Lichtfisch - Arthur Witten - E-Book

Lichtfisch E-Book

Arthur Witten

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Beschreibung

Zwei ehemalige Studienkollegen entwickeln aus einer Laune heraus eine Alternativtheorie zum Sinn des Lebens. Nach und nach zieht die Theorie Freunde und Familienangehörige in ihren Bann und entwickelt ein seltsames Eigenleben in den Köpfen der Beteiligten - mit überraschenden Folgen.

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Seitenzahl: 309

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Lichtfisch

Arthur Witten

Für alle, die (ver)suchen, verstehen undvergessen.

© 2020 Arthur Witten

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44,22359 Hamburg

ISBN Taschenbuch: 978-3-347-06471-3

ISBN Hardcover: 978-3-347-06472-0

ISBN e-Book: 978-3-347-06473-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Kreislauf

der Mensch wie ein Kind

unschuldig und neugierig

will alles versuchen

und das Versuchen

ist die Quelle

der Erkenntnis

der Mensch wie ein Mensch

groß und stark

will alles verstehen

doch mit dem Verstehen

kommt das Wissen

kommt die Fülle

kommt die Verantwortung

belastend

und schier

erdrückend

und das Verstehen

ist die Quelle

der Mühsal

der Mensch wie ein Greis

gebeugt und müde

will alles vergessen

und das Vergessen

ist die Quelle

der Unschuld

Ysé Pidot

Inhaltsverzeichnis

I. versuchen

II. verstehen

III. vergessen

Teil I.

versuchen

Martin Jone, 2018-10-20

15: 33: 01

Das Telefon klingelt.

»Hallo?«

»Hallo, Jonesy, ich bin’s.«

Hari ist dran.

»Hör zu, du musst unbedingt vorbeikommen. Ich hab’ da was, das dich interessieren wird.«

»Okay, Zweistein, bin unterwegs. Um was geht’s denn?«

Klick.

Harald ›Hari‹ Stein mag es normalerweise gar nicht, wenn man ihn Zweistein nennt. Niemand kommt an Einstein heran, sagt er. Nach Einstein kommt Zweistein, sage ich.

Manchmal ist Hari ein bisschen weltfremd. Geht wohl davon aus, dass ich jetzt gerade nichts Besseres zu tun habe, als zu ihm zu kommen.

Hari kennt mich gut.

15: 51: 18

Keine zwanzig Minuten später stehe ich in seinem Zimmer. Es sieht aus wie immer. Kontinente und Gletscher bewegen sich zu langsam, als dass das menschliche Auge etwas erkennen könnte, und so ist es auch mit den Stapeln von Büchern, Fachzeitschriften und Notizen, die sich überall in Haris Arbeitszimmer auftürmen. Manchmal sogar vor und auf seinem Bett. Die untersten Papiere sind vermutlich schon im Zustand fortgeschrittener Sedimentierung, und ab und zu stürzt ein Stapel um.

Spannender ist da schon die Frage, wo Jogi diesmal steht. Jogi ist ein Joghurtbecher (beziehungsweise mehr dessen Inhalt), der seit einem guten Monat die Entwicklung vom Urschleim zu intelligentem Leben in verkürzter Form durchläuft.

»Hallo, Zweistein. Hallo, Jogi.«

Der Becher steht auf einem Zeitschriftenstapel direkt neben der Tür. Er scheint meinen Gruß zu erwidern.

»Lass den Quatsch, Jonesy. Du, ich bin da gerade einer ganz tollen Sache auf der Spur, geradezu genial. Pass auf, du kennst doch Magnete, oder?«

»Du meinst die Teile, die am Kühlschrank halten sollen und mit irgendwelchen Lebensweisheiten oder Schimpfwörtern bedruckt sind?«

»Ha, ha. Nein, viel grundlegender. Ein Stück Eisen zum Beispiel. Jedes Atom ist ein Elementarmagnet, aber das ganze Stück Eisen ist deshalb nicht automatisch magnetisch.«

»Ja, klar, je nachdem wie sich die Magnete aus…«

»…richten, ja. Du hast einzelne Bereiche, in der die Elementarmagnete in eine bestimmte Richtung ausgerichtet sind, die Weißschen Bezirke. In einem Nachbargebiet sind die Magnete unter Umständen ganz anders orientiert. Und die Gebiete sind durch Bloch-Wände voneinander getrennt.«

»Mhmm, ich erinnere mich. Aber was ist daran neu?«

»Jetzt warte doch mal. Bin ja noch nicht fertig. Also, wenn die Weißschen Bezirke alle in etwa die gleiche Richtung zeigen, dann ist das Eisenstück magnetisch, wenn die Richtungen kreuz und quer verlaufen, dann nicht.«

Pause. Er sieht mich an und wartet auf ein Zeichen von mir, dass ich ihm noch folgen kann. Wir haben zwar miteinander studiert, aber das scheint er schon längst verdrängt zu haben. Okay, ist tatsächlich auch schon einige Jahre her. Trotzdem: Weißsche Bezirke, Bloch-Wände – das war Schulstoff in der Oberstufe.

»Ja?«

»Jetzt ersetze mal die magnetische Richtung durch die Sinnausrichtung.«

Er grinst zufrieden und lehnt sich zurück, als ob alles gesagt wäre.

»Bitte was?«

Mir ist nicht klar, worauf er diesmal wieder hinaus will.

»Komm schon. Du hast elementare Sinn-Einheiten, zum Beispiel eine Gruppe von Menschen, die den Sinn des Lebens in – sagen wir mal – der Auferstehung nach dem Tod sehen. Diese Gruppierung – «

Er macht eine bedeutungsschwangere Pause und hebt den Zeigefinger:

» – die nicht einmal räumlich lokalisiert sein muss, bildet einen Weißschen Bezirk. Durch Bloch-Wände getrennt, schließen sich Bezirke an, also Menschengruppen, die den Sinn in ganz anderen Dingen sehen. Laufen die Sinn-Ausrichtungen benachbarter Gruppen konträr, gibt es Spannungen.«

»Ah, verstehe, du willst die Glaubenskriege physikalisch erklären.«

»Nein. Das mit dem Leben nach dem Tod war ja nur ein Beispiel. Der Sinn der Lebens hat nicht zwangsläufig etwas mit Religion zu tun. Ein anderes Beispiel wäre, äh …«

» … die Frage, ob Ordnung ein Lebensprinzip ist? Ulla lebt da in einem anderen Weißschen Bezirk als du, und die Bloch-Wand ist deine Tür.«

Was Hari betrifft, ist Ordnung eine mehr oder weniger überflüssige Option, für Ulla ist sie Lebensinhalt. Klar, dass es da fast täglich Zoff gibt, sei es, weil Hari die Telefonrechnung verlegt, das Geschirr nicht gespült oder keinen neuen Kaffee besorgt hat.

Und Ulla? Wenn es nach ihr ginge, wären die Lebensmittel im Kühlschrank alphabetisch geordnet, oder besser noch nach Verfallsdaten. Und sie liebt Kühlschrankmagnete. Vermute ich. Am besten welche mit irgendwelchen positiven Lebensweisheiten. Oder der Aufschrift ›wichtig‹, gefolgt von mindestens zwei Ausrufezeichen. Damit werden Zettel mit Informationen für Hari fixiert, wie zum Beispiel:

›Die Mülltonne wird morgen geleert‹

›Es ist keine Milch mehr da‹

›Gestern war die Müllabfuhr da …!‹

›Milch kaufen!!!‹

Die Zahl der Ausrufezeichen ist ein exponentieller Gradmesser für die Dringlichkeit der Botschaft, das ist allerdings noch nie zu Hari durchgedrungen.

»Ulla? Sehr witzig. Da fällt mir ein, ich sollte noch Kaffee …«

»Ich hab’ aus einer Vorahnung heraus Kaffee besorgt und den Zettel schon vom Kühlschrank weg.«

»Oh, danke!«

Er scheint ernsthaft überrascht, aber auch verwirrt, weil ihn der Kaffee aus dem Konzept gebracht hat.

»Vier Ausrufezeichen sind dein neuer Rekord, Hari.«

»Ja, schon gut, ich weiß. Was bin ich dir schuldig?«

»Passt schon. Das regeln wir beim nächsten Mal.«

»Soll ich uns ’nen Kaffee machen, jetzt, wo wieder einer da ist?«

Typisch Hari. Unverbesserlich.

»Immer.«

Hari schlurft nach draußen, um Kaffee zu kochen. Ich bleibe in seinem Zimmer und sehe mir seine Aufzeichnungen auf dem Schreibtisch an. Er hat ein Rechteck auf ein Blatt Papier gemalt, in kleine, unregelmäßige Bereiche unterteilt und kleine Pfeile in alle Richtungen eingetragen. Darunter dasselbe Bild, nur dass die Pfeile in mehr oder weniger dieselbe Richtung zeigen. Darunter steht in Haris Handschrift: Hat das Universum einen Sinn?

Ich gehe zu Jogi. Eine grünliche Schimmelschicht überzieht mittlerweile das untere Drittel des Bechers. Bei meinem letzten Besuch konnte man noch die Reste des Himbeerjoghurts erkennen, was einen guten Kontrast zu dem grüngrauen Pelz abgab, aber mittlerweile ist alles zugewuchert. Mal sehen, wann das Ding da drin Augen oder Beine entwickelt … in Haris Zimmer ist alles möglich.

Hari kommt mit zwei Tassen Kaffee wieder zurück.

»Hier ist deiner. Schwarz und verbittert, wie immer. Milch ist, äh, gerade aus.«

Er grinst verlegen.

»Danke.«

»Wo war ich? Ach ja, die Sinnpfeile in den Weißschen Bezirken des Universums.« Er zieht die Tür hinter sich zu. »Die Frage ist doch: ist das Universum magnetisch, also im übertragenen Sinne – gibt es einen globalen, einen universellen Sinn? Oder ist alles sinnlos?«

Ich nippe vom Kaffee, bevor ich antworte. Die Theorie hat was, zugegeben. Bezirke, in denen irgendwas sinnvoll ist, andere Bereiche, in denen gerade jenes Verhalten sinnlos erscheint. Ergibt Haris Theorie Sinn? Hat das Leben einen Sinn?

In diesem Moment klopft es an der Tür, und fast zeitgleich fliegt sie auf, bevor Hari reagieren kann. Ulla stürmt herein, ihre graublonden Haare wie immer streng nach hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden.

»Jetzt reicht es aber langsam, Harald. Seit drei Tagen ist keine Milch mehr im Kühlschrank, und du hältst es nicht für notwendig, neue zu besorgen. Dafür steht seit zwei Wochen dein blöder O-Saft offen drin herum, obwohl der seit einem halben Jahr abgelaufen ist. Mir steht es bis hier!«

Ulla deutet mit der flachen Hand über ihren Kopf.

»Kümmere dich gefälligst mal drum und lies mal die Notizen am Kühlschrank, steht ja alles dran.«

Erst jetzt scheint sie mich zu bemerken.

»Hallo Martin, hast du den Kaffee besorgt?«

Ich nicke. »Hallo, Ulla.«

»Danke – wobei ich nicht verstehe, warum du ihn« – sie macht eine Kopfbewegung zu Hari – »auch noch in seiner Faulheit unterstützt. Rede du mal mit ihm, das kann doch so nicht weiter gehen.”

Ich nicke wieder. Diese Aufforderung kommt so ungefähr jedes Mal, wenn sie mich sieht.

Sie wendet sich wieder Hari zu. »Kümmer’ dich drum!«, faucht sie noch einmal, dann stürmt sie aus Haris Zimmer und donnert die Tür hinter sich zu.

Das gibt dem Zeitschriftenstapel den Todesstoß. Langsam, fast in Zeitlupe kippt er zur Seite und begräbt Jogi unter sich. Mach’s gut, kleiner Freund. Hier endet die Evolution für dich, denke ich und ertappe mich dabei, ernsthaft über die Möglichkeit zu grübeln, in ein paar Jahren einen versteinerten Joghurtbecher aus Haris sedimentierten Unterlagen zu meißeln.

Ich trinke den Kaffee aus und halte die Tasse fest. Wenn ich sie hier abstellen würde, würde sie vielleicht demnächst Jogis Schicksal teilen. Nach Ullas Standpauke ist Haris Stimmung für Theorien und Hirngespinste aber erst einmal dahin.

»Ich muss dann mal wieder. Ich denk’ drüber nach – klingt vielversprechend, aber ergibt deine Theorie auch wirklich Sinn?«

Ich zwinkere Hari zu, aber der ist gedanklich momentan in seinem eigenen Universum. Er betrachtet sinnierend den umgefallenen Stapel.

»Ja, ich muss dann auch mal in die Stadt, Kaffee kaufen.«

»Milch.«

»Was? Ach ja, Milch.«

»Mach’s gut, Hari, bis die Tage.«

»Du auch, Martin. Bis bald.«

Martin. So nennt er mich nur, wenn die Hütte brennt. Armer Hari.

16: 07: 43

Kaum bin ich die Treppe aus dem fünften Stock runter und auf der Straße, klingelt das Telefon.

»Hi Hanna, was gibt’s?«

»Hi Martin. Zwei Sachen: erstens ist der Geburtstagsgig jetzt fix, die haben gerade zurückgerufen.«

»Das war der sechzigste, oder? Hm.«

Motivation klingt anders, sorry.

»Hey, komm schon. Der letzte war blöd, ich weiß, aber müssen ja nicht alle gleich ablaufen. Das Geburtstagskind hat uns schon mal gehört und will uns unbedingt haben. Also bitte Klappe halten, nett lächeln und den Termin auf die Homepage setzen.«

»Ja, schon gut.«

Der letzte Geburtstagsgig war ebenfalls ein sechzigster, und da war den Gästen das Gitarrestimmen schon zu laut, außerdem standen wir strategisch ungünstig zwischen der Feier und dem Buffet. Wenn Blicke töten könnten …

»Der zweite Punkt: die Probe heute abend. Meine Schwiegermama ist krank und muss das Bett hüten, und Andi ist ja nicht da. Ich hab also niemanden für Laura. Wenn es okay ist für dich, nehme ich halt das Babyfon in den Keller, normalerweise schläft sie ja durch.”

»Ja, einverstanden. Ansonsten kann sie gerne mitsingen oder ein bisschen den Shaker schwingen.«

»Ja, klar, du Spinner.«

Hanna kann einen so nett beschimpfen, dass man ihr nicht böse sein kann.

»Schreib mich aber bitte an, nicht klingeln, sonst …«

»Schon klar.«

»Also dann, bis heute abend!«

»Bis denne!«

19: 08: 11

Nach dem Abendessen wird es langsam Zeit, die Sachen für die Probe zusammenzupacken. Ich stöpsle die Gitarre aus, packe sie ein und wickle die Kabel zusammen. Die kommen mit dem restlichen Equipment in die Sporttasche und – halt, der Ordner mit den Songs! Beim Gig läuft alles auswendig, aber so schnell wie früher wollen die Songs und die Texte nicht mehr in den Kopf.

Ich öffne die Schranktür und hole den Ordner. Mein Blick bleibt an der unscheinbaren Schachtel mit den CDs hängen. Die CDs, ja. Eigentlich könnte ich sie entsorgen.

Ich hole eine aus der Schachtel. Vorne prangt das Konterfei von Jill und meiner Wenigkeit. ›Jilly Jones – Acoustic Songs‹ steht darunter. Der Bandname ›Jilly Jones‹ ist Jills Idee gewesen. Sie hieß tatsächlich Jill, Jill Kirchberger. Weil es cooler klingt, wurde daraus Jill Churchhill. Mich hat sie auch anglisiert, Martin Jone – bitte, Martin wer? Also flugs Marty Jones daraus gemacht. Aus ›Jill ‘n’ Jones‹ wurde dann ›Jilly Jones‹, weil ›Jilly‹ nach ›Chili‹ klingt und die Red Hot Chili Peppers ganz groß waren. So groß wie die waren wir nicht, aber es hat sich rumgesprochen, dass wir zwei keine schlechte Mucke machen, es kamen Gigs und noch mehr Gigs, und dann haben die ersten gefragt, ob es nicht eine CD von uns gibt. ›Nee, leider nicht‹, war dann die Antwort. Irgendwann haben wir gedacht, dass das mit der CD doch gar keine so schlechte Idee wäre, und sind ins Studio, das ein Kumpel von uns betrieben hat.

Vor drei Jahren haben wir dann auf Hannas Geburtstag gespielt. Hanna und Andi waren gerade zusammengekommen, und er wollte ihr eine richtig schöne Geburtstagsparty bieten, mit Band und allem. War ein schöner Gig, so einer, an den man sich immer wieder gerne erinnert. Dabei war es nicht mal ein runder Geburtstag – 27 oder 28.

Hanna hat dann zu späterer Stunde auch ein paar Songs mitgeträllert, Alanis Morisette, Melissa Etheridge, und mir dann erzählt, dass sie als Teenager auch in einer Band gesungen hat, und irgendwie würde ihr das schon manchmal abgehen.

Dann kam die Sache mit Jill. Jill war immer furchtbar nervös, ein Nervenbündel bis kurz vorm Erbrechen – bis der erste Song vorbei war. Dann war alles Zucker. Um die Nervosität in den Griff zu bekommen, hat sie es mit Alkohol probiert. Das ging am Anfang – so blöd das auch klingt – gar nicht so schlecht, aber recht bald hat sie die Kontrolle verloren und härtere Sachen in sich reingeschüttet.

Ich habe dann mit den Veranstaltern gesprochen, aber man kann auf einer Party ja nicht den ganzen Alkohol wegsperren. Außerdem hat Jill sowieso vorgesorgt und sich im Supermarkt eine Pulle Sprit gekauft. Die war dann nach dem Gig leer – und Jill voll. Als sie irgendwann schon vor dem ersten Song so betrunken war, dass sie sich nicht mehr gerade auf dem Barhocker halten konnte, habe ich die Handbremse gezogen.

Nach einem guten halben Jahr ohne Band ist mir Hanna wieder eingefallen. Sie war gleich begeistert und hat gemeint, dass sie das gerne mal probieren würde. Und nach der ersten Probe war klar, dass das optimal passt. Den Bandnamen konnten und wollten wir nicht weiterführen. Der aktuelle Name ›2u 2weit‹ kommt von Hanna. Sieht witzig aus, finde ich – und ist selbsterklärend. Wobei ein Gast schon mal an den Bühnenrand gewackelt kam und eine Visitenkarte von uns wollte.

Er ist schwankend stehengeblieben, die glasigen Augen auf die Visitenkarte gerichtet.

»Wass heißt denn Zzwei-u Zwei-weiiit?« Ja, was soll man darauf sagen?

Ich packe die CD wieder ein und schiebe die Schachtel zurück an ihren Platz.

Der Ordner kommt ebenfalls in die Sporttasche, Gitarre auf den Rücken, Haustürschlüssel. Nix vergessen? Nö.

Hanna wohnt ein bisschen außerhalb, daher fahre ich mit dem Auto. Es geht schon ein Bus bis knapp vor ihr Haus, aber der fährt tagsüber stündlich, nach sechs im Zwei-Stunden-Takt und nach halb elf gar nicht mehr.

20: 03: 51

Ich parke vor Hannas Haus und lade meine Sachen aus.

Hanna und Andi haben kurz nach dem Tod von Andis Vater sein Elternhaus renoviert und sind dort eingezogen. Seine Mutter lebt jetzt im ersten Stock, Hanna, Andi und die Kleine sind im Erdgeschoss. Im Keller hatte Andis Vater eine Hobbywerkstatt, aber Andi hat zwei linke Hände. Jetzt ist da drin ein Pseudo-Partyraum: unser Proberaum. Unsere kleine Anlage steht da drin, ideal für Geburtstage und mittelgroße Feiern.

›Bin da.‹

Kaum ist die Nachricht abgeschickt, öffnet Hanna schon die Tür.

»Grüß dich, Martin. Komm rein. Darf ich dir was abnehmen?«

»Hi Hanna. Danke, schaff ich schon. Was macht die Kleine, geht’s euch gut?«

»Ja, Laurie schläft.«

»Andis Mama ist krank?«

»Ja, die kriegt fast keinen Ton mehr raus, Fieber, Halsweh, Husten.«

»Geht wieder was um. Und Andi sitzt ja quasi an der Quelle.« Andi ist wie Hanna Lehrer an der Realschule hier in der Stadt. Die beiden haben sich auch dort kennengelernt. Und wenn irgendwo eine Grippewelle oder Magen-Darm im Anmarsch ist, sitzt man in der Schule und im Kindergarten an vorderster Front.

»Toi, toi, toi – Andi ist noch fit. Aber du glaubst nicht, was man da abkriegt. Die Eltern sind ja oft so unvernünftig, die schicken ihre Kind mit 40 Grad Fieber immer noch zur Schule. Könnten ja was Wichtiges verpassen und dann später den Traumjob nicht bekommen, weil sie einen Tag gefehlt haben.«

»Tja, und hernach verklagen sie euch, weil ihr den Stoff nicht nachgeholt habt.«

»Sonst noch was?« Sie lacht.

»Und du? Stimmlich fit?«

»Klar, und selbst?«

»Passt.”

Ich packe meine Gitarre aus. Hanna hat die Mikrofonstative schon vorbereitet und ihr eigenes Mikro schon angestöpselt. Ich schließe meins an, richte das Effektgerät ein und stimme die Gitarre.

»Okay, ich bin soweit. Womit fangen wir an?«

Martin Jone, 2018-10-26

14: 32: 10

Kurz nach halb drei. Ich stehe vor Haris Haus. Am Freitag treffen wir uns recht regelmäßig nach der Arbeit, aber heute muss Hari wohl länger ran. Ich gehe über die Straßenseite und betrachte die Sandsteinfassade von seinem Haus. Nach dem Unfall seiner Eltern haben er und seine Schwester das Haus geerbt. Hari hatte sowieso gerade den Job gewechselt, und seine Schwester gleichzeitig mit den Eltern den Mann verloren. Also haben sie sich die Elternwohnung unter dem Dach geteilt. Hari arbeitet hauptsächlich von zu Hause aus und übernimmt ein paar Hausmeisterjobs, die immer wieder mal anfallen. Ulla arbeitet halbtags in einem Büro.

Die Haustüre geht auf, Hari kommt raus.

»Hallo Jonesy, sorry, ist ein bisschen später geworden. Die Kundenhotline ist am Freitag sowieso nur bis 12 geschaltet, aber der Kunde hatte einen Sondertermin, ging nicht anders. Hab ihm per Fernwartung geholfen, seine Trainingseinheiten in unser Programm einzupflegen.«

»Kein Problem, ich war auch ein bisschen später dran als sonst.«

Wir gehen Richtung Altstadt.

»Schon was zu Mittag gegessen?«

»Nö, hatte ja den Telefontermin. Du?«

»Auch nicht. Heute hat mich die Kantine nicht überzeugt. – Pizza?«

»Immer.«

Wir gehen weiter Richtung Pizzeria. Es riecht nach Herbst und feuchtem Laub, eine Andeutung von Nebel hängt in der Luft. In den Auslagen der Bäckerei liegen Lebkuchen, es duftet nach frischem Brot.

»Sind spät dran mit ihren Lebkuchen, im Supermarkt liegen die schon seit vier, fünf Wochen«, frotzle ich.

»Wenn es im August nicht so warm wäre, würden sie die da schon verkaufen, aber da schmilzt vermutlich der Schokoüberzug.«

»Das wäre echt eine Marktlücke! Wer will an Weihnachten schon Lebkuchen? Aber im Sommer nach der Grillparty noch einen Lebkuchen, dazu Glühwein auf Eis, das ist die Geschäftsidee!«

»Wieso Grillparty? Gegrillt wird im Winter, im Sommer kann das ja jeder.«

»Auch wieder wahr.«

»Apropos Geschäftsidee – was macht dein Projekt?«, fragt Hari.

Mein Projekt. Wir waren vor einiger Zeit in einer neu eröffneten Kneipe, in der im Hintergrund ganz schreckliche Meditationsmusik lief. Alles instrumental, viel Hall, Panflöte und ab und an Vogelgezwitscher – ich habe jeden Moment damit gerechnet, dass die Bedienung jedem Gast eine Yogamatte in die Hand drückt und eine geführte Reise ins Selbst anbietet: ›Wir haben Finde-dich-selbst-Wochen, jede Meditation für die Hälfte, das erste Räucherstäbchen gibt’s gratis. Jungs, seid ihr dabei?‹

Nix gegen Yoga und Meditation, aber alles zu seiner Zeit. Jedenfalls haben Hari und ich das ein Bier lang über uns ergehen lassen und dann die Kneipe gewechselt. Ich hatte dann den Einfall, so eine meditative Dauerberieselung doch irgendwie synthetisch zu erzeugen. Ein paar Akkordfolgen einspeichern, zufällig abrufen, ein paar passende Töne als Melodie, Lautstärkeregler dran, fertig.

Hari ist sofort darauf eingestiegen.

›Das Teil kannst du an sämtliche Wellness-Tempel verticken. Aber du musst dem Benutzer schon irgendwelche Regelmöglichkeiten geben – stimmungsabhängig, weißt du? Stylisch und bunt.‹

›Stylisch und bunt? Grün für Wald und Wiese, Blau für Meeresrauschen und Walgesänge, Rot für Zu-lange-in-der-Sonne oder was?‹

›Da gibt es sicher esoterische Zuordnungen: I Ging, Goethes Farbenlehre, die vier Elemente, was weiß ich. Aber nur on/off ist zuwenig.‹

Wir haben uns dann in der nächsten Kneipe richtig in das Projekt reingesteigert. Es gibt nämlich tatsächlich eine Fünf-Elemente-Lehre im Daoismus, und die Ideen dahinter lassen sich mit ein bisschen Phantasie problemlos klanglich umsetzen. Also noch einen Regler drauf, der stufenlos zwischen den Elementen wechselt: ›Vijaya, heute bin ich total auf Wasser eingestellt, aber ein bisschen Metall darf mit dabei sein!‹ Dann noch mit farbigen LEDs beleuchten und -

»Erde an Jonesy, bist du noch da?«

»Oh, sorry, ja, ich war gerade in Gedanken – das Projekt? Naja, die musikalische Ausgestaltung ist gar nicht mal so einfach. Ich habe zwar tatsächlich den Schaltplan zu einem echten Zufallsgenerator gefunden, damit das Kästchen ja auch auf alles Umbewusste reagieren und die Energien der Leute um sich herum transformieren kann! Also keine digital erzeugten Pseudo-Zufallszahlen – nein, mein Herr! Echter, analoger, realer Zufall! Gegen Aufpreis spaxe ich noch einen Energiestein deiner Wahl neben die Platine!«

Ich grinse Hari an, er grinst zurück.

»Aber so richtig überzeugend klingt das noch nicht. Wenn die Akkordfolgen festgelegt werden und ich zufällig eine auswähle, klingt’s ziemlich schnell ziemlich langweilig.«

»Langweilig? Meditationsmusik? Och nööööö.« Hari gibt sich gespielt empört.

»Quatschkopf – es soll meditativ sein, aber nicht fad. Der andere Ansatz war, einfach per Zufall Akkorde aus einer Tabelle auszuwählen, und das klingt nicht mehr langweilig, sondern eher …«

»Furchtbar?«

»Genau.«

Wir lachen beide.

»Also brauche ich einen Ansatz dazwischen, aber dazu hatte ich noch keine Zeit. Momentan bin ich mit 2u 2weit wieder gut unterwegs, und kurz vor Weihnachten pendle ich gefühlt zwischen Arbeit und Bühne, mit einem kurzen Zwischenstopp daheim im Bett.«

»Habt ihr wieder so viele Auftritte?«

»Im Oktober jetzt nicht mehr, im November drei, und im Dezember fünf – nein, sechs. Ein Geburtstag kam auch noch rein.”

»Du müsstest ein Kästchen bauen, dass euch ersetzt, dann hättest du frei.«

»Gibt’s schon, nennt sich CD-Player. Oder Laptop, Handy, was auch immer.«

Ich muss an den letzten Geburtstagsgig denken. Der war eine Katastrophe.

»Bei manchen Gigs frage ich mich echt, warum sie uns engagiert haben. Entweder sind wir zu laut, oder stehen irgendwo im Weg, und wenn wir dann mal Pause machen, nachdem die Gäste das Buffet fast leergefuttert haben, und die Reste einsammeln, beschweren sich die Leute, dass die Band ja wohl nur dafür bezahlt wird, dazusitzen und zu essen.«

»Dann sind die Weihnachtsmärke doch top, da hast du immer Laufpublikum.«

»Stimmt schon. Aber dann gibt es die notorischen Nörgler, die sich aufregen, weil ›Ironic‹ kein Weihnachtslied ist, und die anderen, die demonstrativ die Augen verdrehen, wenn man mal tatsächlich ein Weihnachtslied spielt.«

»Dann bau’ einen Automaten mit Trichter. Interaktiv. Schüttet jemand einen Glühwein rein, kommt ein Weihnachtslied, und bei Bier dann was Weltliches«, schlägt Hari vor.

»Und bei Honigmet?«

»Mittelalterrock. Oder New-Age-Gregorianik!«

»Kinderpunsch?«

»Rudolph the red-nosed reindeer!«

»Okay, klingt machbar.«

Wir sind an der Pizzeria angekommen. Ich bleibe vor dem Eingang stehen.

»Und bei einem heißen Hugo?«

Hari überlegt kurz.

»Last christmas?«

Ich nicke grinsend und halte meine Hand hoch. Hari schlägt ein.

Das Essen wird serviert. Während ich die Pizza anschneide, frage ich: 15: 17: 23 »Und dein Projekt, Zweistein? Hat das Universum nun einen Sinn?«

Harikaut schon. Zwischen zwei Bissen antwortet er: »Schwer zu sagen. Ich habe noch ein bisschen weiter daran gearbeitet und bin mir gar nicht mal sicher, ob die Frage an sich überhaupt sinnvoll ist.«

»So, die Frage nach dem Sinn ergibt also keinen Sinn?« Ich zwinkere.

»Wenn du so willst, ja. Ob ein Stück Eisen nach außen hin magnetisch ist oder nicht, erkennt man ja tatsächlich von außen, nicht von innen.«

»Außer, du wanderst als winziger Beobachter durch das ganze Eisenstück durch und merkst dir jeweils die Richtung, in die dein lokaler Kompass zeigt.«

»Richtig, aber das geht nur theoretisch – und beim Universum schon mal gar nicht. Wir können weder das ganze Universum durchscannen, noch die Sache von außerhalb betrachten, sofern es überhaupt ein Außen gibt. Momentan behaupten die meisten Forscher, das Universum sei endlich, aber unbegrenzt. Und die Multiversum-Theorien verbieten ebenfalls, dass man ›sein‹ Universum verlassen kann.

»Hm.«

Mehr fällt mir dazu erst mal nicht ein, daher essen wir schweigend weiter.

Mit solchen Themen ist Hari in seinem Element. Die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält und dafür sorgt, dass es überhaupt etwas gibt. Grundlagenforschung, wenn man so will. Das ist schon immer nach Haris Geschmack gewesen.

Nach dem Abschluss war er eine Zeitlang an einem Lehrstuhl für theoretische Physik, der dann aber nach einem Jahr aufgelöst wurde. Weil sich dann nichts Passendes aufgetan hat, hat er sich in der freien Wirtschaft beworben. Halbleiter sind damals das große Ding gewesen.

Eineinhalb Jahre später haben die Firmenchefs gemerkt, dass die Konkurrenz im Ausland nicht geschlafen hat, und kurzerhand die Hälfte der Mitarbeiter entlassen – darunter auch Hari. Nach ein paar kurzen Zwischenstationen ist er nun als Programmierer und Kundenbetreuer bei SportVV gelandet, einem Softwareanbieter, der sich auf Sportvereine spezialisiert hat: Mitgliederverwaltung, Trainingseinheiten, Kurse – alles in einem. Hari programmiert neue Features, sucht Bugs, telefoniert mit Kunden. Das meiste geht tatsächlich von daheim aus, so dass Hari dann auch mal schnell bei einem Mieter nach dem Rechten sehen kann, wenn mal wieder irgendwas nicht läuft. Eigentlich ein sehr entspannter Job, der aber mit Haris eigentlichen Zielen gar nichts mehr zu tun hat. Daher nutzt er seine Freizeit, um sich über die neuesten Theorien auf dem Laufenden zu halten und selber an seinem Weltbild weiterzuschrauben.

Nachdem die Teller abgeräumt sind und jeder vor einem frischen Glas Wein sitzt, diskutieren wir weiter.

»Wenn das Universum nun aber tatsächlich ein Außen hätte, einen Beobachter, wäre der dann eigentlich sowas wie Gott, oder nicht?«, setze ich das Gespräch fort. »Er könnte den Sinn erkennen, oder im Prinzip sogar festlegen – fast so wie jemand, der mit einem Magneten an einem Schraubenzieher entlang streicht und den dann selbst magnetisch macht.«

Hari zögert.

»Gott als außenstehender Beobachter, als Sinn-Stifter? Ich glaube ja nicht, dass jemand aktiv das Universum veranlasst hat. Vielmehr bin ich der Überzeugung, dass das Universum etwas ist, was aufgrund der physikalischen Gesetze irgendwann einfach passieren muss.«

»Und wer hat sich die Gesetze ausgedacht?«, merke ich an.

Ich halte von dem Schöpfungsgedanken der Bibel auch nichts, aber in Haris Gegenwart bin ich gern der ewige Widersacher und suche Gegenargumente, obwohl ich eigentlich auf seiner Seite bin.

»Manche behaupten, dass es unendlich viele Universen gibt, mit allen möglichen Parameterkonstellationen. Bei einigen sind die Parameter so kombiniert, dass das Universum gleich wieder kollabiert oder zu schnell auseinanderfliegt, bevor sich überhaupt komplexere Strukturen bilden können. Wir sind halt in einem, in dem die Parameter so sind, dass Zeit genug war für Sterne und Planeten. Nachprüfen lässt sich das aber nicht«, fügt er schnell hinzu, als ich schon zu einer Gegenfrage ansetzen will.

»Okay, klingt plausibel, das löst das Schöpferproblem. Zumindest vorerst. Aber …«

Ich mache eine dramatische Pause.

»Was, aber?«

»Aber wo kommt dieser übergeordnete ›Raum‹ her, in dem deine ganzen Universen aufploppen?«

Ich deute die Anführungszeichen mit den Fingern an, weil ich weiß, dass mir Hari sonst sofort widerspricht. Raum und Zeit entstehen erst beim Urknall. Das ist jedenfalls die momentan amtliche Lesart.

»Irgendjemand oder irgendwas muss doch festgelegt haben, welche Parameter überhaupt zur Verfügung stehen. Und selbst wenn du in verschiedenen Bereichen komplett andere physikalische Gesetze hättest: irgendeine gemeinsame Basis brauchst du, und die muss von außen kommen, wird dem Gesamtsystem quasi übergestülpt.«

Hari nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Glas, bevor er antwortet.

»Ich habe mich schon gefragt, ob das alles hier« – er deutet um sich herum – »einfach Mathematik ist. Mathematik entsteht meiner Meinung nach fast aus sich selbst. Wenn du die Null und die Eins hast und weiterzählst, hat du die natürlichen Zahlen. Plus und minus, mal und geteilt und die höheren Rechenarten bauen alle aufeinander auf, da gibt es eigentlich keine logische Alternative. Behaupte ich.«

»Ja gut, aber wie entsteht daraus ein Universum?«

»So genau weiß ich das auch nicht, ist ja keine Theorie, nur eine Überlegung. Aber nimm die Zahlen, 1, 2, 3, und so weiter. Obwohl sie alle gleich aufgebaut sind, nach eins kommt zwei, nach zwei kommt drei, gibt es zum Beispiel Primzahlen, die nur an ganz bestimmten Stellen auftreten. Also im Grunde eine emergente Eigenschaft.«

»Und du meinst, ganz vereinfacht ausgedrückt, dass so etwas wie ein Universum – oder sogar alle möglichen Universen – deshalb existieren, weil man zählen kann?«

»Sehr, sehr vereinfacht ausgedrückt: ja.«

»Aber brauchst du dann nicht trotzdem jemanden – oder etwas – das rechnen kann? Etwas, das die Welt dann nicht erschafft, sondern sie erzählt?«

Hari grinst wegen des spontanen Wortspiels, wird aber sofort wieder ernst.

»Könnte sein. Ja, wahrscheinlich. Es gibt aber Theorien, wonach der Raum selber zählen und rechnen könnte. Konrad Zuse, der Mann, der den ersten Computer gebaut hat, hat sich mit so etwas auseinandergesetzt. Leider findet man dazu nicht allzu viel im Netz. Und rechnender Raum entsteht vermutlich auch nicht spontan.«

»Rechnender Raum – das klingt schon sehr futuristisch.«

»Zuse hat seit den 1940er Jahren darüber nachgedacht.«

»Hat sich dann vermutlich nicht auf breiter Front durchgesetzt«, merke ich an. Der Name Zuse sagt mir was. Sein Z3 ist quasi der erste frei programmierbare digitale Computer gewesen. Groß wie ein Schrank. Aber rechnender Raum?

»Deswegen muss es aber nicht zwangsläufig falsch sein.«

Harald Stein, 2018-11-30

09: 58: 17

Heute ist Freitag. Harald sitzt in seinem Arbeitszimmer. Ein paar letzte Tests, dann sollte der lästige Bug in der Terminansicht behoben sein. Ja, es sieht gut aus.

Harald lädt die Änderungen hoch, schreibt noch eine kurze Info an seine Kollegen und fährt den Computer herunter. Heute feiert er ein paar Überstunden ab. Abends spielt Jonesy mit Hanna auf dem Weihnachtsmarkt, und bis dahin: keine Termine, keine Verpflichtungen, keine lästigen Telefonate.

Harald hat Jonesy seit dem Gespräch in der Pizzeria nicht mehr getroffen. Zu viel zu tun. Und Jonesy ist momentan entweder in der Arbeit oder irgendwo in Sachen Musik unterwegs. Ein paar kurze Textnachrichten, ein paar Mails – für mehr hat es in letzter Zeit einfach nicht gereicht.

Und jetzt? Harald überlegt. Jonesy ist noch in der Arbeit. Ulla auch. Das ist gut – und schlecht, denn falls ein Mieter anruft, muss er ran. Also raus aus der Wohnung.

Das Hallenbad am Stadtrand hat einen eher mittelmäßigen WellnessBereich, aber Harald setzt sich gerne ins Dampfbad. Dort ist es still, im Gegensatz zur Sauna, in der immer Entspannungsmusik vor sich hin plätschert – Harald muss an Jonesys Musikboxprojekt denken und schmunzelt. Das Dampfbad, der perfekte Ort zum Nachdenken.

10: 45: 03

Draußen ist es nasskalt und grau, es regnet leicht. Die wohlige Wärme im Dampfbad tut gut. Außer Harald ist nur eine ältere Frau in der Kabine, die er im Dampfschleier nur schemenhaft wahrnimmt. Sie hat ihn beim Eintreten misstrauisch von oben bis unten gemustert und ist dann demonstrativ ein Stück weiter weg von der Tür gerutscht. Sicherheitshalber ist Harald dann in die entgegengesetzte Ecke gegangen.

Aber immerhin: unter diesen Voraussetzungen wird sie kein Gespräch mit ihm anfangen, er hat also seine Ruhe. Gut.

Er schließt die Augen und denkt an das Gespräch mit Jonesy. Sie haben in der Pizzeria dann noch eine ganze Zeitlang an der Idee weitergesponnen. Jonesy hat interessiert zugehört, wie Harald Zuses Theorie im Schnelldurchlauf vorgestellt hat. Dann irgendwie der Schwenk zu einer möglichen Computersimulation und der Frage, ob man überhaupt an irgendwelchen Kriterien feststellen könnte, ob man sich in einer solchen Simulation befindet. Würde man Bugs als solche wahrnehmen? Wie würden sie sich äußern?

Zumindest gibt es vermutlich keine Hotline, an deren Ende Leute wie ich sitzen und sich irgendwelche Beschwerden anhören müssen, denkt Harald. Sein Job ist … ja, an sich okay, Bezahlung ist in Ordnung, die Kunden meistens freundlich, Chef und Mitarbeiter eigentlich super. Eigentlich. Aber?

Harald atmet langsam aus. Während des Physikstudiums hat er sich die Zukunft ganz anders vorgestellt. Grundlagenforschung, neue Hypothesen und Theorien aufstellen und sich den Kopf darüber zerbrechen, warum die Welt so ist, wie sie ist, und nicht ganz anders. Vom Schreibtisch aus, mit Papier und Bleistift und ab und an einem Computer die Welt erkunden, neue Möglichkeiten entdecken, ihre Wahrscheinlichkeiten berechnen. Naturkonstanten aus komplexen Formeln und versteckten Zusammenhängen ableiten. Sich viele Fragen stellen: Warum ist das Universum so groß? Warum haben wir genau drei Dimensionen? Warum läuft die Zeit nur in eine Richtung? Tut sie das überhaupt, oder sieht es nur für uns so aus? In vielen Formeln, die die Wirklichkeit abbilden, kommt die Zeit entweder gar nicht vor, oder sie kann tatsächlich vorwärts und rückwärts laufen, ohne ein Gesetz zu brechen.

Und jetzt? Kundenbetreuung und Softwareentwicklung. Auch hier jede Menge Fragen: warum kann ich mich nicht mehr einloggen? Warum taucht die Trainingseinheit mit XY nicht in der Monatsabrechnung auf? Warum kann ich nicht mehrere Trainingsstunden gleichzeitig in der Maske eintragen? Für die Nutzer unter Umständen wichtige, ja fundamentale Fragen und Probleme, aber trotzdem …

Die Frau in der Kabine steht auf und geht.

Kann man denn überhaupt objektiv einteilen, welche Fragen wichtiger oder fundamentaler sind? Aus der Grundlagenforschung sind quasi nebenbei viele technische Errungenschaften entstanden, die unseren Alltag erleichtern, das ist richtig, aber: kann der Mensch überhaupt herausfinden, wie das Universum funktioniert? Und wenn ja – was hätte er davon? Würde das irgendwas am Leben ändern? Wären die Menschen dann glücklicher, zufriedener? Gäbe es dadurch weniger Kriege und Hunger?

Seine Arbeit hat vermutlich auch noch keinen Krieg verhindert, aber einige verzweifelte Anrufer tatsächlich glücklich gemacht – so gesehen ist seine Arbeit vielleicht wichtiger, zumindest für den Kunden.

Womit man eigentlich wieder bei der Sinnfrage landet. Hat Sportvereinsverwaltungssoftware irgendeinen Sinn? Hat die Grundlagenforschung irgendeinen Sinn? Hat das Universum irgendeinen Sinn? Oder sind wir tatsächlich nur Figuren in einem komplexen System, das nach gewissen Regeln abläuft? Wäre das dann eine Simulation im klassischen Sinn – oder eher ein Computerspiel? Wer spielt uns dann?

Die Tür öffnet sich wieder, die ältere Frau kommt zurück. Ein halblautes Atemgeräusch deutet Missfallen darüber an, dass Harald sich erdreistet, immer noch im Dampfbad zu sein. Muss der denn nichts arbeiten? Harald beschließt, auch diese Frau glücklich zu machen, in dem er aus ihrem Leben und ›ihrer‹ Dampfkabine geht.

18: 34: 07

Harald hat nachdem Dampfbad erst mal in der Stadt was gegessen und sich dann in der Bücherei ein paar alte Bücher angesehen. Er hat gehofft, bei den Philosophen vielleicht ein paar Denkanstöße zu bekommen, aber die Geisteswissenschaftler haben einen Schreibstil, der den Naturwissenschaftlern diametral entgegensteht. Unter den Physikern gibt es auch Plaudertaschen, die lieber zwei Sätze zu viel als einen zu wenig aufs Papier bringen, aber wenn es um Philosophie geht, ist es realistischer, in Absätzen oder gar Kapiteln zu rechnen.

Auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt ist Harald dann fast mit einer schwer bepackten Frau kollidiert, die er komplett übersehen hat, weil er zu sehr mit sich und seinen Gedanken beschäftigt war. Die Frau hat dann im Weitergehen irgendwas mit ›ferngesteuert‹ zu ihrem Begleiter gemurmelt – ferngesteuert? Allzu verständlich. Aber was, wenn man tatsächlich ferngesteuert wäre? Würde man das denn selbst merken?

Harald bleibt abrupt stehen. Ein älterer Mann, der hinter ihm gelaufen ist, läuft fast ihn ihn hinein.

»So passen Sie doch auf!«, ereifert er sich.

»Entschuldigung«, murmelt Harald. Er tritt zur Seite, um den Strom der Menschen nicht zu behindern. Einige der vorbeischlendernden, -eilenden und -hetzenden Menschen wirken tatsächlich ferngesteuert: leerer Blick, ein irgendwie mechanischer Gang. Sollte es tatsächlich Menschen geben, die realer, echter sind, während andere tatsächlich nur durch die Welt stapfen wie die simulierten Orkarmeen in ›Herr der Ringe‹?

»Hallo Zweistein!« – »Hi, Hari!« tönt es plötzlich von hinten.

Harald dreht sich um. Jonesy und Hanna kommen in seine Richtung gelaufen, beladen mit den Sachen, die sie für den Auftritt brauchen. In ein paar Metern Abstand folgt ihnen Andi, Hannas Mann.

»Hallo Hanna, hallo Jonesy – und hallo Andi!Heute also nicht zu zweit, sondern zu dritt?«

»Wenn ich mitsingen würde, wäre der Platz in Nullkommanix leer«, lacht Andi. »Ich bin nur Lastenträger.«

Er deutet auf die mitgebrachte Tasche mit den Mikrofonstativen.

»Kann ich euch beim Tragen helfen?«, fragt Harald.

»Nö, danke, passt schon, die Bühne steht ja gleich da vorne.« Hanna deutet in die betreffende Richtung.

»Also ›Schneeflöckchen, Weißröckchen‹ können wir heute vergessen«, sagt Jonesy und blickt ein bisschen resigniert zum Himmel. Er beginnt zu singen: »Regentröpfchen, Regentröpfchen, warum kommst du geplatscht? Du kommst aus den Wolken, wir haben den Matsch.«

»Sehr schön! Wie wäre es mit einer Alternativfassung zu ›Leise rieselt der Schnee‹?«

Hanna überlegt kurz, dann singt sie: »Leise rieselt der Re-gen. Jeder weiß, Regen bringt Se-gen. Aber muss das wirklich sein? Schöner wär’s, es würde schnei’n.«

»Na, die beiden sind ja schon optimal in Weihnachtsstimmung«, meint Andi. »Und bei dir, Hari? Alles gut?«

»Ja, alles gut, hab heute ein paar Überstunden abgefeiert, da kann es einem doch fast nicht schlecht gehen, oder? Und bei dir, Andi? Alles in Ordnung?«

»In der Schule sind wir im Bald-sind-Ferien-Modus: Stoff durchbringen, Schulaufgaben schreiben – die Kids sind zwar innerlich schon auf Ferien eingestellt, aber davor kommt noch mal ein hartes Stück Arbeit.«

Der Platz ist gut gefüllt. Einige Zuschauer auch.

20: 57: 36

»Wir kommen nun zum letzten Lied für heute. Wir hoffen, es hat euch gefallen. Die Stände sind ja noch bis 22 Uhr geöffnet, also feiert noch schön!«, verabschiedet sich Hanna auf der Bühne. Jonesy dreht sich zu ihr und scheint sie an etwas zu erinnern.