Liebe auf den nächsten Blick - Tanya Atapattu - E-Book
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Liebe auf den nächsten Blick E-Book

Tanya Atapattu

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Beschreibung

Gegen Trennungsschmerz hilft nur die Liebe! Als Anjali erfährt, dass ihr Freund sie betrogen hat, zerfällt ihre Welt in Scherben. Zutiefst verletzt, lässt sie sich auf eine Reihe amouröser Abenteuer ein, über die ihre traditionsbewusste sri-lankische Mutter die Nase rümpfen würde: mit einem gebildeten Architekten, einem Musiker aus Rom, einem störrischen Seemann, einem attraktiven Buddhisten … Doch selbst ein harmloser Flirt kann seine Tücken haben, und so wird Anjalis Reise durch die Männerwelt auch zu einer Suche nach sich selbst und schließlich zum Start in ein neues Leben. In dieser warmherzigen romantischen Komödie über Liebe und Familie erzählt die Autorin Tanya Atapattu auf spritzige und gefühlvolle Art von den Umwegen im Leben, die uns zum Ziel führen. Tanya Atapattu lebt gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren zwei Kindern in Bristol, England. Hauptberuflich ist sie als Ärztin und Psychiaterin tätig, doch wenn sie nicht gerade Patienten behandelt, ist vor allem das Schreiben ihre große Leidenschaft. "Liebe auf den nächsten Blick" ist ihr erster Roman.   »Humorvoll, warmherzig und ergreifend.« Julie Cohen

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Aus dem Englischen von Susanne Keller

 

© Tanya Atapattu 2018Titel der englischen Originalausgabe:»Things My Mother Told Me«, Sphere, London 2018© der deutschsprachigen Ausgabe:Piper Verlag GmbH, München 2020Redaktion: Caro KaniaCovergestaltung: FAVORITBUERO, MünchenCovermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

 

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Inhalt

Cover & Impressum

Widmung

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Epilog

Dank

Widmung

Für meine Mutter,

für die Schreibmaschine,

als ich zwölf war

Prolog

 

Es gibt Dinge, die ich Mum niemals erzählen würde. Dass ich sentimental werde, wenn eine Brise Lavendel heranweht, vorbei an den Sonnenblumen, deren schwere Köpfe tief im Sonnenlicht hängen. Dass nicht ich, sondern Jack die Blumen in der angeschlagenen Vase auf ihrem Esstisch arrangiert hat. Wie ich mich damals fühlte, als sie mich vor ihm warnte. Als sie sagte, er würde mir das Herz brechen.

Dass ich jetzt ein gebrochenes Herz habe.

»Es war nur Sex, Anj, es hatte keine Bedeutung.«

Eigenartig. Er steht vor mir im Wohnzimmer, und offenbar sagt er etwas, denn sein Mund bewegt sich, aber ich habe das Gefühl, von einem anderen Stern aus zuzusehen, während seine Worte über uns wabern.

»Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.«

Wir sind zehn Jahre zusammen gewesen, aber jetzt erscheint er mir wie ein Fremder, dunkle Bartstoppeln wie Nadelspitzen unterhalb der Wangen, eine erste silberne Strähne, zart und glänzend in der Mitte seines gesenkten Kopfes. An seinem Ohr die Lippen einer anderen.

»Um Gottes willen, sag doch was, Anjali.«

Aber wenn ich Buddhistin bin, gibt es keinen Gott.

Die Muffins sind inzwischen trocken, die Espressos kalt, auf dem Couchtisch haben sich schwarze Ringe unter den Tassen gebildet. Als wir eingezogen sind, habe ich den Tisch wie verrückt mit Essig geputzt, als wollte ich mein altes Leben wegschrubben. Sein Handy liegt zwischen Muffins und Kaffeetassen, und darin befindet sich diese Nachricht. Baby, ich liebe die Wochenenden mit dir.

»Du musst gehen«, flüstere ich.

»Was?«

»Du musst jetzt gehen.«

Auf dem Kaminsims stehen meine Familienfotos: meine Mutter, meine Schwester. Meine Schwester mit leuchtenden Augen. Seltsam, dass ich jetzt am liebsten Shanthi anrufen würde, um ihr zu sagen, was passiert ist. Vor zehn, fünfzehn Jahren hätte ich das vielleicht getan. Bevor ich bei Jack eingezogen bin, als der Couchtisch noch Flecken hatte. Aus unbekannten Tiefen taucht ein Bild von meiner Schwester und mir auf, magere Teenager, die in einem Meer aus Gras und Klee liegen. Wir hatten nie einen Garten und waren in der Schule zwei Jahrgangsstufen auseinander – ich kann mich nicht erinnern, wo das gewesen sein könnte. Die Worte von damals sind verflogen wie Löwenzahnschirmchen im Wind. Kaum zu glauben, dass wir uns einmal so nah waren.

»Darf ich zurückkommen?«

Jacks Haut ist weiß wie Milch, das Loch auf Höhe des Knies in seiner Jeans ein bisschen zu groß – die einzigen Dinge, die Mum ihm wirklich ankreiden könnte. Seine Augen wirken immer noch hypnotisierend, wie ein blitzblanker Himmel.

Die Rosen, die er mir vor zwei Wochen geschenkt hat, stehen auf unserer Kommode. Neunundzwanzig Apfelrosen, eine für jedes Lebensjahr. Ich starre die welken weißen Blüten an, die Ränder der abgefallenen Blütenblätter verschwimmen vor meinen Augen. Was tue ich, wenn er nicht zurückkommt?

»Du musst gehen«, flüstere ich wieder.

Eins

 

Eine Woche später. Unser Laden ist bis unter die Decke voll mit Dahlien. Die Eimer quellen über von ziselierten Federn in Scharlachrot, Magenta, Babyrosa, feurigem Orange. Ihr scharfer Duft hängt in der Luft. Dalia, die Schicksalsgöttin in der baltischen Mythologie. Sinnbild für Eleganz und Würde.

Und Verrat.

Versehentlich stoße ich mit dem Fuß gegen einen Eimer, und eine Dahlie fliegt durch den Raum.

»Huch«, sage ich, sowohl zu Clara als auch zu der Blume.

Clara rettet die Dahlie. Sie steckt sie sich in die Dreadlocks und verschwindet in der Kochnische. Statt Tee holt sie einen silbernen Flachmann hervor. Als sie meinen Gesichtsausdruck sieht, winkt sie ab. »Für Notfälle. Wie jetzt zum Beispiel.« Sie gießt zwei Fingerbreit einer goldfarbenen Flüssigkeit in ein dickes Whiskyglas, zeigt auf die Hocker hinter der Theke, und wir setzen uns.

»Trink«, befiehlt sie.

Wie eine orange Flamme sticht die Dahlie aus ihren dicken Haarbündeln heraus. Clara ist meine Chefin, ich muss tun, was sie sagt.

»Ein Jahr. Ich kann nicht glauben, dass das schon so lange ging«, sagt sie. »Stell dir vor, du hättest die Nachricht nicht gesehen!«

Ich kippe den Whisky runter, und mein Kopf explodiert.

Clara füllt das Glas wieder auf. »Kennst du sie?«

Ich nicke. Ein scharfer Schmerz bohrt sich in meinen Schädel. Baby, ich liebe die Wochenenden mit dir. Meine Kehle ist wie zugeschnürt, und ihr Name zerfällt in einzelne Silben, als mein Mund ihn mühsam hervorstößt. »Ju-li-a.«

Julia. Wir sind uns einmal begegnet. Ich stand da und starrte in das aufgerissene Maul des Drachen auf ihrer rechten Schulter. Seine Flügel zogen sich vermutlich über ihren ganzen Rücken, obwohl man, als sie sich umdrehte, nur dunkelblaue Linien oberhalb des tiefen Rückenausschnitts ihres schwarzen Kleids ausmachen konnte. Julia, eine Freundin von Jacks bestem Freund. Julia, die zufälligerweise – neben anderen Talenten – Burlesquetänzerin war. Vielleicht erinnert sich Clara gar nicht mehr.

»Oh, Anjali«, sagt sie.

Na gut, sie erinnert sich noch. Meinen vollen Namen benutzt sie so gut wie nie. Ich trinke noch etwas Whisky. Ich hasse Whisky. Aber Mum sagt, dass es Dads Lieblingsgetränk war, also kann ich ruhig noch einen Versuch wagen. Und wenn ich meinen Kopf zur Seite lege und ganz, ganz fest mit dem Zeigefinger auf meine rechte Schläfe drücke, schaffe ich es, nicht zu weinen.

»All die Male, als er behauptet hat, er müsse arbeiten … Was für ein mieses … Was hat er denn gedacht, wie du reagieren würdest?«

»Ich soll ihm verzeihen, sagt er.« Meine Stimme klingt, als käme sie von weit her, als würde sie jemand anderem gehören. Hier ist aber sonst niemand – Clara hat den Laden geschlossen. Die letzte Abendsonne brennt durch die Scheibe und lässt die Blumen leuchten. Ich hatte Urlaub genommen, eigentlich wollten Jack und ich diese Woche zum Zelten in die Berge von Cumbria fahren, um in Anoraks und mit Champagner aus Bechern mein letztes Lebensjahr mit einer Zwei vorne dran zu feiern. Am Tag vor dem geplanten Urlaub herrschten noch schüchternes Babyrosa und demütiges Zartblau im Laden. Jetzt veranstalten die Dahlien um mich herum ein Geschrei wie ein Heer greller Miniatur-Daleks aus Doctor Who.

Sind manche Seitensprünge leichter zu ertragen als andere? Wäre es anders, wenn sie nicht auf so einschüchternde Weise cool wirken würde? Wenn sie nicht Größe vierunddreißig hätte und elastisch wäre wie ein Gummiband? Wenn ihre Oberschenkel Dellen und ihr Bauch eine kleine Rundung zu viel hätten – wenn sie nur ein bisschen mehr wäre wie ich? Als ich die Nachricht entdeckte, wollte ich am liebsten so tun, als hätte ich nichts gesehen. Um morgens nicht allein mit Muffins aus dem Sonderangebot dazusitzen.

»Aber du kannst ihm nicht verzeihen, stimmt’s?«, sagt Clara.

Manchmal kann dein Körper einfach nicht, was dein Kopf von ihm verlangt. Das weiß ich spätestens seit dem Bristol-Halbmarathon im Herbst 2012.

»Okay, genug davon.« Clara nimmt mein Glas und zieht mich hoch. Mit ihren beeindruckenden eins achtzig überragt sie mich um einiges. Sie zieht die Dahlie aus ihren Dreads, knipst ihr den feuerfarbenen Kopf ab und steckt ihn mir hinter das Ohr. »Wir gehen heute Abend aus.«

»Ich kann heute nicht, Clar. Ich muss nach Hause und mich umbringen.«

»Wir gehen aus«, beharrt sie.

»Sieh mich doch nur an!«

Sie sieht mich an. Heute ist wohl nicht der ideale Tag für neue Bekanntschaften. Mein schwarzes Haar ist ein wildes Durcheinander, und meine Augen sind immer noch geschwollen. Dunkelbraune Haut kann eigentlich nicht fleckig werden, aber meine bemüht sich nach Kräften. Und gut möglich, dass das da auf meinem grauen Top Rotz ist.

Claras Blick bleibt erneut an dem winzigen Nichts von Rock mit Retroprint hängen. Sie wollte gerade den Laden schließen, als ich kam, und mir ist nicht entgangen, wie sie ihn registrierte. Ihr überraschter Gesichtsausdruck rührte nicht nur daher, dass sie nicht mit mir gerechnet hatte. Bei diesem Rock können die Betablocker meiner Mutter einpacken.

»Sieht schon ein bisschen so aus, als wolltest du Jungs aufreißen«, sagt sie.

Ich will aber keine Jungs aufreißen. Ich habe keine Ahnung, wie Goldstaub auf meine geschwollenen Augenlider kommt und wieso ich einen pflaumenfarbenen Lippenstift dabeihabe. Mein Freund hatte eine Affäre, und der Gedanke, dass es mir besser geht, wenn ich einen anderen kennenlerne, ist absurd. Es wäre genauso wie damals, als ich mir beim Friseur die Locken abschneiden ließ: ein triumphales Gefühl, bis meine Mutter konstatierte, mein Gesicht sei nicht symmetrisch.

Es ist Juli. Früher fand ich, der Sommer in Bristol hat etwas Magisches an sich. Der Hafen glitzert in der Abendsonne, die Leute drängen sich draußen in den Cafés am Wasser, essen Burger und trinken Wein, während sie dem Schaukeln der Boote zusehen und den Straßenmusikern und der Musik lauschen, die aus den Bars dröhnt.

Zwei Verliebte schlendern gerade über die Brücke, Hand in Hand, sie bücken sich und sehen sich die Vorhängeschlösser an, die andere an dem Stahlgeländer befestigt haben. Vor zwei Jahren sind Jack und ich über dieselbe Brücke gegangen und haben darüber geredet, ein Hausboot zu kaufen und anders zu leben als die anderen. Worüber man eben so redet, wenn zu Hause im Slowcooker das Gemüsechili wartet und man denkt, dass man für immer zusammenbleiben wird.

Ich sehe dem Pärchen nach, wie es die Brücke überquert und sich im Abendlicht auflöst. Ich will nicht, dass der Sommer ohne mich stattfindet. Ich will nicht auf das Wasser starren und zusehen, wie die Schatten darin zerfließen. Ich will nicht zusehen, wie meine Welt in tausend Stücke zerfällt.

»Komm schon, Anj.« Clara zieht sanft an meinem Ärmel.

»Ich kapier’s einfach nicht – warum setzt er alles aufs Spiel, wenn es angeblich ohne Bedeutung ist?«

Clara schenkt gerade Wein nach, es ist unsere zweite Flasche. Es ist zwei Stunden später, und wir sitzen in einer Bar in der Park Street oberhalb des Hafens, eingeklemmt zwischen Menschen in Feierlaune.

»Wahrscheinlich hat sie ihm doch etwas bedeutet.«

Ich greife nach meinem Glas und konzentriere mich auf den Meniskus des Weins. Ein gutes Wort – »Meniskus«. Ich erinnere mich, wie Jack mir erklärt hat, dass es vom griechischen Begriff für Mond kommt. Und ich glaube, mir wird schlecht.

Es war nicht so schlimm, wie du vielleicht denkst, Anj. Es war nur das eine oder andere Wochenende.

Wie viele?

Was?

Wie oft, Jack?

Spielt das eine Rolle?

»Ja, verdammt, und ob das eine Rolle spielt.« Claras Stimme klingt ein wenig schrill. Ihre Rastalocken machen ein sirrendes Geräusch, wenn sie den Kopf schüttelt. Ich sehe sie an, die gerade Nase, die dunklen Ringe um die hellgrüne Iris ihrer Augen, die silbern glänzenden Piercings, die sich in Augenbraue und Unterlippe bohren, den Stecker in ihrer Wange. Zehn Jahre war ich mit Jack zusammen, und zehn Jahre ist es her, dass ich auf der Suche nach einem Job in Claras Blumenladen kam.

»Aber vielleicht hat er ja recht.« Ich schlucke. »Ob es nun fünfmal oder eine Million Mal passiert ist, Tatsache ist, es war kein Ausrutscher, weil er mal betrunken war. Also liegt es daran, dass mit uns etwas nicht stimmt. Dass mit mir etwas nicht stimmt.«

»So wie du bist, bist du genau richtig, Schätzchen.« Claras Augen schimmern. Mein Herz schlägt schneller – wenn sie jetzt anfängt zu heulen, höre ich überhaupt nicht mehr damit auf. »Schieß ihn einfach in den Wind.« Sie reibt sich die Augen. »Ist doch genug Frischfleisch auf dem Markt.«

Wir sehen uns in der Bar um. In einer Ecke hängt ein Pulk dünner Jungs herum, die Fußballhymnen singen und sich reihum Tequila hinter die Binde kippen, während ihnen der Zitronensaft aus dem Mund läuft.

»Genau das ist das Problem mit Beziehungen.« Clara schiebt die Weinflasche von sich weg, die einen Moment lang an der Tischkante kippelt, bevor sie zum Stehen kommt. »Sie nehmen, was sie kriegen können, und was bleibt am Schluss für dich? Ein Scheiß.«

Das ist ihr üblicher Sermon, wenn sie die nötige Menge Shiraz intus hat. Clara hatte bisher erst eine Beziehung, aber die dauerte immerhin von ihrem vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Lebensjahr (sie ist jetzt zweiunddreißig, drei Jahre älter als ich). Als die Sache ihr natürliches Ende gefunden hatte, drehte sie völlig am Rad. Nicht weil die Trennung so furchtbar gewesen wäre. Sondern weil sie erst da so richtig merkte, wie unsäglich gelangweilt sie die ganze Zeit gewesen war. Jetzt geht sie zwar mit Typen aus, aber beim ersten Anzeichen, dass es etwas Ernsteres werden könnte, macht sie die Flatter – aus Angst, noch mehr Jahre zu vergeuden.

»Müssen denn alle Beziehungen so sein?« Dummerweise hilft der Alkohol nicht gegen die Bilder in meinem Kopf: die totenstille Wohnung, die Leere auf der anderen Seite des Betts, die Lebensmittel, die im Kühlschrank vor sich hin gammeln, der schuppige Schimmel auf dem Käse. Könnte alles werden wie früher, wenn ich einfach versuche, die Sache zwischen Jack und mir wieder in Ordnung zu bringen? Ich leere mein Glas. Das tief ausgeschnittene Kleid der Burlesquetänzerin flackert vor mir auf, der Ausschnitt mit dem züngelnden Drachen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendetwas wieder wie früher wird. In meinem Kopf dreht sich alles, es fühlt sich an, als ob meine Umgebung von mir wegdriften würde. »Clara, kann es sein, dass sich die Bank bewegt?«

Sie legt ihre Hand auf meine. Der Tisch hört auf zu schwanken. »Herrgott, Anj, tut mir leid. Das Letzte, was du jetzt gebrauchen kannst, ist, dass ich dich mit meinem Kram belästige.« Sie hat längere und breitere Finger als ich. Unter ihren Nägeln sind noch Spuren von Erde. »Sag mal, wie geht es denn jetzt weiter? Mit der Wohnung und all dem.«

»Er hat ein paar Sachen mitgenommen. Sie läuft auf meinen Namen.« Gedankenverloren zupfe ich einen winzigen Preisaufkleber vom Rand ihres Ärmels. »Aber allein kann ich mir die Wohnung nicht leisten. Ich muss mir etwas einfallen lassen.« Allerdings legt der Wein einen Schleier über alles, sodass eine Lösung gerade nicht in Sicht ist.

»Vergiss ihn einfach. Andere Mütter haben auch hübsche Söhne – worauf wartest du?«

Ich sehe sie an. Meint sie das jetzt ernst?

»Das bringt mich kaum weiter.«

»Und warum nicht?« Das Lächeln im Gesicht meiner Freundin wird breiter.

Wir sehen uns wieder in der Bar um. Die dünnen Jungs haben noch eine Runde Tequila bestellt. Einer hat sich offenbar gerade auf die Schuhe seines Kumpels übergeben.

»Warum nicht?«, wiederholt Clara und nimmt wieder meine Hand. »Das war vielleicht das Beste, was dir passieren konnte. All die Jahre hast du immer nur mit Jack herumgehangen, ihr seid ja kaum mal aus der Wohnung gekommen. Vielleicht ist es für dich die Gelegenheit, dich endlich mal ein bisschen auszutoben.«

Ich weiß, was sie da tut. Ich fahre exakt die gleiche Strategie, wenn Freunde am Rande der Verzweiflung sind. Es ist kaum auszuhalten, sie so niedergeschlagen zu sehen, und man tut alles, egal was, um wieder etwas Freude in ihr Leben zu bringen. Und dann geht man nach Hause, und die Sorge um den anderen mischt sich mit einem klitzekleinen Gefühl von Erleichterung, dass man selbst von einem solchen Schicksal verschont geblieben ist. Zu Hause wartet der Freund, mit dem man glücklich sein wird bis ans Lebensende, auf Netflix läuft eine neue Serie an, und die Käseplatte steht auch schon parat.

Nur dass jetzt ich es bin, der das passiert. In meinem Hirn forsche ich fieberhaft nach alten Freundinnen aus der Schule oder von der Uni, die eine solche Trennung überwanden, jemand Neues kennenlernten und denen am Ende neues Liebesglück winkte – das sich dann in Hochzeitskleidern aus meterweise Spitze und Tüll manifestierte, in ganzen Lkw-Ladungen bestem Porzellan und von Horden schreiender Babys ausgeleierten Vaginas.

»Anj, hörst du mich?« Claras Stimme kommt von weit her, als ob sie ganz oben am Rand des schwarzen Lochs stünde, in das ich gefallen bin. »Anjali!«

Mein Ohr brennt von der Dahlie. Ein Freund streicht dem dünnen Jungen, der sich erbrochen hat, über den Rücken, und ein bemitleidenswerter Angestellter nähert sich ihnen mit einem Wischmopp. »Aber ich weiß nicht einmal, wie das geht – sich austoben«, sage ich schließlich.

»Genau meine Worte.« Clara nickt.

Ich denke daran, wie meine Tage bisher ausgesehen haben: bis spätabends im Laden arbeiten, dann zu Hause mit Jack kochen, seine Entwürfe für einen neuen Artikel anhören, wie ein Hintergrundrauschen die ständigen Sorgen – um die Miete, darum, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Heirat und Kinder lagen in weiter Ferne. Es blieb nie viel Zeit, darüber nachzudenken, denn plötzlich kam der nächste Morgen, und alles ging wieder von vorne los.

»Es bringt nichts, jetzt darüber zu grübeln«, sagt Clara.

»Worüber?«

»Was du mit deinem Leben anfangen sollst.« So geht das schon seit Jahren: Clara liest meine Gedanken, und ich habe keine Ahnung, wie sie das anstellt. »Wie wär’s, wenn du zur Abwechslung mal das Leben genießt? Vergiss die blöden Beziehungen.«

Gänsehaut zieht sich über meine bloßen Beine, ich friere inmitten der vielen Menschen. »Frieren« ist mein zweiter Vorname. Es geht uns allen so, mir, meiner Schwester, meiner Mum. Das ist der Nachteil, wenn man genetisch eigentlich am Äquator wohnt. Was wird Mum wohl sagen, wenn ich ihr das von Jack erzähle? Wird sie mich mit weit geöffneten Armen wieder in den Schoß der dunkelbraunen Familie aufnehmen? Oder wird sie hysterisch loskreischen und fragen, was denn nun bitte schön aus meinem lädierten Körper werden solle? Ein Schauer überläuft mich. Meine Strickjacke habe ich auf dem Tresen im Laden vergessen, meine Strumpfhose liegt zusammengeknüllt auf dem Schlafzimmerboden. Mir fällt ein, wie ich einmal einen ganzen Tag lang in dicken Socken herumgelaufen bin, bis ich sie abstreifte und merkte, dass sie Jack gehörten. Dieser Augenblick kam mir irgendwie bedeutungsvoller vor als jeder Jahrestag, den wir je gefeiert hatten.

»Clara?«, sagte ich. »Aber was ist mit Liebe?«

Clara greift nach ihrem Glas. Eine Weile bleibt sie stumm. Ich frage mich, ob sie an ihre erste und einzige Beziehung denkt, an den ausgebauten Van, in dem sie mit ihrem Freund wohnte, an die Nächte, in denen sie aufblieben, um den Gesang der Finken bei Sonnenaufgang zu hören.

Sie leert das Glas. »Denk an den Song von Tina Turner.«

Perplex versuche ich mich an die letzte 80’s Night zu erinnern, auf der ich war. »We don’t need another hero?«

»Nein, Dummerchen. What’s love got to do with it?«

Auf dem Weg zur Theke wird sie von der Menschenmenge verschluckt. Die dünnen Jungs sind hinauskomplimentiert worden, und der arme Typ von der Bar ist immer noch mit dem Beseitigen ihrer Hinterlassenschaft beschäftigt. Die Kneipe ist winzig und gerammelt voll mit Studenten. Ich war oft hier, als ich die Uni noch nicht geschmissen hatte. An der Wand hängen ein Bild von Che Guevara und ein altes Budweiser-Poster, die Margeriten in der Vase auf dem Fenster stehen stramm wie Soldaten. Ich betaste sie – sie sind aus Plastik.

Alles fühlt sich unecht an. Ich sehe wieder hinüber zur Theke. Clara ist verschwunden. Stattdessen fällt mein Blick auf eine magere Asiatin, die wie meine Schwester aussieht, und für einen Moment fühle ich unsägliche Erleichterung. Ich will mich schon zu ihr durchkämpfen: Shanthi, ich bin’s! Aber die Frau dreht sich um: Ihre Augen sind dick mit Kajal umrandet, und an ihren Ohren hängen Glitzerkugeln – es ist nicht Shanthi. Sie sieht ihr überhaupt nicht ähnlich. Meine Schwester würde nie hierherkommen. Ich kenne hier keinen Menschen. Die Gitarrenmusik wird lauter, die Stimmen um mich herum steigern sich zu Grölen, und unter mir tut sich ein Abgrund auf. In meiner Brust beginnt es zu dröhnen, und mein Atem wird schneller. Ich hatte noch nie eine Panikattacke, aber offenbar wird es jeden Moment so weit sein.

»Alles in Ordnung?«

Jemand steht neben mir. Die Stimme klingt freundlich, die Hand ruht sanft auf meiner Schulter. Ich fühle die Stärke und Wärme, die die Hand ausstrahlt. Wie schön, wenn das jetzt Jack wäre.

Ich drehe den Kopf, und vor mir steht der Architekt.

Der Architekt ist noch grün hinter den Ohren, seine Grundsteinlegung ist gerade mal einundzwanzig Jahre her. Er ist im dritten von sieben Studienjahren. Jack hingegen ist ein paar Jahre älter als ich. Ich frage mich, ob das Alter eine Rolle spielt. Der Architekt hat ein herzförmiges Gesicht und sanfte, grüne Augen. Ganz behutsam spricht er mit mir, wie mit einem Kind, das sich das Knie aufgeschürft hat.

Er erzählt mir eine Geschichte über Architektur. Über eine faszinierende Welt, in der Wörter wie Wölbsteine, Arkadenzwickel und Strebepfeiler vorkommen. Er hat einen langen, weißen Hals und schlanke, ausdrucksstarke Hände – er benutzt sie, um all die Vorgänge wie Planung und Präsentation und Problemlösung zu untermalen. Und etwas, das Perlustration heißt und wie eine aufregende Kreuzung aus Frustration und starkem sexuellen Verlangen klingt, sich aber nach entsprechender Erläuterung als bloße Untersuchung von irgendetwas herausstellt.

»Und was machst du so?«, werde ich gefragt.

Über dem Meer aus Köpfen an der Bar taucht ein Dreadlockknäuel auf. Clara ist nicht verschwunden. Das Dröhnen in meiner Brust wird allmählich schwächer.

»Ich bin ein Blumenmädchen«, antworte ich.

Er biegt seinen langen Hals zur Seite und sieht mich prüfend an. »Echt jetzt?«

Ich nicke. »Wie Eliza Doolittle.«

»Wer?«

Jack hätte gewusst, wen ich meine. Er hätte gewusst, dass, als wir noch klein waren, meine Schwester und ich jeden Samstagnachmittag My Fair Lady geguckt haben, während wir darauf warteten, dass meine Mutter von der Arbeit im Supermarkt zurückkam, voller Angst, jemand könnte mitbekommen, dass wir allein in der Wohnung waren, und uns in ein Kinderheim mit lauter weißen Erziehern stecken. Öffnet niemandem die Tür!, ermahnte uns Mum jeden Samstagmorgen, während sie den Kühlschrank mit genug Curry füllte, um uns bis ans Ende unserer Tage davon zu ernähren – man wusste ja nie.

»Hier, für dich.« Der Architekt gießt das restliche Bier in sein Glas und reicht es mir. Ich starre das Glas an und fühle mich seltsam berührt von seiner Geste. Ich schaue ihn an und nehme auf einmal die sanften Rundungen seiner Wangen wahr, das Grübchen an seinem Kinn, den kleinen Schnitt, den ihm die Rasierklinge an der Backe zugefügt hat. Er weiß also nicht, wer Eliza Doolittle ist, na, wenn schon. Dafür hat er etwas Fürsorgliches. Er ist der Typ, der mir eine Wärmflasche unter meine Bettdecke legen oder Hühnersuppe aufwärmen würde, wenn ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause komme. Dass ich Vegetarierin bin, tut dabei nichts zur Sache. Plötzlich habe ich das Gefühl, dass es genau das ist, was ich jetzt brauche – nur ein bisschen Wärme, weiter nichts.

»Siehst du das dort drüben?« Er deutet auf eine Nische unterhalb der Treppe, über der sich zwei Holzbalken in der Mitte treffen. »Das nennt man einen Kielbogen.«

Das wiederum hätte Jack wahrscheinlich nicht gewusst.

»Erzähl mir mehr darüber.« Ich drehe mich zu ihm und merke, dass unsere Oberschenkel einander berühren. Aber es fühlt sich überraschend okay an, sogar gut, ein bisschen Körperkontakt mit jemandem zu haben. Es gibt mir ein wenig Halt. Obwohl sein Bein ganz anders als das von Jack ist, obwohl es irgendwie kantiger ist und seine Jeans aus dickerem Stoff ist und nicht weich von jahrelangem Tragen. Ich sehe mir das Gesicht des Architekten noch einmal genauer an, und mir fällt auf, dass da Falten fehlen. Die Haut unter seinen Augen ist vollkommen glatt.

Clara erscheint in der Menschenmenge und ist in ein intensives Gespräch mit einem ebenfalls sehr jungen Mann vertieft. Ich habe noch nie viel über unser Alter nachgedacht, aber wenn ich mich hier so umsehe, wird mir klar, dass Clara und ich praktisch todgeweiht sind.

»Ein römisches Profil erkennt man zum Beispiel daran, dass die untere Wölbung konvex und die obere konkav ist.«

»Ah, alles klar.« Sehe ich so alt aus, wie ich mich fühle? Starren die Leute mich und den Architekten schon an, weil sie mich für eine alte Schachtel halten, die auf kleine Jungs steht?

»Warte – Moment – oder war es andersherum?« Der Architekt runzelt die Stirn und kratzt sich zwischen den Augen.

»Ist doch nicht so wichtig«, schlage ich vor.

»Ja klar, du hast recht.« Er hört auf zu kratzen, sichtlich erleichtert. »Also, wie sieht’s aus? Hast du jetzt Lust, mir zu sagen, was mit dir los ist?«

In einem entfernten Winkel meines Hirns windet sich der durchstochene, tintenverzierte Körper der Burlesquetänzerin von der Bildfläche.

Ich zögere.

Vielleicht sollte ich diesem Fremden erzählen, was mir passiert ist. Vielleicht sagt er dann: Komm, lass uns gehen, und lädt mich irgendwo auf einen Tee ein. Vielleicht legt er seine Architektenmaske ab, entpuppt sich als strahlendes Orakel und lindert meine Kopfschmerzen mit weisen, strebepfeilerförmigen Sätzen.

»Alles in Ordnung?«, fragt er wieder.

Mein Blick bleibt erneut an dem Bierglas hängen, und ich sehe meinen Gedanken zu, wie sie in der goldfarbenen Flüssigkeit im Kreis herumwirbeln. Nein, ich kann nicht über Jack reden. Mir fehlt die Kraft, über all das nachzudenken. Ich muss unbedingt aus diesem Abgrund herausfinden, ich brauche jemanden, der mir auf die andere Seite hilft.

Ich trinke das Bier aus und stelle das Glas ab.

»Es ist nichts, ich habe nur zu viel getrunken.« Ich spreche ein wenig lauter, um zuversichtlicher zu wirken. »Egal – warum bist du heute Abend hier unterwegs?«

Der Architekt sieht mich prüfend an, als würde er überlegen, ob er doch noch ein bisschen nachbohren sollte. Was er wohl sieht? Die tiefen Ringe unter meinen dunkelbraunen Augen, vielleicht das Zittern meiner zerbissenen (aber pflaumenfarbenen) Lippen? Er deutet auf eine andere Gruppe junger Männer an der Bar.

»Wir haben die Prüfungen hinter uns. Die Jungs haben darauf bestanden, dass ich mitkomme.« Ich schaue hinüber zu seinen Freunden. Sie feuern einander beim Leeren der Bierkrüge an. Das löst bei mir die Vorstellung von Jack und seinen Kumpels aus, wie sie ein Bier nach dem anderen kippen und sich um Julia drängen, die sich im eng anliegenden Mieder und mit Netzstrümpfen an den langen, schlanken Beinen zwischen ihnen wiegt. Die Bilder in meinem Kopf sind mehr, als ich ertragen kann – ich muss augenblicklich damit aufhören, mir solche Dinge vorzustellen.

»Sag mal, ist wirklich alles in Ordnung mit dir?«, fragt der Architekt.

Tatsache ist, dass ich spüre, wie Schmerz und Elend und abgrundtiefe Verzweiflung in Kürze über mich herfallen werden, aber vielleicht gewähren sie mir einen Aufschub – wie die Regierung beim Bewilligen von Geldern für einen Hochgeschwindigkeitszug. Vielleicht kann man seiner Lebensgeschichte entgehen, wenn man sich stattdessen für einen Bus oder eine andere sich langsam fortbewegende Metapher entscheidet. Oder man lässt ganz die Finger von Analogien mit Transportmitteln und erfindet einfach eine völlig neue Geschichte, zum Beispiel mit einem blutjungen Architekten in kratziger Jeans als Helden.

»Du hattest also gar keine Lust auszugehen?« Ich wende mich wieder dem Architekten zu und nehme seine Hand. An den Spitzen seiner schlanken Finger sind Schwielen, als ob er Gitarre spielen würde. Als ich den Kopf hebe und in seine grünen Augen blicke, sehe ich, dass sie so warm wie die von Clara sind.

»Jetzt schon.«

Kann es sein, dass ich mit diesem Mann Sex haben werde? Weil er sich in der überfüllten Kneipe neben mich auf die Bank setzen durfte und weil ich sein Bier getrunken habe? Weil wir ein Gespräch über römische Baustile geführt haben? Weil ich meine Hand in seine gelegt habe? Seine Finger sind knochiger als die von Jack, aber seine Hand mit ihrem festen Druck vermittelt Sicherheit.

Bei Jack und mir war es anders. Wir hatten uns schon eine Zeit lang gekannt, bevor wir das erste Mal miteinander schliefen. Ich war neunzehn. Vor ihm hatte es nur einen anderen Jungen gegeben, eine kurze Romanze während der Oberstufe, die dank der Argusaugen meiner Mutter zum Scheitern verurteilt war. Wir hatten nur zweimal Sex, in seinem Stockbett. Aber es hatte Wochen gedauert, bis wir so weit waren, und hinterher, auf dem Nachhauseweg zurück zu Mum, habe ich geheult. Ich war sicher, dass sie, sobald sie mich sah, Bescheid wissen und dann einmal mehr Enttäuschung aus ihrem Blick sprechen würde.

Ich muss an Mums wachsamen Blick denken, als der Architekt mich ansieht, dieser freundliche, ehrgeizige Stubenhocker, der eines Tages neue Fundamente legen will und der mich offensichtlich – trotz meines verschwollenen Gesichts und des zerzausten Haars – attraktiv findet.

Ich soll mich austoben, meint Clara.

»Lust auf einen Spaziergang?«, schlägt der Architekt vor. Und schon sind wir aufgestanden, meine Hand immer noch fest in seiner. Ich lächele Clara zu, die mir winkt, und während wir die Bar unauffällig verlassen, bemühe ich mich, die schrille Stimme in meinem Kopf zu ignorieren: Anjali, willst du das jetzt wirklich tun?

Es ist früher Morgen. Der Juli ist kalt, und ich verfluche meinen kurzen Rock. Die Straßen von Bristol sind gepflastert mit Betrunkenen, die überall auf der Straße herumliegen wie in einer Szene aus einer postapokalyptischen HBO-Serie. Alles wirkt leicht verschwommen, und es riecht nach schalem Bier und Erbrochenem. Am oberen Ende der Park Street erhebt sich majestätisch das Wills Memorial Building, dessen Sandsteinfassade im Licht der Straßenlaternen leuchtet. Der Architekt richtet mein Gesicht sanft mit seinen Händen auf die Turmspitze und klärt mich über den achteckigen Glockenturm auf, der die sechstgrößte Glocke Englands beherbergt.

»Bist du single?«, fügt er hinzu.

Auf meinem Handy sind drei verpasste Anrufe und vier unbeantwortete Nachrichten von Jack. Ich bin nicht völlig sicher, ob ich single bin oder nicht. Die schrille Stimme lässt irgendwie nicht locker: Warum tust du das, Anjali?

Als der Architekt seine Lippen auf meine presst, sollte eigentlich die Glocke läuten. Aber wo auch immer sie da oben am trüben Himmel sein mag, sie gibt keinen Ton von sich.

Es ist das erste Mal seit elf Jahren, dass ich einen anderen küsse. Jacks Gesicht macht sich in meinem Kopf breit, seine blauen Augen starren mich durchdringend an und lassen sich auch von vorsichtigen Annäherungsversuchen seitens der Zunge des Architekten nicht vertreiben.

Nach einigen Sekunden mache ich mich los.

»Es ist so schön hier«, sagt mein Begleiter. Er macht eine ausholende Bewegung mit dem Arm und zeigt auf die Lichter, die unterhalb von uns über die Stadt verstreut sind. »Da unten herrscht reiner Brutalismus.«

Der Kuss hat mich ganz durcheinandergebracht. Er war warm und gefühlvoll, aber ich kenne diese Lippen nicht, ihre Form ist mir so fremd. Wie hat es sich wohl für Jack angefühlt, als er die Burlesquetänzerin zum ersten Mal geküsst hat? Wo haben sie sich geküsst? Vielleicht in einer Bar, im Haus eines Freundes oder auf einer Party, zu der ich nicht mitgegangen bin. Ich werde dieses Bild nicht los: Ihre straffen Arme um Jacks Hals geschlungen, rot lackierte Nägel treffen sich in seinem Nacken, ihre vollen Lippen auf seinen, und Jack küsst sie leidenschaftlich, ohne einen Gedanken an mich zu verschwenden.

Lass das, Anjali. Die schrille Stimme hält einen Moment inne und ändert die Taktik, sie wird leiser, ein wenig sanfter. Sie lockt mich weg von diesem dunklen Ort. Denn wenn ich erst einmal dort gefangen bin, werde ich mich so schnell nicht wieder befreien können.

Der Architekt beobachtet mich erwartungsvoll. Er reicht mir die Hand.

Warum nicht?

Und überhaupt, Mum hat immer gesagt, ich soll zu Fremden höflich sein.

Ich nehme seine Hand und winke ein Taxi heran.

»Ich wohne da unten. Kommst du mit?«

Im Brutalismus liegt auch Schönheit. Wer weiß.

 

»Ich bin gespannt, wie es bei dir aussieht«, sagt der Architekt, als wir durch die Wohnungstür stolpern.

Bei mir sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Seit einer Woche habe ich nicht mehr aufgeräumt, auf dem Boden liegt alles Mögliche, das da nichts zu suchen hat, unter anderem gerahmte Fotos, billiges Geschirr und drei Elefanten aus Ebenholz. Seit Jack weg ist, verschwimmt alles ein wenig. Gut möglich, dass hier und da sogar ein paar Sachen zu Bruch gegangen sind.

Im Wohnzimmer hebt der Architekt einen der Elefanten auf und streicht mit langen Fingern über sein Hinterbein. »Wo ist der her?«

»Sri Lanka.«

»Kommt deine Familie von da?«

Ich nicke und fühle mich plötzlich ein wenig nackt. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich diesen Typen gar nicht richtig kenne. Ich bin nicht sicher, ob ich will, dass er meine Sachen anfasst. Meinen Körper vielleicht, aber nicht meinen Elefanten.

»Bist du dort geboren?«, fragt er.

»Meine Mutter und meine Schwester. Ich bin in Bristol geboren.«

»Ist das deine Mum?« Der Architekt hat eines der Bilder aufgehoben. Die zimtfarbenen Augen meiner Mutter blitzen aus dem kaputten Rahmen hervor, und für einen Moment könnte ich schwören, dass ich ihre Stimme höre. Wer ist dieser weiße Mann, Anjali? Behutsam nehme ich dem Architekten das Bild aus der Hand. Die Familie hebt man sich besser für eine richtige Beziehung auf, wenn die Flitterwochen vorbei sind und es an der Zeit ist, näher auf seine Neurosen einzugehen.

»Und das ist deine Schwester?« Meine Schwester habe ich nicht auf den Boden geschmissen, doch der Architekt hat sich zum Kaminsims vorgearbeitet. »Sie ist hübsch. Ist sie älter als du?«

Zwei Jahre älter, aber ich denke nicht daran, das jetzt und hier mit dem Architekten zu diskutieren. Meine Schwester lässt mich nicht aus den Augen. Anjali, was hast du vor? O Gott, nicht sie auch noch. Meine Schwester und ich reden eher selten miteinander, und das scheint mir nicht der richtige Moment zu sein, um damit anzufangen.

Es bleibt mir nichts anderes übrig, als langsam zum Sex überzugehen. Es ist die einzige Möglichkeit, das Thema zu wechseln. Ich lotse den Architekten weg vom forschenden Blick meiner Schwester, hinein ins Schlafzimmer, wo die olivfarbene Bettdecke halb auf dem Boden liegt und das Laken auf einer Seite immer noch ganz zerdrückt ist von Jacks Gewicht.

Als ich den Architekten auf Jacks Seite manövriere, fällt mein Blick auf die Vertiefung im Kissen, wo eigentlich Jacks Kopf sein sollte.

Ich schiebe den Architekten ein wenig in die andere Richtung, weg vom Kissen.

Okay, und jetzt?

Der Moment ist gekommen, und ich bin mir nicht sicher, wie ich vorgehen soll. Ich weiß, ich muss mich aus meinem Rock schälen und mich meines Slips entledigen, und wahrscheinlich sollte ich irgendwas mit seinem Penis machen. Aber die Vorstellung, ihn in mich hineinzustecken, erscheint mir etwas abwegig. Ehrlich gesagt erscheint mir die ganze Sexsache unbegreiflich und schleierhaft, wie die Ebolakrise oder ein Tory als Premierminister.

Der Architekt legt sein T-Shirt ab. Die Perlustration seiner Körpermitte weist ganz erstaunliche Bauchmuskeln auf. Mein Blick bleibt für einen Moment gebannt an ihnen haften.

Irgendwie nimmt dann doch alles seinen Gang.

Als ich erst mal auf dem Architekten sitze, fange ich auch an, auf ihm herumzuhopsen.

»Wow«, sagt der Architekt. »Du bist toll.«

»Echt?« Geschmeichelt halte ich inne.

»O ja, wow, aber mach weiter. Das ist besser als der Petersdom.«

Nein, Quatsch, das war ein Witz. Das hat er so nicht gesagt.

Aber er findet mich gut.

Er braucht ewig.

Jack und ich waren immer ziemlich zackig, wenn wir erst mal in Fahrt waren. Das hat mir aber nie etwas ausgemacht. Im Laufe der Jahre wurde unser Sexleben für mich etwas eher Alltägliches, Selbstverständliches. Und irgendetwas war immer: Ich musste arbeiten oder einkaufen oder meine Mutter besuchen. Nach zehn Jahren hatte Sex einfach keinen so hohen Stellenwert mehr. Ich muss wieder an die Burlesquetänzerin denken. Beine, Arme, Brust – geformt vom Tanzen. Die Rippen sind zu sehen, die Brüste schön fest, silberne Troddeln baumeln von den Nippeln. Wie macht man das eigentlich, dass die Troddeln an den Brustwarzen halten? Klebt man die irgendwie an, oder funktioniert das mit einer Art Saugnapftechnik, oder werden die drangeklemmt?

Denk an was anderes, Anjali, denk an was anderes.

Das Problem ist, außer Denken gibt es nicht viel anderes zu tun. Denken und Hopsen, denn für den Architekten kann es offenbar ewig so weitergehen und weiter und weiter. Ob er es wohl merkt, wenn ich Clara schnell eine Nachricht schicke, nur um sicherzugehen, dass es das ist, was sie mit Austoben meint? Und um zu hören, wie sie über die Troddelsache denkt.

Außerdem frage ich mich, was Mum sagen wird, wenn sie von mir und Jack erfährt. Jetzt ist möglicherweise auch nicht der beste Zeitpunkt, an meine Mutter zu denken, aber der Architekt ist da unten ganz gut beschäftigt, und ehrlich gesagt gibt es keinen idealen Moment, an meine Mutter zu denken.

Mum hielt nie viel von Jack. Obwohl wir uns Besuche in Sri Lanka nur selten leisten können und in England nicht viel Familie haben, hält sie hartnäckig an traditionellen sri-lankischen Werten fest. Sie hat sich nie damit abfinden können, dass ich mit einem Engländer zusammen war, und fand Jacks Beruf als Journalist überaus suspekt. »Warum konntest du nicht einen netten Arzt kennenlernen? Oder einen Steuerberater? Oder einen Anwalt?«, jammerte sie unentwegt. Diese Berufe gehören zu den Top Five der erstrebenswerten Laufbahnen in den Augen von Südasiaten: Jeder südasiatische Einwanderer in zweiter Generation kann das bestätigen.

Ich frage mich gerade, welchen Stellenwert wohl ein Architekt in der Liste hat, als der unter mir ein eindrucksvolles akrobatisches Manöver vollzieht, um unsere Positionen zu tauschen. Ich lande auf Jacks Bettseite, Penis in situ, und mein Kopf auf seinem Kissen. Mir wird ein wenig flau. Was würde Jack sagen, wenn er mich jetzt sehen könnte? Ich versuche, den Gedanken an ihn wegzuschieben, und prompt nimmt meine Mutter seinen Platz ein. Die Vorstellung, wie meine Mutter neben dem Architekten schwebt und missbilligend den Kopf schüttelt – Du musst etwas aus deinem Leben machen, Anjali! –, ist auf einmal übermächtig.

Vielleicht hat der Architekt etwas davon mitbekommen, denn er legt eine kurze Pause ein. »Alles in Ordnung?«, keucht er.

»Alles bestens«, nicke ich energisch. »Weitermachen.«

Moment, nein, ich glaube nicht, dass ich das gesagt habe. Aber der Architekt widmet sich wieder seinen Stößen.

Es ist so: Mum wollte immer, dass ich und Shanthi auch Ärztinnen, Steuerberaterinnen oder Anwältinnen werden und dass wir asiatische Kollegen heiraten, um kleine dunkelbraune Kinder zu bekommen, die nichts lieber wollen, als Ärzte oder Anwälte zu werden. Aber schon sehr früh war sie gezwungen, sich von dieser Hoffnung zu verabschieden, denn ich las immer nur Romane, und Shanthi malte immer nur Bilder. Immerhin habe ich es auf die Universität geschafft, wenn auch nur, um Englisch zu studieren.

»Noch ist nicht alles verloren, Anjali. Du kannst es immer noch zu etwas bringen!« Das waren ihre euphorischen Worte vor meiner Einführungswoche an der Uni.

Ich habe sie also in jeder Hinsicht enttäuscht, als ich die Uni geschmissen, mir einen Job in einem Blumenladen gesucht habe und bei einem kaukasischen Nichtwissenschaftler eingezogen bin.

»Fühlt sich das so gut an für dich?«, schnauft der Architekt.

Im Ernst? Ein abgebrochenes Studium und ein gebrochenes Herz?

»Ja! Ja!«, versichere ich ihm.

Im selben Augenblick fängt er an zu röcheln, was entweder bedeutet, dass er am Ende seiner Performance angekommen ist, oder, wie ich plötzlich befürchte, am Ende seines jungen Lebens.

Gleichzeitig fängt auf dem Nachttisch mein Handy an zu klingeln. Clara. Sie will sicher hören, ob es mir gut geht. Ich versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass ich auf das Display schiele.

Jack.

O Gott.

»Achte einfach nicht auf das Telefon«, weise ich den Architekten an und versuche, sowohl Jack als auch meine Mutter zur Seite zu schieben und mich schleunigst wieder dorthin zu begeben, wo ich bin, nämlich unter einem massiven Muskelpaket. Ich versuche, meine Stellung ein wenig zu verändern und meine Genitalien zu entlasten.

Klingeling. Klingeling.

Fick dich, Jack, ich ficke gerade mit einem anderen.

Nein, o nein, das kann ich so nicht sagen, nicht einmal in Gedanken.

Irgendwann hört das Handy auf zu klingeln, und der Architekt kommt endlich. Als wir uns voneinander lösen, machen unsere Körper ein komisch schmatzendes Geräusch. Der Schweiß hat uns zusammengeklebt. Ich sehe zu, wie er das Kondom abzieht. Irgendwie komisch, der Anblick der Samenpfütze. Ein eher mickriges Ergebnis für ein solches Maß an Anstrengung.

»Hast du einen Mülleimer?«, fragt er.

Nach der ganzen Übung bin ich wieder einigermaßen nüchtern, dafür ist mein Magen jetzt ein einziger dicker Klumpen. Mein Handy ist still: keine Nachricht, keine Voicemail. Der Architekt und ich liegen Seite an Seite, aber wir berühren einander nicht mehr. Obwohl nun jemand bei mir ist, ist mir auf einmal kälter als in den letzten Nächten, in denen ich allein im Bett lag. Ich schließe die Augen. Erst letzten Samstag bin ich hier neben Jack wach geworden. Habe seinen Nacken geküsst, bin mit der Hand die Wölbung seines breiten Rückens entlanggefahren. Habe wie immer kurz an dem Muttermal unterhalb seines rechten Schulterblatts angehalten, nur um sicherzugehen, dass es noch an seinem Platz war. Wie warm sich die Haut eines Menschen anfühlt, wenn man ihn gut kennt.

»Ich dachte, ich kenne dich«, sagt der Architekt.

»Was?« Ich blinzele. Hat er eben meine Gedanken gelesen?

»Als ich dich in der Bar gesehen habe.« Er konzentriert sich auf die Zimmerdecke. »Einen Moment lang dachte ich, dass ich dich von irgendwoher kenne.«

»Ach so.« Ich starre ebenfalls die Decke an und folge den Wirbeln der vergilbten Tapete.

»Irgendwie sahst du so aus, als ob du da nicht hingehörst.« Er spricht leise, die Worte kommen langsam, während meine Augen erst einen Kreis nachfahren, dann einen anderen. »Aber dann war mir klar, dass nicht du als Person es warst, die mir bekannt vorkam. Sondern wie du dich fühlst.«

Er erzählt mir ein bisschen von sich: von der Scheidung seiner Eltern, dass er bei seiner Mum in einer Siedlung mit Sozialwohnungen aufgewachsen ist, dass sein Dad sich nie gekümmert hat, wie er jeden einzelnen Tag seines Studiums gepaukt hat, weil er es eines Tags zu etwas bringen will. Seine Mum träumt davon, einmal nach San Francisco zu fahren – auch wenn er keine Ahnung hat, wieso. Aber er will so viel Geld verdienen, dass er bis an ihr Lebensende jedes Jahr mit ihr dorthin fahren kann, wenn sie das möchte. Er schluckt, sein Adamsapfel hüpft auf und ab. Das Studium ist hart. Es besteht nicht nur aus Mathematik und Naturwissenschaften, sondern es gehört auch Kunst dazu und Geschichte und Geografie und alle möglichen andere Fächer. Er muss sich alles erarbeiten. Er lernt die Nächte durch, während seine Freunde Bier trinken gehen. Er fährt sich mit einer Hand durch das feine braune Haar. Oberhalb seines Ohrs wächst ein eigenwilliges kleines Büschel, darunter sitzt eine winzige Narbe.

Eine Weile sage ich nichts. Erst als die Stille zu laut wird, erzähle ich ihm auch ein paar Dinge von mir. Von meiner Mutter, die bei Tesco an der Kasse arbeitet, Spätschicht, und die Einkäufe der Leute scannt und Regale einräumt, solange ich denken kann. Davon, dass ich dort auch manchmal einkaufe und dann hinten in der Schlange stehe, während die Kunden vorne ihre Sachen einpacken, ohne der Frau an der Kasse Beachtung zu schenken. Ich flüstere beinahe, als wollten die Worte nicht heraus. Ich erzähle ihm, dass man als Hilfsfloristin auch nicht gerade reich wird – meine Mum wird also nie San Francisco sehen. Ich bin kurz davor, ihm zu erzählen, dass ich mein Studium abgebrochen habe, aber mein Kopf fängt wieder an wehzutun. Ich denke an das Foto von meiner Schwester im Wohnzimmer. Ich erzähle nichts über sie, ich wüsste nicht, wo ich anfangen sollte.

»So habe ich noch nie mit jemandem geredet«, sagt der Architekt.

Mich überkommt ein eigenartiges Gefühl. Wenn ich unsere Körper betrachte, wie sie einen Zentimeter voneinander entfernt daliegen, ist es, als würde unsere Einsamkeit in dieser Lücke greifbar werden. Wenn wir uns berührten, könnte das vielleicht der Anfang einer ernsteren Geschichte sein, einer, in der ich nicht das Opfer von Jacks Eskapaden bin. Ein Teil von mir möchte dem Architekten näherkommen, seinen festen Schenkel an meinem weichen spüren. Aber ich sehe immer noch Jacks blaue Augen vor mir, und als ich den Mund aufmache, will nichts mehr herauskommen. Die Worte hängen zusammengeknüllt in meiner Kehle fest.

Außerdem ist es völlig ausgeschlossen, dass ich noch einmal mit diesem Mann Sex habe. Nicht ohne Personal Trainer.

Wir bleiben bewegungslos liegen.

»Soll ich dir ein Taxi rufen?«, frage ich ihn nach einer Weile.

»Nicht nötig, ich kann zu Fuß gehen«, sagt er. »Ich wohne nicht weit von hier.«

In seiner Stimme klingt Enttäuschung mit. Ich hätte auf meine Mum hören und höflicher sein sollen.

»Möchtest du einen Kaffee?«, frage ich.

Vielleicht hat er herausgehört, dass es nur ein halbherziges Angebot ist, denn er schüttelt den Kopf. Er streift seine Kleidung über den inzwischen wieder trockenen Körper, und ich kann noch einmal kurz seine glänzenden Muskeln betrachten. Irgendwann einmal muss ich ihm sagen, dass sie wirklich nicht übel sind.

»Bis die Tage«, sagt er.

»Bis die Tage.« Diesen Ausdruck habe ich noch nie zuvor benutzt, und das Echo der Worte hallt in meinem Kopf nach. Sie haben etwas Beruhigendes.

»Nächste Woche gehe ich zu einer Veranstaltung über gotische Architektur«, sagt er noch. »Ein paar von uns nehmen an einer Führung durch Bristol teil.«

»Aha.«

»Du kannst ja einen Schirm mitnehmen, falls es regnet.«

»Du willst, dass ich mitkomme?«

»Warum nicht?«

Der Architekt steht an der Tür. Er hat ein so freundliches Gesicht. Es ist sensibel und symmetrisch, und unter anderen Umständen würde ich gern einen Kaffee mit ihm trinken.

»Es tut mir leid«, sage ich. »Es ist nur … ich habe gerade erst eine Trennung hinter mir.«

Und kaum habe ich es laut ausgesprochen, ist es wahr geworden. Unsere Beziehung ist vorbei.

»Dann war das nur ein One-Night-Stand?«, fragt der Architekt.

»Ich denke schon.« Mir fällt ein, wie Clara die Unbeschwertheit genießt, jemanden nie wiederzusehen, sich nie mit jemandem herumschlagen zu müssen. Ob sie sich je so gefühlt hat wie ich jetzt, als ob sich ein Teil von mir mit diesem Fremden zur Tür hinausstiehlt und nie wieder zurückkommt?

»Nur Sex und sonst nichts?«

Sonst nichts. Das Ende dieses Jahrzehnts in meinem Leben verliert sich in Leere. Vor mir ragt drohend die Zukunft auf wie eine klaffende Höhle.

»Ich denke schon.«

»Und du möchtest, dass ich jetzt gehe?«

Wenn man jemanden wegschickt, kommt er dann wieder?

»Tut mir leid.«

Er schweigt. Dann, als hätte er eine Entscheidung getroffen, ändert sich sein Gesichtsausdruck und wirkt auf einmal fast vergnügt.

»Es muss dir nicht leidtun. Es war toll. Die Jungs werden ganz begeistert sein.«

»Tatsächlich?«

»O ja.« Er nimmt ein Buch von dem Stapel auf dem Fensterbrett. »So viele Kerben habe ich noch nicht.«

»Freut mich, wenn ich behilflich sein konnte.«

Er klappt das Buch auf. Es ist mein Exemplar von Handbuch für Floristen.

»Du bist überhaupt nicht wie Eliza Doolittle.«

»Was?«

»Sie hat nie wieder etwas mit Blumen zu tun gehabt, stimmt’s? Das war keine echte Leidenschaft bei ihr.«

»Ich dachte …«

»Das Lieblingsmusical meiner Mutter. Ich muss es vorhin komplett ausgeblendet haben. Eben fiel es mir wieder ein.«

Moment mal – denken etwa alle beim Sex an ihre Mutter?

Er legt das Buch wieder hin und zieht seine Jacke an. »Tja … bis die Tage.«

»Bis die Tage.«

Es tut gut, es noch mal zu sagen.

Als die Wohnungstür ins Schloss fällt, hoppele ich in meine Bettdecke gewickelt zur Tür und lege die Kette vor. Ich hoppele ins Schlafzimmer zurück und sehe vom Fenster aus dem Architekten nach, wie er die Straße entlanggeht, ein breiter Schatten im Schein der Laternen. Ob seine Freunde ihn schon zu Hause erwarten, um ihm anerkennend auf die Schulter zu klopfen? Aber vielleicht wohnt er gar nicht mit ihnen zusammen. Vielleicht haust er allein in einem Studentenzimmer und macht sich erst einmal einen Toast und einen Instantkaffee, bevor er sein schmales Bett ansteuert. Auf dem Nachttisch daneben türmt sich ein Stapel Bücher über Kunstgeschichte. Die Gitarre, die für die Schwielen an seinen Fingerspitzen verantwortlich ist, lehnt an der Wand. Auf dem Regal ein Foto von seiner Mutter, das gleiche herzförmige Gesicht, müde grüne Augen. Warst du im Fitnessstudio, Junge?

Ich gehe in mein kleines Bad und dusche, lasse die Wasserstrahlen auf mich herabfallen. Obwohl ich die Temperatur ganz hochgedreht habe, kommt das heiße Wasser nicht gegen die kleinen Gewissensbisse an, die sich jetzt wie Nadelstiche bemerkbar machen und von denen ich weiß, dass ich sie nicht mehr loswerde. Ich trockne mich ab, gehe wieder ins Schlafzimmer und ziehe meinen Schlafanzug an. Ein Elefant hat sich hierherverirrt. Ich hebe ihn auf und setze seinen glatten Ebenholzkörper behutsam auf das Fensterbrett. Seine stolzen schwarzen Augen beobachten mich neugierig.

Ich sehe mich um, betrachte die Stapel von Büchern – einige von mir, einige von Jack. Die Kommode, in der meine Pullover sind, aber auch Jacks Jeans, seine T-Shirts. Er hat nur einige wenige Sachen eingepackt, als er ging. Das Hemd, das er letzten Freitagabend getragen hat, liegt noch zusammengeknüllt im Wäschekorb. Ich lasse mich auf den Teppich sinken, ziehe das karierte Stück Stoff heraus und atme den Geruch ein, der nur von Jack sein kann. Ein Hauch von Schweiß, der ledrige Duft seines Rasierwassers, seine Zigaretten. Ich habe einen Knoten im Hals. Wenn ich die Nachricht auf seinem Handy nicht gelesen hätte, wäre nichts von alldem passiert. Jedenfalls noch nicht. Wir würden im Schneidersitz im Gras vor seinem Zweimannzelt sitzen, uns vom Lagerfeuer und den kleinen Lichtern unserer Stirnlampen bescheinen lassen, vielleicht wären wir die Einzigen auf dem Zeltplatz, im Schatten der Berge unter dem Himmel von Cumbria.

Zu meinen Füßen liegt die orange Dahlie, mausetot.

Ein Klopfen an der Tür.

Ich springe auf, und auf dem Weg in den Flur sehe ich mich um, ob der Architekt vielleicht irgendetwas liegen gelassen hat: sein Portemonnaie oder seine Schlüssel.

Als ich zur Tür komme, bleibe ich abrupt stehen.

»Anjali.« Jacks Stimme, leise und beschwörend. »Bist du da?«

Zwei

 

Als Jack und ich in die Wohnung einzogen, wuchs in dem kleinen Garten fast nichts, abgesehen von Unkraut und einem dürren Lavendelbusch. Der Garten war ein Fleckchen Erde und Beton. Wochenlang habe ich draußen geschuftet. Jetzt blühen Vergissmeinnicht, Lupinen und Levkojen zwischen den verwitterten Gartenmöbeln. Aber am meisten liebe ich den Lavendel. Er steht nun voll in der Sonne und hat sich ein üppiges graues Blätterkleid zugelegt, aus dem bei den ersten Anzeichen von Sommer lila Spitzen treiben.

Ich erklärte Jack, dass Lavendel seit frühester Zeit hoch geschätzt wird, nicht nur wegen seines Dufts, sondern als Heilpflanze und um seiner betörenden Wirkung willen. Es heißt, die Pflanze schütze und stimuliere. Man sagt auch, dass Kleopatra auf diese Weise Cäsar und Antonius rumgekriegt hat.

Und jetzt will er mich damit rumkriegen, sagt Jack.

Ich sitze mit dem Rücken gegen die Wohnungstür und lausche seiner Stimme auf der anderen Seite. Ich halte meine Hand vor das Schlüsselloch. Vielleicht sickert der Duft seines Lavendelstraußes da hindurch und legt sich auf meine Finger. Fließt von dort über meine Haut und durchströmt meine Brust. Kreist um mein Herz.

»Ich weiß, dass du da bist, Anj. Ich habe dich durch die Scheibe gesehen.«

Er hat noch seine Schlüssel. Die Wohnung ist zur Hälfte seine. Die Kette ist noch an ihrem Platz, aber wenn er aufschließt, nehme ich sie ab.

»Mach die Tür auf, Anj, bitte. Wir können doch über alles sprechen.«

Können wir das wirklich? Mein Herz schlägt wie verrückt, meine Augen brennen. Wäre er nur eine Viertelstunde früher gekommen, wäre er dem Architekten über den Weg gelaufen.

»Ich habe eine Riesendummheit gemacht. Lass mich dir das erklären.«

Was wird er sagen, wenn ich ihm von dieser Nacht erzähle? Mein karierter Schlafanzug kann die Spuren darunter nicht verbergen. Ich fühle mich schmutzig, als ob ich es wäre, die fremdgegangen ist. Wie wird es jetzt mit uns beiden weitergehen? Das Brennen hinter meinen Augenlidern will einfach nicht aufhören.

Ein Geräusch, als ob etwas Schweres an der Tür entlangstreift. Er hat sich auf der anderen Seite vor die Tür gesetzt. Ein metallisches Schmatzen und ein Zischeln. Jetzt zündet er sich eine Zigarette an. Wäre nicht die dicke Holztür zwischen uns, säßen wir aneinandergelehnt, Rücken an Rücken. Ich würde gern ein paarmal ziehen, obwohl ich gar nicht rauche.

»Willst du eine?«, fragt er durch das Holz. Ich sehe seine schlanken Finger vor mir, wie sie die Zigarette halten. Ich sehe, wie die vollen Lippen sich um den Filter schließen, die steile Falte auf seiner Stirn, wenn er inhaliert. Ich denke an seinen breiten Rücken, und meine Hand sehnt sich danach, nach dem Muttermal unterhalb seines Schulterblatts zu tasten. Ich denke an die Zeit vor einer Woche, zwei Wochen, drei, als er mich in den Armen hielt und nichts auf dieses grauenhafte Schwindelgefühl hindeutete, gegen das weder Alkohol noch ein Architekt helfen.

Ich muss damit aufhören. Wenn ich so weitermache, werde ich am Ende noch aufstehen und ihn hereinlassen.

»Weißt du noch, wie du meine Zigaretten ins Meer geschmissen hast?«

Früh am Morgen in Porthclaw, Wales, vor drei Jahren. Wenn sie untergehen, hörst du auf! Aber mein Übermut wich augenblicklich blanker Panik bei dem Gedanken, was den Meeressäugern und Seevögeln passieren könnte, wenn sie die Zigaretten für etwas Essbares hielten. Ich warf mich in voller Montur ins Wasser, um das nasse Päckchen wieder herauszuholen, während Jack die Jeans hochkrempelte und mir hinterhersprang. Als wir danach wieder am Strand saßen, inmitten von angespülten Quallen, und der Sand unter uns sich dunkel färbte von unserer triefenden Kleidung, versuchte Jack, eine durchweichte Zigarette anzuzünden. Sie sind nicht untergegangen.

»Das war einer unserer schönsten Tage, Anj. Und wir hatten so viele schöne Tage.«

Gegen meinen Willen ziehen Bilder an mir vorbei: eine kleine Kette aus Gänseblümchen an meinem Fußgelenk, Butterblumen, über einen Teller Scones gestreut, Vergissmeinnicht auf meinem Kissen. Jack hat so viele Dinge für mich getan.

»Vergiss den Lavendel. Was hältst du von einem Tattoo? Ich lass mir deinen Namen tätowieren – wohin du willst. Gib mir einfach ein Zeichen.«

Und dann ist da noch die andere Sache, die, die er mir angetan hat.

Noch ein Bild schiebt sich vor mein geistiges Auge. Julia, mal wieder.