lächeln. Es fühlte sich bereits so natürlich an, so, als wäre dieser Name schon immer für ihr Kind bestimmt gewesen und als hätte sie es nur erst erkennen müssen.

Voller Liebe im Herzen stellte sie Tschaikowsky an und bewegte sich zur Musik. Sogar ohne Ballettschuhe gelangen ihr ein paar Schritte und eine Pirouette, selbst mit dem dicken Bauch. Es war fast, als würde sie zusammen mit Melody tanzen. Melody, Melody …

Sie stellte sich vor, wie sie die Kleine bald auf dem Arm halten und mit ihr durchs Zimmer tanzen würde. Ihr Mund verzog sich zu einem breiten Lächeln.

Mit zärtlichen Gedanken verließ sie wenig später das Haus und freute sich schon darauf, Zoey endlich von dem wunderbaren Namen erzählen zu können.

Sie trafen sich vor der Mall in der Michigan Avenue, weil Zoey verrückt nach Bloomingdale’s war. Auch wenn Nora das Kaufhaus eigentlich viel zu teuer fand, wollte sie ihrer Freundin den Spaß nicht verderben und sah sich ebenfalls um. Sie entdeckte ein paar stark reduzierte Babybodys, die sie direkt mitnahm. Für Umstandsmode wollte sie aber lieber in ein günstigeres Geschäft gehen, und Zoey begleitete sie ohne Widerrede.

»Machst du dir keine Gedanken darüber, wie schnell dein Baby aus den Sachen rauswachsen wird?«, fragte Nora mit Blick auf die zwei vollen Einkaufstüten in Zoeys Händen. Sie wollte ihre Freundin nicht als verschwenderisch bezeichnen, und doch kam es ihr falsch vor, so viel Geld für Dinge auszugeben, die schon sehr bald nicht mehr gebraucht werden würden. Natürlich kaufte sie ebenso schöne Sachen für ihr Baby, vor allem weil sie sich nur zu gut daran erinnerte, dass sie ihre gesamte Kindheit verschlissene Second-Hand-Kleidung hatte tragen müssen, was sie Melody auf keinen Fall antun wollte, aber die meisten davon stammten von Target oder Primark. Niemals würde sie für einen Strampler vierzig Dollar ausgeben.

»Wie meinst du das?«, hechelte Zoey, die schon nach einer Stunde Shopping völlig außer Atem war. Sie war bereits in der siebenunddreißigsten Woche und hatte es bald geschafft. 

»Na, tut es dir nicht leid ums Geld, so teure Sachen für deine Kinder zu kaufen, die ihnen in kurzer Zeit zu klein sein werden?«, fragte sie, während sie ein paar Kleider vom Haken nahm, die sie anprobieren wollte.

»Ach so. Hm, nein, eigentlich nicht. Ich meine, Miles sagt mir ja ständig, ich soll nur das Beste kaufen. Außerdem kann ich einiges ans nächste Kind weiterreichen. Ein paar von Zions Sachen sind genauso für ein Mädchen geeignet.«

»Okay, da hast du natürlich recht.« Nora wollte ihrer Freundin keinesfalls zu nahetreten. Nur weil sie versuchte, sparsam zu sein, mussten andere das ja nicht genauso halten. »Wie findest du das?« Sie hielt ein braunes Kleid hoch, bei dem sie sich unsicher war.

»Zu altbacken«, sagte Zoey und zeigte zu den Sesseln vor den Umkleiden. »Hast du was dagegen, wenn ich mich da vorne hinsetze?«

»Nein, nein, mach ruhig. Ich bin auch schon fertig mit Aussuchen.« Sie überlegte einen Moment und nahm das braune Kleid trotzdem mit. »Habt ihr euch eigentlich endlich für einen Namen entschieden?«, fragte sie dann. Denn bei Zoey und Miles nahm die Namenssuche noch ganz andere Ausmaße an als bei Christopher und ihr. Die beiden stritten seit Wochen deswegen.

»Haben wir!«, rief Zoey aus, während sie sich in einen gemütlich aussehenden Sessel fallen ließ. »Ich kann übrigens nicht versprechen, dass ich hier nachher wieder hochkomme.«

»Nun sag es mir bitte!« Nora war richtig aufgeregt. Überhaupt fand sie die Tatsache, dass sie und ihre beste Freundin zeitgleich schwanger waren und beide ein Mädchen erwarteten, einfach traumhaft. Ihre Töchter würden zusammen aufwachsen, auf dem Spielplatz spielen, alle Feiertage zusammen verbringen und wie Schwestern füreinander sein. Melody würde all das haben, was sie selbst nie hatte und wonach sie sich immer gesehnt hatte. Sie würde ein richtig glückliches Mädchen sein, mit Eltern, die nicht nur sie, sondern auch einander liebten, die niemals vor ihr stritten, und die sich niemals trennen würden. Allein bei dem Gedanken hätte Nora weinen können.

Zoey streckte die müden Beine aus und rutschte ein wenig im Sessel runter. Freudig strahlte sie Nora an. »Ich habe mich durchgesetzt. Habe Miles gesagt, dass er gerne den Namen aussuchen kann, wenn er dafür zwanzig Stunden Wehen, die schlimmsten Schmerzen der Welt und ausgeleierte Genitalien auf sich nimmt.«

Nora riss die Augen auf und sah sich schnell um, ob niemand ihnen zuhörte. Dann musste sie lachen. »Gut gemacht!«

»Danke.«

»Und wie soll eure Kleine nun heißen?«

Zoey machte es spannend. Schließlich platzte es aus ihr heraus: »Zara mit Z!«

»Wow, wie schön«, sagte Nora.

»Findest du?«

»Total!«

»Ich auch.« Zoey strahlte.

»Also wieder ein Name mit Z, hm?« Zoeys eigener Name begann mit dem Buchstaben, der ihres Sohnes Zion ebenso, und nun sollte ihre Tochter die Tradition fortführen.