Leute von früher - Kristin Höller - E-Book
SONDERANGEBOT

Leute von früher E-Book

Kristin Höller

0,0
18,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 18,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

»Ein zärtlich-böser Roman über das Jungsein, über die Faszination des Alten und unsere Hilflosigkeit, wenn die Geschichte uns tatsächlich einholt.« Antje Rávik Strubel

Marlene hat gerade ihr Studium beendet und fängt als Verkäuferin in einem Erlebnisdorf an, in dem alles so ist wie um 1900 – Brauchtum, Handwerk, Kleidung. Die aufwändige Inszenierung wird von zahlreichen Saisonkräften aufrechterhalten, die jenseits der »Kostümgrenze« in einfachen Baracken wohnen. Bald lernt Marlene Janne kennen, die hier aufgewachsen ist, und fühlt sich ungewohnt stark zu ihr hingezogen. Doch nicht nur die Gefühle für sie, auch die Insel selbst scheint Marlenes Wahrnehmung zu verändern. Im Watt erinnern die Überreste der versunkenen Stadt Rungholt ständig daran, welches Unheil durch den steigenden Meeresspiegel droht. Je näher sie und Janne sich kommen, desto deutlicher spürt Marlene, dass Janne ein Geheimnis hat, das weit in die Vergangenheit der Insel reicht. Und sie ist nicht die Einzige. Immer öfter beobachtet Marlene merkwürdige Vorfälle, bis sie schließlich einen Zusammenhang erahnt.

Strand war eine Insel in der Nordsee, von der heute nur Pellworm und Nordstrand übrig sind. Leute von früher erzählt vom Bewahren und Verschwinden, von Abschied und Neubeginn. Von alten Legenden und moderner Lohnarbeit, vom Verliebtsein und von der Suche nach einem Platz im Leben. Humorvoll, klug und mit großer Wärme.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 343

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Cover

Titel

Kristin Höller

Leute von früher

Roman

Suhrkamp

Impressum

Zur optimalen Darstellung dieses eBook wird empfohlen, in den Einstellungen Verlagsschrift auszuwählen.

Die Wiedergabe von Gestaltungselementen, Farbigkeit sowie von Trennungen und Seitenumbrüchen ist abhängig vom jeweiligen Lesegerät und kann vom Verlag nicht beeinflusst werden.

Um Fehlermeldungen auf den Lesegeräten zu vermeiden werden inaktive Hyperlinks deaktiviert.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2023

Der vorliegende Text folgt der 2. Auflage des suhrkamp taschenbuchs 5400.

Originalausgabe © Suhrkamp Verlag AG, Berlin, 2024

Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Umschlaggestaltung: Designbüro Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagabbildung: Ocean, Stefanie Werner, Wiesbaden

eISBN 978-3-518-77895-1

www.suhrkamp.de

Widmung

Für Sarah

Motto

Strange dreams and weather

They have taught me a lesson

I see stained scenes of heaven saying:

Save Me

Nilüfer Yanya, Paralysed

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Inhalt

Informationen zum Buch

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Motto

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

Danke

Informationen zum Buch

Leute von früher

1

Es war ein Wetter ohne Jahreszeit: vierzehn Grad und ein schwerer Himmel. Marlene betrat die Fähre unbeeindruckt von den Fangnetzen, den dekorativen Tauen an den Holzbohlen. Es war alles da, die sprudelnde Gischt, die keifenden Möwen. Husum am Horizont, bald nur ein Strich auf dem Wasser.

Sie war bereits morgens angekommen, aber sie hatte warten müssen, bis die Flut zurück war, hatte auf einer Mauer gesessen und sich schließlich ein Brötchen am Hafen gekauft. Es faszinierte sie bis heute, dass der Preis für Krabben täglich schwankte; als sie noch zur Schule ging, war ihr so der Aktienmarkt erklärt worden.

Etwa fünfzig Menschen gingen mit ihr an Bord. Marlene hatte nur eine Windjacke und einen Rucksack bei sich. Die Fähre sah innen aus wie ein alter Zug, vertäfelte Wände, blankgescheuerte Bänke, sogar Vorhänge an den Fenstern. Eine verstaubte Tafel pries Grog an, aber nichts deutete darauf hin, dass er tatsächlich ausgeschenkt wurde. Es war, als hielte alles hier die Luft an, oder vielmehr: als würde vorher nochmal Luft geholt.

Marlene schaute aufs Wasser, in der Erwartung, dass es etwas in ihr auslösen würde. Aber das Meer glich dem Himmel darüber, bloß auf den Kopf gestellt, und nach zehn Minuten zückte Marlene ihr Handy, um die letzten Nachrichten durchzusehen. Krabben sehen aus als wär ihnen was unangenehm, hatte sie Paul vorhin geschrieben. Haha, hatte er bloß geantwortet.

Es war ihr nicht schwergefallen, Hamburg zu verlassen. Ihre Untermieterin war eine höfliche Kommunikationswissenschaftlerin mit gepflegten Händen. Marlene selbst hatte fast neun Jahre studiert und am Tag ihres Abschlusses einen Bräter an die Wand geworfen, unzählige Splitter wie Kunstschnee auf den Küchenfliesen.

Die Überfahrt dauerte dreißig Minuten. Nach etwa zwanzig Minuten ging sie wie alle anderen wieder nach draußen und stellte sich neben die geparkten Autos an die Reling. Als der grüne Fleck vor ihnen an Kontur gewann, erinnerte sie sich, gelesen zu haben, dass es keinen Sandstrand gab; dennoch war sie kurz enttäuscht. Die Insel sah aus wie ein riesiger Golfplatz. Perfekt und saftig bis zu den Rändern, Schafe auf den Deichen, ein paar wippende Boote. Eine Landschaft, die immer in der Sonne lag, wenn man sie sich vorstellte. Der Wind war so stark, dass er ihr die Haare am Hinterkopf scheitelte. Die Fähre erreichte den Anleger und dockte an, die Menschen bildeten eine lose, unaufdringliche Schlange. Marlene schulterte ihren Rucksack und reihte sich ein.

Als sie Strand zum ersten Mal betrat, zwickte ihr Unterleib, und sie spürte, dass sie zu bluten begann. Sie hatte keine starken Schmerzen, bemerkte kaum Stimmungsschwankungen, ab und zu vergaß sie sogar, dass sie einen Zyklus hatte. Ihr Körper funktionierte und war unauffällig, aber so hatte sie nie gelernt, in sich hineinzuhorchen. In der Jackentasche fand sie die Serviette, in die das Krabbenbrötchen eingewickelt gewesen war, und schob sie sich im Windschatten eines Kassenhäuschens in die Hose. Eine Handvoll Autos fuhr an Land, auf die Straße, die vom Hafen scharf links abbog und ins Hinterland zu führen schien. Ein Teil der Fahrgäste schlenderte ziellos herum, im Begriff, die Umgebung zu erkunden; manche schoben Fahrräder neben sich her. Die meisten aber hatten mehr Gepäck und gingen als lockere Gruppe in Richtung des Dorfzentrums. Marlene folgte ihnen. In der letzten E-Mail hatte gestanden, sie solle sich in der Räucherei melden.

Sie betrachtete das Fachwerk und die Strohdächer links und rechts des Weges. Alles wirkte unnatürlich geordnet, als würde jeder Kopfstein poliert, als wüchsen die knospenden Sträucher unter strengster Kontrolle, und es würde sie nicht wundern, wenn sich hinter den Haustüren bloß weites, flaches Land befände. Es lag eine Stille über dem Ort, die sie schaudern ließ und zugleich alles in eine Schläfrigkeit kleidete. Es war, als beträte sie ein Gemälde.

Die Räucherei fand sie unweit vom Hafen, der Schornstein grau wie der Himmel, grau wie die Nordsee. Die Schlange vor der Tür war etwas energischer als gerade beim Ausstieg. Neben dem Gebäude stand ein Mann inmitten von Fahrrädern, die er verteilte. Die Räder waren alt und behäbig, schwarz lackiert mit weißen Reifen.

Marlene war die Letzte. Als sie den Innenraum betrat, musste sie den Kopf einziehen. Im Hintergrund erahnte sie eine unbeleuchtete Frischetheke, der Rest lag im Dämmerlicht.

»Ihr Name, bitte.« Die Frau vor ihr sah so vital aus, dass sich unmöglich ihr Alter schätzen ließ.

»Marlene Rübel.«

»Ihr Geburtstag?«

»Dritter April neunzehnhundertfünfundneunzig.«

Die Frau stockte. »Das ist ja heute«, sagte sie. Und dann: »Herzlichen Glückwunsch.«

»Danke«, sagte Marlene. Ihre Mutter hatte ihr hundert Euro und einen Marmorkuchen per Post geschickt, beides trug sie bei sich. Paul wusste nicht, wann sie Geburtstag hatte.

»Sie kommen als qualifizierte Kraft?«

»Ich habe Medienpraxis studiert.«

»Ich würde Service und Verkauf ankreuzen, wenn das für Sie in Ordnung ist?«

»Klar«, sagte Marlene ergeben.

Draußen teilte der Mann ihr das vorletzte Rad zu. Die Frau hatte ihr mit vagen Händen den Weg erklärt. Es konnte nicht so schwer sein: Es gab einen Dorfkern, es gab ein paar Häuser drum herum und dahinter eine blassgrüne Ebene, die vielleicht Weide, vielleicht Ackerland war. Marlene hatte das letzte Jahrzehnt in einer Großstadt verbracht und war es gewohnt, auf Häuserfronten zu schauen. Weitsicht kannte sie nur von Zugfahrten oder Kurztrips ins Umland.

Wie beschrieben erreichte sie einen Zaun und ein daran angebrachtes Schild mit dem Hinweis auf das Naturschutzgebiet. Das Gatter stand noch offen, als hätten die Voranfahrenden es für sie aufgelassen, wissend, dass sie sich bald kennen würden. Marlene beschleunigte und bremste gleich wieder, als sie die Barackensiedlung sah. Vier schmutzige Streifen in der Landschaft, gleichförmig, farblos, vormals hellblau. Zwanzig Türen in einer Reihe, dazwischen ein paar Fenster, davor ein schmaler Laubengang, die Bretter des Bodens marode und splittrig. In der zweiten Reihe von rechts schob Marlene ihr Rad bis zur Nummer fünf.

Der Raum war unverschlossen, Marlene betrat ihn ohne Erwartungen. Unter dem einzigen Fenster stand ein Bett, an der Wand ein kleiner Tisch mit Stuhl, ein halbhoher Kühlschrank, daneben ein Spind mit Kleiderbügeln, die schaukelten, als sie ihn öffnete. In der Ecke eine beigefarbene Nasszelle mit einem Waschbecken, an der Tür ein Blatt zum Verhalten im Brandfall. Marlene stellte den Rucksack ab, öffnete die Windjacke und dachte an die Krabbenserviette. Sie trat hinaus auf die Veranda, aber nichts ließ erkennen, wo es hier Toiletten gab oder eine Dusche, eine Küche. Hinter den Baracken erhob sich der Deich.

Die Tür zu Zimmer sechs stand offen. »Hallo«, sagte Marlene ins Halbdunkel.

»Hallo«, sagte ein Mädchen, bereits barfuß auf dem Bett.

»Ich bin Marlene«, sagte Marlene, als erklärte das ihr Erscheinen.

»Ich bin Dascha«, sagte das Mädchen.

Marlene fragte nach den Toiletten. Dascha stand auf und trat zu ihr in den Türrahmen. Sie hatte eine Körperlichkeit an sich, die Marlene kurz überwältigte – ein dunkles Muttermal auf der Wange, die Augen blaue Knöpfe, die Lippen glänzend und rosa. Ihre Füße waren winzig, Zehen und Fingerkuppen kleine Knubbel, und alles an ihr war rund und real.

Als Marlene das Ende der Häuserreihe erreichte, erkannte sie, dass es vier Anbauten gab, je mit Waschraum und Küche. Der Boden der Toiletten war sandig, und es hallte, als sie pinkelte. Es war wärmer und windstiller als in den Schlafräumen, fast wie in einer Strandhütte, die noch die Hitze des Tages in sich trug.

Zurück in ihrem Zimmer wickelte sie den Kuchen aus der Frischhaltefolie. In anderen Familien bekam man zur Geburt einen Obstbaum oder ein Sparbuch, in ihrer Familie bekam man einen Kuchen zugeteilt, der lebenslang zu den Geburtstagen gebacken wurde. Ihre Großmutter buk ihrer Mutter einen Nusskranz, ihre Mutter buk der Großmutter einen gedeckten Apfelkuchen, dem Vater eine Himbeertorte und für Marlene eben Marmorkuchen. Zu allen gab es ein bestimmtes Rezept, von dem unter keinen Umständen abgewichen werden durfte.

Marlene hatte kein Messer bei sich und brach ein großes Stück mit den Händen ab. Aus einem Impuls heraus stand sie auf und klopfte nebenan. »Willst du Kuchen? Hat meine Mutter gebacken.«

»Damit du einen guten ersten Eindruck machst?«

Marlenes Eltern wussten nichts von ihrem neuen Job, und Dascha wusste nichts von ihrem Geburtstag. Marlene war beides recht. Dascha setzte sich wieder aufs Bett, Marlene mit etwas Abstand auf den Stuhl, und sie aßen schweigend.

Dascha fragte Marlene, ob sie nicht zu alt sei für Proviant von ihrer Mutter, und Marlene fragte Dascha, ob sie nicht zu jung sei für diese Arbeit. Dascha zog die kleinen, runden Füße an den Körper. Unter ihr wirkte das Bett größer, obwohl es das gleiche war wie nebenan.

»Ich bin neunzehn. Und mein Bruder arbeitet hier, schon seit ein paar Jahren. Er ist Tischler.«

»Und was machst du?«

»Ich will ins Restaurant. Oder zu den Tieren. Und du?«

»Ich weiß nicht«, sagte Marlene. Sie wollte nicht zugeben, dass sie keine Ahnung von den Möglichkeiten hatte.

»Du musst dich anstrengen die nächsten Tage, sonst kommst du in die Bäckerei und musst immer um fünf raus.«

Marlene nickte. Sie wusste nicht, wer über ihre Anstellung in der Saison entschied. Sie wusste nur, dass sie erst am Donnerstag zur Kostümprobe erfahren würde, was man ihr zugeteilt hatte.

2

Den ersten Abend verbrachte Marlene allein in ihrem Zimmer. Sie hatte einen Blick in die Küche geworfen und in den Schränken bloß ein paar Vorräte von letzter Saison gefunden. Also aß sie krumm an die kleine Elektroheizung gelehnt ein weiteres Viertel des Marmorkuchens und sah sich Eiskunstlaufvideos auf ihrem Handy an. Die vier Bücher, die sie mitgebracht hatte, lagen gestapelt auf dem kleinen Tisch, und Marlene hätte gern etwas gelesen, konnte sich aber nicht dazu durchringen, aufzustehen.

Als der Wecker am nächsten Morgen klingelte, war sie bereits ein paar Minuten wach. Die Dielen der Veranda knarzten neben ihrem Kopf, wenn sich Schritte näherten und entfernten. Gestern hatten nur die schmutzig erleuchteten Fenster darauf hingewiesen, dass alle Zimmer bezogen waren. Marlene fürchtete plötzlich, keine freie Dusche mehr zu finden, und stand so abrupt auf, dass es sie kurz schwindelte. Sie besaß keinen Kulturbeutel. Sie hatte einen großen Tiegel Creme, die sie für alle Bereiche ihres Körpers verwendete, und auch sonst nur lose Utensilien, die sie auf die Taschen ihrer Windjacke verteilte.

In Stiefeln verließ sie ihr Zimmer und trat nach draußen. Es war windig, einzelne Personen bewegten sich zielstrebig über die freie Fläche zwischen den Baracken, alle bereits angezogener als Marlene. Im Waschhaus standen sieben Frauen schweigend vor den Waschbecken. Marlene betrachtete sie im Spiegel, sie wirkten ernst, konzentriert. Sie formulierte im Kopf eine Nachricht an Paul, während sie sich in einer Duschkabine einschloss. Jemand lachte vorn im Waschraum, was Marlene auf diffuse Art erleichterte. Ihre Routine unter der Dusche war die eines Kindes: Erst stand sie minutenlang reglos da und ließ den heißen Wasserstrahl auf ihren Rücken und ihre Brust prasseln, dann reinigte sie sich hastig und nachlässig in den letzten Sekunden. Als sie aus der Dusche trat, war der Waschraum leer.

Wenn Marlene überschlug, wie lange sie für einen Weg oder eine Unternehmung brauchte, lag sie fast immer falsch. Als sie mit dem Fahrrad die Räucherei erreichte, war es zwanzig Minuten nach acht und die Versammlung gerade zu Ende. Marlene fand in der sich zerstreuenden Menge die Frau, bei der sie sich gestern angemeldet hatte. Sie trug elegante, zeitlose Kleidung, die junge Menschen alt und alte Menschen jung aussehen ließ.

»Hallo«, sagte Marlene, und dann direkt: »Entschuldigung.«

»Was hatten Sie denn noch zu tun?«

»Ich hab einfach zu lange geduscht. Tut mir leid.«

»Sie müssen das schon ernst meinen hier, sonst wird das nichts.«

»Ich weiß«, sagte Marlene schnell, »kommt nicht mehr vor.«

Sie schloss aus dem Treiben, dass es darum ging, das ganze Dorf grundlegend zu reinigen. Die stummen Häuser von gestern hatten nun geöffnete Türen und Fenster. Ein dünner, vielleicht zwanzigjähriger Junge trug einen Hochdruckreiniger die Straße entlang. Marlene hatte einen Besen und einen Staubwedel bekommen, den sie so nur aus Kostümverfilmungen kannte. Zuhause fiel ihr der Staub erst auf, wenn sich dicke Wollmäuse in den Ecken sammelten.

Sie betrat das erstbeste Haus und darin den erstbesten Raum, der aussah wie ein vollgestelltes Wohnzimmer. Dascha stand auf einem Stuhl und begann gerade, die Regalböden einer offenen Anrichte auszuwischen. Marlene freute sich still, sie zu sehen. Sie war die Einzige, die keine Fremde mehr war. Dascha fragte, ob sie Marlene irgendwie wecken solle morgens, und Marlene sagte, »Nein, schon gut«. Sie sah sich um. »Was ist das hier?«

»Die Teestube.«

Marlene schritt umher wie in einem Museum. Sie betrachtete den offenen Kamin, die Holzmöbel, die Fliesen an der Wand, das Tischweiß. Alles wirkte seltsam unbenutzt. »Und das ist alles original?«, fragte sie.

»Original wovon?«

Marlene begann, eine Öllampe abzustauben. Dascha arbeitete bereits jetzt in einem entschlossenen Rhythmus. Nach jedem Regalbrett wrang sie den Lappen in einem Eimer am Boden aus. Ihre Unterarme waren kurz und von Leberflecken gepunktet.

Marlene fragte, »Steht das im Winter alles leer?«, und Dascha sagte, »Ich glaube schon«, und Marlene fragte, »Wohnen hier nicht Leute?«, und Dascha sagte, »Doch nicht in der Teestube«.

»Die meisten wohnen nicht im Dorf«, sagte sie, während sie eine Porzellankanne anhob. »Die haben ihre Höfe drum herum. Kannst du sehen, wenn du mal ein bisschen rausfährst.«

»Ich dachte, es gibt sonst nur Acker.«

»Acker und Gras und paar Höfe. Und den Campingplatz auf der anderen Seite.«

»Woher weißt du das alles?«

Dascha drehte sich um und zwinkerte mit ihren Knopfaugen. »Von meinem Bruder. Und ich passe gut auf.«

Den restlichen Vormittag verbrachten sie damit, die Teestube zu reinigen. Mittags gab es einen Eintopf im Restaurant. Im Laufe der letzten Stunden hatten sich vorläufige Gruppen gebildet, deren Zusammenstellung wohl auf die verschiedenen Einsatzorte zurückzuführen war.

»Da ist Boris«, sagte Dascha, als sie sich hinsetzten. Sie winkte mit ihrer kleinen Hand so lange, bis ein sehr rothaariger, rustikaler Mann Mitte zwanzig auf sie zukam.

»Ich bin Boris«, sagte er, als er sich neben Dascha fallen ließ.

»Mein Bruder«, sagte Dascha stolz.

Boris war von der Grundreinigung befreit und stattdessen dazu angehalten worden, in der Woche vor Ostern so viel wie möglich für den Verkauf zu produzieren. »Alles an der Drehbank«, sagte Boris, und Marlene fragte, »Was«, und Boris sagte, »Drechseln. Eierbecher, Schmuck, Kreisel. Die Leute kaufen alles.«

»Was sind das denn für Leute, die hier Urlaub machen?«, fragte Marlene.

»Unterschiedlich«, antwortete Boris, den Mund nur Zentimeter über dem Suppenteller, ein paar Tropfen im Bart, »aber aus der Stadt. Mit Geld. Und Deutsche.«

Nach dem Essen versuchte Marlene, Paul zu erreichen, aber er ging nicht ran. Sie spielte mit dem Gedanken, es ein zweites Mal zu probieren. Stattdessen rief sie Luzia an.

»Wie ist es?«, fragte Luzia, im Hintergrund das Gurgeln einer Siebträgermaschine.

»Gut«, sagte Marlene, »wirklich okay. Ich habe schon eine Freundin.«

»Cool, super.«

»Sie hat letztes Jahr Abitur gemacht.«

Luzia lachte und raschelte. »Hab ich doch gesagt.«

»Die meisten sind ganz normale Leute, glaub ich.«

»Versprich mir, dass du keine Geschichten über normale Leute erzählst.«

»Ich gebe mir Mühe.«

»Ich will nicht hören, wie es ist, mit den Händen zu arbeiten.«

»Okay.«

Dann fragte Luzia, was sie schon unzählbar oft gefragt hatte: wann Marlene wiederkam.

»Im Herbst«, sagte Marlene. »Anfang Oktober.«

»Du könntest auch abbrechen und im Sommer zurückkommen.«

»Vielleicht.«

»Aber du suchst schon weiter nach einem richtigen Job.«

»Ja, klar.«

»Ich muss –«, sagte Luzia, und dann etwas, das Marlene nicht verstand, und bevor sie etwas antworten konnte, hatte Luzia schon aufgelegt.

Luzia arbeitete fünfundzwanzig Stunden in einem italienischen Feinkostgeschäft, in dem gern Paare Ende dreißig einkauften. Sie hatte die Stelle sofort bekommen, als die Inhaberin von ihren Großeltern in Bergamo erfuhr, und war ein unglaubliches Verkaufstalent. Die Menschen verließen den Laden glücklich, mit dem Vorhaben, häufiger im Einzelhandel einzukaufen. Luzia hatte vor drei Semestern ihr Promotionsvorhaben angemeldet: »Guter Unrat ist teuer – Mülldiskurse in Brinkmanns Rom, Blicke«. Sie bekam keine Stipendien, weil sie nebenbei arbeitete, und musste arbeiten, weil sie keine Stipendien bekam. Sie hatte ein perfektes Exposé und wenig Zuversicht.

Nach der Mittagspause räumte Marlene die Außenbestuhlung des Restaurants aus dem Schuppen auf die Terrasse. Eine monotone Arbeit, hin und wieder davon unterbrochen, dass sie sich einen Finger einklemmte. Auch die anderen arbeiteten stumm; selten trafen sich ihre Blicke, wenn sie nach demselben Stuhl oder Tisch griffen. Die Arbeit war anstrengend; aber Marlene hatte recht viel Kraft, obwohl sie nicht sonderlich sportlich war und sich immer weigerte, ihren Mitbewohner Robert zum Squash zu begleiten.

Zwei ältere Frauen putzten die Fenster des Wintergartens, eine von außen, eine von innen, die gleichmäßigen Sprühstöße des Glasreinigers klangen wie eine winzige Dampflok. Die meisten hier waren unter vierzig, aber Marlene hatte auch schon eine Frau gesehen, die ihrer Großmutter ähnelte. Sie musste daran denken, dass sie bei der Bewerbung ihre Maße und ein Foto hatte mitschicken müssen. Niemand hier hatte sichtbare Tattoos oder gefärbte Haare, niemand trug Piercings, was Marlene bereits seltsam historisch vorkam, trotz der Jogginghosen, trotz der Allwetterjacken.

Nach etwa zwei Stunden waren alle Garnituren aufgebaut. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als innezuhalten und beieinanderzustehen. Niemand wusste wirklich etwas zu sagen. Marlene überlegte, das Schweigen zu brechen, aber sie fürchtete, den Humor der neu formierten Gruppe nicht zu treffen.

Verlegen blinzelten sie sich an, zwischen ihnen das stille Einverständnis, die nächste Aufgabe noch etwas hinauszuzögern. Zwei begannen zu rauchen; als eine von ihnen Marlene eine Zigarette anbot, lehnte sie nicht ab. Sie rauchte gelegentlich und ohne Enthusiasmus. Das einzige Suchtmittel, das sie in Aufregung versetzte, war Zucker: Sie würde jedes Glas Wein, jede Zigarette gegen einen Keks tauschen.

Eine Frau sagte, sie freue sich auf den Feierabend, als hätte sie schon drei Monate gearbeitet. Eine andere sagte, sie wolle heute noch ans Wasser. Marlene gefiel die Vorstellung eines Spaziergangs und fragte, ob sie mitkommen könne, und die Frau schien erst irritiert, aber dann fast erfreut, und sagte, »Ja, natürlich, gerne«.

Sie trafen sich nach Feierabend an den Fahrrädern. Marlene hatte die letzten Stunden damit zugebracht, Laub vom vergangenen Herbst zu unförmigen Haufen zusammenzukehren. Die beiden älteren Frauen im Restaurant hatten derweil im frisch geputzten Wintergarten gesessen, mit weißen Handschuhen Besteck poliert und ihr dabei zugesehen.

Die Frau, die auf sie wartete, hieß Barbara. Sie stellte sich ihr vor, als sähen sie sich zum ersten Mal. Barbara sprach viel. Ihre Stimme klang nach Zigaretten, ihre Haut sah ein wenig danach aus. Sie trug ein Kruzifix um den Hals, das gut sichtbar auf dem Pullover drapiert lag, und sie radelte auf eine Art, die sich am ehesten als fidel beschreiben ließ. Hin und wieder nahm sie die Füße von den Pedalen und ließ die Turnschuhe baumeln.

Dascha hatte recht gehabt. In der Ferne waren nur Acker und Gras. Neben ihnen der Deich, der die Insel umkringelte, darauf Schafe, je nach Entfernung bloß weiße Punkte. Einzelne Häuser, ein paar davon auf eigenen Hügeln.

»Falls die Flut kommt«, sagte Barbara. »Dann gucken die oben raus.«

Sie erklommen den Schutzwall, liefen auf der grünen Kuppe entlang. Links von ihnen Geröll an der Wasserkante, dahinter die Nordsee, wütend heute, laut.

»Ganz schön hier«, sagte Marlene, um das Gespräch wieder anzufachen.

»Ich guck immer in den Kalender«, sagte Barbara. »Wenn Ebbe ist, geh ich nicht. Das sieht dann hier aus wie in der Wüste, Schlamm bis ganz hinten. Ist nicht schön.«

Marlene fragte sie, ob sie schon wisse, wo sie ab Saison arbeiten würde, und Barbara sagte, »Wellness, Wellness und Beauty, wie jedes Jahr«.

»Ich wusste gar nicht, dass es das gibt.«

»Die haben ein ganzes Badehaus hinter der Kirche.«

Marlene hatte keine Erfahrung mit Wellness. Manchmal schminkte sie sich, wenn sie ausging, meistens nicht. Luzia warf ihr vor, sie könne sich das nur leisten, weil sie die perfekten Augenbrauen habe. Hin und wieder ging sie mit Robert in die Sauna, weil sie es mochte, mit anderen Menschen nackt dazusitzen, als warte man auf etwas.

Barbara taxierte sie kurz von der Seite. »Hast du Kinder?«, fragte sie dann plötzlich.

»Nee«, sagte Marlene, so perplex, als hätte man sie beim Kauf einer Flasche Sekt nach dem Ausweis gefragt. Dann fragte sie, »Und du«, und Barbara sagte, »Eine Tochter, Teenager, na ja«.

»Und wo ist sie gerade?«

»Zuhause mit meiner Mutter.«

Marlene wusste nicht recht, was sagen. »Sie vermisst dich bestimmt.«

Barbara sagte, »Na hoffentlich«, und kickte einen kleinen Ast den Deich hinunter. Es war leicht, mit ihr spazieren zu gehen. Ihre Schritte waren länger, als es ihre Körpergröße vermuten ließ, ihre Frisur verschwand im Wind. Wenn sich eine Stille zwischen ihnen anbahnte, schob sie eine weitere Geschichte ein; ein Gespräch wie ein Kieselstein, der über Wasser hüpft. Barbara beschrieb die Prozedur einer Ölmassage so bildhaft, dass Marlene laut lachte, was beide überraschte. Dann schwiegen sie kurz.

»Du musst jeden Tag rausgehen«, sagte Barbara schließlich.

»Ja, frische Luft ist gut.«

»Nein, ich meine es ernst.« Sie blieb stehen. »Sonst wirst du verrückt. Vor allem, wenn Samstag die Kostüme kommen. Ich bete jeden Abend, aber das ist wahrscheinlich nichts für dich.«

»Nein«, sagte Marlene, irritiert von Barbaras plötzlichem Ernst. Sie liefen weiter, stumm nebeneinander, die Hände in den Taschen, die Köpfe gesenkt. Ein paar Möwen flogen über den Deich und schrien dabei in den Wind. Die Landschaft wirkte plötzlich öde, ein gräulicher, unscharfer Schimmer lag über den Wiesen, als wäre alles bloß Kulisse für ihre Unterhaltung.

»Da kommt Regen«, sagte Barbara und drehte abrupt um.

Als Marlene es ihr gleichtat, spürte sie als Erstes die Windstille im Gesicht und wie die Böen sie nun von hinten antrieben. Als Nächstes sah sie jemanden auf sich zulaufen. Sie war sehr schnell, die Füße berührten kaum das Gras. Die nackten Beine lang und sehnig, dunkle Haare unter einer Mütze. Sie blickten einander an, und Marlene blieb stehen wie vom Schlag getroffen. Das Gesicht entwischte an ihr vorbei und tauchte sofort in Marlenes Innerem wieder auf, wie ein Foto, das man zu lange angestarrt hatte. Die Wangen, die Augen, die Zähne, der Mund.

»Das ist kein Jogging mehr«, sagte Barbara, ein Kopfschütteln andeutend.

»Wer war das?« Marlene wandte sich um. Die Person war bereits ein Punkt wie die Schafe auf den Weiden. Sie spürte ein Summen in sich, das nur langsam abebbte.

»Keine Ahnung«, sagte Barbara. »Eine von den Neuen vielleicht. Weiß nicht, dass sie ihre Kräfte aufsparen sollte.«

Marlene blickte noch einmal hinter sich. Als sie weiterging, fühlte sie sich schwer, als trüge sie das Gewicht eines zweiten Körpers mit sich.

»Auf gehts«, sagte Barbara mit einer Freundlichkeit, die überdecken sollte, dass das Warten sie nervte, »da kommt ein dickes Ding.«

Marlene beeilte sich, und zusammen gingen sie zurück.

Auf halber Strecke hielten sie bei Edeka. Der Laden sah aus, als hätte man einem ganz normalen Supermarkt ein Reetdach aufgesetzt. Barbara verschwand sofort zielstrebig zwischen den Regalen, Marlene wandelte umher und versuchte herauszufinden, worauf sie Hunger hatte. Sie gab ungern viel Geld für Essen aus, weil für sie vieles ähnlich schmeckte; sie hatte nicht einmal ein Lieblingsobst.

Das Innere des Ladens sollte Urigkeit vermitteln. An jeder erdenklichen Stelle waren Holzbalken eingezogen, und das Licht war gedämmt wie in einer Speisekammer. Das Gemüse lag lose in Körben und Kisten. Es war merkwürdig, in dieser Umgebung einfach eine Nudelsoße und billige Cornflakes zu kaufen.

Barbara war schon nach Hause gefahren. Als Marlene den Edeka verließ, tröpfelte der Regen auf ihren Fahrradsattel. Sie fuhr durch den Ort, das Kopfsteinpflaster unter ihr nun noch glänzender als vorher. Im Türrahmen der Baracke schälte sie sich aus der nassen Kleidung und ließ sich nackt aufs Bett fallen. Der Regen trommelte so laut auf das Blechdach, dass Marlenes Bewegungen scheinbar lautlos vonstattengingen.

3

In den folgenden Tagen erschien Marlene pünktlich. Die körperliche Anstrengung nahm sie nur am Rande wahr. Sie erledigte alles, was man ihr auftrug, und war abends verwundert über die geschundenen Glieder. Sie hatte mehrere kleine Wunden an den Händen, die sie alle erst bemerkte, als das Blut schon getrocknet war. Morgens unter der Dusche stellte sie sich vor, sie wäre aus Wachs und würde in der Wärme langsam wieder weich.

Am dritten Abend rief Paul zurück. Es war ungewohnt, seinen Namen auf dem Display zu sehen; Marlene fiel auf, dass sie so gut wie nie telefonierten. Alle ihre Anrufe zuvor waren einsilbige logistische Absprachen gewesen. Paul meldete sich derart unbefangen, dass sie sicher war, er hatte denselben Gedanken gehabt.

»Na«, sagte er fröhlich.

»Na«, sagte Marlene.

Wenn sie sich in Hamburg trafen, war es meist abends, und sie bestellten etwas zu essen. Manchmal kochte Paul, Marlene kochte nie. Oft erzählten sie sich aus dem Kontext gerissene Anekdoten, über Probleme sprachen sie selten. Marlene neigte dazu, die anhaltende Fremdheit zwischen ihnen zu romantisieren, und hatte, wenn sie zusammen waren, das Gefühl, Teil einer Generation zu sein.

»Wie ist es so?«

»Ganz gut. Ist aber noch ohne Kostüm. Bis Samstag wird nur aufgebaut.«

Sie beschrieb ihm ihre ersten Tage auf der Insel und erzählte, jetzt mit einer Abiturientin befreundet zu sein; es war derselbe Wortlaut wie bei Luzia, und wie Luzia lachte auch Paul, aber bei ihm klang es etwas beflissen. Marlene gefiel es, wenn er lachte, aber sie hatte den Verdacht, dass er mit anderen Leuten mehr Spaß hatte.

Paul hatte tolle Haare und tolle Augen, und Marlene war auf eine zurückhaltende Art und Weise von ihm angezogen. Sie schliefen nur ab und zu miteinander. Marlene machte gerne Fotos von ihm, weil er in jeder Umgebung sehr gut und irgendwie eigen aussah. Er machte selten Fotos von ihr, aber das störte sie nicht. Marlene mochte es nicht besonders, fotografiert zu werden, weil sie sich dann so abrupt ihres Körpers bewusstwurde.

Nach ein paar Minuten verlor das Gespräch an Tempo; nervös suchte Marlene nach weiteren Geschichten, aber eigentlich war noch gar nicht viel passiert. Paul war wie selbstverständlich davon ausgegangen, sie würde das halbe Jahr auf Strand mit spöttischer Distanz begehen. Dass sie es vor allem wegen des Geldes machte, hatte sie knapp erwähnt, aber es schien, als hätte er es sofort vergessen.

Paul war zwei Jahre jünger als Marlene. Für seine Bachelorarbeit hatte er drei Semester gebraucht. Er lebte allein in einer Einzimmerwohnung, mit deren Einrichtung er deutlich mehr Zeit verbrachte, als er zugab.

»Du könntest mal zu Besuch kommen«, schlug sie vor und bereute es sofort.

»Auf die Insel?«

»Ja, wenn es wärmer wird. Oder aufs Festland in die Nähe, das ist dann nicht so teuer. Ich hab ja auch ein paar Urlaubstage.«

»Echt?«

»Ja, klar.«

»Warum nicht«, sagte er schließlich, aber alles daran klang ungewiss.

Die Anprobe fand in einem Zimmer im Hotel statt. Marlene betrat die Lobby: gemusterte Tapeten, niedrige Decken, überall Nippes. Marlene kannte die Zimmerpreise aus dem Internet und hatte etwas erwartet, das nicht so verrumpelt aussah. Erst auf den zweiten Blick erkannte sie, dass alles penibel arrangiert war. An der Rezeption stand neben zwei Schatullen eine Kristallvase mit sehr vielen frischen Tulpen, solche mit ausgefransten Rändern, die Blütenköpfe minimal geöffnet. Die Dielen knarzten hörbar, aber nicht zu laut, neben dem Eingang lagen ausgewählte Weine in einer Vitrine. Es war warm und roch nach Fichte oder Kiefer; das Holz der Treppen war goldgelb und glänzte wie gerade erst geölt.

Oben klopfte Marlene an eine Tür, an die ein Zettel mit der Aufschrift Anprobe geheftet war, und trat in einen Raum voller Kleiderständer. Zwischen den Ständern ging eine Frau in einer weiten dunklen Hose umher, die zielsicher hier und da hineingriff und Sachen in Rot und Braun und Schwarz und Weiß herauszog. Sie war ein paar Jahre älter als Marlene und hatte ein müdes Gesicht, das scheinbar nur von ihrem Pferdeschwanz am oberen Hinterkopf zusammengehalten wurde. Marlene sagte ihren Namen und sah der Frau zu, wie sie ihn auf einer Liste abhakte, ehe sie Marlene bat, sich auszuziehen. Es gab nur einen Stuhl mitten im Raum. Die Frau schaute betont teilnahmslos an ihr vorbei, bis Marlene in Unterwäsche vor ihr stand. Es war merkwürdig, sich vor jemandem auszuziehen, der vollständig bekleidet blieb.

Die Frau fragte nach ihrer Kleidergröße, und Marlene sagte, ungefähr achtunddreißig. Sie hatte einen Stoffwechsel, der es ihr erlaubt hatte, sich bis Ende zwanzig keine Gedanken über ihre Figur zu machen, aber die Dinge änderten sich langsam. Die Frau warf ihr einen Blick zu, von dem Marlene nicht sagen konnte, ob er abschätzig oder einfach professionell war. Wie aus Höflichkeit suchte sie ein paar Blusen in Größe achtunddreißig heraus. Bis auf eine passten sie nicht. Sie schwiegen beide, aber ihr Triumph hing in der Stille zwischen ihnen.

Marlene bekam drei weiße Blusen mit Kragen, einen schwarzen Rock, eine Wollstrumpfhose, eine braune Stola und zwei blaue Schürzen mit einem Muster, das an ein Kaffeeservice erinnerte. In die Stola waren Glitzerfäden eingewebt.

»Ist das –?«

»Hm?«, sagte die Frau.

»Nichts«, sagte Marlene. »Ist das, ähm, historisch korrekt?«

»Was?«

»Die Sachen hier. Was ich trage.«

Die Frau kramte gerade in einem aufgeklappten Koffer nach einer passenden Kopfbedeckung. Einen Moment fixierten sie einander, dann ließ die Frau müde die Arme sinken. »Pass auf, ich hab hier einen bestimmten Fundus«, sagte sie, »und damit muss ich arbeiten. Ich habe gute Sachen und weniger gute. Ist das dein erstes Jahr?«

»Ja«, sagte Marlene.

»Das ist den Leuten egal, was du anhast. Die Regendusche im Bad gabs neunzehnhundert auch nicht. Die wollen hier Urlaub machen.«

»Okay.«

»Ich muss heute noch fünfundvierzig Leute einkleiden. Ich muss nach jeder Saison die Hälfte wegschmeißen. Kostüme sind ja eigentlich nicht dafür da, dass man jeden Tag in ihnen arbeitet.«

»Sorry«, sagte Marlene, »ich wollt gar nicht – das sieht bestimmt toll aus, wenn ich das anziehe.«

Die Kostümbildnerin kniete weiter neben dem Koffer auf dem Boden und schüttelte bloß den Kopf, den Blick auf die Kleiderstangen gerichtet.

»Und die«, Marlene zog eine besonders aufwändig bestickte Bluse aus ihrem Stapel, »die sieht richtig gut aus, richtig alt.«

»Die ist aus My Fair Lady«, antwortete die Frau, ohne hinzusehen.

»Das Musical?«

»Auf einem Kreuzfahrtschiff. Da bin ich letztes Jahr mitgefahren.«

»Oh, wie schön. In der Karibik?«

»Auf der Donau«, sagte die Frau, einen Arm nun um die Knie. »Dann hat das Theater an Bord geschlossen, und wir haben alles übernommen, was passt.«

Marlene stand unschlüssig im Raum. Aber da richtete sich die Frau schon wieder auf, katzenhaft und unnahbar. »Kannst deine eigene Wäsche drunterziehen, das sieht ja keiner. Jetzt such dir noch deine Schuhe aus, dann sind wir fertig.«

Marlene entschied sich für ein Paar schwarzer Schnürstiefel. Beim Hinausgehen schaute sie unauffällig ins Badezimmer: ein kreisrundes Waschbecken, eingelassen in einen alten Waschtisch. Matte Fliesen an den Wänden, eine freistehende Wanne mit Füßchen.

»Was bin ich denn eigentlich?«, fragte sie, als sie schon an der Tür stand.

»Bitte?«

»Meine Rolle.«

Die Kostümbildnerin blickte auf die Liste vor ihr. »Kramladen Verkauf/Bäuerin steht da.«

»Danke«, sagte Marlene. Sie hielt die Stiefel an den verknoteten Schnürsenkeln, als ginge sie auf eine Reise.

Als sie in die Barackensiedlung zurückkam, hing in der Küche der Schichtplan. Dascha war als Kellnerin im Restaurant eingeteilt; in ihrer Freude sah sie aus wie ein Kind, die Locken wippten auf und ab. Die Leute plauderten, der Wasserkocher brodelte, Dampf hing in der Luft und schlug sich an den Fenstern des Containers nieder. Jede der zwölf Kochplatten schien in Benutzung.

Marlene war sich unsicher, ob sie den restlichen Tag freihatten. Boris sagte, nein, nicht wirklich, sie müssten sich mit ihren Arbeitsplätzen vertraut machen. »Aber es guckt heute keiner mehr. Genieß nochmal, ab morgen ist in Kostüm.«

Der Hofladen befand sich in einem Backsteingebäude am Dorfrand. Zwei längliche Bäume vor der Tür, links davon ein Garten, sandig und leer, noch träge vom Winter. Vor der Haustür ein Kind in einem Regencape.

»Hallo«, sagte Marlene. Das Kind sagte nichts. Marlene hatte Respekt vor Kindern, weil sie ihre Ablehnung so unverfroren zur Schau stellen konnten. Sie würde lieber in einer Talkshow auftreten, als sich vor anderen mit einem Kind zu unterhalten. »Lässt du mich durch?«

Das Kind hatte Haare wie Baumwolle. Schmutzige Fingernägel, Rotz auf dem Handrücken. Marlene wurde nervös.

»Arbeitest du hier?«, fragte es.

»Sieht so aus«, sagte Marlene.

Das schien dem Kind glücklicherweise zu genügen; es gab die Haustür frei, folgte Marlene aber in den Laden.

»Nicht mit Schuhen, Maja!«, rief ein Mann, der durch eine innenliegende Tür den Verkaufsraum betrat. »Nicht mit Schuhen. Geh bitte hinten rum, nicht mit den Schuhen hier rein.« Das rote Regencape verschwand.

Dann erst schien er Marlene zu sehen, was ihr ein paar Sekunden Vorsprung verschaffte. Der Mann trug einen Pullover und darüber eine Wollweste, ein vernachlässigter Bart, ein ausgelaugtes Gesicht. Er hieß Arno und war der Vater des Kindes. Es gab noch ein zweites, ein kleineres, von dem er nicht genau zu wissen schien, wo es gerade war.

»Das wär dann schon dein Reich«, sagte Arno und deutete schwach hinter sich. Auf der Theke standen verschiedene Dosen und Bonbonieren mit Konfekt, außerdem eine alte Waage und eine Holzkiste, die an eine Kasse erinnerte. In den Regalen dahinter Flaschen und Gläser mit kleinen Hüten aus Servietten und weiter rechts weißes Emaillegeschirr. Der Raum war dämmrig und es roch nach Getreide.

»Schön«, sagte Marlene, weil sie nicht wusste, was sonst.

»Hast es ganz gut erwischt«, sagte Arno. »Schau dir ruhig alles mal an.«

Neben der hölzernen Kassenbox gab es ein winziges weißes Kartenlesegerät. Die Ladenwaage hatte auf der Rückseite ein zusätzliches Display, das grammgenau die Preise angab. In den Gläsern waren Honig und eingelegtes Gemüse und Sirup.

»Selbstgemacht?«, fragte Marlene.

»Ja«, sagte Arno.

Er öffnete die Tür neben der Theke. Dahinter lag ein schmaler Flur. Es war eine gewöhnliche Wohnung mit Fotos an den Wänden und einer Garderobe. Er zeigte ihr die Toilette; im Seifenspender schwammen kleine Clownfische aus Plastik. Dann betraten sie zusammen die Stube.

»Also, hier wohnen wir sozusagen«, sagte Arno, die Hände ratlos in den Hüften. Marlene war lange an keinem Ort gewesen, an dem Kinder lebten. Die Gegenstände standen beieinander, als warteten sie darauf, gemalt zu werden. Ein Puzzle neben einer Thermoskanne, ein Schaukelpferd neben einem Wäschekorb, eine Plüschkatze auf dem Fensterbrett neben zwei Walnüssen und einem übergroßen Würfel.

»Zwischen eins und zwei ist der Laden zu«, sagte Arno, »du kannst mit uns essen, wenn du willst.«

»Das ist aber nett«, sagte Marlene. Sie war sich sicher, dass er nicht verpflichtet war, ihr das anzubieten.

»Jakub isst auch mit«, sagte er und deutete ebenso ungefähr wie zuvor durch die Fenster nach draußen. Marlene blickte auf den Hof, sah aber niemanden.

Am Abend lagen ihre Sachen gebügelt auf dem Bett. In jedes Teil war hastig ein Schild mit ihrem Nachnamen eingenäht worden, obenauf eine weiße Haube. Sie erinnerte sich daran, wie ihre Mutter sie die ersten Jahre nach dem Auszug immer wieder gefragt hatte, ob sie sich ein Bügeleisen angeschafft habe. Irgendwann hatte sie ihr einfach eins per Post geschickt. Es war das einzige Geschenk ohne Anlass, an das Marlene sich erinnern konnte. Seitdem bügelte sie, wenn es ihr schlecht ging; nicht das Tragen gebügelter Kleidung beruhigte sie, sondern das Bügeln selbst.

Marlene versuchte, online herauszufinden, wo man auf der Insel seine Post aufgab. In den Unterlagen stand, dass man sich Briefe und Pakete in die Räucherei schicken lassen konnte, aber einen Briefkasten hatte sie noch nicht gefunden. Sie hatte mehrere schon frankierte Postkarten mit Nahaufnahmen von Blütenköpfen mitgebracht. Alle zwei Wochen schrieb sie ihrer Großmutter eine Karte, auf die diese mit einer von unzähligen Kürzeln durchsetzten SMS antwortete. Beide nutzten das ihnen fremde Medium jeweils nur füreinander. Wenn Marlene jemandem davon erzählte, klang das selbstlos; sie verschwieg, dass sie den Kontakt ebenso brauchte. In ihren Karten entwarf sie eine Version ihres Lebens, die ihre Großmutter verstand, und es gefiel Marlene, ihren Alltag ohne Dramen und größere Nöte zu schildern. Liebe Oma, schrieb sie etwa, gestern war ich mit Freundinnen im Café und wir konnten tatsächlich schon draußen in der Sonne sitzen.

Drei Tage später bekam sie eine Antwort: L. Marl., was fuer eine Freude! Auch ich genieße d. ersten Sonnenstrahlen auf d. Balkon u. deine Vogelschale ist nach wie vor im Einsatz.B. bald, lG.O.

Marlene wusste, dass dieser unbeschwerte Austausch ein Spiel auf Zeit war, dass sie vielleicht noch ein oder zwei Jahre hatte, bis ihre Großmutter nach ihren Plänen für die Zukunft fragen würde. Marlenes Leben jetzt, ihr langes Studium, die Urlaube mit Luzia, die Wohnung mit Robert – all das war für ihre Großmutter der Prolog zu ihrem richtigen Leben, einem, das ihr noch bevorstand. Die Art, wie sie mit Marlenes Mutter sprach, ließ vermuten, dass es etwas völlig anderes war, als erwachsene Frau mit ihr auszukommen.

Am Feuer hinter der letzten Barackenreihe hörte sie, wie jemand Jakub beim Namen rief, und beobachtete, wer sich umdrehte. Er trug ein buntes Hemd unter der Windjacke, war groß und sauber, bewegte sich schlenkernd. Zweimal trafen sich ihre Blicke, als sie an den Eisenkorb mit dem Holz trat, das gleich brennen sollte. Zweimal hielt sie es für Zufall, aber dann sah sie ihn von der Seite an: aufrecht, die Hände in den Taschen, im Gespräch mit einem dunkelhaarigen Mann. Nach ein paar Sekunden drehte er sich zu ihr und blickte ihr ohne Überraschung ins Gesicht. Er stand ein paar Meter entfernt, sie hatten noch kein Wort gesprochen. Sie waren beide Ende zwanzig, sie kannten das alles. Das Hinschauen, das Wegschauen, das Standhalten, das plötzliche Versprechen ein hauchdünner Faden zwischen ihnen. Marlene hatte das immer am besten gefallen: der Moment vor der Gewissheit, das Halbgare daran, die Unsicherheit. Aber sie war zu gut darin, und Jakub war zu gut darin, und es war nichts Neues mehr.

Jemand entzündete das Feuer. Es brannte zögernd, knackte wie Knochenbrechen. Die Flammen gaben den Gesichtern eine Richtung. Marlene stand allein mit einer Flasche in der Hand.

»Hey«, sagte Jakub, als er neben sie trat.

»Na«, sagte Marlene. Sie blitzten einander aus den Augenwinkeln an. Es war nicht so, dass sie von Jakub überwältigt war. Er gefiel ihr einfach von allen hier am besten, ein Spiel, das sie seit fünfzehn Jahren spielte, wenn sie einen Raum betrat. Sie sprachen ein wenig miteinander. Jakub kam aus Berlin und arbeitete regelmäßig als Saisonkraft, auf Jugendreisen, Weihnachtsmärkten, Festivals. Nach ein paar Minuten glaubte Marlene, ihn durchschaut zu haben, und fragte, ob er einen ausgebauten VW-Bus besaß. Jakub lachte und verneinte; er war nachgiebiger, als sie erwartet hatte.

Sie sah es vor sich, es war nicht schwer: ein Kuss außerhalb des Lichtkreises, die Hand in seinen Haaren, seine Hand unter der Jacke, später ein Klopfen an der Tür, dieselbe Hand zwischen ihren Beinen, die Haare neben ihr auf dem Kissen. Aber dann passierte etwas anderes: Sie hatte einfach keine Lust.

Jakub schien nicht wirklich enttäuscht, als Marlene ihr Bier austrank und ging, eher verwundert. Sie lief ins Dunkel in Richtung ihres Zimmers, unter den Sohlen mal ein Knacken, mal ein Knistern. Einzelne Fenster waren schwach erleuchtet.

Und als sie beim Gehen den Deich betrachtete, der sich nur noch mühsam vom Himmel unterscheiden ließ, rauschte oben etwas vorbei. Bloß die Stirnlampe war zu sehen. Schritte in der Nacht, flüssig und sicher, fliegende Füße, ein Lichtpunkt, der verschwand, ein Rhythmus, der verebbte.

Das ist kein Jogging mehr, dachte Marlene und stand reglos im Abend.

4

Sie war von einem leisen Regentrommeln aufgewacht, aber es trommelte auch in ihr, noch bevor sie die Augen aufschlug. Die Saison begann, und alles veränderte sich. Sie waren nicht länger ein Haufen Leute in einer Barackensiedlung, sie waren nun ein Getriebe von etwas, ein Hintergrund zu einem Vordergrund, eine Einheit.

Die Wollstrumpfhose kratzte unerträglich. Marlene tauschte sie gegen eine Leggins und zog einen Kapuzenpullover über die weiße Bluse. Der Waschraum war noch voller als sonst, und es schien, als existierten alle Zeiten zugleich: Manche trugen schon die volle Tracht, die Schürzen um den Bauch gebunden, andere trugen Bademäntel, die meisten aber waren Mischwesen wie Marlene, mit Badeschlappen unter den Leinenröcken. Menschen unfreiwillig verkleidet zu sehen, war beklemmend. Sie dachte an das Regelblatt, das sie am Tag ihrer Ankunft bekommen hatte. Ab heute galt die Kostümgrenze, ab heute galt alles andere.