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Entweder bin ich zu gutmütig oder zu naiv, denkt Anna, immer wieder schafft es dieser verflixte Oliver, mich auszunutzen und auf meine Kosten Karriere zu machen. Doch nun reicht es. Durch eine Freundin lernt sie die "Töchter der Lilith", einen uralten Geheimbund von Frauen, kennen. Geheimnisvolle, überlieferte Leitsätze und hochmoderne psychologische Erkenntnisse weisen Anna einen Weg zu mehr Selbstvertrauen. Kann sie sich damit gegen Oliver durchsetzen? Und obwohl sie mit Oliver gerade genug zu tun hat, interessiert sich auch noch Nick, ein äußerst attraktiver Kollege, für sie. Aber eine Beziehung unter Kollegen will Anna auf keinen Fall. Was sagen denn da die anderen? Was für ein Schlamassel ... "Lieb sein reicht nicht" - Ein kurzweiliger Roman über den Aufbau von mehr Selbstvertrauen. Allen gefallen zu wollen, war gestern, heute nutzen Frauen das Vermächtnis der Lilith.
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Seitenzahl: 446
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Töchter der Lilith
Den Bund zu bewahren und weiterzutragen,
Gesammeltes Wissen aus früheren Tagen
Von Greisin zur Maid, vom Weibe zum Weib,
wider Gefahren für Seele und Leib.
Lasset uns streben nach vordunklen Zeiten,
Das Vorbild der Lilith, es wird uns leiten,
weibliche Kräfte tief in uns zu wecken,
verborgene Stärke neu zu entdecken.
Ranggleich dem Manne und nie untergeben,
stark, stolz und frei, so werden wir leben.
In Eintracht und Liebe für kommende Zeiten,
der Bund möge uns nunmehr stetig begleiten.
Coeln 1552
Kapitel 1: Das tägliche Leben hat so seine Tücken
Kapitel 2: Immer nur die zweite Wahl
Kapitel 3: Der Weg ist in jede Richtung steinig
Kapitel 4: Unterstützung naht von geheimer Seite
Kapitel 5: Die Töchter der Lilith
Kapitel 6: Der Einstieg In das Mentoring
Kapitel 7: Der erste Schritt Ist gemacht
Kapitel 8: Der erste Code – Stärken erkennen
Kapitel 9: Die Stärken im Einsatz
Kapitel 10: Einstellung, Verhalten, Wirkung
Kapitel 11: So funktioniert der Kreislauf
Kapitel 12: Das Ergebnis zeigt die wahre Absicht
Kapitel 13: Ein kleiner Sommertraum
Kapitel 14: Der Sturz von Wolke Sieben
Kapitel 15: Selbstvertrauen aufbauen
Kapitel 16: Das Bild verändert sich
Kapitel 17: Selbst ist die Frau
Epilog
München, September 2016
»Zum Abschluss möchte ich zusammenfassen, dass die Firma Fuhrmann äußerst zufrieden ist mit dem Ergebnis unserer Beratung. Die neue Vertriebsniederlassung in Mexiko, die auf meiner Empfehlung beruht, hat bereits erste große Umsätze an Land gezogen. Das war wirklich ein Geniestreich, wenn ich das in aller Bescheidenheit so sagen darf.«
Mit einer affektierten Drehung des Kopfes stellte Oliver Peitler, Berater bei AFC Consulting, Blickkontakt zu den beiden Geschäftsführern her, bevor er zum großen Finale ansetzte. »Ich vermute, Fuhrmann wird bald mit weiteren Aufträgen auf uns zukommen, und ich denke, dafür sind wir alle bereit. Vielen Dank, meine Damen und Herren.« Beifall heischend lächelte er in die Runde, bevor er seine Unterlagen einsammelte.
Die ganze Präsentation ist eine dreiste Verdrehung der Tatsachen, ich könnte ihn auf den Mond schießen, dachte seine Kollegin Anna Zimmermann zähneknirschend, während sie an dem Grüppchen, das sich um Oliver scharte, vorbeiging. Die Vertriebsniederlassung in Mexiko war definitiv nicht Olivers Verdienst. Wieder einmal hatte er es geschafft, die Lorbeeren für ihre Arbeit einzuheimsen.
Als sie die Tür erreichte, wartete sie auf Julia, die ihr an dem großen, länglichen Tisch im Konferenzraum direkt gegenübergesessen hatte. Während der Präsentation hatte Julia mehrmals Anna angesehen und die Augen verdreht.
»Sag mal, was war denn das? Ich dachte, ich bin im falschen Film!«, entrüstete sich Julia im Näherkommen. »Oliver brüstet sich mit der neuen Vertriebsniederlassung, obwohl die Idee von dir stammt.«
Julia Simon, die vor sechs Monaten von Berlin nach München gezogen war, um als Juniorberaterin bei AFC zu starten, arbeitete im Fuhrmann-Projekt das erste Mal gemeinsam mit Oliver. Seine Interpretation der Ergebnisse war eine ganz neue Erfahrung für sie.
»An dem Abend, an dem du Mexiko als aussichtsreichsten Standort herausgefiltert hast, war er doch schon längst im Fußballstadion beim Schlagerspiel Bayern München gegen Borussia Dortmund. Weißt du noch? Außerdem haben wir beide die Kontakte nach Mexiko geknüpft. Oliver kann ja nicht einmal Spanisch. Das ist echt eine Frechheit!«
Julias Empörung war Balsam für Annas Seele. Oliver hatte tatsächlich so gut wie nichts zu diesem Projekt beigetragen. Er war mit dem Geschäftsführer regelmäßig essen gegangen und hatte in den Besprechungen große Reden geschwungen. Die Arbeit hatte er dem restlichen Team, bestehend aus Anna, Julia und Bernhard, überlassen. Spätestens um 16 Uhr hatte er meist etwas von einem dringenden Termin gemurmelt und war entschwunden.
»Oliver ist ein echtes Großmaul«, bestätigte Anna, während sie mit Julia den breiten Gehweg entlanglief, der sie zu einer Salatbar zwei Straßen weiter führte. Seit der Zusammenarbeit bei Fuhrmann verstanden sich die beiden gut und verbrachten häufig die Mittagspause gemeinsam. »Er plustert sich jedes Mal auf, wenn einer der Chefs in der Nähe ist. Außerdem hat er keine Skrupel, sich mit fremden Federn zu schmücken.«
»Lässt du dir das einfach gefallen?«, wollte Julia wissen.
Anna zuckte die Achseln. Als Beraterin stand sie auf der gleichen Stufe wie Oliver und Bernhard. »Natürlich ärgert es mich maßlos. Es ist ja nicht das erste Mal, dass er so tut, als hätte er das Projekt im Alleingang gestemmt. Aber was soll ich machen? Ich kann ihm schlecht ins Wort fallen und verkünden, dass er maßlos übertreibt. Wenn ich darauf hinweise, dass er die Arbeit auf uns alle abwälzt und selbst zum Projekterfolg nur wenig beiträgt, stehe ich da wie eine Zicke, die ihm seinen Erfolg neidet. Das will ich nicht. Und was glaubst du, wie der über mich herfallen würde?«
Doch Julia gab sich nicht so leicht geschlagen. »Was ist mit Bernhard? Der hat auch jede Menge Arbeit in das Mexikoprojekt gesteckt. Außerdem findet er immer eine Superlösung, wenn wir bei einem Thema feststecken.«
»Bernhard ist Oliver gegenüber sehr loyal. Ich glaube, er ist nicht besonders ehrgeizig und hat kein Problem damit, wenn Oliver sich in den Vordergrund drängt. Außerdem sind sie befreundet. Er schwärmt oft davon, dass er abends mit Oliver um die Häuser zieht und durch ihn so viele tolle Frauen kennenlernt.«
»Also dicke Männerfreundschaft?«
»Ja, so kann man es nennen.«
In der Salatbar angekommen, die ganz in hellen, freundlichen Holztönen und appetitanregendem Grün gehalten war, setzten sich Anna und Julia an einen kleinen Tisch am Fenster und blickten in einträchtigem Schweigen auf die geschäftige Straße hinaus. Ohne in die Karte zu sehen, bestellten sie Mineralwasser und griechischen Salat.
Für Julia war das Thema Abschlussbesprechung noch nicht erledigt. In Gedanken sah sie Oliver vor sich, wie er den großen Wortführer spielte. Vielleicht brauchte er das als Ausgleich, weil er so klein und bullig gebaut war. Auf sie wirkte er stets ein wenig schmierig. Seine glatten, blonden Haare, die er streng scheitelte und mit Gel zur Seite kämmte, verstärkten diesen Eindruck. Nun hatte sie eine neue Eigenschaft an ihm entdeckt: Rücksichtslosigkeit, wenn es um seine Karriere ging. Das machte ihn nicht gerade sympathischer.
»Ich finde es nicht in Ordnung, wie das heute gelaufen ist. Du bist als Beraterin viel besser als Oliver, aber heute wirkte es, als ob er das Projekt im Alleingang geschmissen hätte und wir alle nur seine kleinen Wasserträger wären. Weshalb hielt eigentlich Oliver die Präsentation und nicht Ralf oder du?«
Anna spielte mit ihrer Gabel. Julias Hartnäckigkeit war ihr sichtlich unangenehm. Ralf Sutor, der Projektleiter, war nur zwei Tage bei Fuhrmann vor Ort gewesen, dann hatte er dem erfahrenen Team weitgehend freie Hand gelassen. So hatte er es zumindest Anna gegenüber ausgedrückt. Während der letzten Besprechung hatte er Anna angeboten, die Abschlusspräsentation zu halten. Bevor diese zusagen konnte, hatte sich Oliver eingeschaltet und darauf hingewiesen, dass Anna im Moment sehr viel für ein neues Projekt vorbereiten müsse und er sie entlasten wolle. Deshalb würde er gerne die Abschlusspräsentation übernehmen.
»Da die Präsentation einiges an Vorbereitung bedeutet hätte, hatte ich nichts dagegen. Aber ich hätte mir denken können, dass Oliver das ausnutzt. Da war ich wohl ein bisschen naiv.«
Auf die letzte Bemerkung ging Julia nicht ein, doch insgeheim gab sie Anna mit dieser Einschätzung recht. Allerdings hätte sie nicht gedacht, dass diese Olivers verlogene Selbstdarstellung so kommentarlos hinnehmen würde. Julia fand, dass Anna arbeitsmäßig den totalen Durchblick hatte. Doch ihr passives Verhalten heute konnte sie nicht ganz verstehen und sie beschloss, noch ein wenig weiter zu bohren. »Was sagt denn Morgenroth dazu? Weiß er, wie wenig Arbeit Oliver und wie viel du, Bernhard und auch meine Wenigkeit in das Projekt gesteckt haben? Hat er eine Ahnung, was da abläuft?«
Anna dachte einen Moment über Günther Morgenroth, der die Abteilung leitete, und seine Sicht der Dinge nach. »Ich glaube, er weiß schon so ungefähr, wie es in unserem Team läuft. Aus manchen seiner Bemerkungen kann man heraushören, dass er von Oliver fachlich nicht allzu viel hält. Aber Oliver kommt bei den Mandanten gut an, vor allem bei den männlichen, mit denen er auf Kumpel macht – und die meisten unserer Mandanten sind männlich. Vermutlich mischt sich Morgenroth deshalb nicht ein.«
Mit hängenden Schultern zupfte Anna an der Tischdecke herum. Dann trank sie von ihrem Wasser und blickte ratlos zu Julia. Es war zwar tröstlich, dass diese sich über Olivers Verhalten empörte, aber ihre Fragen machten deutlich, dass sie von Anna ein anderes Verhalten erwartet hätte. Anna sah jedoch keine Möglichkeit, wie sie mit der Situation anders hätte umgehen können.
Julia hingegen begriff nicht, weshalb Anna Oliver einfach gewähren ließ. Sie selbst hatte bei der Präsentation schon Mühe gehabt, Oliver nicht zu unterbrechen und die Dinge richtig zu stellen. Dabei war sie erst Juniorberaterin. Sie an Annas Stelle würde sich das nicht bieten lassen. Ihre Probleme ging sie immer direkt an und fuhr bestens damit. Und genau das sollte ihrer Meinung nach auch Anna tun.
»Anna, du kannst doch nicht einfach zuschauen. Oliver macht im Prinzip auf deine Kosten Karriere und du siehst tatenlos zu.«
»Was soll ich denn tun? Wenn ich mich beim Chef über ihn beschwere, wirkt das ziemlich armselig. Als ob ich meine Probleme nicht selbst lösen könnte.«
Julia hatte einen wunden Punkt berührt. Anna war fleißig, zuverlässig und fachlich sehr beschlagen. Sie hatte eine rasche Auffassungsgabe, ein gutes Einfühlungsvermögen und erfasste die wichtigen Punkte in der Beratung deutlich schneller als Oliver. Sich durchzusetzen war allerdings nicht ihre Stärke. Hier hatte Oliver jedes Mal die Nase vorn.
Während Anna trübselig vor sich hin brütete, klopfte ihr Julia plötzlich auf die Hand, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, und grinste. »Schau mal, wer da kommt!« Mit dem Kinn deutete sie auf den Gehweg hinter Annas Rücken. »Wenn das mal nicht der Nick ist!«
Anna presste die Lippen zusammen. Sie konnte es nicht leiden, wenn Julia in diesem albernen Ton sprach. Doch wenigstens schien sie das Problem mit Oliver für den Moment vergessen zu haben. Dafür war Anna dankbar. Vorsichtig blickte sie über ihre Schulter und sah Nick auf die Salatbar zukommen. Auch das noch.
Nick Mantovan arbeitete seit drei Monaten als Projektleiter bei AFC und stand damit eine Karrierestufe über Anna und Oliver. Anna konnte sich noch gut daran erinnern, wie Julia in ihr Büro gestürmt war, um mit überschwänglicher Begeisterung zu verkünden, dass ihr der neue Kollege gerade über den Weg gelaufen sei. Endlich einmal ein gutaussehender Mann im Hause AFC. Tags darauf hatte Anna dann die Gelegenheit, sich selbst davon zu überzeugen, ob Julias Einschätzung zutraf. Das tat sie – und wie!
Anfang 30 und gut 1,85m groß, besaß Nick eine umwerfende Kombination aus tiefblauen Augen und dunkelblonden Locken. Seine breiten Schultern kamen im Anzug hervorragend zur Geltung, der Rest blieb verborgen. In Jeans und T-Shirt hingegen wirkte er regelrecht durchtrainiert, wobei die fein definierten Muskeln an seinen Armen ein echter Hingucker waren. Das hatte Anna zufällig herausgefunden, als er eines Tages im Freizeitdress Akten abgeholt hatte. Bei ihrer ersten Begegnung hatte er ihr freundlich die Hand geschüttelt und ihr tief in die Augen geblickt. »Hallo, ich bin Nicholas Mantovan, der Neue«, hatte er sich mit dunkler, samtiger Stimme vorgestellt.
»Anna Zimmermann«, hatte sie ein wenig benommen geantwortet und ihm das Du angeboten, wie es in der Firma üblich war. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass eine harmlose Begrüßung sie so überwältigen würde. Erleichtert atmete sie auf, nachdem er ihr Büro verlassen hatte. Seitdem machte sie einen Bogen um ihn. Sie fand ihn zwar sehr anziehend, wusste jedoch nicht so genau, wie sie mit ihm umgehen sollte.
Als Nick sich auf dem Gehweg dem Fenster näherte, an dem die beiden Frauen saßen, konzentrierte sich Anna auf ihren Salat. Nicht so Julia. Sie winkte so lange, bis sie seine Aufmerksamkeit gewonnen hatte. Er lächelte ihr zu und winkte zurück. Sobald er aus ihrem Sichtbereich verschwunden war, blickte Anna auf und schüttelte den Kopf. »Julia, jetzt krieg dich wieder ein. Das ist doch peinlich, wenn du hier so herumzappelst. Was soll Nick von uns denken?«
Julia grinste noch immer. »Der ist doch total süß. Außerdem mache ich das nicht für mich. Du weißt doch, dass ich schon vergeben bin. Das mach ich nur für dich. Ich finde, er würde total gut zu dir passen. Er ist genau dein Typ.«
Dem konnte Anna nicht widersprechen. Eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrem Exfreund Sebastian, den Julia ein einziges Mal gesehen hatte, bestand tatsächlich. Mit Sebastian war sie drei Jahre zusammen gewesen, doch vor einem halben Jahr hatten sie sich in gegenseitigem Einvernehmen getrennt. Seitdem war Anna Single. Es gab zwar immer mal wieder einen Verehrer, aber sie wollte sich jetzt erst einmal auf ihre Karriere konzentrieren.
Mit eindringlichem Blick wandte sich Anna an Julia. »Das mag sein, dass er mein Typ ist. Aber Nick arbeitet in unserer Firma und damit ist er für mich absolut tabu. Das habe ich dir schon einmal gesagt.« Leicht genervt sah sie zur Eingangstür und verfolgte, wie Nick die Salatbar betrat und direkt ihren Tisch ansteuerte.
Nick hatte mit Anna und Julia bisher nur einige Male kurz gesprochen, da er seit seinem Einstieg bei AFC fast ausschließlich außer Haus, bei mehreren Mandanten, tätig war. Doch er fand beide sympathisch. Vielleicht ergab sich bald mal eine Gelegenheit zur Zusammenarbeit, dachte er bei sich, als er auf die beiden zuging. »Hallo Julia, Anna. Schön habt ihr es hier. Ein gemütliches Mittagessen unter Kollegen wäre jetzt genau das, was ich brauche. Aber leider sitzt dort hinten im Nebenraum Herr Richter von Kogler Sprudel. Als überzeugter Veganer hat er mich hierher in die Salatbar bestellt.«
Bei dem Gedanken an vegane Ernährung schnitt er eine Grimasse und grinste schief. »Das wird hoffentlich mein nächster Auftrag. Noch viel Spaß euch beiden.«
»Dankeschön und wir drücken dir die Daumen.«, trällerte Julia und lächelte Nick verzückt an, während Anna ihn nur mit großen Augen ansah und kein Wort sprach. Nicks Blick wanderte von Julia, der er freundlich zunickte, zu Anna. Es erstaunte ihn, dass Anna keine Reaktion zeigte. Nicht das kleinste Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.
Sie war ihm schon bei ihrer ersten Begegnung vor drei Monaten aufgefallen. Ihr zartes Gesicht mit den großen, smaragdgrünen Augen und dem vollen, weichen Mund hatte ihn förmlich angezogen, doch er wollte erst in der Firma Fuß fassen, bevor er engere Beziehungen zu seinen Kolleginnen knüpfte. So hatte er sich ihr gegenüber höflich und zurückhaltend benommen. Weshalb also sagte sie kein Wort? Entweder war sie eine eingebildete Zicke oder extrem schüchtern. Oder es gab einen anderen Grund für ihr Verhalten. Spontan beschloss er, die Ursache bei nächster Gelegenheit herauszufinden. Er würde sich etwas einfallen lassen, um Anna aus der Reserve zu locken. Einem Rätsel hatte er noch nie widerstehen können und dieses Rätsel würde er lösen. Da war er ganz sicher. Mit diesem Gedanken entschwand Nick in Richtung Nebenzimmer.
Sobald er außer Hörweite war, konnte Julia nicht mehr an sich halten. »Was war denn das? Sprichst du nicht mit ihm? Findest du das nicht ein wenig übertrieben?«
»Nein, ja, natürlich spreche ich mit ihm.« Anna war das Thema sichtlich lästig. »Aber du hast schon alles gesagt, was es zu sagen gab und er musste ja gleich weg. Was soll ich da noch Kluges von mir geben?«
Julia schüttelte den Kopf und grinste. Diese Reaktion fand sie sehr aufschlussreich. Sie hatte richtig getippt: Anna war eindeutig an Nick interessiert, sonst wäre sie jetzt nicht so verlegen. Das konnte noch spannend werden.
»Wie war übrigens dein Wochenende?«, fragte Anna schnell, bevor Julia sich in das Thema Nick verbeißen konnte. Langsam ging ihr Julia mit ihren Fragen und ihrer Neugierde wirklich auf die Nerven.
Nach der Arbeit lief Anna in Gedanken versunken die Treppe ihres Wohnhauses hinauf. Das alte Gebäude war in den späten Achtzigerjahren kernsaniert worden. Dabei waren im dritten Stock, dem früheren Dachboden, zwei geräumige Wohnungen entstanden. In einer davon lebte sie nun seit einem halben Jahr und fühlte sich hier sehr wohl.
Sie öffnete die Wohnungstür und legte ihren Schlüsselbund in die grüne Schale auf der hellen Holzkommode in der Diele. Dann schaute sie in den großen Messingspiegel, der darüber hing. Lange, dunkle Haare umrahmten ein schmales Gesicht mit einer geraden Nase, hohen Wangenknochen und einem vollen Mund. Die tiefgrünen Augen mit den dichten Wimpern blickten im Moment ein wenig unzufrieden. Wie beinahe jedes Mal, wenn sie in den Spiegel sah, verwünschte sie ihre Nase, die ihrer Ansicht nach etwas zu groß geraten war. Ansonsten war sie ganz zufrieden mit ihrem Aussehen. Bis auf die Beine, dachte sie, die könnten ein kleines Stückchen länger sein.
Achselzuckend wandte sie sich ab und lief in die Küche, um sich einen Tee aufzubrühen. Ihre geräumige Wohnküche mit den quadratischen Terrakotta-Fliesen fand sie das Highlight an der Wohnung. Über die ganze rechte Seite zog sich eine weiße Einbauküchenzeile. Vor allem der kleine Geschirrspüler hatte Annas Herz beim Einzug erfreut, denn Spülen per Hand war nicht gerade ihre Lieblingsbeschäftigung. Gegenüber schmiegte sich eine dunkelbraune Lederbank direkt unter das Fenster. Zusammen mit zwei freischwingenden Lederstühlen und einem gewachsten Wildeichentisch sorgte sie für die Gemütlichkeit in ihrer Küche.
Sie setzte sich mit ihrem Tee auf einen Stuhl, blickte über die Dächer von München und ließ den Tag Revue passieren. Dabei überlegte sie, weshalb sie heute ein ungutes Gefühl im Bauch mit heimgebracht hatte. Das war so gar nicht ihre Art. Normalerweise genoss sie ihren Feierabend. Oft joggte sie noch eine Runde, ging ins Fitness-Center um die Ecke oder traf sich mit ihren Freundinnen.
»Was ist heute anders gelaufen als sonst?«, murmelte sie halblaut vor sich hin. Oliver hatte sich schon öfter mit ihren Ideen geschmückt. Das war unerfreulich, aber sie hatte das bisher immer gut weggesteckt. Vermutlich lag es an Julia. Diese hatte heute ziemlich unverhohlen ihre Meinung zu Annas Verhalten Oliver gegenüber geäußert. Das nagte jetzt an ihr, denn mit Kritik konnte sie nicht gut umgehen.
Außerdem ärgerte sie sich über ihr ungeschicktes Verhalten Nick gegenüber. Ihr war kein einziger halbwegs intelligenter Satz eingefallen, deshalb hatte sie einfach nur stumm dagesessen. Das war so peinlich. Nick musste ja einen tollen Eindruck von ihr haben. Er hatte sie ganz eigenartig angesehen, bevor er gegangen war. Sie seufzte tief. Das konnte sie jetzt auch nicht mehr ändern. Beim nächsten Mal würde sie locker und freundlich auftreten und ganz lässig ein Gespräch mit ihm beginnen, nahm sie sich fest vor.
Um das lästige Bauchgrummeln loszuwerden, beschloss sie eine Runde laufen zu gehen. Sie holte ihre lilafarbenen Laufshorts und ein schwarz-violett gestreiftes Tanktop vom Wäscheständer aus ihrem kleinen Bad und schlüpfte hinein. Dann schnürte sie ihre Laufschuhe und sauste die Treppe hinunter. Vor dem Haus dehnte sie kurz ihre Waden und startete dann los. Das gleichmäßige Laufen brachte tatsächlich Ruhe in ihre Gedanken. Sie konzentrierte sich eine Zeit lang auf ihre Atmung und schweifte dann ab zu ihrem Lieblingsthema, das sie schon ein halbes Leben lang verfolgte: Seit über zehn Jahren träumte sie davon, ein Café zu eröffnen.
Als Anna ein kleines Mädchen war, hatte ihre Großmutter in Konstanz ein kleines, heimeliges Café mit einer schönen Terrasse besessen. Dort hatte sie viele wunderbare Ferien verbracht, bis ihre Großmutter starb, als Anna 17 Jahre alt war. Die Erinnerung daran hatte sie bis heute nicht losgelassen.
Nach dem Abitur hatten ihre Eltern auf ein solides Studium gedrängt. Daraufhin hatte sie beschlossen, Betriebswirtschaft in Regensburg zu studieren. Um sich nebenher ein Taschengeld zu verdienen und Erfahrungen zu sammeln, hatte sie in verschiedenen Cafés in der Regensburger Altstadt gekellnert. Auch wenn die Tätigkeit anstrengend und die Leute oft ungeduldig gewesen waren, hatte sie doch den Plausch mit den Stammgästen geliebt. So wie ihrer Großmutter war es auch ihr ein Bedürfnis, dafür zu sorgen, dass sich die Gäste wohlfühlten.
Mit den Jahren hatte sie ihren Traum dann ausgebaut: statt einer einfachen Theke würde es eine schicke Espressobar geben, dazu gemütliche Tische und Stühle sowie Ecken mit niedrigen Sitzmöbeln. Außerdem wollte sie Bücher anbieten. Zum Schmökern und zum Kaufen. Eine Kinderecke mit Bilderbüchern und gelegentlichen Vorlesestunden. Abends würden ab und zu Autorenlesungen stattfinden.
Wenn das Büchercafé erfolgreich wäre, wollte sie daraus ein Franchise-Konzept entwickeln, um die Cafés in viele unterschiedliche Städte zu bringen. Die letzte Idee war erst im vergangenen Jahr entstanden und noch nicht vollständig durchdacht. Aber sie war wild entschlossen, sich in einigen Jahren selbstständig zu machen. Erst einmal nur mit einem Büchercafé. Dafür hatte sie bereits einen Businessplan erarbeitet. Sobald das Café gut laufen würde, sähe sie weiter.
Um ein eigenes Geschäft zu gründen, war es ideal, vorher in einer Unternehmensberatung zu arbeiten. Darüber war sich Anna im Klaren. Sie hatte bereits eine Menge Erkenntnisse gewonnen, wie Unternehmen tickten, und was wichtig war, um erfolgreich zu sein. Außerdem war die Bezahlung nicht zu verachten.
Beim Zubettgehen kam Anna Olivers Auftritt wieder in den Sinn. Während sie sich unter die Bettdecke kuschelte, überlegte sie, ob es eine Möglichkeit gab, ihre Leistung im Projekt Fuhrmann ins rechte Licht zu rücken. Doch sie befürchtete, dass sie sich lächerlich machen würde, wenn sie das versuchte. Oliver konnte, vor allem wenn er Publikum hatte, sehr überzeugend wirken und er würde es ganz sicher nicht einfach hinnehmen, wenn sie seine Verdienste schmälerte. Nein. Diesbezüglich hatte sie keine Chance. Es war eben so wie es war. Mit diesem Gedanken schlief sie ein.
Coeln, Februar 1552
Ein eisiger Wind fegte durch die schneebedeckte Winternacht. Er rüttelte und zerrte an den dünnen Lehmwänden der kleinen Bauernkate, die eine halbe Wegstunde von den mächtigen Stadtmauern Coelns entfernt am Rande eines kleinen Wäldchens lag. Neun Frauen hatten sich darin versammelt. Unbemerkt von den Wachsoldaten hatten sie die Gunst der Dunkelheit genutzt, um durch die Tore der freien Reichsstadt zu schlüpfen und sich an diesem geheimen Ort zu treffen. Nun hatten sie die kleinen Fensterluken sorgfältig mit Tüchern abgehängt und ein kleines Feuer im Kamin entfacht. In der Mitte des einzigen Raums stand ein runder, grob behauener Eichentisch mit zehn Stühlen, der von den Flammen zweier weißer Talgkerzen erhellt wurde.
Wilhelmina Röttgen, eine stattliche Tuchhändlerin in den Vierzigern, stand auf einem der Stühle und malte mit einem Pinsel eine rosafarbene Rose an die Holzdecke über dem Tisch. Die anderen Frauen standen in der Nähe des Feuers und wärmten sich die Hände. Einige sprachen leise miteinander, andere beobachteten Wilhelmina. Ein gebieterisches Klopfen ertönte an der Tür. Sofort löste sich Eleonore Klasen, die Ehefrau eines reichen Coelner Goldschmieds, aus dem Kreis und ließ eine weitere Frau ein.
Als die Neuangekommene die Kapuze ihres Umhangs zurückschlug, ging ein Raunen durch die Gruppe am Feuer. Das fein gezeichnete Gesicht mit der kühn geschwungenen Nase, den tiefblauen Adleraugen und dem energischen Kinn war den Frauen wohlbekannt. Margaretha von Falkenberg, die unverheiratete Schwester des Fürsten Heinrich von Falkenberg, hatte ihren Weg in die einfache Hütte gefunden. Ein Jahr zuvor hatte sie auf Burg Falkenberg in der Nähe von Coeln eine Lehrerin eingestellt, die ausschließlich die Töchter des Gesindes unterrichtete. Damit hatte sie sich den Zorn der Kirche zugezogen, die darauf bestand, dass statt der Mädchen die Knaben in den Genuss schulischer Bildung kommen sollten. Bisher hatte Margaretha sich allen Einwendungen widersetzt.
»Eure Hoheit«, setzte Eleonore an, doch Margaretha schüttelte vehement den Kopf. »Keine Titel in diesem Kreis. Hier bin ich einfach nur Margaretha. Das hat mir Wilhelmina verspochen.«
Alle Köpfe drehten sich zu Wilhelmina, die eilig von ihrem Stuhl herunterkletterte und bestätigend nickte, bevor sie Margaretha respektvoll begrüßte. Dann bat sie die Frauen, sich an den Tisch zu setzen, und wartete, bis alle Platz genommen hatten. »Ich möchte euch alle herzlich begrüßen und freue mich, dass ihr meiner Einladung gefolgt seid.«
Nacheinander stellte sie jede Frau mit Namen und Stand vor. Obwohl sich die Frauen nicht alle kannten, hatten sie einige Gemeinsamkeiten: alle waren gebildet, herrschten über einen großen Haushalt und keine der Frauen war jünger als 40 Jahre.
»Bevor ich euch mein Anliegen schildere, möchte ich euch darauf hinweisen, dass alles, was hier an diesem Tisch heute gesagt wird, unter der Rose, also unter dem Siegel der Verschwiegenheit, gesprochen wird.« Sie deutete zur Holzdecke. Neugierig richteten sich alle Blicke auf die Rose, die sie soeben aufgemalt hatte. »Ich denke, die Bedeutung der Rose ist euch allen wohlbekannt. Wer sich nicht an dieses Siegel der Verschwiegenheit halten will, sollte bitte jetzt unsere Versammlung verlassen.«
Keine der Frauen rührte sich. Nach einer kurzen Pause fuhr Wilhelmina fort. »Schön. Ich habe mit jeder von euch im vergangenen Jahr mehrmals gesprochen und wir sind uns alle einig, dass sich etwas ändern muss. Die Zeiten werden für uns Frauen immer schlimmer. Die Gefahr, als Hexe bezeichnet, gejagt und ermordet zu werden, nimmt stetig zu. Viele Frauen, die wertvolles Wissen besitzen, das sie an die jungen Mädchen weitergeben sollten, werden verfolgt und sterben zu früh. So wie unsere liebe Agatha, die ihre Heilkunst nur zum Wohle der armen Leute einsetzte. Sie wurde vor drei Monden gefangen genommen, gefoltert und verbrannt. Und wir konnten nichts dagegen tun.«
»Was können wir auch tun?«, warf Eleonore ein. »Sobald wir nur ein Wort des Protests verlauten lassen, wird es uns ebenso ergehen!«
Die anderen Frauen nickten zustimmend.
»Öffentlich können wir nicht dagegen vorgehen«, bestätigte auch Wilhelmina. »Aber im Geheimen können wir viel dazu beitragen, das Wissen der Frauen, unseren größten Schatz, zu bewahren. Den richtigen Weg dafür zu finden, das ist der Sinn unseres heutigen Treffens.
Seit Anbeginn der Zeit wurde Wissen von Frau zu Frau weitergegeben, von der Mutter an die Tochter, von den alten Frauen an die jungen. Nicht nur in der Heilkunde, sondern vor allem in den Bereichen, die unseren eigenen Wert als Frau betreffen. Jeden Sonntag hören wir im Gottesdienst: Das Weib ist dem Manne untertan und Gott schuf Eva aus Adams Seite, denn die Kirche sieht uns Frauen als minderwertige Menschen an. Den meisten Männern ist das angenehm. Sie werden es niemals in Frage stellen.«
Anklagend schaute Wilhelmina in die ernsten Gesichter, bevor sie mit eindringlicher Stimme weitersprach. »Deshalb müssen wir selbst etwas tun. Frauen sind genauso viel wert wie Männer. Wir alle in dieser Runde wissen das. Unsere Mütter und Großmütter erzählten uns die Legende von Lilith und lehrten uns die alten Leitsätze, die uns unseren Stolz und unsere innere Stärke geben. Keine von uns läuft mit gesenktem Kopf demütig durch die Gegend. Wir werden in Coeln geachtet und respektiert. Doch die Gefahr, als Hexe angeprangert zu werden, ist gerade deshalb groß, weil wir uns nicht klein machen lassen.«
Wilhelmina machte eine Kunstpause, bevor sie die nächsten Worte wie einen Fehdehandschuh in den Ring warf. »Doch wer gibt die alten Leitsätze weiter und lehrt das junge Gemüse, zu starken Frauen heranzureifen, wenn wir auf dem Scheiterhaufen brennen?«
Einen Moment schien es, als ob alle den Atem anhalten würden. Dann redeten plötzlich alle laut durcheinander, während sie sich eilig bekreuzigten. Margaretha beobachtete das Treiben eine Weile, bevor sie sich mit lauter Stimme Gehör verschaffte.
»Wilhelmina hat starke Worte gewählt, doch in der Sache hat sie recht. Die Verfolgungen nehmen immer mehr zu. So bitter es ist, aber keine von uns ist dagegen gefeit. Mit meinem Mädchenunterricht habe ich den Zorn der Geistlichkeit auf mich gezogen. Noch schützt mich mein hoher Stand, aber ich weiß nicht, wie lange noch. Deshalb habe ich Wilhelminas Einladung heute gerne angenommen. Und ich sage es euch allen: Die Frau muss dem Manne ebenbürtig sein. Mein Bestreben ist es, den Mädchen zu helfen, der Gesellschaft voller Vertrauen zu sich selbst, stolz und frei entgegenzutreten. Ganz im Sinne unseres Vorbilds Lilith. Den Grundstein dafür wollen wir heute legen.«
Als Margaretha kurz innehielt, nickten die Frauen einhellig. Sie alle kannten die überlieferten Leitsätze, von denen manche Ahnin behauptet hatte, sie reichten bis zu Lilith, der ersten Frau Adams, zurück.
»Doch bevor wir beginnen, lasst uns kurz an Lilith, unsere Patronin, unser leuchtendes Vorbild, denken«, nahm Margaretha den Faden wieder auf und erzählte die alte Geschichte. »Der Legende nach hat Gott Lilith und Adam aus Lehm erschaffen und ihnen den Lebensatem eingeblasen. Lilith war Adam völlig ebenbürtig und gleichberechtigt. Als freies Wesen war ihr Unterordnung fremd. Sie trat stolz und selbstbewusst auf und weigerte sich, Adam zu dienen. Da Gott Adam als sein Abbild ansah, gefiel ihm das Verhalten von Lilith nicht und er sah in ihrem Freiheitswillen eine Rebellion gegen ihn selbst.
Eines Tages wandte sich Lilith gegen Adam, weil er immer wieder verlangte, dass sie sich ihm unterordnete, und verließ das Paradies. Sie hob vom Boden ab und flog bis zum roten Meer. Als sich Adam darüber bei Gott beklagte, sandte Gott drei Engel aus, die Lilith dazu bewegen sollten, zu Adam zurückzukehren. Doch Lilith weigerte sich und lachte Adam und die Engel aus. Sie wollte nicht mit einem Mann zusammenleben, der sie nicht als Gleichgestellte behandelte.
Adam hingegen war sehr traurig, weil er keine Gefährtin mehr hatte. Um Adam zu trösten, baute Gott Eva aus Adams Seite. Eine Frau, die mütterlich, bescheiden und folgsam war, und damit ein Gegenstück zur starken, stolzen und freiheitsliebenden Lilith bildete.«
Nachdem Margaretha den Frauen eine Minute zum Andenken an Lilith gewährt hatte, wählte sie flammende Worte, um ihr Anliegen zu unterstreichen. »Niemand spricht mehr laut von Lilith! Sie wird einfach totgeschwiegen! Es ist eine Schande. In unserer Familie gibt es zwei Bibeln. Eine handgeschriebene, die über 250 Jahre alt ist, und eine neue, gedruckte aus dem Jahr 1462. In der alten Bibel ist Liliths Geschichte nahezu vollständig verzeichnet. In der neuen wird sie mit keinem Wort erwähnt. Deshalb müssen wir ihren Namen hochhalten. Sie darf nie in Vergessenheit geraten, sonst wird es um uns Frauen traurig bestellt sein.«
Wieder erhielt sie zustimmendes Gemurmel. Doch auf die Frage hin, was sie nun tun sollten, wusste keine der Frauen einen Rat. Vorausschauenderweise hatte Margaretha selbst bereits einen Plan entworfen und die Einzelheiten sorgfältig mit Wilhelmina abgewogen. Deshalb ergriff nun Wilhelmina das Wort und kam direkt auf den Punkt. »Lasst uns einen geheimen Bund gründen, in dem wir das Andenken an Lilith und die alten Leitsätze bewahren.«
Die Frauen keuchten, erschrocken ob dieses gewagten Ansinnens, aber keine widersprach.
»Wir alle sind des Lesens und Schreibens mächtig. Lasst uns die Geschichte Liliths und alle Leitsätze aufschreiben, die wir kennen. Jede erhält zwei Abschriften. Eine für sich selbst und eine für eine andere Frau, der sie vertraut. Wir zehn bilden den inneren Kreis, die anderen sind unsere Stellvertreterinnen, die an unsere Stelle rücken, wenn wir unser Leben lassen.«
Während Wilhelmina erläuterte, wie der Bund aussehen sollte, kam plötzlich Leben in die Frauen. Eine nach der anderen meldete sich zu Wort. Sie machten Vorschläge, diskutierten, stellten Fragen, verwarfen manche Ideen und ersetzten sie durch neue. Langsam nahm der Bund Gestalt an. Alle waren sich einig, dass es ein gefährliches Unterfangen war. Doch alle waren fest entschlossen, diesen Bund zu gründen und mit Leben zu füllen. Die letzte Erörterung des Abends galt dem Namen des neuen Geheimbundes. Als Eleonore ihren Vorschlag in die Runde einbrachte, stimmten alle einhellig zu. Der Geheimbund ›Töchter der Lilith‹ wurde noch am selben Abend unter der Rose, dem Siegel der Verschwiegenheit, gegründet.
München, September 2016
Während Anna am Donnerstagmorgen gerade die erste Tasse Kaffee im Büro trank, rief Günther Morgenroth, der Abteilungsleiter, an und bat sie zu sich. Schnell nahm sie noch einen großen Schluck, bevor sie die Treppe in den dritten Stock hinauf und den Flur entlang bis zu seinem Büro eilte.
Was wollte der Chef so früh schon von ihr? Hatte sie etwas falsch gemacht? Sie ging im Geist die Arbeit der letzten Woche durch, war sich jedoch keiner Schuld bewusst. Vermutlich hatte er ein neues Projekt, beruhigte sie sich. Das kündigte er meistens auf diese Art an.
Leicht angespannt klopfte sie an die Tür und trat ein. Ein großer altmodischer Schreibtisch aus dunkler Eiche beherrschte den Raum. Daneben bog sich ein Regal unter der Last zahlreicher Fachbücher. Sie begrüßte Morgenroth mit einem freundlichen Lächeln, ohne einen Blick auf den grünen Innenhof zu werfen, der in der breiten Fensterfront hinter seinem Schreibtisch im Morgenlicht glänzte.
Oliver saß an dem kleinen Tisch, der an Morgenroths Schreibtisch anschloss, und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln, als wäre alles in bester Ordnung. Das zog Annas Laune auf einen Schlag nach unten. Sie hatte sich zwar damit abgefunden, dass sie an seiner verlogenen Darstellung bei der Abschlussbesprechung nichts mehr ändern konnte, aber verziehen hatte sie ihm den Auftritt noch lange nicht. Deshalb rang sie sich nur ein kurzes ›Morgen‹ ab, bevor sie sich neben ihn setzte.
Morgenroth kramte in seiner Aktenmappe. »Bitte entschuldigen Sie mich noch einen kurzen Augenblick. Es kann gleich losgehen. Jetzt habe ich die Unterlagen bei Ahrens im Büro liegen lassen. Ich hole sie noch schnell.« Mit diesen Worten verließ er das Zimmer und lief den langen Flur entlang bis zum Büro des Geschäftsführers Max Ahrens.
Unvermittelt waren Anna und Oliver alleine. An Annas Miene konnte Oliver ablesen, dass sie aufgebracht war. Er vermutete, dass es mit der Fuhrmann-Präsentation zusammenhing. Nun hatte er durch Morgenroths Abwesenheit unverhofft etwas Zeit gewonnen, die er nutzen konnte, um Anna versöhnlich zu stimmen. Er musste unbedingt vermeiden, dass sie Morgenroth gegenüber die Präsentation erwähnte. Ein dickes Lob würde die Wogen vermutlich am schnellsten glätten. Mit einem einnehmenden Lächeln legte er den Arm über ihre Stuhllehne und beugte sich zu ihr. »Anna, Süße, was ist denn los? Fuhrmann ist doch super gelaufen.«
Anna merkte, wie Wut in ihr aufwallte. Demonstrativ rückte sie ihren Stuhl ein Stück von Oliver weg. »Nenn mich nicht Süße, Oliver. Du weißt genau, weshalb ich sauer bin. Es war ganz schön unverschämt, wie du die Sache mit Mexiko dargestellt hast. Als ob du alleine bei Fuhrmann gewesen wärst!«
Oliver zog die Augenbrauen leicht hoch und überlegte, wie er mit diesem Vorwurf umgehen sollte. Blitzschnell entschied er, die Situation herunterzuspielen. »Ach Anna, jetzt hab dich nicht so. Ich musste bei den Chefs mal wieder punkten und es hat sich einfach angeboten.« Nun musste er Anna nur noch ein wenig schmeicheln und schon wäre alles wieder in Ordnung. »Du bist doch die Allerbeste und ich schätze deine Arbeit sehr. Das weißt du doch. Zusammen sind wir ein echtes Traumteam.«
»Ja, ich mach die Arbeit und du erntest die Lorbeeren. Wirklich ein Traumteam!«
Oliver grinste breit. Das machte Anna noch wütender und verlieh ihr den Mut, Oliver endlich einmal die Meinung zu sagen. Aber bevor sie loslegen konnte, kam Morgenroth mit einem Stapel Unterlagen zurück.
»Wir haben ein neues Mandat hereinbekommen: Arnold Kunststoffbau. Die Firma hat gerade einen kleineren Konkurrenten aufgekauft und will beide Unternehmen zusammenlegen. Wir sollen die Arbeitsprozesse neu gestalten, eine schlanke Aufbau- und Ablauforganisation entwickeln und den Vertrieb vitalisieren. Als Berater sind Sie beide, dazu Bernhard Müller und Julia Simon angedacht und für die EDV noch zwei Mann aus unserer IT-Abteilung. Es ist also ein umfangreiches Mandat, für das wir eine Projektleitung brauchen.« Er blickte von Anna zu Oliver. »Nun habe ich gedacht, dass das einer von Ihnen beiden übernehmen kann. Sie haben beide schon in großen Projekten gearbeitet und kennen sich mit der Thematik aus. Es bedeutet natürlich deutlich mehr Verantwortung. Was halten Sie davon?«
Die Projektleiterstelle war ein klarer Karriereschritt. Auf so eine Chance hatte Oliver schon seit Längerem gewartet. Jetzt hieß es schnell sein, bevor Anna das Rennen machte. Ohne weitere Überlegung erklärte er sich postwendend bereit. »Das mache ich sofort. Das ist überhaupt kein Problem. Ich freue mich auf die Aufgabe. Wann geht es los?«
Anna hingegen achtete gar nicht auf Oliver. Morgenroths Angebot hatte sie kalt erwischt. Wie sollte sie darauf reagieren? Gedanken schossen wie Blitze durch ihren Kopf. Traue ich mir das zu? Bin ich kompetent genug? Was bedeutet das an Aufwand? An Verantwortung? Bekomme ich alle meine restlichen Aufgaben unter einen Hut? Kann ich so ein großes Team führen?
Auf Olivers Zusage nickte Morgenroth zustimmend. Er hatte das nicht anders erwartet. Dann blickte er zu Anna, die schweigend vor sich hinstarrte. »Was ist mit Ihnen, Frau Zimmermann?«
Anna schreckte aus ihren Gedanken hoch und spürte, wie sich ihre Wangen rot färbten. Unsicher sah sie Morgenroth an. Ihre Stimme klang belegt, als sie antwortete. »Ich weiß nicht recht. Das kommt jetzt überraschend. Das muss ich mir erst überlegen. Denken Sie, ich bin kompetent genug?«
Morgenroth hielt große Stücke auf Anna. Er hätte ihr gerne die Projektleitung übertragen. Doch ihre zögerliche Antwort irritierte ihn. Er hätte sich mehr Begeisterung für die Aufgabe erwartet. War sie doch noch nicht soweit?
Während er noch überlegte, ergriff Oliver das Wort. »Also ich stehe sofort zur Verfügung, Herr Morgenroth. Das ist eine äußerst interessante Aufgabe und ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um das Projekt erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Sie können sich jederzeit auf mich verlassen. Wenn sich Frau Zimmermann da noch unsicher ist, dann wäre es doch das Beste, ich übernehme die Projektleitung und sie wird meine Stellvertreterin. Dann können wir beide unsere Erfahrungen in das Projekt einbringen und der Mandant wird hochzufrieden sein.«
Oh nein! Das geht in die ganz falsche Richtung, erkannte Anna augenblicklich. Auch wenn sie selbst gezögert hatte, so wollte sie doch auf keinen Fall, dass Oliver das Projekt leitete. Wie das ablaufen würde, konnte sie sich lebhaft vorstellen. Doch bevor sie widersprechen konnte, traf Morgenroth seine Entscheidung.
»Das mit der Stellvertreterin ist eine großartige Idee. Ich hatte etwas Sorge, ob Sie das Projekt alleine stemmen, aber mit Unterstützung von Frau Zimmermann sehe ich da gar kein Problem. Wenn sie das Team gemeinsam führen, ist das Projekt in den besten Händen.«
Morgenroth war bekannt für seine blitzschnellen Entscheidungen. Einmal getroffen blieb er stets dabei, um den jungen Leuten ein Vorbild an Entscheidungsfreude zu sein, wie er bei mehr als einer Gelegenheit stolz verkündet hatte.
Oliver war begeistert und sprang auf. »Vielen Dank für Ihr Vertrauen, Herr Morgenroth. Das freut mich wirklich sehr und ich bin sicher, wir werden das Projekt zu ihrer vollsten Zufriedenheit durchführen. Wenn Sie mir die Unterlagen mitgeben, kann ich mich einlesen und die Vorbereitungen ankurbeln.«
Morgenroth händigte ihm die Unterlagen aus und wandte sich dann zur Fensterfront, um die Morgensonne auszuschließen, die das Büro für die nächsten zwei Stunden in gleißend helles Licht tauchen würde. Während er die Jalousien per Knopfdruck halb herunterließ, grinste Oliver Anna triumphierend an.
»Ich freue mich schon auf unsere Zusammenarbeit, Anna. Auf Wiedersehen, Herr Morgenroth.« Das läuft ja heute wieder, dachte er erfreut, als er schnellen Schrittes den Raum verließ.
Anna schaute ihm entgeistert nach. Was war hier abgelaufen? Das durfte doch nicht wahr sein. Oliver war Projektleiter und sie musste ihm zuarbeiten. Damit blieb auch bei diesem Projekt die ganze Arbeit an ihr hängen. Wieder einmal würde Oliver sich als strahlender Held präsentieren.
Sollte Sie mit Morgenroth darüber reden, wie unfair diese Regelung war? Im Grunde wusste sie, dass er seine Entscheidung nicht zurücknehmen würde. Also brachte es vermutlich nichts, wenn sie jetzt ihre Unzufriedenheit bekundete. Damit würde sie höchstens ihr Ansehen bei Morgenroth verlieren. So entschied sie, in den sauren Apfel zu beißen und das Projekt von Anfang an tatkräftig voranzutreiben, um wenigstens auf diese Weise einen guten Eindruck zu hinterlassen. »Ich freue mich ebenfalls auf das Projekt. Die Aufgabe ist sicher anspruchsvoll, aber gemeinsam werden wir gute Lösungen erarbeiten.«
Morgenroth war insgeheim erleichtert, dass Anna die Entscheidung ohne Vorbehalt zu akzeptieren schien. Er wusste, dass Oliver seine Schwächen hatte und Anna ihm fachlich und menschlich überlegen war. Eigentlich wäre sie die bessere Wahl für den Projektleiter gewesen. Doch die schnelle Zusage von Oliver hatte ihm imponiert. Für Entscheidungsfreude hatte er einfach eine Schwäche. Anna hingegen hatte sehr unsicher gewirkt. Was war das immer nur mit den Frauen? Wenn es darauf ankam, dann zogen sie zurück. Er hatte das schon des Öfteren erlebt. Vielleicht war Anna ja bis zum nächsten Projekt soweit, dass sie um den Führungsanspruch kämpfte. Sie sollte auf jeden Fall mehr Entschlossenheit zeigen, denn als Projektleiterin musste sie die Führung des Teams übernehmen und sich durchsetzen können.
Mit dieser Rechtfertigung seiner Entscheidung reichte er ihr eine Kopie der Unterlagen. »Ich weiß, Herr Peitler kann manchmal etwas anstrengend sein, aber Sie arbeiten ja oft mit ihm zusammen und kennen ihn gut. Bestimmt kommen Sie hervorragend miteinander zurecht und als seine Stellvertreterin stehen Sie ja ebenfalls an verantwortlicher Stelle. Ich würde mir wünschen, dass Sie das Projekt partnerschaftlich angehen. Und nun viel Erfolg.« Mit diesen Worten war Anna entlassen.
»Partnerschaftlich ist ja wohl ein Witz«, grummelte Anna auf dem Weg zu ihrem Büro finster vor sich hin. So langsam erfasste sie die Tragweite des Geschehens. Sie hatte sich völlig überfahren lassen. Wie hatte sie nur so dumm sein können! Oliver, das Großmaul, hatte natürlich die Gunst der Stunde genutzt und sofort richtig reagiert. Doch sie selbst hatte keinen klaren Gedanken mehr fassen, geschweige denn aussprechen können, weil sie das Angebot umgehauen hatte.
»Das war eine Riesenchance und ich habe sie mir selbst versaut.« Bei emotionalen Belastungen neigte Anna zum Selbstgespräch. Jetzt war sie den Tränen nahe. »Warum habe immer ich das Nachsehen? Oliver kann weniger, ist bei den Kollegen nicht gerade beliebt und trotzdem ist er jetzt der Projektleiter. Stellvertretende Projektleiterin, das ist von Herrn Morgenroth nett gemeint, aber für Oliver bedeutet das, er hat das Kommando und ich kann die Arbeit machen. Sobald etwas nicht glatt läuft, gibt er mir die Schuld, und ich muss es wieder einrenken. Notfalls die halbe Nacht.«
In ihrem Zimmer warf sie die Unterlagen auf den Schreibtisch, ließ sich auf ihren Drehstuhl fallen, verschränkte die Arme auf der Schreibtischplatte und legte ihren Kopf darauf. Ein Weilchen schniefte sie vor sich hin und versank in ihrem Selbstmitleid. Dann setzte sie sich entschlossen auf und schnäuzte sich. Wieder einmal war sie froh, dass sie das Büro im Moment für sich alleine hatte. So bekam niemand ihr Elend mit.
Das Zimmer war nicht sehr groß, aber hell und freundlich. Da sich die beiden Fenster des Raumes direkt gegenüber der Tür befanden, hatte sie den Schreibtisch so zur Mitte hin aufgestellt, dass sie den Blick jederzeit nach links zum Fenster und nach rechts zur Türe richten konnte. Ein zweiter leerer Schreibtisch stand, an die Wand geschoben, gegenüber. Ihre Kollegin Corinna, mit der sie sich das Zimmer bis vor drei Monaten geteilt hatte, würde erst nach der Babypause im Mai nächsten Jahres zurückkommen.
Annas Schreibtisch war ordentlich aufgeräumt. Alles hatte seinen festen Platz: Stifteköcher, Notizzettelblock, Locher, Hefter und diverse Akten, säuberlich in Ablagefächern aufgeteilt. Ein kleines Foto zeigte Anna mit ihrer Schwester und ihrem Vater beim Segeln. Ansonsten hielt sie nicht viel von Krimskrams am Arbeitsplatz. Mit einem tiefen Seufzer zog sie die Arnold-Unterlagen zu sich heran und vertiefte sich in den Inhalt.
Eine Stunde später betrat Julia fröhlich und nichts ahnend Annas Zimmer. »Hallo Anna, kannst du mir den Produktkatalog von Fuhrmann geben? Der müsste noch bei deinen Unterlagen sein. Die Vertriebsassistentin hat mich gerade angerufen, …«
Als Julia zu einer langatmigen Erklärung ansetzte, glitten Annas Gedanken zu dem neuen Projekt bei Arnold. Unvermittelt spürte sie Unbehagen in sich aufsteigen, denn Julia wäre von Oliver als Projektleiter sicher nicht begeistert. Doch sie musste ihr davon erzählen, auch wenn sie es lieber noch etwas aufgeschoben hätte. Nervös wartete sie, bis Julia geendet hatte, dann umriss sie in kurzen Worten das neue Projekt und erwähnte so ganz nebenbei, dass Oliver Projektleiter sei und sie selbst seine Stellvertreterin.
Natürlich biss sich Julia sofort an der Rollenverteilung fest. Die gute Laune von gerade eben war wie weggeblasen. »Weshalb ist jetzt Oliver der Chef? Das kann doch nicht sein? Hast du Morgenroth nicht gesagt, wie diese Projekte ablaufen? Dass Oliver ein Schwachleister ist. Dass er uns herumkommandiert und die ganze Arbeit machen lässt. Das einzige, was der kann, ist sich bei den Mandanten einzuschleimen. Mensch Anna, warum hast du das zugelassen?«
»Ich hatte keine Chance. Bevor ich richtig darüber nachdenken konnte, hatte Morgenroth schon alles entschieden. Du weißt doch, dass er Entscheidungen nicht mehr zurücknimmt.« Anna räusperte sich vernehmlich. Sie verschwieg, dass Morgenroth ihr die Leitung angeboten hatte, denn sie ärgerte sich selbst über ihr zögerliches Verhalten. Auf Vorwürfe von Julia konnte sie verzichten. »Lass uns das Beste aus der Sache machen. Wir ziehen jetzt das Projekt mit Oliver durch und beim nächsten Mal bin dann vielleicht ich Projektleiterin.«
Julia runzelte die Stirn. »Du arbeitest doch schon seit drei Jahren mit Oliver und es läuft jedes Mal so ab. Das hast du mir selbst erzählt. Erkennst du das Muster darin nicht? Der wird dich solange unterbuttern, wie du das zulässt. Du musst dich ihm gegenüber durchsetzen. Wenn du das nicht machst, wird sich in den nächsten Jahren nichts ändern. Ich habe zwar weniger Erfahrung als du, aber das erkenne ich ganz deutlich. Anna, du musst etwas ändern.«
Anna war der Druck, den Julia aufbaute, sichtlich unangenehm. Zum Glück wusste Julia nicht, dass sie sich wie eine blutige Anfängerin benommen hatte. Trotzdem traf Julias Einschätzung zu. Es war wirklich zum Haare ausreißen! Oliver schaffte es immer wieder, sie vor seinen Karren zu spannen.
»Was soll ich deiner Meinung nach tun? Soll ich kündigen? Einen Oliver gibt es doch in jeder Firma. Und ich arbeite gerne bei AFC. Mit allen anderen Kolleginnen und Kollegen komme ich aus. Vielleicht kündigt ja Oliver«, hoffte Anna.
»Das glaube ich nicht. Solange er hier von deiner Arbeit so profitiert, wird er bleiben.« Da war sich Julia sicher. »Nein, du solltest das Problem von einer anderen Seite angehen. Ich glaube, du solltest dir professionellen Rat holen. So etwas wie ein Coaching für mehr Durchsetzungskraft. Google das doch mal.«
»Vielleicht mache ich das wirklich«, wiegelte Anna Julias Eifer ab. Geschickt wechselte sie das Thema, indem sie ihr die Arnold-Unterlagen zuschob, die sie gerade durchgelesen hatte. »Kannst du schon mal die Unterlagen für dich und Bernhard kopieren? Ich spreche gleich noch mit Oliver über den Ablauf.«
»Okay«, gab Julia sich geschlagen, nahm die Unterlagen entgegen und wandte sich zur Tür.
Erleichtert atmete Anna auf. Obwohl sie Julias offene Art schätzte, war es doch zu peinlich, dass sie sich vor der jüngeren Kollegin rechtfertigen musste.
Bevor sie Oliver aufsuchte, um die Vorplanung für Arnold zu besprechen, klopfte sie im Zimmer links neben ihrem Büro an die Tür. Dort arbeiteten für gewöhnlich Carla, eine Beraterkollegin, und Thomas, ein Praktikant im fünften Semester Betriebswirtschaftslehre, den Anna häufig mit kleineren Aufgaben betraute.
Als sie eintrat, fand sie Carlas Platz unbesetzt vor, dafür lehnte Nick an ihrem Schreibtisch. Unwillkürlich versteifte sie sich. Sie dachte an das Zusammentreffen mit Nick in der Salatbar und wünschte sich, sie hätte Thomas später aufgesucht, wenn Nick verschwunden wäre.
Nick hingegen war erfreut, dass Anna ins Zimmer trat, und musterte sie unverhohlen. Die langen, dunklen Haare waren hochgesteckt, was ihre hohen Wangenknochen vorteilhaft betonte. Zu einem dunkelblauen Bleistiftrock, der knapp über dem Knie endete, trug sie eine hellblau gemusterte Sommerbluse, die sich eng an ihre Kurven schmiegte und ihre schlanke Taille betonte. Sie war wirklich eine Augenweide, ging es ihm durch den Kopf.
Es kam ihm sehr gelegen, dass er Anna hier so zufällig traf. In den vergangenen Tagen hatte er einige Male über ihr Verhalten nachgedacht, doch er war nicht schlau daraus geworden. War sie nun eine überhebliche Zicke oder nicht? Im Kollegenkreis hielten alle große Stücke auf Anna. Sie sei intelligent, warmherzig und hilfsbereit, war die einhellige Meinung. Es musste also etwas anderes dahinterstecken und das wollte er nun näher ergründen.
Als Anna sich nach einem kurzen Gruß Thomas zuwenden wollte, nutzte er die Gelegenheit. »Hallo Anna. Schön, dass ich dich treffe. Ich habe einen kleinen Angriff auf dich vor.«
Bei diesen Worten zuckte Anna leicht zusammen, was Nick nicht entging.
»Es ist nichts Schlimmes. Vielleicht kannst du mir bei der Planung der neuen Verkaufsstrategie für Hauser unter die Arme greifen. Ich habe vorhin mit Bernhard darüber gesprochen. Dabei hat er mir erzählt, dass du für Fuhrmann eine spezielle Zielgruppensegmentierung gemacht hast. Bei Hauser wären sie begeistert, wenn ich ihnen die Kunden auf diese Weise aufschlüsseln könnte. Der Geschäftsführer hat mich beim letzten Meeting auf neue Zielgruppen im Verkauf angesprochen und da würde das jetzt ideal passen.«
Als Anna ihn mit großen Augen anblickte und zögerte, legte er den Kopf schief und setzte ein spöttisches Grinsen auf. »Also was ist? Hast du ein wenig Zeit für einen bedürftigen Kollegen?«
Obwohl Anna spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss, bemühte sie sich um eine sachlich neutrale Antwort. »Ja, natürlich. Ich kann dir gerne zeigen, was ich für Fuhrmann gemacht habe. Das ist aber nicht spektakulär. Ich bin den ganzen Nachmittag am Platz, da kannst du gerne vorbeischauen. So gegen fünf?«
»Prima, danke«, entgegnete Nick zufrieden, stieß sich vom Schreibtisch ab und verließ mit großen Schritten den Raum, ehe Anna das Grinsen sehen konnte, das sich über sein ganzes Gesicht ausbreitete.
Anna hätte es gerne vermieden, mit Nick zusammen in ihrem Büro zu sitzen, aber was sollte sie machen? Er war ein Kollege, und Kollegen half sie prinzipiell immer. Mit diesem Gedanken wandte sie sich Thomas zu, der eine ABC-Analyse der Kunden des Ziegelwerks Wildenauer anfertigen sollte. Sie brauchte diese Analyse, in der die Kunden, je nach Wichtigkeit für das Unternehmen, als A-, B- oder C-Kunden eingestuft wurden, für die Aufstellung der neuen Vertriebsstrategie. Die Analyse hätte schon letzte Woche in ihre Arbeit einfließen sollen, aber Thomas hatte sie noch nicht erstellt. Sie hatte kurz erwogen, die Analyse abends selbst zu machen, sich dann aber dagegen entschieden. Thomas musste lernen, seine Arbeiten in eine vernünftige Reihenfolge zu bringen. Nun sollte die Analyse endlich fertig sein, und sie wollte kurz mit ihm darüber sprechen, doch er hatte noch nicht einmal begonnen.
»Es tut mir leid, Anna. Carla überhäuft mich mit Arbeit und vorgestern kam auch noch Oliver und gab mir zwei Präsentationen zum Ausarbeiten bis morgen. Deshalb konnte ich mit deiner Analyse noch nicht anfangen. Aber wenn die Präsentationen vom Tisch sind, mache ich mich gleich daran.« Schuldbewusst blickte er zu Anna.
»Du weißt genau, dass ich die Analyse dringend brauche. Das habe ich dir letzte Woche deutlich gesagt!« In Anna stieg Ärger auf. Schon wieder drängte sich Oliver vor. »Warum glaubst du, dass Olivers Präsentationen wichtiger sind als meine Analyse?«
»Er meinte, dass es sehr dringend sei.« Abwehrend hielt Thomas die Hände hoch. Dabei verschwieg er geflissentlich den wahren Grund: Oliver machte viel mehr und auf eine unangenehmere Art Druck als Anna.
»Und dann hast du entschieden, dass die Anna leicht warten kann. Die ist ja lieb und geduldig. Aber der tolle Oliver, der braucht seine Sachen sofort. Glaubst du, meine Sachen sind nicht dringend?«
Nun war Anna wütend. Ihr Gesicht nahm eine hochrote Färbung an und sie ließ sich zu einer Drohung hinreißen. »Wenn ich die Analyse bis morgen Mittag nicht habe, beschwere ich mich bei Morgenroth.« Ohne auf eine Antwort zu warten, machte sie auf dem Absatz kehrt und rauschte hinaus.
»Das ist ja wohl die Höhe. Jetzt nimmt mich der Praktikant auch schon nicht mehr ernst«, schimpfte sie leise vor sich hin. Für ein Gespräch mit Oliver war sie im Moment nicht in der richtigen Stimmung und so zog sie sich, aufgebracht, wie sie war, in ihr Büro zurück.
Es schien ihr, als hätte sich alles gegen sie verschworen. Sie checkte ihre Emails im Computer und bestätigte zwei Termine. Langsam verrauchte ihre Wut und sie starrte vor sich hin. Nun meldete sich auch noch ihr schlechtes Gewissen. »Super gemacht, Anna. Völlig überreagiert und die Wut auf Oliver an Thomas ausgelassen. Es ist nicht in Ordnung, dass er die Arbeiten für Oliver vorzieht, aber die Drohung, ihn bei Morgenroth anzuschwärzen, war unfair und unnötig. Das spricht nicht gerade für hohe, soziale Kompetenz.«
Da war eine Entschuldigung fällig, gestand sich Anna ein. Beim Praktikanten. Sie stöhnte.
Als sie sich am späten Nachmittag endlich aufraffte und hinüberging, war Thomas nicht mehr im Büro. Die Entschuldigung musste bis zum nächsten Tag warten.
Köln, Juni 1866
Mit kritischem Blick beäugte Mathilda Kempener, die wohlhabende Witwe eines Kupferschmieds, den großen, länglichen Tisch in ihrer guten Stube. Das weiße Damasttischtuch war geplättet und makellos sauber. Die rosafarbene Rose im Tintenfass setzte einen hübschen, farbigen Akzent in der Mitte des Tisches, während die edlen Gläser in der sommerlichen Abendsonne funkelten. Krüge mit Cider und Bier standen etwas abseits auf einer reich verzierten Rosenholzkommode und harrten der Gäste.
Kurz darauf trafen neun Frauen in den besten Jahren in dem eleganten Haus am Heumarkt ein. Mehrere Hausfrauen, eine Hebamme, eine Bauersfrau, eine Gouvernante und eine Ärztin. Auch wenn ihre Herkunft ganz unterschiedlich war, so hatten sie doch eine gemeinsame Aufgabe: Sie bildeten den inneren Kreis und führten den Bund ›Töchter der Lilith‹ in die Zukunft.
Über 300 Jahre war es nun schon her, dass die ersten Frauen den geheimen Bund gegründet hatten. Die Anfangszeit war schwierig gewesen. Die Frauen konnten sich nur an verborgenen Plätzen treffen. Der Unterricht erfolgte in aller Heimlichkeit, immer unter der Gefahr entdeckt zu werden. Dazu lebten die Frauen in ständiger Angst, dass jemand unter der Folter den geheimen Bund erwähnen und ihre Namen preisgeben könnte. Doch wie durch ein Wunder wurde der Bund in all diesen Jahren nicht ein einziges Mal verraten. Keine einzige Frau hatte jemals ein Wort darüber in der Öffentlichkeit verlauten lassen. Und so existierte er immer noch. Die Leitsätze hatten ihren Weg durch die Jahrhunderte gefunden. Und in der Umgebung von Köln gab es zu allen Zeiten auffallend viele Frauen, die sich nicht widerspruchslos in ihr Schicksal fügten, sondern stark und selbstbewusst auftraten.
Da Mathilda den Dienstboten ausnahmsweise freigegeben hatte, um keine unwillkommenen Lauscher im Haus zu haben, schenkte sie ihren Gästen höchstpersönlich die Getränke ein, bevor sie sich an die Stirnseite des Tisches setzte und das Wort ergriff.
