9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €
"Dieses Buch, das in einer hochpoetischen, von Leidenschaft durchglühten, Sprache geschrieben ist, zu loben oder nicht zu loben, fällt gleichermaßen schwer. Denn das Erstaunen überwiegt das Entzücken, die Nachdenklichkeit jede ablehnende oder zustimmende Empfindung. Wie ist das möglich bei einer Erzählung, die von nichts anderem erzählt als einer Liebe? Was Fremdheit unter Menschen ist, hier unter Liebenden, kann wohl nicht schockierender erzählt werden. Meckel will sagen: Wir kennen einander nicht. Licht ist Blendung. Die Nachdenklichkeit, die zurückbleibt, entkräftet die formalen Einwände. Meckel war nie besser als in diesem gegen alle Vernunft konzipierten Buch."
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2023
Christoph Meckel
Licht
Erzählung
Distanzierungserklärung:
Mit dem Urteil vom 12.05.1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch die Ausbringung eines Links die Inhalte der gelinkten Seite gegebenenfalls mit zu verantworten hat. Dies kann, so das Landgericht, nur dadurch verhindert werden, dass man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Wir haben in diesem E-Book Links zu anderen Seiten im World Wide Web gelegt. Für alle diese Links gilt: Wir erklären ausdrücklich, dass wir keinerlei Einfluss auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten haben. Deshalb distanzieren wir uns hiermit ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten in diesem E-Book und machen uns diese Inhalte nicht zu Eigen. Diese Erklärung gilt für alle in diesem E-Book angezeigten Links und für alle Inhalte der Seiten, zu denen Links führen.
© 2023 Langen Müller GmbH, München
© 1978 Nymphenburger Verlagshandlung GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel
Satz und E-Book Konvertierung: Satzwerk Huber, Germering
Druck und Binden: Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg Printed in Germany
978-3-7844-8459-4
www.langenmueller.de
… und wäre jetzt gern bei Dir. Sehr gern würde ich etwas für Dich tun, Dir eine Zeitung mit guten Nachrichten kaufen, Frühstücksbutter aus Deinem Mundwinkel küssen, vielleicht Deine Kniekehlen streicheln, irgendwas. Ich bin fast umgefallen, als Du mich angerufen hast, Deine Stimme so nah und so schrecklich weit weg. Dir zuliebe kann ich alles tun, arbeiten, früh aufstehn, vernünftig sein. Ich bin ganz benommen, wenn Du mich anrufst. Alles ist gut, solange es mit uns stimmt, gleichgültig ob ein Glück dabei herauskommt. Ich brauche kein Glück, ich kann auch ohne Illusion mit Dir lachen.
Hast Du mein blaues Feuerzeug bei Dir? Vermißt Du mich? Bist Du wieder in Deiner Wohnung gewesen? Und ob wir zusammen nach San Francisco fahren (gibt es dort Straßencafés wie in Paris)? Ich möchte so gern mit Dir nach San Francisco fahren, chinesische Zeitungen lesen, die Seehunde bellen hören und mich mit Dir auf der Himmelfahrtsbahn fotografieren lassen. Denkst Du noch an das Haus in Bercy-les-Landes und an die vielen Schuhe im Flur? Die Fahrräder im Anbau, der Autofriedhof neben dem Schloß, die Sommernachtsfrösche im Wasserbassin und die vielen, nach Staub und Jod riechenden Brennesseln dort? Und die Nacht, als wir aufwachten, weil es zu regnen anfing, und Du ranntest barfuß die dunkle Treppe hinunter und hinaus in den Regen, weil wir vergessen hatten, das Autodach zuzumachen. Aber es war schon zu spät, der Vordersitz triefnaß, die Zeitungen und Landkarten aufgeweicht. Und wie Du naß zu mir in das Bett zurückgekommen bist! Und als wir zum erstenmal nach Tagen wieder Zeitung lasen im Café an der Küstenstraße, im heißen hitzigen Wind mit dem vielen Staub, aber wir blieben vorm Café sitzen und lasen Zeitung, jeder die Hälfte, und die Seiten flatterten über die Hände und ließen sich nicht mehr richtig zusammenlegen. Dann flog die halbe Zeitung weg und Du ranntest hinter den Seiten her über die Straße, ein Lieferwagen stoppte im letzten Moment, und Du ranntest ziemlich weit auf den Strand hinaus und kamst mit zerknüllter Zeitung ins Café zurück und warst fast beleidigt, weil ich lachte.
Ich denke daran und nichts fehlt mir. Ich möchte immer an solche Sachen denken, und ich möchte mich immer auf etwas freuen. Ich muß diese Freude empfinden können, wenn ich nicht nur ein Mensch sein soll, der mehr oder weniger einseitig funktioniert. Funktionieren, schon das Wort ist schrecklich. Ich funktioniere nicht. Ich will nichts geschenkt bekommen und ich will nichts auslassen, aber ich will, daß es das jederzeit für mich gibt: Freude, mit oder ohne Grund, mit Dir und allein – vielleicht nur einen Moment lang wie im Februar, als wir von der Party bei Mona nach Hause kamen und Hunger hatten und im Küchenschrank die Rosinen fanden, die ich für die Amseln in Deiner Straße gekauft hatte – erinnerst Du Dich? Wir standen in Mänteln in der Küche und waren todmüde, gleichzeitig überwacht, auf verrückte Weise unruhig und glücklich und hatten auf einmal Lust, die Rosinen selber zu essen. Wir aßen die Rosinen am Fenster und hörten die Amseln draußen im Schnee, in der Morgendämmerung, und dann wolltest Du keine Rosinen mehr und standest bloß da und sahst mich an, ununterbrochen, direkt, wie Du mich noch nie angesehn hattest – und daß Du mich dann in die Arme genommen hast! Sag mir, daß wir lebendige Menschen sind. Schreib mir, nein schreib mir nicht gleich. Zuerst ruf mich an, ich warte so sehr auf …
Ich fand den Brief im Laub auf der Terrasse und meine Enttäuschung ist furchtbar, etwas Verzehrendes.
Wie kommt dieser Brief auf die Terrasse. Ich kann mir denken, daß Dole ihn verlor, als ich Laub und Papier im Garten verbrannte, das war vor drei Tagen. Der zerknüllte Bogen fiel aus dem Papierkorb und geriet zwischen die Blätter. Es ist auch möglich, daß sie nachts ihren Hausschlüssel suchte und dabei den Brief aus der Tasche verlor; vermutlich aber aus ihrem Papierkorb. Papierkorb. Papierkorb. Was sich in einem Papierkorb befindet ist kaum noch vorhanden, es ist schon beinahe nichts, es ist zerrissen. Ich vergesse jeden Gegenstand, sobald ich ihn in den Papierkorb geworfen habe. Warum ist dieser Brief aus dem Papierkorb gefallen.
Ich nahm das Blatt aus dem Laub, um es wegzuwerfen und erkannte Doles Handschrift in violetter Tinte, die sie benutzt, seit wir uns kennen, las ohne Absicht den Teil eines Satzes, der zusammenhängend über die Zerknitterung lief
Und wie Du naß zu mir in das Bett zurückgekommen bist
(ganz ungewöhnlich für Dole, so etwas zu schreiben) und wußte, daß der Satz nichts mit mir zu tun hatte. Dieses Du war nicht an mich gerichtet. In diesem Augenblick war die Unschuld vorbei. Unmöglich, das Geschriebene nicht zu lesen. Ich steckte den Brief in die Tasche und stand eine Weile da, zunächst erstaunt (etwas sehr Sonderbares schien vorgefallen), vielleicht schon mit Neugier, dann mit der Gewißheit, in ein Geheimnis hinuntergerissen zu sein. Ich ging in den Bungalow und fand Dole schlafend auf der Couch.
Wie beseitigt man ein Geheimnis, das man selber nicht verursacht hat. Ich weiß nicht, wie man Geheimnisse loswird, es sei denn durch Vergessen, weniger anstrengend durch Vergeßlichkeit. Aber ich bin nicht vergeßlich. Geheimnisse will ich nicht erfahren, weder ihren Inhalt noch daß es sie gibt.
Dole schlief unter dem schwarzen Poncho, den wir in Patzcuaro kauften, an einem Abend der Regenzeit, als sie frierend unter den Arkaden neben mir her ging. Ihr Gesicht lag seitlich auf dem Ellenbogen, isabellfarben zwischen dem hingestreuten Haar, der Mund leicht geöffnet, das Atmen sichtbar, Erscheinung vollkommener Ruhe und Sorglosigkeit, verführerisch, entwaffnend, erstaunlich für mich, mein Vorhandensein neben der Couch eine Indiskretion (beklemmender als die Entdeckung des Briefs vor ein paar Minuten). Doles Körper, den ich kannte und der zerstörbar war nicht allein durch den Tod, sondern auch durch mich, durch einen Faustschlag, mit einem Messer. Als sähe ich diesen Körper zum letztenmal. Als sähe ich zum letztenmal eine schlafende Frau und zum letztenmal die Frau, mit der ich lebe.
Ich ging so geräuschlos wie möglich durch das Zimmer, erleichtert, daß Dole weiterschlief. Ihre Abwesenheit war jetzt unbedingt notwendig, ich brauchte Zeit für mich und dieses Papier (obwohl ich nur eine Zeile gelesen hatte, wußte ich, daß ein Leben zu Ende war). Ich brauchte jetzt Zeit in einem geschlossenen Raum, unabsehbar viel Zeit für das plötzliche Irrsein. Zum erstenmal seit Jahren verschloß ich die Tür. Ich machte das Fenster zu, glättete das Papier und legte es auf den Tisch, nahm das alles so lautlos wie möglich vor, entsprechend der Heimlichkeit des ganzen Unfalls. Durchdringende Stille (die Aircondition bewegte den Saum der Gardinen). Ich las den Brief ein erstes Mal übereilt, ein zweites und drittes Mal Wort für Wort, immer noch erstaunt, daß es ihn gab, ungläubig, daß er von Dole geschrieben war, er konnte unmöglich von Dole geschrieben sein, aber ihre Handschrift und ihre Tinte – unwiderlegbar (Dole hat diesen Brief geschrieben; sie hat ihn an einen Menschen gerichtet, der auf unvorstellbare Weise diesen Tag mit uns teilt). Ungeheure, schlagartige Erschöpfung. Keine Möglichkeit, aus der Defensive herauszukommen. Es schien nichts anderes zu geben als diesen Brief, es gab überhaupt nichts mehr außer diesen Sätzen. Ich weiß nicht, wie lange ich las und zu denken versuchte. Ich versuchte nachzudenken, ich dachte nichts.
Ich wollte, es wäre Nacht, oder die Preußen kämen. Es war ungefähr Mittag, sehr warm und hell vor dem Fenster, das letzte Laub in den Bäumen ohne Bewegung. Keine Beruhigung durch Lärm oder Radio. Unentrinnbarkeit aus Licht und Stille, mir hätte schon eine Sonnenbrille genügt. Ich stand in meinem Zimmer und atmete noch, spürbar anwesend in meinen Kleidern, ich war nicht mehr derselbe und war noch da. Früher oder später, an diesem Tag, mußte ich aus meinem Zimmer heraus und hinein in die gemeinsame Gegenwart mit Dole, die ich mir jetzt nicht mehr vorstellen konnte, während ich mir früher – in der Zeit vor dem Brief – jeden bevorstehenden Augenblick hatte vorstellen können, das Verlassen des Zimmers, Kaffeegeruch im Flur, Doles Nacktheit auf einem Bett, leichte Küsse auf ihre Brust und ihr zögerndes, träges Erwachen am frühen Nachmittag. Ich mußte hinaus zu der neuen Dole, egal, wer ich selber inzwischen geworden war.
Unvorstellbar, ihre Brust zu küssen.
Nie wieder möglich.
Ich war noch im Zimmer, als sie rief, ihre ruhige helle Stimme zwischen den Wänden, die unregelmäßigen Schritte im Flur, sie schien mich auch auf der Terrasse zu suchen, denn ich hörte meinen Namen im Mittag draußen – Gil? Gil? – so wurde ich in der Kindheit nach Hause gerufen, aber ohne die fragende Zärtlichkeit. In meinem Zimmer schien Dole mich nicht zu vermuten, sie lief durch den Garten, ich sah sie am Fenster vorbeigehn, ihr zögernder Gang, der jetzt etwas Horchendes hatte (ich weiß, daß ich ein Ohrenfüßler bin, sagt Dole) und der auf den Boden gerichtete Blick, wenn sie allein oder in Gedanken ist. So hat sie die vielen Kleinigkeiten gefunden, Weltplunderkram für meine sämtlichen Taschen, sagt sie, Groschen, Vogelfedern, Schlüssel, Schneckenhäuser und Spielzeuge. Sie blickte nicht in das Fenster und rief nicht mehr. Wieder das Unbehagen: Indiskretion.
Der Brief lag noch auf dem Tisch, er mußte weg. Ich hätte jetzt ganz gern einen Safe gehabt, für diese Notierungen und den Brief. Ich legte ihn zusammengefaltet in Lowrys Erzählungen und versteckte das Buch in meinem Koffer, obwohl kein Mensch nach ihm suchen würde, am wenigsten Dole – sie war überzeugt, den Brief verbrannt zu haben (der Brief bleibt in meinem Koffer versteckt, obwohl ich nichts mit ihm vorhabe; ich werde ihn nicht gegen Dole verwenden; unmöglich, etwas gegen sie zu verwenden; ich behalte den Brief als Dokument dieses Unfalls).
Meine Türe war abgeschlossen. (Ich hatte die Türe tatsächlich abgeschlossen.)
Später sah ich Dole von der Terrasse ins Zimmer kommen, das weiße Kleid aus dem Gegenlicht auf mich zu. Sie erkannte mich nicht sofort, stand dann vor mir und lachte, ganz unbefangen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich hatte mir überhaupt nichts vorgestellt. Und am wenigsten hätte ich mir vorstellen können, daß der erste unaufrichtige Augenblick so beiläufig vorübergehn würde, ohne Irritation, zu flüchtig für eine Empfindung.
Gil,du bist hier? Ich habe nach dir gesucht.
Ich war eine Weile in meinem Zimmer. Möchtest du Kaffee?
Ja, Kaffee wäre schön.
Unser Leben nach der Entdeckung des Briefs begann mit Kaffee und Sherry und einem Gespräch über die Fotomontagen von Man Ray.
Ich beobachte sie. Am Anfang erschien mir das ganz unmöglich. Ich beobachte die Frau, die ich liebe. Aber nach ein paar Tagen geht das gewissenlos; das Unbehagen ist verschwunden, kein Gefühl von Indiskretion. Früher, also noch vor vier Tagen, sah ich Dole, wie sie vor mir erschien. Ich betrachtete ihre wechselnde Erscheinung und hielt sie für eindeutig (wie konnte ich mich hinreißen lassen, der Erscheinung eines Menschen zu glauben). Es gab keinen Unterschied zwischen dem, was ich sah und den Vorstellungen, die ich mir machte. Was Dole preisgab, war vielleicht nicht viel (was sie vor mir verbarg, war vielleicht viel mehr), aber es war genug für ein Leben zu zweit. Das Verborgene änderte nichts an meiner Bejahung. Ich verließ mich darauf, daß sie hier und nicht anderswo war, wir verließen uns aufeinander und lebten leicht. Vertrauen, der gemeinsame Löwenanteil. Fort, fort in den Morgen und über die Berge! Das ist ein Satz, der sich nicht mehr behaupten läßt. Verdacht, Verdacht, ich vernichte das Wort Vertrauen. Ich ersetze Löwenanteil durch Verlustgeschäft.
Das Wahrnehmen ohne Verdacht, das bejahende Anschaun einer Frau erscheint mir heute als vollkommenes Glück. Und nachdem ich es verloren habe, jetzt, dieses unerbittliche Hinsehn, kalt, scharf, skrupellos und genau – ist das überhaupt zumutbar für uns beide. Es entspricht mir nicht, obwohl ich es lerne, und vor ein paar Tagen hätte ich geschworen, daß es auch Dole unbekannt sei. Unabwendbarer, unablässiger Blick. Unruhe, Zweifel und instinktive Beschuldigung. Dole kann jetzt sagen was sie will – nichts mehr ist glaubhaft. Kein Wort ist gut, kein Lächeln vollkommen, kein Blick überzeugt mich. Sie ist nicht mehr so schön, wie sie gestern war, sie ist nicht mehr der unantastbare Mensch. Am Nachmittag tranken wir Tee auf der Terrasse, nichts schien sich verändert zu haben, sie lag mir im Liegestuhl gegenüber und ließ sich betrachten, lässige Wollust, gemeinsame Ruhe. Ihr Lächeln setzte mein Vertrauen voraus, aber mein Vertrauen war nicht mehr da. Sie hat den Bösen Blick noch nicht bemerkt, wird ihn möglicherweise nicht bemerken, jedenfalls nicht sofort, nicht heute, nicht mehr in dieser Nacht. Es gelingt mir, meinen Verdacht zu verbergen, so daß sie die neue Aufmerksamkeit reizvoll findet. Möglich, daß sie den Blick für Verlangen hält. Ich weiß nicht, wie lange der Zustand dauern kann.
Ich beobachte sie.
Als wir den Herbst in Limoges verbrachten, in der Wohnung von Freunden, und ihren Affen versorgten.
Das Tier lebte angekettet auf einem mit Möbeln vollgestellten Balkon. Dole hatte ihn eine Woche lang gefüttert, als er kratzend und beißend auf ihren Kopf sprang. Von diesem Tag an warfen wir ihm die Bananen auf den Balkon. Der Affe hockte auf einem kaputten Eisschrank und sah uns mit starren, schwarzen Augen an.
Wie macht sie das – die unbefangenen Blicke, ihre entwaffnende Heiterkeit. Wie bringt sie es fertig, so ausgeglichen zu erscheinen. Sie ist nicht skrupellos und sie ist nicht kalt. Mit ihrer Arbeit hat der Brief nichts zu tun, ich kann mich selber auch nicht davon überzeugen, daß er aus einer früheren Beziehung stammt. Es ist die Handschrift der letzten Jahre. Und der Gedanke, es handle sich um einen Entwurf, vielleicht um einen Brief, der nie abgeschickt wurde, hat nichts Erleichterndes. Wieviele Briefe dieser Art hat Dole geschrieben, und an wen. Kann es sich um eine Erfindung handeln, etwa um einen Menschen, den sie träumt? Handelt es sich um ein Leben, das Dole sich vorstellt, aus einem Mangel oder Verzicht heraus, der mir verborgen geblieben ist?
Der Brief existiert, und ist eine Nachricht von so niederschmetternder Fülle, daß ich mir auch nicht einreden kann, es handle sich um einen vorübergehenden Fall. Es gibt hier kein Irgendwie oder Irgendwann. Diese Lebendigkeit ist ein ganzes Leben.
Und als wir nach Tagen zum ersten Mal wieder Zeitung lasen im Café an der Küstenstraße – einen Satz wie diesen erfindet man nicht. Dole kann den Satz nicht erfunden haben, sie ist im Café an der Küstenstraße gewesen; nichts in diesem Brief kann erfunden sein. Sie ist Journalistin und erfindet nichts. Ihre Phantasie äußert sich beiläufig, unter vier Augen oder aus Übermut, am überzeugendsten ohne Anlaß. Das sind die Billette morgens auf meinem Tisch, das sind die circensischen Zettel, die mir im Flugzeug aus der Tasche fallen (Warum bist Du nicht zu mir gekommen? Wollten wir nicht zusammen Wein trinken gehn? Ich lade Dich ein in meine Wohnung, heute Abend oder in sieben Jahren. Wirst Du kommen? Licht und Geheimnis!). Sie braucht, um mit Charme und Phantasie zu schreiben, einen trauten Menschen, an den sie sich wendet. Ihr entspricht der spontane Brief. Dieser Brief kann nicht erfunden sein.
Und wie Du naß zu mir in das Bett zurückgekommen bist.
