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Von einer Stunde auf die andere kann sich das Leben vollständig ändern, wenn es überhaupt ein Leben gibt. Dieses Buch ist ein Teil der Bewältigung einer lebensbedrohenden Krankheit aus der Sicht eines Angehörigen. Witz und Humor können auch in solchen Momenten oft ein Weg aus der Dunkelheit darstellen.
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Seitenzahl: 103
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Vor-Worte
Aller Anfang ist schwer oder die Verwirrung ist da
Weiterfahren ist noch viel schwerer oder die noch grössere Verwirrung
Der nicht mehr vorhandene Rock-Opa und weitere Konfusionen
Ferien auf Sardinien und vieles mehr
Umzug und die Türe mit dem roten Schild ist entzaubert
Schule und der Himbeersirup
Elternabend an der Rudolf Steiner Schule und die Suche nach Frau Esther Humbel
Sonntage und die Schwierigkeit mit der Zaubertüre mit dem roten Schild
Schulischer Unterricht zu Hause und die Roten
Bewegte Jahre und es gibt auch noch die Grünen
Warum ich gerne Klopapier auffülle oder was ist eigentlich geschehen
Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt, denn es gibt noch die Baustelle
Die Dunkelblauen, eine seltene Spezies
Die Weissen und der Paradiesvogel
Krankenhausnachthemd oder die moderne Folter
Männer sind Bastler und Frauen verstehen dies einfach nicht
Mein Tinitus lässt danken oder jetzt transpiriere ich aber richtig
Qualitätssicherung oder die moderne Art jemandem auf den Geist zu gehen
Epilog
Happy End?
Fortsetzung folgt
Ein neuer Paradiesvogel
Big Brother is wachting me – also doch
Wurde ich etwa vergessen?
Freunde und Bekannte
Diese Zeilen erheben keinen Anspruch darauf, ein ADHS-Ratgeber zu sein, sie erheben keinen Anspruch darauf, wissenschaftlich fundierte Informationen zu vermitteln, ich kann auch nicht mit einem wissenschaftlichen Titel glänzen und Studien zitieren. Diese Zeilen haben mir geholfen, schlimme Momente zu verarbeiten, es ist eine Erinnerung und Erzählung zugleich. Es ist die Bewältigung eines Ereignisses, dass das Leben unserer Familie drastisch ändert, einmal mehr hast Du, Brigitte, die Notbremse gezogen, diesmal aber für meinen Geschmack etwas zu heftig. Ich bin, als ich diese Zeilen schreibe, auch davon überzeugt, dass ich noch viele schöne Erlebnisse in unserer Familie, mit allen drei Hauptdarstellern, erleben darf.
Zudem habe ich Brigitte (meiner Frau) versprochen, dass ich ein Buch schreiben werde, also muss ich es tun (wie sie auch später noch lesen werden, gebe ich gerne meiner Frau die Schuld, ist eine praktische Lösung). Eigentlich dachte ich bei diesem Versprechen mehr so an einen Kriminalroman oder an eine Geheimdienstsache, auch so verzwickte politische Machenschaften wie in der Serie „House of Cards“ sollten in meinem Roman enthalten sein oder gar ein Roman zwischen Geschichte und Fiktion so im Sinne von Dan Brown’s „Da Vinci Code“ wäre cool gewesen. Nun wird es aber die Erzählung einer Teil-Lebensgeschichte, ein Liebesbekenntnis an meine Familie und vielleicht ein klein wenig und das würde mich sehr freuen, ein Gedankenanstoss für alle Leser (sofern es überhaupt jemand liest). Das mit dem anderen Buch kommt dann schon noch.
Welcher komische Kauz hat den diesen Satz erfunden, der Anfang ist doch nicht schwer, das Dranbleiben aber schon. Mit diesem Bekenntnis habe ich mir sofort die Unterstützung aller ADHS-Betroffenen Leserinnen und Leser gesichert.
Ich sitze hier im Warteraum der Medizinischen Intensivstation 111 des Kantonsspitals Aarau und überlege, welche guten Gedanken ich denn zu Papier respektive auf den Bildschirm bringen will. Komisch, wenn ich in der sogenannten „Koje Nr. 4“ bei meiner Brigitte bin, dann purzeln die Gedanken in meinem Kopf nur so (sehen Sie, ich gebe schon wieder meiner Frau die Schuld an meiner Schreibblockade hier draussen), aber hier bei den grünen Sitzbänken und dem laufwarmen Eptinger blau (ohne Kohlensäure) und dem noch etwas lauwarmeren Eptinger rot (mit Kohlensäure), fehlt mir die Inspiration. Ich mache mir dann Gedanken wie, wer trinkt schon warmes kohlensäurehaltiges Mineralwasser, da kann er sich ja gleich selbst auf der medizinischen Intensivstation anmelden. Allerdings, das muss ich auch gleich erwähnen, sind die Begegnungen hier multikulti. So habe ich einen Opa aus dem fernen Arabien kennen gelernt, der seine schwer kranke Frau jeden Tag besuchte und oft von seinen Söhnen begleitet wurde. Also diese Erlebnisse muss ich Ihnen kurz erzählen.
Eines Tages hatte der Opa offensichtlich genug von seinem Besuch (vielleicht lag es an seiner Tagesform) und vergass, dass bis dato seine Angehörigen jeweils das Ein- und Auschecken im Spital für ihn gemacht hatten (er lief auch immer hinterher wie ein treuer Dackel). Habe ich übrigens erwähnt, dass er einen Rock trug, sah cool aus. Dass dies bei ihm wohl irgendwie mit Tradition zu tun hatte ist mir schon klar, aber ich bewundere seinen Mut, so herumzulaufen. Wenn ich dies tue, ist nichts mit Tradition und ich werde sofort mit „Conchita Wurst“ bezeichnet, das wäre mir schon etwas peinlich und schämen täte ich mich auch noch. Der Opa jedoch zog sein Ding durch, jeden Tag im Rock.
Nun bin ich schon wieder abgeschweift, also der kam da aus der sich selbst öffnenden Türe mit dem roten Schild „Türgriff nicht berühren“ (stellt sich die Frage warum es ihn dann gibt, den Türgriff meine ich) direkt auf mich zu. Ich sass wieder einmal auf einem der grünen Sitzbänke, verschmähte konsequent das Eptinger (blau und rot) und der Mann im Rock begann auf Arabisch mit mir zu sprechen (warum ich weiss, dass es Arabisch war? keine Ahnung, ich verstehe es ja nicht, habe es aber angenommen). Mit meinen blonden Haaren und gut rasiert sah ich nun wirklich nicht gerade wie sein Nachbar aus, dies schien ihn aber nicht zu stören. Er quatschte auf mich ein und ich schaute ihn wohl wie ein SVP-Politiker im Flüchtlingslager auf der Suche nach Zottel an, denn er fuhr umgehend damit fort, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen (oder eben ähnliches, ich verstand ja noch immer nichts). Was will der Rock-Opa nun von mir, vielleicht einen Kaffee trinken in der Cafeteria (da durfte ich zu diesem Zeitpunkt noch hin), denn ich wusste ja, dass Araber gerne Kaffee trinken (oder stimmt dies etwa nicht, muss mal googeln). Also ich nahm ihn bei der Hand und wir gingen in Richtung Lift. Der Redeschwall auf Arabisch ging weiter, so dass ich annahm, das Richtige zu tun, sein Koffeinspiegel war wohl ziemlich im Keller. Also zum Lift mit ihm und ab ins Erdgeschoss. Als sich die Lifttüre öffnete und er den Ausgang sah, wollte er mich gleich knuddeln (ich wehrte etwas distanziert ab), danach folgte das Zeichen vom Schlafen gehen (sie wissen schon, beide Hände zusammen an den Kopf gelegt) und schwubs war er mitsamt seinem Rock draussen. Was war nun mit dem Koffein, so alleine wollte ich nicht in die Cafeteria und ging wieder hoch zu den grünen Sesseln und dem Eptinger. Wow, ich hatte einem arabischen Opa im Rock geholfen den Ausgang im Spital Aarau zu finden. Ich kam mir vor wie Arnold Schwarzenegger und Silvester Stallone zusammen. Seit diesem Tag bin ich dem Rock-Opa auf der medizinischen Intensivstation 111 noch mehrmals begegnet. Es herrschte ab da eine fast gänzlich stille Freundschaft zwischen ihm und mir (ich lernte ja nicht so schnell Arabisch und er auch nicht Deutsch), aber die Freude, dass wir uns wieder begegneten, konnte sicherlich in unseren Gesichtern, ob schweizerisch oder arabisch, abgelesen werden. Eine Woche später kam er dann in Begleitung einer jüngeren Frau, die ich noch nie gesehen hatte. Wir begrüssten uns auf unsere Art mit Winken und Kopfnicken und er sagte immer wieder so etwa wie hälähälä oder so (muss mal hälähälä googlen). Das Gesicht der Begleitung vom Rock-Opa hätte ich filmen müssen (stellt sich dann aber die Frage, wie ich diesen Film in das Buch gedruckt hätte) – aber sie wissen ja sicherlich was ich meine, die Fragezeichen kamen ihr fast aus allen Hautfalten.
Wo war ich sitzen geblieben – ah ja, bei meinen grünen Sitzbänken und dem Eptinger blau (die roten waren inzwischen alle leer, was die Auslastung der medizinischen Intensivstation markant in die Höhe getrieben haben muss) und meiner Schreibblockade. Wenn Sie nun hier bereits denken, der Schreiberling hat ja selbst ein ADHS, der macht ein komplettes Durcheinander – nein, ich garantiere Ihnen, ich habe keines!
Kurze Unterbrechung, ich darf zu Brigitte, meiner Ehefrau. Also packe ich meinen Laptop zusammen und begebe mich zur Tür mit dem roten Schild. Diese hat sich wie von Zauberhand (ja ich weiss, dass da nicht Harry Potter ist sondern eine Krankenpflegerin die den Knopf gedrückt hat – aber lassen sie mir doch meine Phantasie), also, sie hat sich wie von Zauberhand geöffnet. Da ich mich beim Einpacken des Laptops etwas schwertat, schloss sich die Türe gerade wieder, als ich eintreten wollte. Was nun? Den Türgriff durfte ich ja gemäss dem roten Schild nicht berühren, als Mittelteil eines Sandwiches wollte ich nicht enden, ich gab gemäss dem Motto, der Gescheitere gibt nach, die Türe bleibt stehen (eben nicht, sie schloss sich ganz! und somit wieder so ein Spruch der nicht stimmt) nach und blieb draussen. Nun wollte ich doch unbedingt zu meiner Brigitte, sie soll ja schliesslich die Hauptperson dieser Erzählung sein. Wie kann ich über sie schreiben, wenn ich vor verschlossener Türe stehe. Also nicht so wie sie jetzt wieder denken, nein vor der Türe mit dem roten Schild eben – haben sie ein ADHS und können sich nicht konzentrieren? Ja, dann versuchen Sie es einmal mit – stopp, das Buch soll ja kein Ratgeber sein, also ich nehme alles zurück, versuchen sie gar nichts ausser einfach weiterzulesen, das mit dem Konzentrieren kommt dann schon irgendwann (oder auch nicht, dann ist es aber auch egal).
Jetzt habe ich die Konzentration verloren und das ist gar nicht gut, denn ich schreibe ja dieses Buch, stellen sie sich einmal dieses Chaos vor, wenn ich als Buchschreiber die Konzentration verliere, wenn ein Schreiner nicht mehr schreinert, wenn ein Manager nicht mehr managet, wen ein Koch nicht mehr kocht – nein ich habe kein ADHS!
Wo bin ich stehen geblieben – richtig, vor der verschlossenen Tür mit dem roten Schild. Wo wollte ich hin – richtig zu meiner Brigitte welche ja auf dieser medizinischen Intensivstation 111 liegt. Keine Angst, ich schreibe keinen Arztroman, davon gibt es ja auch schon genug Fernsehserien (Brigitte und ich lieben „Greys Anatomie“). Warum eigentlich keinen Arztroman – weil ich vor der verschlossenen Türe mit dem roten Schild stehe, wie soll ich da einen Arztroman schreiben – hätten sie auch selbst draufkommen können, oder!
Da die Türe mit dem roten Schild nach wie vor verschlossen ist, sitze ich noch immer auf der grünen Sitzbank beim Eptinger, inzwischen hat eine Hilfskraft des Spitals, sicherlich mit islamistischem Hintergrund, die roten Eptinger nachgefüllt. Jetzt plötzlich öffnet sich die Zaubertüre und bevor ich reinflitzen kann (ich habe ja wieder den Laptop auf meinen Knien) kommt da durch die Türe – sie glauben es gar nicht - mein Rock-Opa mit seinen beiden Söhnen. Nach der rituellen Begrüssungszeremonie (die Söhne schauen etwas verdutzt) setzt sich Rock-Opi direkt neben mich auf die grüne Sitzbank. Er staunt über meine Schreibtätigkeit (die Blockade hat sich ja dank ihm und der Türe mit dem roten Schild gelöst) und macht mit seinen Fingern meine Tastaturanschläge in der Luft nach. Wie erkläre ich dem Rock-Opa jetzt (ich kann noch immer kein Arabisch, wenn es denn überhaupt Arabisch ist), dass ich gerade über ihn schreibe und nicht etwa Klavier spiele. Ich deute auf das Kinderbuch Trix und Trulle, das hier rumliegt und dann auf ihn. Natürlich hoffe ich, dass er oder seine Söhne dies nicht falsch verstehen, denn wer will schon neben einem Selbstmordattentäter sitzen. So jetzt ist raus, mein Vorurteil, alle Araber sind Terroristen, dabei sieht Rock-Opa so richtig nett aus (wie sieht ein Selbstmordattentäter aus? Ich bin zum Glück noch nie einem begegnet). Einer der Söhne schaut immer so grimmig-arabisch drein, aber ihn deshalb gleich als Attentäter zu bezeichnen, also wirklich, bin ich denn in der SVP?! Ich kontrolliere mein Portemonnaie, glücklicherweise finde ich darin keinen Mitgliederausweis der SVP. Also mach ich den Versuch und spreche meinen Rock-Opa an, woher er denn stamme. Zum meinem grossen Erstaunen antwortet mir der Sohn (nicht der Grimmige, der andere), dass sie aus Syrien stammen (oh hallo, nun spricht der noch Französisch mit mir, sehr verdächtig das Ganze) Ich hatte also doch recht mit dem Attentäter äh ich meine mit dem Arabisch. Entschuldigung, ich verwechsele gerne immer etwas, wobei dies in dem Falle ziemlich fatal hätte enden können. Vielleicht hat der Rock-Opa ja Sprengbomben unter seinem Rock, wer weiss das schon und ich hätte ihn dann enttarnt. Ich versuche mich mit inneren Atemübungen, so etwas wie Yoga (muss mal googeln) zu beruhigen, aber mein Puls rast.
