Lichtkrieg - Gary Gibson - E-Book

Lichtkrieg E-Book

Gary Gibson

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Beschreibung

Der Aufbruch zu den Sternen ist keine friedliche Angelegenheit

Die gigantischen Abstände zwischen den Sternen in der Galaxis sind nur durch Überlichtgeschwindigkeit zu überwinden – vor diesem Problem steht irgendwann einmal jede Zivilisation, die sich anschickt, ins All aufzubrechen. Da ist es von großem Vorteil, wenn man das Monopol auf einen solchen überlichtschnellen Antrieb besitzt. So wie das Volk der Shoal, das der Menschheit hilft, ihr Sonnensystem zu verlassen und neue Planeten zu besiedeln. Ein reiner Akt der Großzügigkeit? Oder verbirgt sich dahinter ein finsterer Plan – ein Plan, der die Machtverhältnisse in der Galaxis für alle Zeiten klären soll …

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Seitenzahl: 779

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Das Buch

Ein überlichtschneller Antrieb, mit dem man in einem Augenblick die gigantischen Abstände zwischen den Sternen überwindet  – jegliche Zivilisation, die ins Weltall aufbrechen will, kann das nur mit Hilfe eines solchen Antriebs tun. Doch das Monopol auf diese Technik – und damit die Kontrolle über den Handel zwischen den Planeten und die Erforschung des Universums – liegt bei den Shoal, einer undurchsichtigen, brutalen außerirdischen Spezies. Dakota Merrick, die während ihres Dienstes als Militärpilotin die Grausamkeiten der Shoal am eigenen Leibe miterleben musste, steuert derzeit ein ziviles Frachtschiff. Ihr Auftrag lautet, ein Forschungsteam zu einem weit entfernten Sonnensystem zu befördern. Denn es heißt, man könne dort einen funktionstüchtigen Überlichtantrieb bergen, der mysteriöserweise nicht von den Shoal stammt. Nur von wem dann? Der Lichtkrieg beginnt …

Ein kosmisches Abenteuer, das seinesgleichen sucht – mit »Lichtkrieg« katapultiert Gary Gibson die Space Opera in eine neue Dimension.

Der Autor

Der schottische Autor Gary Gibson arbeitete als Redakteur, Buchhändler und Grafikdesigner, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. »Lichtkrieg« war auf Anhieb ein großer Erfolg bei Publikum und Presse. Der Autor lebt und arbeitet in Glasgow.

Inhaltsverzeichnis

Über den AutorTEIL EINS
Kapitel EinsKapitel ZweiKapitel DreiKapitel VierKapitel FünfKapitel SechsKapitel SiebenKapitel AchtKapitel NeunKapitel ZehnKapitel ElfKapitel Zwölf
TEIL ZWEI
Kapitel DreizehnKapitel VierzehnKapitel FünfzehnKapitel SechzehnKapitel SiebzehnKapitel AchtzehnKapitel NeunzehnKapitel ZwanzigKapitel EinundzwanzigKapitel ZweiundzwanzigKapitel DreiundzwanzigKapitel VierundzwanzigKapitel FünfundzwanzigKapitel SechsundzwanzigKapitel SiebenundzwanzigKapitel AchtundzwanzigKapitel Neunundzwanzig
TEIL DREI
Kapitel DreißigKapitel EinunddreißigKapitel ZweiunddreißigKapitel DreiunddreißigKapitel Vierunddreißig
Copyright

TEIL EINS

Kapitel Eins

Konsortium-Standardzeit: 03.06.2538 25 Kilometer südlich von Port Gabriel, Kolonie Redstone Port-Gabriel-Zwischenfall +45 Minuten

Es war, als wache man auf und stelle fest, dass man soeben durch die Pforte zur Hölle geschlafwandelt war.

Dakota sog scharf den Atem ein und fühlte sich, als habe ihre Existenz gerade erst begonnen. Ein paar Sekunden lang stand sie stocksteif da, während der Eisregen schmerzhaft auf ihre Haut prasselte.

Sie versuchte, die Situation zu begreifen.

Rings um sie herum lagen Leichen unter einem schiefergrauen Himmel, von dem immer wieder kurze, heftige Schneeschauer herabwirbelten. Die meisten Menschen waren niedergemäht worden, als sie davongerannt waren, um sich in Sicherheit zu bringen. Es war das Bild eines grauenhaften Gemetzels.

Mit erschreckender Deutlichkeit erinnerte sie sich daran, was sie empfunden hatte, als sie all diese Leute getötet hatte.

Ihre Hände baumelten schlaff an ihrer Seite herunter; in einer Faust hielt sie noch die aus dem Arsenal des Konsortiums stammende Sturmpistole. Hoch über ihrem Kopf dröhnten unförmige Konsortium-Transporter, die aus dem Orbit herabstießen, um nachzuforschen, ob es nach diesem Desaster noch etwas gäbe, das sich zu bergen lohnte.

Das Schlimmste an der ganzen Sache war, dass sie sich an so vieles erinnern konnte – an jeden einzelnen Moment, an jeden Schrei, an jeden Toten. Damit würde sie bis ans Ende ihrer Tage leben müssen. Deshalb fiel ihr der Entschluss so leicht, sich selbst umzubringen.

Dakota entfernte sich von dem Transporter und den toten Flüchtlingen der Freistaatler-Gemeinschaft, die er befördert hatte; während sie am Rand des Highways entlangmarschierte, sah sie die Leichen in dem mit Schnee gefüllten Graben, der parallel zur Trasse verlief.

Ein Frauenleichnam steckte im Dickicht der robusten Wurzeln und Blätter eines Kannenstrauchs. Dakota zerrte sie heraus, ohne auf die scharfen Dornen zu achten, die ihre Haut und den Überlebensanzug zerkratzten. Sie legte die Tote an den Straßenrand und betrachtete ihr Gesicht. Mittleres Alter, ein mütterlich wirkender Typ, das schwarze Haar von ein paar grauen Strähnen durchzogen.

Dakota drückte ihr die starren Augen zu und kniete ungefähr eine Minute lang vor dem Leichnam.

Schließlich stand sie auf und spähte in die Runde; sie lauschte den rasselnden Geräuschen, die entstanden, wenn die eiskalte Luft durch die Filtersysteme ihrer Atemmaske strömte, und sie spürte, wie sich aus ihren Lungen ein Schrei entlud, der gar nicht mehr enden wollte.

Nach einer Weile begann ihre Brust von der Anstrengung des Schreiens zu schmerzen, und sie verstummte.

Sie setzte ihren Weg fort, während sie im Gehen ihren Überlebensanzug nach und nach abstreifte. Den Anzug warf sie in den Straßengraben, danach entledigte sie sich der restlichen Bekleidung, die sie gegen die klirrende Kälte schützte, bis sie splitternackt unter dem Morgenhimmel von Redstone stand.

In der eisigen Luft wurde ihr Körper sofort taub; doch die Atemmaske behielt sie an, weil ihr ein schneller Tod durch Ersticken in dieser fremden Atmosphäre viel zu gnädig vorgekommen wäre. Vereinzelte Schneeflocken tanzten über das weiche, blasse Fleisch ihrer bloßen Schultern und sammelten sich auf ihren kurz geschorenen Haaren.

Dakota schaffte es, noch ein paar Schritte weiterzustolpern; ihr Blick verschwamm, als sie auf die Lastwagen, Busse und Ferntransporter starrte, die die Flüchtlinge in Sicherheit gebracht hatten. Einige der Fahrzeuge brannten, und ölige Rauchsäulen beschmutzten den Himmel von Redstone.

Sie brach neben der Statue von Belle Trevois zusammen, der uchidanischen kindlichen Märtyrerin, die, am Saum der Straße stehend, ewige Wache hielt, die Arme hoch in die Luft gereckt in einer Geste, die an einem derart einsamen und trostlosen Ort umso verzweifelter wirkte. Der Sockel war über und über mit hässlichen Freiweltler-Graffiti beschmiert.

Dakota spürte, dass sie nun selbst dem Tode nahe war, und setzte sich zu Füßen der Statue in die Hocke. Aus dieser Perspektive blickte sie zu deren ausdruckslosem Gesicht hinauf.

In ihrem Kopf hörte sie immer noch, wie Menschen um ihr Leben liefen, in ihren Gedanken hallten die Schreie der Flüchtlinge nach, die bei lebendigem Leib verbrannten.

Dann vernahm sie andere Stimmen – Soldaten, die sich mit Zurufen verständigten und rasch näher kamen.

Um sie zu retten.

Kapitel Zwei

Erkinning City, Kolonie Bellhaven Konsortium-Standardzeit: 03.02.2536 Zwei Jahre vor dem Port-Gabriel-Zwischenfall

Dakotas Blick schweifte über die in der Ferne liegenden Dächer der Baracken, die sich hinter die abweisend wirkende Stadtmauer duckten. Die sieben Abendsterne schienen auf sie hinabzusehen, und ihr mildes Licht wirkte tröstlich wie der Segen eines Ältesten.

Im selben Moment, in dem sie zum Nachthimmel emporblickte, aktivierten sich ihre neuen Ghost-Schaltkreise – die frisch in ihren Schädel implantiert waren – und schwemmten eine Flut zumeist nutzloser Informationen in ihre Gedanken; ohne sich im mindesten anzustrengen, wusste sie sofort, in welcher Entfernung sich jeder einzelne Stern befand, kannte seine Deklination in Bezug zum galaktischen Äquator sowie die jeweilige Anzahl der Planeten und dunklen Begleiter, von denen sie umkreist wurden.

Eine unglaubliche Fülle ähnlicher Details hinsichtlich Tausender weiterer Sterne, die alle in einem Umkreis von mehreren hundert Lichtjahren rings um Bellhaven verstreut lagen, lauerte am Rande ihres Bewusstseins. Sie stellte sich vor, sie sei eine Spinne im Zentrum eines riesigen kybernetischen Netzes, während ihre Implantate winzigen, tausendfach aufgefächerten Gliedmaßen glichen, die sich ausstrecken und Sonnen oder Monde vom Himmel pflücken konnten, wenn sie Lust verspürte, damit zu spielen.

Sie riss sich vom Anblick der Sterne los und ließ den Blick wieder nach unten wandern; in der kalten Nachtluft gefror ihr Atem, wenn er durch den Schal drang, den sie sich fest um Hals und Mund gewickelt hatte. Ein eisiger Winterwind peitschte über jene Teile ihres frisch geschorenen Schädels, die nicht von der dicken Lederkappe, die sie über den Kopf und die Ohren gezogen hatte, geschützt wurden. Sie blickte kurz hinter sich und entdeckte Tutor Langley, der ganz in ihrer Nähe stand.

Ein Spitzbart zierte Langleys dunkles Gesicht, und sein langer schwarzer Mantel erinnerte an das Gewand eines Priesters aus einem längst vergangenen Jahrhundert; der kurze Stehkragen zwängte seinen Hals ein, während die weiten Mantelschöße um seine Stiefel flatterten. Diese Uniform sollte eine ständige Mahnung an die Bürger darstellen, ja nicht zu vergessen, dass die Ältesten der Stadt, die die religiöse Oligarchie verkörperten, an den Schalthebeln der Macht saßen.

Dakota bemerkte seinen Gesichtsausdruck und grinste ihn breit an. Es störte sie nicht, dass ihr kahl geschorener Schädel von den chirurgischen Eingriffen immer noch arg lädiert aussah.

In den Gassen tief unter der Garnisonsfestung, auf deren Dach sie stand, sah sie Menschen, die sich um Imbissbuden drängten; die Garküchen säumten eine belebte Straßenkreuzung, an der sie selbst schon mindestens tausend Mal vorbeigeschlendert war. Wo der Schein der spärlichen Beleuchtung hinfiel, konnte sie gerade noch die Gesichter der Leute ausmachen. Gesprächsfetzen drangen zu ihr hinauf, zusammen mit Kochdünsten, die ihren Appetit anregten.

Plötzlich vergegenwärtigte sich Dakota, wie leicht sich diese Gerüche in spezifische Kategorien aufspalten ließen. Worte wie Hydrolyse, Ester und karamellisierter Zucker schoben sich in ihr Gehirn, begleitet von prozentualen Angaben, die sich mit jedem Windstoß veränderten. Weit drunten suchten die Menschen unter Blechmarkisen Schutz vor der winterlichen Kälte und dem Regen, oder sie wärmten sich an den kommunalen Fusionsöfen, die an jeder Ecke der Kreuzung aufgestellt waren.

Jesus, Uchida, Buddha; diese und ein Dutzend mehr Abbilder glühten in strahlenden, halluzinatorischen Farben aus allen möglichen Nischen, wie in vielen anderen Bereichen der Stadt auch. Sie verteilten ihren leuchtenden Segen über die uralten Schichten aus Plakaten und öffentlichen Bekanntmachungen, mit denen jede verfügbare Fläche immer wieder von Neuem zugekleistert wurde.

In diesem Moment merkte sie, dass Marlie sich zu ihr an das Geländer gestellt hatte; der Mund unter ihren dunklen Augen war zu einem breiten Grinsen verzogen.

»Hast du schon das Neueste von Banville gehört? Jetzt heißt es, er sei zu den Uchidanern übergelaufen und hätte seine Familie so mir nichts, dir nichts im Stich gelassen.«

»Ach, wirklich?«, erwiderte Dakota. »Zuletzt wurde doch behauptet, er sei verschleppt worden.«

Das waren in der Tat interessante Neuigkeiten. Banville war der Erfinder, der einen großen Teil jener fortschrittlichen Ghost-Technologie entwickelt hatte, auf die sich Bellhavens wissenschaftlicher Ruf nun schon seit Langem stützte. Nicht nur Marlie und Dakota, sondern auch jede andere Person mit Ghost-Implantaten trug ein Stück von Banvilles Lebenswerk in sich.

Marlie zuckte unbekümmert mit den Schultern. Ihre Art, dauernd zu lächeln, egal, was sie sagte, ging Dakota mächtig auf die Nerven; es deutete auf eine Oberflächlichkeit hin, die sie von klein auf kultiviert haben musste. »Ehe ich hierherkam, habe ich mir die letzte Ausgabe des City Bulletin besorgt. Anscheinend ist er doch freiwillig abgehauen, und die Ältesten kochen vor Wut.«

Dakota nickte. Die Nachricht von Banvilles Verschwinden hatte in den Grover-Gemeinden, wie die Ältesten sich auszudrücken beliebten, bereits zu Aufständen geführt. Doch der Ausdruck Barackenslums hätte besser gepasst; seit nunmehr drei Jahren wucherten sie vor den Stadtmauern, zum Bersten vollgestopft mit Flüchtlingen, die von der gescheiterten Grover-Kolonie tausend Meilen weiter nördlich herbeiströmten.

Rasch durchlief Dakota die visuellen Routinen, die ihr Unterbewusstsein öffneten, damit sie einen Strom von Daten und Nachrichten aus dem örtlichen Tach-Netz empfangen konnte. Vor Schreck weiteten sich ihre Augen, als sich ein Schwall neuer Informationen in ihren Kopf ergoss: Banville war seit knapp einem Tag verschwunden, doch just vor ein paar Minuten war eine aufgezeichnete Botschaft aufgetaucht, in der er behauptete, er habe sich aus freien Stücken zum Oratorium, der Lehre von Uchida, bekannt und Bellhaven für immer verlassen.

Sie warf einen Blick auf Marlie und wusste sofort, dass sie exakt dieselben Auskünfte erhielt.

»Das ist schlecht«, kommentierte Dakota unnötigerweise.

Marlie nickte. »Allerdings, Dakota, das ist sogar sehr schlecht.«

Es gab Berichte, denen zufolge über den ganzen Globus verteilt ein Dutzend weitere Aufstände ausbrachen, sobald sich die schockierende Enthüllung von Banvilles Überlaufen verbreitete. Dakota beobachtete, wie von zwei unterschiedlichen Sektoren der Grover-Camps Rauchsäulen aufstiegen, während sie auf dem flachen Dach des Turms im Ostquadranten stand, dessen Rand von einer altertümlichen Brustwehr umgeben war. Gestelle aus Stahl und Keramik für die Montage von Impulswaffen, mit denen man im Ersten Bürgerkrieg Erkinning verteidigt hatte, lagen nach anderthalb Jahrhunderten der Vernachlässigung verrostet und von Löchern zerfressen herum.

In Anbetracht der derzeitigen Umstände fielen die Feierlichkeiten, die Dakotas Graduierung begleiteten, eher gedämpft aus. Trotzdem hatte Langley spät in der Nacht sein Teleskop wie versprochen auf selbigem Dach aufgebaut, damit alle einen Blick auf die neue Supernova werfen konnten, die sich kurz vor dem Morgengrauen dem Horizont näherte.

Dakota fand, dass das Teleskop geradezu mittelalterlich aussah, ein dicker Tubus aus glänzendem Kupfer und Messing, der auf einen drehbaren Äquatorialfuß montiert war. Das Ding wirkte wie ein Wesen, das aus Gefilden jenseits des bekannten Universums zu stammen schien, ein Hybrid aus Spinne und Maschine, der in diese Welt eingedrungen war und nun über die Dächer der Stadt stakste.

»Haben Sie etwas gesagt, Dakota?« Langley fasste sie argwöhnisch ins Auge.

Mit dem Kinn deutete sie nach oben in Richtung der Supernova. »Ich sagte, eines Tages möchte ich mich an einen Ort wie diesen begeben und mich mit eigenen Augen davon überzeugen, wie ein sterbender Stern aus der Nähe aussieht.«

Ihr Blick begegnete dem von Aiden, und sie geriet ins Stocken; ihre helle Haut lief rot an, als sie sich an ihre unbeholfenen Intimitäten im Schlafsaal erinnerte.

»Das soll wohl ein Witz sein, oder?«, meinte Aiden, der dem Alkohol kräftig zugesprochen hatte. »Du willst losziehen und eine Supernova besuchen?« Er lachte, und die Studenten, die noch wach waren und nicht irgendwo ihren Rausch ausschliefen, fingen nervös an zu kichern. Marlie hockte ungeachtet der feuchten Kacheln im Schneidersitz auf dem Boden und richtete ihre volle Aufmerksamkeit auf Langley, der über ihre unerwiderten Sehnsüchte voll im Bilde war. Martens’ eulenhafte Züge ließen erkennen, dass er seinen eigenen Gedanken nachhing und sich von der Außenwelt abgeschottet hatte. Otterich und Spezo machten einen gelangweilten und müden Eindruck, und der Rest hatte sich entschuldigt und für die Nacht zurückgezogen. Manche Studenten interessierten sich nicht besonders für explodierende Sterne.

Langley selbst warf Aiden einen warnenden Blick zu. Dann wandte er sich an Dakota, offensichtlich zufrieden mit den minimalen Justierungen, die er am Teleskop vorgenommen hatte. »Ich teile Ihren Wunsch, aber die Große Magellan’sche Wolke liegt ein bisschen weiter weg, als die Shoal bereit wären, Sie oder sonst jemanden zu befördern.«

»Jawohl, wie groß ist noch mal die Entfernung?«, spottete Aiden. »Einhundertundsechzigtausend Lichtjahre, nicht wahr?« Er gönnte Dakota ein Grinsen, das sie mit einem hasserfüllten Blick quittierte. »Wir beobachten also ein Ereignis, das ungefähr zu der Zeit stattfand, als die Shoal anfingen, die überlichtschnelle Technologie zu entwickeln. Das liegt wirklich sehr weit zurück.«

Die erste Supernova war vor ungefähr sechs Jahren bemerkt worden, im Frühherbst und nur wenige Tage nach Dakotas sechzehntem Geburtstag. Sie war aufgeblüht wie ein kaltes Feuer und stellte für eine kurze Weile eines der hellsten Elemente am Nachthimmel dar, bis sie im Lauf der folgenden Wochen allmählich verblasste.

Danach erschienen binnen weniger Jahre Dutzende weiterer Supernovae; in unregelmäßigen Abständen flammten sie auf und überzogen ein paar Wochen lang das nächtliche Firmament mit einem grellen Glast, um dann wieder in die stellare Anonymität zurückzusinken. Und all das spielte sich in einem relativ winzigen Sektor einer benachbarten Galaxie ab.

»Was Sie alle vergessen«, warf Langley mit seiner sanften Stimme ein, »ist die Tatsache, dass diese Novae immer noch ein Geheimnis darstellen. Und nichts lieben die Menschen mehr als ein Mysterium. Das liegt in unserer Natur.«

Er rückte ein Stück von dem Teleskop ab und legte eine Hand leicht auf das schimmernde Rohr. »Martens, Sie haben doch die Novae studiert. Ich schlage vor, Sie frischen unser Wissen auf, indem Sie uns ein paar grundlegende Details erzählen. Was ist denn so bemerkenswert und außergewöhnlich an diesen Novae?«

Martens war auch nicht mehr ganz nüchtern; er blinzelte und fing an zu stottern, völlig überrumpelt von der potenziell gefährlichen Frage des Tutors. »Äh, Sir, bis jetzt glaubten wir, dass die meisten Sterne, die sich zu einer Nova entwickeln, zu einem Doppelsternsystem gehören.« Mit dem Fuß stieß er eine noch nicht leere Bierflasche um, die vergessen vor ihm auf dem Boden stand. Er bückte sich bereits, um sie aufzuheben, besann sich jedoch im letzten Moment anders.

Dakota erhaschte einen Blick auf Aidens Gesicht und merkte, dass selbst er plötzlich nicht mehr ganz so betrunken aussah. »Einer dieser Sterne saugt Materie von seinem Gefährten ab, und daraus resultiert eine stellare Explosion. Aber soweit man weiß, besaß keine Komponente dieser neuen Novae genug Masse, damit es zu einem Novaausbruch kommen konnte, noch gehörten sie zu einem Doppelsternsystem.«

»Und dann sind da noch die doppelten Neutrino-Entladungen«, fügte Dakota impulsiv hinzu, wofür sie einen dankbaren Blick von Martens erntete, der froh war, nicht weitersprechen zu müssen. Langley sah sie mit beifälliger, wenn nicht gar bewundernder Miene an, und sie errötete bis unter die Haarwurzeln.

»Weltraumscanner haben immer einen Neutrino-Ausstoß aufgezeichnet, nur wenige Minuten vor der visuellen Beobachtung«, fuhr sie fort. »Aber jeder dieser kürzlich erfolgten Novae in der Magellan’schen Wolke ging ein Neutrino-Echo voraus: es gab nicht einen, sondern jedes Mal zwei Neutrino-Ausstöße im Abstand von ein paar Sekunden, und anschließend erfolgte dann die normale visuelle Bestätigung. Doch eigentlich ist das gar nicht möglich. In unserer eigenen Galaxis entstehen in einem Jahrhundert vielleicht ein paar Novae, und auf einmal brechen mehrere Dutzend in einer Nachbargalaxie aus, die aus einem Zehntel der Sterne besteht, die unsere Milchstraße bilden. Obendrein in einem Zeitraum von wenigen Jahren und fast buchstäblich vor unserer Haustür. Das ergibt keinen Sinn.«

Langley lächelte. »Sehen Sie, Aiden, dieses Mädchen besitzt eine gesunde Neugier. Sie stellt Fragen, während Sie nur dasitzen und sich beschweren.«

Martens brach in ein nervöses Lachen aus, in das Otterich einen Augenblick später einstimmte. Aiden rang sich ein Lächeln ab, wie wenn er sagen wollte: Sie haben gewonnen, und plötzlich hatte Dakota Mühe, sich zu erinnern, was sie an diesem Burschen so sympathisch gefunden hatte, dass sie ihm noch vor Kurzem erlaubte, sich auf sie zu legen. Sie führte es auf die Kombination von Alkohol und der unbestreitbaren Tatsache zurück, dass er alles andere als unattraktiv war.

Mit einem Seufzer riss sie sich zusammen und zwang sich dazu, nicht mehr daran zu denken, wie sie eng umschlungen unter den warmen Laken gelegen hatten. Es war eine Sache, auf dieses eisige Dach zu klettern, weil schon wieder ein neuer Stern am Himmel aufgetaucht war; doch wer anfing, nach den Ursachen für dieses Phänomen zu fragen, konnte mancherorts in arge Schwierigkeiten geraten.

Als die ersten Novae erschienen waren, waren die Stadtältesten, die Erkinning und sämtliche anderen Kommunen der Freien Staaten regierten, schnell bei der Hand gewesen, diese Zeichen am Himmel auf Gottes unerforschlichen Willen zurückzuführen, die sich deshalb jeder wissenschaftlichen oder wie auch immer gearteten Untersuchung entzogen.

Das Konsortium – so hieß die administrative und militärische Körperschaft, die den von Menschen bewohnten Teil des Weltraums kontrollierte – kümmerte sich im Allgemeinen nicht um Lokalpolitik, doch es blieb die Tatsache, dass von Bellhavens mannigfachen, unterschiedlichen Nationen lediglich die Freien Staaten vom Konsortium selbst massiv unterstützt wurden; der Grund dafür waren die aufsehenerregenden Fortschritte, die Techniker in Erkinning und gewissen anderen Städten der Freien Staaten bei der Weiterentwicklung der Ghost-Technologie gemacht hatten. Unter diesen Umständen war das Verbot öffentlicher Spekulationen bezüglich der Novae nicht viel mehr als ein Säbelrasseln; damit versuchten die Ältesten zu zeigen, dass sie in Erkinning immer noch die maßgeblichen Machtpositionen innehatten, obwohl jeder wusste, dass das nicht stimmte.

Aiden schaute grimmig drein. Ein Onkel von ihm bekleidete einen Sitz im Ältestenrat, und wenn er sich in derlei Mutmaßungen verwickeln ließe, wäre das seiner Karriere nicht förderlich. Dakotas nächste Worte sprudelten nur so aus ihr heraus, um Aiden keine Gelegenheit zu geben, Langley der Ketzerei zu bezichtigen.

»Die Supernovae haben alles, was wir über stellare Mechanik zu wissen glaubten, über den Haufen geworfen, aber die Shoal wollen nicht einmal darüber reden, und deshalb glaubt jeder, sie hätten etwas zu verbergen.«

Eine Weile herrschte allgemeines Schweigen, das nur vom Geräusch des Nachtwindes gestört wurde, der über die Brustwehr strich.

»Also gut«, meinte Langley, der sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte. »Ich habe das Teleskop aus einem ganz bestimmten Grund hier heraufgebracht. Das Konsortium erwartet, das seine Investitionen reiche Früchte tragen. Deshalb sollten Sie sich vergegenwärtigen, dass Sie noch sehr viel zu lernen haben, selbst dann noch, wenn Ihr Studium schon eine halbe Ewigkeit zurückliegt – allerdings brauchen Sie sich in dem Fall keine Sorgen mehr wegen der Ältesten zu machen, die Ihnen vorschreiben, was Sie zu denken oder nicht zu denken haben.«

Mit einem Finger tippte er sich an die Schläfe. »Nichts passiert ohne Grund, und das schließt eine benachbarte Galaxie ein, in der sich Dinge abspielen, die an eine Explosion in einer Feuerwerkskörper-Fabrik erinnern. Selbstverständlich drängen sich einem Fragen auf. Angenommen, eine bis jetzt noch unbekannte Kraft hat eine beträchtliche Anzahl sehr weit entfernt liegender Sterne trotz offenkundig zu geringer Masse zum Detonieren gebracht  – lässt das den Schluss zu, dass dasselbe auch hier bei uns eintreten könnte?«

»Aber auf diese Frage kann es keine Antwort geben«, protestierte Aiden mit einem unverkennbar trotzigen Unterton. »Selbst die Schiffe der Shoal brauchten Jahrhunderte, um zu Forschungszwecken in die Große Magellan’sche Wolke zu gelangen. Und was auch immer dort passiert sein mag, hat sich zu einer Zeit ereignet, als unsere Vorfahren auf der Erde sich noch durch die Baumkronen hangelten. Es ist müßig zu spekulieren, wenn wir ja doch niemals imstande sein werden, das Rätsel zu lösen.«

Langley schloss für einen kurzen Moment die Augen, und Dakota glaubte, ihn leise fluchen zu hören. Als er die Augen wieder aufmachte, blickte er Dakota an und gab ihr einen Wink.

»Dakota, möchten Sie die Erste sein, die durchs Teleskop schaut?«

Sie trat vor und beugte sich über das Gerät, um durch das Okular zu spähen. Langley war auf Aidens Argument nicht eingegangen, weil der natürlich recht hatte. Denn nur mit Hilfe der Shoal war es den Menschen überhaupt gelungen, interstellare Raumfahrt zu betreiben. Die im zwanzigsten Jahrhundert durchgeführten Experimente auf dem Gebiet der Langstrecken-Quantendynamik hatten zur Tach-Transmission geführt, einer Form von Kommunikation ohne Zeitverzögerung, die die Shoal in ihren riesigen interstellaren Flotten aus Kernschiffen schon seit Langem verwendeten.

Es gab Millionen von bewohnten Sternsystemen, doch die Shoal behaupteten, die einzige Rasse zu sein, die einen überlichtschnellen Antrieb entwickelt hatte; und als Gegenleistung für das Versprechen, dass die Menschheit niemals versuchen würde, diese Technologie zu replizieren, durften die Menschen innerhalb einer genau bestimmten Sphäre des Weltraums, die einen Durchmesser von ungefähr dreihunderttausend Lichtjahren besaß, andere Planeten kolonisieren.

Dieses Angebot hatte man nicht ausschlagen können, doch es kursierten Geschichten und Gerüchte, dass die Menschen sich trotz der ursprünglichen Drohungen der Shoal angeschickt hatten, den Transluminal-Antrieb zu kopieren. Sämtliche Anstrengungen waren anscheinend kläglich gescheitert. Desgleichen wurde niemals öffentlich zugegeben, dass Regierungen der Menschen Spionagesatelliten und Technologien zur Fernüberwachung einsetzten, um die Kernschiffe der Shoal in jenen wesentlichen Momenten vor dem Eintritt in den Transluminalraum zu beobachten, doch die breite Masse glaubte, dass das der Wahrheit entsprach.

Ohne die Shoal gäbe es demnach keine Kolonien, keinen interstellaren Handel, keine akribisch lizensierten fremdartigen Technologien, welche die anderen Klienten-Rassen der Shoal lieferten, und ganz gewiss keine Pioniere, die Erkinning, die Freien Staaten und all die anderen menschlichen Kulturen hier auf Bellhaven gegründet hatten.

Ohne die Großzügigkeit der Shoal hätte nichts von alledem existieren können.

Dakota drückte ihr Auge fester an das Okular des Teleskops und spürte den kühlen Plastikring an ihrer Augenbraue und Wange. Dann sah sie scharf umrissene Lichtpunkte. Wieder einmal drängten sich Details der Sterne, die sie beobachtete, in ihr Bewusstsein, die sie ohne Unterstützung durch ihre Implantate vermutlich gar nicht hätte wahrnehmen können. Aber ihr Ghost lernte bereits, ihre Fragen und Wünsche vorherzusehen, deshalb blendeten sich die Informationen genauso schnell aus, wie sie gekommen waren.

Gewiss, Orbitalobservatorien und miteinander vernetzte Radioteleskope lieferten viel akkuratere Ergebnisse, aber mit eigenen Augen durch eine simple Linse zu spähen, war immer noch ein aufregender Vorgang. Sie konnte sich gut vorstellen, was Galileo Galilei empfunden haben mochte, als er zum ersten Mal die Jupitermonde entdeckt hatte.

»Vielleicht hat jemand sie zur Explosion gebracht«, murmelte Dakota. »Die Sterne in der Magellan’schen Wolke, meine ich.«

Aiden brach in schallendes Gelächter aus, und Dakotas Wangen brannten vor Verlegenheit.

»Wenn dir eine bessere Erklärung einfällt, dann darfst du sie uns gern mitteilen«, schnauzte sie. In diesem Augenblick trat Marlie vor, der das Gezänk sichtlich peinlich war, um auch durch das Teleskop zu peilen.

Langleys Züge wirkten wieder wie aus Granit gemeißelt und völlig teilnahmslos, doch zweifellos bekam er jedes Wort mit, das gesagt wurde.

»Wissen Sie, Aiden«, meinte er schließlich, »es steht eindeutig fest, dass die Shoal uns an der kurzen Leine halten. Man sagt uns, da draußen gäbe es Tausende von anderen Spezies, doch bis jetzt haben wir nur die Bandati und noch zwei weitere Rassen kennengelernt. Aber man kann nie wissen, was die Zukunft bringt. Vielleicht ändert sich ja alles.«

Aiden grinste hämisch, doch Dakota merkte ihm an, dass seine Selbstsicherheit ins Wanken geraten war. »Tutor, an manchen Orten kann es gefährlich werden, solche Meinungen auszusprechen«, erwiderte er ruhig.

Langley zuckte nicht mit der Wimper, sondern behielt seinen starren Gesichtsausdruck bei. »Ich möchte Ihnen Folgendes mitgeben, Aiden«, setzte er erneut an. »Sobald auch Sie erst einmal eingesehen haben, unter wie vielen Restriktionen die menschliche Rasse zu leiden hat, werden Sie begreifen, was es heißt, von einer Veränderung des Status quo zu träumen. Dann werden Sie erkennen, wie frustrierend es ist, wenn man Ihnen sagt, dass Sie nur so und so weit kommen können und eine bestimmte Grenze nicht überschreiten dürfen.«

»Nun, es ist doch weit genug, oder nicht?«, versetzte Aiden und blickte ein wenig verwirrt drein. »Ich finde«, fuhr er fort, während er einen Mundwinkel zu einem dreisten Grinsen hochzog, »es ist immer noch besser, als für den Rest seines Lebens hier festzustecken.«

Dakota sah das Mienenspiel auf Langleys Gesicht, auch wenn Aiden es offensichtlich nicht mitbekam.

»Ihr größtes Problem«, kommentierte Langley mit rauer Stimme, »ist ein beklagenswerter Mangel an Abenteuerlust.«

Kapitel Drei

Heimatwelt der Shoal, Perseusarm Konsortium-Standardzeit: 01.02.2542

Der Name der Kreatur lautete »Der-mit-tierischen-Fäkalien-handelt«. In einer mit Brackwasser gefüllten Blase, die durch ein Energiefeld zusammengehalten wurde, raste der Händler auf eine unendliche blaue Fläche zu.

Hoch über ihm funkelten nur sehr wenige Sterne. Während ihres langen und einsamen Fluges hatte die Heimatwelt der Shoal eine dichte Wolke aus interstellarem Staub gekreuzt; seit annähernd zehntausend Jahren war sie darin verschwunden, und bis zu ihrem Auftauchen auf der anderen Seite würde mindestens noch ein Jahrtausend vergehen.

Der Teil der Heimatwelt, auf den der Händler zusteuerte, lag zurzeit auf der Tagseite; die Wärme und das Licht, die erforderlich waren, damit dort überhaupt noch Leben existieren konnte, wurden nicht mehr von dem seit Langem verschwundenen Stern erzeugt, unter dem die Spezies des Händlers ursprünglich entstanden war, sondern von unzähligen in Energiefeldern schwebenden Fusionskugeln, die, zu einem engmaschigen Netz geordnet, ein paar tausend Kilometer über der Planetenoberfläche hingen.

Die Heimatwelt bewegte sich allein durch die unendliche Weite der Milchstraße, in Richtung der relativ leeren Räume zwischen den großen Spiralarmen. Dort konnte man sich womöglich vor dem Krieg in Sicherheit bringen, der eines Tages unweigerlich ausbrechen musste.

Möge es uns vergönnt sein, dachte der Händler, während ihm die aquatische Oberfläche der Heimatwelt mit alarmierender Geschwindigkeit entgegenraste, jemals unser legendäres Ziel zu erreichen! Seine Greiftentakel krümmten sich unter seinem Körper als Ausdruck grimmigen Humors, angelten zappelnde, lebendige Nahrung aus dem Brackwasser der Blase und schoben sie zwischen seine zitternden Kiefer. Zehntausend Jahre des Reisens  – mit etwas Glück weitere zehntausend – und danach noch einmal zehntausend Jahre, gefolgt von weiteren zehntausend und so fort …

Die Welt, auf der der Händler geboren worden war, war eine Meereswelt. Vor langer Zeit hatte es auch Kontinente gegeben, aber durch vorsichtiges Eingreifen in das tektonische System hatte man diese Landmassen so weit abgesenkt, bis sie risikolos vom Leben spendenden Wasser überspült werden konnten. Nun umspannte für alle Zeiten ein einziger Ozean den gesamten Globus, bis auf einige Stellen, an denen raffiniert geformte Energiefelder gigantische Löcher in die Wassermassen hineinschnitten: bodenlose Abgründe, in die sich der Ozean mit seinem gewaltigen Druck hineinstürzen wollte. Die Energiefelder erstreckten sich bis hoch in die Atmosphäre hinauf, große Vakuumzonen erzeugend, die bis zum Meeresboden und sogar noch tiefer hinabreichten.

In einen dieser Tunnel, die die Welt durchzogen, fiel der Händler hinein; seine enormen, ausdruckslosen Augen starrten aus dem Kopf seiner fischähnlichen Gestalt, die in der Schutzblase sicher aufgehoben war.

Als er durch einen der Vakuumschächte fiel, stürzte der Ozean auf den Händler zu und sauste an ihm vorbei; die blauen Wasserwände färbten sich rasch schwarz, während er immer tiefer hinabglitt, bis nur noch weit oben ein heller Lichtkreis seinen Eintrittspunkt markierte.

Schneller als er mit einem Augenlid zucken konnte, sank er in eine undurchdringliche Finsternis, die nur gelegentlich unterbrochen wurde, wenn eine Fusionskugel allen Naturgesetzen zum Trotz in der Schwärze schwebte. Diese Leuchtkörper erhellten den Weg zu unterseeischen Portalen, die es einem Mitglied der Shoal ermöglichten, endlich das tödliche Vakuum zu verlassen und sich in die nasse Umarmung von Mutter Ozean zu schmiegen.

Tiefer, tiefer, tiefer. Der Händler fiel noch weiter hinunter, dann flitzte er mit unglaublicher Geschwindigkeit in seiner Blase, die nicht durch Masseträgheit behindert wurde, zur Seite; ein Fusions-Richtungsweiser erschien ihm wie ein vorbeihuschender heller Punkt, als er geschwind wie der Blitz an der Markierung vorbeischoss. Danach befand er sich endlich inmitten der heilsamen Wasser von Mutter Ozean.

Die Entscheidung, die Heimatwelt der Shoal aus ihrem Orbit um den Stern zu entfernen, der diesen Planeten geboren hatte, war lange vor der Geburt des Händlers gefallen. Und der Händler selbst war bereits uralt. Er hatte tausend verschiedene Namen getragen, und als er schließlich mit den Menschen Kontakt aufnahm, für die er sich gegenwärtig aufgrund seiner Mission interessierte, hielt er den Spitznamen »Der-mit-tierischen-Fäkalien-handelt« für angemessen.

Damit machte er sich über die Menschen lustig; einige fühlten sich durch diesen Titel beleidigt, doch gleichzeitig wussten sie, dass sie absolut nichts dagegen tun konnten.

Und weder die Menschen noch irgendeine andere Klienten-Rasse hatten auch nur die leiseste Ahnung davon, wie tief gespalten die Shoal-Gesellschaft war. Sie würden es auch niemals erfahren, wenn er und seinesgleichen, die in einem ähnlichen Auftrag unterwegs waren, es verhindern konnten.

Der Händler driftete weiter über den sandigen Ozeanboden, der durch Energiefeld-Projektionen in voneinander abgegrenzte Territorien unterteilt war. Massive Gebäude und Verwaltungsblocks, die aus uralten Korallen gewachsen waren, erhoben sich über dem Meeresgrund wie lebende Kolosse; nur wenigen war der Zugang zu diesem Bezirk gewährt. Andere Shoal-Mitglieder spurteten hin und her, ihren eigenen Geschäften nachgehend, sich beflissen der ungeheuren Aufgabe widmend, die Bedürfnisse der »Träumer« zu befriedigen; sie mussten sie füttern und umhegen, Äonen lang, bis in eine Zukunft, für die man die Träumer eigens geschaffen hatte – damit sie das zu erwartende Morgen entdeckten und analysierten.

Die Landschaft wurde erhellt von zusätzlichen Fusionslampen, die einen kalten Schein über die furchteinflößend gigantischen Gestalten warfen, welche sich über den ganzen Abgrund verteilten. Den Träumern war bewusst, dass der Händler sich ihnen näherte; sie glichen Göttern mit ihrer Fähigkeit zu erkennen, wo in der Gegenwart die Wurzeln für kommende Ereignisse lagen. Der Händler schwebte über den Rand eines Vorsprungs hinaus, der den Unterwassercanyon überragte, und dann entdeckte er direkt vor sich die Träumer: monströse, knollenförmige Umrisse mit blicklosen Augen und ungeheuren Tentakeln, die die abgeschliffenen Kuppen eines einstmals gewaltigen unterseeischen Gebirgszugs, über den sie sich drapierten, geradezu winzig aussehen ließen.

In einem Umkreis von mehreren hundert Kilometern hatte man Aquafarmen angelegt, welche die vielen tausend Tonnen an Lebensmitteln produzierten, die man brauchte, um die Träumer zu ernähren. Hunderte von Pflegern umschwärmten unentwegt die Träumer, wie Altardiener, die darauf warteten, von riesenhaften, grausamen, schwarzen Göttern verschlungen zu werden.

»Wenn Sie sich zu den Träumern begeben«, hatte der Vorgesetzte des Händlers ihn vor ein paar Tagen gewarnt, »dann müssen Sie damit rechnen, dass ein Agent der Mutterstern-Gruppierung versuchen wird, Sie zu töten.«

Ihr vereinbartes Treffen hatte in einem Orbitalpark stattgefunden, einer mit Wasser gefüllten Umgebung, die teils aus stofflichen Materialien, teils aus gestalteten Energiefeldern bestand. Tief unter ihnen konnten sie die Heimatwelt sehen, deren Ozean unter der Wucht von Sommerstürmen wogte; Blitze flackerten über der südlichen Hemisphäre, wo ein Hurrikan tobte und die Wasseroberfläche unter einem engen Coriolis-Ring zu schaumgekrönten Brechern aufpeitschte.

Oberhalb der Atmosphäre und jenseits des wärmenden Lichts der Fusionskuppeln war der Planet von einem Gitter aus silbernen Bändern umspannt, wie ein als Geschenk eingepacktes Schmuckkästchen. Es waren die sichtbaren Zeichen bestimmter Primärenergien, mit deren Hilfe man die Heimatwelt der Shoal durch die Tiefen des interstellaren Raums steuern und dabei benachbarten Sternsystemen so weit wie möglich ausweichen konnte.

Der Händler und sein Vorgesetzter, ein greisenhaftes Individuum mit ledriger Haut, das er nur unter dem Namen »Der-gewaltsame-Lösungen-liebt« kannte – ein Titel, der auf seine früheren Verwicklungen in ziemlich schmutzige und blutige Regierungsgeschäfte anspielte –, schwammen an jenem Tag nebeneinander durch den öffentlichen Park; ein zufälliger Beobachter hätte annehmen müssen, dass hier zwei hochbetagte Fische in Erinnerungen an längst vergangene Zeiten schwelgten.

»Es wäre nicht der erste Versuch, das versichere ich Ihnen«, erwiderte der Händler. Seine Antwort strömte als ein Schwall wässriger Klicklaute aus dem Sekundärmund. »Ich kann auf mich aufpassen.«

Der-gewaltsame-Lösungen-liebt klickte zustimmend, doch an der Art, wie er seine Greiftentakel verdrehte, merkte der Händler, wie nervös er war.

»Ihre Arbeitsmethoden haben auf höherer Regierungsebene Aufmerksamkeit erregt«, fuhr Der-gewaltsame-Lösungen-liebt fort. »Offiziell sind Sie natürlich Ihr eigener Herr, jemand, der schon vor langer Zeit den aktiven Dienst quittiert hat. Nichtsdestotrotz …«

Nichtsdestotrotz. Der Händler verspürte einen Anflug trockenen Humors, während er diesen sorgfältig formulierten Sätzen lauschte. Selbst ein abgefeimter Mörder wie der Gewaltliebhaber bekam in Gegenwart des Händlers Beklemmungen. Doch wenn es letzten Endes darum ging, das Überleben ihrer eigenen Spezies zu gewährleisten, die sich gegen so viele Feinde, reale wie potenzielle, zur Wehr setzen musste, war seiner Ansicht nach jedes Mittel recht, sofern es nur Erfolg versprach.

»Halten Sie mich für unmoralisch und leichtsinnig?«, hakte der Händler lässig nach. »Wenn ich in der Vergangenheit nicht bereits eigenmächtig gehandelt hätte, wären Konsequenzen erfolgt, die in ihrer Ungeheuerlichkeit das Begriffsvermögen einiger unserer Kadermitglieder überstiegen hätten, das sage ich ganz frei heraus. Dieser Agent der Pro-Solar-Gruppe, heißt er vielleicht ›Der-die-Leichen-seiner-Feinde-auffrisst‹?«

Der-gewaltsame-Lösungen-liebt hüllte sich in Schweigen, und der Händler genoss eine flüchtige Anwandlung von Triumph, weil er diese Reaktion erzielt hatte.

General Leichenfresser war ein Shoal-Mitglied mit einem Ruf, der noch erschreckender war als der des Gewaltliebhabers, welcher bereits eine erhebliche Anzahl militärischer Feldzüge angeführt hatte, als viele der Klienten-Rassen der Shoal gerade erst gelernt hatten, wie man ein Feuer anzündet. Doch mit zunehmendem Alter schien der Leichenfresser immer schwächer zu werden, immer … liberaler.

An diesem Punkt ließ der Händler einen Tentakel vorschnellen und schnappte sich eine vorbeischwimmende Molluske; er knackte die Schale und stopfte sich den Inhalt übertrieben heftig in seinen Primärmund.

Der bloße Gedanke an den Leichenfresser erregte seinen Zorn.

»Der Leichenfresser kommt der Wahrheit sehr nahe«, warnte Der-gewaltsame-Lösungen-liebt den Händler. »Wir wissen, dass Vertreter der Mutterstern-Gruppierung an den General herangetreten sind, nachdem dieser auf eigene Faust ein wenig recherchiert hatte, und seitdem unterstützt er ihr Anliegen. Sie wären gut beraten, weder die Macht noch den Einfluss zu unterschätzen, womit sich …«

»Bei allem Respekt, aber mich selbst sollte man auch nicht unterschätzen.«

»Dennoch glaube ich, dass Sie langsam unvorsichtig werden«, entgegnete der Gewaltliebhaber prompt. »Sie wären nicht der erste Agent, der durch seine eigene Hybris vernichtet wird. Dieser Name, den Sie sich gegeben haben …«

»Der-mit-tierischen-Fäkalien-handelt?«

»Ja.« Der-gewaltsame-Lösungen-liebt brachte seinen Abscheu unverhohlen zum Ausdruck, indem er seine Greiftentakel krümmte. »Das ist kein Name, das ist ein Witz – und ein sehr menschlicher obendrein. Ich denke, Sie haben viel zu viel Zeit mit diesen elenden Kreaturen verbracht. Nicht nur das, Ihre Methoden werden immer exzentrischer – und das ist noch milde ausgedrückt. Es scheint, als forderten Sie das Schicksal heraus, indem Sie denen, die Sie manipulieren wollen, die Gelegenheit verschaffen, Ihre Manipulationen aufzudecken. Man könnte fast annehmen, Sie litten an einer gewissen, nun ja, existenziellen Verzweiflung, wie es bei anderen Agenten der Träumer schon vorgekommen ist.«

Der Gewaltliebhaber hielt kurz vor einem Vakuumschacht an und wartete offenkundig auf eine Antwort.

Die Greiftentakel des Händlers hatten sich vor Belustigung gekringelt. »Schlagen Sie mir etwa vor, ich sollte mich in den Ruhestand begeben?«

»Vielleicht nicht sofort«, räumte der Gewaltliebhaber ein, »denn die Träumer scheinen zu bestätigen, dass Sie bei den kommenden Ereignissen eine zentrale Rolle spielen werden. Haben Sie die Absicht, sie bald aufzusuchen?«

»Ja, schon sehr bald. Ich will … ich muss mich wohl mit dem General auseinandersetzen.«

»Wenn das Große Geheimnis gelüftet würde, wenn der wahre Grund herauskäme, warum wir unseren Heimatstern verlassen haben und unsere Heimatwelt so weit weg von jeder anderen Sonne bringen …«

»Ich verstehe.«

Mit dieser Entgegnung schien sich der Gewaltliebhaber zufrieden zu geben. »Höchstwahrscheinlich wird sich der General mit Ihnen in Verbindung setzen, wenn Sie die Träumer besuchen, denn wann Sie das nächste Mal auf die Heimatwelt zurückkehren werden, dürfte sehr ungewiss sein. Ein Zusammentreffen an diesem Ort wird sicher sehr … interessant ausfallen.«

Aus Gewohnheit ließ der Händler seine großen Augen in jede Richtung kreisen. Doch bei den vielen peripheren Geräten, die zu jeder Seite des Parks verteilt waren, hätte sich niemand in eine Position bringen können, um ihr Gespräch zu belauschen.

Die Träumer waren das Ergebnis einer zehntausend Jahre andauernden selektiven Züchtung und genetischer Manipulation; die Kreaturen, die man geschaffen hatte, waren nahezu unsterblich, selbst nach den Maßstäben der überaus langlebigen Shoal. Das biologische neurale Netzwerk der Träumer bildete eine komplexe Maschine, einen Quanten-Parallel-Prozessor, der es ermöglichte, durch die chaotisch schäumende Brandung der sehr nahen Zukunft zu navigieren und die kommenden Ereignisse in groben Zügen zu erkennen.

Die Träumer konnten beinahe unendlich viele widersprüchliche und miteinander konkurrierende Quanten-Unsicherheiten prüfen und vorhersagen, wo sich bestimmte Tendenzen eventuell durchsetzen mochten oder wo gewisse historische Vorgänge entweder beschleunigt oder zu einem Stillstand kommen würden. Gleichzeitig stellten die Träumer das am besten gehütete Geheimnis der Shoal dar.

Im Allgemeinen boten die Vorhersagen der Träumer ziemlich wenige Überraschungen. Der Händler hatte seit Langem gewusst, dass der Krieg, den alle fürchteten, historisch unvermeidbar war, etwas, das man zwar so lange wie möglich hinausschieben musste, doch letzten Endes ließe er sich nicht abwenden. Trotzdem vermochten die Träumer oftmals auf einer viel simpleren und persönlicheren Ebene bemerkenswerte – wenn auch mitunter unzuverlässige – Resultate zu produzieren.

Aus diesem Grund hatte Der-mit-tierischen-Fäkalien-handelt sich zum ersten Mal seit Jahrhunderten wieder dazu entschlossen, auf die Heimatwelt zu reisen und die Träumer zu besuchen. Streng geheime Kommuniqués hatten angekündigt, dass er in äußerst beunruhigenden apokalyptischen Visionen, welche die Träumer kürzlich erzeugt hatten, eine herausragende Rolle spielen würde.

Der Händler, der sich noch nie mit Informationen aus zweiter Hand zufriedengegeben hatte, verlangte natürlich einen direkten Kontakt mit den Träumern, um seine Beteiligung an den künftigen Ereignissen besser definieren zu können.

Aus der Nähe hätte man die kolossalen, wellenförmigen Umrisse der Träumer leicht für eine besonders stark gewundene und verblüffend organisch wirkende Kette aus Hügeln und Tälern halten können; Hügel, die sich von Zeit zu Zeit bewegten.

Gelegentlich zischten winzige, grelle Funken aus Energie über die Außenfläche der Kraftfeldblase, die den Händler schützte; dies geschah, weil sie sich an den ungeheuren Druck anpassen musste, der die Bedingungen, unter denen sich seine Spezies entwickelt hatte, bei Weitem übertraf. Aus der Richtung der Träumer stiegen andere leuchtende Energieblasen auf, in denen sich Shoal-Mitglieder befanden, und näherten sich dem Händler. Das waren die Priester-Genetiker, die ihr Leben damit verbrachten, ihre riesigen Orakel hier in der endlosen, erhabenen Dunkelheit zu umsorgen.

Bald gewahrte der Händler eine weitere Kraftfeldblase, die rasch auf einer anderen Bahn auf ihn zukam. Der Händler bremste sein Tempo ab, damit General Der-die-Leichen-seiner-Feinde-frisst zu ihm aufschließen konnte. Dann schwammen sie nebeneinander her, das Feld mit den Träumern ansteuernd.

»Da sind Sie ja endlich!«, rief der General mit aufgesetzter Jovialität. »Der-mit-tierischen-Fäkalien-handelt, richtig?« Seine Greiftentakel schlugen gegeneinander und erzeugten eine Reihe klickender Geräusche, was bei den Shoal einem brüllenden Gelächter gleichkam.

Der Händler erlebte einen kurzen Anflug von Panik. Konnte man den herannahenden Priester-Genetikern auch wirklich trauen? Wie würden sie mit dem General verfahren? Man vermutete, dass sie alle Eingeweihte waren und die Ansicht von Der-gewaltsame-Lösungen-liebt bedingungslos teilten, der meinte, man müsse die unangenehme Wahrheit vor Personen wie General Leichenfresser verbergen.

Aber was wäre, wenn der Gewaltliebhaber den Händler bereits verraten hatte? Was, wenn seine Warnung bezüglich der Arbeitsmethoden des Händlers genau genommen eine Art Ultimatum darstellte?

Was wäre, wenn? Was wäre, wenn?

Der Händler haderte mit sich, weil er einen Moment lang von seiner Überzeugung – seinem Glauben – abgefallen war. Wenn ihn heute der Tod ereilte, würde er in dem Bewusstsein sterben, dass er der Shoal-Hegemonie länger gedient hatte als die meisten Angehörigen seiner Rasse. Es wäre ein gnädiges, nobles Ende, denn die Vorstellung, eines natürlichen Todes zu sterben, kam ihm geradezu grotesk vor.

Wenn er heute nicht sterben würde, dann an irgendeinem anderen Tag. Das war der Lauf der Dinge.

Der Händler hörte auf, sich Sorgen zu machen. Von der Seite her schielte er den General an und bemerkte, was für ein hässliches Scheusal der Leichenfresser war, dessen schuppige, mit Narben übersäte Haut regelrecht verwittert wirkte.

Ein Auge – obwohl es problemlos hätte geheilt werden können  – war milchweiß und blind, mit einem deutlich sichtbaren Riss in der Oberfläche. Gewiss, der General war ein ernst zu nehmender Gegner, aber der Händler hatte sich schon mit gefährlicheren Kontrahenten herumgeschlagen.

General Leichenfresser rammte seine Energieblase in die des Händlers, und beim Zusammenprall der beiden Kraftfelder begann das Wasser um sie herum zu kochen. Geschwind zog der Händler seinen Schutzschirm vom General zurück; er brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass der Leichenfresser keineswegs die Absicht hatte, ihn zu töten.

»General …«

»Jetzt hab ich Sie erwischt, wie?« Der General rauschte wieder auf ihn zu, mit hektisch auf und zu klappendem Nebenmund und sich schlängelnden Tentakeln. »Ich muss in Form bleiben! Man weiß nie, wann man ein Messer zwischen die Flossen kriegt.«

»Und Sie, General«, der Händler erlangte einen Teil seiner Fassung wieder, »was führt Sie zu den Träumern?«

»Nun ja, wissen Sie, in letzter Zeit mache ich mir ebenfalls Gedanken über die Zukunft«, erwiderte der Leichenfresser.

Bei diesem Kommentar ließ der Händler seine Tentakel als schlaffes Bündel herunterhängen, um keinerlei Gemütsregung erkennen zu lassen.

So etwas wie ein menschliches Achselzucken kräuselte die vernarbte Haut des Generals. »Es gibt Gerüchte … äußerst finstere Gerüchte, mein Freund.«

»Davon hatte ich keine Ahnung«, entgegnete der Händler.

»Normalerweise gebe ich nicht viel auf haltlosen Tratsch, aber Sie würden sich wundern, was derzeit in einigen recht hohen Kreisen gemunkelt wird.«

»Zum Beispiel?«

Der Händler blickte seinen Gefährten misstrauisch an. Mittlerweile hatten sie sich den Träumern so weit genähert, dass sie deren beeindruckende Größe wahrnehmen konnten; jeder Saugtentakel konnte mit Leichtigkeit hundert Shoal-Mitglieder gleichzeitig einschlürfen. Nun befanden sie sich tief in der Einflusssphäre der Träumer, waren gefangen in der wirbelnden Strömung der nahen Zukunft, die kurz davor stand, sich in die Gegenwart zu ergießen.

»Tja, über Einzelheiten möchte ich mich lieber nicht auslassen«, versetzte der Leichenfresser in verschwörerischem Tonfall. »Denn wenn ich es täte, müsste ich Sie hinterher umbringen.« In einem humorlosen Lachen schwenkte er seine Tentakel.

»Ich selbst habe auch Gerüchte gehört«, warf der Händler ein. »Angeblich prophezeien sämtliche Träumer, dass ein Krieg bevorsteht.«

»Jawohl!« Der General schluckte den Köder. »Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ein Krieg ist eine wunderbare Sache – im richtigen Zusammenhang, mit dem richtigen Feind und solange man ihn gewinnt. Diese Gerüchte jedoch handeln von einem Krieg, der nicht gewonnen werden kann, so absurd das auch klingen mag. Ein nicht zu gewinnender Krieg?«

»Vielleicht haben einige unserer Kameraden zu frei geplaudert, General. Es ist unverantwortlich, die breite Bevölkerung zu ängstigen.«

»Da gebe ich Ihnen recht«, bekräftigte der General.

Der Händler blickte nach vorn und merkte, dass die Priester-Genetiker sie fast erreicht hatten.

»Haben Sie von dem alten Rigor-Mortis gehört?«, erkundigte sich der Leichenfresser. »Er ist leider tot.«

»Tatsächlich?«

Der Händler vermochte seine Überraschung nicht zu verbergen. Rigor-Mortis war lange Zeit die treibende Kraft unter den Leuten gewesen, die, wie der Händler, in das Große Geheimnis eingeweiht waren.

»Ja. Erst kürzlich übergab Rigor sich den Träumern, weil er sich offenbar außerstande fühlte, die Last irgendeines ungeheuren Geheimnisses, die er sein Leben lang mit sich herumgeschleppt hatte, noch länger zu tragen. So erzählte es mir jedenfalls dieser alte Narr, ehe er sich freiwillig zu Tintenfischfutter machte.«

»Ich verstehe. Und was für ein Geheimnis könnte das gewesen sein?«

»Offensichtlich irgendein ausgemachter Blödsinn. Aber ich wollte Sie danach fragen, denn immerhin waren Sie mit dem alten Rigor – äh – viele Jahrhunderte lang eng befreundet. Er behauptete, er wüsste den wahren Grund, weshalb wir vor unserer Sonne geflüchtet seien. Was er von sich gab, war … verblüffend. Aber wenn man solche Geschichten glauben würde, zöge das eine Flut von Fragen nach sich, nicht wahr?«

Der Händler stellte sich dumm. »Ich weiß nicht, was Sie meinen, General. Von welchem Geheimnis ist hier die Rede? Und welche Art von Fragen erwarten Sie?«

»Offiziell heißt es, man hätte sich dazu entschlossen, unsere Welt aus dem ursprünglichen Heimatsystem zu entfernen, weil unser Zentralgestirn Instabilitäten aufwies, die sehr wahrscheinlich zu extrem zerstörerischen Protuberanzen führen könnten. Korrekt?«

»Das ist doch nichts Neues, General.«

»Aus diesem Grund«, fuhr der Leichenfresser munter fort, »reisen wir seit Jahrtausenden durch die ewige Finsternis des Weltraums, das heißt, wir kriechen mit Unterlichtgeschwindigkeit dahin. Dabei gibt es massenhaft bewohnbare und stabile Sternsysteme, in deren Richtung wir unsere Welt längst hätten lenken können. Trotzdem haben wir es nicht getan. Und wieso nicht?«

»General …«

Der General ignorierte den Einwurf des Händlers und ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen. »Anstatt uns für eine neue Heimat zu entscheiden, setzen wir bis in alle Ewigkeit diese fantastische Reise fort, auf der Suche nach irgendeinem imaginären Ziel. Und wir wiegen uns in der Sicherheit, dass keines der zehn Milliarden Shoal-Mitglieder, die gegenwärtig unsere Welt bewohnen, auf den Gedanken kommt, diese Geschichte anzuzweifeln, die schlimmer stinkt als ein Eimer voller Fischdärme am sonnigsten Tag des Jahres. Welche Erklärung gäbe es sonst dafür, dass die Mutterstern-Gruppierung so viel Rückendeckung für ihre Idee bekommt, einfach einen geeigneten Stern zu finden und unsere Welt dorthin zu bewegen! Und dann stellt sich natürlich noch die Frage, warum wir nicht einfach den größten Transluminal-Antrieb der Galaxis konstruieren und mit diesem verdammten Dreckklumpen in null Komma nichts zu irgendeinem völlig kompatiblen Stern fliegen? Oh, es drängen sich einem jede Menge Fragen auf, mein guter Händler. Und dennoch schien sich der alte Rigor erstaunlich sicher zu sein, er wüsste all die richtigen Antworten.«

»General, Rigor glaubte an so manches, aber seit man ihn zwang, in den Ruhestand zu gehen, verwirrte sich sein Geist zunehmend. Bestimmt erinnern Sie sich daran, dass er während irgendeines Konflikts in einer äußerst rückständigen Zone gefangengenommen wurde und um ein Haar verspeist worden wäre.«

»Wie dem auch sei, alles, was Rigor mir erzählte, ergab einen Sinn. Es klang völlig plausibel. Und hören Sie auf, den Ahnungslosen zu mimen, Händler. Während seiner Beichte tauchte Ihr Name oft genug auf.«

Der Händler seufzte innerlich und bereitete sich in Gedanken darauf vor, General Leichenfresser bei der erstbesten Gelegenheit zu ermorden. Vorläufig musste er sich jedoch dessen idiotisches, ketzerisches Geschwätz noch ein Weilchen länger anhören, bis die Priester-Genetiker ihnen so nahe gerückt waren, dass der Händler ihnen das vereinbarte Signal geben konnte.

Derweil polterte der Leichenfresser weiter: »Faszinierend, was Rigor da von sich gab, vor allen Dingen seine Vermutung, dass unsere Transluminal-Technologie gar nicht von uns entwickelt wurde, sondern dass wir sie von einer anderen Spezies gestohlen haben!«

»General, wollen Sie wirklich dazu beitragen, dass die Shoal-Hegemonie nach einer halben Million Jahren zusammenbricht? Ist es das, was Sie anstreben? Wären Sie auch noch stolz darauf, die Geheimnisse eines vertrockneten, alten Narren weiterzugeben? Das Bekenntnis eines Lebensmüden, der nicht mehr die Kraft besaß, auszuharren und zu erleben, welchen Schaden er vor seinem Tod angerichtet hat?«

»Selbstverständlich nicht! Die Zeiten, als wir noch in den Anfängen des interstellaren Reisens steckten, sind längst vorbei und so gut wie vergessen. Und soweit wir wissen, sind die wenigen noch existierenden Aufzeichnungen äußerst ungenau und lückenhaft. Aber darüber hinaus hatte Rigor noch mehr mitzuteilen. Er sagte, die Transluminal-Technologie könne nicht nur als Schiffsantrieb dienen, sondern sie ließe sich noch für andere Zwecke benutzen. Allein das Wissen um diese Möglichkeit würde erklären, warum wir unseren Heimatstern so weit wie möglich hinter uns lassen wollen …«

Das Dutzend Priester-Genetiker in ihren leuchtenden, durch Farben kodierten druckfesten Blasen hatte sie fast erreicht; sie taten so, als wollten sie an ihnen vorbei in die entgegengesetzte Richtung schwimmen. Der Händler sah, wie der General zu den Blasen schaute, und musste sich beherrschen, um seinem Blick nicht zu folgen.

»Also gut, General, verraten Sie mir, was Ihr Preis ist. Bitte schwafeln Sie mir nichts so Banales wie Macht und Einfluss vor. Ich wäre sehr enttäuscht.«

»Eine Herrschaft, die eine halbe Million Jahre lang ununterbrochen Bestand hatte, würde durch mehr Ehrlichkeit unseren Mitbürgern gegenüber nicht ins Wanken geraten«, antwortete der Leichenfresser prompt. »Wenn man den Forderungen der Mutterstern-Gruppierung nicht nachkommen kann, dann sollte man den Leuten zumindest eine vernünftige Erklärung dafür geben, warum dies nicht möglich ist.«

»Dazu wird es niemals kommen, General. Die Partei, für die ich tätig bin, lehnt diese Vorgehensweise entschieden ab.«

»Dann riskieren Sie einen Aufstand, Fäkalienhändler«, versetzte der General, ohne zu zögern. »Wenn ich darüber nachdenke, passt der Botschafter-Name, den Sie sich zugelegt haben, doch besser zu Ihnen, als ich anfangs glaubte. Die meisten Shoal-Mitglieder leben weit von ihrer Heimatwelt entfernt, aber allen wäre es lieber, ihr angestammter Planet würde gefahrlos um einen stabilen Stern kreisen, als für immer durch eine Wolke aus gefrorenem Staub irren. Im Übrigen könnte es passieren …«

Im Übrigen könnte was passieren?, lautete die unausgesprochene Erwiderung des Händlers. Für ihn bestand kein Zweifel daran, dass der General Vernunftgründen nicht zugänglich war.

»Im Übrigen«, fuhr General Leichenfresser nach einer Kunstpause fort, »gibt es außer mir noch andere, die bestrebt sind, die Wahrheit zu verbreiten. Daran wird sie keiner hindern können – und erst recht nicht, sollte mir etwas Drastisches zustoßen.«

Der Händler gab das Zeichen. Jählings preschte das Dutzend Priester-Genetiker vor. Ihre Energieblasen schossen Blitze, als sie mit der des Generals zusammenprallten, während der Händler sich eilig in eine sichere Entfernung zurückzog.

Dreizehn Kugeln aus farbigem Licht verschmolzen plötzlich zu einer einzigen Sphäre, in deren Zentrum der General feststeckte. Nun stürzten sich die Priester-Genetiker auf den alten Krieger-Fisch und attackierten ihn mit ihren Tentakeln, deren Enden Klingen aus Diamant trugen. Der General wehrte sich tapfer, aber er war alt, und man hatte ihn überrumpelt.

Ihre Agenten, mein guter General, sind Stümper, dachte der Händler bei sich. Amateurhafter hätte der wackere, aber auf seine Weise unbedarfte Kämpe nicht vorgehen können.

Es war sehr schnell vorbei. Nach wenigen Augenblicken ließen die Priester-Genetiker vom zerfetzten Leichnam des Generals ab, der in einer spiralförmigen Bahn langsam in Richtung Meeresboden trudelte; ihm voraus sank eine Felddisruptor-Waffe in die Tiefe, die der alte Narr an seinem Körper versteckt hatte.

»Verfüttert die Überreste des Generals an die Träumer«, befahl der Händler einem der Priester, der fast so weiß war wie ein Albino. Er trug den bedeutungsvollen Namen: Der-die-Geheimnissederer-hütet-die-in-einen-Hinterhalt-geraten-sind. »Sie können seine Erinnerungen genießen.«

Bei dieser Aufforderung blinzelte der Geheimnishüter mit seinen riesigen Augen. »Wenn wir die sterblichen Überreste des Generals den Träumern überlassen, wird seine Matrix, die einstmals sein Bewusstsein beherbergte, mit ihnen verschmelzen und ihnen weitere Informationen einspeisen. Die Erinnerung an den Vorfall, der sich hier ereignet hat, würde bestehen bleiben. Und solange seine Gedächtnisinhalte sich in der Matrix der Träumer befinden, könnte das, was er zum Zeitpunkt seines Todes gewusst hat, von anderen wiederentdeckt werden.«

Der Händler seufzte und stieß einen langen Strom aus Blasen aus. »Und es gehört zu euren Pflichten, derlei Informationen, die ans Licht kommen, zu sieben, zu interpretieren und zu zensieren, nicht wahr? Rigor-Mortis überantwortete sich nur deshalb den Träumern, weil er hoffte, die Wahrheit würde exakt auf die Weise, die Sie gerade beschrieben haben, an die Öffentlichkeit gelangen. Und jetzt müssen Sie und die anderen Priester-Genetiker dafür sorgen, dass dies niemals geschieht. Haben Sie mich verstanden?«

»Ja, ich habe Sie verstanden«, erwiderte der Priester-Genetiker mit einer Folge von hastigen Klicklauten.

»Ausgezeichnet. Und nun bringen Sie mich zu den Träumern.«

Aus irgendeinem Grund schienen einige der Priester – einschließlich Der-die-Geheimnisse-derer-hütet-die-in-einen-Hinterhalt-geraten-sind  – den Händler fast für ein ähnliches Orakel zu halten, wie die Träumer es waren.

»Und Sie glauben wirklich, dass dieser Krieg, der der allerletzte Krieg sein wird, auf uns zukommt?«, fragte der Geheimnishüter noch einmal, als man den Leichnam des Generals den riesigen Spirochäten des nächstgelegenen Träumers zuführte.

Der Händler gab eine ausweichende Antwort. »Was die Träumer uns mitteilen, ist … nun ja, es ist selten konkret, nicht wahr? Wirklich Aufschlußreiches ist nicht oft darunter, im Gegenteil, das meiste ist nutzlos.«

Der Geheimnishüter reagierte auf diese Unterstellung aufrichtig empört, doch der Händler fuhr unverdrossen fort: »Stattdessen geben uns die Träumer Hinweise, die so vage sind, dass man sie in alle möglichen Richtungen interpretieren kann. Und wenn man sich dann auf eine Deutung festgelegt hat, stellt sich auf einmal heraus, dass sie etwas völlig anderes meinten. Nur ist es dann in der Regel zu spät, den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Geheimnishüter, ich finde, dass wir uns viel zu sehr auf die Träumer verlassen. Sie dienen der Hegemonie lediglich als Vorwand, um ihre eigene Verantwortung für Entscheidungen auf sie abwälzen zu können. Dann heißt es einfach: ›Nun ja, die Träumer haben es so prophezeit, und die Konsequenzen waren unvermeidlich, egal, was wir unternommen hätten.‹«

In einem Achselzucken flatterte der Händler mit seinen Tentakeln. »Letzten Endes bedeutet das, dass ein paar Unglückliche, so wie ich, gezwungen sind, aktiv zu werden, um den Gang der Ereignisse abzulenken – damit die Historie eine gewünschte Wende nimmt.«

»Vielleicht ist dem ja so, aber es muss doch …« Der Geheimnishüter unterbrach sich.

»Sprechen Sie weiter.«

»Ich möchte nicht unverschämt werden.«

»Sie haben meine Erlaubnis, sich frei zu äußern.«

»Es scheint mir eine einsame und undankbare Aufgabe zu sein«, legte der Geheimnishüter los. »Nur sehr wenige dürfen wissen, dass Leute wie Sie überall in der Galaxis die Geschehnisse manipulieren müssen, damit unsere Spezies gedeiht. Was Sie tun, kommt der Gesamtheit unseres Volkes zugute. Doch da diese Manipulationen sich auf die Vorhersagen der Träumer stützen und Sie offensichtlich keine hohe Meinung von diesen Orakeln haben …«

»Ich könnte es nicht ertragen, wenn ich glaubte, dass meine Passivität, mein Nichteingreifen, unsere Vernichtung nach sich zöge«, erwiderte der Händler. »Sie sehen also, dass ich mich moralisch zum Einschreiten verpflichtet fühle, egal, aus welcher Quelle ich meine Informationen beziehe.«

Mittlerweile hatten sie fast den ersten der Traumtempel erreicht  – ein schwebendes Roboter-U-Boot, das es den wenigen Privilegierten gestattete, über ein Interface direkt mit den Träumern zu kommunizieren.

Der Händler verabschiedete sich von seinen jüngsten Mordkomplizen, ehe er in die nasse Umarmung des Tempels schlüpfte. Bei seiner Annäherung öffnete sich automatisch das Innere der Maschine, mechanische Kinnladen streckten sich aus und griffen nach seiner Energieblase, die sich durch den Kontakt mit den Kraftfeldern des Tempels vereinigte.

Der Händler fand sich in totaler Finsternis wieder, die noch undurchdringlicher war als die Dunkelheit im Rumpf des Tempels selbst. Doch diese absolute Schwärze dauerte nur wenige Sekunden, bis der Tempel eine Verbindung mit dem kollektiven Bewusstsein der Träumer herstellte.

Der Händler fühlte sich, als hätte sich sein Geist plötzlich so weit ausgedehnt, dass er die gesamte Galaxis umfasste. Plastische Bilder und starke Emotionen stürzten auf ihn ein, und dieser Ansturm war viel ausgeprägter als jene schwachen Andeutungen, die er während seiner Reise hierher gespürt hatte. Er beobachtete, wie hundert Sterne in der tiefen Nacht der Galaxie in einem tödlichen Feuer explodierten, eine Welle flammender Zerstörung, wie es sie bis auf das Ereignis der Großen Vertreibung in der gesamten Geschichte der Shoal nicht gegeben hatte.

Vor lauter Verzweiflung wurde ihm übel. Das war das schlimmstmögliche Ende: eine brodelnde Woge aus Tod und Verderben, welche die Shoal-Hegemonie zertrümmerte und seine Spezies zu einem Schattendasein am Rand der Geschichte verdammte. Dies bedeutete den Niedergang einer einstmals großartigen Zivilisation, die sich von diesem Schlag nie wieder würde erholen können; in den Annalen der Historie des Kosmos würden die Shoal nur noch in einem staubigen, vergessenen Winkel vor sich hin kümmern.

Doch selbst im Angesicht dieses offenkundigen Untergangs seines Volkes vermochte er noch einen Hoffnungsschimmer zu entdecken. Während der nächsten Stunden, in denen der Händler im Inneren des Tempels arbeitete, gelang es ihm, potenziell entscheidende Faktoren zu identifizieren: Individuen, Orte und Daten, die die Auslösung des Konflikts sehr wohl beeinflussen konnten.

Und selbst wenn der Krieg sich nicht vermeiden ließ, so konnte man seine Größenordnung, seine destruktive Wirkung vielleicht abschwächen. Durch behutsames, gezieltes Lenken war es eventuell sogar möglich, ihn so weit zu begrenzen, dass er nicht viel Schaden anrichten würde; er konnte auf eine historische Fußnote reduziert werden, anstatt sich zu einem letzten Kapitel in der Geschichte der Galaxis aufzublähen.

Der Händler hatte bereits die Erfahrung gemacht, dass das Schicksal manchmal wirklich in den Händen einiger weniger Individuen lag, die genauso weise und entschlossen agierten wie er.

Er begann Pläne zu schmieden, denn jetzt musste er dafür sorgen, dass er jedes Mal zur richtigen Zeit am richtigen Ort weilte, um diesen maßgeblichen Ereignissen persönlich beizuwohnen  – und gegebenenfalls auf sie einzuwirken. Vielleicht würde es ihm sogar glücken, den Lauf der Geschehnisse so abzulenken, dass ein katastrophaler Krieg, der sämtliches Leben in der Galaxis auszulöschen drohte, gar nicht erst stattfände.

Kapitel Vier

Transjupiter-Raum, Sol-System Gegenwart

Schwitzend, nackt, die Muskeln vom angespannten Warten verkrampft, schwebte Dakota im warmen Kokon der Piri Reis und wartete auf das Unvermeidliche.

Seit sie von Sant’Arcangelo abgeflogen war, hatte das Schiff in Intervallen von exakt dreizehn Stunden verrückt gespielt: Leuchtanzeigen wurden matter, Kommunikationssysteme wiesen Störungen auf und fingen an, sich neu zu booten, und sogar ihre Ghost-Schaltkreise litten an kurzen Anfällen von Amnesie, während Vibrationen, die so heftig waren, dass sie die Schotts zum Klirren brachten, die Außenhülle des Schiffs schüttelten.

Mit jedem Mal nahmen diese Vorfälle an Intensität zu. Und immer dann, wenn dieses Ereignis wieder auftrat, überlegte Dakota, ob sie die ihr unbekannte Fracht im Laderaum nicht einfach ins All hinauskatapultieren sollte. Doch dann erinnerte sie sich, warum es besser wäre, auf eine so rigorose Maßnahme zu verzichten.

Noch zwanzig Sekunden. Sie stellte die Schale mit der rehydrierten Suppe aus schwarzen Bohnen ab und warf einen Blick in Richtung der Hauptkonsole. Ströme von Zahlen und Kurven erschienen in der Luft, zusammen mit dem Bild einer Uhr, die die letzten Sekunden zählte. Dakota starrte auf die Daten, und wieder übermannte sie ein Anflug von Verzweiflung, wie bei jeder der vorangegangenen Störungen auch.

Befördern Sie die Fracht. Ignorieren Sie sämtliche Alarmsignale. Kümmern Sie sich weder um den Laderaum noch um das Versandgut.Diese Anweisungen hatte man Dakota mit auf den Weg gegeben, und sie hatte fest vor, sie zu befolgen.

Auf jeden Fall.

»Piri«, sprach sie laut aus, »was ist die Ursache für dieses Phänomen?«

<Das kann ich dir leider nicht sagen>, lautete die stets gleichbleibende Antwort des Schiffs auf die Frage, die sie schon ein Dutzend Mal gestellt hatte, <ohne die Bedingungen deines aktuellen Vertrages zu verletzen. Soll ich trotzdem den Inhalt des Laderaums analysieren?>

Ja. »Nein.« Ein Vertragsbruch hätte ihr nur zum Nachteil gereicht. »Lass es bleiben.«

Die Uhr zeigte null an, der Countdown war zu Ende, und unter hallenden, knirschenden Geräuschen begann die Kabine zu vibrieren. Schwebende Alarmsignale färbten die Luft rot. Inzwischen hatten ihre Ghost-Implantate zweifelsfrei festgestellt, dass irgendetwas im Laderaum diese Vibrationen verursachte. »Alarmsignale ausschalten!«, schnappte sie.

Alles wurde dunkel.

Piri?

Keine Antwort.

Verdammter Mist! Dakota wartete noch ein paar Sekunden und spürte, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken rieselte. Sie nahm einen neuen Anlauf, um das Schiff zu rufen, aber es reagierte nicht.

In völliger Finsternis tastete sie sich durch das Kommando-Modul, gelotst von der technologischen Intuition, die die Ghost-Implantate ihr gewährten; sie hangelte sich nur mit den Händen voran und ließ die Beine hinter sich her schweben. Sämtliche Schotten und Oberflächen waren mit glattem Samt und Fell überzogen und boten einen sicheren Halt. Kissen, Essensbehälter und ein paar abgelegte Kleidungsstücke kreisten in den Luftwirbeln, die sie durch ihre Bewegungen erzeugte, und in der Dunkelheit konnte sie nicht verhindern, dass sie dauernd dagegenstieß.

Das einzige Geräusch, das Dakota hörte, waren ihre panischen Atemzüge, die den gleichen Rhythmus hatten wie das durch den Adrenalinschub beschleunigte Klopfen ihres Herzens. In der Überzeugung, das Lebenserhaltungssystem stünde kurz vor dem Kollaps, aktivierte sie ihren Iso-Anzug. Aus Dutzenden künstlicher Poren quoll er aus ihrer Haut, eine Flut aus schwarzer Tinte, die sie mit einem schützenden Film umgab und wie in einen flüssigen Raumanzug einhüllte; die Schicht über den Augen wurde transparent und zeigte ihr den dunklen Raum im Infrarotlicht.

Restwärme verlieh den Instrumentenpaneelen einen unheimlichen Glanz, und sie entdeckte glühende Flecken an den Stellen, an denen ihr nackter Körper mit wärmespeichernden Flächen in Berührung gekommen war; kein Wunder, dass ihre Fantasie mit ihr durchging und sie sich vorstellte, sie sei in einem verlassenen Geisterschiff gefangen.