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Vitomil Zupan (1914–1987), das Enfant terrible der slowenischen Literatur, erkundete in seinen Werken sein eigenes Leben im Verhältnis zu den gesellschaftlichen Umständen – oder vielmehr in den Widersprüchen dazu. In »Levitan« schreibt Zupan über die Jahre in Haft nach dem Zweiten Weltkrieg, als er wegen Unmoral, Dekadenz und politischer Unberechenbarkeit aus dem Verkehr gezogen wurde. Der brisante, 1970 fertiggestellte Text konnte erst 1982 erscheinen. Derbe Zoten und größenwahnsinnige erotische Phantasien gehen darin in tiefgründige theoretische Reflexionen über; hellsichtige, fast liebevolle Charakterisierungen von Mithäftlingen und deren Lebensgeschichten wechseln sich ab mit wüster Verdammung der Gesellschaft und ihrer Institutionen. Gleichzeitig ist »Levitan« ein intensiver psychologischer und philosophischer Trip in das beschädigte Bewusstsein eines Inhaftierten, ohne jede falsche Zurückhaltung aus Nettigkeit oder aus Opportunismus. Zupan prahlt, wütet, beschimpft und enthüllt – und erringt auf nahezu jeder Seite überraschende Einsichten, trifft wunde Punkte und stellt überkommene Überzeugungen auf den Kopf. Das Buch ist von umstürzlerischer Kraft und erzählt von der Parallelgesellschaft der Ausgestoßenen, die sich im Gefängnis versammelt. Erwin Köstlers Übersetzung folgt noch dem abwegigsten Gedankengang Zupans und bleibt nicht hinter dessen sprunghafter Genialität zurück: Seiner übersetzerischen Präzision ist es zu verdanken, dass wir dieses fordernde, tiefgründige Werk in seiner ganzen irrlichternden Weisheit und Unwiderstehlichkeit lesen können.
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Seitenzahl: 676
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Vitomil Zupan
Aus dem Slowenischen,
mit Anmerkungen und
mit einem Nachwort
von Erwin Köstler
GUGGOLZ
Die Reaktionen des Menschen auf sich im Verhältnis zur Welt sind äußerst komplex. Dasselbe Ding, dieselbe Eigenschaft, dieselbe körperliche Besonderheit – kann uns auf den Gipfel des Lebens erheben oder in seine Abgründe schleudern. Jemand ist haarig wie ein Affe und schämt sich dafür in Grund und Boden, bis sein Pelz irgendeine Frau in Ekstase versetzt. Ich bin sinnlich wie ein Hase, weil die Gesellschaft die Sinnlichkeit aber in den Untergrund gejagt hat, schämte ich mich, ich schämte mich für jede Erektion beim Tanzen, wie oft musste ich im Schwimmbad ins kalte Wasser springen – bis ich erfuhr, wie viele Männer Mittel gegen die Impotenz kaufen.
Ich musste von Herzen lachen. Es ist schon so: Der eine ist unglücklich, weil er zu dick ist, der andere ist zu dünn, der eine zu klein, der andere zu groß. Ich war lange überzeugt, ein unanständig langes und dickes Organ zu haben. Dann las ich, dass es sich die alten Römer mit Brennnesseln peitschen ließen, nur damit es dicker wurde.
Und so versucht man sein Leben lang, Komplexe loszuwerden. Aber wenn man sie losgeworden ist, gilt man der strengen Gesellschaft als un- oder zumindest amoralisch. Ich wusste, dass ich ständig Frauen haben musste, gute Frauen, viele Frauen, weil sonst die lebendige, tückische Kraft, die in mir brodelt, rebelliert. Sie zurrt ab wie eine gespannte Feder, und niemand weiß, wo sie hintrifft.
Als ich einmal Préférence bei absolut erträglichen Leuten mit einem guten Cognac spielte, verdarb mir eine heimtückische Erektion die Freude am Sans atout und am Reden über die verdammte Politik. Soll ich die Frau meines Gastgebers bespringen? Oh, mit Vergnügen. Wär nicht die erste. Aber der Verstand weiß genau, dass es technisch nicht durchführbar ist. Jakob Levitan, pack dich und suche, suche wie ein Hund.
So gelangt man in einen ganz kleinen, sehr unansehnlichen, aber gut versperrten Raum; bring deine Phantasie mit, zwing dich, körperlich und seelisch, was musst du auch an so einem Ort und in so einer Zeit geboren sein! Was ist zum Beispiel, wenn ich im Eifer vergesse, die Tür zuzusperren, und plötzlich steht dieser ruhige, saubere Gastgeber vor mir! Das ist wie ein Schlag in die Phantasie, und all die prachtvollen nackten Ärsche darin zerstäuben. Aber es ist eine gesunde Übung in Unabhängigkeit. Vor allem wenn man nicht weiß, dass man für lange frauenlose Jahre, für diese vier Wände und das vergitterte Fensterloch übt. Mich hat immer interessiert, wie das auf den Galeeren war. An ihren Platz geschmiedet schissen und pissten und aßen die Galeerensklaven eben dort. Wahrscheinlich war allein in der Selbstbefriedigung noch ein bisschen Leben, wenn sie irgendwo vor Anker lagen. In diesem verfluchten Abort unter Deck bebte einen Moment lang der Geruch nach der Blüte der Rosskastanie auf, so nämlich riecht der menschliche Samen.
Ich kannte eine Frau, vielleicht gibt es noch welche wie sie, deren Lust ich mit solchen Erzählungen aus dem wirklichen Leben derart aufpeitschte, dass sie mir ohne Mühe über alle Schranken dieser erlogenen und phantasielosen Zivilisation folgte. Ich erzählte ihr in Bruchstücken das, worüber ich in diesem Buch zu schreiben gedenke. Ich riss alle künstlichen Formen des Ausdrucks nieder. Und auch sie ließ die Sau raus. Ich bemerkte, wie das Ganze für sie zur Gewöhnung wurde, und ich bekam sie satt. Einiges hatte ich allerdings so erzählt, dass ich heute nicht mehr sagen kann, inwieweit hier wirkliche Ereignisse verändert und mehrere zu einem zusammengeknetet waren.
Als ich zum ersten Mal die magische Wirkung der Erzählungen von der Lust der gefesselten Prometheusse erlebte, saßen wir nach dem Mittagessen in einem kleineren Restaurant. Obwohl jeder seine Wohnung hatte, mussten wir auf dieses kleine, würdelose Örtchen, das allerdings mehr Ärsche als Casanova gesehen hat. Ich zog ihr die Kleider hinauf und hinunter, sodass ihr üppiger Mittelteil nackt war, und sie packte mein Glied, als handelte es sich um den rettenden Halm in einem tosenden Ozean. Alle Häftlinge dieser Welt waren mit ihren grinsenden, gramdurchfurchten, grauen Gesichtern dabei. Und auch sie hielten sich an ihren Rettungshalmen fest, damit die heftigen Wogen sie nicht fortspülten.
In den Nächten klingen Gefängnismauern wie aus Glas, von der Qual, von der Angst, von der Lust, von den Plänen, den geflüsterten Erzählungen, den Wahngebilden, den bösen Träumen, vom Hunger, von der Wut, vom Heimweh, von den Erinnerungen, vom Weinen, vom Fluchen, vom spritzenden Samen. So leben Völkerschaften von Häftlingen, die Stunden sind lang, die Jahre aber huschen vorbei wie ein Nichts. Die Zähne werden faul, man bekommt Hämorrhoiden, die Füße werden platt, die Gewohnheiten ändern sich, das Gesicht nimmt diesen besonderen Ausdruck der Stumpfheit mit Momenten der Anspannung an. Alle gehen in die Schule der Gerissenheit. Die ersten fünf Jahre ist es schwer, heißt es, und danach ist es noch schlimmer. Jemand schmuggelte ein Buch über die Teufelsinseln, Französisch-Guayana, ins Zuchthaus, es hieß »Die trockene Guillotine«. Wir sahen, dass es im Grunde in allen Gefängnissen gleich zugeht, nur dass man bei uns nicht nur eingesperrt ist, sondern auch zehn Jahre lang in Untersuchungshaft sitzen kann, wenn man ein politischer Häftling ist, was amtlich als »politischer Straftäter« bezeichnet wird, um es vom Privat- und Wirtschaftskriminellen zu unterscheiden. Letzterer genießt bei den Gefängnisverwaltungen das höchste Ansehen. Im Zuchthaus gibt es nämlich zwei Hierarchien: Die eine bildet die Verwaltung, die andere – nicht sichtbar, aber spürbar – bilden die Häftlinge selbst, wie die Wölfe im Rudel.
Diesem ganzen Volk gehören auch die Häftlinge in den Einzelzellen an, nur dass die Anfänger das lange nicht begreifen. Für die folgende häftlingsinterne Einstufung ist es schändlich: weniger als drei Jahre zu haben, zu »zinken« (denunzieren), sich vor den Wärtern und der Verwaltung zu beugen, zu weinen, Angst vor Repressalien zu zeigen, sein Paket in einem Winkel allein zu essen, und – über dreckige Witze darf man sich nicht entrüsten, weil man damit gewissermaßen in den natürlichen Fluss der Dinge eingreift, in alte Gewohnheit, in altes Recht und vor allem Bedürfnis. Alles, was im Gegensatz dazu steht, wird als »lobenswert« erachtet. Jeder befindet sich irgendwo auf der Einstufungsskala, außer ein paar einsame Narren und Heroen.
Als ich ganz unvorbereitet auf diese interessanten Dinge in der Untersuchungshaft landete, ahnte ich nicht im Traum, wie viel ich zu lernen hatte. Wie viele Fächer für jede Prüfung zu absolvieren sind! Wie schwer es ist, auf dieser Universität bis zum Diplom zu kommen. Die Anführer Ghanas tragen auf ihren Kappen ein P. G., was prison graduated bedeutet. Das ist verdammt frech. Nehru hat in der Festung Ahmadnagar alles in allem elf Jahre abgesessen. Und in Italien hat man 1950 einen gewissen Giuseppe Baranco entlassen, der fünfzig Jahre heruntergebogen hat. In einem Interview hat er auf die Frage, was ihn beim Herauskommen am meisten überrascht habe, gesagt: Frauen auf Fahrrädern. Wissen Sie, was er sich vorgestellt hat, als er schöne, dralle Frauen auf Fahrrädern strampeln sah? Ein richtiger Arrestant! Prison graduated! Der alte schwindsüchtige Bergmann Meglič, der unter uns im Gemeinschaftsraum der Gefängnisambulanz starb, sagte am Vorabend seines Todes: Ich werdet sehen, ich komm da raus. Ich war schon zweimal mit einem Fuß drüben, und ich werd’s noch einmal schaffen. Und dann verkauf ich das Haus, das Feld und den Wald und alles, was ich hab – und geb das ganze Geld einem jungen Mädel, damit es sich nackt auszieht und auf alle viere geht – und brunzt. Nur das möcht ich sehen, dann kann ich sterben. – Dabei war der alte Meglič ein verdammter Geizhals bei den Essenspaketen, die ihm seine Schwester schickte. Auch Zigarette kriegte man von ihm keine.
In die unsichtbare Schule des Gefängnislebens geht jeder, mag er es wissen oder nicht, und jeder tritt zu den Prüfungen an, schafft sie oder fällt durch, ob es ihm nun bewusst ist oder nicht. Auch der blutigste Anfänger in seiner ersten Untersuchungs-Einzelzelle. Zuerst hielt ich mich für den einsamsten Menschen auf der Welt in diesen vier Wänden, zwei mal vier Meter, hoch an die fünf, ein eisernes Bett mit Strohmatte, ein Klapptisch an der Wand, ein Stockerl, ein Wasserkrug, ein rostiger Kübel im Winkel bei der Tür, ein völlig glattes Türblatt und hoch oben das Fensterloch, doppelt vergittert, mit dicken Kreuzen und dann noch mit einem Netz. Ja, dazu noch der fünfrippige Radiator neben dem Kübel. Draußen mutmaßlich ein sonniger Vormittag. Stille in den Mauern. Druck in den Schläfen. Und keine Zigarette. Die ersten fünf Jahre sind schwer. Aber wo dachte ich damals an die Jahre und Jahre, die wie ein langer schwarzer Gang vor mir lagen, an die Jahre und Jahre der Kerkerhaft, die sich »schwere Zwangsarbeit« nannte? Sie werden mich freilassen – oder umbringen, so überlegte ich. Am wahrscheinlichsten wollen sie mir einen tüchtigen Schrecken einjagen. Wie sollen sie mich denn aufgrund der Witze, die ich gerissen habe, verurteilen? Vor dem Krieg ein rebellischer Student, im Krieg Partisan. Natürlich, wenn sie mich fragen, warum ich diese Witze gerissen habe, wird es schwer sein, eine Antwort zu geben. Wie soll man erklären, was in einem freisinnigen Menschen vorgeht, wenn er diese eitlen Machtprotze sieht? Natürlich war auch etwas Hahnengehabe dabei. Keiner traut sich den Mund aufzumachen. Sind wir nun Helden oder nicht? Und noch ein Cognac! Und weil ich viele kannte, war bald eine ganze Meute hinter mir her. Viele Hunde sind des Hasen Tod! Den teuflischsten Scherz leisteten wir uns am Abend vor unserer Verhaftung. Telefonisch informierten wir einen hochrangigen Bekannten darüber, dass das Schweizer Radio gerade gemeldet hätte, dass Tito zurückgetreten sei. Das war nicht lange nach dem berühmten Informbüro, etwas lag anscheinend wirklich in der Luft – und es gab viel Lauferei und blasse Gesichter, die Republiksregierung »krachte« und machte sich schier aus dem Staub, wie wir viel später erfuhren. Aber warum glaubten die Teufel es überhaupt? Wo sie Scherzbolden wie mir sonst nicht einmal das glaubten, was mit Händen zu greifen war. Und jetzt waren wegen eines dummen Einfalls beim siebenundneunzigsten Glas angeblich zwei von sechs Republiken ins Wanken geraten. Es war einer dieser verfluchten Abende, an denen wir endlos über Philosophie und Kunst schwatzten, anstatt eine der dampfenden Jungfern zu reiten, die uns damals nach dem Krieg von selbst in die Arme flogen. In der Untersuchung behandelte man auch mein diesbezügliches sündiges Wirken, mit all dem Neid und der moralischen Entrüstung sauberer Leute, und ich hatte die schöne Gelegenheit, mich dankbar an jede Einzelne zu erinnern. Die Politik war für mich damals im Grunde etwas, das nach billiger Seife roch, eingewickelt in die stinkende und mit Bremsspuren verzierte Unterhose eines Beamten, der nicht die Zeit hat, sich sexuell auszutoben. Erst der Arrest und seine allumfassende Schule brachten mir bei, was das ist – Politik. Als ich sah, wie rosarot naiv meine politischen Aktionen bisher gewesen waren, errötete ich vor mir selbst. Die Streiks an der Uni vor dem Krieg und der Aufschrei gegen die ungerechte Ordnung. Die Prügeleien mit den königlichen Wachmännern. Die, na ja, Tränen, die ich über den Untergang Jugoslawiens zerdrückt hatte. Die Gespräche mit Bauern über die Partisanen. Mein Anecken an der neuen Ordnung nach der Revolution. Parfümierte frische Unterhosen! Ein Homo politicus! Ein anarchoider Freigeist, der alles besser weiß! Ein Genie! Der Mensch drängt am meisten dorthin, wo er am wenigsten weiß. Wie viele schöne und köstliche Frauen mir entgingen, weil ich nicht auf dem Feld blieb, auf dem ich Experte war.
Im Arrest brauchte es unglaublich viel Zeit und Mühe, um zu lernen, was Politik ist und was ein politisches System. Für jeden Scheiß bin ich talentiert, die Politik aber wollte mir nicht ins Hirn. Und doch sind mir ein paar Dinge klargeworden. Die Politik des Zuchthauses funktioniert nach dem Zweikammernsystem, die Verwaltung fährt ihren Kurs, und das unsichtbare, aber spürbare Denken und Bewerten des Zuchthausvolks den seinen. Beide üben Druck auf jeden Einzelnen aus, zwischen ihnen wird der Häftling zurechtgepresst. Jede Seite versucht, ihm Moral aufzuzwingen oder zu nehmen. In diesem Schraubstock muss man sich behaupten. Vor einer der Seiten zu versagen – heißt überhaupt zu versagen. Der Einzelne darf sich nicht der Verwaltung ergeben, die sein charakterliches Rückgrat zu brechen versucht, und sich nicht den Mithäftlingen anbiedern – oder auf das Zuchthausvolk pfeifen, das seinerseits auf Momente der Schwäche lauert. Dass einer richtig funktioniert, wird von beiden Seiten als normal erachtet, ein Fehler aber rächt sich jahrelang. Zeit, um den Einzelnen zu analysieren, gibt es endlos viel, sowohl bei den bezahlten Faulpelzen in der Verwaltung als auch bei den Schatten hinter den Gittern. Die Verwaltung weiß nahezu alles, was vor sich geht, dafür hat sie ihre Zinker, die, obwohl man sie auch dort verachtet, immerhin auf eine Herabsetzung der Strafe, auf Begnadigung wegen guter Führung, auf verschiedene Vergünstigungen während der Haftzeit oder wenigstens auf den Besuch ihrer Frau oder »Verlobten« in Abwesenheit des Wärters hoffen, was natürlich »Hosen runter« bedeutet! In einem System, das damals offiziell noch »ohne Prostitution« war, bekamen einige in einer dafür bereitstehenden Einzelzelle Besuch von einem hübschen Mädchen, das auch eine Flasche und Zigaretten dabeihatte. Für solche Vergünstigungen lohnt sich die Mühe. Aber auch das Zuchthausvolk erfährt alles, wahrscheinlich mehr als die Verwaltung. Ich kann es nicht beschwören, aber mir wurde versichert, dass einigen, die lange in Einzelhaft saßen, die Taschentücher kontrolliert wurden, ob darin Sperma zu finden sei. Ein höherer Gefängnisbeamter schwängerte eine Beamtin auf der Verwaltung – die Abtreibung nahm ein Arzt vor, der wegen »Okkupationsverbrechen« einsaß. Wir wussten, wie viel der Ökonom abzweigte. Wir waren darüber im Bilde, dass der Kommandant der Wachebeamten, der später einen Nervenzusammenbruch erleiden und sich erschießen sollte, von seiner Frau verprügelt wurde. Im Krieg war er Liquidator und ein herzloser Peiniger der Gefangenen gewesen. Wir wussten, wer und wie in den einsamen Betonbunkern unter der Erde verprügelt wurde. Wir erfuhren, wie es dem einen erging, den sie ins Irrenhaus geschickt hatten. Wie Mladen in seiner Einzelzelle umgekommen war. Warum der Professor die Hand vor seinen Pimmel hielt, wenn er duschte. Wer ein Syphilitiker war. Wie viel Zement der Buchhalter gestohlen hatte. Wer die drei verpfiffen hatte, die einen Ausbruch planten. Was für einen schwarzen Pelz die neue blonde Beamtin auf der Verwaltung hatte. (Kein Scherz; der Bohanec heizte gerade in ihrem Büro ein, als sie auf dem Parkett ausrutschte, der Länge nach hinfiel, nun, und so weiter.) Wir wussten auch, dass mich ein Dieb, ein ehemaliger Milizionär, verpfiffen hatte, dass ich Zeitung gelesen und dabei eine boshafte Bemerkung über die Schulreform gemacht hätte. Und – aus der Hauptstadt erfuhren wir, wann ein strafweiser Transport in ein anderes Zuchthaus bevorstand.
Wenn man den Druck beider Seiten spürt, kommt einem plötzlich die Erkenntnis, dass dies etwas der Politik Ähnliches ist. Die Verwaltung ist eine Art totalitäre Regierung, ihre Vorgesetzten in der Hauptstadt sind eine historische Notwendigkeit, und die Häftlinge sind das stille, selbständig denkende und unsichtbar wirkende Volk. Wer all diese Faktoren nicht berücksichtigt, verliert hier leicht seinen Kopf. Wegen dieser Dynamik verläuft das Leben im Gefängnis niemals in monotoner Geradlinigkeit, es wendet sich ständig zum Besseren oder zum Schlechteren. Der Homo politicus legt täglich eine Prüfung ab. Du stehst im Schraubstock, die Zeit tropft dir auf den Kopf, und neben dir stehen: der Räuber, der Gestapomann, der Kleinkriminelle, der Weißgardist, der Taschendieb, der alte Mann, der den Mädchen im Park seinen Kleinen gezeigt hat, der Mörder, der neue Rebell, der Heiratsschwindler, der Schieber, der Kominformist, der enteignete Kaufmann, der Einbrecher, der Veruntreuer, der Homosexuelle, der Fälscher, der Vergewaltiger, der Nazi-Kollaborateur, der Zuträger von Desinformationen, der Verbreiter feindlicher Propaganda, der Organisator von Prostitution, der Metzger, der schwarz ein Kalb geschlachtet hat, der Vernehmer, der die Vernommene missbraucht hat, der Direktor, der die Firma ruiniert hat, der Gewalttäter, der den Milizionär geschlagen hat, der Mann, der während der Festansprache auf den Platz geschissen hat, der Geistliche, der sich beim Predigen versündigt hat, der Offizier, der seine Frau erschossen hat, der Organisator von Widerstand nach dem Krieg, der Spion und eine Reihe von Leuten, die tatsächlich nicht wissen, wofür man sie verurteilt hat. Und in der Zeitung, wenn wir sie bekommen, lesen wir, wer uns demnächst Gesellschaft leisten wird: irgendein Räuber, Dieb oder Schriftsteller mit seinen speziellen Ideen, den Sozialismus zu organisieren.
Alle Altersstufen – von 18-jährigen Grünschnäbeln, die schon noch draufkommen werden, dass hier Politik herrscht, bis zum 85-jährigen Vater Noč aus einem Bergdorf, der irgendwelchen »neuen Partisanen« zu essen gegeben und vor Gericht ausgesagt hat, dass er »auch im Krieg den Partisanen zu essen gegeben« und sich nie für Politik interessiert habe. 15 Jahre hat er gekriegt. Er war nicht mal wütend darüber, konnte aber nicht verschmerzen, dass man ihm die Pfeife weggenommen hatte. Weil er ein knochiger, eigenwilliger, baumlanger Kerl mit kräftigen Zähnen ist, lebt er auch im Gefängnis auf seine Weise. Wenn ihn ein Wärter ermahnt, mustert Noč ihn von Kopf bis Fuß und fragt: Ist da noch was von dir im Boden? Auch der alte Noč hat nie die Politik verstanden.
Jetzt sind diese interessanten Zeiten schon vorbei. Die Polizei prügelt weniger und fürchtet Skandale. Die Justiz hat sich etwas emanzipiert, keine »Zettel von oben« mit Weisungen zum Strafmaß flattern mehr auf den Richtertisch, an dem ein früherer Tischler »entscheidet«. Über politische Delinquenten schreiben die Zeitungen. Auch die verlogene »saubere« Sexualmoral ist mittlerweile auf dem Müll gelandet. Überall Bars mit integralem Striptease. Die Zeitungen voll mit nackten Frauen. In Filmen sind Szenen zu sehen, die manche westliche Zensur zur Verzweiflung brächten. Mit der Prostitution wird umgegangen wie mit einer Grippe. Wir haben Rowdys, Jugendkriminalität, Hippies, Drogensüchtige, Sexorgien und die im Kalender eingetragenen kirchlichen Feiertage. Zirkel hochangesehener Staatsbürger führen einander zu Hause Pornofilme vor. Die Jagd nach Standard hat die Leidenschaft, politische Gespräche zu führen, erstickt. Zwischen der Regierung (Verwaltung) und der Volksmeinung (s. o., Zuchthausvolk) fließt der Strom des Standards dahin, der die Seelen Einzelner in den Abgrund der Managerkrankheit reißt.
Ich bin absichtlich abgeschweift, damit die Dinge später verständlicher werden. Nun gehe ich Jahre und Jahre zurück. Bis zu dem sonnigen Vormittag, an dem ich schlaftrunken und verkatert in meinem Bett aufwache, nackt, und in vier auf mich gerichtete Pistolen sehe, von denen mir am nächsten eine amerikanische 45er Colt Automatik ist.
Das Ganze spulte sich in schwindelerregendem Tempo und mit großer Nervosität ab. Und mit wenigen Worten. »Keine falsche Bewegung!« »Wo ist Ihre Waffe?« Dass sie mich siezten, weckte eine leise Hoffnung in mir, ansonsten war ich noch etwas benommen vom Alkohol der vergangenen Nacht. Die Pistolen wurden nicht gesenkt, während ich anzog, was ich abgelegt hatte, als ich in der warmen Nacht zu Bett gegangen war. »Los! Los!« Nebenbei brach ich ein Stück Weißbrot ab, um nicht mit nüchternem Magen in den Tod zu gehen. Aber ich bemerkte, dass ich keinen Speichel hatte. Ich schob diesen Bissen im Mund herum wie Sand, ich brachte ihn kaum auf Raten hinunter.
Und wir gingen. Sie führten mich vor sich her. Aus dem Zimmer auf den Hausgang, zur Treppe und die Treppe hinunter. Damals war ich in Versuchung, nur einen Augenblick lang, aber es stimmt, ein Augenblick kann sehr lang sein. Das Fenster auf dem Treppenabsatz stand weit offen. Ich hatte unzählige Male Anlauf genommen, um mich über ein Geländer ins Wasser zu hechten. Unten war betonharter Sand. Dritter Stock. Hohe Etagen. Erfolg garantiert. Oder sich wie ein Vieh ins Schlachthaus bringen lassen? Von diesen Rohlingen? Kein Mensch zu sehen. Was werden die alles mit mir anstellen, wenn sie mich in Gewahrsam haben! Was haben wir nicht alles über ihre Methoden gehört! Sie hassen mich wie einen schwarzen Hund. Erst vor vierzehn Tagen hatten wir uns in einem Restaurant eine Prügelei mit Sicherheitskräften geliefert. Einen Major hatte ich glatt niedergestreckt. Wie würde sich der über mich freuen! (Später begegnete ich diesem Major – und auch er war eingesperrt; abgemagert und bitter kam er mir damals als einer der besseren Häftlinge vor; er war ein starker Charakter, und ich musste mich direkt beherrschen, damit er mir nicht sympathisch wurde. Warum er saß? Er trank gern und hatte Gott weiß was geredet.) Und dieser Major ließ mich fast aus dem Fenster springen! Ein Augenblick ist lang, Jahre sind kurz. Weiß der Teufel, ob mich vom Sprung nicht auch eine angeborene Eigenschaft abhielt, die mich im Leben schon so oft teuer zu stehen gekommen war: die Neugier darauf, was kommen würde. Das Dilemma war indes sehr groß, und als ich mit diesen »Genossen« die Treppe hinunterging, überkam mich ein Bedauern, dass mir ganz schwer zumute wurde. Mich durchfuhr auch ein boshafter Gedanke: Wenn ich gesprungen wäre, hätte niemand in unserer Stadt geglaubt, dass nicht sie mich »gesprungen« hatten, solches Ansehen genossen sie damals. Ich aber war bekannt und berühmt in meiner Heimatstadt, mehr für meine Affären, Skandale und meine böse Zunge als für meine Arbeit oder mein Talent. Als intelligentes Tier bin ich nämlich schrecklich faul, fremde Mängel und Fehler aber nehme ich sehr rasch wahr, und ich kann recht boshaft-lustig darüber sprechen. Ich hatte auch ein paar Preise für mittelprächtige, schnell hingeschriebene Werke bekommen. Ich war in den Zeitungen abgebildet. Wir zogen feiernd durch die Lokale, redeten, was uns einfiel, erkletterten Denkmäler, verführten Mädchen und verheiratete Frauen, sorgten bei Ausstellungen für Skandale, trieben Scherze, lagen daheim auf dem Teppich und schossen in die Decke, machten Schulden und lebten wie auf Tartaruga. Kein Wunder, wenn man sich so einen von Tag zu Tag bekannteren Namen macht. Nachts schrieb ich zwar auch ein paar Romane und Dramen, die aber niemanden interessierten. Einige Verlage hatten mir Honorare für Texte ausgezahlt, die nie gedruckt worden waren. Dann erschien doch ein Büchlein, für das mich einflussreiche Männer heftig in der Presse attackierten. Es war ein Drama, entstanden vor dem Krieg, es hatte sogar eine Idee – »gegen den Faschismus«. Die Idee aber hatte die dialektische Wirkung, dass die Mandarine mich ausspuckten, weil das Werk auf die »bestehende Ordnung« gemünzt sei, und dass mir sogar der Staatsanwalt in der Verhandlung etwa ein Jahr nach seinem Erscheinen daraus vorlas. In die Zeit des »Sozrealismus« passte das Werk jedenfalls nicht, das stimmt. Ich wollte mit all dem nur sagen, dass mir all diese Abenteuer in der Stadt mit ihren damals 120.000 Einwohnern einen Namen machten. Und das kam mir auch in den Sinn, als ich jenes offene Fenster sah, das in die unendlichen Weiten des ewigen Nichts führte.
Dann stopften sie mich hastig und nervös in einen großen Wagen ohne besondere Kennzeichen, schoben mir zwei Pistolen unter die Rippen und fuhren mit mir durch den angenehm sonnigen Vormittag der friedlichen Stadt. Ich erinnere mich genau an jene wohlproportionierte junge Mutter, die sich zu ihrem Kind hinunterbeugte. Unter ihrem engen gelben Rock standen zwei rosige, stramme Beine. Die etwas abgetretenen Fersen ihrer Sandaletten störten mich übrigens ein bisschen. Die hat doch einen Mann! Soll er ihr doch ein Paar der schönsten Sandalen stehlen, wenn er kein Geld hat, der Hund! Jupiter verwandelte sich in einen Goldregen, um zu jenem Wundergärtchen im Schoß des Mädchens zu gelangen! Ich ertrage keine lyrischen, impotenten, geizigen, moralisch entrüsteten Tugendbolde! Ich ertrage keine Beatrices wie bei Dante! Ich mag den alten Lew Nikolajewitsch Tolstoi, obwohl mich das Moralische an seinen Schriften langweilt. Aber der Mann ging übers Feld, so schreibt Gorki in seinen »Erinnerungen an Zeitgenossen«, auf der einen Seite der arme gute Tschechow, auf der anderen der ehemalige Landstreicher Gorki, und auf dem Feld waren Bäuerinnen bei der Arbeit. Eine war besonders schön vornübergebeugt, sodass ihre Schenkel unterm Kittel hervorblitzten. Und mitten in einer Plauderei über die Kultur fragt der alte Lew den schamhaften Tschechow: »Haben Sie viel gefickt, Anton Antonowitsch?« (oder wie war noch gleich sein Name?) »Nein«, erwiderte Tschechow bescheiden. »Ich schon, job tvoju matj!«, rief Lew Nikolajewitsch.
Ich auch, aber weiß Gott, ob sich jetzt noch was ausgeht, sagte ich mir, als sie mich im Hof eines sehr hässlichen Gebäudes abluden und mich durch vier eiserne Gittertüren führten. Sie schoben mich in einen engen prismatischen Raum unter einer Treppe, in dem man als großer Mensch unmöglich stehen konnte. Ich befahl mir daher, mich auf den Boden zu setzen. Als ich saß, empfand ich dies als eine sehr wichtige, sehr freigeistige Tat, lustig, nicht? Ich gab mir Mühe, möglichst bequem zu sitzen. Nur jetzt nicht dran denken, was kommen mag.
Ich erinnerte mich dunkel daran, was man sich über dieses verrufene Haus erzählte. Dass manchmal Schreie, Musik und wieder dumpfe Schreie auf die Straße zu hören waren. Dass hier Leute verschwanden. Nicht dran denken! Jetzt kommt gleich dieser Major des Sicherheitsdienstes, den ich im Restaurant geschlagen habe. Nicht dran denken! Josip war drei Monate hier drinnen – und als er rausgekommen ist, war er ein anderer. Was passiert ist – davon hat er nie ein Wort gesagt. Worüber hat er geschwiegen? Fort mit solchen Gedanken!
Ich fasste mir ans Glied und zwang mich, an die Frau in dem gelben Rock zu denken. Ich zog sie mir aus. Ja, ihre Muschi würde hinten unter den prallen Arschbacken zu sehen sein, denn die Füße in den abgetretenen Sandalen standen bei ihr wie bei einer Ente nach innen. Solche Frauen nennen die Russen überhaupt karaljok, Entchen. Und sie schätzen sie mehr als jene, die ihre Füße gerade nebeneinanderhalten und ihre Kleine vorn tragen. Er begann länger zu werden – und die Sorgen rückten mit den Ängsten in den Hintergrund des Bewusstseins. Ein und dasselbe kann dich unter verschiedenen Umständen retten oder zugrunde richten. Don Juan ist daran zugrunde gegangen, er war viel zu sehr auf den eigenen Penis fixiert. Casanova war ein regelrechter Enthusiast des weiblichen Genitales, er wusste eine Frau auch loszuwerden, wenn er sie satthatte – was mir nicht gefällt, ist, dass das Ganze so kostspielig war! Dass er verarmt ist und sich noch als Pensionist als Bibliothekar auf irgendeinem böhmischen Schloss verdingen musste, wenn ich mich richtig erinnere. Pfui! Weder Don Juan noch Casanova können als Vorbild dienen. Wahrscheinlich muss man leben wie das Gras. Das Gras wird geil, wenn der Wind geht.
In Gedanken war ich eben beim Geschlechtsleben der Wolken und der Wäsche auf der Leine angelangt, als die Tür aufging. Es war ein einzelner Mensch in Zivil, mir scheint, dass er ein Glasauge hatte. Er winkte mich hinaus und führte mich in eine Kammer nebenan, in der ein Schrank, ein kleiner Tisch und ein Stuhl standen, sonst nichts, Fenster gab’s keines, eine starke Glühbirne brannte, kein Lampenschirm. Zieh dich aus, befahl er mit grober Stimme. Ich begann mich auszuziehen, legte die Kleider auf den Tisch und den Stuhl, bis ich in der kurzen Unterhose dastand, er untersuchte unterdessen meine Sachen, tastete überall auch die Nähte ab, legte, was in den Taschen war, auf den Tisch. »Die Gate auch«, sagte er nebenbei. Na schön, also auch die Gate. Er sah alles gewissenhaft durch, dann zog er den Gürtel aus der Hose und die Schnürsenkel aus den Schuhen. Anschließend nahm er aus der Tischlade einen Gummifingerling und stülpte ihn sich über den Mittelfinger der linken Hand. Ich hatte schon bemerkt, dass er Linkshänder war. »Dreh dich um!«
Mir dämmerte, worum es ging. Das war der Moment, sich zu widersetzen, oder eben zu tun, als wäre das Ganze bloße Routine. Wie ich davor nicht aus dem Fenster gesprungen war, so überließ ich mich auch jetzt der Routine. Ich hatte schon von so einem »internen Eingriff« beim Zoll gehört. Aber ich ließ eine Bemerkung fallen: »Wir sind doch nicht etwa ein Buserant?« Er tat, als hätte er es nicht gehört. Das Gleiche ist wirklich nicht dasselbe. Als mir eine herrliche italienische Stute beim Koitus das Gleich machte (nur ohne Fingerling, aber sehr fachkundig, mit der Fingerbeere, nicht mit dem Nagel voran), schwoll mein Glied bis zum Äußersten an, und es kam mir so seltsam, dass mir neblig vor Augen wurde, als wäre alles Blut ins Hirn geschwappt. Hier aber kränkte und erniedrigte mich der gleiche Eingriff. Außerdem plagte mich die Neugier, was passiert wäre, wenn ich mich ihm widersetzt hätte. Der Spruch des weisen Laotse war mir ja geläufig: Dass man sein muss wie das Wasser, das sich dem Gelände anpasst und siegt, zahm weicht es dem Felsen – mit der Zeit aber höhlt es ihn aus. Wir Europäer aber verminen die Felsen, und dann wundern wir uns, wenn uns Konquistadoren die Steine um den Kopf fliegen.
Ich dachte an jene italienische Teufelin! Ich zog mich wieder an. Der Mann hatte mir aber das meiste abgenommen, auch die Zigaretten und die Streichhölzer. Nur das Schnäuztuch ließ er mir. Und in der Tür erschien ein stämmiger Jüngling in einer Art Uniform, einer aus englischen Mänteln vielleicht. Blaue Augen, straffes Gesicht, keine Waffe, aber ein beachtlicher Stiernacken. Bisher hatte ich nicht gewusst, dass blaue Augen so kalt sein können. Er übernahm mich und führte mich durch vier weitere Gittertüren in einen längeren Gang. Leb wohl, meine Italienerin! Wir gingen so: Vor der Tür »halt!«, er sperrte auf, »weiter!« und »halt!«, er sperrte zu und »weiter!« Und diese Stimme litt keinen Einwand. Ich begann etwas von Zigaretten zu faseln, aber er schmetterte es mit einem kurzen, wilden »Ruhe!« ab. Zellen zu beiden Seiten. Nirgends auch nur ein Geräusch. Er schob mich in eine Zelle zur Linken, sperrte zu und schaute noch durch die Luke, dann ging er wahrscheinlich. Wahrscheinlich – denn Schritte waren keine zu hören.
Ich ging auf und ab, sah mir mein »Zuhause« an und setzte mich auf das eiserne Bett. Das Fenster war verdammt hoch oben. Später erzählte man mir, dass diese Zellen im Krieg von der Gestapo gebaut worden seien. Hier wäre ich gelandet, wenn mich die Deutschen in den Wäldern erwischt und nicht gleich totgeschlagen hätten. Somerset Maugham sagt, dass der Mensch seinem Schicksal nicht entgeht. Jetzt komm, Italienerin! Hilf mir durch diese ersten fünf Minuten der Zeitlosigkeit! Irgendwo da draußen sitzen die Götter und schneidern mein Schicksal. Ich wusste, dass die Götter Stalin fürchteten, ahnte aber nicht, dass sie Angst vor einem politischen Dummkopf wie mir hatten und dass sie aus mir eine Person machen würden, über die ausländische Radiosender, Budapest, Moskau, Paris, Triest, berichteten, wie ich später von »Leidensgenossen« erfuhr, die in einer 300 Kilometer entfernten Strafanstalt für den Geheimdienst ausländische Nachrichten aufnahmen. Am bildhaftesten drückte sich Radio Triest aus: Wer mit dem Teufel Rüben frisst, kriegt selbst eins auf die Rübe. Noch später erfuhr ich, dass ein Mitglied der Republiksregierung über mich gesagt hatte: Dieser Teufel taucht irgendwann mit der MP auf und legt uns alle um. Ich überlegte – und weil ich kein Politiker bin, seufzte ich in einem Moment der Schwäche: Also hab ich ihnen wirklich graue Haare gemacht! Die Götter sind nämlich keine Psychologen, sie haben aber ein ungewöhnlich feines Gespür für die eigene Sicherheit. Darum ermuntern die Götter unaufhörlich ihre Getreuen, »wachsam« zu sein. Die Götter haben auch einen entwickelten Sinn für Hygiene, darum veranstalten sie gern »Säuberungen« um sich herum. Und wenn wir an Sisyphus oder Prometheus denken, sehen wir, dass sich seit den ältesten Zeiten nicht viel geändert hat. Die Götter trinken also gerade ihren Vormittagscognac und bestimmen mein Schicksal. Ich sitze hier auf einer einsamen Insel, Robinson, und warte darauf, dass mir jemand Gesellschaft leistet. Aber auf einen Freitag pfeife ich. Ich habe absolut nichts gegen Homos. Im Gegenteil! Erstens sind das sehr menschenfreundliche Menschen. Zweitens ist Liebe Liebe. Und ein Loch ist ein Loch, wie später jemand sagen sollte, dem wir in unseren Erzählungen noch begegnen werden. Außerdem wird dir ein Homosexueller, der etwas auf sich hält, nie die Frau ausspannen. Und zu guter Letzt ist ein ganz kleiner verschämter Schwuler in jedem Menschen, tief verborgen, manchmal sogar im Unterbewusstsein. Also nicht, dass ich Freitag aus Prinzip und moralischer Entrüstung ablehnen würde. Der eine, dem wir noch begegnen werden, war der Meinung, dass die Schwulen ihren Staat bekommen müssten – und dass es der am besten eingerichtete und unkriegerischste Staat von der Welt wäre. Über die Lesbierinnen sagte er nichts – aber die sind eher männliche Naturen, und ich weiß nicht, ob ihr Staat etwas Besonderes wäre.
Also kein Freitag, aus dem hätte ich nie in eine Frau machen können. Und ich bin ein notorischer Erotomane, denn es gibt keine Stelle am Frauenkörper, die ich nicht mit der echten Verzückung der Urchristen bewundern konnte, ohne zugleich das Fluidum des ganzen Körpers zu empfinden. Tatsächlich bewies man mir im Zuge der Untersuchung (Punkt eins, Unmoral, das moralische Antlitz eines durch und durch Perversen – oder wie kommt es, dass ein Bürger so tief fällt, dass er Feindpropaganda betreibt, das Gesetz über Volk und Staat bricht, sein Land verrät und zum Spion einer der Westmächte wird), sie bewiesen mir also tatsächlich, dass ich Frauen »ausgepeitscht« hätte. Sie übten Druck auf jede Einzelne aus, von der sie wussten, dass sie mit mir geschlafen hatte – ich bin nicht so gut beim Vertuschen, und die Ärmsten – zwitscherten. Sie wollten nicht hören, dass keiner von ihnen am nächsten Tag auch nur das Geringste anzusehen war. Das, worum es in Wahrheit ging, hätten ihnen damals Gott und Marx zusammen nicht beigebracht. Die Anstrengung, den Versuch, in die Psyche, die Jugend, die ersten, grundlegenden sexuellen Erlebnisse vorzudringen – die seelischen Hürden niederzureißen, die die Zivilisation ein Leben lang aufstellt und mit denen sie die vollkommene Vereinigung der Wesen immer unmöglicher macht; den Vorstoß zum totalen Bekenntnis, zum Unbewussten, durchs Chaos des Gelernten und Eingeübten zur reinen Verbindung. Denn – die Kleider abzuwerfen und miteinander zu schlafen bringt nur dann etwas, wenn auch die Seele vollkommen nackt ist, gereinigt vom Mist der sie begleitenden Komplexe und Schamgefühle. Nur mit großer Mühe bekam ich aus Renata heraus, dass ihr Vater sie in der Pubertät im Rausch vergewaltigt hatte. Sie hatte es noch keinem Menschen gesagt, es brannte in ihr aber auf Schritt und Tritt. Sie zitterte am ganzen Leib, als ich sie mir unterwarf, sie erlöste und ihre Qual in Lust verwandelte.
Also kein Freitag! Und eine verschlossene Kleinbürgerin auch nicht! Komm, Italienerin, deren Namen ich Schwein vergessen habe. Komm auf meine einsame Insel! Pass auf, schleich an den Menschenfressern vorbei! Das Verlangen hilft aus der Depression. Eine trauernde Witwe braucht als Erstes einen tüchtigen Liebhaber, das weiß auch Remarque in »Arc de Triomphe«.
Wie war es zu der Italienerin gekommen? Setz dich, Mädchen, da her, neben mich! Du weißt nicht, wie viel Dank ich dir schulde, obwohl ich es nie gezeigt habe. In jener Zeit lernte ich Frank kennen, der eine Sammlung erotischer Literatur hatte. Besonders empfahl er mir ein französisches Buch mit Illustrationen. Die Geschichten gingen alle nach demselben Muster, stets enterten Piraten irgendein Schiff, raubten es aus und trieben die schönen Frauen auf ihre Insel. Dort setzten sich die Mädchen natürlich zur Wehr, und sie erzogen sie mit der Peitsche. Alles in allem banaler kommerzieller Kitsch für Flagellanten. Aber in dem einen Buch war die Illustration eines drallen, sehr stattlichen, an den Mast gefesselten Mädchens, das Kleid bestand nur mehr aus ein paar letzten herunterhängenden Streifen. Ihre Gestalt verzauberte mich, ihr Gesicht, die sinnlichen, halb geöffneten Lippen, die großen, aber stehenden Brüste, und dann diese teuflischen Hüften, die besonders schön gerundet waren. Der Blitz fuhr mir in den Unterleib, das Blut schoss mir in den Kopf. Mich störte aber der dünnbeinige und dickleibige Pirat, der die Peitsche über ihr schwang. Darum legte ich einen Bogen Transparentpapier darüber und pauste sie ab. Das Gesicht wollte mir auf keine Weise gelingen. Ich zeichnete sie neu, kopierte, bemühte mich, bis ich immerhin teilweise zufrieden war. Dann malte ich mit Wasserfarben ihre Haut, ihr Haupt- und Achselhaar und die Brustwarzen. Dann betrachtete ich sie mit der Pein eines ausgehungerten Menschen, der gemalte Speisen ansieht – und legte mich unter Tantalusqualen mit dem Bild ins Bett. Nennt mich nicht verrückt, ihr, die ihr in schlaflosen Nächten von Bergen von Geld träumt! Einige Tage danach saß ich zu abendlicher Stunde in einem Kaffeehaus, in Gesellschaft zweier Freunde. Ich erstarrte: Dort kam sie, in einem hautengen dunkelvioletten, mit Pailletten besetzten Kleid! Und zwei hagere Galane in dunklen Anzügen begleiteten sie, beide von kleinerem Wuchs mit sehr schwarzem Haar, richtige verkleidete Piraten. Sie nahmen ein paar Tische weiter Platz. Ich sah sofort, dass ihr keiner der beiden das Wasser reichen konnte. Ich konnte die Augen nicht von ihr lösen, was sie natürlich bald bemerkte. Sie begann meine Blicke zu erwidern. Ich sah ihre Knie unterm Tisch, und mir wurde elend bei dem Gedanken, dass sie mit diesen Deppen abziehen könnte. Meine Freunde kannten mich, sie hielten mein Entzücken bloß für einen meiner Stöße gegen die Kaffeehauslangeweile. Die Musik spielte idiotische Operettenmelodien. Ich verließ meine Freunde und setzte mich dort an den Nebentisch, Aug in Aug mit ihr. Ich trank einen Fernet, vermischt mit Wermut. Ich bestellte bei der Musik etwas Spanisches. Auch sie trank Hochprozentiges, und beim Lachen machte sie den Mund gerade so weit auf, dass ihre kleinen weißen Zähne zu sehen waren. O Gott, wo komme ich hin, wenn das hier an mir vorbeigeht!? Auch ihre verdammten Piraten bemerkten, dass ich sie ansah, dass ich sie mit Augen durchbohrte, dass ich sie verschlang und dass auch sie zu mir rübersah. Aber sie waren Italiener, das heißt ein Volk, das von der Liebe etwas versteht. Sie lächelten nachsichtig, ohne einen Anflug von Zorn, während ich Hinterwäldler bereit war, mich mit ihnen zu schlagen, wenn es sein musste. Das Spiel dauerte lange, es war schon zwischen zehn und elf, einer der Piraten zahlte, auch ich zahlte rasch, bereit, die allergrößte Dummheit zu begehen, nur um sie kennenzulernen. Meine Eingeweide pulsierten vor Begehren. Der Zeiger, der diese Dinge anzeigt, lag wie eine Spirale in der Hose, der verworfene Engel, der aber hoffte und hoffte und sich zum Aufruhr gegen Gott erhob und wieder in die schwarzen Abgründe der Textilien fiel … Das Ganze war viel leichter, als ich mir vorgestellt hatte. Sie gingen nämlich vom Kaffeehaus in die Kellerbar. Wieder setzte ich mich in ihre Nähe, und weil das Orchester gerade einen langsamen Tango anstimmte, forderte ich sie bei reduzierter Beleuchtung zum Tanz auf. Ich war darauf gefasst, dass ihre Piraten aufbegehren oder dass zumindest ihre Gesichter Widerstand gegen den Aufdringling zeigen würden, aber nichts dergleichen geschah. Als ich mich zuerst leicht vor ihnen und dann vor der Dame verbeugte, erwiderten sie höflich meine Verbeugung. Und ich nahm die Frau an der Hand! Ich stand sofort unter Strom, ich tanzte auf den Wolken all der Träumerei über sie. Und was spürte nicht meine rechte Hand, als ich sie auf ihren Körper legte! Und die Schenkel erst! Und was ließ sich nicht schon in matten Umrissen in der nahen Zukunft erahnen! Warum stürzen solche Momente in den Abgrund des Vergehens!
Und warum arten die Dinge später so aus! Nach jener Nacht kam sie nämlich noch zweimal, dreimal in unsere Stadt. Zuerst lud sie mich ein, sie in Italien zu besuchen. Aber ich hatte alles, nur kein Geld. Was sie auch bald bemerkte. Sie brachte Flaschen mit. Und beim letzten Besuch war sie schon ganz verändert, der ganze ursprüngliche Zauber war erloschen, sie erzählte mir, dass sie einen kleinen, dicken, glatzköpfigen, aber reichen Industriellen heiraten werde. Ich fragte sie, ob sie es sich gut überlegt habe. Er ist ein sehr guter Mensch, erwiderte sie, er wird für mich leben, und ich habe beschlossen, ihm eine gute Frau zu sein. Diese Nacht verbrachten wir ziemlich dürftig, wir trennten uns, als wünschten wir uns »ein gutes neues Jahr«. Auch tief in ihr steckte eine kleinkarierte, berechnende Spießerin, die in der Ehe mühelos die sorgende Gattin spielen, in den heißen Nächten heimlich masturbieren und sich später bezahlte Liebhaber leisten würde. Diese – die andere – möchte ich vergessen. Aber die erste, die aus der ersten Nacht! In jedem Menschen sind so viele Menschen, so viele verschiedenen Personen, nicht nur Doktor Jekyll und Mister Hyde. Bei einer Frau, die du nicht zu heiraten gedenkst, nimm nur jenen Teil der Person, der dir behagt – und diesen entwickle. Sonst kommt ein Chaos heraus. Wer weiß, ob nicht auch in mir eine Person schläft, die Papst werden könnte! – Diese Erste saß also neben mir auf dem Eisenbett in der einsamen Zelle, ohne dass die Götter davon wussten. Die beiden Piraten fertigte sie nach dem Aufbruch aus der Bar nämlich so nebenbei ab. Irgendetwas sagte sie so rasch, so italienisch zu ihnen, dass ich fast nichts verstand. Dass sie irgendwo hinkommen würde, etwas in der Art. Die beiden wussten sich wirklich tadellos zu benehmen. Schon auf dem Heimweg war alles klar zwischen uns. Sie erfuhr, was für einen Körper ich habe, und ich untersuchte Stück für Stück ihren, und die ganze Zeit über redeten wir dummes Zeug. Als ich ihr sagte, dass sie ausgepeitscht werde wie in irgendeinem Buch, fragte sie begeistert: Bist du pervers? Dann fügte sie nach einer Weile hinzu: Aber länger als zwei Tage darf man das nicht sehen! Weil sie einen leichten Mantel trug, hob ich ihr beim Gehen den Rock, zog ihr das Höschen im Schritt zu einem Wulst zusammen und streichelte diese glatte, heiße, runde, pralle und kräftige Arschbacke, wanderte mit den Fingern über den Schenkel zum Bauch und umzingelte das Zentrum des Kampfes, das weiche, geschmeidige, ziemlich üppige Schamhaar und das inzwischen der Welt herausgestreckte Zünglein. Was für eine Art, zu gehen! Vor allem weil auch sie ziemlich fingerfertig und einfallsreich war. Sie fuhr mir mit der Hand unters Sakko, in die Hose und Unterhose und wanderte dann mit dieser langen, unvergesslichen Hand abwärts und rundherum bis zum Sack. Wir wankten wie zwei Betrunkene.
Ich ging in der Zelle auf und ab und spürte dort ihre Nägel, spitz, aber schmerzlos, oder wonnig schmerzend. Wenn ich auf ihr wie auf einer Viola spielte, dann spielte sie auf mir wie auf einer Gitarre, und wir beide waren Spieler und Instrument zugleich, worin die große Vollkommenheit der Vereinigung liegt. Als ich später das indische Kamasutra, das Buch von der Liebe las, sah ich den großen Unterschied zwischen den Asiaten und den Europäern. Sie sind Routiniers, ihre Routinen manchmal elaboriert bis zur Ermüdung, ihre Beschreibungen für uns deshalb oft lächerlich. Wir dagegen sind ewige Improvisateure, abhängig von der Kraft der Begierde und des Talents, von der Erfahrung und von der momentanen Stimmung. Für die Inder ist yoni, das heißt die Vulva, ein Objekt das richtig bearbeitet werden will. Für uns aber ist sie eine Erscheinung, die uns entflammt, in den Wahn und sogar ins Verderben treibt. Für sie ist lingam, der Penis, ein Zeichen des Lebens, das fast gottgleich verehrt werden muss. Für uns ist er der gestürzte Engel, für den wir uns schämen, wenn er nicht stehen will oder zur Unzeit steht, verbannt aus den Gefilden der Kultur in den Bereich der Medizin und des volkstümlichen Humors. Im Kamasutra ist im Kapitel vom Kratzen genau beschrieben, welche Rolle die Nägel in der Erotik spielen. Die Italienerin aber wusste das alles ohne Bücher, durch Gefühl und Erfahrung. Sie griff mir unters Hemd und spielte mit den Nägeln auf meinem Rückgrat, dass es mir zwischen den Beinen hindurch fast bis zum Nabel wuchs. Und sie setzte ihre Nägel nicht einen Moment lang zu stark oder zu schwach ein. Es war wunderbar, dabei die Hand auf ihrem Bauch bis zum Rand des Schamhaars kreisen zu lassen, im Bewusstsein, wohin sie jeden Augenblick gleiten konnte.
Ein Schlüsselbund rasselte leise, es knirschte und schnappte im Türschloss, die Zellentür ging mit einem Ruck auf, und die Italienerin floh und kam nie wieder zu mir; Abwechslung macht Freude, andere kamen in den einsamen, schlaflosen Nächten. Durch all die Gittertüren! Ein neuer Wärter. Eine Tür. Ein Büro: Ein großer Raum mit einem langen und breiten Tisch, an dem ein junger Leutnant mit ausdrucksvollen Augen saß, der Vernehmer, zwei dicke Schränke, ein Kachelofen, Parkettboden. Der Wärter ging. Der Vernehmer wies mir mit einer Geste den Platz auf dem Stuhl gegenüber an. Vor ihm lagen einige Mappen und ein Haufen Papiere. Wir fingen mit dem Lebenslauf an, bei Abraham. Er schrieb, ich antwortete. Wer weiß schon, wie sein Leben in Wahrheit verlaufen ist! Dazwischen unterhielten wir uns auch. Er wollte mich kennenlernen. Er bestellte mir auch Zigaretten. Ich war erstaunt über seine ruhige Höflichkeit. Er wunderte sich wahrscheinlich über meine Schlichtheit, bei dem Ruf, den ich genoss. Dieser Mensch hegte mir gegenüber überhaupt eine verhaltene Sympathie, so empfand ich es manchmal – obwohl er ein armes Werkzeug in den Händen sehr feindseliger Götter war und am Ende eine Anklage ganz nach ihrem Geschmack verfasste, aufgebläht, verlogen und ohne irgendeine Zeugenaussage, aber ausreichend für ein Todesurteil. Ich konnte mir damals nicht im Traum ausmalen, wo das Ganze hinführen würde, schon gar nicht zu einer Gerichtsverhandlung, bei der das Publikum den Saal gleich einmal verlassen musste. Als wir irgendwie bis zum Gymnasium gekommen waren, klingelte er, und sie brachten mich in die Zelle zurück. Herausgekommen waren versprochene zehn Zigaretten am Tag, ein Bruchstück von einer Bleistiftmine, das ich vom Tisch hatte mitgehen lassen, ein bisschen Klopapier und ein paar Äußerungen, die mir zu denken gaben.
Ich sah nun nämlich, dass mich in den letzten Monaten das Gefühl in den Knochen, beschattet zu werden, nicht getäuscht hatte. Sie hatten gedacht, ich würde versuchen, über die Grenze zu fliehen. Warum? Ohne dass ich etwas bemerkt hätte, fotografierten sie mich im Kaffeehaus. Sie wussten genau, mit wem ich mich traf; ich hatte ja auch nie ein Geheimnis daraus gemacht. Auf einem ihrer Fotos trug ich den Vollbart, den ich mir vor Monaten eine Weile hatte stehen lassen. Der Vernehmer erzürnte sich sehr über die »alten Partisanen«. Ich würde noch Augen machen, wer alles mir Gesellschaft in diesen Mauern leisten würde! Zu meiner Verblüffung nannte er einen bekannten Dichter der Revolution und einen bekannten Volkshelden. Hier wurde er richtig wütend. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie: »Die werden wir auch noch bändigen!« Das alles war für mich, einen politisch unbehauenen Klotz, ganz und gar nicht begreifbar. Ich kannte diese Leute gut. Keiner hatte stalinistische Neigungen. Was war das für eine Hexenjagd? Ich ertappte mich dabei, wie ich gedankenversunken in der Zelle auf und ab ging – und das wollten sie. Ich durfte es also nicht tun! Robinson, verschaff dir Gesellschaft! Keinen Freitag, wie gesagt. Wie wär’s mit Sonja? Aber ich war noch mit anderen Überlegungen vergiftet. Ich dachte sonst nie an meine Jugend, diesmal musste ich, und dann noch in Worten, nicht in Bildern! In viereckigen Worten ohne Bedeutung. Ich war … ich wohnte … ging zur Schule … meine Mitschüler waren … Vermögensverhältnisse meiner Eltern … Religionsbekenntnis so und so … Beziehungen zu den Mitschülern … besondere Interessen … Aha. Bei der Hausdurchsuchung hatten sie irgendwelche Heftchen gefunden, zusammengenäht mit Nadel und Zwirn, beschrieben mit Großbuchstaben, von denen das S verkehrtherum stand, wie ein Fragezeichen. Ich erzählte dem Vernehmer, vor dem diese blauen, gelblichen und grauen Büchlein lagen, dass ich schon im Vorschulalter Schriftsteller werden wollte. Die Köchin brachte mir die Blockbuchstaben bei, und ich machte dann Bücher, zum Beispiel über den Krieg zwischen Hasen und Hühnern, über einen König, der aus der Gefangenschaft flieht, und Gedichte darüber, dass der Hahn kikeriki macht und das Pferd ihaha, gleich bin ich da, und solche Sachen. Auf jedem Büchlein stand vorn drauf: Von Jakob Levitan – und Band Nummer so-und-so.
Das alles handelten wir sehr ernst ab, so wie später das Kapitel über meine Scherze und Witze, von denen einige ziemlich gut waren, auch wenn mein Gesprächspartner nie auch nur eine Miene verzog. Ich weiß nicht, warum sie diese Büchlein dann vernichtet haben. Vermutlich, »weil Sie das nicht mehr brauchen werden«. Viel später erfuhr ich, dass ein paar Tage nach meiner Verhaftung die Nachricht in der Stadt die Runde machte, ich sei standrechtlich verurteilt und zusammen mit noch einem, der wegen dieses Telefonats am gleichen Tag wie ich festgenommen worden war, kurzerhand erschossen worden. Man kann solche Nachrichten streuen, um die öffentliche Meinung zu testen, das ist möglich. Möglich ist auch, dass das Publikum nicht nach Wunsch reagierte. Bei all meinem Ungestüm gab es auch einige Leute, die an mein Talent glaubten und sogar Resolutionen gegen meine Verhaftung schrieben. Irgendein Dichter lernte einige Ausschnitte aus meinem veröffentlichten Drama auswendig und rezitierte sie in öffentlichen Lokalen. Später begegneten wir uns innerhalb der Mauern. Er war viel schlimmer dran als ich. Zu allen aber sagten sie: Hände weg von Levitan, ihr wisst nicht, was da im Hintergrund war! Und die Anspielung, dass jemand spioniert hat, wirkt immer. Ja, dieses öde Gerede über meine Jugend hinterließ bei mir einen bitteren Beigeschmack, ich wusste auch nicht, warum. Kein Heimweh! Keine bitteren Erinnerungen! Nichts dergleichen. Aber es wirkte wie dieser Griff in meinen Hintern. Vielleicht wissen sie, dass einen das deprimiert? Oder ist es nur eine Übung für künftige Verhöre? Eine Art Dressur? (Denn von der Psychoanalyse haben diese Leute so viel Ahnung wie mein Schuh.) Routine, die sich als erfolgreich erwiesen hat? Das russische Vorbild? Welcher Autor sonst über seine Kindheit geschrieben haben mag, ob Rousseau oder Gorki, er hat einen Bauchfleck hingelegt, außer er hat sich selbst in einer vergangenen Epoche betrachtet, wie irgendein anderes Wesen oder Ding; und das hat eigentlich nur Marcel Proust in der »Suche nach der verlorenen Zeit« geschafft, der so auf Distanz zu sich selbst ging, dass sich der Leser vorurteilslos dem Strom der Erzählung überlassen kann.
Die Jugend der Eintagsfliegen, die Jugend der Menschen, die Jugend der Kathedralen, die Jugend der Planeten. Die Jugend der Gedanken, die Jugend der Frauen. Die Jugend einer Blume, die Jugend einer Schildkröte. Die Jugend des Tags, die Jugend der Nacht. Nichts als Verwandlungen, wenn wir das schulische Denken und die dichterische Freiheit beiseitelassen. Jetzt sind die jungen Generationen in Mode, als hätte es in Athen keine Teenager gegeben. Der Unterschied zwischen vergangenen Epochen und der jetzigen besteht allein in den Methoden der Versklavung. Warum brachten einst die alten Knacker den jungen was bei, und jetzt ist es umgekehrt? Weil die alten in ihren Methoden jung sein wollen, die jungen Knacker sich aber defensiv an die alten Methoden klammern. Das heißt, die alten Knacker versuchen auch die Psyche der jungen zu versklaven, ihnen genügt nicht mehr die Eroberung jenes Kanals, an dessen einem Ende sich die Stimme befindet und an dessen anderem der Abort. Und die jungen Knacker klammern sich an der alten Kampfmethode fest: am Aufstand, obwohl sie am Ende auf der Strecke bleiben wie Spartacus, oder noch schlimmer – sie laufen lautlos und unbemerkt auf die andere Seite über, sowie die erste Blüte der Jugend und Unbändigkeit verblüht ist. Ein Unterschied besteht noch darin, dass die alten Knacker Ideen dienen, natürlich nützlichen und einträglichen, während die jungen sich in ihrem Kampf der Ideen bedienen, sei es die sexuelle Revolution, das revolutionäre Gehabe der Linksradikalen oder der Anarchismus der Hippies.
Als Erzhooligan lasse ich mich besonders schwer auf die eigene Jugend ein, die mir als eine Art taube Vorbereitung auf die spätere Zeit erscheint. Wie viel muss jedem Einzelnen passieren, damit er langsam und mit Mühe begreift, was eigentlich mit ihm geschieht, was für ein Wesen er ist, in welcher Umgebung er lebt, was er glauben soll und was nicht. Mehr als zwanzig Jahre verbringt er auf diesem Amboss. Dann hat er zehn Jahre Zeit, sich eine materielle Position zu schaffen. Irgendwo habe ich die Weisheit gelesen: Bis dreißig ist die Armut eine akute Erkrankung, danach wird sie chronisch. Dann wird es schön langsam Zeit für eine Karriere und schließlich, so gegen fünfzig, für den Kampf gegen die Jüngeren. Man hat ja fast nicht die Zeit, in die Jugend, in die Kindheit zurückzublicken.
In jener Zelle, die die Gestapo für mich gebaut hatte, erblickte ich dennoch das junge Bürschchen, das ich einmal war. Die Spielzeuge warf ich sofort weg, mein Töpfchen zerschlug ich an der Wand. Mit den Verwandten werde ich mich nicht auseinandersetzen. Welchen Ursprungs bist du, Knabe? Bist du aus dem Meer gekrochen? Oder hast du dich aus dem Affen entwickelt? Hat Gott dich erschaffen? Oder bist du das Produkt des »sündhaften Zusammensteckens dieser verseichten Glieder«, wie sich der Prediger Janez Svetokriški bildhaft ausdrückte? Geboren für große Ziele? Wie viel Wasser wird fließen, bis du dir eine Million Jahre Vergangenheit und eine Million Jahrhunderte Zukunft vorzustellen versuchst? Die Entfernungen zwischen den Galaxien? Die endliche oder unendliche Ausdehnung des Weltalls? Diesen Stecknadelkopf, der sich Erde nennt, und dich selbst darauf? Damit du erfährst, ob dein Hirn und deine Nerven was taugen, und dir des Todes bewusst wirst? Damit du dich für einen Beruf entscheidest? Damit dir vollends klar wird, welchen Einfluss der kleine Stängel zwischen den Beinen hat? Warum brauchst du so lange, um Lulu zu machen, wenn Johanca, die Köchin, die du unter deinen Einfluss gebracht hast, ihn dir hält? Du könntest ganz gut allein aufs Klo gehen, du bist groß genug, Falott! Und warum muss sie am Abend auf deinem Bett sitzen, und du kratzt sie leicht am Knie?
Das haben wir nicht dem Genossen Leutnant erzählt, der doch alles wissen will. Wenn am Vormittag niemand zu Hause war und Johanca am Sparherd stand, brachtest du den Schemel, setztest dich neben sie und langtest ihr unter den Rock. Stunden und Stunden streicheltest und knetetest du ihr die Arschbacken, die Schenkel, den Bauch, es gelang dir, zu ihren bewaldeten Teilen vorzudringen, hier aber presste sie immer die Schenkel zusammen. Wenn du sie ansahst, war sie ganz rot im Gesicht, irgendwie röter als rot. Eine Hose trug sie nie. Für ein Kind mit drei, vier Jahren ist das ein recht interessanter Zeitvertreib. Und du wusstest genau, dass es um etwas Verbotenes ging. Sowie du jemanden kommen hörtest, ließest du los und spieltest den Unschuldigen. Die Köchin Johanca! Aber wenn wir es recht überlegen: Köchinnen müssten ja nicht Stunden und Stunden regungslos am Sparherd stehen. Als sie zu ihren Verwandten nach Amerika auswanderte, konntest du es nicht glauben. Das Schicksal bescherte dir den ersten grausamen Verlust. Johanca wickelte ihre Sachen in große Bögen Packpapier, die sie auf dem Boden ausgebreitet hatte. Und während der Arbeit musste sie dreimal, viermal, fünfmal mit dir Lulu machen gehen. Sie sah, dass kein Tröpfchen aus dir kam, sagte aber nichts. Sie flüsterte nur auf dich ein, lu-lu-lu, und sah zu, wie dein Stängelchen größer wurde. Ich kann es nicht beschwören, aber mir scheint, sie rieb ihn dir leicht mit den Fingern. Fast so, wie du es selbst am Abend im Bett tatest. Wann das begonnen hat, weißt du nicht, oder? Wahrscheinlich bald nach der Geburt. Denn so einzuschlafen war ja am schönsten. Natürlich erwischten sie dich und brachten dich zum Doktor. Zuerst banden sie dir irgendwelche Säckchen über die Hände, dann brachten sie dich ins Krankenhaus, wo du auf einen Tisch geschnallt und geschnitten wurdest. Sie schnitten dir das Häutchen ab, das angeblich zu gar nichts nütze ist, weil sich dahinter Dreck ansammelt, und das juckt, und die kleinen Buben müssen sich dann dauernd kratzen. Für Amerika, das mir Johanca genommen hatte, hege ich seither keine Sympathien.
Ich versuchte dann Anica zu erziehen, die nach ihr die Stelle antrat. Die aber schrie wie eine Elster, wenn ich ihr unter den Kittel griff. Zur nackten Haut kämpfte ich mich nur bei ihren üppigen Brüsten vor, und das auch nur, wenn es ihr passte, meistens, wenn sie den Küchenboden rieb und auf allen vieren kniete, oder am Abend, wenn sie mich schlafen legte. Ich war zu klein, um hinaufzugelangen, wenn sie aufrecht stand. Unter der Bluse trug sie ein Rüschenhemdchen, und da drin wogten frei ihre kugeligen Tutteln mit Brustwarzen, groß wie Kirschen. Wenn der Leutnant, der wahrscheinlich unbefleckt wie eine Lilienblüte ist, gewusst hätte, was für eine verdorbene Brut ich war. Wir Buben und Mädchen aus der Nachbarschaft spielten all das, was die verdorbenen Kinder im Kapitalismus spielen: Doktor mit eingehenden Untersuchungen des Körpers, wir gaben Buben und Mädchen »an die Sonne«, das heißt wir packten den Erwählten ohne Vorwarnung und entblößten seine Scham, in den Ferien onanierten wir mit den Hirten am Feuer um die Wette, zu Hause geklaute Sachen verkaufte ich den Mädchen für drei, für fünf, für einen Schlag auf den nackten Hintern, wir kletterten auf den Boden und schauten am Abend durchs Dachfenster zu, wie sich die Dienstmagd des Nachbarn nackt im Lavoir in ihrem Zimmer wusch, davon gibt es jede Menge; aber es sind teuflische Spiele, die einen am Abend nicht schlafen lassen, Befriedigung bieten sie keine.
Zwischen dem vierten und fünften Lebensjahr versuchte ich eines verregneten Nachmittags im Holzschuppen meinen Unglücksvogel einem etwas älteren Mädchen aus unserer Gasse hineinzustecken, aber es ging nicht. Also zwischen die Schenkel. Ich kam außer Atem, das Herz schlug mir im Hals, ich ahnte, dass dies irgendwie dem Richtigen nahekam, aber sie entschlüpfte mir, sie war über das Geräusch von Schritten in der Nähe erschrocken, ich schlug sie auf die Wange, und wir waren lange so zerstritten, dass wir uns nicht einmal ansahen. Wir hatten im Stadtwald ja gesehen, wie das geht. Im Stehen, im Liegen, im Sitzen. Aber seit uns der Säufer Matevž sein dickes, rotes, schreckliches Gerät in einem Zustand zeigte, dass es sich vor lauter Steifheit bog, wurden wir sehr nachdenklich, was unsere Pimmel betraf. So manches Vergehen gegen die Moral verhinderte der betrunkene Matevž, der gern mal einem von uns, egal ob Bub oder Mädchen, diesen tierischen Prügel um die Ohren schlug.
Im unübersichtlichen Dschungel der Erinnerung hätte der Leutnant gern seinen Pfad gefunden, fürs Protokoll, das immer auf jeder Seite zu unterschreiben war, wahrscheinlich für die Generationen eine Million Jahre in der Zukunft. Milko hatte einen alten, blinden Rüden, der aber noch scharf auf Hündinnen war. Doch der Ärmste rannte in seinem blinden Verlangen gegen Mauern und Zäune, wenn er auf der Jagd war. So hielten wir ihm manchmal eine hin. Wer aber wird dir helfen, Junge? Sie werden dich behindern, belehren, zu überzeugen versuchen, dass dieser Zahn dir nicht wirklich wehtut. Du wirst dir jede Frau selbst beschaffen und sie halten müssen. Wenn du keine Freude an denen hast, die hinter dir her sind. Du wirst dich durch die Kleinbürgermoral schlagen, wo die Sexualität in Klosprüche, abgeschmackte Witze und Bordelle verbannt ist, wirst die klerikale Tugend durchreisen, die das Sexuelle in den Grenzen der Sünde gefangen hält, und schließlich wirst du im sogenannten Sozialismus ankommen, wo sie dir ganz gewöhnliche Frauenakte, Aquarelle, von den Wänden reißen, weil das Pornographie sei. Diese Akte lagen später bei der Verhandlung auch auf dem Richtertisch, und hinterher erfuhr ich, dass sie verbrannt worden waren, weil ich sie so oder so nicht mehr brauchen würde. Sie beschlagnahmten auch mein »Sexuallexikon«, entlehnt von unserer ehrwürdigen Universitätsbibliothek, auf dessen Titelblatt mindestens zwanzig engbedruckte Zeilen mit den Namen der Universitätsprofessoren von Weltruf standen, die daran mitgearbeitet hatten. Pornographie!
Vielleicht werde ich später einmal erzählen, wie sich einige unserer Götter zur selben Zeit zu vergnügen wussten. Ich saß mit ihren Chauffeuren, mit Kellnern, mit Kollegen, die etwas verbrochen hatten, und auch mit ihren »Kameltreibern« ein. In Zuchthäusern erfährt man alles, weit mehr als draußen. Im Gefängnis hat man nichts zu tun als zu reden, sich zu erinnern. Natürlich denken sich manche auch gern was aus, und andere glauben es allzu gern. Aber wenn du in dem einen Arrest jemanden triffst, der dir etwas in allen Details erzählt, und im nächsten dann einen anderen, der dasselbe erzählt, dann ist der Zweifel schon kleiner. Das eine stimmt auf jeden Fall: dass den Herren über Leben und Tod alles erlaubt war, erstens; dass sie Erlaubnisse und Verbote nach Gutdünken erteilten und nicht nach dem Gesetz, zweitens; und drittens: dass es gerade ganz oben eher wenig Machtmissbrauch zu sexuellen Zwecken gab. Mit der Politik ist es wahrscheinlich wie mit dem Standard: In ewiger Sorge und Angst erlahmt die lebendige Sexualität. Wenn irgendein Funktionär sein Auto mit nackten Schönheiten vollstopfte, die ihm sein Kameltreiber eingesammelt hatte, sie nackt vor der beschlagnahmten Villa ablud, die er für seine nächtlichen Vergnügungen nutzte, mit ihnen trank und mit seinen Panduren über die Stränge schlug, Gläser und Flaschen zerschmiss, kann man ihm das nicht verübeln. Verübeln muss man, dass er nach außen hin heilig war – und auch meine sündige Person für ihre Zügellosigkeit maßlos verachtete. Die Französische Revolution warf leidenschaftliche Asketen nach oben, für die die Revolution die neue Religion war. Wir haben uns nur wenige solche erkämpft. Zu denken, ja, welch tiefe Wurzeln die revolutionär-republikanische Überzeugung im Volk hatte, dass sich das Ganze trotzdem bis heute erhalten hat, trotz der mächtigen Brandung aus Ost und West, bei all dem Getaumel, Gestolper von einem Extrem ins andere, bei all den Wahnvorstellungen und Experimenten, die auf Experimenten gründen.
