Lichterglanz und Herzklopfen - Jennifer Schwermer - E-Book

Lichterglanz und Herzklopfen E-Book

Jennifer Schwermer

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Beschreibung

Adventszeit in Berlin: Als absoluter Weihnachtsfan freut sich die 29-jährige Erzieherin Emily auf die schönste Zeit des Jahres. Getrübt wird ihre Freude allerdings durch das Pech mit Männern, das sie verfolgt. Dabei möchte sie so gern einen festen Partner an ihrer Seite haben, eine Familie gründen und glücklich werden. Mithilfe einer Dating-App versucht sich Emily im Onlinedating, was auch nicht sehr erfolgreich läuft.Als sie schließlich mit ihrer Freundin Nina für ein paar Tage nach Prag reist, lernt sie den ebenfalls aus Berlin stammenden Ben kennen und ist sofort hin und weg. Auch Ben scheint wie sie zu empfinden. Die beiden nähern sich an und verbringen eine wunderbare Zeit miteinander. Wenn da nicht plötzlich Bens Exfreundin auftauchen würde ...

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Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

EPILOG

KAPITEL 1

Erschöpft schloss Emily die Wohnungstür hinter sich, streifte ihre vom Regen durchnässten Schuhe ab und warf ihre Jacke auf den Garderobenständer. Dann stapfte sie ins Wohnzimmer, wo sie sich frustriert aufs Sofa fallen ließ.

Was für ein Abend, dachte sie niedergeschmettert.

Als würde dieses nasskalte Novemberwetter sie, die die Sonne liebte, nicht schon trübselig genug machen, war ihr Date heute auch wieder mal ein totaler Reinfall gewesen. Sie fragte sich, was sie wohl verbrochen habe und ob ihr das Glück in der Liebe vergönnt war.

Markus, mit dem sie sich soeben verabredet und den Abend verbracht hatte, entpuppte sich – um es direkt zu sagen – als ziemlicher Idiot. Einer von vielen, wohlgemerkt.

Leider passierte ihr das immer wieder. Sie lernte Männer kennen, traf sich mit ihnen und wurde enttäuscht. Entweder erwiesen sie sich wie Markus sofort als absoluter Fehlgriff oder es lief erst einige Zeit gut und Emily dachte, sie hätte nun endlich mal den passenden Mann gefunden und aus der Sache könne wirklich etwas werden – und dann zerplatzte die Seifenblase. Plötzlich fiel dem Kerl ein, dass er doch noch nicht bereit für eineBeziehung war – sei es, weil er noch an seiner Ex hing oder weil er derzeit einfach keine Lust auf eine feste Bindung hatte. Oder aber der Typ besaß nach mehreren Verabredungen ganz plötzlich kein Interesse mehr an ihr.

Man sollte ja meinen, dass man in einer Großstadt wie Berlin, in der sie lebte, eine ebenso große Auswahl an potenziellen Partnern hätte. Aber aus irgendwelchen Gründen machte Emily immer wieder die gegenteilige Erfahrung.

Vielleicht pickte sie sich genau die Falschen heraus, vielleicht lag es an der Anonymität in der Millionenstadt oder vielleicht wurde sie einfach vom Pech verfolgt. Sie hatte keine Ahnung, woran es lag. Was sie aber wusste, war, dass es in solch einer riesigen Stadt wie Berlin so viele Trottel gab und es gar nicht so einfach war, aus diesen vielen Trotteln einen gescheiten Mann herauszusuchen.

Sie war neunundzwanzig und hatte keine Lust mehr auf Dates, die zu nichts führten und – wenn überhaupt – in einem One-Night-Stand oder bestenfalls in einer Affäre endeten. Abgesehen davon, dass sie noch nie der Typ für etwas Lockeres gewesen war, hatte Emily in ihren Anfangs- und Mittzwanzigern genügend Männer kennen gelernt und ihre Erfahrungen gesammelt. Sie wünschte sich nichts mehr als eine glückliche, stinknormale Beziehung mit der Aussicht darauf, mit diesem Partner an ihrer Seite eine Familie zu gründen und alt zu werden.

Sie war nun in einem Alter, da wollte sie ihre Zeit nicht mehr mit unbedeutenden Flirts verschwenden. Viele ihrer Freundinnen und Bekannten bekamen Kinder, heirateten und kauften oder bauten Häuser. Ganz spießig also. Und genau das wollte sie auch.

Vor einiger Zeit war Emily sich sicher gewesen, dass sie all das mit ihrem Exfreund Nick haben würde. Sie hatte gedacht, er wäre der Richtige für sie. Jedoch hatte Nick das anscheinend anders gesehen und war der Meinung gewesen, nach drei Jahren Beziehung diese zerstören zu müssen, indem er Emily wochenlang mit irgendeiner dahergelaufenen Tussi betrogen hatte. Wer weiß, ob sie je davon erfahren hätte, hätte sie Nick nicht zufällig in flagranti erwischt, als sie damals in seiner Wohnung eine Überraschung für seinen bevorstehenden Geburtstag hatte vorbereiten wollen. Der Typ war ja nicht mal schlau genug gewesen, daran zu denken, dass Emily einen Zweitschlüssel für seine Wohnung besessen hatte.

Unfassbar, dass er ihr die ganze Zeit über die heile Welt vorgespielt hatte, während er sich nebenbei mit einer anderen vergnügt hatte.

Die Trennung von Nick war mittlerweile nun eineinhalb Jahre her. Seitdem konnte Emily zahlreiche Dates verzeichnen, die zu nichts Ernstem geführt hatten.

Vor einiger Zeit hatte sie sich nach den erfolgreichen Überredungskünsten ihrer Freundin Anna hin eine Dating-App namens Love Letter heruntergeladen. Anna war der Meinung, dass Emily dort möglicherweise die große Liebe finden könne. Nur hatte Emily selbst eher das Gefühl, dass der Großteil der Männer sich lediglich etwas für die nächste Nacht suchte. Von manchen Männernerhielt sie äußerst sonderbare Nachrichten, sodass sie direkt darauf verzichtete, überhaupt erst digital mit diesen Personen zu kommunizieren geschweige denn sich jemals mit ihnen zu treffen.

Markus war bereits der vierte Mann, den sie über diese App kennengelernt und getroffen hatte, und Emilys Hoffnung, dort jemand Anständiges zu finden, sank erneut.

Früher hatte sie gedacht, dass sie mit dreißig die Familienplanung abgeschlossen hätte, verheiratet und erfolgreich im Job wäre und in einem netten Häuschen mit ihrem Mann und ihren Kindern leben würde. Und nun würde sie in ein paar Monaten die dritte Null erreichen und konnte sich bei der Aussicht darauf nicht wirklich freuen, sondern wurde eher deprimiert.

Nicht, dass sie mit ihrem Job nicht zufrieden war. Ganz im Gegenteil. Das war das Einzige, was sie von ihren Plänen bisher erreicht hatte und sie glücklich machte. Als Erzieherin in einem deutsch-englischen Kindergarten hatte Emily ihren Traumberuf gefunden. Für sie war es aber nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung. Trotz der oft hohen psychischen Belastung – unter anderem bedingt durch die ständigen personellen Engpässe – liebte sie die Arbeit mit den Kindern. Die Kleinen konnten sie gut von ihren Sorgen ablenken. Und mit den lustigen Sprüchen, die Kinder manchmal so sagten, brachten sie die junge Frau immer wieder zum Lachen. Ebenso machte es Emily aber auch glücklich, die Kleinen in ihrer Entwicklung zu begleiten, ihnen die Welt zu zeigen und sie auf die Schule sowie auf das Leben vorzubereiten.

In der Weihnachtszeit, die nun bevorstand, machte ihr der Job ganz besonders viel Spaß. Emily war ein riesiger Weihnachtsfan und als Erzieherin hatte sie den perfekten Beruf, um diese Vorliebe auszuleben. Jedes Jahr aufs Neue freute sich darauf, mit den Kindern Weihnachtslieder zu singen, Dekorationen oder kleine Geschenke für die Eltern zu basteln und Plätzchen zu backen und zu verzieren.

Das Klingeln ihres Handys riss Emily aus ihren Gedanken. Sie griff nach der Handtasche neben sich, kramte das Telefon heraus und blickte auf das Display, welches ihr den eingehenden Anruf von Anna ankündigte.

„Hey“, begrüßte Emily sie.

„Hi, wie war dein Date?“, platzte Anna heraus, gespannt darauf, was ihre Freundin zu berichten hatte.

„Na ja. War nicht so prickelnd“, antwortete Emily niedergeschlagen.

„Oh, wirklich? Du klangst zuvor so begeistert von ihm. Was ist passiert?“

„Ach, der Typ hat die ganze Zeit nur von sich erzählt. Hat sich gar nicht wirklich für mich interessiert. Immerhin hat er das Essen gezahlt. Danach konnte er sich allerdings auch gar nicht schnell genug aus dem Staub machen.“

„Ach Mensch, das tut mir leid, dass es nicht so lief“, erwiderte Anna. „Na ja, dann datest du halt weiter. Der Richtige wird schon noch kommen.“

Anna hat leicht Reden, dachte Emily. Sie war schließlich seit fünf Jahren mit ihrem Tom zusammen und nun erwarteten die beiden ihr erstes Kind. Anna war im neunten Monat schwanger mit einem Mädchen. In vier Wochen, Mitte Dezember, war der errechnete Geburtstermin. Einen Heiratsantrag hatte Tom ihr inzwischen auch gemacht. Die Hochzeit sollte im späten Frühjahr stattfinden. Sie planten, auf die Malediven zu fliegen und ganz intim unter sich zu feiern.

„Na ja, wir werden sehen. Ich glaube ja nicht so wirklich dran. Vielleicht war das mit dem Onlinedating doch nicht so eine tolle Idee. Irgendwie hab´ ich das Gefühl, dass da nur Spinner unterwegs sind.“

„Nun gib nicht gleich auf“, ermunterte Anna sie. „Manchmal muss man eben erst viele Frösche küssen, um seinen Prinzen zu finden. Hab´ ein wenig Geduld.“

„Und wie viele Frösche soll ich deiner Meinung nach noch küssen?“

„Emily, ich weiß, dass du bisher nicht das größte Glück mit Männern hattest, aber du machst dir selbst zu viel Druck, glaube ich. Geh´ das Ganze doch entspannter an und lass es auf dich zukommen. Ich kenne mehrere Paare, die sich über Love Letter kennen gelernt haben. Deshalb glaube ich fest daran, dass auch du den Richtigen dort finden kannst. Und wenn nicht übers Onlinedating, dann wirst du ihn anderswo finden.“

Vielleicht hat Anna ja Recht, dachte Emily. Vielleicht machte sie sich selbst das Leben schwerer als nötig.

„Mag schon sein“, gab sie zu, „aber genug von mir und meinen Männergeschichten und jetzt mal zu dir! Geht´s dir und der kleinen Maus gut?“

„Bisher ist alles super“, sagte Anna. „Ich muss mittlerweile jede Woche zum Frauenarzt, wo ein CTG gemacht wird. Du weißt schon, mit dem die Herztöne des Kindes gemessen werden. Die sind nach wie vor unauffällig. Ich fühle mich noch ziemlich fit, aber man merkt auf jeden Fall die zwölf Kilo mehr, die man mit sich herumträgt“, lachte sie.

Anna erzählte noch ein wenig von ihrer Schwangerschaft und ihrer Vorfreude auf das Kind. Emily gönnte ihr dieses Glück. Vor rund zwei Jahren musste Anna die traurige Erfahrung machen, einen Embryo in den ersten Wochen zu verlieren. Umso schöner war es, dass in dieser Schwangerschaft mit dem Kind alles in Ordnung war. Und bis auf die anfängliche typische Übelkeit und hin und wieder ein bisschen Sodbrennen hatte Anna selbst auch keine Beschwerden.

Zehn Jahre war Emily nun schon mit ihr befreundet. Die beiden kannten sich aus der Erzieherausbildung, die sie gemeinsam absolviert hatten.

Nachdem Emily zuvor eine Ausbildung zur Staatlich anerkannten Fremdsprachensekretärin gemacht und bereits währenddessen gemerkt hatte, dass sie in einem Bürojob nicht glücklich werden würde, hatte sie sich wenig später beruflich umorientiert. Da sie zu Schulzeiten bereits ein Praktikum in einer Kita absolviert und in ihrer Jugend hin und wieder kleine Jobs als Babysitterin angenommen hatte, wusste Emily, dass die Arbeit mit Kindern ihr lag. So war es gekommen, dass sie sich für eine zweite Ausbildung zur Erzieherin beworben und sich im Nachhinein gefragt hatte, warum sie diesen Weg eigentlich nicht gleich gegangen war.

Dies war nun schon einige Jahre her. Inzwischen hatte Emily zweimal die Stelle gewechselt. Das erste Mal, weil sie irgendwann mit der Kitaleitung nicht mehr klargekommen war, und in der letzten Einrichtung, in der sie gearbeitet hatte, war das Team schrecklich gewesen. Das ausschließlich aus Frauen bestehende Kollegium kannte weder Zusammenhalt noch Empathie und Emily hatte sich vom ersten Tag an nicht willkommen und angenommen gefühlt. Sie erinnerte sich daran, wie sie oftmals mit Bauchschmerzen zur Arbeit gefahren war, sich durch den Alltag gequält und die Stunden bis zum Feierabend gezählt hatte.

Also hatte sie sich nach kurzer Zeit wieder auf Jobsuche begeben und war vor zwei Jahren schließlich in der deutsch-englischen Kita gelandet, in der Anna ein paar Monate zuvor angefangen hatte. Anna hatte ihrer Freundin immer von den tollen Kollegen und dem Konzept der Einrichtung vorgeschwärmt und sie dazu animiert, sich ebenfalls dort zu bewerben, denn zu diesem Zeitpunkt waren ohnehin mehrere Stellen frei.

Emily war froh darüber, in der deutsch-englischen Kita auch endlich auf ein paar männliche Erzieher zu treffen. Mit ihnen empfand sie die Arbeit als deutlich angenehmer, weil Männer häufig entspannter waren als Frauen und die Stimmung auflockerten. Außerdem war die Altersmischung im Team sehr groß und die Menschen an sich viel netter und weltoffener als in dem Kindergarten, in dem sie zuvor gearbeitet hatte.

Es war ebenfalls toll, gemeinsam mit einer Freundin im gleichen Betrieb zu arbeiten. Emily und Anna hatten immer gemeinsam Pause gemacht, nach der Arbeit oftmals spontan etwas unternommen und sind häufig zusammen mit ihren Gruppen spazieren gegangen bis zu jenem Zeitpunkt, als Anna nach Bekanntgabe ihrer Schwangerschaft direkt das Beschäftigungsverbot ausgesprochen bekommen hatte.

Die beiden hatten schon so viel zusammen erlebt und nun durfte Emily ihre Freundin bei deren nächstem Lebensabschnitt begleiten – eine Mutter zu werden.

Mal sehen, wann es bei mir so weit sein wird, dachte Emily wehmütig.

KAPITEL 2

Um fünf vor sieben erreichte Emily mit der U-Bahn den Alexanderplatz im Herzen Berlins. Sie war mit Christoph verabredet, einer neuen Bekanntschaft von Love Letter. Er hatte vorgeschlagen, etwas trinken zu gehen, und als Treffpunkt ein Pub in der Innenstadt vorgeschlagen. Emily schrieb seit ein paar wenigen Tagen mit Christoph. Normalerweise bevorzugte sie es, sich nicht so schnell mit den Männern, die sie online kennen lernte, zu treffen. Sie empfand es als angenehmer, die Person vorweg über das Schreiben ein wenig kennen zu lernen und sich ein Bild von ihr zu machen. Beispielsweise achtete sie darauf, ob sich ein Typ die Zeit nahm, längere und ausführlichere Texte zu schreiben oder ob er nur in einsilbigen Sätzen kommunizierte und das Gespräch somit eher oberflächlich blieb.

Natürlich war es etwas ganz Anderes, eine Person im realen Leben zu treffen als mit dieser digital zu kommunizieren, aber bei Emily konnte man punkten, wenn sie merkte, dass ein Mann ihr Aufmerksamkeit schenkte. Der ihr das Gefühl gab, nicht nur eine von vielen zu sein. Und gerade beim Onlinedating kam es schnell zu Letzterem.

Als sie sich kürzlich mit ihrer Freundin Nina über dieses Thema unterhalten hatte, hatte diese gegenteilige Argumente gebracht. Sie sah es als Zeitverschwendung, wochenlang mit jemandem zu schreiben, der, wenn man ihn dann endlich traf, nicht dem Bild der eigenen Vorstellung entsprach und man womöglich eine große Enttäuschung erlebte. Wobei man erwähnen sollte, dass Nina ohnehin nicht wirklich auf der Suche nach etwas Festem war. Trotzdem hatte sie mit ihren Einwänden auch irgendwie Recht, wenn Emily darüber nachdachte.

Wie oft schon hatte Emily intensiv über Wochen mit Männern, die sie im Internet kennen gelernt hatte, geschrieben, gelegentlich auch telefoniert, war total begeistert gewesen und überzeugt davon, ihren Traumprinzen gefunden zu haben, um anschließend bei dem ersten persönlichen Treffen festzustellen, dass der Typ gar nicht so war, wie sie ihn sich vorgestellt hatte? Dass er ganz anders aussah als auf den Fotos – was nicht unbedingt schlecht war, sie war ja nicht oberflächlich, aber eine gewisse Anziehungskraft sollte schon vorhanden sein – , ja, dass einfach die Chemie nicht stimmte zwischen ihnen? Man konnte es so und so sehen. Emily war einfach zu romantisch veranlagt, was manchmal zu ihrem Nachteil war, denn dadurch war sie dummerweise oft auch ein wenig naiv.

Also hatte sie sich dazu entschieden, es heute einmal auf Ninas Art auszuprobieren und zugestimmt, als Christoph sie nach ein paar kurzen Nachrichten bereits nach einem Treffen gefragt hatte. Was hatte sie schon zu verlieren? Immerhin war es auch besser, an einem Freitagabend auszugehen als allein zu Hause zu sitzen. Und wer weiß – vielleicht passte es dieses Mal ja tatsächlich.

Emily schaltete das GPS auf ihrem Handy an und ließ sich mit Hilfe von Google Maps zu dem Pub, welches ihr bis dato unbekannt war, navigieren. Auf dem Weg dorthin beobachtete sie das bunte Treiben auf den Straßen. Sie war in Berlin geboren und aufgewachsen und liebte diese Stadt und den Trubel, der hier herrschte. In ein paar Wochen würden hier wie jedes Jahr in der Adventszeit bunte Lichter glänzen und funkeln und der Stadt eine romantische und besinnliche Atmosphäre verleihen. Emily konnte es kaum erwarten.

Als sie das Pub betrat, blickte sie sich suchend nach Christoph um, dessen Aussehen sie ja nur von seinen Profilbildern kannte. Das Pub war gut gefüllt, was ihr die Suche nicht gerade erleichterte. Sie konnte ihn nicht entdeckten und warf einen weiteren, ganz genauen Blick durch den Raum.

Dann dachte sie sich, dass Christoph sich womöglich etwas verspätete, und suchte einen freien Platz in der Ecke, in der ein schmaler hoher Tisch und zwei Barhocker standen. Sie ließ sich auf einem der Hocker nieder und legte ihren Mantel auf den anderen.

Emily blickte auf ihr Handy, um zu überprüfen, ob Christoph sich vielleicht gemeldet hatte. Allerdings zeigte es keine neuen Nachrichten an.

Na gut, dann warte ich einfach, dachte sie.

Zehn Minuten später entschied sie sich dazu, Christoph eine Nachricht zu schreiben, in der sie ihn wissen ließ, dass sie im Pub auf ihn wartete.

Kurz darauf kam die Antwort. Er teilte ihr mit, dass er eingeschlafen sei und sich sofort auf den Weg machen würde und circa zwanzig Minuten bräuchte.

Emily seufzte. Sie dachte kurz darüber nach, wieder zu gehen, beschloss dann aber, zu bleiben. Nun war sie ja bereits hier, dann konnte sie jetzt auch noch warten. Christoph würde sich allerdings etwas einfallen lassen müssen, um das wieder gut zu machen.

Während Emily hoffte, dass er bald erscheinen würde, überbrückte sie die Zeit, indem sie sich ein Guinness bestellte.

Fünfundzwanzig Minuten später war Christoph immer noch nicht da. Emily tippte nochmals eine Nachricht an ihn und fragte, wie lange er noch brauchen würde. Langsam wurde ihr das hier zu bunt. Sie fand es schon etwas unverschämt, dass ihr Date sie so lange warten ließ. Ihr Handy blieb vorerst ruhig.

Wenn er in zehn Minuten nicht hier ist, dann gehe ich wirklich!, dachte sie wütend.

Mit einer heißen Schokolade hatte Emily es sich auf der Couch gemütlich gemacht und schaute einen Thriller auf Netflix. Sonst sah sie sich gern Liebesfilme an, aber heute war ihr überhaupt nicht danach. Sie hatte genug von Romantik und der ganzen Gefühlsduselei.

Tatsächlich war dieser Christoph nicht mehr im Pub aufgetaucht und schlecht gelaunt war Emily wieder nach Hause gefahren. Ihre Zeit hätte sie auch anders verbringen können als damit, auf einen Kerl zu warten, der sie versetzte. Nicht nur, dass Christoph nicht zu ihrem Date erschienen war, er hatte einfach gar nichts mehr von sich hören lassen. Was wohl vermuten ließ, dass er keine Lust mehr hatte, Emily kennen zu lernen – aus welchem Grund auch immer. Schließlich hatte er das Treffen doch vorgeschlagen. Dass er ihr aber nicht einmal den Respekt entgegengebracht und die Verabredung zumindest abgesagt hatte – und das auch rechtzeitig, bevor sie mit der Bahn jeweils eine Stunde durch die Stadt hin- und hergefahren war – , machte sie noch wütender. Es war einfach frustrierend, was für Männer, die keinerlei Anstand besaßen, sich auf dem Berliner Singlemarkt herumtrieben.

Gern hätte Emily sich jetzt bei ihrer Mitbewohnerin Leonie ausgeheult und gemeinsam mit ihr über Christoph hergezogen, wie sie es sonst machten, wenn Emily wieder einmal von einer erfolglosen Verabredung nach Hause gekommen war. Doch heute Abend war Leonie unterwegs.

Seit drei Jahren lebten die beiden Frauen zusammen in einer WG. Damals war Emily auf der Suche nach einer neuen Bleibe gewesen und Leonie, die bereits in dieser Wohnung wohnte, hatte eine neue Mitbewohnerin gesucht, nachdem ihre vorherige mit ihrem Freund zusammengezogen war. Bereits beim ersten Kennenlernen hatten sich die jungen Frauen, die nur ein Jahr Altersunterschied trennte, sehr gut miteinander verstanden. Bis heute hatte Emily es nicht bereut, zu Leonie gezogen zu sein. Im Gegenteil, sie waren im Laufe der Zeit enge Freundinnen geworden.

Mit einem kurzen Piepton kündigte sich eine neue Nachricht auf Emilys Handy an. Sie schielte auf das Display und sah, dass ihr jemand auf Love Letter geschrieben hatte. Etwas zerknirscht, angesichts der frustrierenden Ereignisse heute, öffnete sie die Nachricht in der App. Die Worte „Hallo Schöne!“ sprangen ihr entgegen.

Genervt verdrehte Emily die Augen. Was war denn das für eine plumpe Anmache? Anscheinend wollte der Kerl ihr ein Kompliment machen, auf sie wirkte es allerdings wie eine leere Floskel. Wie ein Standardspruch, den dieser Typ – laut Profil hieß er David – wahrscheinlich jeder Frau schrieb, die er bei Love Letter kontaktierte.

Trotzdem antwortete Emily ihm. Schließlich besaß sie Anstand. Außerdem konnte sie sich einen Kommentar zu seinem einfallslosen Annäherungsversuch nicht verkneifen.

„Hallo! Du bist ja richtig originell, wenn es darum geht, eine Frau anzusprechen.“

Möglicherweise wirkte Emily mit dieser Antwort ganz schön zickig, aber da ihre Laune immer noch im Keller war, sie gerade einen Groll gegen alle Männer hegte und sie sich ohnehin nicht viel von dieser Konversation versprach, war ihr das in diesem Moment ziemlich egal.

„Es klingt so, als schwinge in deiner Nachricht leichter Sarkasmus mit. Habe ich da jemanden auf dem falschen Fuß erwischt?“, schrieb David in seiner Antwort.

„Tatsächlich ist heute wirklich nicht mein bester Tag“, schrieb Emily, „aber unabhängig davon, klingt deine Begrüßung wie eine 08/15-Nachricht. Vielleicht solltest du dir mehr einfallen lassen, wenn du Erfolg bei einer Frau haben möchtest. Ich bin nur ehrlich.“

„Es tut mir leid, dass dein Tag anscheinend nicht so positiv verlief. Dass meine Begrüßung so plump herüberkommt, war mir nicht bewusst. Ich meine, wenn ich mir deine Bilder anschaue – und davon kann ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt ja nur ausgehen, da ich dich leider (noch?) nicht persönlich kenne – , siehst du wirklich sehr hübsch aus. Ist es also ein Verbrechen, wenn ich mit diesem Wortlaut den Anfang eines Gesprächs wage? Ich bin nur ehrlich.“ Am Ende der Nachricht hinterließ er ein zwinkerndes Emoji.

Emily verdrehte wieder die Augen, musste dabei allerdings ein wenig schmunzeln. Frauen schmeicheln konnte er immerhin.

„Vielleicht war ich etwas forsch. Ich habe hier bisher nicht so positive Erfahrungen gemacht, deshalb bin ich wohl etwas voreingenommen.“

Sie überlegte und tippte noch hinterher: „Um ehrlich zu sein, wurde ich heute bei einer Verabredung sitzen gelassen.“

Emily wusste selbst nicht, warum sie gleich so offen gegenüber diesem Fremden war. Aber es tat ihr ganz gut, sich den Frust von der Seele zu schreiben. Stattdessen hätte sie natürlich auch eine ihrer Freundinnen anrufen können. Allerdings hörten die sich bereits oft genug ihre Leidensgeschichten an und Emily wollte sie nicht aufs Neue damit nerven.

Die Antwort von David ließ erneut nicht lange auf sich warten: „Wer versetzt denn bitte so eine hübsche Dame wie dich?“

„Tja, der wusste wohl nicht zu schätzen, mit wem er seine Zeit hätte verbringen können.“

„Das kann nur ein Idiot sein“, schrieb David. „Aber ich weiß gut, was du meinst. Hier sind nicht nur verrückte Männer, sondern mitunter auch ziemlich komische Frauen unterwegs, glaube mir. Deshalb kann ich gut nachvollziehen, dass du skeptisch bist, aber vielleicht solltest du netten Männern wie mir trotzdem eine Chance geben, dich davon zu überzeugen, dass es hier nicht nur Idioten gibt.“ Wieder ein zwinkerndes Emoji.

Mit seiner Aussage hatte er wohl nicht ganz so Unrecht, wie Emily sich eingestehen musste. Sie dachte kurz nach, bevor sie eine Antwort schrieb.

„Das heißt, du hast hier auch schon die Erfahrung mit seltsamen Dates gemacht?“, fragte sie.

„Oh ja! Und ich erhalte auch immer mal wieder sehr fragwürdige Nachrichten“, schrieb David zurück.

„Da haben wir ja schon was gemeinsam!“

Das Gespräch nahm seinen Lauf. Emily stellte fest, dass dieser David gar nicht so übel zu sein schien, wie sie anfänglich gedacht hatte. Tatsächlich war er sehr nett und Emily war erstaunt darüber, wie gut sie sich mit ihm unterhalten konnte.

Irgendwann schaute sie auf die Uhr und merkte, dass die Zeit nur so davongeflogen war und die beiden schon eine Stunde lang miteinander chatteten. Es war Zeit fürs Bett. Morgen erwartete sie der Frühdienst um sechs Uhr.

„Ich muss jetzt leider schlafen gehen. Muss morgen früh raus“, schrieb Emily und bedauerte es tatsächlich, dass sie das Gespräch beenden musste. Gern hätte sie sich weiter mit David unterhalten. Das Schreiben mit ihm hatte ihr wirklich gut getan und sie etwas aufgemuntert.

„Schade. Es hat mich sehr gefreut, mit dir zu plaudern und dich ein wenig kennen zu lernen, Emily. Vielleicht können wir das bei Gelegenheit ja fortsetzen?“

„Ich hätte nichts dagegen“, antwortete sie ihm. Und meinte es auch so.

„Super! Dann freue ich mich, wenn wir uns bald wieder hören, und wünsche dir eine gute Nacht!“

„Dir auch eine gute Nacht, bis bald!“, verabschiedete Emily sich.

Sie legte ihr Handy beiseite. Während sie sich die Zähne putzte und ihr Make-up entfernte, ließ sie die Unterhaltung mit diesem David in Gedanken noch einmal Revue passieren. Er wirkte – zumindest über das Schreiben – sehr sympathisch und auf seinen Profilbildern sah er darüber hinaus auch gar nicht schlecht so aus. Wobei das eine Untertreibung war, wenn Emily ehrlich war. Tatsächlich war er richtig attraktiv.

Emily zog ihren Pyjama an und griff nach ihrem Handy, als sie sich ins Bett legte, um nochmals einen Blick aufs Davids Fotos zu werfen.

Ihr gefiel der Out-of-Bed-Look, zu dem er sein mittellanges dunkelbraunes Haar trug. Seine braunen Augen blickten freundlich in die Kamera und ein dezentes Lächeln umspielte seine Lippen, welches ihn sympathisch und sehr sexy wirken ließ. Das markante Kinn und die prägnanten Wangenknochen machten ihn besonders anziehend und der Drei-Tage-Bart umspielte Davids Gesichtszüge perfekt. Sicherlich hatte er schon so mancher Frau den Kopf verdreht.

Und doch ist er richtig nett, dachte Emily.

Jedoch wollte sie sich nicht zu früh freuen und nicht mehr in die Sache hineininterpretieren, als am Ende womöglich herauskommen würde. Sie hatte aus ihren Erfahrungen gelernt.

Nichtsdestotrotz huschte ein winziges Lächeln über Emilys Gesicht, als sie die Augen schloss und einschlief.

„Ich habe übrigens eine Idee für die Weihnachtsfeier“, sagte Emily zu ihrer Kollegin Samantha, als die beiden in ihrem Gruppenraum zusammensaßen. Soeben waren sie die Wochenplanung durchgegangen, während die Kinder sich frei beschäftigen konnten. Emily beobachtete Ava, Noah und Ella, die mit den Puppen spielten, Jack und Helene, die dabei waren, ein Haus aus Bauklötzen zu bauen, und sah Charlie verträumt am Tisch sitzen und malen, während Ida und Emil es sich in der Leseecke mit einem Buch gemütlich gemacht hatten.

„Dann lass mal hören“, sagte Samantha interessiert. Im Hintergrund fielen ihr Aaron und Elias auf, die wie so oft miteinander rauften.

„Boys, stop it, please! Get off each other!“, rief sie den Jungen zu, die daraufhin etwas widerwillig voneinander abließen.

Emily ließ sich von Samanthas Zwischenrufen nicht beirren. Schließlich war das ganz normal im Alltag einer Erzieherin. Man musste immer ein Auge auf die Kinder werfen und vor allem bei bestimmten Kandidaten ganz besonders auf der Hut sein. Da verlief auch häufiger ein Gespräch mit der Kollegin nicht ganz ungestört.

Emily und Samantha betreuten die Löwen, eine Vorschulgruppe, und es gab hier so einige starke Charaktere, von denen die jungen Erzieherinnen nicht selten herausgefordert wurden. Trotz aller Nerven, die die Kinder einem manchmal kosteten, waren sie Emily sehr ans Herz gewachsen.

Seit sie vor zwei Jahren in dem deutsch-englischen Kindergarten angefangen hatte zu arbeiten, leitete sie mit Samantha die Gruppe.

„Was hältst du davon, wenn wir ein kleines Theaterstück aufführen? Ich dachte da an die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens.“

„Die mit den drei Geistern?“

Emily nickte. „Genau die.“

„Das ist eine schöne Idee“, sagte Samantha.

Jedes Jahr, in den letzten Tagen vor der Weihnachtsschließung, fand im gesamten Kindergarten eine Weihnachtsfeier statt. In der großen Turnhalle versammelten sich alle Kinder und Erzieherinnen und Erzieher. Gemeinsam wurde gesungen und auf der provisorisch eingerichteten Bühne ein kleines Unterhaltungsprogramm aufgeführt, für das die verschiedenen Gruppen zuvor jeweils etwas einstudiert hatten. Danach ging der Weihnachtsmann in den Gruppenräumen herum und verteilte Geschenke.

Die Eltern waren bei diesem Event, das vormittags stattfand, nicht dabei. Dafür konnte jede Gruppe individuell entscheiden, ob sie zusätzlich ein Beisammensein mit den Eltern am Nachmittag organisieren wollte.

Emily und Samantha legten viel Wert auf die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Erziehern, da dies die Erziehungspartnerschaft stärkte. Dazu gehörte auch das gemeinsame Feiern von Festen, in denen sich in lockerer Atmosphäre unterhalten werden konnte und nicht wie in den Bring- und Abholzeiten häufig nur zwischen Tür und Angel. Die Eltern lernte man so oft auch von einer anderen Seite kennen. Deshalb planten Emily und Samantha für die Familien der Löwen neben dem Osterbasteln und dem Laternenumzug jedes Jahr ein Weihnachtscafé.

„Ich dachte mir, dass wir nicht nur die Texte mit den Kindern lernen, sondern auch die Kostüme selbst basteln könnten. Als Projekt in den nächsten Wochen quasi“, fuhr Emily fort.

Samantha nickte. „Find´ ich gut. Vielleicht könnten wir die Eltern bitten, alte Kleidungsstücke mitzubringen, aus denen wir mit den Kindern etwas zusammenschustern können.“

„Und das Bühnenbild könnten wir auch gemeinsam mit den Kindern gestalten.“

„Ja“, stimmte Samantha begeistert ein, „die hätten bestimmt totalen Spaß daran!“

Zufrieden lehnte Emily sich in ihrem Stuhl zurück. Sie war froh darüber, dass sie und Samantha Hand in Hand arbeiteten. Wie Emily aus Erfahrung nur zu gut wusste, war das nicht mit jeder Person möglich. Gerade in ihrem Berufszweig arbeiteten manchmal die unsozialsten Menschen. Doch mit Samantha stimmte die Chemie. Die Arbeit mit ihr war unkompliziert und die beiden ergänzten sich gegenseitig.

Auch privat waren sie und Emily auf einer Wellenlänge. Sie waren fast schon so etwas wie Freundinnen, besprachen sie oft persönliche Probleme miteinander oder trafen sich gelegentlich auch nach der Arbeit zum Shoppen oder für einen Restaurantbesuch.

Samantha war zwei Jahre jünger als Emily. Wie ihre Kollegin war auch sie in Berlin geboren worden. Allerdings hatte sie das Glück gehabt, zweisprachig aufzuwachsen. Samanthas Vater war Amerikaner und sprach selbst zwar gutes Deutsch, doch es war ihm wichtig gewesen, seiner Tochter ebenfalls seine Muttersprache beizubringen.

Emily hatte andere Sprachen schon immer interessant gefunden und hätte gern die Möglichkeit gehabt, bereits in früher Kindheit mehr als nur eine Sprache zu erlernen. Immerhin schuf Bilingualität Vorteile beim Erlernen weiterer Sprachen, brachte kognitive Vorteile und machte Menschen zu sehr aufmerksamen Kommunikationspartnern. Die veralteten Mythen, dass Mehrsprachigkeit Kinder verwirren und zu schulischen Problemen führen solle, waren durch Studien längst widerlegt worden.

Gerade deshalb fand Emily die Arbeit in ihrer Einrichtung so interessant. Es war erstaunlich, wie schnell Kinder eine Sprache verstanden, selbst, wenn sie zuvor nie mit ihr in Berührung gekommen waren. Das hatte sie selbst miterlebt, als sie damals ihre Stelle in der deutsch-englischen Kita angetreten hatte.

Zuvor hatte Samantha aufgrund der personellen Engpässe über mehrere Monate allein die Arbeit in der Gruppe schmeißen müssen. Gelegentlich hatte sie Unterstützung von anderen Kollegen bekommen, wenn diese nicht gerade in ihrer eigenen Gruppe alle Hände voll zu tun gehabt hatten, ansonsten war Samantha auf sich gestellt gewesen. Da einige Kinder aus der Einrichtung zu Hause nur Englisch sprachen, hatte es ihnen durch die fehlende Kraft an Samanthas Seite an Input der deutschen Sprache gemangelt, denn aufgrund ihrer amerikanischen Wurzeln war Samantha nur für den englischen Part zuständig. Emily konnte sich noch gut daran erinnern, wie sehr ihr das anfangs bei einigen Kindern aufgefallen war. Doch sie hatte erlebt, wie schnell diese Kinder die deutschen Wörter aufgesaugt, verstanden und dann selbst angewandt hatten und innerhalb von zwei bis drei Monaten schließlich problemlos auf Deutsch mit Emily kommunizieren konnten.

Emily schnappte sich einen Zettel sowie einen Stift, um sich Stichpunkte dafür zu machen, was für das Theaterprojekt alles benötigt werden würde.

„Ich mache einen Aushang für die Eltern, damit sie die Stoffe mitbringen“, bot Samantha an.

„Ja, je eher, desto besser“, antwortete Emily. „Wir wissen ja, wie oft wir unsere Eltern immer erinnern müssen“.

Sie rollte mit den Augen und ihre Kollegin tat es ihr nach.

„Allerdings.“

Dann machten sie sich an die Arbeit.

KAPITEL 3

„Wir sehen uns dann nächste Woche“, sagte Anna, als sie Emily zum Abschied umarmte.

Die beiden hatten eine zweistündige Shoppingtour in einem der großen Einkaufszentren in der Berliner Innenstadt hinter sich. Danach hatten sie sich im Café mit einem Cappuccino und einer heißen Schokolade gestärkt und Klatsch und Tratsch miteinander ausgetauscht.

Anna hatte ein paar neue Errungenschaften für ihren Nachwuchs machen können – inklusive zwei zuckersüßen Kleidchen in gelb und rot mit weißen Punkten – und Emily hatte eine neue Jeans und zwei Oberteile zum Schnäppchenpreis für sich ergattert.

„Klar, bis dann!“

Als Emily sich zum Gehen wandte, grinste sie breit. Denn was Anna nicht wusste, war, dass sie sich in Wahrheit bereits morgen wiedersehen würden.

Emily und Annas andere Freundinnen hatten eine Babyparty für die werdende Mama geplant. Seit Monaten besprachen die Mädels in einer WhatsApp-Gruppe die Details der Party miteinander und organisierten alles: Welche Dinge Anna und Tom noch für ihren Nachwuchs benötigten und geschenkt bekommen sollten, welche Spiele sie auf der Babyshower spielen würden und wer welche Speisen zubereiten würde. Und natürlich durfte die passende Dekoration nicht fehlen, die fleißig gekauft und gebastelt wurde.

Annas Verlobter Tom war auch eingeweiht. Seine Aufgabe war es, seine Liebste aus der Wohnung zu lotsen und eine Kleinigkeit mit ihr essen zu gehen, während ihre Freundinnen die Zeit nutzen würden, um das Wohnzimmer zu schmücken und alles andere für die Party vorzubereiten.

„Achte darauf, dass Anna nicht zu viel im Restaurant isst!“, war Tom ermahnt worden. Schließlich sollte Anna doch noch von den ganzen Köstlichkeiten probieren können, die ihre Freundinnen mitbringen würden.

Anfangs war die Idee gewesen, dass Tom mit Anna spazieren gehen könne, solange die Wohnung für die Babyparty vorbereitet wurde. Doch dann kam einigen Leuten in den Sinn, dass sich Anna zum Zeitpunkt der Party bereits im neunten Schwangerschaftsmonat befände und ein langer Spaziergang somit nicht sehr sinnvoll wäre. Schließlich wollte niemand vorzeitige Wehen riskieren. Da sollten die baldigen Eltern lieber bei einem gemütlichen Essen die Zeit zu zweit genießen – in den nächsten Monaten würden sie dazu vermutlich keine große Gelegenheit mehr haben.

„Seid ihr bereit? Wir wollen jetzt zahlen und würden uns dann auf den Rückweg machen. In circa zehn Minuten wären wir da.“ Emily las Toms Nachricht laut den anderen vor.

„Alles fertig. Schick sie her“, rief Annas Freundin Jasmin.

„Ihr könnt kommen“, schrieb Emily an Tom zurück.

„Alles klar“, antwortete er und setzte ein Emoji mit hochgestrecktem Daumen an das Satzende.

Emily steckte ihr Handy weg und sah auf. „Okay, ich würde sagen, wir gehen alle auf unsere Position, oder?“

Die Frauen riefen ganz aufgeregt durcheinander und jeder suchte sich einen Platz auf der Couch und den umherstehenden Stühlen, und zwar so, dass sie von der Wohnungstür aus nicht gesehen werden konnten.

Den Großteil von Annas Freundinnen kannte Emily bereits von Geburtstagen und anderen Feiern. Eine Freundin, Leila, hatte mit ihr und Anna die Berufsschulklasse in der Erzieherausbildung besucht.

Dann waren da noch Sophia, Franziska, Isabelle, Marie, Jasmin, Emma und Désirée.

Sophia und Franziska waren im Rahmen ihrer Ausbildung zur Sozialassistentin vor einiger Zeit Praktikantinnen im deutsch-englischen Kindergarten gewesen, wo sie sich mit Anna angefreundet hatten. Sophia war nun auch eine angehende Erzieherin und Franziska arbeitete in einem Zentrum für Kinder- und Jugendrehabilitation.

Mit Isabelle verband Anna seit dem Kindergarten eine enge Freundschaft. Bis heute waren sie unzertrennlich.

Marie war eine Freundin aus Annas Volleyballverein und Jasmin und Emma kannten sie aus der Oberschule.

Désirée war mit Niclas, einem Freund von Tom, liiert. Durch die vielen gemeinsamen Treffen zu viert hatten sie und Anna gemerkt, wie gut sie sich verstanden, und sich ebenfalls miteinander angefreundet.

Neben den ganzen Freundinnen waren auch die Mütter von Anna und Tom anwesend. Die Organisatorinnen waren sich einig darüber gewesen, dass auch die angehenden Omas bei der Babyparty ihres Enkelkindes dabei sein sollten.

Emily bekam eine weitere Nachricht von Tom, in der er sie wissen ließ, dass er und seine Verlobte soeben das Wohnhaus betreten hatten.

„Sie kommen!“, rief Emily dem Rest zu.

Kurz darauf hörten sie, wie sich der Schlüssel im Schloss der Wohnungstür drehte. Alles war still. Mit angehaltenem Atem lauschten die Frauen und warteten darauf, die Stimmen des Paares im Flur zu hören.

Ein paar mussten sich ein Kichern verkneifen und hielten sich schützend die Hand vor den Mund, damit ihnen nicht versehentlich ein Laut entfuhr. Das würde die ganze Überraschung kaputt machen.

Schließlich war zu hören, wie Anna und Tom in die Wohnung eintraten, während sie sich miteinander unterhielten. Tom spielte seine Rolle hervorragend und ließ sich nichts anmerken.

Als Anna ein paar Sekunden später das Wohnzimmer betrat, sprang die ganze Meute von ihren Plätzen auf und rief im Chor: „Überraschung!“

Anna fuhr vor Schreck zusammen und blickte verdutzt in die Gesichter ihrer engsten Freundinnen sowie in das ihrer Mutter und ihrer angehenden Schwiegermutter.

„Was macht ihr denn hier?“, fragte sie völlig perplex.

Dann verzog sich ihr Mund zu einem fröhlichen Lächeln, denn Anna entdeckte die riesige Girlande mit dem Schriftzug Baby girl, die sich quer über das Zimmer erstreckte, und sie verstand, was hier los war. Sie hatte sich schon gewundert, was sie eben vom Flur aus im Wohnzimmer hatte hängen sehen.

Nun ließ Anna ihren Blick durch den gesamten Raum wandern und betrachtete die rosa- und silberfarbenen, weinroten und weißen Luftballons, die an Bändern von der Decke baumelten. Dann entdeckte sie eine weitere Girlande. Passend zu den Luftballons, war diese zusammengesetzt aus vielen kleinen aus Pappkarton geschnittenen Bodys in den Farben weinrot und rosa, die abwechselnd aneinandergereiht hingen. Auf jedem „Body“ klebte ein Buchstabe, die alle zusammen das Wort Babyparty ergaben.

Franziska verkündete stolz, dass dies ein Werk von Sophia war, die sich die Mühe gemacht hatte, die Girlande zu basteln.

Überall hingen Luftschlangen in den gleichen Farben wie die der Luftballons.

Annas Blick fiel auf das Buffet. Auf dem Esstisch standen allerlei Leckereien, darunter Cupcakes, Blätterteig in Form von kleinen Füßchen, bunte Doughnuts, in deren Mitte Schnuller platziert waren, ein Nudelsalat, Würstchen und Gemüsesticks. Und in der Mitte des Tisches, riesengroß, prangte eine Babytorte. Sie war überzogen mit rosafarbenem Fondant und die Spitze der Torte zierte ein aus weißem Fondant modellierter Kinderschuh.

„Wow!“, rief Anna, während sie sich verblüfft umsah. „Was habt ihr denn da auf die Beine gestellt? Das ist total toll!“