Lichter auf der Piazza Maggiore - Enrico Palandri - E-Book

Lichter auf der Piazza Maggiore E-Book

Enrico Palandri

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Beschreibung

Als Enrico Anna zum ersten Mal sieht, läuft sie gerade la­chend mit ihren Freundinnen über die Piazza Maggiore. Hier schlägt jetzt, im März 1977, das Herz der Proteste in der Universitätsstadt Bologna, und hier treffen sich die jun­gen Studierenden, die voller Kreativität und Lebenslust nach Alternativen zur Lebensweise ihrer Eltern suchen. Obwohl Enrico sich zunächst nicht traut, Anna anzusprechen, wird aus ihnen ein Paar. Doch ihre Liebe ist eine, die unweigerlich enden muss, ebenso wie die Proteste der Studierenden, die von Polizei und Justiz mit stetig wachsender Brutalität ver­folgt werden. Enrico Palandri erzählt auf unnachahmliche Weise von einer Zeit des Aufbruchs und der Utopien: Briefe, Notizen und Gedichte verweben sich collagenartig zur Chronik der Ge­schichte von Anna und Enrico – und zugleich zur Chronik einer Bewegung. Lichter auf der Piazza Maggiore erschien 1979 in Italien und avancierte sogleich zum Kultbuch. Nun ist der Klassiker erstmals in deutscher Übersetzung zu entdecken.

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EPUB
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Seitenzahl: 225

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

[Cover]

Titel

Widmung

Jeden Abend trete …

Mensch MAI! Was für besoffne Nackt-Ärsche!

Ale die Füchsin …

Eines Abends sagte …

wenn vom Himmel …

Gigi hat beschlossen …

»Ich fahre die Türkei …

der fliegende holländer …

Jetzt wohnt auch …

Ich wohn alleine mit Mamà …

Ihre Eltern haben …

Ich weiß nicht …

Die Ruhe dieser …

Ferrania ist der …

Es ist eine Frage der Umgebung …

Dank

Barrikaden, Fantasie und Paranoia: die Geschichte hinter der Geschichte

Über den Autor

Über die Übersetzerin

Kurzbeschreibung

Impressum

für Anna

Jeden Abend trete ich aus meiner kleinen Wohnung in der Altstadt; dem lieben Maimond pfeife ich ein fröhliches Lied und verfolge aufmerksam alles, was um mich herum geschieht; bis spät in der Nacht durchstreife ich gut gelaunt die Gassen und Plätze, mal treffe ich niemanden, mal bleibe ich alle paar Meter stehen und rede mit allen;

die Tage vergehen und ich weiß, ich kann sie verbummeln.

Ich verbringe viel Zeit mit meinen Freunden, andere Male bin ich allein, doch meistens geht es mir gut.

Jetzt haben wir Januar und es läuft entschieden schlechter, deshalb bleibe ich beim schönen Mai mit seinen süßen Düften.

Anna hat eine weiße Latzhose an und eine rote Jacke, natürlich nicht immer, nur ab und zu.

Ich habe mich sehr schnell in ihre Augen verliebt, auf den ersten Blick sozusagen: Solltet ihr jemals einer Person mit rot verfrorenen Händen und dünner Kratzbürstenstimme begegnen und unwillkürlich in ihren Anblick versinken, in die Art, wie sie sich bewegt und mit wem sie spricht, wie sie sich für manches interessiert und für anderes überhaupt nicht, dann könnte es sein, dass diese Person euch im Bruchteil einer Sekunde unter die Haut geht und es verdammt schwer wird, sie wieder loszuwerden; ihr könnt euch sogar sicher sein, dass ihr es nicht schafft, jede Wette!

So hat der liebe Mai mich glücklich gemacht, ich war hin und weg von anna, aus der Ferne beobachtete ich, was sie tat und wen sie gut fand, ich hatte Lust, sie zu küssen.

Und eines Abends dann kamen wir zueinander, wir haben geredet und uns geküsst, ich las ihr aus einem Buch vor und sie las in meinem Herzen.

Nie und nimmer kann ich das alles erzählen:

tatsächlich sehnte ich mich insgeheim danach, zu heiraten, schon lange, doch in den Monaten vor Frühlingsbeginn war es fast zur Existenzfrage geworden; mindestens drei Frauen hatte ich in den letzten Wochen einen Antrag gemacht.

Mit anna glaubte ich, vergessen zu können, dass immer so viel auf einmal passierte, ich glaubte, mit der Welt im Reinen zu sein, ganz und gar versunken in einem konturlosen Traum.

Piazza san domenico um ein Uhr nachts, eine Dose Bier und eine kühle Brise: anna lieh mir ihren gelben Pulli (den mit linus drauf), wir redeten wirres Zeug; ich umarme sie, sie will ihr Hemd nicht ausziehen, ich berühre ihre kleinen Brüste, fahre ihr durch die Haare, anna küsst mich, sie hat einen schönen Mund und schöne Hände; sie hat lange, schlanke Beine; ich bin glücklich und fühle mich irgendwie seltsam: aber sehr glücklich.

Am Vormittag scheint die schöne Maisonne, vielleicht haben wir auch schon Juni, wir frühstücken spät: wir kaufen uns Zeitungen, schlendern langsam Richtung Piazza, dann weiter zu annas Schule, wieder zurück zum Radio, dort verabschieden wir uns: anna hat ihre Telefonnummer auf einen Zettel geschrieben (wann denn?, frage ich mich, wir waren doch ständig zusammen) und gibt sie mir.

Mir gehen ihre wunderschönen Beine nicht aus dem Kopf, die scheuen Berührungen, ihre neugierigen Küsse; Autos fahren vorbei und alles um mich herum sieht fröhlich aus!

Ein paar Tage später fährt anna ans Meer, mit clorinda, ale und silvia, ihren engsten Freundinnen; ich begleite sie nach Hause, wo die drei auf sie warten; wir essen zusammen, und wenn ich sie ansehe, fallen mir die kleinen Zweige ein, die uns das Gesicht zerkratzen.

Wenn alles fragil und empfindlich ist und fast überall gebrochen, ist das oberste Gebot, nicht mehr daran zu rühren. (Januar)

Ich interessiere mich sehr für Frauen und dafür, wie sie leben, deshalb höre ich gerne ihren Unterhaltungen zu, obwohl ich die Leute nicht kenne, über die sie reden.

Ich interessiere mich für anna, will sehen, wie sie lebt, am liebsten wäre ich immer bei ihr, bin schon verliebt.

Noch war nicht ganz klar, was zwischen uns lief; so wie wir miteinander sprachen, wie wir uns knapp und auf Abstand begrüßten, sah alles nach einem Abenteuer aus.

Außerdem redete anna anfangs nicht, wenn wir zusammen waren, sie brachte kein Wort heraus, war schrecklich schüchtern.

gigi ging es damals gerade blendend und er zog sie manchmal mit ihrem Schweigen auf:

»irgendwann wirst du merken, dass ich kein Hirngespinst von dir bin und keine Fata Morgana, und dann wirst du mit mir reden!«

aber immer charmant, nie beleidigend.

Anna und ich waren einander noch völlig fremd und redeten wenig; dabei gab ich massig Wörter von mir und sie kein einziges, insgesamt sagten wir beide wenig.

Oft saßen wir abendelang mit ihren Freundinnen hinter der piazza und alberten herum oder unterhielten uns ernst; ich war damals ganz besessen von ein paar Gedichten, die ich pausenlos deklamierte, egal ob ich allein war oder unter Leuten.

clorinda faszinierte mich total, sie hatte einen ganz speziellen Look mit ihrem schwarzen Tuch in den Haaren und dem ebenso schwarzen, glatt in die Augen gekämmten Pony.

Ich fand sie von Anfang an wunderschön, wie sie sich bewegte und ihre Sätze irgendwie in der Schwebe hielt, als spräche sie nur zu Leuten, die sie auch verstanden.

Ich hatte ständig das Gefühl, im Leben von anna, clorinda, ale und silvia nur so eine Art Beiwerk zu sein; denn durch ihre Themen und die Art zu reden können sie jeden jederzeit ausschließen: als spielten sie Flüsterpost, um andere neugierig zu machen, denn obwohl jedes Wort klar und deutlich zu hören ist, kapiert man rein gar nichts, auch nicht, was sie so lustig daran finden, denn offen gesagt gickeln und kichern sie die ganze Zeit über dieses geheime Hin und Her aus Banalitäten.

Manchmal kann ich die Dinge nicht als das erkennen, was sie sind, messe ihnen zu viel Bedeutung bei oder ihren Ermüdungserscheinungen zu wenig, kann nicht begreifen, dass Geschichten sterben müssen, zumindest in ihrer bis dahin vertrauten Form,

dann passiert es, dass man sich »verlassen« fühlt; man sieht nicht mehr die Kontinuität, die Transformation, alles scheint gebrochen, »das gebrochene Herz«, und der Verstand wirft gnadenlos sein grelles Licht auf das Horrorszenario, in dem man versinkt (fuck!); doch darauf komme ich später zurück; jetzt bleibe ich bei Mai und Juni und den herrlichen Monaten, als die Liebe zwischen anna und mir »anschwoll« und immer neue Wonnen aus sich und uns hervorbrachte.

Mensch MAI! Was für besoffne Nackt-Ärsche!

arthur rimbaud, pariser kriegsgesang

Mai und September waren schon immer meine Lieblingsmonate; ich liebe die Sonne und den Himmel, die Katzen und die Dächer und all die tollen Menschen, die auf den Stufen von san petronio sitzen oder in der villa margherita auf der Wiese liegen.

Eigentlich möchte ich keinen einzigen Tag dieses schönen Monats auslassen, doch die Erinnerung verirrt sich zu einem Nachmittag auf der piazza maggiore, und von dem will ich jetzt erzählen:

mit giulianos Kurs bauten wir damals Himmelslaternen und ließen sie steigen und sangen dabei; eines nachmittags kam ich gerade von einem dieser komischen Treffen, für die ich keinen Namen habe, wo wir irgendwie alles ans Laufen brachten, wo wir wie bekloppt herumsprangen und »flieg! flieg!« schrien oder auch »brenne!! brenne!!«; ich war fröhlich und in diesem Zustand des verliebten Überfließens, den der Frühling mit sich bringt.

Du kriegst dich einfach nicht mehr ein, weißt dir nicht zu helfen, und der Sex, diese unermessliche, schlafraubende Kraft, sprengt alle Regeln (die Regeln des Winters), mit denen du dich normalerweise gegen das Elend und die Angst zu vereinsamen wappnest; alle flotten Zweier, Dreier und kollektiven Orgien werden im Frühling zu bloßen Ordnungshütern, die dir vorgaukeln, es gebe eine Konkretisierung der Begierde, wo sonst nur Abstraktion herrscht, wo Worte und Dinge streng voneinander getrennte, eigenständige Bereiche sind: Sex, Intellekt, Liebe, Kinder, Kacke und so weiter und so fort: kurz gefasst, Körper und Seele oder auch »divide et impera!«

im Zustand des Überfließens aber treten die Zusammenhänge, innerhalb derer ihr euch kennengelernt habt, zurück, Kategorien lösen sich in Luft auf, sodass ihr plötzlich das eine behaupten könnt und gleichzeitig sein Gegenteil und dann noch etwas Drittes, das völlig außen vor ist, und trotzdem ergibt alles einen Sinn, was letztlich darauf hinausläuft, dass es keinen Sinn gibt.

Im Zustand des Überfließens stößt du automatisch jene vor den Kopf, die dich als ruhige und vernünftige Persönlichkeit kennengelernt haben;

ihr erkennt das Überfließen daran, dass euch die Beziehungen, die ihr im Winter aufgebaut habt, zu eng werden, vielleicht funktionieren Frühjahrsbeziehungen auch einfach besser, was auf mich allerdings nicht zutrifft,

eure Träume fließen über und zerren euch in unerforschtes Gelände, wo ihr euch nicht mehr erklären könnt, was die doors oder irgendeine Basslinie in eurem Unterbewusstsein zu suchen haben.

Egal … man hat eh keine Chance, wenn man überfließt, fließt man eben über, Erklärungen bringen da nicht viel, bla bla bla Leben versus Ideologie, bla bla bla Individuum versus Gesellschaft, bla bla und nochmals bla; um nur ein paar Symptome zu nennen.

In diesem Zustand also betrat ich an jenem Nachmittag die piazza; calabrò war da in einer tollen, knielang abgeschnittenen Jeans (dichtes schwarzes Beinfell!), und wir setzten uns zu daniele, dem lieben Frühlings-Cupido, der wie immer so hübsche Sachen anhatte, Blümchenhemd, Gamaschen und eine kurze Weste.

Neben ihm lag eine Einkaufstüte mit lauter Blüten an ein paar Zweigen; er las in einem alten, vergilbten Buch (das bestimmt nicht oft die pralle Nachmittagssonne zu Gesicht bekam!)

ich kannte daniele nicht, beobachtete ihn aber häufig, ihn und andere. Ich mag, wie er sich kleidet, und seine elegante Lässigkeit; auch wirkt er immer irgendwie bekümmert, leidend, und seine Aura des Instabilen unterschied ihn meiner Ansicht nach von den übrigen edlen Unbekannten, auf deren Betrachtung ich viel Zeit verwand.

»was liest du denn Schönes?«, frage ich ihn.

»aminta von tasso.«

»tasso?«

»ja!«

»warum liest du denn den alten Kram?«

Wenn ich Small Talk betreibe, kommt meist nur Müll dabei heraus, oder besser gesagt, ich werde unfreiwillig albern und rede in einer Tour Unsinn; und weil ich mir selbst dabei schmerzlich bewusst bin, dass ich mich gerade bis auf die Knochen blamiere, leide ich genauso darunter wie unter dem ganzen Rest, wenn ich mich »locker« unterhalte.

Ich war daniele dankbar für seine ruhige und höfliche Reaktion, die ohne Häme war; aber ich blieb auf der Hut; immerhin konnte seine Freundlichkeit jäh umschwenken in ein »das geht dich einen feuchten Kehricht an, zieh Leine, du stinkender Breitmaulfrosch!« oder was die Tierwelt sonst an miesen Vergleichen bereithält, um meinen großen Mund zu beschreiben; aber daniele ist feinfühlig, großmütig, wahrscheinlich sah er im Gegensatz zu mir keinen Grund zu Gereiztheit und antwortete geduldig und präzise auf meine nicht enden wollende Liste dämlicher Fragen; dann irgendwann, mitten in unserem semi-ernsten Literaturdiskurs, sehe ich, wie er in allem stockt (Kopf, Worte, Atmung), mich anlächelt und allein durch seine Körperhaltung unser banales Gespräch unterbricht, zu meiner großen Erleichterung, mich anblickt (ich erwarte eine umwerfende Erkenntnis von seinen Lippen!) und fragt:

»interessierst du dich für die Liebe?«

Ich war sofort in heller Aufregung, das hatte ich doch sagen wollen, genau darüber musste ich doch so dringend reden (muss ich immer noch)

»guck mal da drüben, mein Freund, siehst du die Frau da, die sich mit der Breitschultrigen unterhält, immer wenn ich sie sehe, setzt mein Verstand aus; ich weiß nicht mehr, wie mir geschieht, höre nicht mehr, was die anderen sagen, starre nur noch sie an, so wunderschön ist sie, ich habe sie, glaub ich, schon irgendwo gesehen, keine Ahnung, wo …«, aber das sagte ich nicht, wahrscheinlich habe ich auf danieles Frage nur »ja, total« genuschelt, woraufhin er mir mit leidenschaftlicher Verve ganze Passagen aus dem ollen Buch vorzulesen begann. ich hing meinen Gedanken nach und lauschte seinen schönen Worten.

Anna hatte sich mit diana in unsere Nähe gesetzt, sie hatte eine weiße Latzhose an

einer dieser wunderbaren Momente, die es manchmal im Leben gibt: an der frischen Luft und im klaren Licht des Frühlings, um mich herum nette Menschen, daniele liest aus seinen Gedichten vor, ich strecke mich gemütlich auf den Stufen aus und das Herz schlägt mir »bum bum bum« bis zum Hals!

daniele schenkte mir eine Blüte, ich steckte sie mir ins Knopfloch meiner Jacke und ließ mich auf die Ellbogen zurücksinken, »herrlich hingegossen auf die Stufen von san petronio«, ich empfand mich als lang und vornehm wegen der ausgestreckten Beine.

So verging die Zeit, bis irgendwann isabella und betta dazustießen und mit uns quatschten; betta ist wirklich hübsch, ich finde sie umwerfend; ich hielt mich aus der Unterhaltung raus, hüllte mich lieber in vornehmes Schweigen und lag lang und geheimnisumwoben auf der Treppe in der Hoffnung, bettas Neugier zu wecken.

So war ich ganz in meiner wirren Gefühlswelt versunken, umgeben von Leuten, die ich mochte, mich selbst fand ich auch okay und alles war doch irgendwie in Ordnung; dann schenkte daniele auch isabella und betta eine Blüte, er suchte extra die schönsten aus seiner Tüte hervor, und da erwachte ich aus meinem vornehmen Schweigen, fing die Blume für betta ab und sagte, die wolle ich ihr widmen

mit etwas verlegener und bemüht charmanter Miene sagte ich zu ihr: »Des Sommers warmer Hauch kann diese Knospe der Liebe wohl zur schönen Blum’ entfalten, bis wir das nächste Mal uns wiedersehn.«

ich reichte ihr die Blume und versuchte, so normal wie möglich zu wirken, was mir nach dem ganzen Theater ziemlich schwerfiel.

Ich hatte mich offenbart! ich hatte ihr meine Liebe gestanden!

In der Liebe ist es wie fast überall: Am besten bin ich da, wo ich nicht die Initiative ergreife; nichts erzwingen und alles zulassen, die Welt nimmt ihren Lauf und ich folge ihr, wie man es wunderbar in diesem Film sieht, der mir immer wieder in den Kopf kommt, der stadtneurotiker von woody allen; darin reden er und annie kaum ein Wort miteinander, alles läuft wie von selbst in eine Richtung. und dann geht’s!

Betta musste unwillkürlich lachen, war aber irgendwie auch geschmeichelt, und ich hoffte, es würde so bleiben, wir würden uns weiter verschworen anschauen und gemeinsam eine gute Zeit haben, einerseits verlegen, sodass man raus will aus der Situation und gleichzeitig auch drinbleiben, lachen und hören, wie es weitergeht, und dann lachten wir alle zusammen und so ging es weiter.

Aber nicht lange, denn isabella wandte sofort ein:

»das sagt er zu allen, betta, darauf brauchst du nichts zu geben!«

Ich schwor, dass ich nur sie allein liebte und diesen Satz noch zu keiner anderen gesagt hatte; betta tat jetzt eingeschnappt und vielleicht war sie wirklich enttäuscht: zumindest wünschte ich mir das; jedenfalls war alles ganz spielerisch, auch die Enttäuschung, betta warf die Blume zu Boden und sagte:

»Sie sind zu jung für solche Geschichten, mein Herr, heben Sie Ihre Gabe auf und meiden Sie künftig derlei Fehltritte, sie schmücken Sie nicht«

natürlich war ich tief getroffen und nach einem halbherzigen Versuch, isabellas niedere Unterstellungen zu widerlegen, versank ich wieder in mein geheimnisumwobenes Schweigen.

Ich muss versuchen, die grammatikalischen Fesseln aus erster Person Singular und Vergangenheitsform abzuwerfen; bisher klingt es wie die Geschichte eines alten Mannes, der sein Leben im Rückblick neu sortiert, um die Erinnerungen unter Kontrolle zu bringen

noch ist die Geschichte sehr oberflächlich, lässt keinen Raum für Verzweiflung; ich brauche Syntaxformen, die Bewegung suggerieren und die Verwirrung aus der Verwirrung selbst heraus schildern, und ich muss dieses vorwitzige und arrogante Subjekt loswerden, das bei jedem Auftritt sofort die Szene beherrscht; vielleicht sollte ich das Ganze lieber ins Präsens setzen, wie in einem Tagebuch, oder ich gebe es komplett dran, wie anna vorschlägt? Jedenfalls sei auch dieser kleine Zweifel hiermit dokumentiert.

Manche Abschnitte lesen sich schon sehr gut, sie sind flüssig, verständlich und machen Lust auf mehr; vielleicht wäre es hilfreich, keine Entscheidungen zu treffen und durch die Lücken im Diskurs den Sinn und das Satzgefüge entfliehen zu lassen; die Sprache hat wie die Zunge geschmackliche Schwächen, zum Beispiel die Wiederholung, weil darin Musikalität und Sinn auseinanderdriften, bis sie sich antithetisch gegenüberstehen; muss man den Diskurs dorthin lenken, um den Sinn zu vergessen? kafka, die marx brothers

auf diese Art wird der Sinn sehr viel leichtfüßiger, ohne dass er abhandenkommt, er wird als Teil des Diskurses ausgespielt und nicht als seine Analyse; beim Sprechen geht es um die Wahl zwischen »der« und »welcher«, nicht um: »was willst du damit sagen?«

Die Frau mit der Latzhose sitzt immer noch da und … sieht sie mich etwa an?! Okay, ich halte mal den Blick, ich kann ja schauen, wohin ich will, oder? … puh, sieht die toll aus, so blaue Augen … mal sehen, ob calabrò auch glaubt, dass sie zu mir rüberschaut. Scheiße, oder sitzt da etwa jemand hinter mir?! Nein, keiner da, also schaut sie zu mir, ist das herrlich, völlig unverblümt! Schüchtern ist die jedenfalls nicht … ich geh jetzt zu ihr und schenke ihr die Blume, die ich von daniele habe, und dazu sage ich das Sprüchlein aus romeo und julia »Des Sommers warmer Hauch kann diese Knospe der Liebe wohl zur schönen Blum’ entfalten, bis wir das nächste Mal uns wiedersehn.« wenn betta das erfährt, redet sie kein Wort mehr mit mir! und natürlich hat isabella recht, es ist nicht okay, herumzulaufen und überall dasselbe rauszuposaunen, das glaubt einem ja niemand mehr! aber was soll’s? was kann ich dafür, wenn mir die Damen gefallen? vielleicht ist es besser, abzuwarten, bis es vorbeigeht, ich treffe einfach meine Freunde und wir reden über sonst was, um sie mir aus dem Kopf zu schlagen, oder ich zieh mir mal wieder ein bisschen Politik rein: Ruinier dich ganz durch Militanz!

nein, so geht das nicht, ich muss mir was anderes einfallen lassen.

Der Witz an der Sache ist, ich find’s in Ordnung; nicht komplett natürlich, irgendwas ist ja immer, aber zumindest die Sache mit den Damen, also dass ich mich nicht verloben will oder in so eine Pseudo-Ehe reinrutschen, das finde ich gar nicht so verkehrt, überhaupt nicht. Die Sache ist nur die, dass alle, die verlobt sind, dich nach einer Weile schief ansehen, als ob du nicht in der Lage wärst, dich ernsthaft zu binden, womit sie ja vielleicht gar nicht so unrecht haben; aber mich deshalb wie einen Aussätzigen zu behandeln!

Ich muss ruhig bleiben, ganz ruhig, und einfach nichts tun, sonst wird es böse enden, das merk ich doch jetzt schon, lieber schön stillhalten: und was sollte ich ihr auch sagen? »ciao, ich bin enrico, wie heißt du denn?«, ganz schlecht … da könnte ich sie ja gleich nach ihrem Pultnachbarn fragen! Nein, ich muss mir was richtig Krasses ausdenken, das sie direkt umhaut, sehr galant und richtig krass.

Aber dann setzten sich plötzlich zwei Faschos uns gegenüber und calabrò stand auf, gasparazzo und andere Genossen auch und ich auch, und dann sagten wir , hier sei kein Platz für sie, und ich fühlte mich wie einer von ihnen, und dann haben wir sie fortgeschickt. Ein Hoch auf den Sheriff und seine Helfershelfer!

Als wir dann wieder saßen, habe ich weiter überlegt, wie ich an meine Angebetete herankomme, aber unternommen habe ich nichts, und es war jeden Abend das Gleiche; irgendwann war die Latzhose dann weg und ich bin auch bald aufgebrochen und wie ich drauf war, keine Ahnung.

Ale die Füchsin; anna hat mir erzählt, dass sie das früher, als sie sich kennenlernten, überall hinkritzelte.

Sie ist sehr dünn; ich erkannte sie immer als Erste von allen an ihren unverwechselbaren blonden Locken, ganz weich; und sie ist groß, sodass man sie schon von Weitem sehen kann; in diesem Frühling fuhr sie ein weißes Rad und trug ein türkises T-Shirt, und auch daran erkennt man sie schon von Weitem.

Immer wieder rutschen mir beim Erzählen Dinge durch: Das hier ist die Überarbeitung, venedig, das große, schöne Haus, zu Gast bei meinen Eltern; das große Haus, schön und leer. Überarbeiten ist der Wahnsinn, mein Schriftsteller-Freund gianni hat mir dazu geraten

der hat nämlich gesagt: »vergiss bloß nicht, es aufzuschreiben«, womit er meinte, dass ich Schriftsteller werden soll, denn das Schönste an diesen Seiten ist ja, dass jeder schreiben kann und jeder ein Schriftsteller ist. Dann sagte er noch, dass die Rohfassung niemand interessiere.

Also, bisher lief es folgendermaßen: Phase eins, unglaublich mühsame erste zwei Seiten, geschrieben im Januar »unter Blut und Tränen«, und am Ende erfahrt ihr auch, warum; Phase zwei, ein paar Seiten später, geschrieben im Februar, da wollte ich alles erzählen, was passiert ist, habe es aber nicht geschafft, weil ich einen auf Schriftsteller machte; Phase drei, einen Großteil in einem Rutsch runtergeschrieben, hundertdreißig Seiten in fünf Tagen bei maurizio zu Hause, ich wusste ja selbst nicht, dass ich so viel zu erzählen habe und noch längst nicht am Ende bin; Phase vier, das Ding wandert durch verschiedene Hände und die einen sagen »das ist gut« und andere machen sich über mich lustig, angelo kommt in die Bar und schreit »Da ist ja unser Schreibgenie!«, am liebsten will ich ihm eine reinhauen und irgendwann tue ich das auch, echt, Mann; Phase fünf, ich habe keine Lust auf nichts und mache deshalb auch keine Prüfungen mehr, stattdessen fahre ich nach venedig, um es zu überarbeiten, und ich denke, ich habe nur Müll geschrieben und kann das jetzt schon viel besser, weil ich dazugelernt habe, Phase fünf ist jedenfalls ganz schön anstrengend, weil irgendeine Macht in meinem Kopf dafür sorgt, dass ich dauernd etwas anderes denke.

Während ich diese Seiten fülle, ändere ich ständig meine Meinung, rede ich schlecht von festen Beziehungen, falle dann selbst drauf rein und weiß nicht mehr, wofür ich eigentlich stehe. Vorstellungen ändern sich, und wenn ein Gedanke nach ein paar Seiten von einem anderen ersetzt wird, dann liegt das daran, dass sich die Gedanken im Kopf verändert haben; so wird es dann in Phase fünf erzählt, und wer weiß, was noch kommt!

Zurück zu ale: Sie erkannte ich immer als Erste von allen, die Locken, das Fahrrad und ihr türkises T-Shirt; sie kommt auf dich zu und hat immer was zu erzählen, nichts davon ist erfunden, keine Ahnung wie sie das macht, dass sie immer so viel zu erzählen hat; das ist einfach ihre Art, sich auf der piazza maggiore zu präsentieren.

An guten Abenden gleicht die piazza einem Phalanstère: einem Ort der Liebesanbahnung, der flüchtigen Begegnungen und Blicke, alle lungern herum und es ist lustig und leicht; das war im Mai, ein einziges Abschätzen, Vergleichen und Abgrenzen, wir setzten uns durch minimale Gesten, Zeichen oder Worte voneinander ab: eine Blume im Knopfloch, eine Pennälerkrawatte, ein Halstuch, hier traf Eitelkeit auf Ablehnung des schönen Scheins.

Auf der piazza redet ale fast ausschließlich mit ihren Freundinnen, guckt aber gleichzeitig immer woanders hin; darin bin ich ihr ähnlich, wie ein streunender Kater beobachte ich die verschiedenen Grüppchen, Küsschen hier, Küsschen da, bin überrascht, wenn mir jemand nach Längerem wiederbegegnet, errate, wer mir von hinten die Augen zuhält, denke an nichts

zerstreute Unterhaltungen, so tun, als sei man da;

alles taugt zum Witz, immer woanders, die Blicke schweifen umher, suchen eine Person, die nicht da ist; dann plötzlich ist sie da, oft bleibt es bei der Beobachtung, nur manchmal findet man den Mut und spricht ihn oder sie an, irgendwas Banales, Unkompliziertes, sodass das Gegenüber merkt, es geht nur um die Annäherung. Damals fand ich alles toll, war von jeder Begegnung fasziniert, konnte überhaupt nicht differenzieren, für mich waren alle wundervoll; ich war der Überzeugung, dass jeder Mensch ein Geheimnis in sich trägt und man sich im Verlauf eines Abends anfreunden und anvertrauen kann; ich war immer da, all die netten Leute, die piazza als Mittelpunkt aller Wünsche, wie oberflächlich ich war!

Eine wunderbare Sicht auf die Menschen und die Welt, das soll mir noch mal passieren.

Gestern kam ich mit gigi auf die Geschichte zu sprechen, an der ich schreibe, und wie schwer es mir fällt, meine Erinnerungen festzuhalten, auf das Problem mit den Modi und Zeiten der Verben, auf die Dinge, die mir beim Erzählen auffallen, wie sehr es sich von reiner Fiktion unterscheidet und dass ich manchmal glaube, mich an nichts zu erinnern.

Dann kamen wir auf das Acid zu sprechen, das wir im Mai zusammen genommen hatten, er meinte, das sei nicht derselbe Abend gewesen, als wir am Eisstand die Zeche prellten, aber ich hatte recht; das war sehr lustig und spannend, wie wir unsere Erinnerungen in die Geschichte einfügten.

Wenn ich das jetzt aufschreiben will, stehe ich gleich wieder vor dem Problem, alles in Zeiten und Modi packen zu müssen; im Großen und Ganzen soll mein Buch davon handeln: Acid, lachen, Liebe, andrea, Latzhose, Musik, abhauen, gut.

Wir saßen in der Mensa beim Mittagessen; gigi redete seit Tagen davon, eine Röntgenaufnahme vom Kopf machen zu lassen, und ich war ganz hin und weg von der Vorstellung, dass man mit einem Apparat das Skelett und das ganze Innenleben sehen kann, und wollte auch so ein Bild von meinem Gehirn.

In der Mensa war nicht viel los und das Essen mäßig (Schluck!)

dann bin ich raus, ein bisschen frische Luft schnappen, und warf dabei eine Orange in die Luft; zwei oder drei Mal, dann kam sie nicht mehr runter, ich stand da mit offenen Händen wie ein Depp und keine Orange weit und breit, die hatte der Himmel verschluckt

also hatte ich keine Orange mehr, das einzig Genießbare in der Mensa, ein herber Verlust!

Ich also wieder rein mit dem festen Vorsatz, mir eine neue zu besorgen; ich setzte mich wieder zu meinen Freunden, die gerade bei ihrer Orange angelangt waren, hinter ihnen ein guter Mann, der die Tische abräumte

»entschuldigen Sie, Sie kennen sich doch aus hier, könnten Sie mir eine neue Orange besorgen?«

er wischt weiter die Tische ab und antwortet nicht. zehn Minuten später ist mein Orangenappetit Vergangenheit.

Da tippt mir jemand auf die Schulter, ich drehe mich um und sehe den Mann von vorher

»wissen Sie, in aller Bescheidenheit, aber wenn Sie eine Orange möchten, ich kann da vielleicht etwas für Sie tun, ich kenne hier alle …«

Als ich ihn so von meiner Orange reden höre, die ich schon vergessen hatte, mit seiner gutmütigen Miene oder dem Stolz in der Stimme und seiner ganzen Haltung, vielleicht auch weil ich seit den Ereignissen im März den rechtschaffenen Arbeiter nicht mehr leiden kann, jedenfalls brach ich in lautes Gelächter aus, schmiss mich fast weg vor Lachen. da wurde er plötzlich ganz ernst:

»hören Sie, ich bin ein einfacher Arbeiter und lasse mich nicht für dumm verkaufen, für wen halten Sie sich, mir einfach so ins Gesicht zu lachen?«

Ich glaube, der Ausdruck »einfacher Arbeiter« gab mir den Rest: ich konnte mich nicht beruhigen, ich machte zwei oder drei Anläufe, mich zusammenzureißen, ihn anzuschauen und mich zu entschuldigen, aber immer wieder fiel ich in meinen bemitleidenswerten Zustand zurück,

ich wollte dem ein Ende setzen, ihm sogar Geld anbieten, damit er endlich ginge; aber immer wenn ich in seine rüstige und rechtschaffene, dabei völlig wutentbrannte Miene sah, überkamen mich weitere Lachanfälle,