Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
_____________________________________________________ Ein exzellentes Forschertrio – Li, Nino und Peter -, das seit dem Studium an einer Eliteuniversität unzertrennlich ist, entwickelt an einem Teilchenbeschleuniger ein Programm, das den 'big bang' umkehrt, also Materie verschwinden läßt. Nur mit größter Mühe gelingt es, diese Umkehrung wieder zu stoppen – entsetzt entschließen sich die Forscher, das Programm sofort wieder zu vernichten und alle Spuren zu beseitigen. – Ein Spion hatte die Experimente aber belauscht; und nun setzt eine gnadenlose Verfolgung der Forscher durch eine staatliche Untergrundabteilung ein: die drei haben ihre Forschungsergebnisse natürlich noch im Kopf... Hank und die Zwillingsschwestern entdecken Jahrzehnte später diese schlimmen Geschehnisse – und geraten nun selbst in akute Lebens- gefahr: die Untergrundabteilung hat niemals aufgegeben. _____________________________________________________
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 182
Veröffentlichungsjahr: 2012
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Er war alt. Er fühlte sich auch alt. Und sie sollten sein Empfinden, sein Bewußtsein schildern. Als junge Frauen. Eine unmöglich zu lösende Aufgabe. Wie sollten sie seinen geistigen Zustand auf ihrem Wahrnehmungsbereich abbilden - ohne grobe Verfälschungen?
Aber es sollte ja gar keine literarische Form resultieren, schon gar nicht psychologisch durchwirkt. Es genügten grobe Andeutungen, ein wenig gediegen klingend: Der Text war nur dazu bestimmt, Übergänge zwischen anderen Texten darzustellen, bei denen es auf Handfestes ankam. So hatte es der Verlag erbeten.
So fand sie schließlich den folgenden geschlängelten Satz:
Als er neue Erkenntnisse - und gerade solche, die er sich gezielt und wißbegierig verschafft hat - schon nach Wochen und Tagen verliert, als bei erneutem Vorkommen nur ein schwacher Widerhall spürbar wird, der ihm für den dritten Fall die Peinlichkeit eröffnet, genau so naiv und begeistert wie beim ersten Mal die Neuigkeit zu feiern, und er vermuten muß, das so untüchtig gewordene Kurzzeitgedächtnis werde seinen pernitiösen Zustand immer weiter in die Vergangenheit erstrecken, faßt er einen Entschluß:....
Klingt das überhaupt einigermaßen authentisch für einen über 70Jährigen? - Die Schwester bejahte nach kurzem Zögern. - Ein wenig schlechtes Gewissen hatten sie dabei. Mit Mühe konnten sie sich immerhin einen gewissen Eindruck von der Trauer und Trübsal des Alten vorstellen, der ja wie zahllose Alte vor ihm an seinem Zustand litt, solange etwas von dem früheren Bewußtsein noch vorhanden war. Wie würde es ihnen selbst ergehen, wenn sie dieses Alter erreichen sollten?
Vier Frauen, Inhaberinnen des Verlages in den USA, hatten sich etwas Neues ausgedacht. Diesmal sollte ein alter Schwerenöter am Beginn seiner Alzheimerkarriere Rückblick auf erlebte und - vor allem: - auf phantasierte erotische Geschichten halten, bevor die Erinnerung auch daran schwand. Was tatsächlich erlebt und was nur gewünscht war, ging schon durcheinander. Die Begleittexte für den literari- schen Kitt hatte der Verlag bei den Zwillingen bestellt. Sie sollten auch einige neue Geschichten beisteuern, alte sollten hinzukommen. Nach wie vor waren die zwei die erfolgreichsten Autoren des Verlages, der ein sehr diskretes Dasein führte und weder über die Persönlichkeit seiner Inhaberinnen (Damen der Gesellschaft, die hier viel mehr verdienten als in ihren Brotberufen), noch seiner Autoren Auskunft gab.
Sie waren ganz zufällig ins Geschäft gekommen. Die Zwillinge saßen in ihrer Lieblingskneipe, hatten eine deftige Geschichte aus einem Blatt (das im übrigen Wert auf gesellschaftliche Gediegenheit legte) zwischen sich und diskutierten heftig, auch nicht leise, über den schlechten Stil, die unnötig zotige Ausdrucksweise, das Fehlen jeglicher gegenseitiger Empathie zwischen den Geschlechtern usw. Sie wußten nicht, dass eine der Verlegerinnen des Blatts mit einer Freundin am Nachbartisch diesen Diskurs interessiert mithörte -die schließlich aufstand, zu ihnen kam, ihnen ihre Karte gab und sagte, wenn sie meinten, die Sache besser machen zu können, sollten sie sich bei ihr melden. Zwei Tage später hatten sie ihre Version dem Verlag geschickt, wieder zwei Tage später hatten sie einen durchaus anständigen Vertrag.
Ein paar Worte zu dem Verlag und seinen Inhaberinnen:
Sie sind vier Frauen im mittleren Alter, die anonym bleiben wollen und ihrer Meinung nach auch bleiben müssen. Mit der Öffentlichkeit verkehren sie ausschließlich über ihren Treuhänder und Manager, der strikte Anweisung hat, alle Äußerungen zu vermeiden, die zu einer Aufhebung der Anonymität führen könnten. Er ist durch hohe Vertragsstrafen gebunden.
Die vier leben in einer großen Stadt; sie treffen sich seit Jahren im Hause der einen zu - angeblichen - Bridgenachmittagen, die sich dann stets bis tief in die Nacht hinein erstrecken, meistens einmal wöchentlich. Die eine ist verheiratet und hat zwei Kinder; sie versorgt Mann, Kinder und Haushalt. Die zweite ist geschieden, kinderlos und hauptberuflich in der Politik tätig. Die dritte, ebenfalls ohne Kinder, arbeitet als freie Regisseurin bei Theatern und macht auch Filme. Sie ist unverheiratet und lebt wie die zweite meist als Single. Die vierte ist Ärztin in einem Krankenhaus, in dem auch ihr Mann arbeitet; auch sie hat keine Kinder.
Die Bridgenachmittage finden in der Regel im Hause der Regisseurin statt - wenn dort ein Partner lebt: im Hause der Politikerin. Die vier sind seit Jahrzehnten enge Freundinnen, sie verstehen sich sehr gut.
Ein Thema hat die Vier schon seit langer Zeit beschäftigt: der testosterongesteuerte Mann. Sie sind sich einig in der Ab- lehnung aller machösen Eigenschaften bei Männern, jeder Gewalt, jedes Zwangs und nehmen auch nicht versteckt und uneingestanden irgendwelche autoritären Eigenschaften von Männern in Kauf.
Da die Wirklichkeit überall ganz anders aussieht, haben die vier vor einiger Zeit begonnen, sich den in ihren Lebensläufen angesammelten Frust vom Leibe zu schreiben - meist in der Weise, dass eine von ihnen aus der Fantasie oder aus eigenem Erleben eine Idee einbrachte und die vier diese Idee dann gemeinsam ausgestalteten und in Form brachten. Sie beschäftigen auch andre Autorinnen, einschlägige Geschichten zu liefern.
Wie ein roter Faden zieht sich durch die entstandenen kurzen Schilderungen das Bestreben, den jeweils vorkommenden Mann -man kann schon gar nicht mehr agierenden Mann sagen - deutlich unterlegen und abhängig von den Frauen darzustellen. Bereits aus dieser Tendenz ergab sich für die vier, wie sie sagen, ein beträchtlicher eigener Befriedigungseffekt, sodass die vielfach aufgenommenen Dienste der betroffenen Männer an sich nur schmückendes Beiwerk waren. Ihn zu reduzieren, befreite und erleichterte sie und machte zunehmend auch Spaß. Und was die vier in diesen Geschichten deutlich und mitunter durchaus mechanisch veranstalten, ist ohnehin etwas, was viele ihrer Geschlechtsgenossinnen subtil, unmerklich, mit geheimen Vorbehalten, geheimnisvoll, wenigstens aber gedanklich ständig praktizieren, zumal wenn der erste Lack der jungen Liebe ab ist. Und noch etwas betonen die vier: sie haben durchaus Anzeichen dafür, dass es ihm auch irgendwo und irgendwie gefällt.
Was hier gemeint ist, haben die Verfasserinnen in dem unten in einem Auszug folgenden Titel Hirn? zusammengestellt - einer Sammlung einschlägiger Episoden.
Parallel zu dieser Befreiung betrieben die vier ein weiteres Projekt. Es erschien ihnen als besonders auffällig, dass immer noch die überwiegende Mehrzahl der Wissenschaftler Männer war und ist, dass aber auch die überwiegende Mehrzahl der hauptamtlichen Religionsvertreter gleichfalls männlichen Geschlechts ist. Es reizte die vier deshalb, doch einmal herauszuarbeiten, und zwar allein aus den für jeden Laien ersichtlichen Quellen und Veröffentlichungen, was die gedanklichen Grundlagen für das Agieren der Naturwissenschaftler waren und sind - denn den vieren kam der Verdacht, eine entsprechende Aufklärung könne womöglich nicht nur bei den Kirchenvertretern, sondern auch bei namhaften Wissenschaftlern Ärger bereiten, und zwar wiederum Ärger, der letztenendes machöse Wurzeln haben könnte. Wenn die gedanklichen Grundlagen gänzlich geschlechtsneutral sein sollten, wäre die Unterprivilegierung der Frau auch nichts anderes als das Ergebnis des männlichen Machtstrebens.
Diesen zweiten Titel haben die Verfasserinnen 'Exzerpt' genannt, er folgt dem ersten - Exzerpt deswegen, weil die dort zusammengestellten Fakten ohne weiteres aus allen zugänglichen Erkenntnissen und Grundlagen herausgezogen und zusammengestellt werden können.
Nun war auch eine zweite Säule des Patriarchats ziemlich brüchig geworden, eine Säule, die nicht - wie der erste Titel - die angeborenen Fähigkeiten betraf, sondern die zivilisatorischen Weiterentwicklungen. Die vier lehnten sich zurück und überlegten, wie es weitergehen könne mit der Menschheit. Dafür dachten sie sich den dritten Titel aus, das Märchen Li.
Als sie die Texte Exzerpt und Li fertiggestellt hatten, merkten sie, dass entsprechend dem sehr heterogenen Inhalt der jeweilige Stil doch äußerst unterschiedlich ausgefallen war. Auch war Exzerpt für sich allein doch recht abstrakt und demgemäß trotz allgemeiner Zugänglichkeit der Grundlagen nur mit sehr aufmerksamer und aktiver Mitarbeit des Lesers zu verstehen - aus diesen Gründen komponierten sie den Text Exzerpt in den Text Li hinein.
Bei dem Konglomerat aus 'Exzerpt' und 'Li' spielen indessen Männer, und zwar sympathische Männer im Sinn der Verfasserinnen, wesentliche Rollen (neben den im Vordergrund stehenden weiblich besetzten Positionen) - diese Konzession an den immer noch herrschenden Zeitgeist haben sich die Verfasserinnen geleistet, wobei sie keineswegs gegen Männer eingestellt sind, nur gegen bestimmte männliche Eigenschaften, seien sie nun angeboren oder im Verlauf der menschlichen Geschichte aus recht durchsichtigen Gründen Teil der Zivilisation geworden.
Nun also erst einmal 'Hirn' (in Gestalt eines Szenenauszugs):
Man könnte sich die folgende Schilderung als Text für eine einschlägige Pornozeitschrift denken. So war sie aber von den Verfasserinnen gar nicht gemeint. Der Text stammt von Elli und Anni.
Seis drum - hier ist ein beispielhafter Text:
Er legte sich hin, in der Badehose, Arme und Beine leicht gespreizt. Aus dem Lautsprecher ertönte leises Meeresrauschen.
Sie trug einen hochgeschlossenen gegürteten Kittel und gab ihren Gesichtszügen eine priesterliche Note. Sie verabreichte ihm vom Kopfende der hohen breiten Liege aus eine leichte Kopfmassage, die ihn die Augen schließen ließ; rollte ganz langsam ein mitt warmem Wasser gefülltes weiches Plastikkissen auf seinem Oberkörper hin und her, ein wenig die Arme herab, dann wieder zurück, über seinen Bauch, ließ es kurz auf seinem Geschlecht liegen, rollte es weiter, das eine Bein abwärts und wieder hinauf, das andere abwärts und ließ es schließlich kurz oberhalb seiner Füße liegen, es lastete leicht auf beiden Unterschenkeln.
Sie legte eine große Meeresschnecke mit der Öffnung an sein rechtes Ohr, das dadurch ganz umschlossen wurde, legte daneben ein Sandsäckchen, sodass es in dieser Position blieb, wiederholte den Vorgang mit dem anderen Ohr; holte warme mit Sand gefüllte Leinensäcke, ließ sie auf seinem Körper langsam abrollen und legte sie dann in breiten Lagen von außen an seine Oberschenkel, sein
Becken, seinen Bauch, seinen Oberkörper, sodass in der Mitte nur noch wenig frei war. Bevor sie die obersten legte, massierte sie leicht, aber eindringlich mit den ganzen Handflächen seine Brust.
Dann holte sie einen mit Luft gefüllten Plastikbeutel und ließ diesen langsam mit etwas Druck über sein Gesicht, seinen Oberkörper, seinen Bauch, sein Geschlecht rollen; auf den Oberschenkeln ließ sie dieses sehr leichte Gewicht wie einen Hauch liegen.
Auf seinen Nabel legte sie einen angewärmten glatten runden Stein.
Mit einem weichen flachen, halb und halb mit Sand und kleinen Styroporkugeln gefüllten Sack bedeckte sie sein Gesicht, ließ aber den Mund frei. Ein weiterer Sack kam auf seinen Oberkörper, ein dritter auf seinen Bauch.
Mit einer Schere, deren kühles Metall die Haut zum Kräuseln brachte, schnitt sie sorgfältig und langsam die Badehose rechts und links seines Gliedes auf und durch, schlug den Lappen nach unten und richtete das Glied auf - es stand und pochte im Takt seines Herzschlages.
In die rechte und linke Hand gab sie ihm Handschmeichler, die warm, glatt und weich waren.
Sie zog raue Massagehandschuhe an und strich mehrfach stetig und fest über seine Beine, von den Oberschenkeln aus nach unten bis zu den Füßen, und legte auf die sich rötenden Stellen lange mit warmer Flüssigkeit gefüllte Plastikschläuche, die nun auch den Rest der Beine mit leichtem Druck einhüllten.
Um sein Glied legte sie einen dicken ringförmigen Gummischlauch, den sie ganz sachte mit heißem Wasser aufpumpte, bis seine Innenseite gerade eben die Haut seines Gliedes von allen Seiten berührte.
Sie leckte einen Finger an, strich mit ihm ganz leicht über seinen Mund, hin und her, bis sich seine Lippen ein wenig öffneten, und flößte ihm aus einer Pipette ein paar Tropfen einer Flüssigkeit ein.
Sie wartete einige Minuten und gab ihm noch einmal einige Tropfen.
Sie beobachtete sein Glied. Es pochte zunächst wie bisher im Takt sines Herzschlags - nahm dann aber erkennbar noch ein wenig an Volumen zu.
Sie holte einen weiteren, diesmal mit warmem Reis gefüllten breiten Beutel, an dem in der Mitte eine Kordel hing, an deren Ende ein paar kleine Steine oder Nüsse hingen. Sie legte den Beutel so über seinen unteren Bauch, dass die Steine gerade lose und leicht seine Hoden berührten, bei jedem Herzschlag leicht dagegen schwangen.
Erneut gab es einige Tropfen aus der Pipette.
Erneut wartete sie die Reaktion seines Gliedes ab.
Sie applizierte einen weiteren Beutel, wieder mit noch wärmerem Reis gefüllt, sehr breit, jetzt auf je einem Drittel mit Kordeln und daranhängenden kleinen Steinen versehen. Sie legte ihn auf seinen Oberkörper, die Steine hingen ganz knapp über seiner Brust etwas oberhalb der Brustwarzen und tippten bei jedem Herzschlag leicht gegen seine Haut, die sich jedes Mal kräuselte.
Ein letztes Mal ein paar Tropfen aus der Pipette.
Sie wartete, minutenlang, bis sein Glied wieder reagierte.
Wartete weiter.
Sein Atem wurde tiefer', er atmete mehr ein als aus, bemühte sich, körperlich immer starrer werdend, sich nicht zu bewegen, den Zustand auf jeden Fall zu erhalten, seinen Abbruch hinauszuzögern, sodass schließlich das Pochen seines Gliedes in der warmen Umfassung im Takt seines immer heftiger und schwerer schlagenden Herzens, die leisen Berührungen der Steine an seinem Skrotum und das bebende Antippen der Steine an seine Brust die einzigen Bewegungen waren.
Das genoss sie - mit ihm - eine Ewigkeit..
Dann nahm sie in jede Hand einen kleinen Löffei und schlug mit den Löffeln gleichzeitig leicht - klack! - an die Schneckengehäuse über seinen Ohren.........
Die Zwillinge nahmen als Vorlage ihrer Texte stets Beispiele aus der bildenden und darstellenden Kunst, auch aus der Literatur - mit der gerade gebrachten Episode bildeten sie übrigens eine Aktion ab, die auf einer der älteren documenta-Kunstausstellungen stattgefunden hatte. Wer ein wenig bewandert ist, kann auch die - meistens nur wenig verfremdeten - Grundlagen der anderen Episoden erraten. -
Das Gespräch der Zwillinge mit den vier Verlegerinnen hatte vor drei Jahren stattgefunden, sie hatten gerade mit dem Studium begonnen, und das konnte nun sehr gut durch ihre Waisenrente und die Einnahmen aus dem Vertrag bestritten werden.
Sie setzten ihr Studium in Deutschland fort. Elli studierte Anthropologie, Entwicklungsgeschichte und Biologie, Anni Physik und Philosophie mit Schwerpunkt Erkenntnistheorie, beide nebenbei begeistert auch Mathematik. In diesen Studiengängen begannen die ersten Semester etwa in gleicher Anzahl von Mädchen und Jungen, dann dünnte sich der weibliche Anteil sehr schnell aus - im dritten Jahr gab es außer den Zwillingen nur noch ganz wenige Studentinnen.
Auch sonst waren sie ungewöhnlich. Beide (eineiig) groß und schmal mit dunkelblonden Haaren, Augen in einem hellgrünbraunen Ton. Es gab Unterschiede: Nur Elli hatte diese ganz kleine Andeutung einer Mongolenfalte an den Augen, nur sie hatte den ganz leicht olivbraunen Ton der Haut. Aber diese winzigen Unterschiede bemerkten Fremde nicht. Die Zwillinge fielen überall auf, erst recht, wenn sie gemeinsam erschienen. Natürlich waren die Jungen hinter ihnen her; sie hatten aber eine so bestimmte und abschließende Art, ihr Desinteresse auszudrücken, dass keiner einen zweiten Versuch machte. Sie hatten wirklich kein Interesse an erotischen oder sexuellen Beziehungen zu anderen - sagten sie sich wenigstens: nicht unwesentliche Teile dieses Komplexes befriedigten sie ja durch die Erfindung der Geschichten für die Verlegerinnen. Sie waren glücklich und zufrieden mit ihrem Studentenleben. Sie hatten es die ganze Schulzeit über herbeigesehnt.
Ihr Wechsel nach Deutschland hatte zwei Gründe. Einmal gab es alte Wurzeln in der Familie, die dorthin deuteten. Ihre Großmutter, die sie aufzog (die Eltern waren durch einen Unfall ums Leben gekommen, da waren sie gerade zwei Jahre alt), sprach fließend deutsch, brachte ihnen die Sprache auch von klein auf bei und bestand darauf, dass sie neben der Schule immer auch Kurse in deutscher Sprache nahmen. Sie wuchsen zweisprachig auf.
Der andere Grund war ihr 'alter' Professor. Bei ihm hatten sie gleich zu Beginn des Studiums Deutschkurse belegt. Diese gab er (neben seinen Seminaren über Darwinismus und Erkenntnistheorie), weil er aus Deutschland stammte. Die beiden Seminare waren ansich getrennt; er verstand es aber sehr geschickt, sie über die Semester hinaus zu verbinden und zur Überschneidung zu bringen, sein Interesse lag vor allem an der Zusammensicht und Durchdringung dieser beiden Gebiete.
Der Professor schloß die Zwillinge ins Herz. Sie waren in den Deutschkursen schnell seine besten Studentinnen. Bald konnte er sie für seine Seminare interessieren und begeistern. Er merkte, welche Potenziale hier entwickelt werden konnten, lenkte behutsam die Auswahl ihrer Vorlesungen und wurde ihr vertrauter Ersatzvater - sie hatten ja auch nie einen Vater erlebt.
Er bekam Ärger mit der Stiftung, die die Universität betrieb. Nur nebenbei hatte er in einer Vorlesung die sich immer mehr verbreitende Lehre der Evangelikalen abgelehnt, Darwin habe die Entwicklung der Arten unrichtig beschrieben, richtig sei insofern nur der Inhalt der Bibel: Gottes Wort wiege viel schwerer als jede naturwissenschaftliche Entwicklungslehre, intelligent design Gottes sei der Ursprung jedes Lebens. Er hatte seine Ablehnung indessen sehr kurz und schroff erklärt in dem (für ihn selbstverständlichen) Sinne, über eine derartige Abstrusität könne man nur lachen und zur Tagesordnung übergehen. Aus dieser kurzen Bemerkung hatte die - wohl nicht zufällig anwesende - Vertreterin eines Boulevardblattes einen hetzerischen Artikel nach allen Regeln der Kunst gemacht. Andere Medien nahmen den Stoff sogleich auf, und mit einem Mal geriet die ganze Universität in den Verruf, antikirchlich, antichristlich und damit auch gleich antidemokratisch und antiamerikanisch zu sein. Bevor aufgebrachte Eltern im ganzen Land begannen, ihre Kinder abzumelden, distanzierte sich die Stiftungsleitung öffentlich von ihrem Professor, stellte ihn allein und war nur bereit, seinen Vertrag fortzusetzen, wenn er aus seinen Themen die Frage der Entwicklung der Arten strikt völlig herauslasse. Notgedrungen stimmte er zunächst zu, obwohl sich dieses Ziel mit dem Inhalt seiner Vorlesungen nun wahrhaftig in keiner Weise vertrug. Er hatte zwar einen sehr guten Ruf - der offenbar aber recht schnell in den USA kaum noch etwas wert war.
Er erkundigte sich in Europa, insbesondere in Deutschland nach Arbeitsmöglichkeiten. Die Reaktion war verhalten. Fundamentalistisches Denken war in den letzten Jahren auch hier in die Köpfe eingesickert. Man gestand das nur mittelbar zu. Endlich bekam er eine Zusage von einer kleinen Universität in einer alten deutschen Kleinstadt. Diese Universität hatte in den letzten 300 Jahren viele Freidenker hervorgebracht und schämte sich wohl, auch nur mittelbar den Makel, der ihm anhaftete, nach außen hin zu berücksichtigen. Im Innenverhältnis bestand die Leitung allerdings auf einer gewissen Kontrolle, die so aussehen sollte: Er sollte verpflichtet sein, ein erstes Handout jeder geplanten Vorlesung zwei Monate vor Semesterbeginn vorzulegen, und die Leitung behielt sich vor, Einwendungen gegen den Text zu bringen, die zu berücksichtigen er dann verpflichtet sein sollte, auch sollte der endgültige Text in der Unizeitung veröffentlicht werden. Da sich diese Bedingung nur auf das erste Handout beziehen sollte und die Rektorin, mit der er über seinen Vertrag sprach, diese Bedingung mit einem Augenzwinkern kommentierte, war er einverstanden: er werde jeweils ein wunderschön in die Landschaft passendes erstes Handout liefern.
Allerdings warnte ihn die Rektorin auf einem anschließenden Spaziergang, den sie vorschlug. Man sei inzwischen in Europa fast so weit wie in den USA. Neben der inneren Opposition, von der er sicher gehört habe, gebe es die nach außen hin ebenso unsichtbaren Mitarbeiter aller geistig gesunden Zeitgenossen. In jeder Vorlesung, in jedem Seminar müsse er einen solchen Mitarbeiter erwarten. Es sei dann seine Aufgabe, möglichst mit Hilfe verläßlicher Studenten solche Spitzel loszuwerden. Diese weit verbreitete Gruppe sei in letzter Zeit auch deswegen besonders gefährlich geworden, weil sie Verbindung mit radikalen Islamistenformationen aufgenommen habe, wie ihr aus sicherer Quelle bekannt geworden war. - Er bedankte sich sehr.
Nach seiner Rückkehr in die USA kündigte er sofort den dortigen Vertrag. Er hatte ja nun eine neue erfolgversprechende Basis in Europa.
Die wenigen Studenten, mit denen er in den letzten Jahren vertrauensvoll zusammengearbeitet hatte, hatten ein Recht darauf, seinen Wechsel zu erfahren. Er ging sie im Stillen durch. Die meisten kamen gar nicht in Frage, weil sie nur Nebenfächer bei ihm belegt hatten und ihre Hauptfächer sicher nicht seinetwegen aufgeben würden. Natürlich spielte er mit dem Gedanken, die besten und vertrautesten nach Deutschland mitzunehmen. In seine engere Auswahl kamen drei Studenten, eine Studentin und natürlich die Zwillinge. Er lud alle ein - nicht in seine Wohnung, sondern in das Haus der Eltern eines der Studenten, die damit einverstanden waren. Er setzte sie ins Bild, schilderte seine Versuche, in Europa Fuß zu fassen, und das Ergebnis. Er gab auch ohne Zögern den Inhalt des mit der Rektorin geführten Gesprächs zur Kenntnis; er meinte fest, sich auf seine Studenten verlassen zu können. Zum Schluß fragte er noch, ob sie schon einmal etwas von dieser Inneren Opposition gehört hätten. Alle verneinten - der Sohn des Hauses sagte indessen, ein Vetter habe ihm einmal etwas davon erzählt und betont, das Eingeständnis, dazu zu gehören, sei lebensgefährlich, weshalb sich die Mitglieder verpflichtet hätten, stets zu leugnen und Konsequenzen aus der Mitgliedschaft nur dann zu ziehen, wenn das mit mehreren anderen Mitgliedern abgestimmt sei. - Das klang sehr geheimbündlerisch, obendrein unpraktisch - trotzdem lag plötzlich Unbehagen im Raum. Alle schwiegen.
Die unausgesprochene Frage des Professors beantworteten die Studenten fast im Chor: Wir kommen natürlich mit nach Deutschland!
So geschah es. Finanzielle Schwierigkeiten gab es zum Glück nicht.
Die gerade noch so gedrückte Stimmung wurde besser. Schließlich kam einer auf die Idee, doch gleich den Text für ein solches Erstes Handout zu komponieren. Die begeistert aufgenommene Gemeinschaftsarbeit ergab dann für eine geplante Vorlesung mit dem Titel Entwicklungsgeschichte? (das Fragezeichen war für den Professor sehr wichtig) den Text:
'Wir drehen DARWIN um: wer versteht schon, dass die Entwicklung der Arten durch zufällige Mutationen erfolgt sein soll - viel einfacher ist es doch, den heutigen Zustand zu sehen, mit einem früheren zu vergleichen und damit für jeden Einsichtigen eine Zielrichtung, eine Absicht der Entwicklung erkennbar zu machen.
Unsere Sprache - Grundlage unseres Denkens - macht uns das ja vor: aus ursprünglich rein zeitlichen (Weile) und örtlichen (um-zu) Begriffen werden kausale (weil) und finale (umzu) Verknüpfungen.
- es folgen einige Beispiele der Entwicklung von Lebewesen -
Und im weiteren Verlauf der Vorlesung werden wir DARWIN vom Kopf auf die Füße stellen: Die Eigenschaften, die ein Lebewesen heute hat, braucht es auch zur Bewältigung seiner Umwelt; die Existenz unnützer oder sogar schädlicher Eigenschaften leugnen wir. Das wird uns gerade auf den Menschen bezogen zu denkwürdigen Konsequenzen bringen.
Der Professor schickte den Text gleich am nächsten Tag der Rektorin in Deutschland - die umgehend ihr Einverständnis mitteilte. -
In den ersten beiden Stunden der Vorlesung, deren Erstes Handout wir ja bereits kennen, ließ der Professor seine Ausführungen ohne besondere Höhepunkte, ja fast ohne Betonung im Sinne dieses Handouts dahinplätschern - das war eine Vorsichtsmaßnahme nach den Warnungen der Rektorin, um unliebsame Beobachter zu ermitteln. Dabei halfen auch die Studenten aus den USA mit schön harmlosen Zwischenfragen. Es zeigten sich aber keinerlei Verdächtige - sodass er die dritte Stunde nun sehr engagiert und anfordernd beginnen konnte:
'Wir haben Zeit verloren. Wir wollen unseren Stoff umso gedrängter und kompakter bringen. Dazu heute ein äußerst wichtiges
