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Das synkretistische Weihnachtsspiel mit sozialkritischen Untertönen "Liebe auf Erden oder Christkindleins Erdenwallen" gehört zu den frühesten überlieferten Bühnenwerken der Dichterin Elisabeth Bouneß (1862-1911), die später unter dem Namen Ruth Bré als Frauen- bzw. Mutterrechtlerin bekannt wurde. Das Theaterstück wurde an schlesischen Bühnen aufgeführt.
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Seitenzahl: 33
Veröffentlichungsjahr: 2019
Diese ungekürzte Ausgabe entspricht der originalen Erstausgabe von 1901.
Die ursprüngliche Schreibweise und Zeichensetzung wurden bewusst beibehalten.
Am 19. Dezember 1862 wurde in Breslau ein Mädchen geboren – unehelich und heimlich. Seine Mutter kam aus Thüringen, stammte aus armen Verhältnissen und konnte sich nicht zu ihrer Tochter bekennen. In die Amtsbücher wurde Elisabeth Bouneß als Name des Kindes eingetragen. Das Mädchen erlebte eine entbehrungsreiche mutter- und vaterlose Kindheit in einem schlesischen Bergdorf.
1883 schloss Elisabeth Bouneß in Breslau ein Lehrerinnenseminar ab, das üblicherweise ambitionierten Bürgerstöchtern vorbehalten war. An evangelischen Volksschulen unterrichtete sie fortan Religion und Gesang. Nebenbei schrieb sie romantisch-todessehnsüchtige Lyrik und inszenierte Sagen- und Märchenstoffe – auch unter dem Pseudonym Elisabeth Michael. Im reiferen Alter entstanden komödiantische Theaterstücke mit frauenrechtlerischem Unterton und mindestens ein politisch tendenziöser Roman. Erst nach ihrer Frühpensionierung veröffentlichte Bouneß unter dem Pseudonym Ruth Bré radikale mutterrechtliche Kampfschriften, die sie zu einer der meist gehassten, aber auch verehrten Frauenrechtlerinnen im Kaiserreich machten.
1904 gründete sie den Bund für Mutterschutz. Elisabeth Bouneß alias Elisabeth Michael alias Ruth Bré starb am 7. Dezember 1911 in Herischdorf (Schlesien).
Liebe auf Erden oder Christkindleins Erdenwallen wurde ca. 1901 in Breslau uraufgeführt. Das Weihnachtsspiel gehört zu den frühesten überlieferten Bühnenwerken Elisabeth Bouneß᾽. In dieses Theaterstück, dessen Musik von Karl Goepfart stammte, setzte Bouneß ihre größten Hoffnungen auf den künstlerischen Durchbruch. Tatsächlich war das Publikum begeistert und das Stück erntete auch viele positive Kritiken, die vor allem die warmherzige Phantasie der Dichterin lobten, doch blieb der Erfolg wohl auf den schlesischen Raum beschränkt. Im Gegensatz zu ihren späteren Kampfschriften wirkt dieses synkretistische Weihnachtsspiel geradezu harmlos. Gleichwohl werden schon hier Bouneß’ Mutterverehrung, Gesellschaftskritik und Spiritualität erkennbar. Bouneß’ weitere Theaterstücke – Lustspiele und Märchen – scheinen verloren gegangen.
I. Teil.
Vom St. Nikolaustage bis zum Weihnachtsabend.
Bild: St. Nikolaustag.
Bild: Weihnachtsmarkt.
Bild: Was St. Nikolaus in der Nacht treibt.
II. Teil.
Weihnachtsabend.
Bild: beim verlassenen Mütterchen.
Bild: bei den Kranken.
Bild: bei den Verwaisten.
Bild: bei den Tieren im Walde.
Bild: bei den Armen.
Bild: bei den glücklichen Leuten.
Schlußbild und Halleluja (evtl.).
Christkind.
St. Nikolaus.
Der Engel der Liebe.
Der Engel des Trostes.
Der Engel der Freude.
Ein Mädchen.
Ein Knabe.
Der Vater.
Die Mutter.
Eva
Fritz
Max
ihre Kinder.
Frida
Klärchen
Erster Verkäufer.
Zweiter Verkäufer.
Dritter Verkäufer.
Erste Verkäuferin.
Zweite Verkäuferin.
Martha, ein armes Kind, Verkäuferin auf dem
Christmarkt.
Puppenkönigin.
Eine große Puppe.
Zwei Wickelkinder.
Eine Elfe.
Eine Nixe.
Drei Zwerge.
Engel, Elfen, Nixen, Zwerge, Puppen.
Männer, Frauen, Kinder, fliegende Händler.
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(Während des Prologes evtl. hinter der Szene Gesang: „O du fröhliche,
o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!“)
Wenn der Schnee auf Wald und Fluren liegt,
Wenn das Christkind über die Erde fliegt,
Wenn die frommen Glocken läuten im Thal
Und am Himmel die Sternlein ohne Zahl,
Im Verein mit des trauten Mondes Schimmer,
Einhüllen die Welt in Silberflimmer:
Dann tönt inmitten der Weihnachtslust
Eine Saite tief in jeder Brust.
Hier singt sie von Hoffen, von Glückverlangen,
Und dort beweint sie, was längst vergangen.
Du wunderselige Weihnachtszeit,
Wie rührst du die Herzen weit und breit!
Die Jungen beben in süßer Lust,
Erwartung füllet die frohe Brust.
Es raunt und flüstert in allen Ecken,
Das ist ein Lauschen und ein Verstecken.
Geheimnisvoll und auf den Zeh᾽n
Pflegt Christkindlein durch᾽s Haus zu gehn.
So sagt die Mutter. – Die muß es wissen,
Denkt Lockenköpfchen und drückt sich ins Kissen.
Die Alten aber im weißen Haar,
Sie sehen die eigene Jugend klar
Und rosig vor ihren Blicken erstehn:
Wie war sie so golden, so einzig schön!
Das Elternhaus, so lieb und wert,
Der Flug in die Welt, der eigne Herd,
Die Lieben, die sie geherzt und gehegt,
Und jene, die sie ins Grab gelegt:
Dies alles durch die Seele zieht,
Singen Kinderstimmen ein Weihnachtslied.
