Liebe auf den ersten Blick - Marisa Frank - E-Book

Liebe auf den ersten Blick E-Book

Marisa Frank

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. »Das Wetter bessert sich«, stellte Felicitas Laser fest. Sie wandte sich ihrem Freund zu. »Burkhard«, bat sie, »könnten wir nicht von der Autobahn abfahren? Du siehst doch, der Nebel weicht, die Sonne kommt. Da wäre es schöner, den Neckar entlangzufahren.« Burkhard Hold, der froh war, endlich auf das Gaspedal treten zu können, seufzte hörbar. »Wenn wir den Neckar entlangfahren, dann kommen wir nicht vorwärts. Wir sind dann auf keinen Fall mittags in Heidelberg.« »Es ist doch egal, wann wir dort sind«, versuchte Felicitas es noch einmal. »Heute ist Sonntag. Wichtig ist, daß wir einen schönen Tag erleben. Wir können ja auch irgendwo am Neckar essen und dann dort wandern.« »Nein.« Burkhard sagte das sehr entschieden. »Erinnere dich bitte, du wolltest nach Heidelberg.« »Ich wollte nicht nach Heidelberg. Ich wollte einfach wieder einmal einen Sonntag im Freien verleben«

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Sophienlust – 321 –Liebe auf den ersten Blick

Sind wir nicht wie Mutter und Tochter?

Marisa Frank

»Das Wetter bessert sich«, stellte Felicitas Laser fest. Sie wandte sich ihrem Freund zu. »Burkhard«, bat sie, »könnten wir nicht von der Autobahn abfahren? Du siehst doch, der Nebel weicht, die Sonne kommt. Da wäre es schöner, den Neckar entlangzufahren.«

Burkhard Hold, der froh war, endlich auf das Gaspedal treten zu können, seufzte hörbar. »Wenn wir den Neckar entlangfahren, dann kommen wir nicht vorwärts. Wir sind dann auf keinen Fall mittags in Heidelberg.«

»Es ist doch egal, wann wir dort sind«, versuchte Felicitas es noch einmal. »Heute ist Sonntag. Wichtig ist, daß wir einen schönen Tag erleben. Wir können ja auch irgendwo am Neckar essen und dann dort wandern.«

»Nein.« Burkhard sagte das sehr entschieden. »Erinnere dich bitte, du wolltest nach Heidelberg.«

»Ich wollte nicht nach Heidelberg. Ich wollte einfach wieder einmal einen Sonntag im Freien verleben«, korrigierte Felicitas. Sie lehnte sich zurück. Auf ihren Lippen lag noch ein Lächeln, als sie fortfuhr: »Ich habe auch die Absicht, diesen Tag zu genießen.«

»Gut, an mir soll es nicht liegen.« Burkhard bedachte seine Freundin mit einem Seitenblick. »Aber wir haben bereits ein Programm gemacht, und ich sehe nicht ein, warum wir es ändern sollen. Wenn wir noch vor dem Mittagessen das Schloß besuchen wollen, dann müssen wir uns sputen.« Er trat das Gaspedal durch und lenkte das Auto über die Überholspur.

Jetzt seufzte Felicitas. Sie tat es unbewußt. Sie haßte dieser Raserei.

»Wenn es dir zu schnell geht, dann mache die Augen zu«, schlug Burkhard vor und lachte.

Felicitas lehnte sich fester in ihren Sitz und tat das, was er ihr gesagt hatte. Doch nach einiger Zeit blinzelte sie wieder. Sie sah die Raserei nicht ein.

»Burkhard«, sagte sie und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Heute ist Sonntag. Der ganze Tag gehört uns. Wir haben doch Zeit.«

»Denkste!«

Burkhard nahm die Hand vom Steuer und hielt sie Felicitas so hin, daß sie seine Armbanduhr sehen konnte. »Der halbe Tag ist schon fast im Eimer.«

Felicitas spürte, daß sie ärgerlich wurde. Dabei hatte sie sich fest vorgenommen, an diesem Tag es nicht zu einem Streit kommen zu lassen.

»Die Fahrt nach Heidelberg war deine Idee«, stichelte Burkhard weiter. »Ich habe mir gleich gedacht, daß wir in Zeitnot geraten würden.«

Unwillig kräuselte sich Felicitas’ Stirn. »Es treibt uns doch niemand an.«

»So?« Burkhard sah kurz zur Seite, aber er dachte nicht daran, seinen Fuß vom Gaspedal zu nehmen. »Hast du nicht während der ganzen Woche ständig aufgezählt, was du dir in Heidelberg alles ansehen willst?«

»Das war doch nicht so wörtlich gemeint. Ich wollte dir nur Lust zu diesem Ausflug machen. Im übrigen wollten wir ja schon um acht Uhr losfahren. Es war jedoch bereits neun vorbei, als du endlich bei mir auftauchtest.«

»Man wird doch wohl am Sonntag noch ausschlafen können«, maulte Burkhard. Dann stieß er ein triumphierendes »Haha« heraus. »Das Wetter! Sieh nur, gleich ist deine Sonne wieder verschwunden.«

Der junge Mann hatte recht. Der Nebel hatte sich wieder verdichtet.

»Fahre doch langsamer«, bat Felicitas. »Man sieht doch nicht mehr viel.«

»Wozu sollen wir dann überhaupt weiterfahren?« murrte Burkhard. Nur widerwillig kam er Felicitas’ Wunsch nach und gab die Überholspur frei.

»Der Nebel wird sich schon wieder lichten«, meinte seine Freundin optimistisch. »Vorhin war es doch schon ganz hell.«

»Ich sage, wir hätten es zu Hause schöner gehabt«, brummte Burkhard.

»Vielleicht wieder in meinem Appartement? Dir ist es ja egal, was meine Hauswirtin sagt.«

»Nun mach aber einmal einen Punkt«, beschwerte sich Burkhard. »Wir sind beide erwachsen. Ich verstehe sowieso nicht, warum wir nicht schon längst eine gemeinsame Wohnung genommen haben.«

»Erstens«, begann Felicitas im belehrenden Ton, lächelte dabei aber, »können wir das immer noch tun, und zweitens habe ich keine Lust, ständig hinter dir herzuputzen. Ich will auch Feierabend haben und nicht am Abend noch in der Küche stehen.«

»Wer sagt denn, daß du nur abends in der Küche stehen sollst? Eine Frau gehört hinter den Herd. Sie ist dazu da, den Mann zu verwöhnen. Ich bin jederzeit bereit, mich verwöhnen zu lassen.«

Felicitas antwortete darauf nicht. Was sollte sie auch sagen?

Sie wußte genau, worauf ihr Freund anspielte. Doch sie hatte es bisher strikt abgelehnt, ihre Freiheit sowie ihren Beruf als Dekorateurin, der ihr viel Freude bereitete, gegen den einer Ehe- und Hausfrau einzutauschen. Sie kannte Burkhard nun schon fast drei Jahre. Leider hatte es in der letzten Zeit immer häufiger kleinere Streitereien zwischen ihm und ihr gegeben.

Vorsichtig schielte Felicitas zu ihrem Freund hin. Doch dessen Aufmerksamkeit gehörte ganz der Autobahn.

»Sieh dir diese Sauerei an«, schimpfte Burkhard nun. »Der Nebel wird immer dichter. Man kann seinen Vordermann kaum noch sehen.«

So weit, wie es der Gurt zuließ, beugte sich Felicitas vor. »Die reinste Waschküche«, murmelte sie bestürzt.

»Ein schöner Tag in Heidelberg«, höhnte Burkhard. »Ich könnte mich grün und blau ärgern, daß ich so früh aus den Federn gekrochen bin.«

»So früh war es nun auch wieder nicht«, widersprach Felicitas ihm. »Da, es kommt gleich eine Ausfahrt. Am besten, wir verlassen die Autobahn.«

»Ich denke nicht daran.« Anstatt dem Wunsch seiner Freundin nachzukommen, versuchte Burkhard das Tempo zu beschleunigen.

»Fahre doch langsamer.« Ängstlich spähte Felicitas durch die Windschutzscheibe. »Der Nebel wird immer dichter«, stellte sie nach kurzer Zeit fest.

»Ich habe es ja gewußt. Heidelberg!« schimpfte er vor sich hin. »Als ob wir nicht schon oft genug dort gewesen wären.«

Er dachte jetzt nicht mehr daran, seinen Ärger zu verbergen. Im Gegenteil, er versuchte Felicitas die Schuld an dem Nebel in die Schuhe zu schieben.

»Ich wollte einfach etwas unternehmen«, verteidigte sich Felicitas. »Vor einem Jahr sind wir noch regelmäßig am Sonntag weggefahren.«

»Sei froh, daß du so einen soliden Mann hast«, konterte Burkhard. »Ich bin nun einmal am liebsten zu Hause.«

»Um dann am Nachmittag in deine Stammkneipe zu gehen.«

»Willst du mir etwa die zwei Bierchen vorwerfen?« Burkhard nahm seinen Blick vom Steuer.

»Sieh nach vorn«, rief Felicitas. »Da ist etwas!«

»Ich sehe es doch.« Burkhard

schien jedoch die Entfernung unterschätzt zu haben. Er mußte kräftig auf die Bremse treten. Hinter ihm hupte ein Auto.

Felicitas war bleich geworden. »Kannst du nicht einmal bei diesem Nebel langsamer fahren«, tadelte sie.

»Ich schleiche bereits«, stellte Burkhard fest. »Da, habe ich nicht recht?« Nun drückte er auf die Hupe, denn ein anderes Auto überholte ihn.

»Du mußt nicht immer der Schnellste sein«, hielt Felicitas ihm vor.

Burkhard reagierte darauf nicht, sondern knurrte: »Nennst du das vielleicht Sonntagsvergnügen? In Heidelberg wird es nicht besser sein.«

»Wahrscheinlich hast du recht. Aber ich konnte doch nicht mit dem Nebel rechnen.«

»Ich schon«, behauptete Burkhard. »Im Neckartal gibt es meistens Nebel. Du hättest dir ja auch die Mühe machen und dir gestern abend den Wetterbericht im Fernsehen ansehen können. Die Vorhersage war nicht besonders.«

»Aber auch nicht so schlecht«, verteidigte sich Felicitas erneut. »Erst am späten Nachmittag sollte es bedeckt werden.«

»Da hast du die Vorhersage ganz zu deinem Gunsten ausgelegt. Für mich steht jedenfalls fest, daß ich nicht mehr auf dich hören werde. Diese Fahrerei ist eine Qual«.

Dem konnte Felicitas nicht widersprechen. Bei diesem Nebel erforderte das Fahren volle Konzentration.

»Es tut mir leid«, meinte sie versöhnlich. Wozu sollte sie jetzt auch noch streiten? »Laß uns doch abzweigen. Vielleicht lichtet sich der Nebel doch noch. Wir finden sicher irgendeinen Gasthof, in dem wir so lange warten können.«

»Und dann? Wir wollten nach Heidelberg. Also werden wir auch nach Heidelberg fahren.«

Felicitas fügte sich. Sie wußte aus ihrer langjährigen Bekanntschaft mit Burkhard, daß er unter solchen Umständen seinen Willen stets durchsetzen wollte. Er fühlte sich im Recht, denn die Fahrt nach Heidelberg war ihr Vorschlag gewesen. Sie hatte jeden Tag davon angefangen, bis er schließlich auf ihren Wunsch eingegangen war.

Felicitas versuchte sich zu entspannen. Burkhard sollte nicht sehen, daß sie Angst hatte. Der Nebel wollte einfach nicht verschwinden. Ihrer Meinung nach fuhr Burkhard immer noch zu schnell. Viel konnte man nicht sehen. Aber in diesem schemenhaften Grau tauchten plötzlich immer wieder rote Lichter auf. Sie zwangen Burkhard ständig, auf die Bremse zu steigen.

Felicitas preßte die Lippen zusammen. Sie wollte ihren Freund nicht durch unüberlegte Ausrufe ablenken. Unwillkürlich ballten sich ihre Hände. Dann atmete sie erleichtert durch. Schlagartig hatte sich der Nebel gelichtet.

»Ich glaube, wir haben es geschafft«, meinte Burkhard erleichtert. »Dann wollen wir mal.«

»Bitte nicht«, sagte Felicitas rasch und legte dann ihre Hand auf seinen Arm.

Burkhard, der seine Freundin kannte, meinte spöttisch: »Hast du etwa Angst gehabt? Wenn ich am Steuer sitze, dann brauchst du wirklich keine Angst zu haben.«

»Du weißt doch, seit meinem Unfall…« Schaudernd zog Felicitas ihre Schultern zusammen. Ihr Unfall lag nun schon Jahre zurück, aber die Fahrt durch den Nebel hatte in ihr wieder die Erinnerung daran geweckt.

»Du kannst dich über mich wirklich nicht beklagen«, meinte Burkhard. »Du weißt, daß ich gern schnell fahre und rasante Autos liebe. Nur deinetwegen verzichte ich darauf.« Er nahm den Blick vom Steuer und erwartete, daß Felicitas seine Behauptung bestätigte.

Felicitas kam jedoch nicht dazu, etwas zu sagen. Nur ein Schrei löste sich von ihren Lippen. Da war sie wieder, diese Nebelwand. Ganz plötzlich war das Auto von ihr umhüllt. So etwas hatte Felicitas noch nie erlebt. Sie hatte wirklich das Gefühl, keinen Meter weit zu sehen.

Burkhard ging es nicht viel besser. Er bremste, wobei der Wagen ins Schlittern kam, aber er fing ihn geschickt ab.

Felicitas schrie erneut auf, als dicht vor ihnen die Konturen eines anderen Autos auftauchten. Sie schlug entsetzt die Hände vor das Gesicht.

Das Auto stand. Burkhard war es gelungen, kurz vor dem Vordermann anzuhalten. Er wollte sich gerade erleichtert zurücklehnen, als er heftig nach vorn geschleudert wurde. Blech knirschte. Obwohl Burkhard die Handbremse bereits angezogen hatte, wurde sein Wagen nach vorn geschoben und prallte auf das Auto, das vor ihm gehalten hatte.

*

Denise von Schoenecker umspannte das Lenkrad fester. Sie hatte gerade überlegt, ob sie nicht wenden sollte, doch die Überlegung war zu spät gekommen. Plötzlich war der Nebel, der sich eben etwas gelichtet hatte, wieder da, und zwar stärker als zuvor.

Denise von Schoenecker, eine aparte Frau, versuchte etwas zu erkennen. Ihre Geschwindigkeit hatte sie schon lange den Straßenverhältnissen angepaßt. Jetzt sah sie Bremslichter, ein querstehendes Auto. Sie schaltete ihren Warnblinker ein und fuhr noch langsamer. So etwas hatte sie bereits befürchtet. Jetzt erkannte sie auch, daß mehr geschehen sein mußte, als sie angenommen hatte. Die Autobahn war blockiert.

Denise fuhr ganz an den Rand heran und hielt an. Sie war sofort bereit zu helfen. Da krachte es plötzlich und ruckte.

Denise von Schoenecker wußte sofort, daß sie gerammt worden war. Erschrocken drehte sie sich um. Ihr selbst war nichts geschehen, aber wie war es mit den Insassen des anderen Autos?

Denise stieg aus. Aus dem Auto, das auf das ihre aufgefahren war, sprang ein junger Mann. »Können Sie nicht aufpassen?« schrie er wütend. »Auf der Autobahn anhalten! So etwas hat noch kein Mensch gesehen. Im übrigen ist es nicht meine Schuld. Ich wurde aufgeschoben. Meine Freundin kann das bestätigen.«

»Solange es sich nur um Auffahrunfälle handelt, können wir froh sein. Sehen Sie nur, da vorn ist sicher mehr passiert.«

Burkhard Hold wurde bleich. Felicitas Laser, die nun auch langsam ausstieg, begann zu zittern. »Das ist ja furchtbar«, stammelte sie. »Da gibt es sicher Verletzte, vielleicht sogar Tote.« Ihre Hände fuhren zum Mund. Sie konnte sich kaum auf den Beinen halten.

Der Anblick, der sich jetzt bot, war auch entsetzlich. Wie durch Geisterhand war der Nebel plötzlich hochgezogen, so daß die Ausmaße des Unfalls sichtbar wurden.

Unwillkürlich war Denise von Schoenecker zu der jungen Frau getreten. »Geht es? Sind Sie unverletzt?«

»Ja.« Felicitas versuchte tapfer, Herr ihrer Gefühle zu werden. Zum Glück hatte Burkhard sofort gehandelt. Er hatte eine Fackel entzündet und war damit zurückgelaufen. So war zwar hinter ihnen kein weiterer Unfall geschehen, aber das, was vor ihnen auf der Autobahn zu erkennen war, war schrecklich. Jetzt waren auch Schreie zu hören. Hysterische Schreie, die sich mit Hilferufen oder Schmerzensschreien vermischten.

»Das mit unseren Autos ist nicht so wichtig. Ich möchte sehen, ob ich helfen kann.« Denise drehte sich um.

»Ich auch«, sagte Felicitas entschlossen. »Bitte, kann ich mitkommen?«

Denise sah der jungen Frau ins Gesicht, das bleich war. Um die Lippen der jungen Frau zuckte es, aber in ihren großen dunklen Augen stand Entschlossenheit.

Denise nickte und bereute das nicht. Felicitas half, wo es nur ging. Vor allem tröstete sie weinende Kinder.

Bald kamen auch die ersten Polizei- und Rettungswagen. Burkhard, der sich bisher etwas abseits gehalten hatte, schob sich jetzt an Felicitas heran. »Ich finde, wir haben jetzt genug getan. Es ist alles geklärt. Die Versicherung unseres Hintermanns muß zahlen. Schließlich schob er uns aufeinander. Ich stand ja bereits.«

Felicitas hörte gar nicht auf ihn. Sie war an den Straßenrand getreten und sah auf ein Auto, das von der Straße abgekommen war. Rettungsleute versuchten die klemmende Autotür zu öffnen. Das leise Schluchzen eines Kindes war zu hören. Felicitas wollte zu dem völlig demolierten Auto laufen, aber Burkhard hielt sie fest.

»Was soll das? Hast du nicht gehört? Ich bin fertig. Mein Auto ist noch fahrtüchtig. Wir können also weiterfahren.«

»Du willst weiterfahren?« Kopfschüttelnd sah Felicitas ihn an.

»Natürlich. Was soll ich noch hier? Dieser Unfall hat uns genug Zeit gekostet. Das Schloß können wir auf keinen Fall noch besichtigen.«

Felicitas hatte das Gefühl, einem Fremden gegenüberzustehen. »Aber die vielen Verletzten… Einige sind schwer verletzt«, brachte sie schließlich hervor.

»Aber wir hatten Glück.« Burkhard wollte ihr seinen Arm um die Schulter legen.

»Alle diese Menschen waren nach irgendwohin unterwegs. Sie wollten ausspannen, genau wie wir, und jetzt…« Felicitas’ große Augen füllten sich mit Tränen.

»Nun beruhige dich doch. So etwas kommt doch immer wieder einmal vor. Wenn du willst, fahren wir bei der nächsten Ausfahrt ab und suchen uns ein gemütliches Plätzchen, wo wir etwas essen und trinken können.«

»Das kann ich jetzt nicht.« Entschlossen löste sich Felicitas von ihrem Freund.

»Was heißt das?« Burkhards Augenbrauen zogen sich ärgerlich zusammen. »Willst du uns auch noch den restlichen Sonntag verderben? Wir können froh sein, daß wir fahren können. Was mit meinem Auto geschehen ist, das scheint dich überhaupt nicht zu interessieren.«

»Die Frau, Burkhard!« Felicitas griff unwillkürlich nach dem Arm ihres Freundes. »Sie decken ein Tuch über ihr Gesicht.«

Endlich war es gelungen, die verklemmte Autotür aufzubekommen. Man hatte die Frau, die hinter dem Steuer eingeklemmt gewesen war, herausgehoben und untersucht. Für sie war jede Rettung zu spät gekommen.

»Sieh nicht hin«, sagte Burkhard etwas sanfter. »Sie ist tot.«

»Tot?« Felicitas wurde wie im Fieber geschüttelt.

»Aber Felicitas! Sie ist bisher die einzige Tote. Solche Unfälle im Nebel gehen sonst meistens schlimmer aus. Wie können wirklich von Glück sprechen, aber ich bin auch vorsichtig gefahren.«

»Mein Gott, ein Kind!« rief Felicitas plötzlich und war, ehe Burkhard sie festhalten konnte, über die Böschung hinuntergeeilt.

Einer der Männer im weißen Kittel hatte ein Kind vom Rücksitz des Autos geholt. Festgeschnallt in dem Kindersitz hatte es den Unfall gut überstanden.

Felicitas konnte den Blick nicht von der Kleinen lassen. Es war ein entzückendes kleines Mädchen. Tränen liefen ihm über die Wangen. Mit großen Augen sah es sich um. Dann stemmte es sich mit den Händchen gegen die Brust des Mannes und brüllte los.

Felicitas hatte keinerlei Erfahrungen mit Kindern. Sie handelte rein automatisch. Mit wenigen Schritten war sie bei dem Mann und streckte ihre Hände nach dem kleinen Mädchen aus.

»Bitte, geben Sie mir das Kind.«

Der Mann zögerte.

»Mami, ich will zu meiner Mami! Wo bringen diese Männer meine Mami hin?« Die Kleine wand sich in den Armen des Mannes. Sie wollte weg von ihm. Ihre Mutter wurde gerade den Abhang hinaufgetragen.

»Wenn das die Mutter der Kleinen ist…« Der Sanitäter sprach nicht weiter.

»Es ist gut.« Felicitas nahm dem Mann das sich sträubende Kind einfach ab.

»Wollen wir ein wenig spazierengehen? Schau, dort blühen Glockenblumen. Wir können einen Strauß pflücken.«

Das Gesichtchen der Kleinen, das sich schon wieder zum Weinen verzogen hatte, hellte sich auf. »Blumen pflücken. Für Mami«, sagte sie und nickte dabei heftig mit dem Köpfchen.

Felicitas stellte das Kind auf den Boden, und dieses lief sofort in die Wiese hinein.

»Das können Sie doch nicht machen«, sagte der Sanitäter. »Die Kleine hat einen Schock. Vielleicht ist sie verletzt.«

»Sie sehen doch, daß sie es nicht ist«, sagte Felicitas. »Sie muß abgelenkt werden. Jetzt weint sie wenigstens nicht mehr.«

»Trotzdem! Ich werde Ihnen den Notarzt schicken.« Der Sanitäter ging zur Straße zurück.

Felicitas sah ihm nach. Sie wandte sich, erfüllt von Mitleid, wieder der Kleinen zu.