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»... sie soll nichts wissen von einem Bett, unwirtlich auf sandigem Boden, von Bäumen, zu stummen Zeugen bestellt, die mitunter Vögel ausspeien wie Vulkane die Asche, von meinem Körper, aus dem die Liebe schwand (in meinem Kopf wohnt sie weiterhin); vielleicht war es sogar ihr Rad, dessen Pedal sich in meinen Speichen verhakte, Speichen, die meine Wade verletzten, als ich wie wild daran riss.« Ein sonniger Tag im November und eine Frau, die den Wald durchquert, um an einen See zu gelangen – sie wird dort nicht ankommen.
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Seitenzahl: 98
Veröffentlichungsjahr: 2014
Dagmar Graupner
Licht, das durch Blätter fällt
Erzählung
Die Handlung dieser Erzählung sowie die darin vorkommenden Personen sind frei erfunden; eventuelle Ähnlichkeiten mit realen Begebenheiten und tatsächlich lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären rein zufällig.
© 2014 Dagmar Graupner
Umschlaggestaltung: Karlfried Krauß
Umschlagfotos: Susanne Graupner, Dagmar Graupner
Lektorat, Korrektorat: Schreibwerkstatt Birgit Freudemann, Tröstau
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN Paperback: 978-3-8495-9208-0
ISBN e-Book: 978-3-8495-9209-7
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…
Sieh, wie im selbstvergessenen Geäste
das Nächste sich mit Namenlosem mischt;
man zeigt uns dies; man hält uns nicht wie Gäste,
die man nur nimmt, erheitert und erfrischt.
Wie sehr wir auch auf diesen Wegen litten,
wir haben nicht den Garten abgenützt,
und Stunden, größere als wir erbitten,
tasten nach uns und gehn auf uns gestützt.
Rainer Maria Rilke
1
An regnerischen Tagen warten die Libellen lange. Soeben geschlüpft, sind sie zur Reglosigkeit verurteilt. Sie warten auf ihre Aushärtung und Trocknung, um Gewicht zu verlieren für den Flug. Manchmal dauert das tagelang. Sie bereiten das Auffächern ihrer Flügelpaare vor und ersehnen die wärmenden Strahlen. Erst die Sonne wird ihren Flügeln den Impuls zum Flug geben – bis dahin sind sie gezwungen zu wehrlosem Verharren.
Sie verharren senkrecht auf oder in der Nähe ihrer verlassenen Larvenhäute an Schilfhalmen, im Schutz aufgestellter Seerosenblätter, selbst der Zweig einer Trauerweide beherbergt mitunter eine Exuvie als Zeugnis einer abgeschlossenen Entwicklung. Die Libelle ist bereits ausgeflogen oder aber die Beute eines Frosches, Vogels, von Wespen oder Ameisen geworden. Wer wehrlos ist, ist harmlos, aber nur solange die Wehrlosigkeit vorhält.
Der Teich ist friedlich, wenn er dem Regen lauscht. Die Frösche jagen nicht. Die Frösche, die ihre geraubten Kaulquappen rächen werden …
Ich stelle mir vor (ich sah es viele Male): Eine Larve mit drei Beinpaaren an einem Schilfstängel verankert, das langsame Bersten ihrer Rückenhaut – wie Trennung zweier Wesen –, kopfüber in Rückwärtsbeugung verlässt eine Libelle ihr Gefängnis bis zum plötzlichen Klimmzug zurück nach oben, ergreift, gleichfalls mit sechs Beinen, einen Halt, oftmals an ihrer verlassenen Hülle, dann befreit sich der Rest des Libellenkörpers. Ein Wunder. Zwei Wesen aus einem. Die verwaiste Behausung scheint noch immer lebendig, hat Augenwölbungen und hält sich weiterhin fest. So scheint es.
Libellengeduld
Libellenfrieden
warten
warten auf Trocknung und Gewichtsverlust
warten
die Flügel fächern sich auf, glänzen
warten, bei Regen vielleicht bis zum kommenden Tag
dann Sonne
warten
Sonne
Sonne … ein Zittern der Flügel, wie durch einen elektrischen Impuls verursacht oder durch das Anlassen eines Motors, und dann, wie mit dem Katapult beschleunigt, ein irrwitziger Flug, unruhig, hin- und her manövrierend, auch rückwärts, aber glänzend, wie mit Silberlegierung versehen. Ein Hochzeitsflug. Welche Schönheit, welche Verschwendung – ach.
Die längste Zeit hat sie bereits gelebt. Als räuberische Larve im Wasser. Sie wird weiterjagen in der Luft (sie ändert sich nur äußerlich), jedoch nicht mehr lange, wird sich paaren, sich mühen bei der Ablage der Eier, sterben.
Das schönste Kleid zur Vervielfältigung und als Todesgewand …
Der See ist friedlich, wenn er dem Regen lauscht. Wie der Aufschub von etwas, das mit Sicherheit kommt – eine Verzögerung, aber ohne Umkehr.
Der im Gegensatz zum sonstigen Text biedere Abspann meiner ›Radiografie der Seelenzustände innerhalb einer Trapezkünstlerinnentruppe‹ (so eine Rezensentin), die Animositäten, Ängste und erbitterten Kämpfe zwischen den Auftritten, dagegen der Waffenstillstand während der Darbietungen, kurz, mein Buch Libellenfrieden wird beinahe stürmisch beklatscht – ein Geräusch, als seien auf einem Herd mehrere Pfannen explodiert. Bevor das Buch einen Preis erhielt, brutzelten in der Regel nach einer Lesung nur einige Eier in einer einzigen.
Ich liebe diese Veranstaltungen nicht, und im Gegensatz zu vielen anderen halte ich es für Mummenschanz, Erwachsenen vorzulesen. Des Weiteren fürchte ich die Hyperintellektuellen, deren Fragen mich mit der breithüftigen Sicherheit von Rhinozerossen vor sich hertreiben, oder besser noch, die mich mit Zustimmung heischenden Monologen meinen Text begreifen lassen. Und so stochere ich sorgenvoll in meinem Fundus schlagkräftiger und von Humor strotzenden Entgegnungen, um Erwartungen zu bedienen und nicht warten zu lassen.
Ich war nie eine Rednerin. Die Aufforderungen der Lehrer in der Schule, ich solle im ganzen Satz sprechen, haben mich durch meine Kindheit verfolgt. Noch heute bin ich in Gesellschaft lieber Zuhörende als Sprechende. Für meine Sätze nehme ich mir gern Zeit, und diese habe ich gewöhnlich beim Schreiben. Pointierte, geistreiche Spontanantworten gelingen mir – im Gegensatz zu meinem Bruder, der sie zudem noch in mehreren Sprachen aus dem Hut ziehen kann – nur gelegentlich.
Bevor ich mit dem Signieren der Bücher beginne, suche ich im Auditorium nach ihm. Er lächelt amüsiert, lehnt sich entspannt im Stuhl zurück, während sich um ihn die Plätze leeren und ich das Rasseln der Klapperschlange höre, die sich vor meinem Tisch aufrichtet.
2
Wir spielten Tom Tschajek und Desa Conenndeck. Namen, erfunden in kindlichem Eifer, unter deren Klang wir wuchsen, und die uns Quelle unerschöpflicher Kräfte waren. Zu einer Zeit, in der wir geglaubt hätten, freie Radikale zu fangen sei Sache der Polizei, galten wir als unzertrennlich und verteidigten das Recht und das Gesetz vom Garagendach aus (dessen Erklimmen uns verboten war) mit einfachen Stöcken, die uns als Schwerter dienten. Am Ende siegten wir immer und waren stets die Guten, und im Gegensatz zu heute wussten wir genau, was das Gute war und was Recht. Man darf niemals anfangen nachzudenken, wenn man Dinge nicht komplizieren will.
Was uns das Leben lehrte, war, dass zwischen Weiß und Schwarz ein riesiger Raum ist, der uns mit zunehmenden Jahren milder werden lässt. Es sind weniger Bequemlichkeit und Resignation, wie so oft angenommen, sondern es ist Erfahrung, die uns von extremen Forderungen abhält. Ich beargwöhne alle, die niemals einen Standpunkt verlassen.
An einem Tag im Sommer unserer Kindheit begann Fortuna uns die ersten Seiten aus dem Scheckheft zu tilgen. Unsere Eltern, als sie sich scheiden ließen, beschlossen die Trennungslinie tiefer zu ziehen, indem sie sie auch zwischen uns legten, und es kam mir damals so vor, als wären mein Bruder und ich versehentlich durch drei geteilt worden. Das sichere Gefühl, dass am Ende immer alles gut ausginge, geriet in Schieflage, und es schien mir, als könnten wir niemals mehr zu einem Ganzen genesen. Später war es unsere Großmutter, die meinen Bruder Spatz und mich Herzeli nannte, sich aber eines Tages wortlos und für immer entfernte. Ich will denken, dass sie uns weiterhin sieht und über uns wacht, so wie sie noch häufig mein inneres Auge besetzt.
Verlassen hat mich mein Mann, auch wenn er dafür nicht sterben musste. Er, der dunkelhaarige Frauen favorisierte, ist einer Platinblonden gefolgt. Er hasste es, wenn ich mich schminkte, dafür verteidigt er die Farbenfreude seiner neuen Begleiterin. Nichts ist verlässlich. Ich wusste es längst. Ein renitentes Mal blieb auf einem unserer Laken als anschmiegsamer Rest einer versuchten Versöhnung. Ein Relikt, das die Versöhnung überdauerte, dafür später aber in der Maschine verendete.
Das Jahr feiert den Vorruhestand. Aromatische Herbstluft begleitet meinen Bruder und mich auf dem Nachhauseweg. Wir haben einander nicht geheiratet, wie wir es uns als Kinder versprachen, aber er wohnt mit seiner Frau Elisa nur wenige Häuser entfernt von meinem. Wie die anderen Passanten weichen wir den Pfützen aus; es muss stark geregnet haben, während wir im Trockenen saßen. Tom ist groß und schlank, ich halte mich an einem seiner Arme fest, und wir beginnen in übermütiger Manier ein Springspiel über die flüssigen Spiegel. Nachtschwarz prangen die Früchte der Vogelbeerbäume, die der Tag rot machen wird und übermütig.
Ich bin euphorisch, wie immer nach einer überstandenen Lesung. Wie meine Varietéakrobatinnen in ihrer Libellenverkleidung fühle ich mich leicht und bereit zum Auffliegen.
Das war die letzte Veranstaltung dieser Art, nehme ich mir vor.
Und ich nehme mir vor, mein Abendbrot innerhalb der nächsten zwanzig Stunden wieder auszuscheiden, sagt mein Bruder, womit er sich verabschiedet. Von meiner Eingangstür aus sehe ich ihm nach und habe plötzlich Angst, jemand könne ihn unterwegs überfallen, ihm wehtun, so wie man es in Filmen sieht, die Gott sei Dank nie Wirklichkeit werden für uns.
Tom Hedin alias Tom Tschajek und Sveja Liden, vormals Sveja Hedin alias Desa Conenndeck haben sich soeben freiwillig getrennt, bleiben einander jedoch verbunden.
3
In klaren Nächten, wenn Sterne und Mond den Himmel bevölkern, fällt ein Teil des weißen Lichts auf den See, der im Dunkel wie Silber glänzt. Über das stumme Spalier des Schilfgürtels wacht ein geschmeidiges Heer von Nebelfeen. Eine einsame Laterne verliert ihren gelblichen Schein auf dem Rasen, der nicht das Ufer erreicht. Das kleine Boot am Steg liegt wie ein dunkler Schatten im Wasser, seine Umrisse wandeln sich ständig, und so sehr ich meine Augen auch anstrenge, es lässt sich nicht in eine gleichbleibende Form gießen.
Ich stehe am großen Rundbogenfenster des Erkers, durch das mich die Kastanie grüßt. Wohlige Wärme steigt von der Heizung her auf und ich fühle eine satte Zufriedenheit. Meine Freundin Katja wohnte hier, bis sie berufsbedingt in eine andere Stadt ziehen musste, die weitab von dieser liegt. Ich hatte sie stets um die Wohnung beneidet, um den wundervollen Ausblick, den perfekten Zuschnitt und nicht zuletzt um den Geschmack, mit dem sie eingerichtet war. Er glich so sehr dem meinen, oder genauer, meiner schien sich an ihm zu bilden. Sie besaß keine großen Schränke, und ich fragte mich (ohne sie je zu fragen), wo und wie es ihr gelingen mochte, all ihre Sachen zu verstauen. Es gab also nur zierliche Möbel. Die Heizung unter dem hohen Erkerfenster ist noch immer mit Holz verkleidet. Auf dem so verbreiterten Fensterbrett befand sich eine große Keramikschale, die stets mit rotbackigen Äpfeln gefüllt war. Ein mit der Jahreszeit korrespondierender Blumenstrauß stand immer daneben.
Jetzt, im Herbst, sind es Astern. Ich habe Katjas Einrichtung durch meine Biedermeiermöbel ersetzt, die nochmals veredelt scheinen durch den Rahmen, den die Wohnung stellt. Ich gebe zu, dass ich Katja in einigen Dingen kopiere – die Blumen, eine Keramikschale mit Äpfeln (denen die Heizungswärme zusetzt, deren Standort ich jedoch trotzig verteidige).
Kurt (du bist so schön, ich liebe dich, ich werde dich nie verlassen), der nicht mehr mein Mann ist, ging zuerst, einige Wochen später folgte Katja (nicht ihm), und ich bin sicher, es liegt vor allem an dieser Wohnung, dass ich so umfassend versöhnt bin.
Sveja Liden, Libellenfrieden. Wie ein verhindertes Gedicht, es fiel mir zu spät auf, ich hätte einen anderen Titel wählen können. Aber der Titel war zuerst da. So wie ein Neugeborenes zuerst einen Namen erhält, die Seiten seines Lebensbuches füllen sich später.
Die Zeit zwischen zwei Büchern, ich genieße sie sehr. Zeit zum Lesen anderer Texte (nicht meiner eigenen), die mich entführen und verändern werden. Nach jedem Buch, das mich bewegt, verändern sich mein eigener Stil, meine Sprache, mein Denken, und ich reife auf eine komfortable Weise, ohne mich allzu sehr mühen zu müssen.
Das Rot der Aubergine könnte der Titel meines nächsten Buches lauten, obgleich mir ebenfalls noch keine schlüssige Handlung vorschwebt. Doch ich habe Vertrauen. Zu mir. Nicht zu mir als Rednerin (ich vertraue meinem geschriebenen Wort und dem Titel).
Ich denke flüchtig an Kurt, ohne Trauer. So, als sei alles Jahre schon her, nicht Monate. An das, was er mir sagte (oft und einfach so, also konnte ich es glauben): Du bist so schön, ich liebe dich, ich werde dich nie verlassen – wie ein Lied, dessen Text man singt, ohne ihn je übersetzt zu haben.
4
