Lichtstaub - Elisabeth Medbach - E-Book

Lichtstaub E-Book

Elisabeth Medbach

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Beschreibung

Januar 1900. Wie Planeten kreisen Familienmitglieder und Personal um den Münchner Maler Jungbluth, der sich in dem aufstrebenden Dorf Bogenhausen niedergelassen hat. Doch dann entlässt er überstürzt sein bewährtes Dienstmädchen. An Maries Stelle tritt die widerspenstige Loni, frisch vom Land und unerwartet selbstbewusst. "Fromm, fleißig, treu" soll Loni sich ihren neuen Aufgaben widmen - aber sie findet lieber heraus, was mit Marie geschehen ist.

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Seitenzahl: 208

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Elisabeth Medbach

Lichtstaub

Eine Beobachtung in Bogenhausen

© 2020 Elisabeth Medbach

Coverfoto: Philippe Donn (pexels.com)

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-05629-9

Hardcover:

978-3-347-05630-5

e-Book:

978-3-347-05631-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Hält ihn fest, und hält ihn linde,

Und ihr Auge schaut auf ihn.

A. von Droste-Hülshoff, Am Feste Mariä Lichtmess

Wie still es ist.

Doch jetzt wird ein Fenster aufgestoßen, ein rundes Fenster oben unter dem Dach.

„Nimm dein Sach und lass dich nicht mehr sehen“, ruft eine Männerstimme, „sonst lernst du mich erst richtig kennen!“

Ein Korb fliegt aus dem Fenster, prallt auf dem Boden auf. Es folgt ein Schirm, geschleudert wie ein Speer.

Nun tritt ein Mann mit einem dunklen Vollbart an das Fenster und lässt noch ein zusammengeknülltes Kleidungsstück folgen, einen Mantel, der in der Dachrinne hängenbleibt. Der Bärtige verschwindet wieder.

Die Haustür wird aufgerissen und eine junge Frau läuft die Stufen herunter, bleibt stehen und greift nach ihrer weißen Schürze. Sie wischt sich damit über das Gesicht, mehrere Male, schnäuzt sich kräftig hinein. Gerötet und auffallend herzförmig ist das Gesicht, ein Eindruck, der durch das spitze Kinn entsteht, aber auch durch die Frisur: Locker zusammengefasst und als Wulst aufgetürmt.

Mittlerweile werden Hefte und Zeitschriften aus dem Fenster geworfen. Sie sammelt alle ein, legt sie durchnässt und zerfleddert auf die unterste Stufe. Auch die anderen Dinge, die der Mann herunterwirft - eine Haarbürste, ein kleines gerahmtes Bild, mehrere Schuhe - sammelt sie hastig ein und stopft sie in den Korb.

Oben löst der Mann jetzt mit einem Besenstiel den Mantel aus der Dachrinne, stemmt ihn zu sich hoch und wirft ihn wieder nach unten - diesmal mit Erfolg. Der Mantel kommt genau auf der Treppe zu liegen.

„Du!“, ruft jetzt eine grauhaarige Frau aus dem Fenster, „geh zum Dienstboteneingang, da kriegst du deinen Koffer! Und die Schürze bleibt hier!“

Das Dienstmädchen befolgt diese Anweisung und wartet mit seinen Habseligkeiten an einem zweiten, seitlich gelegenen Eingang, bis eine weitere Frau mit einem dunkelgrünen Pappkoffer erscheint. Diese Frau hilft beim Ausziehen der Schürze, beim Anziehen und Zuknöpfen des Mantels. Sie redet beruhigend auf die andere ein, sie umarmen einander.

Dann schlägt die Ältere das Kreuzzeichen über die Verstoßene und endlich geht diese Richtung Gartentor, den Koffer in der einen, den Korb in der anderen Hand.

„Dein Schirm“, ruft die Grauhaarige von vorhin. Sie ist nach unten geeilt, denn sie steht jetzt in der Eingangstür.

Die junge Frau kehrt um und holt den Schirm. Sie wagt es nicht, zu der Grauhaarigen hinzusehen.

„Schau, dass du jetzt abhaust!“, ist wieder der Bärtige zu vernehmen. Er schließt erst, als sie auf die Straße hinausgegangen und nicht mehr zu sehen ist, mit einiger Mühe das Fenster.

Es ist jetzt wie zuvor ganz still. Schneeflocken fallen, in den Fenstern scheint Licht, Rauch steigt aus dem Kamin. Das Tor, durch das nun Fußspuren führen, wird von zwei steinernen Engelchen beschützt.

*

Der Junge zieht die Vorhänge zu und setzt sich an den Schreibtisch, der von mildem Licht aus einem grünen Lampenschirm erhellt wird. Er beugt sich über sein Heft, schreibt etwas hinein, spricht den nächsten Satz halblaut vor sich hin: „Die Germanen verherrlichen die hohen und würdigen Bäume.“ Er tunkt den Federhalter in das Tintenfass und will anfangen, den Satz in das Heft zu übertragen. Doch die Feder sträubt sich, ungeduldig schüttelt er den Federhalter. Tinte spritzt heraus, auf die Schreibunterlage. Der Junge tupft die Kleckse mit einem Taschentuch auf. Von Neuem fängt er an zu schreiben.

Da klopft es - und im annähernd selben Augenblick öffnet sich auch schon die Tür.

„Herein“, sagt er noch, überflüssigerweise.

Es ist eine hochgewachsene, grauhaarige, sehr schlanke Frau um die Fünfzig. Es ist die Frau, die das Dienstmädchen an den Schirm erinnerte. Ganz in dunkle, violette Seide ist sie gekleidet, bodenlang ist das enganliegende Kleid, aufwändig der fein gehäkelte Spitzenkragen.

„Was war denn los?“, fragt der Junge, obwohl er alles beobachtet haben muss.

Die Frau geht ohne zu antworten zum Fenster und lugt durch die Vorhänge, doch außer den Fußspuren im Schnee ist nichts mehr zu sehen. Sie wirkt erleichtert.

„Achte um Himmelswillen auf deine Ausdrucksweise.“ Ihre Stimme klingt nicht angenehm. Sie spricht mit einem Akzent, der sich von dem des Jungen stark unterscheidet. Er rollt das „R“, sie nicht, seine Sprache klingt weich, ihre hart, spröde.

„Der Herr hat dem Mädchen den Dienst aufgesagt.“

Der Junge schaut sie an.

„Dem Mädchen den Dienst aufgesagt“, wiederholt er, „der Marie?“

„Du hast mich doch gehört. Da es kein anderes Mädchen gibt – oder gab – kann es ja nur Marie sein. Sie wollte unbedingt eine Erhöhung ihres Lohns erreichen, was Ihr Vater ihr nicht gewähren kann. Und nun möchte ich von dieser Angelegenheit nichts mehr hören.“

Sie bleibt vor dem Fenster stehen. Mit einer nervösen Bewegung streicht sie das Haar zurück. Über den Schläfen ist ihr Schädel auf beiden Seiten eingedrückt - wie bei einer ramponierten Puppe. Dies muss bei der Geburt geschehen sein, als der Arzt das widerstrebende Kind mit einer Zange aus dem Mutterleib holte.

Der Frau zieht jetzt den Klavierhocker heran und lässt sich neben dem Jungen nieder, er weicht mit seinem Stuhl etwas aus und stellt den Abstand wieder her.

„Was arbeitest du gerade, Max?“

„Ich übersetze, aus dem Lateinischen.“ Er greift nach einem Wörterbuch und blättert darin, obwohl er es vorhin nicht benötigt hat.

„Zeig her“, sagt die Frau und liest, was der Junge zuvor geschrieben hat. „Deine Schrift ist zu fahrig, du weißt genau, dass man an der Schrift den Charakter erkennt! Es gibt keinen Grund, so zu schreiben. Du hast alle Zeit der Welt.“

„Bitte, Fräulein von Borgh, ich bin kein kleines Kind mehr.“

Sie sieht den Jungen von der Seite an, studiert regelrecht sein Gesicht, seinen Ausdruck. Er schaut unbewegt geradeaus, obwohl ihm ihr Blick sehr bewusst sein muss. Nur an einer Bewegung des Kiefermuskels lässt sich erkennen, dass er sich anspannt, die Zähne zusammenbeißt. Nach einer Weile spricht die Frau weiter.

„Nein, wahrhaftig nicht. Im Übrigen habe ich wieder vergessen, dass ich ja zum Sie übergehen sollte. Es wäre eine gute Gelegenheit, das heute ein für allemal zu tun. Heute, wo doch Ihre Reife so klar zu Tage tritt.“

Die Stimme der Frau klingt jetzt anders. Leiser, verbindlicher. Ein Plauderton soll es wohl sein, sie steht auf, streift mit der Hand über den Globus neben Max, setzt ihn in Bewegung, geht zur Tür.

„Also, bitte erinnern Sie mich daran, wenn ich es wieder vergessen sollte. Und ich persönlich würde nicht den Hund auf einem Sofa liegen lassen, auf das sich Besucher setzen.“

„Bitte lassen Sie Percy in Frieden, er schläft. Auf seiner Decke“, sagt Max. Doch das Fräulein von Borgh winkt nur ab und verlässt den Raum, gleichzeitig ein Mädchen hereinlassend, das vor der Tür gewartet haben muss. Dieses Mädchen, in ein zartgelbes Kleid mit vielen Rüschen und Spitzen gekleidet, ist ganz sicher kein Dienstbote.

„Was ist, Amelie?“, fragt er.

„Nichts, was soll denn sein, Brüderchen? Ich will nur wissen, was du treibst, und außerdem habe ich Neuigkeiten.“

„Meinst du Marie? Das weiß ich doch schon.“

„Ich verstehe das überhaupt nicht“, spricht Amelie weiter, "sie wollte unbedingt mit Vater sprechen, sogar ins Atelier ist sie hinein, und er hat sich entsetzlich aufgeregt, hast du ihn gehört? Die Oberhofer stand nur da und hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und das Fräulein hat mich weggescheucht.“

„Die Borgh hat gesagt, dass sie mehr Geld wollte. Und Vater wollte nicht zahlen“, sagt Max.“

„Mehr Geld?“, wiederholt Amelie verständnislos. „Und deswegen benimmt sie sich so? Das hätte sie aber auch anders sagen können. Und wozu bräuchte sie überhaupt mehr Geld? Sie hat doch alles von uns bekommen.“

Dann lässt sie diese Überlegungen hinter sich und tritt näher an Max heran, der mit gespielter Resignation den gerade aufgenommenen Federhalter wieder weglegt.

„Fällt dir eigentlich an mir gar nichts auf?“, fragt sie.

Max mustert sie, kann aber offenbar nichts entdecken. Er schüttelt den Kopf.

Amelie verzieht enttäuscht den Mund. „Das ist echtes Parfum. Es heißt Muguet, also Maiglöckchen, gut nicht?“

„Haben sie dir wirklich nicht gesagt, warum Marie gehen musste?“, fragt Max unvermittelt.

„Nein. Ich habe keine Ahnung. Aber wir finden schon wieder jemand, du wirst dir in Zukunft dein Bett kaum selbst machen müssen.“

„Aber wo geht sie jetzt hin?“, fragt Max weiter.

„Sie wird schon jemand kennen. Ich wollte dir eigentlich etwas anderes erzählen, aber du musst mir erst versprechen, dass du es für dich behältst, wirst du das?“

Max hält ihr seine Hand entgegen. Und dann muss er lang zuhören.

*

Der umständlich gewundene Verlauf der Straße lässt auf ihre Herkunft aus einem uralten Weg schließen. Großzügige, vierstöckige Gebäude und geduckte, armselige Herbergshäuser wechseln einander in ungeordneter Folge ab, dazwischen sind noch Bauplätze frei. Auf einem blauen Schild an einer Hausecke steht: Ismaninger Straße.

Dunkel gekleidete Männer mit Hüten sind unterwegs, Frauen in langen Kleidern und Mänteln, die im Schnee schleifen. Und jetzt sind Rufe zu hören. Ein paar Kinder laufen um die Ecke, sie lärmen und schreien, bewerfen sich mit Schneebällen.

Mit bösen Worten mischt sich eine Frau ein, die eigentlich unbehelligt weitergehen könnte. Die Kinder bleiben aber unbeeindruckt, ihr übermütiges Lachen und Rufen wird nur noch lauter.

Doch da ist wieder das Mädchen mit dem zu dieser Jahreszeit so wenig passenden Maiglöckchenduft.

Amelie geht sehr schnell, so, als ob sie die Kälte hinter sich lassen wollte. Sie ist auf dem Weg zur Musikstunde, den Geigenkasten hat sie recht lässig unter den rechten Arm geklemmt, in der linken trägt sie ein elegantes Handtäschchen. Endlich bleibt sie am Eingang eines der mehrstöckigen Häuser stehen und drückt auf einen Klingelknopf. Kurz darauf ertönt ein Summen, auf das hin Amelie die schwere Tür mit der Schulter aufstößt.

Sie eilt, zu den „Herrschaften“ zählend und den entsprechenden Aufgang wählend, ein paar Stufen hinauf, dann durch eine Schwingtür, ohne dem Treppenhaus einen Blick zu gönnen. Dabei ist es ein Kunstwerk aus blassgelben Fliesen mit bunten Blumen und Vögelchen. Sogar einen Aufzug gibt es, ein offenes Metallgehäuse. Aber Amelie verschmäht den Aufzug, läuft die mit rotem Teppich belegten Stufen zu Fuß hinauf – und kehrt bald darauf wieder zurück.

Vor der Haustür sieht sich Amelie aufmerksam um. Dann atmet sie tief durch und läuft wieder los, die Ismaninger Straße entlang, bis zu einem belebten Platz.

Dort hat sie ihr Ziel erreicht. Neben einem Warte- und Toilettenhäuschen steht eine kastenförmige Kutsche, die Fenster bis auf einen schmalen Schlitz mit Vorhängen verschlossen, sodass man den oder die Insassen nicht sehen kann. Von einem Arm in schwarzem Tuch bewegt öffnet sich die Tür, Amelie steigt ein und zieht sie hinter sich zu. Auf Zuruf des Kutschers setzen sich die Pferde in Bewegung und führen die Geigenspielerin hinweg.

*

Gleich in mehreren Reihen hängen Reh- und Hirschtrophäen übereinander, sogar der nachgebildete Kopf eines Vierzehnenders schmückt den Raum. Dazwischen sind Ansichten von Bergen und Gebirgsdörfern sowie Porträts von deren Bewohnern angebracht. Die hohen Wände sind mit ochsenblutfarbenem Stoff bespannt. Rings um die Decke läuft eine Stuckleiste, ein Kronleuchter erhellt den Raum. Auch an der Wand neben der Tür befinden sich Gemälde: ein röhrender Hirsch, eine greise Bäuerin auf der Hausbank, Schafe auf einer blumenübersäten Wiese. In Vitrinen sind mächtige Bierkrüge aus Zinn, Steingut und Glas sowie Tierfiguren ausgestellt, in Vasen und Krügen bewahrt man Getreidegarben und gepresste Blumen auf. Bis zum Boden reichen die schweren Samtvorhänge, sie sind dicht geschlossen.

Vier Personen sitzen um den Tisch, sie sitzen gerade, ohne mit dem Rücken die ohnehin wenig einladend wirkende Lehne zu berühren. Eine dieser Personen ist Max, der nun ein hochgeschlossenes weißes Hemd mit sichtlich unbequem engem Kragen und eine dunkelgrüne Strickweste trägt, dann der Bärtige sowie die Zangengeborene und Amelie.

Die von Borgh sitzt dem Hausherrn gegenüber am Ende des Mahagonitisches, Max und seine Schwester sitzen einander ebenfalls gegenüber etwa in der Mitte.

Die Köchin bringt eine tiefe Schüssel mit braungräulichen Streifen von Lunge, geht, bei dem Bärtigen beginnend, von einem zum anderen und schöpft den Teller voll. Der Bärtige trinkt Bier, dunkles Bier aus einem hohen Glaskrug, die anderen trinken roten Tee aus chinesischen Porzellantassen. Zur Lunge gibt es Brot in dicken Scheiben.

„Wissen S' jetzt jemanden?“, fragt er, als die Köchin den Brotkorb vor ihm abstellt.

„Gnädiger Herr, meine Nichte Apollonia würde eine Stellung suchen, sie ist letztes Jahr aus der Schule gekommen. Und wenn ich sagen darf -“

Der Bärtige hat ihr mit einem Wink zu schweigen geboten.

„Nun, wollen wir den Versuch wagen?“, fragt er und schaut die von Borgh an. Diese zuckt ein wenig resigniert mit den Schultern. Dann greift sie wortlos nach der Teekanne und schenkt sich ein, auch Max und seiner Schwester füllt sie noch einmal die Tassen, während der Bärtige seine Entscheidung bekanntgibt: „Dann schreiben S' ihr halt, dass gleich herkommen soll, vierte Klasse wird ersetzt, zwölf Mark mit voller Kost und Logis.“

„Zehn Mark genügen auch, das Mädchen hat offenbar keine Erfahrung im Dienst“, wendet die von Borgh ein. Das lässt die Köchin so nicht gelten.

„Doch, die Erfahrung im Dienst hat sie schon. Sie hat bei einer Witwe geholfen, die aber jetzt zu ihrer Tochter zieht, und außerdem hat sie daheim auf dem Hof von klein auf mitgearbeitet. Alle waren mit ihr zufrieden.“

„Zehn Mark sind für den Anfang mehr als genug“, entscheidet der Hausherr, „später können wir immer noch weitersehen.“

Die Köchin wirft der von Borgh einen verärgerten Blick zu, sagt aber nichts mehr. Mit einem „sehr wohl“ verlässt sie den Raum.

„Gut, dass die Oberhofer jemand weiß.“ Im Vollbart ist ein Stückchen Lunge hängen geblieben.

„Eine aus dem Kongo!“ Amelie bricht in Kichern aus, „die wird sich schön anstellen, so als Landei.“

„Fräulein Amelie“, mahnt die von Borgh.“

Amelie spitzt angesichts dieser Ermahnung die Lippen. Max schaut konzentriert auf seinen Obstteller. Er isst einen Apfel, und zwar mit Messer und Gabel. Erst schneidet er den mit der Gabel auf dem Obstteller fixierten Apfel in der Mitte durch, dann teilt er auf gleiche Weise eine Hälfte, spießt ein so entstandenes Viertel auf, schneidet die Schale ab und das Kernhaus heraus. Nun legt er das Viertel wieder zurück und teilt es erneut, führt schließlich ein Apfelstückchen mit der Gabel zum Mund.

„Amelie“, spricht jetzt der Bärtige nach einem langen Zug aus seinem Bierkrug, „wie ich ein Bub war, damals in Aichach, da hat man rein gar nichts gehabt. Ein Maurer ist mein Vater gewesen, der war im Sommer einmal hier und einmal dort und im Winter den ganzen Tag daheim. Neun Geschwister waren wir. Keine Schuhe, keine Bücher, alle Tag bloß Milchsuppe und altes Brot; wenn ich nicht einmal mit dem Gänsestecken unseren Pfarrer in den Sand gezeichnet hätte und wenn er nicht per Zufall dahergekommen wäre und gesagt hätte, dass ich eine Begabung habe und dass er mir hilft, dann wäre ich heute auch ein Maurer und du wärst froh, wenn du einen Kittel und eine Suppe hättest. Da könntest du nicht alle Tage ausschlafen und dich dann stundenlang mit deiner Frisur beschäftigen – aber lass gut sein, Kind, du kennst es nicht anders. Wünschen tu ich dir, dass es immer so bleibt, von ganzem Herzen wünsch ich es dir.“

„Es tut mir leid, Papa“, sagt Amelie leise, „das war gedankenlos.“

„Ist schon gut“, antwortet er versöhnlich. „musst dir halt einen Mann suchen, der was hat, keinen Hungerleider so wie ich einer war.“

Amelie steht auf und läuft um den Tisch herum, umarmt ihn, wuschelt in seinem Haar und drückt ihm einen Kuss auf die Stirn.

„Mein lieber Papa“, sagt sie und dieser wird ihr nun sicher endgültig verziehen haben, denn er streichelt Amelies Unterarm und klopft ein paarmal beruhigend darauf.

„Bei dieser Dienstbotenknappheit ist das heute nicht so einfach“, kommt die von Borgh auf das eigentliche Anliegen zurück, „und ein Vermittlungsbüro verlangt eine nicht unerhebliche Gebühr.“ Sie bereitet nun ebenfalls einen Apfel zum Verzehr vor, bedient sich derselben Vorgehensweise wie Max.

„Die vom Land sind anständiger als die aus der Stadt“, sagt der Bärtige, streicht durch seinen Bart und stößt auf das Stückchen Lunge. Er lässt es in der Serviette verschwinden. „Im Allgemeinen zumindest. Die haben auch nicht diese überzogenen Ansprüche. Einem Dienstmädchen aus der Stadt müsste ich ja glatt ein Automobil bieten, und einen Fernsprechapparat gleich dazu.“

„Das wäre so schön, Papa! Und so praktisch für dich und für uns alle.“

„Wie fein, Amelie, dass du so an mich denkst. Es geht aber nicht, wir sind zu weit draußen. Man müsste ja eine eigene Leitung zu uns führen, dieser Aufwand ist viel zu groß. Musst halt Briefe schreiben, an deine Freundinnen, wenn du es bis zum Wiedersehen nicht abwarten kannst.“

„Aber in der Sternwarte haben sie ein Telefon. Damit könnten wir uns doch irgendwie verknüpfen, oder nicht, Papa?“ Amelie will nicht so leicht aufgeben, doch sie hat ihrem Vater das Stichwort zu einem kleinen Vortrag geliefert.

Pioniere der Nachrichtenübermittlung hätten sie als Nachbarn, erklärt Jungbluth, die schon vor mehr als einem halben Jahrhundert eine Telegraphenleitung aus Kupferdraht bis hinüber zur Akademie der Wissenschaften in der Neuhauser Straße geführt hätten, über Gebäude oder 15 Meter hohe Floßbäume, und noch weiter bis zu Steinheils Sternwarte in der Schwanthalerstraße.

Doch Amelie hat an diesem Exkurs kein Interesse und so ist es für das Fräulein von Borgh ein Leichtes, sich einzuschalten und das Gespräch auf den Geigenunterricht und auf Amelies Fortschritte darin zu bringen.

Amelie, nun wieder an ihrem Platz sitzend, lügt schlecht. Nicht nur, dass sich ihre Gesichtsfarbe zum Rötlich-Gefleckten hin verändert, als sie von den geprobten Mozartsonaten und von Fräulein Mendels ermutigendem Lob erzählt, es ist ihr auch anzumerken, dass sie das Geigenspiel und den Musikunterricht als Gesprächsgegenstand hinter sich lassen möchte, was die von Borgh nur noch genauer nachfragen lässt. Und dann ist es geschehen. Sie werde selbst bei nächster Gelegenheit einmal mitkommen, um mit der geschätzten Lehrerin Amelies Fortschritte zu besprechen, kündigt die Hausdame an.

Amelie verstummt und schaut hilfesuchend zu ihrem Bruder hinüber. Dieser beugt sich zu dem schwarzen Spaniel hinunter, dem er die Ohren über die Augen legen will, was der Hund aber nicht leiden kann.

„Und fassen Sie um Himmels Willen bei Tisch nicht immer den Hund an, dabei verteilt man nur Bazillen im Raum“, mahnt jetzt die von Borgh.

Sie stellt das Teegeschirr auf ein Tablett, bläst die Kerze im Stövchen aus und legt die Obstteller aufeinander. Dann streicht sie einige Brösel zusammen und lässt sie über die Tischkante in einen benutzten Teller fallen. Mit dem Tablett in Händen geht sie hinaus.

„Was fängt die Marie denn jetzt an?“, fragt Amelie ihren Vater, sobald sich die Tür geschlossen hat.

„Was wird sie schon anfangen? Sie sucht sich halt eine neue Stellung, die Mädchen können sich heutzutage doch aussuchen, wo sie freundlicherweise dienen wollen.“

„Aber warum musste sie gehen, was hat sie denn getan? Du hast doch immer gesagt, was wir für ein Glück mit ihr haben und dass du sie am liebsten mit einer Eisenkugel anbinden würden, weil sie so tüchtig und so brav ist.“

„Wahrscheinlich hat ihr jemand den Floh ins Ohrgesetzt, dass sie zu wenig verdient. Sie hat gemeint, sie findet leicht etwas Besseres und als ich sie nicht vor dem Ziel entlassen wollte, ist sie außer Rand und Band geraten. Aber bring jetzt das Geschirr in die Küche, lass das Fräulein nicht alles alleine tun.“

Mit diesen Worten steht er auf und öffnet die Schiebetür, die das Speisezimmer mit dem Salon verbindet. Seine bloßen Füße stecken trotz der kalten Jahreszeit in geflochtenen Sandalen. Er legt sie, sich in einem Ledersessel niederlassend, auf den genau in der richtigen Entfernung befindlichen Schemel.

„Du hast ja gar nichts dazu gesagt, Max“, ruft er herüber, „ist es dir denn ganz gleichgültig, was aus Marie wird?“

Max nimmt einen Apfel aus der Obstschale, rollt ihn mit der Handfläche über den Tisch, schickt sich an, ohne alle Zurüstungen hineinzubeißen, lässt es dann bleiben und legt den Apfel wieder zurück.

Jungbluth wartet eine Weile ab, erhält keine Antwort. Und so ergeht die Bitte an Max, ihm noch ein wenig Gesellschaft zu leisten.

*

Sehr langsam nähert sich der Zug dem Bahnhof, es ist ein Kopfbahnhof. Das Mädchen mit den langen dunkelblonden Zöpfen ist schon längst aufgesprungen und hat sich, sein Bündel fest in der Hand, an das Fenster gestellt, um nur ja nichts zu versäumen.

„Vor der Hackerbruck'n steht man nicht auf“, sagt der hagere Mann im speckigen Filzjanker missbilligend, „ganz rein prinzipiell nicht.“

Erst als der Zug unter der schmiedeeisernen Bogenkonstruktion hindurchfährt, erhebt er sich umständlich und zieht einen Korb unter dem Sitz hervor. Zwei schwarzgetupfte weiße Hasen sind darin, denen er halblaut gut zuredet, bis der Zug zum Stillstand gekommen ist. Dann schiebt er das Fenster nach unten und greift mit der Hand nach draußen, um die Waggontür zu öffnen - so wie es auf dem Schild unter dem Fenster vorgeschrieben ist.

Die Tür geht endlich auf, das Mädchen springt an ihm vorbei auf den Bahnsteig. Es wendet sich noch einmal nach ihm um.

„Alsdann.“

Statt einer Antwort lüpft er den Hut.

Das Mädchen läuft ein paar Schritte, dann bleibt es auf dem Bahnsteig stehen, zieht die Luft tief ein und atmet genauso kräftig wieder aus. Sein Blick erfasst die vierschiffige Einstiegshalle, die kühnen Verstrebungen, das gute Dutzend Gleise, die runden Lampen aus Milchglas, die passenden dreiteiligen Wandleuchten.

„Dienstmann“, tönt es von hier und dort, doch das Mädchen nimmt die Hilfe der Männer mit den Mützen nicht in Anspruch und trägt seinen Schließkorb allein. Am Gleis 7, hinter der Absperrung, die Abholende und Tagediebe gleichermaßen vom Bahnsteig fernhält, steht beim Schild „Personenzug Landshut-München“ die Köchin aus der Villa und winkt aufgeregt.

Sie sieht heute gar nicht aus wie eine Köchin, eher wie eine Bürgersfrau, die sich für den Sonntag feingemacht hat, mit einem großen Hut und einem langen Mantel. Eine Hand hat sie in einem Pelzmuff verborgen, mit der anderen winkt sie immer noch. Das Mädchen beschleunigt seinen Schritt.

„Tante Berthl“, ruft es mit einer auffallend klaren Stimme, „Tante Berthl!“

„Bist da, Loni!“, begrüßt die Köchin ihre Nichte.

Sie nimmt Loni bei der Hand und führt sie durch die vielen Menschen hindurch auf den Bahnhofsplatz hinaus. Hier liegt kaum Schnee, nur grauer, nasser Matsch, durch den die Damen mit gerafften Röcken schreiten, während die Herren sich resolut ihren Weg bahnen, immer darauf achtend, nicht einem Pferdeomnibus oder einem Fiaker in den Weg zu laufen, was angesichts der allgemeinen Betriebsamkeit und Eile leicht geschehen könnte. Das Mädchen bleibt stehen und saugt wieder die ungewohnte Luft ein.

„Das sind die Brauereien“, erklärt die Tante ungeduldig, „da gewöhnst dich dran, und bei uns draußen riechst du das sowieso nicht!“

Warum steht denn da „Bayerischer Hof“ darauf?“, möchte Loni wissen, „gehört die Kutsche dem Prinzregenten?“

„Das ist ein Hotel“, antwortet die Köchin, „dann wissen die Leute gleich, wo sie einsteigen müssen, jetzt geh endlich weiter.“

Das Mädchen schaut noch einmal zum Bahnhof zurück. Großzügig und urban wirkt er, mit den Querstreifen aus rötlichem und weißem Sandstein, mit den Arkadengängen an der Front und den vielen Fenstern.

„Müssen wir weit gehen zu den Herrschaften?“, fragt Loni dann.

„Wir gehen nicht, wir fahren.“

„Mit so einer Kutsche?“ Loni ist begeistert.

„Nein, mit der Elektrischen.“

Loni nickt und klopft auf ihre Jackentasche.

„Schau“, erklärt die Köchin, als sie dann zwei Billetts erstanden hat und neben ihrer Nichte sitzt, „da oben, in der Leitung, da fließt der elektrische Strom. Und der treibt die Trambahn an, da braucht's gar keine Pferde mehr. Der Fahrpreis ist immer 10 Pfennig, du nimmst immer die gelbe Linie, und aussteigen musst du an der Endstation, Höchlstraße in Bogenhausen, kannst du dir das merken?“

„Freilich“, antwortet Loni und schaut mit weit aufgerissenen Augen nach draußen. Hin und wieder nennt die Köchin einen Namen: Schützenstraße, Grandhotel Bellevue, Stachus, Karlstor, Augustinerkirche, St. Michael, Frauenkirche. Cafés, Korsett- und Zigarrengeschäfte, Hutläden und Frisörsalons, Apotheken und Modehäuser ziehen vorbei.

Am Marienplatz steigen sie aus, um Loni vorschriftsgemäß in der Stadt München anzumelden. Die Köchin eilt ihr voraus, an der im Winter stillgelegten Baustelle am Rathaus vorbei, nach rechts in die Weinstraße. Loni versucht mit dem sperrigen Gepäckstück Schritt zu halten, so gut es geht. Mehrmals kann sie aber doch nicht widerstehen und wirft einen Blick in die Auslagen der Hoflieferanten oder auf auffallend gekleidete Damen.

Die Königliche Polizeidirektion arbeitet angemessen effizient und Loni erhält ohne Umstände die erforderliche Aufenthaltskarte und einen Stempel in ihr Dienstbuch. Wieder zurück in der Elektrischen geht es weiter durch das Tal und nun gibt die Köchin der Nichte einige Erklärungen, vor allem praktischer Art. Erst zum Klima und zu erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen.

Vor allem aufgrund des gefürchteten Fallwindes könne der Wechsel der Temperaturen überraschend und so bedeutend sein, dass aus einem harmlos scheinenden Unwohlsein schnell ein Fieber hervorgehe. Jetzt, im Winter, aber auch in der Übergangszeit solle Loni immer warme Unterkleidung tragen, damit sie nicht etwa einen Kattarh oder eine Blasenentzündung bekomme.