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Die liebenswerte Rosa, das Restaurant und eine neue unerwartete Liebe ... Rosa Ennberg hat den Heiratsantrag des erfolgreichen Geschäftsmanns Richard Felsinger angenommen. Beide sind entschlossen, ihre zweite Lebenshälfte miteinander zu verbringen. Doch wie finden zwei so starke Persönlichkeiten einen gemeinsamen Nenner? Richard ist zusätzlich mit Problemen aus seiner Firma Communicate belastet. Sein bester Freund und Geschäftspartner Helmut steckt mitten in einem Rosenkrieg, den er fast nicht verkraftet. Er sucht ausgerechnet bei Richards Exfrau Verena Trost und setzt damit seine Freundschaft mit Richard aufs Spiel. Am Ende hält nur mehr Helmuts Arbeitskollegin Silvia Breitenegg zu ihm und Helmut nimmt sie das erste Mal richtig wahr ...
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Inhaltsverzeichnis
Impressum
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1. Auflage – Copyright © 2020 Annmarie Wallandt mit freundlicher Unterstützung von editio historiae, Leopoldauerplatz 42, A-1210 Wien
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf nur mit Genehmigung der Autorin wiedergegeben werden – das gilt auch für Teile daraus.
Redaktion und Layoutgestaltung: MMag. DDr. Marianne Acquarelli
Titelbild: pixabay– Pexels
Alle Ereignisse und Charaktere sind frei erfunden. Sämtliche Ähnlichkeiten mit Personen, Handlungen und Vorkommnissen sind reiner Zufall.
Richard ließ dem alten Labrador seiner Eltern Zeit, um sich an den herrlichen Düften der frisch gemähten Wiese zu erfreuen. Er hatte Neptun von der Leine gelassen und der Hund wälzte sich, soweit es seine alten Knochen zuließen, selig im Gras. Da es mitten unter der Woche war, trug der CEO von Communicate einen hellgrauen Anzug von Brioni, ein Maßhemd und eine Seidenkrawatte im Pattern Style. Seine graumelierten Haare waren vom besten Herrenfriseur der Stadt in einen perfekten, aber nicht zu akkuraten Seitenscheitel getrimmt worden. Sein dichtes Deckhaar war etwas länger und schräg links nach hinten gestrichen. An den Seiten und im Nacken trug Richard die Haare in der richtigen Proportion kürzer. Vom Scheitel bis zur Sohle verkörperte er den erfolgreichen Unternehmer für Kommunikationstechnik. Nur, wer ihn näher kannte, wusste von seinem Spleen um seine Manschettenknöpfe und hätte heute zwei Miniaturmodelle des Raumschiffs Enterprise der Sternenflotte an seinen Ärmeln entdeckt.
Richard hielt die aufgerollte Leine Neptuns in der linken Hand und steckte seine rechte in die Hosentasche. Er ließ den Blick schweifen und blieb beim Ententeich des städtischen Parks hängen. Der Anblick der Bank, die er sich mit Rosa häufig teilte, ließ ihn lächeln. Seine Gedanken waren sofort bei ihr und der unglaublichen Wendung, die sein Leben in den vergangenen Monaten genommen hatte. Das Schicksal hatte ihm doch tatsächlich in seiner zweiten Lebenshälfte die liebenswerteste, schönste und manchmal auch zornigste Frau der Welt als Partnerin geschenkt. Für Richard war es fast so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gewesen und er hatte nicht lange gezögert, Rosa Ennberg einen Heiratsantrag zu machen. Das war allerdings der leichteste Teil der Übung gewesen. Nun mussten sie täglich an der Feinabstimmung ihrer Beziehung arbeiten.
Rosa hatte seit dem Unfalltod ihres Mannes fünfzehn Jahre lang allein mit den Einkünften aus ihrem kleinen Restaurant namens Mittagstisch für ihre drei mittlerweile erwachsenen Kinder gesorgt. Richard war der erste Mann, dem sie Zutritt zu ihrem Leben gestattet hatte. Ein Umstand, den Richard aber nur seiner Hartnäckigkeit zu verdanken hatte. Seine Lieblingsfrau hatte ihm nicht nur an ihrem ersten gemeinsamen Abend einen Korb gegeben, sondern ihn bei ziemlich vielen Gelegenheiten wissen lassen, dass sie sehr gut ohne ihn zurechtkam. Und es stimmte auch. Während er vor seiner Ehe daran gewöhnt war und nach der Scheidung darunter gelitten hatte, von heiratswütigen Frauen belagert zu werden, musste er sich nun gewaltig anstrengen, um Rosa von seinen Qualitäten zu überzeugen. Er konnte aber weder mit seinem beruflichen Erfolg noch mit seinem hart erarbeiteten Vermögen bei ihr punkten. Das war neu und eine echte Herausforderung. Aber auch der Grund, aus dem er sie abgöttisch liebte.
Sein Mobiltelefon läutete. Er kannte die Nummer nicht, hob aber trotzdem ab. „Richard Felsinger.“ „Hallo, Richard. Hier ist Evelyn. Ich habe mein Telefon vergessen. Die Arzthelferin ist so nett und lässt mich kurz das Ordinationstelefon benutzen. Ich werde mich leider um fünfzehn Minuten verspäten. Es ist viel los im Labor. Geht das noch für dich?“ „Ja, Evi, kein Problem. Ich habe meinen ersten Termin erst um zehn und Neptun ist über jede Minute an der frischen Luft glücklich.“ „Gut, bis nachher.“
Mit einem Lächeln steckte Richard sein Telefon wieder ein. Die liebe Evelyn. Die ältere Nachbarin, beste Freundin von Rosa und auserkorene Wahloma von Rosas Kindern war auch zu einem echten Gewinn in seinem Leben geworden. Richard warf einen kontrollierenden Blick auf Neptun, doch er hatte sich seitlich ausgestreckt und döste in der Sonne. Im Augenwinkel fiel Richard ein Jogger auf, der den Ententeich mit einer beachtlichen Geschwindigkeit umrundete. Als er näherkam, erkannte Richard bei der Sportskanone Rosas älteren Sohn Johannes, der sich seit dem Ende seiner freiwilligen Militärzeit weiter fit hielt. Zum Glück, dachte Richard. Sonst wäre die Sache mit Fedotow nicht so gut ausgegangen.
Johannes hatte Richard entdeckt und steuerte auf ihn zu. Dann hielt er außer Atem bei ihm an. „Guten Morgen, Richard.“ Er stützte die Hände auf seine Oberschenkel und zeigte mit dem Kopf auf Neptun. „Versteht er das unter Gassigehen?“ Richard lachte leise. „Guten Morgen, Jonki. Ja, dreimal ausrinnen und zweimal hinlegen gehören mittlerweile fix dazu.“ „Bleibt er bei dir?“ Jonki richtete sich auf.
„Ja.“ Richard nickte. „Meinem Vater geht es zwar besser und er ist ja auch wieder zu Hause. Der Arzt, der ihn operierte, warnte meine Eltern aber ausdrücklich vor Sturzgefahr. Und du kennst ja Neptuns Angewohnheit, ständig im Weg oder auf jemandes Füßen herumzuliegen. Das geht auf keinen Fall.“ Er lächelte den jungen Mann vor sich an. „Wie geht es bei euch?“ Jonki grinste. „Danke, sehr gut. Seit heute weiß ich, dass Maria genauso wütend werden kann wie Mama. Das hätte ich ihr gar nicht zugetraut.“ Er zeigte über seinen Kopf. „Ich konnte die Zornwolke über ihrer blonden Mähne richtiggehend sehen. Sehr schnuckelig.“ „Warum war sie böse?“ „Sie war zu spät dran für irgendeine Vorlesung und das ist ihr immer furchtbar peinlich.“ Jonki zuckte mit den Schultern. Sein zukünftiger Stiefvater hob die rechte Augenbraue und ließ den Blick aus seinen saphirblauen Augen abwartend auf Johannes ruhen. „Na, ja. Ich war der Grund für ihre Verspätung, aber irgendwie trägt sie auch die Mitverantwortung.“ Johannes grinste wie ein Kater, der den Sahnetopf entdeckt hatte. „Heute war Maria mit dem Frühstückmachen dran. An meinen Tagen gibt es ja meistens ein Brot mit Schinken, Marmelade oder so etwas. Meine holde Maid hingegen kocht mit Hingabe Haferbrei mit frischen Früchten und Mandeln. Es schmeckt lecker, aber jetzt gibt sie auch noch Brombeeren dazu.“ Der Schalk funkelte in Jonkis grauen Augen. „Ich versuchte, ihr zu erklären, was sie mir mit dem ganzen testosteron- und libidosteigernden Zeugs eigentlich antut. Bei der Truppe wurden wir ja auch mit Hafergerichten zum Frühstück abgefüllt, damit wir beim Training nicht schlapp machten.“
„Sie hat das als Unsinn abgetan?“, fragte Richard leise und schmunzelte dabei. „Ja.“ Jonki grinste breit. „Das konnte ich so nicht auf mir sitzen lassen.“ Richard lachte laut und genoss die lockere Art, die Johannes im Umgang mit ihm an den Tag legte. Eine Beziehung dieser Art hätte sich Richard wohl auch mit seinem Sohn gewünscht, aber aus einer Laune des Schicksals heraus, hatte er keine eigenen Kinder haben können. Nun hatte er durch Rosa wenigstens einen sehr guten Ersatz bekommen. „Ich bin mit Evelyn verabredet. Sie kommt in zehn Minuten“, erklärte Richard. „Was heckt ihr aus?“, wollte Jonki sofort wissen. „Ich möchte Rosa eine Freude machen. Sobald wir die Sache mit dem knuffigen Haus hinbekommen haben, darf ich deine Mutter ja endlich heiraten. Ich weiß zwar immer noch nicht, was sie sich eigentlich wünscht.“ Richard verdrehte kurz die Augen. „Da ich aber davon ausgehe, dass wir auch diese Hürde bewältigen werden, habe ich angefangen zu überlegen, was ich ihr als Morgengabe schenken kann.“ „Ich weiß auch nur, was das ist, weil Herr von Boden angefangen hat, uns in den ganzen Stiftungskram einzuweihen. Das meiste ist über Marias Großtante hineingeflossen, darum auch der Name Winkelhausen. Aber irgendein Landgut hat Amalia als ebenso eine Morgengabe direkt von der Familie Vils-Taufenberg erhalten.“ Er schüttelte den Kopf. „Zur Versorgung im Witwenfall. So etwas Mittelalterliches.“ „Deine Mutter bekommt zwar keinen Bauernhof von mir, aber ich werde auf andere Weise für sie sorgen.“ „Ja, ich weiß“, sagte Jonki leise.
„Der Brauch der Morgengabe wurde in unsere modernen Zeiten als ein sehr persönliches Geschenk des Ehemannes an seine Frau am Morgen nach der Hochzeitsnacht übernommen.“
„Ein Geschenk für Mama? Oh, Mann!“ Johannes stöhnte gequält auf. „Da nimmst du ein echtes Kreuz auf dich.“ Er fuhr sich übers Kinn. „Mama hat die ganzen Jahre immer nur etwas Selbstgebasteltes oder irgendeinen Liebesdienst von uns gewollt. Aber ich nehme an, dass du nicht von einer Halskette aus aufgefädelten Makkaroni sprichst.“ Er sah Richard an. „Was ist mit Schmuck? Du hast ja mit dem Verlobungsring Liebe-Treu-Ewiglich und der dazu passenden Halskette den Vogel abgeschossen.“ Richard lächelte schwach und seufzte. „Der Ring war kein Problem. Als ich ihn sah, wusste ich, dass er wie für Rosa gemacht war. Und die Halskette hat sie sich selbst gewünscht.“ „Ja, den Ring muss sie bei der Arbeit in der Küche abnehmen. Die Halskette schleppt sie die ganze Zeit mit sich rum. Damit hat es sich dann wahrscheinlich mit dem Schmuck.“
„Ja, leider. Das wäre, wie man so schön sagt, eine gemähte Wiese für mich gewesen.“ Richards Blick wurde ernst. „Wir verbringen wirklich viel Zeit miteinander. Ich hätte das früher nie für möglich gehalten und bin jetzt aber doppelt froh darüber. Deine Mutter erzählt viel von euch, vom Mittagstisch und manchmal auch etwas von sich ...“
„Das beschränkt sich aber auf die letzten fünfzehn Jahre“, fuhr Johannes leise fort. Richard nickte. „Ich konnte gerade einmal aus ihr herausbekommen, dass ihr Geburtsname Franzin war.“
„Ja, das ist ein alter Familienname langobardischen Ursprungs.“ Richard hob die Augenbrauen. „Ah, deshalb der Name Rosalind.“ Er musste schmunzeln. „Unseren PR-Berater Pietro traf fast der Schlag, als sie ihm sagte, dass Rosa nicht auf Rose, sondern auf Hrod für Pferd zurückgeht. Er war echt entsetzt.“ Jonki lachte. „Dabei mag sie die Viecher überhaupt nicht.“ Er wurde ernst und schüttelte den Kopf. „Viel mehr weiß ich auch nicht. Mama hat uns nur sehr sporadisch etwas von ihrer Kindheit erzählt. Dann waren es eigentlich auch nur lustige Episoden aus ihrer Schulzeit.“ Er hob die Schultern. „Von meinen Großeltern weiß ich gar nichts. Mama meinte nur, dass sie leider keinen Opa und keine Oma für uns hätte und, dass wir mit Evelyn die beste Großmutter hätten, die uns passieren konnte. Damit hat sie auch recht.“ Johannes ging einen Schritt zu einer freien Parkbank und ließ sich fallen. Richard setzte sich zu ihm und stützte die Unterarme auf seine Knie. Johannes hatte seine volle Aufmerksamkeit. „An meinen Vater denke ich mit sehr gemischten Gefühlen zurück. Er war ständig geschäftlich unterwegs, doch wie ich nun weiß, mit wenig brauchbaren Ergebnissen. Wenn er da war, dann hat er manchmal recht coole Dinge mit mir unternommen. Es stellt sich nur die Frage, ob er tatsächlich mit mir etwas unternahm oder mich nur zu seinen Freizeitaktivitäten mitschleifte.“ Jonki runzelte die Stirn. „Und er war ein grauenvoller Autofahrer. Die ganze Welt war seine persönliche Ralleybahn. Wie das endete, wissen wir ja.“ Jonki streifte sich mit der Hand durch die fast schwarzen Haare und verharrte in dieser Position. „Als einzige Verwandte gab es von dieser Seite nur meine Großmutter. So eine grässliche Frau! Mama konnte ihr nie etwas recht machen. Als ich älter war, kapierte ich, dass meine Großmutter Mama direkt und indirekt für Guidos Autounfall verantwortlich machte. So ein Quatsch.“ Er ließ die Hand sinken und schüttelte energisch den Kopf. „Sie meinte wohl, dass sich ihr armer Sohn so abrackern musste, damit Mama bequem zu Hause bleiben konnte.“ Er sah Richard an. „Du kennst Mama. Sie nahm das nie besonders gut auf. Es stimmte ja nicht.“ Jonki blies die Luft aus. „Wir waren alle froh, als meine Großmutter vor sieben Jahren starb.“ Für eine Weile schwiegen beide und jeder hing seinen Gedanken nach. Richard merkte, dass sich Johannes über seine vor Kurzem verheilte Narbe strich. Er deutete auf Jonkis Stirn. „Wie geht es euch damit?“, fragte er leise. Johannes ließ die Hand sinken. „Gut, denke ich. Maria nimmt die Sache recht tapfer hin. Ich merke es nur in der Nacht, dass sie sich immer noch fürchtet. Sie vergräbt sich an meiner Seite und wird ganz unruhig, wenn ich früh aufstehen muss. Für mich war die Sache erledigt, als die Polizei Ludwig mitnahm. Er hat mir zwar mit seinen russischen Mafiageschichten ziemlich übel mitgespielt, aber ich hatte meine Rache. Maria hat er nicht nur mächtig an der Nase herumgeführt, sondern auch zweimal fast vergewaltigt. Zum Glück hat deine Anwältin sie zu diesem Betreuungszentrum geschickt. Das tut ihr gut.“ Er lächelte. „Und du weißt ja selbst, dass sie jeden Tag im Mittagstisch ist. Mama hat mir zwar anvertraut, dass sie ihre Hand nach der Schnittverletzung wieder voll einsetzen kann, aber sie freut sich über Marias Unterstützung. Für Maria scheinen ihre und Evis Gesellschaft sehr wichtig zu sein. Endlich ist sie von normalen Frauen umgeben. Ihre weiblichen Familienmitglieder hatten ja alle schwer einen an der Waffel. Ihre Schwester Sabine mit ihrem Magerwahn und die Mutter mit diesem Frömmigkeitstick. Und alle beide haben Maria nur als Pflege- und Haussklaven geduldet. Zum Glück ist Amalia ganz anders gestrickt. Sie betüdelt ihre Großnichte hingebungsvoll.“
„Gestern wollte ich mit meiner Leiterin der Rechtsabteilung sprechen und ich erfuhr von meiner Assistentin Elfriede, dass sie dich zu einer Anhörung begleitet hat“, bemerkte Richard. Johannes presste kurz die Lippen aufeinander. „Ja, es stimmt.“ Dann lächelte er. „Ich hoffte, dass ich es vor dir geheimhalten könne. Mama weiß ja bis heute nichts von Ludwigs Rückkehr von den Toten.“ Er tippte auf seine Narbe. „Zum Glück war sie mit meiner Erklärung, dass es beim Möbelumstellen passiert ist, zufrieden. Maria war damit einverstanden. Sie hat ja aus erster Hand mitbekommen, wie Mama allein auf Ludwigs Namen reagiert. Von dir erfährt sie auch nichts und so soll es bleiben.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich würde die Sache ja gerne schon ganz vergessen, aber die rechtlichen Geschichten sind noch nicht abgeschlossen. Der Staatsanwalt hätte mir am liebsten gleich einen Orden an die Brust geheftet. Ich habe immerhin eines der meistgesuchten Mitglieder einer ziemlich mächtigen russischen Bruderschaft aus dem Verkehr gezogen. Interpol konnte Ludwig Fedotow endlich von seiner Liste streichen.“ Johannes lächelte schwach. „Aber als anerkannte Pestbeule hat Ludwig einen passenden Anwalt. Dieser Schnösel wollte doch glatt meine Rechtfertigung durch Nothilfe für Maria und Herrn von Boden auseinandernehmen. Er versuchte tatsächlich, mir eine schwere Körperverletzung ans Leder zu flicken. Er meinte, dass ich als Soldat der Reserve mit Nahkampfausbildung den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit außer Acht ließ.“ Richards Augenbrauen schossen nach oben. „Weil du deinem Gegner den letzten Schlag verpasstest, als die Polizei schon da war?“ „Ja, so etwas in der Art. Er hat sich furchtbar über die schweren Verletzungen seines Klienten aufgeregt. Aber ich stehe dazu. Ich habe diesem Schwein seinen Kiefer nur allzu gern zertrümmert. Schon allein dafür, was er Maria angetan hatte.“ Richard lächelte. „Das kann ich gut verstehen. Und ich nehme an, dass Silvia mit dem Anwalt der Gegenseite Schlitten gefahren ist.“
Jonki grinste breit. „Ja, Frau Dr. Breitenegg ist top. Sie hat ihm so richtig den A...“ Johannes bremste sich ein. „Bald ist auch das vom Tisch.“ Er wechselte abrupt das Thema. „Du erwähntest vorhin euren PR-Berater.“ „Pietro? Ja.“ „Er hat bei Mama einen echt tollen Job geleistet. Sie stellt jedes Model aus dem Damenkatalog für die Frau über vierzig in den Schatten.“ Jonki sah Richard von der Seite an. „Und du bist der passende Herr dazu.“ Richard lächelte breit. „Ist alles Pietros Werk.“ Jonki holte genervt Luft. „Kann ich dich um einen Termin bei ihm bitten? Für Maria auch gleich. Sie ist zwar nicht ganz so überfordert wie ich, aber sie hasst es, Kleidung einkaufen zu gehen. Ganz habe ich die Sache noch nicht durchschaut, aber es hat irgendetwas damit zu tun, dass sie ihrer Meinung nach etliche Galaxien von Größe 34 entfernt ist.“ Richard verzog das Gesicht als hätte er in eine saure Zitrone gebissen. Jonki lachte herzlich. „Ja, so sehe ich das auch. Meine Prinzessin ist perfekt. Ich kann mit ihr so richtig schön knuddeln.“ Richard lächelte wissend, denn Jonkis Freundin hatte recht ähnliche Proportionen wie Rosa. „Was braucht ihr denn?“ „Alles“, seufzte Jonki. „Marias Großtante geht es nicht besonders gut. Ihre größte Freude war ja schon die unerwartete Zusammenkunft mit Maria, ihrer einzigen Erbin. Was für ein Schlamassel in dieser Familie! Marias Großmutter wurde verstoßen, weil sie sich im Krieg einen einfachen Wehrmann angelacht hatte.“ Er schüttelte verständnislos den Kopf. „Na, gut. Auf jeden Fall meinte Herr von Boden, dass wir Amalia einen Großteil der repräsentativen Verpflichtungen der Stiftung abnehmen sollten. Das ist schon okay und war von Anfang an Teil der Abmachungen. Jetzt kommt das große ABER. Herr von Boden zeigte uns ein paar Einladungskarten und für mich ist das alles nur Chinesisch.“ Er schüttelte den Kopf. „Bei einer Sache stand black tie.“ „Smoking“, kam es von Richard. „Und Maria muss ein Cocktailkleid tragen.“ „White tie?“ „Frack für dich, bodenlanges Abendkleid für Maria.“ „Oje!“, stöhnte Jonki wie unter Folterqualen auf. „Herr von Boden laberte dann auch noch etwas von Benefizveranstaltungen am Nachmittag. Da habe ich ihm aber nicht mehr zugehört.“ Richard lachte leise. „Vor 18 Uhr genügt ein dunkler Anzug und die Damen können ein elegantes Ensemble tragen. Nach 18 Uhr nimmst du den Smoking und Maria wählt ein elegantes Kleid.“ „Mmh“, brummte Jonki unzufrieden. „Es ist ja nicht nur das. Der Herr Sekretär winkte mir zusätzlich mit dem Zaunpfahl. Mir war schon selbst klar, dass ich mein Dasein nicht weiter in Jeans und Pullover fristen kann, aber ... Himmel! Wie es scheint, muss ich mir eine ganze Auswahl von Anzügen, Hemden und Krawatten zulegen und am Friseur komme ich auch nicht vorbei. Pfff!“ Johannes fuhr sich wieder durch die struwweligen Haare. „Herr von Boden hatte auch etwas an meinem Firmennamen auszusetzen und mein Logo passt ihm auch nicht.“ Er sah seinen zukünftigen Stiefvater genervt an. „Wie hältst du das alles aus?“ „Was meinst du genau?“
„Ja, alles.“ Johannes Hand sauste durch die Luft und machte eine allumfassende Geste. Richard setzte sich gerade hin. „Leicht machst du es mir nicht. Also gut. Fangen wir bei der Kleidung an. Ich halte meine Anzüge aus, um deine Worte zu verwenden, weil sie mir genau passen. Ich lernte von Pietro, dass du dich nur in Teilen wohlfühlen kannst, die deinem Körperbau perfekt gerecht werden. Jeder Mann ist anders. Dasselbe gilt für die Hemden. Ich könnte auch sehr gut ohne Maßhemden leben, aber ein Hemd ist nur bequem, wenn die Kragenweite, der Sattel und die Ärmellänge wirklich passen.“ „Du trägst die Sachen wirklich gerne?“, fragte Jonki ehrlich erstaunt. Richard lachte leise. „Ja, aber es gehört auch ein gerütteltes Maß an Eitelkeit und Selbstbewusstsein dazu.“ Das Gesicht von Johannes war ein einziges Fragezeichen. „Ich kann mich nicht vor zweitausend Leute hinstellen und ihnen erklären, was sie bei ihrer täglichen Kommunikation alles falsch machen, wenn ich ihnen gleichzeitig vermittle, dass ich mich in meiner Haut selbst nicht wohlfühle und eigentlich nicht angeschaut werden möchte.“ Johannes nickte beeindruckt. Richard fuhr fort: „Der Effekt stellt sich ganz von selbst ein. Du bist richtig angezogen, die Leute hören dir zu, du kannst deine Anliegen durchbringen und hast Erfolg. Mir würde im Geschäftsalltag gar nicht mehr einfallen, andere Sachen anzuziehen, weil es Teil meines Selbst geworden ist.“ „Ist das die Eitelkeit?“ Richard lachte herzlich. „Die war vorher auch schon da.“ Er fixierte den jungen Mann mit seinem Saphirblick. „Johannes, du musst dir ziemlich bald im Klaren darüber sein, welche Aufgabe ihr geschultert habt. Ihr werdet in mehr oder weniger naher Zukunft die Verantwortung für eine 200 Millionen schwere Stiftung tragen, die sich in der gehobenen Gesellschaft durch solide karitative Projekte einen Namen gemacht hat. Du weißt selbst von deinem Datenbankprojekt, über das Maria ja erst mit ihrer Großtante in Kontakt kam, mit wem du es zu tun haben wirst.“ „Ein Haufen hochnäsiger Blaublütiger?“ „Ja, und dem musst du etwas entgegensetzen können. Herr von Boden kennt das Geschäft und er hat in allen Punkten recht. Es ist höchste Zeit, dass du den Planet Dagobah verlässt und dir deinen Platz auf der Erde schaffst.“
„Kein Yoda mehr?“ „Nein, kein Yoda mehr. Aber du kriegst ihn in Form von Manschettenknöpfen von mir geschenkt.“ Johannes lachte schallend und spürte, dass viel Anspannung von ihm abfiel. Er entdeckte eine bekannte Person am Gehweg. „Schau, da kommt Evelyn.“ Er stand auf und Richard tat es ihm nach. Sogar Neptun erwachte aus seinem Koma und ging freundlich wedelnd auf die adrette Mittsiebzigerin zu. Sie strahlte die beiden Männer an und ihr grauer Bob schwang fröhlich mit ihren letzten Schritten mit. Jonki zog sie in eine Umarmung. „Hallo, mein Großer. Bist du auch mit Richard verabredet?“ „Nein, wir sind einander nur zufällig begegnet.“
Richard gab Evi einen Begrüßungskuss auf die Wange. „Danke für deine Zeit, meine treueste Verbündete.“ „Gerne.“ Sie beugte sich zu Neptun. „Ja, hallo, ich weiß, du möchtest auch beachtet werden. Guten Morgen.“ Evi lächelte. „Also, was kann ich für dich tun?“ „Ich möchte Rosa gerne ein Geschenk machen, das ihr wirklich Freude bereitet. Aber das ist ein gordischer Knoten. Ich kenne Rosa und dann auch wieder nicht.“ Er zeigte auf den Gehweg. „Gehen wir ein paar Schritte?“ „Möchtest du das mit Evi allein besprechen?“, fragte Johannes. „Nein, wenn du Zeit hast, dann bleib bitte da.“ Jonki schlenderte an Evelyns freie Seite und sie hängte sich bei ihm ein.
„Ihr kennt sie ja viel länger als ich. Rosa summt beispielsweise hin und wieder ein paar Melodien vor sich hin. Das eine ist die Moldau von Smetana und die anderen kommen mir vage bekannt vor.“ „Walzer Nr. 2 von Dimitri Schostakowitsch, der 2. Satz aus der 7. Symphonie von Beethoven und die Sonate in G-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach“, sagte Evi leise. „Ihre Lieblingsstücke.“ „Ich dachte, Bach war ein Johannes so wie ich?“ „Ja, das stimmt. Johann Sebastian war der Vater von Carl Philipp Emanuel, der auch komponierte.“ Evi drehte den Kopf wieder zu Richard, der weiterredete: „Ich sprach sie einmal darauf an und wollte wissen, ob sie klassische Musik besonders mag. Ihre Antwort war etwas ausweichend und sie begründete ihre Ohrwürmer mit dieser Morgensendung, die sie immer im Radio hört.“ Richard fuhr sich ratlos über die Stirn. „Das Thema Kleidung habe ich mit ihr durch. Das neue Haus darf ich nur auf meinen Namen kaufen, sonst hätte ich ihr das geschenkt. Und irgendeine Sammlung hat sie keine. Diese Frau ist nicht zu beschenken“, schloss er genervt. „Doch, ich weiß etwas, das Rosa Freude macht.“ Evi blieb stehen und ihre beiden Begleiter sahen sie gespannt an. „Eine Konzertharfe.“ „Eine WAS?“, kam es von beiden Männern gleichzeitig. Evelyn entschied sich dafür, den Sohn ihrer Freundin zuerst anzuschauen. „Deine Mutter ist ausgebildete Konzertharfinistin, Meisterklasse 1993.“ „Sie ist eine was?“ „Eine Musikerin auf höchsten Niveau, Johannes. Das erklärt ihren Sinn für Perfektion. Eine große Musikbegabung geht oft mit einem Talent für Sprachen einher. Das hat deine Schwester Tina geerbt.“ Richard steckte seine rechte Hand wieder in die Hosentasche und schaute auf den Boden. Ein Zeichen, dass er sich eine Sache durch den Kopf gehen ließ. Dann sah er auf und schaute Jonki an. „Du bist ein Jahrgang 1994?“ Johannes nickte. „Mama war bei meiner Geburt einundzwanzig Jahre alt. Was wollte sie mit einer Harfe?“, fragte er immer noch völlig baff. Richard hob die Augenbrauen. „Ich kann nur raten: Sie hat mindestens zehn Jahre auf dieses Ziel hingearbeitet. Dann kamen ihr irgendwie Mann und Kinder dazwischen.“ Evelyn nickte verzagt und nahm den Spaziergang wieder auf. Sie fühlte sich im Gehen weniger von Richards Scharfsichtigkeit und seiner autoritären Präsenz erdrückt.
„Wo fange ich an?“, murmelte sie. „Ich kenne Rosa seit dem Tag, als Guido und sie in die Wohnung neben mir einzogen. Sie war blutjung und schon ziemlich rund. Sie erzählte mir, dass sie Guido auf einem Adventkonzert kennengelernt hatte. Er hatte irgendeinen Spruch über graue Augen draufgehabt. Die Farbe sei so selten und es sei bestimmt Schicksal, dass beide graue Augen hätten.“ Evi verdrehte ihre braunen Augen und schüttelte den Kopf.
Jonki hatte nachgerechnet. „War das im Advent 1993?“ Evi nickte. „Ich bin im September 1994 auf die Welt gekommen“, stellte Johannes matt fest. „Ja, es ging alles ziemlich schnell. Rosa hatte gleich nach ihrer Abschlussprüfung einen Vertrag bei einem bekannten Orchester bekommen. Den musste sie dann ablehnen.“ Evelyn holte Luft. „Sie hatte trotzdem noch Pläne. Sie gab Unterricht und übte jeden Vormittag. Es war herrlich für mich. Ich konnte bei Mozart, Bach, Händel und eben Schostakowitsch frühstücken. Um die Uhrzeit war niemand im Haus. Ich hatte in der Bank zu dieser Zeit häufige Abenddienste mit dem Amerikahandel und mich störte sie überhaupt nicht.“ Evis Gesicht hatte beim Erzählen dieser schönen Erinnerung zu leuchten begonnen. Doch der nächste Gedanke ließ sie traurig werden. „Dann hatte Guido seinen ersten Autounfall. Ein paar Tage später war Rosas Harfe weg. Er hatte sie bekniet, die Harfe im Pfandhaus zu versetzen. Guido war damals schon als Vertreter für Krankenhausausstattungen unterwegs gewesen und brauchte für seine Arbeit dringend einen fahrbaren Untersatz. Er versprach ihr jahrelang, das Instrument auszulösen. Er tat es nie und am Schluss wurde die sehr wertvolle Harfe für einen Pappenstiel versteigert. Grisu war gerade unterwegs.“ Johannes stieß einen heftigen Fluch aus und seine Zähne knirschten vor Wut. Richard ging es nicht viel besser. Evi holte Luft, denn das Ende der Geschichte war noch nicht erzählt. „Das führte zum endgültigen Bruch mit Rosas Vater, deinem Großvater, Johannes. Ich lernte Tassilo noch kennen. Er war ein rührender Vater, doch auch sehr bestimmend. Rosas Mutter, ich kenne ihren Vornamen nicht, ließ ihn im Stich als Rosa zwei Jahre alt war. Von da an drehte sich Tassilos Welt nur mehr um sein kleines Mädchen. Rosa fing in der Volksschule mit dem Musikunterricht an und schon bald stellte sich ihr Talent für die Pedalharfe heraus. Rosas Vater nahm viele Entbehrungen auf sich, um seiner Tochter parallel zur Schule die Ausbildung am Konservatorium zu ermöglichen und er hatte sogar einen Kredit für den Kauf ihrer Harfe aufgenommen.“ „Wieso?“, wollte Jonki wissen. „Was kostet so ein Instrument?“ Evelyn seufzte. „Wie viel es damals war, das weiß ich nicht, aber heute muss man für eine wirklich gute Pedalharfe ungefähr 100.000 Euro zahlen und für die teuerste namens Horngacher sogar 200.000 Euro.“ „Dafür kriege ich ja schon eine Wohnung“, rief Jonki entsetzt aus. „Ja, das stimmt schon, Jonki“, kam es von Richard. „Aber die Einstiegsgehälter für Konzertmusiker in dieser Kategorie liegen ja auch deutlich höher als in anderen Branchen. Rosas Vater wollte ihr eine gute Zukunft ermöglichen und hatte alles auf diese Karte gesetzt.“ Er runzelte die Stirn. „Woher kann Rosa denn eigentlich so gut kochen?“ „Nur aus Kochbüchern. Die Konzession für das Restaurant war am Anfang gepachtet, solange bis Rosa genügend Praxisjahre angesammelt hatte und ein eigenes Gewerbe anmelden konnte.“ Evelyn nahm den Gesprächsfaden wieder auf. „Tassilo hat Rosa die Hölle heiß gemacht. Er hatte Guido schon dafür verantwortlich gemacht, dass er Rosas Karriere zerstört hatte, aber den Verlust der Harfe nahm er allen beiden sehr übel. Er brach jeden Kontakt ab, kündigte seine Wohnung und heuerte auf irgendeiner Rinderfarm in Südafrika an.“ „Du meinst, dass meine Großeltern beide noch leben?“, hakte Johannes leise nach und verschränkte die Arme. Evi legte ihm die Hand auf den Unterarm. „Wie ich schon sagte: Von Rosas Mutter weiß ich nichts, aber ja, dein Großvater lebt vermutlich noch. Er müsste in meinem Alter sein.“ Jonki drehte seinen Kopf weg, weil er mit den Tränen kämpfte. Richard ahnte den Grund. „Er war nicht einmal mehr für Rosa da, als Guido starb“, stellte er fest.
Johannes atmete heftig ein. „Wenn Evelyn nicht gewesen wäre, hätten wir sogar unser Dach über dem Kopf verloren. Heute kann davon keine Rede mehr sein, aber ich erinnere mich an jedes einzelne Mal, als Mama vor Verzweiflung weinte, wenn der nächste Monatserste näherrückte.“ Er zog seine wundervolle Wahloma in eine Umarmung. „Danke, Evi.“ „He, mein Großer, ist schon gut. Ich habe dafür die liebste Familie bekommen, die man sich nur wünschen kann.“ „Evelyn, bitte verzeihe mir die Frage“, sagte Richard. „Weißt du denn ganz sicher, dass sie wieder Harfe spielen möchte? Ich möchte mit meinem Geschenk keine Gespenster aus der Vergangenheit auferstehen lassen.“ Evelyn legte ihm ihre Hand auf die Wange. „Nein, keine Sorge. Seit einigen Jahren hat Rosa eine kleine Spardose mit einer Harfe drauf. Ich weiß es mit Sicherheit.“ Sie zog ihre Hand wieder zurück. „Die steht neben den Autos, in denen Mama für unsere Führerscheine gespart hatte. Ich gestehe, dass ich dem Ding nie viel Bedeutung beimaß.“ „Wie hättest du auch? Sobald Rosa etwas erübrigen kann, gibt sie es hinein. Und ich schenke ihr zu den diversen Gelegenheiten auch immer einen kleinen Beitrag.“ Sie hob die Schultern. „Viel ist es noch nicht, weil zuerst mussten sämtliche Zahnspangen, Auslandsfahrten mit der Schule und Studienbücher bezahlt werden. Aber sie sagte, dass sie sich einmal auch sehr über ein preiswerteres Modell freuen würde.“ Richard nahm Neptun, der auch so die ganze Zeit brav neben ihm hergetrottet war, wieder an die Leine. Er beugte sich zu Evelyn vor und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Vielen Dank, dass du diese Geschichte mit uns geteilt hast. Ich hoffe, dass Rosa mir eines Tages so sehr vertraut und es von sich aus erzählt. Ihr müsst mich leider entschuldigen. Ich muss ins Büro zurück.“ Er hob verschmitzt die Augenbrauen. „Rosa bekommt von mir die beste und die schönste Horngacher, die sich auftreiben lässt.“
Am nächsten Morgen stand Richard bei Sonnenaufgang auf und ging leise in den Ankleidebereich neben dem Schlafzimmer. Er zog die Schiebetür vorsichtig zu, damit er Rosa nicht aufweckte. Die wenigen Morgen, an denen sie nicht so früh aufstehen musste, wollte er ihr gerne lassen. Das Jahr steuerte auf den Sommer zu, doch in der Früh war es noch ziemlich kühl. Richard nahm eine frische lange Jogginghose aus einem Fach in seiner begehbaren Garderobe und zog sich an. Im Hinausgehen streifte er einen Sweater über. Um Rosa nicht zu stören, nutzte er den Abstecher ins Bad, um dann gleich ins Wohnzimmer weiterzugehen.
„Guten Morgen, Neptun“, sagte er leise. „Heute kein Malheur? Braver Junge.“ Richard schaltete die Kaffeemaschine ein, ging zur Terrassentür und deaktivierte den Riegel. Neptun hatte das Signal sofort verstanden und wartete neben Richard, bis er ins Freie konnte. Da er Neptun draußen lassen konnte, bis er wieder vom Laufen zurück war, schloss Richard die Tür wieder. Vor dem Haus wählte er den Weg Richtung Elisabethinnenviertel, denn der Wald, der hinter dem letzten Straßenzug begann, war seine bevorzugte Laufstrecke. Während er lief, ließ er sich alles, was ihn beschäftigte, durch den Kopf gehen. Die letzten Monate waren mehr als turbulent gewesen. Zuerst hatte er Rosa zufällig bei einem Mittagessen in ihrem Restaurant kennengelernt. Richard hatte zusammen mit seinem Head Office Manager Gerhard Landsknecht um die Mittagszeit einen Termin wahrgenommen. Dann war ihnen bis zur nächsten Verpflichtung nicht mehr viel Zeit geblieben und Gerhard hatte ein frisch gekochtes, aber rasch serviertes Mittagessen im Mittagstisch vorgeschlagen. Keine zwei Tage später hatte Richard Rosa gebeten, mit ihm auszugehen, weil sie ihm nicht nur mit ihrer netten und patenten Art gefallen, sondern ihn auch auf der körperlichen Ebene angezogen hatte. Richard mochte Frauen, mit denen man, um bei dem Ausdruck zu bleiben, den Johannes benutzt hatte, so richtig schön knuddeln konnte. Leider war diese Spezies in der Welt, in der er sich normalerweise bewegte, rar bis nicht vorhanden. Nun konnte er sämtlichen himmlischen Kräften nur danken, dass er seiner wundervollen Rosa begegnet war. Während er mit seiner Werbung um sie langsam vorangekommen war, hatte sich bei Communicate eine Katastrophe an die andere gereiht. Seine persönliche Assistentin Sabine Hellwag hatte Gefühle für ihn entwickelt, die über ein teindre weit hinausgegangen waren. Als sie gemerkt hatte, dass sie für den CEO von Communicate nie infrage gekommen wäre, hatte sie sich mit einem Mann namens Theodor Theodostos eingelassen. Später hatte sich herausgestellt, dass er in Wirklichkeit Fjodor Fedotow hieß und ein ranghohes Mitglied einer russischen Bruderschaft war. Zusätzlich war er der Onkel von Ludwig Fedotow, dem ehemaligen WG-Kollegen von Johannes, gewesen. Ludwig hatte sein Dasein als Student nur als Fassade benutzt, um mit diversen kriminellen Aktivitäten besser voranzukommen. Ein Punkt auf seiner Liste waren sichere Kommunikationssysteme gewesen – das High End-Produkt von Communicate. Die erforderliche Hardware dafür hatte sich Ludwig ausgerechnet von Johannes‘ kleiner Einmann-Informatikfirma liefern lassen. Die Situation war derart verstrickt gewesen, dass am Ende die Frontlinien kaum mehr definierbar gewesen waren. Die schlechte Seite der Bilanz: Johannes war der Justiz ins Kreuzfeuer geraten und hatte einige Tage im Gefängnis gesessen, Theodor hatte Sabine getötet und der Verkaufsleiter von Communicate, Severin Jester, hatte sich in die Machenschaften der Fedotows hineinziehen lassen. Es hatte nicht viel gefehlt und Communicate wäre ruiniert gewesen. Die gute Seite der Bilanz: Richard hatte Rosa für sich gewinnen können, seine neue Assistentin Elfriede Stanek hatte sich als veritabler Glücksgriff herausgestellt und für Johannes war nicht nur alles gut ausgegangen, sondern es war auch Sabines wesentliche jüngere Schwester Maria als wirklich entzückende Freundin in sein Leben getreten. Das Aufräumen der Nebengeräusche war noch nicht beendet, aber der Lichtstreif am Horizont strahlte bereits so hell wie die aufgehende Morgensonne.
Am Hauseingang legte Richard seinen Finger auf den Zugangsleser und stand wenige Minuten später unter der Dusche. Während des Rasierens rekapitulierte er den Tag, der auf ihn wartete. Er musste mehrere wichtige Telefonate sowie zwei Kundentermine wahrnehmen und einige firmeninterne Sachen erledigen. Richard zog seinen Bademantel aus und beförderte ihn zusammen mit dem Handtuch zum Abtrocknen in den Wäschekorb. Das Handtuch, das er beim Rasieren und Zähneputzen benutzt hatte, wanderte in hohem Bogen hinterher. Dann ging er so wie Gott in geschaffen hatte in den Ankleidebereich. Er wählte einen hellgrauen Anzug mit einem leichten Karo im Stoff. Anschließend fischte er ein blitzblaues Hemd, das sein guter Hausgeist Lou gewaschen und gebügelt hatte, von der Kastenstange und hängte es neben dem Anzug auf einem zweiten Garderobehaken bereit. Nach einem Griff in das Fach, in dem seine Unterwäsche und die Socken lagen, machte er die Lade auf, in der er seine Sammlung von Manschettenknöpfen hatte. Er entschied sich für das Modell mit dem kleinen Roboter R2-D2 aus der Filmserie Star Wars. Eine weitere Lade enthielt seinen Krawattenbestand. Richard wählte eine unifarbene rote Seidenkrawatte aus und legte sie auf die Ablage, die als Insel in seinem Ankleideraum stand. In den Fächern dieses Möbels standen seine von Lou geputzten Schuhe bereit. Nach zehn Minuten war er fertig und setzte sich, um seine Oxforder anzuziehen. Dann stand er auf und kontrollierte den Sitz der Krawatte im raumhohen Spiegel. Im Hinausgehen band er seine Tag Heuer um.
In der Küche holte Richard zuerst den Hundenapf und nahm eine angefangene Futterdose aus dem Eiskasten. Er putzte sie aus und spülte sie kurz ab. Lou würde sich um den Rest kümmern. Aus einem anderen Behälter gab Richard noch ein paar Hundeflocken in Neptuns Frühstück und stellte den Napf neben das Trinkwasser auf die Plastikunterlage. Der Hund wartete schon wedelnd vor der schweren Glastür. Richard deaktivierte den Riegel und ließ Neptun herein. „Alles erledigt, alter Junge?“ Während sich der alte Labrador über sein Frühstück hermachte, wusch sich Richard die Hände und nahm den eigenen Milchtank für seine Kaffeemaschine aus dem Eiskasten. Tasse, Untertasse, Cappuccino groß, fertig. Die Dose mit den Frühstückskeksen stand neben der Kaffeemaschine und Richard nahm sich eine Handvoll Kekse. Er hörte, dass seine Gefährtin aufgewacht war und ins Bad tappte.
Rosa betätigte die Toilettenspülung und stellte sich im Halbschlaf zum Waschbecken. Sie wusch sich die Hände und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Etwas wacher holte sie einen weichen Haargummi aus einer Lade, die sie verwenden konnte und drehte ihre langen Haare zu einem lockeren Knoten zusammen. Sie war langsamer als früher, weil der Schnitt auf ihrer linken Hand zwar verheilt war, aber ihre Nerven bei gewissen Bewegungen immer noch protestierten. Sie wollte sich gerade zur Dusche umdrehen, als ihr Blick auf den Frotteeberg fiel, den Richard wieder hinterlassen hatte. Sie warf sich ihren Morgenmantel über und band ihn im Hinausgehen zu. „Guten Morgen, Lieblingsmann.“ Richard kaute gerade an einem Keks und hob die Hand zum Vulkaniergruß. Rosa lächelte und antwortete ihrerseits korrekt. Richard und Rosa hatten ihre gemeinsame Schwäche für Star Trek recht bald entdeckt. Seitdem war Mr. Spocks Begrüßungsgeste fixer Teil ihres Alltags. Rosa zählte sich ausschließlich zu den Trekkies, während Richard auch den Jedis von Star Wars nicht ganz abgeneigt war. „Kann es sein, dass du einen höheren Handtuchbedarf hast als der Kaiser von China?“ Sie lehnte sich an den Torbogen zwischen Wohnzimmer und Küche. Unbeabsichtigt hatte Rosa mit ihrer Frage ein für Richard heikles Thema angeschnitten. „Nein“, gab er ziemlich knapp zurück. „Mmh, besteht eine geringe Chance, dass du zumindest den Bademantel ein zweites Mal benutzt?“
„Nein.“
„Du weißt, dass ich bei meiner Arbeit auf Umweltschutzmaßnahmen achte. Produkte aus der Region, Wasserverbrauch, Verwertung der Essensreste. Gibt dir dieser Gedanke vielleicht einen Anstoß?“
„Nein.“
Rosa startete einen weiteren Anlauf. „Auf der Internetseite für Verbraucherinformation gibt es einen Beitrag, dass es genügt, die Handtücher zweimal in der Woche zu wechseln.“
„Du wirst im Internet auch den sehr wertvollen Hinweis finden, gleich während des Duschens zu pinkeln. Es gibt sogar eine Berechnung, wie viele Mal Toilettenspülung und anschließendes Händewaschen eingespart wird. Ich würde es trotzdem nicht tun.“ Er nahm einen Schluck Kaffee und sah sie von der Seite her an. Sein Blick war deutlich: War’s das?
Rosa hatte die Arme verschränkt und war noch lange nicht zur Aufgabe bereit. Doch Richard kam ihr zuvor und sprach mehr mit dem nächsten Keks als mit Rosa. „Communicate zahlt jährlich einen sechsstelligen Betrag für Emissionszertifikate. Das hängt mit den Flugmeilen zusammen, die wir alle verbrauchen. Das Bürogebäude ist auf dem modernsten Stand der Technik und wir können 70 % unseres Energiebedarfs mit Photovoltaikanlagen am Dach decken. Die Anzahl und die Art der Pflanzen wurden mit dem ganzen Raumklimasystem exakt abgestimmt. Irgendwo hängt sogar ein Umweltpreis für zukunftsweisende Bautechnik an der Wand.“ Er zeigte mit einer Geste um sich. „Dieses nicht knuffige Haus ist als Passivhaus konzipiert und geht in manchen Bereichen sogar in die Kategorie Energie plus. Der ganze Strom wird autonom produziert und das Warmwasser mittels Sonnenenergie gewärmt. Die Heizung rennt über eine Wärmepumpe. Selbst die Wasserversorgung ist ein eigener Kreislauf. Das verwendete Nutzwasser geht nämlich nicht in den Gulli, sondern wird in unterirdischen Tanks so weit aufbereitet, dass es im Außenbereich und in den Toilettenspülungen zum Einsatz kommen kann. Diesen letzten Weg nimmt es dann allerdings tatsächlich in die städtische Kanalisation, weil ein wasseraufbereitendes Biotop im Garten ging sogar mir zu weit.“ Richard holte Luft. „Lässt du mich bitte mit meinem Handtuchverbrauch in Ruhe?“ Rosa hob beide Hände und verschwand wortlos im Bad. Richard sah ihr ehrlich erstaunt nach. Seine Auserwählte hatte tatsächlich den Rückzug angetreten?
Kurz vor Mittag wollte Richard sein Headset vom Kopf ziehen, das er für alle wichtigen Telefonate benutzte, doch eine der Empfangsdamen von Communicate meldete sich. „Herr Dr. Felsinger? Herr Dr. Furth aus London auf Leitung 3.“ „Danke, Hemma.“ Richard drückte die Taste am Telefon und schlenderte dann zum Fenster. „Helmut, was gibt‘s?“ „Hi, Kumpel, alles bestens. Ich wollte dich nur informieren und mich dann mit deinen Plänen abstimmen. Kralow ist endlich eingeknickt. Du hast ihn ja schon vor einigen Wochen samt seiner schwachsinnigen Forderungen vor die Tür gesetzt.“ Richard hörte Helmut zufrieden lachen. „Wie es Fortuna so will, ist Kralows aktuelle Flamme die Nichte von Irina Ivanova. Der liebe Onkel dazu ist niemand geringerer als Alexej Borissowitsch Petrow, Aufsichtsratsmitglied bei Rostelecom.“ Richard lachte leise. „Wie schön für uns.“ „Ja, wenn wir die Russen an Land ziehen, kannst du in deinen heißersehnten Ruhestand gehen.“ „Von Ruhestand habe ich nie etwas gesagt. Ich wollte nur kürzertreten. Ist dir dein Wechsel zum Leiter der Verkaufsabteilung schon zu Kopf gestiegen?“ „Nein. Ich wollte dich nur ärgern.“ Richards ältester Freund und Geschäftspartner lachte fröhlich. „Hör zu, ich möchte jetzt auf jeden Fall an ihm dranbleiben. Er hat mich nicht nur zu einem Empfang in die russische Botschaft eingeladen, sondern auch zu einem Segeltörn am Wochenende. Kannst du meine Termine morgen und übermorgen übernehmen?“ „Warte kurz.“ Richard ging zu seinem Laptop und rief die Terminplaner von Communicate auf. „Mmh, ja, das geht sich aus. Ich bitte Elfriede, den Termin mit dem Makler zu verschieben und sage Rosa Bescheid.“ „Wie kommt ihr voran?“, fragte Helmut interessiert. „Frage lieber nicht. Sie treibt mich etwas in den Wahnsinn. Wir haben schon mehr als zwanzig Häuser angesehen, aber keines ist der Dame knuffig genug.“ „Mmh, hast du schon überlegt, ob du den Makler einfach auf die falschen Sachen angesetzt hast?“ „Was meinst du mit den falschen Sachen?“ „Na ja, du bist ziemlich weit oben in den Markt eingestiegen. Es kann gut sein, dass sich deine Rosa damit nicht wohlfühlt.“ Helmut lachte. „Stopp. Ich weiß genau, dass du gerade die Palme hochkletterst. Bleib unten und lass dir die Sache wirklich durch den Kopf gehen. Vergiss nicht, warum du Rosa so magst. Sie lässt sich sicher nicht in deine Höhen mitschleifen. Bei ihr rennst du mit deiner manchmal etwas arroganten Art gegen Felsmauern. Sie hat dir ja auch die Kreditkarte, diese Centurion, um die Ohren gehauen.“ „Vielen Dank, Herr Eheberater“, knurrte Richard ungehalten. „Aber, wenn wir schon dabei sind. Wie geht‘s dir mit Ester?“ Helmut blies die Luft aus. „Wie es scheint, haben sich die Wogen wieder etwas geglättet. Du weißt ja, dass sie jedes unserer 23 Ehejahre auf die Waagschale legte und zu meinen Gunsten schaute dabei herzlich wenig heraus.“ „Mmh“, brummte sein bester Freund unzufrieden. „An der Messskala stimmt aber einiges nicht.“ „Ja, Richard. Ich weiß. In ein paar Punkten kann ich ihr schon recht geben. Die Idee mit dem Haus, dem Garten und dem Pool gefiel mir ja auch und Angie hatte dadurch eine wirklich schöne Kindheit. Das ist für mich Lohn genug.“ „Der Spagat zwischen Esters sonstigen Wünschen und einem eventuell geringeren Verdienst deinerseits geht sich aber etwas schwer aus“, warf Richard ein. Sein Freund holte Luft. „Richard, bitte, lass nicht außer Acht, dass du einen Riesenzorn auf Verena hast. Deine Ex war schon ein ganz besonderer Fall. Glaub mir, es macht einen sehr großen Unterschied, dass ihr euch kennenlerntet, als du schon erfolgreich warst. Ester und ich haben uns am Anfang 30 m² geteilt.“ „Gut, Botschaft angekommen. Was willst du unternehmen?“ „Sobald wir unser Gespräch beendet haben, rufe ich Ester an und frage sie, ob sie am Freitag zu mir nach London kommen möchte. Der Segeltörn ist sicher auch etwas für sie. Es ist längst überfällig, dass wir wieder ein Wochenende miteinander verbringen.“ „Mmh, das klingt gut. Ich drücke dir die Daumen.“
Richard erledigte einige Sachen, die auf seinem Schreibtisch lagen und ging den letzten Quartalsbericht durch. Ein leises Klopfen ließ ihn aufschauen. Seine persönliche Assistentin stand im Türrahmen und brachte Neptun von einem Spaziergang zurück. „Vielen Dank, Elfriede. Wenn er weiterhin so viel vor die Tür muss, dann muss ich über irgendeinen Plan B nachdenken.“ „Ja, Herr Dr. Felsinger. Wenn Sie es gestatten, dann hätte ich einen Vorschlag. Die Damen vom Empfang schenken mir jedes Mal ganz neidvolle Blicke, wenn ich mit Neptun vorbeikomme.“ Sie sah liebevoll zu dem alten Tier, das sich behäbig auf seine Decke legte. „Es genügen ja nur ein paar Minuten. Hemma, Sarah und Eva wären sogar bereit, mit ihrer Personalkarte unter ‚Freizeit‘ auszuchecken.“ Richard sah die ältere Dame, die sich als die beste Assistentin herausgestellt hatte, die je bei Communicate beschäftigt gewesen war, freundlich an. „Zusammen mit Ihnen, Rosa, den Kindern und mir hätte Neptun dann neun Hundesitter, die ihn betreuen. Der Prinz von Persien hatte wahrscheinlich weniger Personal.“ Er lachte herzlich. „Gut, danke. Ich bin einverstanden, aber ich kann den dreien diese zehn Minuten täglich schon als Arbeitszeit lassen.“ Richard hob verschmitzt die Augenbrauen. „Ich werde Neptun offiziell als Wachhund bei Communicate aufnehmen, dann kann ich sogar sein Futter von der Steuer absetzen.“ Er stand auf. „Geht sich heute ein Mittagessen bei Rosa aus?“ „Ja, ich denke schon. Gerhard hat es jedenfalls fix vor.“ Elfriede lächelte. „Weil heute auch Frau Ennbergs Tochter da ist.“ „Und ich auch. Guten Tag, Elfriede. Hallo, Richard.“ Silvia war hinter Frau Stanek erschienen. Richards Assistentin trat einen Schritt vor und ließ die Leiterin der Rechtsabteilung eintreten. „Guten Tag, Frau Dr. Breitenegg.“ Silvia richtete sich eine tizianrote Locke, die sich ständig aus ihrer Aufsteckfrisur stahl und lächelte Elfriede breit an. „Wir sollten den Mittagstisch zur offiziellen Kantine von Communicate erklären.“ „Kantine? Rosa trifft der Schlag“, murmelte Richard. Die Anwältin, die Richard und Helmut fast schon seit den Anfängen von Communicate begleitete, wedelte mit der Hand. Dabei schien sie ihre Sommersprossen wie Konfetti zu verstreuen. „Dann benennen wir es natürlich anders.“ Sie gab Richard ein Konvolut von Papieren. „Helmut hat seine Mails zu mir weiterleiten lassen. Hier ist eine dringende Anfrage aus dem Wirtschaftsministerium für ein Coaching von dir. Unser werter Herr Minister muss seinen Wählern das aktuelle Nullwachstum als Riesenerfolg verkaufen. Dann findest du unsere Klageschrift gegen Severin wegen Untreue und die Eingabe beim Arbeitsgericht.“ Sie schüttelte verständnislos den Kopf. „Sein Anwalt muss ein echter Trottel sein, wenn er seinem Klienten riet, gegen die Entlassung vorzugehen.“ „Na, ja. Die besten Leute der Stadt arbeiten alle bei Communicate“, sagte Richard. Silvia sah Elfriede verschmitzt an. Ihre dunklen Augen funkelten wie zwei schwarze Diamanten. „Was will der CEO von uns? Unbezahlte Überstunden?“ Richard lachte. „Nein, aber da ich schon zwei sehr vernünftige Damen hier habe, möchte ich um Hilfe bitten.“ Er hob die Augenbrauen. „Meiner herzallerliebsten Rosa ist unser jetziges Heim zu futuristisch und sie hegt den Wunsch nach etwas, das sie knuffig nennt.“ Elfriede griff nach ihrer Kette aus Modeschmuck und spielte damit. „Unser Häuschen kann man als sehr knuffig bezeichnen.“ Sie hob entschuldigend die Schultern. „Aber das liegt in einer Kleingartensiedlung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie nach etwas in der Art suchen.“ „Die alte Schmiede im Elisabethinnenviertel steht zum Verkauf“, platzte Silvia heraus. „Ich weiß das, weil meine Freundin Margit gerade das Portfolio zusammenstellt. Dieses Haus ist SEHR knuffig.“ Richard sah sie an, als hätte sie ihm ein Quartier auf dem Mond angeboten. „Diese Bruchbude ist ein Museum!“ „Ja, aber der Stadtrat hat sich geweigert, die Mittel für den Weiterbetrieb zu genehmigen. Das Museum ist schon geschlossen, der Garten ist nach wie vor als öffentlicher Park zugänglich. Die Immobilie und das ganze Gelände gehören der Stadt. Der Verkauf soll das nächste Budgetloch stopfen.“ „Aha, und ich soll der glückliche Geldgeber sein und darf mich bei der Renovierung auch noch mit dem Denkmalschutz herumschlagen. Danke, Silvia, aber ich möchte gerne noch vor meinem Pensionsantritt umziehen.“ Silvia lächelte wie die Grinsekatze aus Alice im Wunderland. „Die Denkmalschützer nehme ich dir sehr gerne ab. Ich kann Margit bitten, dass sie das Portfolio noch zurückhält.“
„Nein.“
„Rosa wird begeistert sein.“
„Das ist ja gerade meine Befürchtung.“
„Gib der Sache eine Chance.“
„Nein.
