3,99 €
Die liebenswerte Rosa, das kleine Restaurant, ihre drei Kinder und eine Liebe auf dem Prüfstand ... Tina Ennberg steckt in der Klemme. Sie liebt Gerhard von ganzem Herzen, aber sie kann seinen Heiratsantrag nicht annehmen. Sie ist doch erst einundzwanzig und mit dem Studium noch nicht fertig! Um Abstand zwischen sich und ihren Verehrer zu bringen, nimmt sich Tina eine Auszeit. Ein Job in Athen soll die notwendige Ablenkung bringen. Anschließend fliegt sie im Auftrag der Firma ihres Stiefvaters Richard nach Südkorea. Es geht um wichtige Vertragsabschlüsse und völlig unerwartet ist Gerhard mit an Bord.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Tina hielt das Telefon mit der Schulter an ihr Ohr. „Ja, ich dachte, dass ich ungefähr zwei Stunden vor dem Abflug dort sein muss, Papa.“ Sie griff nach einem Kleidungsstück, während sie sich den Vorschlag ihres Stiefvaters anhörte. „Okay. Mama wird trotzdem nicht begeistert sein, wenn sie so früh aufstehen muss. Mh? Ja, ich weiß, dass sie das gern für mich macht.“ Tina lächelte. „Frühstück in der VIP Lounge und ein eigener Bereich für den Sicherheitscheck? Ich werde mich wie Lady Gaga fühlen.“ Plötzlich lachte sie laut auf und um ein Haar wäre ihr das Telefon von der Schulter gerutscht. Sie ließ den Pullover, den sie gerade zusammenlegen wollte, fallen und schnappte ihr Mobiltelefon. „Okay, also wie die Prinzessin von Saba, weil die Königin ist ja immer noch Mama.“ Tinas Studienfreundin Irene saß neben dem aufgeschlagenen Koffer auf dem Bett und lauschte ungeniert. Mit dem Fortgang des Gesprächs waren ihre Augen immer runder geworden.
„Ja, ist gut, Papa. Vielen Dank. Ich drück dich auch.“
„Es hat entschiedene Vorteile, wenn man einen der erfolgreichsten Unternehmer der Stadt zum Stiefvater hat“, stellte Irene neidvoll fest. „Im letzten landesweiten Vermögensranking war er wieder ziemlich weit vorn mit dabei.“
„Aha, jetzt weiß ich, dass es so eine Liste in unserem Kosmos gibt. Mama hat sicher auch keine Ahnung davon und es ist echt gewöhnungsbedürftig. Richard zieht immer irgendwelche Sonderbehandlungen aus dem Hut, auch wenn nicht der geringste Anlass dazu besteht. Ich konnte ihn im letzten Moment davon abhalten, dass er mich persönlich nach Athen fliegt.“
„Dein Stiefvater hat ein eigenes Flugzeug?“
„Ja und er hat seit vielen Jahren den Pilotenschein. Er kann super fliegen, aber Mama ist nicht so begeistert und ich muss diese Propellerdinger auch nicht haben. Also fliege ich übermorgen mit einem Linienflug nach Athen. Richard bestand aber darauf, mir ein Ticket für die erste Klasse zu schenken. Da könnte ich sogar ein Glas Champagner und Kaviar bekommen. Wer braucht denn sowas?“
„Äh, ich nehme das gerne, Tina.“ Irene grinste ihre Freundin an. „Und diesen neuen Koffer von Rimova bitte auch.“ Tina verdrehte die Augen. „Ich werde nur ständig Angst haben, dass ich beklaut werde.“ Sie warf einen Kontrollblick auf ihre Habseligkeiten, mit denen sie für etliche Monate ihr Auslangen finden wollte. „Habe ich genug Unterwäsche?“, murmelte sie. Irene fischte einen von Tinas BH’s von einem Stapel neben dem Koffer und hielt ihn hoch. „80 E. Mich frisst der blanke Neid. Dabei hast du eine sehr schlanke Taille.“ „Übertreibe jetzt mal nicht. Meine runden Hüften machen’s wieder wett. Ich habe die gleiche Figur wie Mama. Sie braucht manchmal sogar Körbchengröße F. Das ist nicht immer ein Segen.“
„Deinem Stiefvater scheint sie sehr zu gefallen. Hat sich deine Mutter eigentlich schon an ihren neuen Namen gewöhnt, Tina?“
„Rosa Felsinger? Ich weiß es nicht. Es klingt, glaube ich, für sie und uns alle noch etwas fremd. Immerhin hieß sie über 25 Jahre Rosa Ennberg. Mir ist aufgefallen, dass Papa sie häufig bei ihrem Langnamen Rosalind nennt und sie benutzt ihn dadurch jetzt auch öfter.“ „Kann ich verstehen. Rosalind Felsinger geht besser von der Zunge.“
Tina überlegte kurz. „Ja, du hast recht.“
„Erinnerst du dich eigentlich noch an deinen Vater?“
„Ich war fünf als er bei diesem schrecklichen Autounfall ums Leben kam. Es gibt ein paar Momente, die ab und an in meiner Erinnerung aufblitzen. Mama gab mir eines der Familienfotoalben und das Hochzeitsfoto. Damit werden die Bilder wieder etwas lebendiger.“ Tina zog ihre Nachtkästchenlade auf und holte das gerahmte Bild heraus. „Eigentlich brauche ich mir nur meinen großen Bruder Jonki ansehen, damit ich weiß, wie mein Vater ausgesehen hat.“ Irene warf einen Blick auf das Foto und seufzte theatralisch. „In deiner Familie sind ja nur Wahnsinnstypen! Dein Stiefvater ist schon ein Hammer. Diese saphirblauen Augen“, schwärmte sie, „und das kantige Kinn. Herrlich! Und seine grauen Haare lassen ihn nur noch attraktiver wirken.“ Irene wedelte mit der Hand über das Hochzeitsfoto von Tinas Eltern. „Und ich finde, Jonki sieht sogar noch besser aus als dein Vater. Captain America in einer Ausgabe mit dunklen Haaren und grauen Augen lässt grüßen.“ Sie lächelte versonnen. „In deinen jüngeren Bruder Christian könnte man sich ja auch sehr leicht vergucken.“
„Grisu?“ Tina zog eine Miene, als hätte sie in eine extrasaure Zitrone gebissen. „Ah, ja. Du nennst ihn ja bei seinem Spitznamen, weil er irgendwann einmal eure Wohnung fast abgefackelt hätte.“
„Das ist ewig her. Ja, aber der Name ist ihm geblieben. Und ich kann nicht verstehen, was an ihm so toll sein soll.“
Irene hob beide Hände. „Ja, ja. Ich weiß, ihr liegt euch ständig in den Haaren, seitdem ihr euch die Wohnung alleine teilt. Könntest du nicht einfach bei Jonki und deiner Schwägerin wohnen, anstatt für diesen Job nach Athen zu gehen? Was willst du denn dort? Warum nicht etwas in Südkorea, damit es zu deinem Studium passt?“
„Punkt eins: Maria bekommt ein Baby und sie haben andere Sorgen. Punkt zwei: Ich kann sehr gut auf mich selbst schauen und ich brauche von mehreren Dingen Abstand, nicht nur von meinem kleinen Bruder. Es war reiner Zufall, dass ich über diese Annonce gestolpert bin, in der deutschsprachige Mitarbeiter für einen Reiseveranstalter gesucht wurden. Ich freue mich drauf. Und zu deiner letzten Anmerkung: Ich brauche auch eine Pause von der Koreanistik.“
Tina nahm einen dicken Pullover zur Hand und überlegte, ob sie ihn mitnehmen sollte. „Packe ihn lieber ein. Nektario sagt, dass es in Athen ganz schön kalt werden kann. Vor allem auch in den Wohnungen, weil die Heizungen nicht so toll funktionieren. Hast du auch einen kuscheligen Hausanzug oder so etwas Ähnliches eingepackt?“
„Ja, Richard hat Geschäftspartner in Athen. Er hat sich umfassend erkundigt und Mama konnte es nicht lassen, mich zu betüdeln. Obwohl sie es hasst, war sie sogar mit mir einkaufen.“ „Besser solche Eltern, als welche, die sich keinen Deut um dich scheren.“
„Auch wieder wahr. Hängst du etwa immer noch in der Galerie von Nektario Lysakis herum?“
„Ja. Meine Uniarbeit über zeitgenössische Künstler ist zwar schon abgeschlossen, aber das muss er ja nicht wissen. Ich stehe einfach total auf diesen Mann.“
„Er ist fast 30 Jahre älter als du und hat die Bedeutung des Wortes Egozentriker neu definiert.“ „Mh, ja, ja. Aber du hast seine Installationen und Fotografien ja auch gesehen. Diese Tiefe, diese Bedeutungsschwere, diese …“
„Irene, danke. Seit Wochen darf ich mir deine Schwärmerei schon anhören. Was erhoffst du dir eigentlich?“ „Ich würde gerne für ihn arbeiten.“
„Dein ganzes Glück“, murmelte Tina. „Ich denke, ich habe an alles gedacht, aber es sind ja noch zwei Tage übrig. Ich muss aber noch allerlei Kram für die Uni erledigen. Also, was hast du mit mir vor?“
Irene strahlte über ihr ganzes Gesicht. „Nachdem du in Athen mit Sicherheit keine Gelegenheit dazu hast, gehen wir zuerst eislaufen.“
„Eislaufen? Macht der Platz nicht erst in ein paar Wochen Mitte November auf?“
„Ja, aber man kann in der Sporthalle nach dem Eiskunstlauftraining für zwei Stunden frei laufen, danach kommt das Hockeytraining der Skulls. Vielleicht erhaschen wir den einen oder anderen Blick auf einen dieser durchtrainierten Helden.“ Tina verdrehte die Augen. „Ja, und dann gehen wir auf das Unifest. Dort kannst du dich auch umsehen.“
„Was? Ich will mich nicht umsehen!“
„Gerhard hat dir doch den Laufpass gegeben“, konterte Irene. „Das war unnötig“, sagte Tina leise. Irene seufzte. „Mmh, ja. Tut mir leid. Aber während ich dir mit Nektario Zahnschmerzen bereite, nervst du mit deinem Liebeskummer rum. Ständig hast du Bedenken, Gerhard zufällig über den Weg zu laufen. Der Mann arbeitet nun einmal in der Firma Communicate deines Stiefvaters. Noch dazu im oberen Management, sieht besser aus als Christian Bale UND er hat dir einen Heiratsantrag gemacht. Den DU, liebe Tina, abgelehnt hast.“
„Danke für die Zusammenfassung. Ja, ich habe seinen Antrag abgelehnt. Himmel, ich bin erst einundzwanzig Jahre alt. Ich kann noch nicht heiraten.“
„Du kannst auch einmal eine Weile einfach nur mit einem ganz tollen Mann verlobt sein. Er trägt dich auf Händen.“ „Er arbeitet im Moment gar nicht dort.“
„Wie das denn?“, hakte Irene mit schriller Stimme nach. „Er wollte kündigen, aber Richards bester Freund und Geschäftspartner Helmut hat ihm eine Freistellung vorgeschlagen. Bei Communicate wollen alle, dass Gerhard bleibt.“ „Wo ist dann sein Problem? Hat es etwas mit dieser Maskenbildnerin zu tun. Dieser Stefanie?“ Tina zuckte unglücklich mit den Schultern. „Möglich. Gerhard hat wieder beim Stadttheater angefangen. Dort werden gute Bühnentechniker ständig händeringend gesucht. Der Beruf ist nicht sehr beliebt. Du musst schwindelfrei sein und die schwierigsten Arbeiten sind mitten in der Nacht.“ „Klingt aber auch sehr cool. Es ist wohl alles, was der Typ macht, cool.“ „Mmh. Richard lernte ihn bei einem Riesenevent eines Mobilfunkanbieters kennen und hat ihn gleich darauf zu Communicate geholt. Und übrigens: Er hat mir nicht den Laufpass gegeben. Es liegt an mir. Ich war nicht bereit für eine Komplettbeziehung.“ „Ja, ich weiß. Du schiebst Panik wegen einer zu frühen Schwangerschaft, weil es deiner Mutter passiert ist. Aber, Erde an Tina. Das Mittelalter ist vorbei. Es gibt heutzutage wohl ausreichend Mittel und Wege, um die Familienplanung zu steuern.“ „Das Mittelalter war auch schon vor 26 Jahren schon vorbei. Es kann jedem, trotz aller Maßnahmen, passieren. Maria und Jonki freuen sich riesig auf das Zwuckele, wollten damit aber eigentlich auch erst später anfangen. Meine Schwägerin steckt noch mitten im Studium.“
„Ja, aber die beiden haben ja wohl keine Geldsorgen mehr. Die Stiftung Winkelhausen von dieser Tante Amalia gehört zu den ganz großen Kalibern.“
„Weißt du über jeden und seine Vermögensverhältnisse Bescheid?“, gab Tina genervt zurück.
„Reich und Schön ist der einzige Daseinszweck meiner Mutter. Ständig schleppt sie stapelweise Magazine nach Hause. Ich denke, es lenkt sie von ihrer tristen Realität als geschiedene Verkäuferin ab.“
Tina fand es besser, das Thema fallen zu lassen. „Gut, ich bin fertig. Also, dann auf zum Eislaufen.“
„Danke, Irene. Das war eine tolle Idee von dir.“ Tina hatte von der Kälte gerötete Wangen und ihre hellgrauen Augen blitzten fröhlich. Mit einem Lachen strich sie sich eine bronzefarbene Haarsträhne aus dem Gesicht. „Du kannst echt super eislaufen. Ich bin froh, wenn ich halbwegs mit dir mithalten kann.“
„Eine Zeit lang wollten meine Eltern eine Eislaufathletin aus mir machen. Mein Vater legte einen besonderen Ehrgeiz an den Tag. Dann kam die Scheidung und mein Lebensweg wurde uninteressant.“
„Oh, Irene. Das tut mir leid.“ Tinas Studienfreundin zuckte mit den Schultern. „Es macht nichts. Ich hätte wahrscheinlich von selbst aufgehört. Die Schinderei war mörderisch. Ich war jeden Tag nach der Schule mehr als fünf Stunden auf dem Eis und musste danach noch die Hausaufgaben machen. Es passt, wie es ist.“
„Ups!“ Tina hielt sich rasch an der Bande fest, weil jemand sehr schnell an ihr vorbeigefahren war. „Oh, die Eishockeyspieler sind schon da.“ Irene zeigte auf die große Eismaschine, die im abgeriegelten Bereich der Halle auf und ab fuhr. „Ja, sie wärmen sich hier auf, während die Eisfläche für das Training auf Vordermann gebracht wi ...“ Sie brach plötzlich ab.
„Was ist Irene?“ „Nichts, nichts. Komm, wir trollen uns vom Eis.“ Irene zog Tina am Arm und lotste sie zur einzigen freien Stelle in der Bande. Ein paar Meter fehlten noch bis zum Ausgang, doch wie aus dem Nichts hechtete einer der Eishockeyspieler auf sie zu, wich einem anderen Eisläufer mit einem Sprung aus und kam nach einer spektakulären Bremsung vor ihnen zu stehen. Irene spürte, dass Tina zusammenzuckte. Der Spieler war fast einen Kopf größer als sie und der stilisierte Totenschädel auf seinem Helm wirkte in der Tat furchterregend. Tina starrte auf den Kinnschutz, der einen gebrochenen Unterkiefer mit etlichen Zahnlücken zeigte. „Du, lieber Himmel“, murmelte sie. „Ich freue mich sehr dich zu sehen, Sonnenkäfer.“ Tina hob ihren Blick und erkannte Gerhards dunkelbraune Augen hinter dem Schutzgitter. Sie lief knallrot an. „Äh, ja, viel ist von DIR ja nicht zu sehen.“ Sie konnte sein Lächeln nur erahnen. Er griff zum Helmgurt und ließ die Schnalle aufschnappen. Nachdem er den Schutz abgenommen hatte, standen seine hellbraunen Haare in wilden Strubbeln vom Kopf. Er schaute kurz zu Tinas Freundin. „Hallo, Irene.“
„Eigentlich kenne ich alle Spieler“, murmelte sie.
Gerhard drehte sich um die eigene Achse. Auf seinem Shirt prangte eine große 11 und darüber war der Name Landsknecht in Großbuchstaben aufgedruckt.
„Ja, das habe ich vorher gesehen“, sagte sie zu Tina.
Gerhard drehte sich wieder um. „Ich habe jahrelang in der Nachwuchsliga gespielt. Der Teammanager fragte mich, ob ich in dieser Saison für einen verletzten Spieler einspringen kann.“ „Ah, ja, Markus Himmel mit der Nummer 14 hatte einen Bänderriss im Knie“, murmelte Irene. „Ich wusste gar nicht, dass du Eishockey spielst“, sagte Tina leise.
„Ich dachte auch nicht, dass ich je wieder dafür Zeit haben werde. Mein vorübergehender Ausstieg hat auch seine guten Seiten.“
„Ist es das? Vorübergehend?“
„Ich denke schon.“ Er beugte sich vor und sah der Frau seiner Träume tief in die Augen. „Und ich hoffe, das gilt für andere Bereiche meines Lebens auch.“
„Komm, Tina.“ Irene zog ihre Freundin am Arm. „Hier wird es mir zu unsicher für deinen Seelenfrieden.“ Gerhard lachte leise und drückte der völlig überraschten Tina einen Kuss auf den Mund. „Auf bald, Sonnenkäfer.“
Irene bugsierte ihre perplexe Freundin von der Eisfläche und drehte sich dann noch einmal zu Gerhard um. „Lass sie in Ruhe, Gerhard. Sie weint sich so schon genug die Augen aus dem Kopf. Was willst du denn? Du bist doch mit dieser Stefanie zusammen.“
„Äh, wie bitte?“
„Was, wie bitte?“, blaffte Irene, „es ist doch für alle öffentlich auf Facebook einsehbar.“ Gerhard stieß einen Fluch aus. „Jetzt ist sie wirklich zu weit gegangen“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Mach dir das mit ihr aus. Tina geht übermorgen für längere Zeit außer Landes.“ „Was? Geht sie etwa nach Korea? Hat sie ein Stipendium für ihr Studium bekommen?“
„Find’s selbst raus.“
Gerhard sah Tina, die Richtung Garderobe stakste, nach. Nachdenklich setzte er seinen Helm wieder auf. Einer der Mitspieler schlug ihm auf die Schulter. „Komm, Landsknecht. Auf geht’s.“
Beim Abräumen der Tische merkte Rosa, dass eines der Tischbeine der Familie Schlucker leicht nach innen knickte. Sie ging mit dem Tablett in die Küche ihres kleinen Restaurants namens Mittagstisch, das sie mit Richards und Gerhards Hilfe in eine Theaterwunderwelt verwandelt hatte. Nach einem Vandalismusakt hatte Rosa dringend neue Möbel gebraucht und Gerhard hatte über seine alten Kontakte zu den Brettern, die die Welt bedeuten, Requisiten vergangener Aufführungen aufgetrieben.
Es gab eine als Schwan gearbeitete Bank, die einem verliebten Lohengrin gehört hatte. Zwei Tische stammten aus einer Inszenierung des Nestroy-Stückes Zu ebener Erde und im ersten Stock, an einer Tafel hatte Don Giovanni gespeist und diverse Schönheiten verführt und ein kleiner Zweiertisch hatte Eliza Dolittle gehört. Das Restaurant hatte nur dreißig Sitzplätze. Diese Anzahl konnte Rosa alleine bewältigen, indem sie bereits fertig vorgekochte Gerichte mit der Geschwindigkeit eines Schnellrestaurants servierte. Der Mittagstisch hatte die Witwe und ihre drei Kinder fünfzehn Jahre lang mit einem Einkommen versorgt. Da sich die Türen nur unter der Woche und von 11.30 bis 14.00 Uhr öffneten, war Rosa an den Nachmittagen Zeit für ihre Mutterpflichten und für das Vorkochen geblieben. An vielen Abenden war es aber sehr spät geworden und Rosa war froh über die Hilfe ihrer alleinstehenden Nachbarin und besten Freundin Evelyn als unermüdliche Ersatzoma gewesen. Die mittlerweile pensionierte Evi war auch seit mehr als fünf Jahren täglich im Mittagstisch, um bei der Ausgabe der Getränke zu helfen. Die vielen Arbeitsjahre in einem großen Bankhaus hatten aber Evis Gesundheit geschadet und nun erholte sie sich einige Wochen bei einer Kur. An ihrer statt kam nun Rosas jüngster Sohn Grisu zum Aushelfen. Da er aber in den Startlöchern mit einem Studium der technischen Chemie stand, hetzte er meistens kurz vor zwei auf die Universität. Ihre Tochter, die auch manchmal aushalf, würde bald nach Athen abreisen.
Rosa räumte den Geschirrspüler ein und dachte dabei an die radikalen Veränderungen, die es in den vergangenen Monaten in ihrem Leben gegeben hatte. Ihre Kinder waren auf dem besten Weg in die Selbstständigkeit und Rosa war keine Witwe mehr. Der sehr attraktive Unternehmer Dr. Richard Felsinger war durch die Tür des Restaurants gekommen, damit in Rosas Leben getreten und nicht wieder gegangen. Sie griff an ihren Hals. Dort hing die wundervolle BrillantSaphirKette, die sie zusammen mit ihrem Verlobungsring von Richard bekommen hatte. Ihren Ehering würde sie sofort wieder anstecken, wenn sie ihre Kochkleidung gegen ihr normales Gewand tauschen konnte. „Vorher sollte ich aber den Tisch der Schluckers noch richten“, murmelte sie und ging in den Abstellraum. Etwas genervt sah sie sich in der vollgeräumten Stellage nach einer kleinen Werkzeugkiste um. Dabei schoss ihr wieder ein Gedanke durch den Kopf, der ihr vor der Begegnung mit Richard nie gekommen wäre: Ich bin erschöpft. Wie gerne würde ich etwas kürzer treten. Wie wäre es, wenn ich wieder Harfeunterricht geben könnte? Oder vor Publikum auftreten, so wie früher?
Rosa tat die Idee, zu ihrem eigentlichen Lebensplan als ausgebildete Konzertharfinistin zurückzukehren, als absurd ab und kramte nach zwei Größen von Kreuzschraubenziehern. Im Lokal schob sie die Sessel zur Seite und krabbelte unter den Tisch. Sie traf auf ein paar Essensreste und schüttelte den Kopf. „Meine Gäste bekommen alles in Schalen und haben nur Löffel zum Essen. Trotzdem gelingt es einigen, den Boden einzusauen“, murmelte Rosa und sie war froh über ihre Entscheidung, die Sache gleich zu erledigen. Die Hose und die Kochjacke würden noch am selben Abend in die Waschmaschine wandern.
Zu ihrer großen Erleichterung passte schon der zweite Schraubenzieher und sie trieb die lockere Schraube zurück ins Holz. Zur Sicherheit zog sie auch die anderen Schrauben gleich nach. Aus ihrer unbequemen Position heraus erkannte Rosa, dass die alte Tür mit dem Glaseinsatz aufging. Sie warf einen Blick unter der Tischblende hervor und erschrak leicht, als sie eine Menge Beine in Anzughosen entdeckte. Nachdem sich Richard für seinen täglichen Auftritt in der Welt der Kommunikation nur in feinstes Tuch hüllte, erkannte Rosa sehr teure Anzüge mittlerweile auf Anhieb und wusste auch, wie exklusive, handgefertigte Schuhe aussahen. Richard? Er wollte sie doch erst um fünf zusammen mit Hermes, seinem Mischlingshund, abholen kommen. Auf einem Spaziergang würden sie einander von ihrem Tag erzählen und dann nach Hause in Richards HighTechQuader fahren, der mittlerweile auch Rosas Heim geworden war.
Irgendwas störte Rosa auch an dem Anblick, der sich ihr bot. Richard neigte auch dank des Modeberaters von Communicate, Pietro de Angeli, zu zurückhaltender Eleganz – diese Besucher wirkten protzig. Sie kroch unter dem Tisch hervor. Beim Anblick der fünf Männer erstarrte sie.
„Guten Tag“, brachte sie hervor. „Es ist schon geschl…“ Die herrische Geste eines Mannes mit einem sehr gepflegten Bart und in einem auffälligen Nadelstreifanzug ließ Rosas Stimme sofort ersterben. Sie rappelte sich auf und sah die Männer, die einen eindeutig arabischen Einschlag hatten, mit großen Augen an. Um etwas Abstand zwischen sich und die Besucher zu bringen, flüchtete Rosa hinter die Getränketheke und zog ihr Mobiltelefon zu sich heran. Sie wartete ab. Einer der Männer in einem etwas schlichteren Anzug trat vor. „Guten Tag, mein Name ist Raschid und ich darf für meinen ehrenwerten Herrscher Scheich Makram sprechen.“ Der Untergebene zeigte mit großer Geste auf den Mann im Nadelstreif und verneigte sich dabei. Offensichtlich wurde von Rosa irgendeine Reaktion erwartet. Da der Scheich sie aber betrachtete, als wäre Rosa nicht mehr als eine Küchenschabe, drückte sie rasch auf Richards Kontakt und verschränkte dann trotzig die Arme. Makrams Oberlippe zuckte missbilligend. Rosa zog ihre rechte Augenbraue nach oben und ihre hellgrauen Augen feuerten zornige Blitze. Um ein Haar hätte sie ungeduldig mit ihrem Kochpantoffel auf den Boden geklopft.
Richard saß gerade in einem Meeting, doch als das Bild seiner Frau auf dem Display erschien, entschuldigte er sich sofort: „Ich bitte Sie vielmals um Verzeihung, aber da muss ich rangehen.“ Er verließ den Raum. „Liebling?“ Normalerweise sagte Rosa sofort etwas zu ihm, doch am anderen Ende der Leitung blieb es still. Dann hörte er eine Männerstimme, die in einer fremden Sprache redete.
„Was suchen Sie hier im Mittagstisch?“, kam es von seiner Frau. Richards Herz tat einen Satz. Rosa brauchte seine Hilfe. Waren jetzt noch Gäste im Restaurant? Er sah auf seinen Microgrider von Tag Heuer. Nach vierzehn Uhr eigentlich nicht mehr. Er hetzte den Gang der Firmenzentrale von Communicate entlang und stürzte beinahe in das Büro seiner Assistentin. „Elfriede. Es gibt einen Notfall. Ich muss weg. Bitte treiben Sie Helmut oder Silvia auf. Jemand muss das Meeting in Raum 4 für mich übernehmen.“ Er sah zu seinem Hund, der während seiner Abwesenheit bei Elfriede im Zimmer gelegen hatte. „Hermes, bleib noch.“
In der Zwischenzeit hatte Raschid angesichts der aufmüpfigen Frau seine Sprache wiedergefunden. „Scheich Makram ist, auf die Bitte seines Sohnes hin, extra angereist und wir sind auf der Suche nach Florentina Ennberg. Dieses Restaurant soll ihrer Mutter gehören.“ „Und?“, fragte Rosa angespannt.
Der Scheich knurrte wieder etwas auf Arabisch und Raschid erbleichte. Mit betont unterwürfiger Miene gab er eine Antwort. Nun zuckte auch die Unterlippe eines jüngeren Mannes, der aufgrund seiner Ähnlichkeit mit dem Scheich, wohl die Frucht seiner Lenden war. In Rosas Gehirn arbeitete es: Was hat Tina mit solchen Leuten zu schaffen?
Im selben Moment tauchte Richard vor dem Auslagenfenster auf. Mit seiner unvergleichlich selbstsicheren Art stieß er die Tür auf. Die Besucher drehten sich alle zu ihm um. Raschids Miene erhellte sich augenblicklich, denn endlich konnte er mit einem Mann reden. Er verbeugte sich und wollte zum Sprechen ansetzen, doch diese Frau kam ihm zuvor.
„Die Herren hoffen Florentina Ennberg hier zu finden“, sagte Rosa nicht ohne Hohn in ihrer Stimme.
Richard wusste instinktiv, wer der Ranghöchste war und brannte ihn mit einem Blick aus seinen saphirblauen Augen fest. „Was wollen Sie von meiner Tochter?“, fragte er scharf.
Raschid lächelte verbindlich und übersetzte die Frage für seinen Herrscher. Makram nickte mit selbstgefälliger Miene. Der Übersetzer hob nun mit großer Geste zum Sprechen an. „Mein ehrenwerter Herrscher, Scheich Makram, wünscht im Namen seines jüngsten Sohnes Prinz Abadi die Bedingungen für eine Heirat mit Ihrer Tochter auszuhandeln, Herr Ennberg.“
Richards Blick wanderte zuerst zum Scheich, dann zu dessen Sohn und schließlich zu seiner Frau, die hinter dem Rücken der Besucher entsetzt den Kopf schüttelte. „Hier ist wohl kaum der geeignete Ort für ein Gespräch dieser Art“, erwiderte Richard ruhig.
Raschid nickte mehrmals und wirkte genau wie die Marionette, die er im Grunde auch war. „Diese Örtlichkeit hier soll Ihrer Frau gehören. Deswegen war Scheich Makram so gnädig, diesen mehr als bescheidenen Platz zu betreten.“ Rosa schnappte nach Luft, doch Richard schickte ihr mit einem Blick eine leise Warnung. Ihm zuliebe hielt sie sich zurück, doch am liebsten hätte sie laut geschrien: Eingebildete Schnösel! Und noch einiges mehr …
Richard hatte eine seiner Visitkarten hervorgezogen und gab sie dem Übersetzer. „Ich schlage vor, dass wir uns in einer Stunde an dieser Adresse treffen. Dann können wir uns auch anhören, was Florentina und ihre Mutter dazu zu sagen haben. Und ich werde bitte mit Herr Dr. Felsinger angesprochen.“
Raschid hob erstaunt die Augenbrauen, aber er wusste ja, dass in Europa andere Sitten herrschten – die Frauen wurden angehört und Töchter trugen gelegentlich andere Nachnamen als ihre Väter. Er übersetzte das Gesagte auf Arabisch. Der Scheich schien ebenfalls überrascht zu sein, aber dann nickte er widerwillig. Ohne ein Wort des Grußes wandte er sich zum Gehen. Einer der Leibwächter, wie Rosa nun erkannte, eilte sofort zur Tür und hielt sie auf. Endlich waren die unwillkommenen Besucher fort.
Rosa fuhr sich mit einem Seufzer über ihr Gesicht. Richard merkte, dass Tränen in ihren Augen glitzerten. Er ging zu ihr und schloss sie in seine Arme. „Mein Liebling, ich bin hier. Ich bin für dich da.“
„Danke“, flüsterte Rosa und konnte nicht mehr verhindern, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen. Ihr Mann küsste sie sanft. „Rosalind, was ist denn los?“ Richard merkte, dass seine Frau den Kopf schüttelte. „Ich … ich, oh, Richard, ich mache Flecken in deinen Anzug.“ Sie hob den Kopf und sah in seine lächelnden Augen. Wie schon so häufig, beruhigte sie sich sofort. „Ich habe keine Ahnung, bester aller Männer. Tina hat nichts gesagt.“
„Gut. Es wird sich alles aufklären lassen.“ Richard gab Rosa noch einen Kuss. „Komm, mein Liebling, trockne bitte deine Tränen, gehe dich umziehen und dann werden wir Scheich & Co. mit den eigenen Waffen schlagen.“ Rosa sah ihn verwirrt an, doch da seine Augen vergnügt aufblitzten, überließ sie ihrem Mann gerne die Führung.
Richard rief seine Assistentin an. „Elfriede, sagen Sie Peter, dass ich ihn bitte beim Mittagstisch brauche. Er soll den Rover nehmen und Hermes gleich mitbringen. Und sehen Sie bitte in meinem Terminkalender nach, ob ich für heute schon frei bin.“ Er brauchte keinen Wimpernschlag auf die Antwort zu warten. „Herr Dr. Furth hat den Termin um 15.00 Uhr schon in seinem Kalender stehen, Herr Dr. Felsinger, und Peter wird sofort bei Ihnen sein“, sagte Frau Stanek in ihrer ruhigen Art. „Gestatten Sie mir die Frage: Ist alles in Ordnung?“ „Ja, und Sie dürfen immer fragen, Elfriede. Rosalind braucht dringend meine Unterstützung. Wir kommen in einer Stunde zurück. Ist das große Konferenzzimmer frei?“
Rosa kam aus dem Abstellraum zurück, in dem sie sich immer umzog und warf noch einen Kontrollblick in die Küche.
„Ja, die Haustechniker sollen die Tische für eine Konfrontationsverhandlung aufstellen. Und es geht zwar gegen unsere Regeln, aber schicken Sie bitte jemanden von unserer wunderbaren Reinigungsabteilung noch einmal mit dem Staubsauer durch das Foyer.“
Richard ging mit Rosa auf die Straße und wartete, dass sie abgesperrt hatte. Der Firmenchauffeur hielt in einer Einfahrt und ließ seine Fahrgäste einsteigen.
„Guten Tag, Peter. Zu mir nach Hause und Sie warten bitte auf uns. Wir müssen dann noch einmal zu Communicate.“
„Gerne, Herr Dr. Felsinger. Frau Felsinger, wie schön Sie zu sehen.“
„Danke, Peter“, murmelte Rosa abgelenkt und kuschelte sich an Richards Seite. Er hob den Blick von seinem Mobiltelefon. „Ich habe gerade Lou verständigt. Er kommt und passt auf Hermes auf. Ja, ich habe dich bemerkt.“ Richard sah zu seinem Hund in den Fond. „Leg dich wieder hin.“
„Ein Hoch auf unseren verlässlichen Hausgeist.“
„Ja, wohl wahr. Also, mein Liebling. Wir werden uns umziehen. Du nimmst am besten die Sachen, die du bei Jonkis Hochzeit getragen hast – diesen smaragdgrünen Kaftan.“ „So elegant?“ „Nur so besteht eine Chance, dass du überhaupt wahrgenommen wirst.“
„Mmh“, grummelte Rosa. „Muss ich mich auch in die Riemchenschuhe quetschen?“
„Ja“, meinte Richard knapp. Er suchte nach einem Kontakt in seinem Telefon. „Nun, dann schauen wir einmal, wo unser Sonnenkäfer steckt.“
„Der Spitzname wird ihr ewig bleiben.“
Richard lächelte. „Solange sie ihren Faible für Marienkäfer und ihr sonniges Gemüt beibehält, dann wohl ja.“
„Hei pappa, hva skjer?“, antwortete Tina auf Norwegisch, weil sie sich einen Spaß daraus gemacht hatte von Richard ein paar Brocken seiner Muttersprache zu lernen. „Hi, Sonnenkäfer. Sagt dir der Name Abadi etwas?“ Das genervte Aufstöhnen seiner Stieftochter sprach Bände. „Vorgestern Abend, Semesterfest am Campus. Irene hat mich dorthin geschleift. Ich wollte einfach noch etwas Uniluft schnuppern, bevor es morgen früh losgeht. Am Anfang war es sehr nett. Es hat sogar ein angesagter DJ aufgelegt. Plötzlich stand dieser arrogante Affe zusammen mit ein paar anderen Typen vor mir und laberte in Englisch etwas von meinem hervorragenden Schicksal, weil er auf mich aufmerksam geworden sei. Er hält sich wohl für so eine Art Gottesgeschenk für die alle Frauen auf dieser Erde. Pfff! Irene wollte noch bleiben, aber ich habe mich dann ziemlich schnell verdrückt, sonst wäre ich auf seinem Gesabber noch ausgerutscht.“
Richard lachte leise. Das Mädchen würde sich selbst immer treu bleiben. „Hör zu, Tina, gibt es irgendeine Möglichkeit, dass er eine Verbindung zum Mittagstisch herstellen konnte?“ Tina holte erschrocken Luft. „Ist mit Mama alles OK?“
„Ja, ja. Keine Sorge, Sonnenkäfer. Sie sitzt hier neben mir. Ich gebe dich weiter.“
„Mama, was ist los?“, wollte Tina sofort wissen. Rosa fasste die Ereignisse in wenigen Sätzen zusammen.
„WAS?“, schrie Tina völlig außer sich ins Telefon. Ihre Mutter hielt das Telefon kurz von ihrem Ohr weg. „Beruhige dich bitte, mein Schatz. Kannst du bitte zu Communicate kommen? Sollen wir dich irgendwo abholen?“ „Ich bin gerade mit dem Fahrrad unterwegs, weil ich noch einigen Formularkram für meine Beurlaubung vom Studium erledigen musste. Ich kann in weniger als zehn Minuten da sein.“
„Nein, es genügt kurz vor vier Uhr, Sonnenkäfer. Richard wird sich der Sache mit uns gemeinsam annehmen und die Angelegenheit wird aus der Welt geschafft.“
„Mit Papas Hilfe auf jeden Fall“, lachte Tina und war wieder guter Dinge. Plötzlich fiel ihr etwas ein. „Irene! Sie muss etwas ausgeplaudert haben. Erst vorgestern sagte sie mir, dass ich endlich über Gerhard hinwegkommen müsse.“ Tina schwieg kurz. „Mein Liebeskummer ist wohl zu offensichtlich“, schloss sie betrübt.
„Kopf hoch, Sonnenkäfer. Jetzt richten wir einmal eine Sache gerade.“ Rosa verabschiedete sich von ihrer Tochter und gab ihrem Mann das Telefon mit einem Seufzer zurück. „Tinas Freundin glaubte etwas Gutes zu tun, wenn sie Cupido auf die Sprünge hilft. Leider wurde der Pfeil auf den grundverkehrten Mann abgeschossen. Prinz Abadi! So ein Clown.“
Gerhard fuhr mit seinem Audi TT zur Garageneinfahrt von Communicate. Sein Dienst im Theater würde erst um 19.00 Uhr beginnen und er wollte noch einige Dokumente von Elfriede abholen. Richard hatte als CEO und Mehrheitseigentümer entschieden, dass Gerhard auch während seiner Freistellung das volle Vertrauen der Firmenleitung genoss und so konnte er das automatische Tor mit seiner gültigen Zutrittskarte öffnen. Er nahm den Lift ins Erdgeschoss, wo der Eingang in die Firmenzentrale lag. Aus dem Augenwinkel sah er, dass Richards Mercedes Sedan vor dem Haupteingang hielt. Der CEO fuhr aber nicht selbst, sondern Peter saß am Steuer. Richard stieg aus und Gerhard hob die Augenbrauen. Da stand wohl ein sehr wichtiger Termin auf seinem Kalender. Sein Chef hatte einen Dreiteiler im feinen Nadelstreif an. Dazu trug er ein weißes Hemd und eine goldgrün gemusterte Krawatte.
Gerhard blieb stehen, um Richard zu begrüßen, doch der CEO drehte sich wieder zum Auto und half Rosa heraus. Tinas Mutter sah aus wie die Königin von Saba. Sie trug eine smaragdgrüne 7/8Hose, dazu ein passendes Top und darüber eine Langjacke in derselben Farbe, die mit einer breiten Goldborte eingefasst war. Ihre bronzefarbenen langen Haare glänzten im Licht der Nachmittagssonne. Vor seiner Arbeit bei Communicate wären Gerhard all diese Details nie aufgefallen. Doch die nonverbale Kommunikation in Form von Mimik, Gesten und der richtigen Kleidung gehörte laut Dr. Richard Felsinger genauso zum Gesamtpaket wie das gesprochene Wort. Somit waren sämtliche Mitarbeiter durch die hohe Schule des PRGenies und Modeberaters Pietro de Angeli gegangen. Auch Gerhard hatte einen Anzug an – es wäre ihm gar nicht eingefallen, Communicate in weniger angemessener Kleidung zu betreten.
Plötzlich kam Tina mit ihrem Fahrrad über den Vorplatz. Sie schien ehrlich erleichtert zu sein, ihre Eltern zu sehen. Gerhard blieb abwartend in der Halle stehen und weidete sich am Anblick seiner Traumfrau.
„Hallo, Mama. Hi, Papa. Ihr seht aber elegant aus“, stellte Tina mit leicht schriller Stimme fest. Sie sah an sich herab. „Oje, ich habe nur einen geblümten Rock und diese Bluse unter meinem Spencer an. Hätte ich mich auch umziehen sollen?“
„Nein, Sonnenkäfer. Es passt alles perfekt“, beruhigte ihr Stiefvater sie. Er lotste die Damen zur Tür und sagte: „Das Ziel dieses Treffens ist, dass die werten Herren nachher gar nicht mehr wissen, wozu sie eigentlich hier waren.“
Gerhard ging auf die Ankommenden zu. „Gerd!“ Tina zuckte zusammen und klammerte sich fast an ihre Mutter. Gerhard grüßte in die Runde und sein Blick blieb an Tina hängen. „Was ist los?“, fragte er rundheraus. Richard deutete mit dem Kopf auf Helmut, der gerade aus dem Korridor der Firmenzentrale kam. „Wir warten auf Helmut, dann informiere ich euch.“
Nachdem Richard die Anwesenden über das kommende Gespräch in Kenntnis gesetzt hatte, grinste Helmut breit und seine honigbraunen Augen blitzten diabolisch auf. Er sah bewusst Richard an. „Wie viele Kamele soll ich denn für Tina herausschlagen?“
Rosa gab dem Firmenanwalt und Leiter der Verkaufsabteilung einen Klaps auf den Arm. „Bist du von allen guten Geistern verlassen, Helmut? Hör sofort auf oder ich stecke Silvia deine blöde Idee.“
Helmut lachte und hob beide Hände. Er wollte etwas sagen, doch er wurde von Gerhard unterbrochen. „Eine sehr blöde Idee“, brummte er warnend und stellte sich besitzergreifend neben Tina. „Wir werden das anders regeln.“ Er griff unter seinen Hemdkragen und holte ein Lederband hervor. Dabei zwängte er einen Ring heraus. „Du hast den Ring bei dir?“, keuchte Tina auf. „Ja, Sonnenkäfer. Immer und überall. Und JETZT kommt er an den richtigen Platz.“ Gerhard zog die Magnetschließe auf und ließ den Ring auf seine Handfläche fallen. Ohne langes Zögern nahm er den Goldring, auf dem ein Marienkäfer aus Gold und wertvollen Steinen saß, und steckte ihn an Tinas linken Ringfinger. Zum Abschluss hauchte er einen Kuss darauf. „So, passt perfekt und Prinz Sonstwer kann sich bitte eine andere Frau suchen. Tina ist MEINE Verlobte.“
Alle weiteren Überlegungen und ein eventueller Einwand Tinas wurde durch die Ankunft der Hoheiten abgewürgt. Gerhard griff demonstrativ nach ihrer Hand. Tina stand angesichts der Delegation aus dem fernen Emirat unter Schock und überließ sich bereitwillig Gerhards Führung. Der Scheich war sichtlich vom Glaspalast, der Communicate beherbergte, beeindruckt und wies seinen Übersetzter an, einen Schwall von Lobesworten ins Deutsche zu übertragen. In der Zwischenzeit blieb der Blick Makrams an Rosa hängen. Richard behagte die Lüsternheit in dessen Augen nicht und er zog seine Frau näher zu sich heran. Rosa hatte es auch gemerkt und sie verschwand fast hinter Richard. Prinz Abadi führte zeitgleich einen nonverbalen Schlagabtausch mit Gerhard um Tina.
Nachdem alle Vorstellungsrituale abgeschlossen waren, führte Richard die Besucher in den vorbereiteten Verhandlungsraum. Er hielt Rosa dabei demonstrativ an seiner Seite und ließ ihr auch den Vortritt. Der Scheich und seine Entourage konnten sich nur in die Entscheidung fügen. Nach ihnen betrat Gerhard mit Tina an der Hand den Raum und zuletzt folgte der Firmenanwalt Dr. Helmut Furth. Richard bat die Besucher an der gegenüberliegenden Tischreihe Platz zu nehmen, dann stellte er sicher, dass Rosa zu seiner rechten und Tina zu seiner linken Seite saßen. Die Araber mussten damit zurechtkommen, dass er sich von zwei Frau flankieren ließ. Gerhard saß links neben Tina und Helmut nahm den Platz neben Rosa.
Als Zeichen der Machtdemonstration eröffnete der Scheich das Wort und Raschid musste übersetzen. Im Großen und Ganzen ging es um eine Wiederholung des Hochzeitsofferts. Bei jedem Wort rückte Gerhard mehr und mehr zu Tina und hielt dem Höllenblick Abadis gelassen stand. Richard hörte sich den ganzen Unsinn mit regloser Miene an. Unter dem Tisch streichelte er beruhigend Rosas Hand, denn sie, und Richard kannte die Zornausbrüche seiner Frau nur allzu gut, stand kurz vor dem Explodieren.
Als der Scheich mit seinen salbungsvollen Worten geendet hatte, sah Richard jedem lange in die Augen. Raschid begann unruhig hin und her zu wetzen. Er wurde erlöst, als sich Herr Dr. Helmut Furth auf Englisch direkt an Abadi wandte: „Hat Frau Florentina Ennberg zu irgendeinem Zeitpunkt zum Ausdruck gebracht, dass sie Interesse an einem derartigen Arrangement mit Ihnen haben könnte?“
Gerhard, der seiner Traumfrau schon eine gefühlte Ewigkeit nachrannte, stieß ungläubig die Luft aus. Es war Abadi hoch anzurechnen, dass er zumindest so ehrlich war, den Kopf zu schütteln. Er antwortet selbst: „Nein, diese Freundin sagte mir, dass Florentina zu haben sei.“ Bei der Ausdrucksweise ‚… that I could have her‘ musste Richard seiner Frau die Hand fest auf den Oberschenkel legen. Rosa war durchaus in der Lage, über den Tisch zu hechten, um dem Schnösel die Leviten zu lesen. Helmut und Richard waren seit Jahren ein eingespieltes Team und der Firmenanwalt lehnte sich zurück. Sein Part war erledigt. Richard sah bewusst Scheich Makram an und sprach Deutsch. „Sie begründen Ihrer aller Anwesenheit und Ihr Angebot auf der Aussage einer Bekannten meiner Tochter?“ Richard hob die Augenbrauen und sah die Besucher mit unglaublicher Herablassung an. Bevor er weiterredete, drückte er Rosa noch einmal in ihren Sessel. „Einer Frau?“
Raschid schnappte nach Luft und wand sich wie ein Wurm an der Angel, bevor er sich an die Übersetzung traute. Kaum hatte er ausgeredet, schoss Scheich Makram der Zorn durch die Adern und sein Kopf fuhr zu seinem Sohn herum. Abadi schrumpfte in seinem Sessel zusammen. Wie es schien, hatte der Spross die Situation in einem anderen, viel positiverem Licht erscheinen lassen. „Ich darf klarstellen, dass“, sagte Richard mit einer Stimme, die Stahl geschnitten hätte, „Florentina nicht zu haben ist, obwohl ich mich an dieser Stelle umgehend gegen diese Ausdrucksweise ausspreche, denn es ist alleine ihre Entscheidung mit wem sie ihr Leben verbringen möchte.“ Gerhard hob Tinas Hand und drückte ihr demonstrativ einen Kuss auf. „Sie ist mit mir verlobt.“
Richard erhob sich. „Ich darf unsere werten Gäste nun bitten, unsere Zeit nicht weiter zu beanspruchen.“
Nachdem die Besucher nach ziemlich knappen Abschiedsritualen gegangen waren, lehnte sich Rosa an Richards Schulter. Er drehte seinen Kopf zu ihr. „Mein Liebling, du weißt, dass du alles für mich bist?“, flüsterte er ihr zu. Er hob ihr Kinn mit seiner Hand. „Deine Meinung wird immer sehr wichtig für mich sein.“ Er gab ihr einen Kuss auf ihren weichen Mund.
„Danke, bester aller Männer. Was täte ich ohne dich?“ Rosa sah zu Tina, die einen verwirrten Eindruck machte. „Alles in Ordnung, mein Schatz?“ Tina schüttelte den Kopf und nickte gleichzeitig. „Äh, ich weiß nicht, Mama.“ Dann fiel sie ihrem Stiefvater um den Hals. „Danke, Papa, ich hab‘ dich lieb.“
Richard drückte Tina liebevoll. „Ich dich auch, Sonnenkäfer. Bevor du fährst, solltest du ein ernstes Gespräch mit dieser Irene führen.“
„Ja, sonst ist sie in Ordnung, aber das war sehr doof.“
Gerhard stellte sich neben Tina und hielt ihr seine Hand hin. „Wir werden auch ein Gespräch führen.“
Tina zögerte, doch Richard schob sie sanft in Gerhards Richtung. „Komm, sprich dich mit Gerhard aus.“
Rosa sah den beiden hinterher und seufzte. „Ich muss mich umziehen und im Mittagstisch fertig aufräumen.“ „Nein, mein Liebling.“ Richard lächelte seine Frau breit an. Er holte sein Mobiltelefon heraus und zeigte Rosa ein SMS von Maria: Ja, machen wir gerne. Deine Idee ist sehr nett.
Rosa sah ihren Mann fragend an. „Maria und Jonki räumen den Mittagstisch auf? Wann hast du denn das organisiert? Und welche Idee?“
Richard nahm Rosas Gesicht in seine Hände und ließ seine Augen über jedes Detail ihres Antlitzes gleiten. Dann küsste er sanft ihre Augenbrauen, ihre Wangen und ihre Nase. „Wir sind genau richtig angezogen für einen Aperitif im Stern und dann gehen wir ins Daniel.“ Bei der Nennung der exklusivsten Bar der Stadt und dem Luxustempel unter den Restaurants wurden Rosas Augen groß. Sie wollte schon zum Protest ansetzen, doch Richard stoppte sie, indem er sie auf den Mund küsste. „Ich war noch nicht fertig, mein Liebling. Und heute bekommst du Millionärskram, Rosalind – die volle Breitseite!“
Kerstin zeigte auf einen Mann, der auf der altersschwachen Gegensprechanlage die Namen durchsah. „Tina, schau mal, will der etwa zu uns?“ Am linken Arm balancierte er einen Rosenstrauß in beachtlicher Größe. Tina hatte in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel gekramt und sah auf. „Keine Ahnung. Wie kommst du darauf?“
Ihre Mitbewohnerin verdrehte die Augen. „In unserem Haus gibt es vier Parteien, Tina. Frau Nikolaidou aus dem ersten Stock ist mindestens hundertvierunddreißig Jahre alt. Herr Passadakis ist nur halb so alt, aber ich glaube nicht, dass er der Adressat für dunkelrosafarbene Nostalgierosen ist und in der anderen Wohnung hat Yiorgos die freien Zimmer an einige Jungs aus unserer Firma vermietet. Ergo bleiben nur wir drei Supergirls.“ „Ah, die Frau Spitzenanalytikerin hat wieder den vollen Durchblick. Und, hast du einen reichen Verehrer, von dem du mir noch nichts erzählt hast?“ „Zum meinem größten Bedauern, nein.“ „Vielleicht hat sich jemand in Hermine verguckt“, meinte Tina.
Kerstin prustete vor Lachen los. „Wohl kaum. Sie sucht sich mit der Zielgerichtetheit eines Spürhundes nur AlphaKevins mit Bildschirmbräune und Arschfax aus. Wir finden es am besten heraus, in dem wir den Lieferanten fragen. Mh?“ Sie schob Tina vor sich her, weil ihre Mitbewohnerin im Griechischkurs, den der Reiseveranstalter den Mitarbeitern bot, fleißiger war. „Γεια σας“, grüßte Tina höflich und fragte, nach wem der Mann suchte.
„Ψάχνω για αυτή τη γυναίκα“, sagte der Blumenlieferant und hielt Tina ein Klemmbrett hin. Kerstin stieß einen Freudenschrei aus. „He, der sucht ja dich. Komm, quittiere den Empfang und ich will SOFORT wissen, wen du dir da geangelt hast.“ Sie sprang wie ein Waldelf herum und ihre kurzen blonden Locken hüpften eifrig mit. Beklommen dachte Tina an die unangenehmen Avancen von Prinz Abadi und suchte auf dem Lieferschein nach dem Auftraggeber: Gerhard Landsknecht. Gerhard schickte ihr Blumen bis nach Athen? War er denn komplett verrückt geworden? „Äh, nαι, αυτό είμαι εγώ“, gab sie sich zu erkennen. Mit erleichtertem Gesichtsausdruck übergab der Lieferant das schwere Gebinde. Er kritzelte die Uhrzeit auf den Zettel und hielt dann Tina das Klemmbrett wieder unter die Nase. „Ich mache das.“ Kerstin nahm den Kugelschreiber und machte eine kleine Paraphe. „Los, nach Hause“, drängte sie ihre Mitbewohnerin. „Ich zerplatze noch vor Ungeduld.“
Tina nickte verwirrt und rief dem Lieferanten noch einen Abschiedsgruß hinterher. „Äh, ja. Kerstin, kannst du bitte aufsperren?“
„Sind diese Blumen tatsächlich den weiten Weg von Zuhause bis hierher gereist?“, murmelte Tina und roch an einer Blüte. „Nein, auf dem Lieferwagen war ein Sticker von Fleurop neben dem Firmennamen.“
Tina sah Kerstin fragend an. Die Mitbewohnerin verdrehte kurz die Augen. „Hast du noch nie irgendwelche Blumen verschickt?“ Tina schüttelte den Kopf. Kerstin hatte aufgesperrt und wartete bis Tina mit dem Strauß durch das schmale Tor geschlüpft war. „Du findest fast überall auf der Welt PartnerFloristen von Fleurop. Dort bestellst du die Art des Gebindes und suchst die Blumen aus. Der Strauß selbst wird im Lieferort gefertigt und dem Empfänger überbracht.“ Kerstin drehte sich auf der Stiege kurz um und deutete auf das Stoffherz, das in der Mitte der Rosen saß und von feinem Silberdraht umsponnen war. „Der fällt unter die Sorte Deluxe.“
„Du meine Güte.“
„Wo hast du denn diesen Ausdruck her? Aus dem Lexikon für das wohlerzogene Burgfräulein des sechzehnten Jahrhunderts?“
„Äh, nein, und wenn, dann wäre es das dreizehnte oder vierzehnte Jahrhundert.“
Kerstin stöhnte kurz und sperrte die Wohnungstür auf. Sie warf ihre Handtasche auf den altersschwachen Korbsessel, der unter der Attacke ächzte und wirbelte zu Tina herum. „Also, wer ist der Märchenprinz?“
Tina bog in die Küche ab und legte den Rosenstrauß auf den zerkratzten Resopaltisch. „Haben wir überhaupt eine Vase?“ Sie machte eines der Küchenkästchen auf und fischte den Bierkrug heraus, den wohl einmal ein heimwehgeplagter Vormieter zurückgelassen hatte. „Wer schleppt bitte einen Humpen vom Oktoberfest bis nach Athen?“, murmelte sie und füllte Wasser hinein. „Hier, das Päckchen mit der Blumennahrung und hoppla! Da ist auch ein Kuvert dabei.“ Kerstin hielt Tina den Brief hin, die noch die Blumen ins Wasser stellte. „Du weißt sicher auch, wie das geht.“ „Ja, der Text kommt als PDF zur Bestellung dazu und wird vom betreffenden Blumenshop in die Karte gedruckt. Mit diesem System kannst du sogar Grüße auf Arabisch nach China schicken.“
Tina zog die Karte, auf der hunderte Herzchen tanzten, heraus.
Ich denke Tag und Nacht an Dich, Sonnenkäfer.
Mein Herz gehört nur Dir.
In Liebe Gerd
„Wer ist Gerd?“, fragte Kerstin, die Tina ungeniert über die Schulter geschaut hatte.
„Äh, mein Ver … äh, ein sehr guter Freund.“
„Du nimmst mich auf den Arm?“ Tina zog den Küchensessel geräuschvoll unter dem Tisch hervor und ließ sich drauffallen. „Es ist kompliziert.“
„Was? Wie es scheint, hat er Geld,“, Kerstin streichelte über eine riesige Blüte, „einen sehr guten Geschmack und er steht total auf dich. Was ist daran bitte kompliziert?“ Kerstin runzelte die Augenbrauen. „Ist er hässlich?“
Tina zog ihr Mobiltelefon aus der Jackentasche und suchte nach einem Foto von Gerhard. Ohne Worte gab sie es ihrer Mitbewohnerin. Kerstins Augen wurden so groß wie zwei Untertassen. „Ist er etwa Fotomodel für Herrenanzüge?“ „Nein, er trägt nur solche Sachen. Das ist der Dresscode in der Firma meines Stiefvaters.“ Tina lehnte sich zu Kerstin hinüber und wischte ein paar Fotos weiter. „Das ist mein älterer Bruder und seine Frau.“ Kerstin zog einen Flunsch. „Schade, dass er schon vergeben ist, aber die zwei sind auch irgendwie süß zusammen.“
„Das ist meine Mama …“
„Du siehst ihr voll ähnlich“, bemerkte Kerstin.
„ … und das ist der Papa.“
„Auch kein Fotomodel wie ich annehme, könnte er aber sein.“ „Er ist in der Kommunikationsbranche.“
„Okay. Gerd arbeitet also bei ihm. Es kommt zu diesem Aussehen also noch ein Superjob dazu“, stellte Kerstin fest und sah Tina mit verengten Augen an. „Ich hab’s. Er kann nicht küssen oder er bringt es nicht im Bett.“ Tina lief knallrot an und hoffte, im Boden würde sich ein Loch auftun. Doch dann wäre sie Herrn Passadakis vermutlich auf den Schoß gefallen. „Muss … muss ich dazu etwas sagen?“
Kerstin schaute Tina nachdenklich an. „Du bist noch Jungfrau“, stellte sie fest.
„Was? Himmel, nein, äh … ja …“ Tina vergrub das Gesicht in ihren Händen. Sie spürte Kerstins Hand auf ihrem Rücken. „He, Tina, ich finde das total süß. Ich wünschte, ein so toller Mann würde mir eine derartige Liebeserklärung machen.“ Tina hob den Kopf und schob ihre Finger ineinander. „Wir verstehen uns so gut, dass wir meistens schon wissen, was der andere denkt, bevor er es überhaupt gesagt hat.“
„Seelenpartner“, sagte Kerstin leise.
„Ja, das ist es wohl.“ Tina schüttelte unglücklich den Kopf. „Ich … ich habe ihn bis jetzt noch nicht einmal geküsst. So richtig, meine ich.“ Dicke Tränen kullerten über ihre Wangen. „Ich liebe ihn so sehr, dass dann sofort das eine zum anderen führen würde. Aber … aber ich fürchte mich wirklich davor, schwanger zu werden.“ Sie schniefte. „Und komme mir bitte jetzt nicht mit Verhütungsmitteln. In meiner Familie werden die Frauen irgendwie schon vom Hinschauen schwanger, als hätten wir irgendwelche atombetriebenen Eierstöcke. Meine Schwägerin eingeschlossen. Das Baby kommt nächsten Mai.“
Kerstin verkniff sich ein Lachen. „Oder es liegt an den tollen Typen in deiner Familie? Mh? Tinaschatz, trockne bitte deine Tränen und dann gehen wir in irgendeinen GlutamatTempel zum Kalorientanken.“
Tina verzog das Gesicht. „Wie kannst du dich nur so ungesund ernähren? Du hast doch schon zu Mittag einen Burger gefuttert.“ Sie stand auf, um ihre Jacke auszuziehen. „Ich würde lieber etwas kochen. Von unseren Einkäufen sind noch genügend Sachen da.“
