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Liebe aus zweiter Hand deckt die generationstypischen Wesensmerkmale der postmodernen Erzählkunst prägnant auf. Die elf Erzählungen, die das Buch umfasst, sind facettenreich, sie unterscheiden sich u. a. in Perspektiven, Schauplätzen und Erzähltechniken, elf Erzählungen, die nach dem Lesen noch lange im Gedächtnis bleiben. Gemeinsam ist allen Erzählungen das Element des Grotesken, der schwarze Humor, der die Handlung begleitet, bis hin zur überraschenden Auflösung des erzählerischen Knotens. Gemeinsam ist den Figuren die Tragik, die ihr Leben überschattet und die doch gleichzeitig etwas unendlich Komisches in sich trägt. Ideenreich und originell, ist dieser Erzählband ein Querschnitt über das gesamte Spektrum der Liebe. Dabei ist Liebe nicht nur als geschlechtliche Liebe zu verstehen, es geht ebenso um elterliche Liebe, Selbstliebe oder Liebe zur Kunst; doch die Liebe sämtlicher Protagonisten trägt krankhafte Züge an sich, schlägt in Ekel oder Hass um oder endet in Desillusion. Da ist die Familie, die aus ihrem Alltag sämtliche visuellen Ausdrücke streicht, um ihrem blind zur Welt gekommenen Sohn sein Handikap zu verheimlichen. Oder der Junge, dem Picasso einen Minotaurus auf die Brust tätowiert und dessen Weg ab nun durch die Museen der Welt führt, als Kunstobjekt. Oder Eufemia, die die Abendschule besucht, um Sekretärin zu werden, der jedoch die Liebe in den Weg kommt.
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Seitenzahl: 648
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Autor und Klappentext
Titelseite
Buchanfang
Die Nahrung des Künstlers
Roger, das schutzlose Waisenkind
Die letzte Ölung
Mann mit Minotaurus auf der Brust
Der letzte Besuch
Eufemia
Borges und der Ultraismus
Eigenliebe
Der Schuldansammler
Die Nacht des anderen
Glorreiche Wiederholung
Fußnoten
Leseproben
Nona Fernández - Die Straße zum 10. Juli
Nona Fernández - Die Toten im trüben Wasser des Mapocho
Nona Fernández - Der Himmel
Carlos Gamerro - Der Traum des Richters
Carlos Gamerro - Das offene Geheimnis
Shusaku Endo - Schweigen
Shusaku Endo - Skandal
Rodrigo Rey Rosa - Stallungen
Rodrigo Rey Rosa - Die Gehörlosen
Andrea Stefanoni - Die erinnerte Insel
Kim Hoon - Acht Leben
Steven Millhauser - Zaubernacht
Originaltitel: Amores de segunda mano
© 1991, Enrique Serna
Esta publicación fue realizada con el estímulo del Programa de Apoyo a la
Traducción (PROTRAD) dependiente de instituciones culturales mexicanas.
Diese Publikation kam aufgrund einer Zuwendung des Programmes zur Unterstützung
von Übersetzungen (PROTRAD) im Rahmen mexikanischer Kultureinrichtungen zustande.
© 2017, Septime Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Sonja Menner
Cover: Jürgen Schütz
Umschlagfoto: © Fotolia - everettovrk
EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer
ISBN: 978-3-903061-50-7
Printversion: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
ISBN: 978-3-902711-62-5
www.septime-verlag.at
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Enrique Serna
(geb. 1959 in Mexiko Stadt) ist einer der wichtigsten mexikanischen Schriftsteller der letzten Jahre und vor allem für seinen Einfallsreichtum bekannt.Sein Werk umfasst Erzählungen, Romane und Drehbücher. Im Jahr 2000 gewann Serna den »Premio Mazatlán de Literatura«.Bei Septime ist Enrique Serna mit dem Erzählband Liebe aus zweiter Hand im Programm.In den kommenden Jahren sind weitere Werke von Enrique Serna bei Septime geplant.
Klappentext
Enrique Sernas Erzählband Liebe aus zweiter Hand gilt als Meilenstein im Genre der Erzählung. Der Erzählband deckt die generationstypischen Wesensmerkmale der postmodernen Erzählkunst prägnant auf. Die elf Erzählungen, die das Buch umfasst, sind facettenreich, sie unterscheiden sich u. a. in Perspektiven, Schauplätzen und Erzähltechniken, elf Erzählungen, die nach dem Lesen noch lange im Gedächtnis bleiben. Gemeinsam ist allen Erzählungen das Element des Grotesken, der schwarze Humor, der die Handlung begleitet, bis hin zur überraschenden Auflösung des erzählerischen Knotens. Gemeinsam ist den Figuren die Tragik, die ihr Leben überschattet und die doch gleichzeitig etwas unendlich Komisches in sich trägt.Ideenreich und originell, ist dieser Erzählband ein Querschnitt über das gesamte Spektrum der Liebe. Dabei ist Liebe nicht nur als geschlechtliche Liebe zu verstehen, es geht ebenso um elterliche Liebe, Selbstliebe oder Liebe zur Kunst; doch die Liebe sämtlicher Protagonisten trägt krankhafte Züge an sich, schlägt in Ekel oder Hass um oder endet in Desillusion. Da ist die Familie, die aus ihrem Alltag sämtliche visuellen Ausdrücke streicht, um ihrem blind zur Welt gekommenen Sohn sein Handikap zu verheimlichen. Oder der Junge, dem Picasso einen Minotaurus auf die Brust tätowiert und dessen Weg ab nun durch die Museen der Welt führt, als Kunstobjekt. Oder Eufemia, die die Abendschule besucht, um Sekretärin zu werden, der jedoch die Liebe in den Weg kommt.
Enrique Serna
Liebe aus zweiter Hand
Erzählungen | Septime Verlag
Aus dem mexikanischen Spanisch von Dorit Heike Gruhn
Er gab Küsse aus zweitem Mund
Ramón Gómez de la Serna
What’s love but a second hand emotion?
Tina Turner
Die Nahrung des Künstlers
Für Alberto del Castillo
Sicher werden Sie sagen: Woher solche Vertraulichkeiten, was hat die alte Zigarrendreherin denn geraucht, dass sie so redselig ist? Aber ich wollte Sie um etwas nicht ganz Gewöhnliches bitten, wie soll ich sagen, um einen etwas seltsamen Gefallen, und da ich keine Missverständnisse will, möchte ich gerne von vorn anfangen, also die Vorgeschichte miterzählen. Sie sehen aus wie eine anständige Person, deswegen habe ich mich getraut, Sie anzusprechen, glauben Sie bloß nicht, dass ich jedem mein Leben erzählen würde, ich erzähle es nur Leuten mit guter Erziehung, mit Erfahrung, und denen man ansieht, dass sie was von Gefühlsdingen verstehen.
Wie ich Ihnen gerade schon gesagt habe, als ich aus meinem Heimatort Pinotepa weggegangen und frisch in Acapulco angekommen war, habe ich hier im El Sarape gearbeitet, das ist nun schon mehr als zwanzig Jahre her, als Kabarett noch was ganz anderes war. Wir hatten eine Qualitätsshow, wir übten unsere Choreografien ein, nicht so wie jetzt, wo sich die Mädchen nur noch auf der Bühne ausziehen, irgendwie, wie Gott es ihnen gerade zu verstehen gibt. Sehen Sie, ich will ja die jungen Frauen nicht schlechtmachen, aber früher hatte man mehr Respekt vor dem Publikum, mehr Hingabe zum Beruf. Sicher, auch die Kunden waren anders, es kamen Touristen aus der ganzen Welt, Schweizer, Franzosen, Engländer, so machte es wirklich Spaß, aufs Podium zu treten. Ich verstehe die jungen Mädchen von heute, glauben Sie mir. Wozu sollten die Perlen vor die Schweine werfen. Die Leute aus Acapulco benehmen sich ja noch einigermaßen, aber es tauchen hier Hauptstädter auf, die man am liebsten mit Fußtritten abservieren und rausschmeißen möchte, hören Sie, die kommen nur ins Vergnügungsviertel, um die Künstler zu ärgern, um ihnen Schweinereien nachzurufen, und das Schlimmste ist, dass sie am Ende mit keiner mitgehen, ich weiß wirklich nicht, wieso die überhaupt kommen.
Na ja, damals, als ich hier arbeitete, hatte ich einen tollen Körper. Mein Debüt machte ich mit einer afroantillanischen Nummer, Sie wissen schon, mit den Hüften wackeln und mich wie eine Eidechse auf dem Boden wälzen, mich vollständig durchschütteln, ein bisschen auf Art der Tänzerin Tongolele, aber wilder. Ich hatte großen Erfolg, nicht umsonst ließen sie mich das Varieté abschließen, ich merkte das, denn die Männer verfolgten meine Show lautlos, von Hitze übermannt, Berenice dagegen, dem angeblichen Star der Vorführung, riefen sie immer wenn sie ein Kleidungsstück fallen ließ etwas zu: Süße, Zuckerpuppe, ich richte dir ein Haus ein. Die machte die Männer nur nervös, weil ihr die künstlerischen Mittel fehlten, die Arme wusste nicht, wie man sich richtig bewegt, ganz weiße Haut hatte die und platinblonde Haare, aber künstlerisch war sie eine Null.
Weil sie neidisch war, hat man mich gezwungen, meine Nummer zu wechseln. Sie ertrug es nicht, in meinem Schatten zu stehen. Laut Don Sabás, einem Dicken, der das Kabarett verwaltete, er war aber nicht der Besitzer, der Besitzer war der Liebhaber von Berenice, ich weiß schon, von wo die Intrige ausging, laut diesem blöden Dickwanst, er ruhe in Frieden, kam meine Nummer nicht an. Stellen Sie sich das mal vor! Da muss ich Ihnen gar nicht mehr erzählen, wie ich mich gefühlt habe. Ich kochte vor Wut. Das passiert dir, weil du professionell arbeitest, dachte ich, weil du eine Künstlerseele hast und keine Hurenseele. Ich hatte große Lust, dem Sabás seine Lausigkeit ins Gesicht zu schreien, überhaupt allen da, aber ich habe mir eine Zigarette angezündet und zu mir selbst gesagt: Bleib ruhig, mach keinen Skandal, der dir dann alle Türen im Milieu verschließt, hör erst mal, was der Dicke dir vorzuschlagen hat, und wenn das deine Würde nicht verletzt, nimm es doch an.
Er schlug mir vor, mit einem Tänzer zusammen als Paar aufzutreten, einen Geschlechtsakt auf der Bühne vorzutäuschen, sehen Sie, heutzutage läuft diese Show ja überall, aber damals war das etwas Neues, er hatte es gerade in Tijuana gesehen und fand das einen Hit. Mir gefiel die Idee ja nicht so gut, mal ganz ehrlich, das war wie runtergestuft zu werden, von einer Tänzerin zu einer Pornodarstellerin, aber ich riss mich zusammen, denn mir war vor allem wichtig, Berenice eine Lektion zu erteilen, sie in ihrem eigenen Bereich zu schlagen, sie sollte sehen, dass ich nicht nur für Verrenkungen gut war. Verstehen Sie? Bei den Proben gab man mir einen sehr schönen Tänzer zum Partner, ich glaube, er hieß Eleazar, sie hatten ihn absichtlich ausgewählt, denn von allen, die im El Sarape arbeiteten, war er der am wenigsten Effeminierte, er hatte Schultern wie ein Ruderer, einen Schnauzbart und Augenbrauen wie Zapata. Jämmerliches Mannsbild. Der arme Teufel war mir nicht gewachsen, wir harmonierten überhaupt nicht. Er war zu kühl, ich hatte das Gefühl, dass er mich auf Abstand hielt, als ob er Angst vor mir hätte, und ich musste mich doch ein bisschen in meine Rolle einfühlen und auf der Bühne Genuss darstellen. Nicht wahr? Aber Gott sei Dank erschien Eleazar in der Debüt-Nacht gar nicht im El Sarape. Am Tag zuvor war er mit einem Gringo durchgebrannt, der ihm ein Penthouse in Los Angeles eingerichtet hatte, das Miststück stand kurz vor der Hochzeit, kein Wunder, dass er sich nie konzentrieren konnte. Als wir das alles rauskriegten, war es bereits unmöglich, die Show abzusagen, sodass ich mit einem Vertreter in den Kampf geschickt wurde, mit Gamaliel, der mehr oder weniger Bescheid wusste, wie die Sache ablaufen sollte, da er ja die Proben gesehen hatte, aber er war eine verrückte Tunte von der runtergekommensten Sorte, eine echte Dame, ich schwöre es Ihnen. Sabás machte sich einen Spaß daraus, ihm Schlüssel zuzuwerfen, weil ihm die immer runterfielen, und um sie aufzuheben bückte er sich so, als ob er einen Rock anhätte, er strich sich dabei mit der Hand über den Po, sehr geziert war er. Zum Glück ging mir ein Licht auf und ich dachte mir, gut, statt das zu machen, was du eingeübt hast, improvisiere jetzt besser, unterwirf dich nicht der heftigen Führung des Mannes, jetzt, wo gar kein Mann da ist, sondern tu so, als ob du der Mann wärst und du diese Tunte verführen würdest.
Das war die Lösung. Gamaliel war am Anfang ein bisschen orientierungslos, ich rieb ihm meine Brüste unter die Nase und er, können Sie sich das vorstellen, es war als ob die Welt über ihm einstürzen würde, er wusste gar nicht, wo er mich anfassen sollte, aber sobald ich damit begann, ihn vorsichtig zu betasten, so ganz mütterlich, sobald ich ihm mehr Vertrauen einflößte und begann, mit ihm zu spielen wie eine zärtliche Freundin, merkte ich, dass er sich entspannte und dass die Grabscherei ihm sogar gefiel, so sehr, dass er kurz nach der Halbzeit der Show die Initiative ergriff und eine sehr stilvolle Penetration vorspielte, wobei er mit seiner Pelvis den Rhythmus des Mambos nachahmte, den das Saxofon spielte, während ich ihn mit weichen, katzenhaften Bewegungen stimulierte. Gamaliel hing zwischen meinen Beinen, ich kraulte ihm mit den Fußnägeln den Rücken, und auf einmal spürte ich, dass etwas Hartes mein Geschlecht berührte, so als ob es da unbedingt reinwollte. Ich sah ein anderes Gesicht von Gamaliel, ein Gesicht, das auszudrücken schien, dass er sich selbst nicht wiedererkannte, und da ist mir dann die weibliche Eitelkeit zu Kopf gestiegen. Ich fühlte mich als Schwulen-Dompteurin oder ich weiß nicht was, und ich begann, wirklich geil zu werden, wirklich eine Lesbe, ich biss Gamaliel ins Ohr, er blutete, und wenn die Musik in diesem Moment nicht aufgehört hätte, mein Gott, wir hätten wirklich losgelegt da vor allen Leuten.
Der Beifall war überwältigend und hielt ungefähr fünf Minuten an, ich erinnere mich sehr gut daran, denn als wir das dritte Mal rausgingen, um den Beifall zu empfangen, nahm mich Gamaliel am Arm, um mich hinter den Vorhang zu ziehen, und zerrte mich in meine Garderobe, denn er konnte sich vor Geilheit nicht mehr beherrschen. Ich auch nicht, um ehrlich zu sein. Wir fielen aufs Sofa, auf meine Kleider, und dort fetzten wir uns die Strümpfe vom Leib und vervollständigten, was wir auf der Bühne begonnen hatten, aber diesmal kamen wir bis zum Ende, wobei wir immer noch den Applaus in den Ohren hatten, der jetzt in uns widerzuhallen schien, als ob sich die Erregung des Publikums auf unsere Körper übertragen hätte, als ob der Applaus durch unsere Venen fließen würde.
Danach vergingen ich weiß nicht wie viele Tage, an denen Gamaliel kein Wort mit mir sprach, er schämte sich so sehr, die Fassung verloren zu haben. Selbst die Kellner hatten mitgekriegt, was wir gemacht hatten und begannen, sich über ihn lustig zu machen: Bist du denn nicht mehr von der anderen Seite, na so was, jetzt stellt sich raus, dass du auch Wechselstrom magst. Sie hänselten ihn so sehr, den Armen, dass ich zu Sabás gesagt habe: Hör mal, pass besser auf deine Leute auf, ich will meinen Partner doch nicht wegen dieser Fieslinge verlieren. Auf der Bühne harmonierten wir weiterhin wunderbar, aber er ließ sich jetzt nicht mehr gehen, sein Blick war abwesend, die Haut wie erschlafft, er hielt Distanz, um nicht wieder auszuscheren, und sein Widerstand stachelte meinen Stolz erst recht an, denn ich muss Ihnen gestehen, dass mir Gamaliel in der Garderobe sehr gefallen hatte, und ich wollte ihn unbedingt noch mal als Trophäe mitnehmen, aber keine Chance, er war so professionell, so ernst, so in seine Sache vertieft, dass ich mir nach einiger Zeit gesagt habe: Vergiss es, der war nur an einem einzigen Tag ein Mann.
Ich staunte nicht schlecht, als ich ihn zwei Monate nachdem wir unser Debüt gehabt hatten, am Ausgang des El Sarape stehen sah, es war schon Morgengrauen, er war angetrunken und hatte eine Plastikrose in der Hand. Er sagte mir, dass er die ganze Nacht auf mich gewartet hätte, weil er es nicht mehr ausgehalten hatte, sich nach mir zu sehnen. Man sagt ja, dass Künstler sich nicht verlieben dürfen, aber ich habe niemals einen Bogen um die Liebe gemacht, vielleicht bin ich ja deshalb mit der Zeit so auf den Hund gekommen. Gamaliel zog zu mir in das Zimmer, das ich im Hotel Oviedo hatte. Wir sahen uns täglich und gefielen uns trotzdem immer besser. Das Liebemachen nach der Show wurde uns zur Gewohnheit. Manchmal schafften wir es nicht mal mehr, die Garderobentür zuzumachen, so eilig hatten wir es. Und wenn wir irgendwo Applaus hörten – aber hallo! – ich weiß nicht, was mit uns los war, sehen Sie, sogar wenn der Fernseher lief, wenn der Showmaster zu einem heftigen Applaus für Sonia López oder für Los Rufino aufrief, das allein reichte schon, dass wir im ganzen Körper ein Kribbeln verspürten. Mit der Liebe lief also alles bestens, was aber den Bach runterging, war die Professionalität. Es stellte sich raus, dass Gamaliel eifersüchtig war. Er konnte es nicht haben, dass ich die Kunden animierte, er wollte mich Vollzeit für sich allein. Zu allem Überfluss reagierte er beleidigt, wenn ihm jemand Zweideutigkeiten zuwarf, er war nämlich immer noch genauso geziert wie früher. Und die Besoffenen riefen ihm manchmal Anzüglichkeiten nach, wie: In dieser Ochsensuppe fehlt der Schwanz, oder: Da nehm ich doch gleich beide Puppen mit. Verdammte Schweine, wetten, dass die nicht mal einen hochkriegten, keiner von denen hätte es mir so besorgt wie Gamaliel. Eines Tages dann hielt er es nicht mehr aus und hat sich mit einem Rothaarigen geprügelt, so ein Bärtiger, der es auf ihn abgesehen hatte. Der Rothaarige war aber ein Kumpel des Gouverneurs und drohte damit, El Sarape schließen zu lassen. Sabás wollte Gamaliel vor die Tür setzen, nur ihn, aber ich sagte, so läuft das nicht, wir müssen beide gleich behandelt werden, entweder bleiben wir beide oder wir hauen beide zusammen ab.
Wir hauten beide zusammen ab. Im Viertel von Acapulco wollte uns niemand mehr anstellen, da es hieß, wir würden nur Unruhe stiften. Wir gingen also in die Hauptstadt, und nach einer kurzen Zeit der Jobsuche heuerte man uns im Künstlerklub an, das war damals ein Ort der gehobenen Klasse. Auf Anregung des Geschäftsführers modernisierten wir die Show. Wir hießen jetzt Adam und Eva und traten mit Weinblättern bedeckt auf die Bühne. Die Begleitung hier war prima. Es begann mit Harfenakkorden, also so richtige Liebeslieder, ganz unschuldig, aber wenn Gamaliel in den Apfel biss, den ich ihm gab, und die Gitarreneinlage von Santana begann, fuhr uns beiden der Teufel in den Leib. Wir machten gutes Geld, denn neben dem Lohn zahlte man uns auch dafür, bei Orgien von Politikern aufzutreten. Die hielten sich für besonders verdorben, aber sie waren nur lächerlich. Bei mir lösen diese Typen, die sich auf Kosten fremden Schweißes erhitzen, eher Mitleid aus, also, sehen Sie, es war, als ob ich denen als Almosen geben würde, was von meinem eigenen Genuss übrig war. Gamaliel dagegen mochte es gar nicht, dass wir so ein verlottertes Leben führten. Er bekam jetzt Gewissensbisse, er wurde bei jeder Kleinigkeit wehmütig. Wir haben überhaupt keine Intimität, sagte er zu mir, ich habe es satt, dass uns diese Idioten zuschauen, denen würde es ja auch nicht gefallen, dass ich ihnen mit ihren Ehefrauen zuschaue.
Da wir Ersparnisse hatten, konnten wir es uns erlauben, uns aus dem Showgeschäft zurückzuziehen. Gamaliel fing als Maniküre in einem Friseursalon an, ich kümmerte mich um die Wohnung, die wir im Stadtviertel Doctores hatten, und wir begannen, so zu leben, wie ein ganz normales Paar, zu Hause zusammen essen, ins Kino gehen, sich zeitig schlafen legen, sonntags ein Besuch im Naturpark La Marquesa, also ein armseliges und reizloses Leben. Armselig und reizlos, denn letztendlich bestimmt das Fleisch, und Gamaliel war jetzt impotent geworden, er machte nur noch einmal alle tausend Jahre Liebe mit mir, und das auch noch schlecht gelaunt, wie aus Zwang. Und wissen Sie warum? Weil ihm das Publikum fehlte, er vermisste den Applaus, der ja die Nahrung des Künstlers ist. Es war wohl die berühmte weibliche Intuition, ich kam gleich dahinter, was mit uns los war, Gamaliel dagegen wollte es nicht wahrhaben. Er sagte, dass er unter keinen Umständen wieder eine Bühne betreten wolle, dass er als Maniküre sehr zufrieden sei. Ich musste mich damit abfinden, mein Dasein ganz anständig als enthaltsames Weibchen zu fristen, und dann entdeckte ich, dass Gamaliel wieder zu seiner alten Vorliebe zurückgekehrt war und die männlichen Kunden des Friseursalons umgarnte.
Das konnte ich nun wirklich nicht ertragen. Ich sagte ihm: Entweder tanzen wir wieder oder jeder geht seiner eigenen Wege. Er schäumte vor Wut, noch nie hatte ich ihn so aufgebracht gesehen, er ballte die Fäuste und schrie mich an, woher ich mir denn das Recht nähme, über sein Leben zu bestimmen, wenn ihm die Weiber doch überhaupt nicht gefielen, blöde Weiber. Warum hast du mir denn dann die Plastikrose geschenkt?, warf ich ihm vor, warum bist du denn dann zu mir gezogen, du Hurensohn? Damit besänftigte ich ihn. Die Wut ließ langsam nach, dann brach er in Tränen aus, und schließlich bat er mich auf Knien um Verzeihung und schwor mir, dass er mich niemals verlassen würde, auch wenn wir im übelsten Höllenbordell enden würden.
Da wir in der Hauptstadt schon zu bekannt waren, gingen wir an die Golfküste: Coatzacoalcos, Reynosa, Poza Rica, quer durch all diese Orte, wo in der Erdölindustrie gutes Geld gemacht wird. Und Sie wissen ja, da wo viel reinkommt, wird auch viel ausgegeben. In den ersten Jahren machten wir reichlich Kohle. Das Problem war, dass Gamaliel immer tiefer in die Sauferei abrutschte. In der Show merkte man, dass er betrunken war, manchmal konnte er mich nicht mal mehr heben oder taumelte gegen die Tische. Das Publikum beschwerte sich natürlich, und ich geriet mit den Geschäftsführern aneinander, denn die verlangten von mir, ihn gegen einen anderen Tänzer auszutauschen. Im Ort Tuxpanlösten wir sogar einen Jahrhundertskandal aus. Ich hatte in dieser Nacht auch schon ein paar Gläser gehoben, bis heute weißich nicht wirklich, was eigentlich los war, wir hatten die Leute um uns herum völlig vergessen, wir glaubten uns schon in der Garderobe und vögelten völlig hemmungslos, als auf einmal ein paar grobschlächtige Kerle aufs Podium stiegen, die mich vergewaltigen wollten, Süße, ich will auch, lass mich doch auchmal ran, schrien sie, ihr Ding schon entblößt. Hinter ihnen kam die Polizei und knüppelte die Leute nieder, furchtbar! Ich bekam auch einen Schlag ab, sehen Sie hier die Narbe an meiner Augenbraue, es gab eine Massenschlägerei, jeder gegen jeden, irgendjemand bekam einen Eispick ins Fleisch gerammt, und wir, Adam und Eva, landeten in einem Gefängnis, das eher einem Hühnerstall glich. Trennt die beiden, sagte der Oberwachtmeister, die dürft ihr nicht zusammentun, die sind wie läufige Hunde.
Von da an ging es nur noch bergab. Die Besitzer der Nachtclubs sind eine Mafia, die kennen sich alle untereinander, und wenn jemand ein Chaos verursacht, spricht sich das gleich herum. Keiner wollte uns jetzt noch anheuern, wir konnten nur noch in diesen illegalen Schuppen der Elendsviertel was finden. Dort zu arbeiten war aber nicht nur gefährlich, sondern auch entwürdigend, vor allem weil wir doch an Orten der gehobenen Kategorie Erfolg gehabt hatten. Ohne Bühne, nur auf dem Sandboden, verflachte unsere Show, außerdem war ich am Ende voller Kratzer. Also versuchten wir noch einmal, uns zurückzuziehen, aber es ging nicht, die Kunst hat man eben im Blut, und zu diesem Zeitpunkt steckten wir auch schon tief im Sumpf der Abhängigkeit vom Applaus. Die Leute merkten gleich, wie sehr wir das Rampenlicht brauchten, wenn wir um Arbeit baten; wie Bettler zogen wir von einer Spelunke zur nächsten, nahmen Hungerlöhne an, ein paar lumpige Pesos die Nacht; und das Schlimmste, was einem Künstler passieren kann, ist ja, die Würde zu verlieren. Und wie Sie sich denken können, hatte der schlechte Lebenswandel unsere Körper stark mitgenommen, das machte alles noch schlimmer. Wir waren schon um die vierzig, Gamaliel hatte inzwischen einen Bauch, ich wurde von der Zellulitis zerfressen, eine echte Katastrophe. Man meinte es gut mit uns, wenn man uns sagte, dass wir doch besser singen sollten, statt weiterzuvögeln. Sie hatten ja recht, aber wir konnten die doch nicht wissen lassen, dass bei uns ohne Publikum gar nichts mehr lief.
Also, um mich kurz zu fassen, am Ende kam dabei raus, dass wir ganz ohne Bezahlung auftraten. Niemand konnte uns von unserem Exhibitionismus abbringen. Aus Mitleid ließ man uns in einigen der übelsten Schuppen zu Beginn der Vorführung kurz auftreten, aber auch nur, wenn es wenig Publikum gab. Unseren Lebensunterhalt verdienten wir mit dem Verkauf von Stoffen, Fantasieschmuck und Uhren, wir zogen von Dorf zu Dorf und boten die Ware feil. So lief das ich weiß nicht wie lange, bis wir uns eines Tages sagten, also was sollen wir uns weiter so rumquälen, wenn wir doch in Acapulco Freunde haben, gehen wir doch dort hin. Und, sehen Sie, nun sind wir schon seit drei Jahren wieder hier, noch gesund, Gott sei Dank, und arbeiten für Berenice, sie ist jetzt die Besitzerin des El Sarape, sehen Sie nur, wie die an der Kasse steht, wie sie ihre Millionen zählt, die alte Kröte. Gamaliel ist der Herr, der die Stöckelschuhe der Tänzerinnen aufsammelt. Sehen Sie ihn? Der Grauhaarige da am Vorhang. Sieht gut aus, nicht wahr? Er ist vierundfünfzig, sieht aber aus wie vierzig. Oder meine ich das nur, weil ich ihn mit den Augen der Liebe sehe? Ist doch schön, wenn man jemanden so liebt, nicht wahr? Sie müssen mir gar nicht zustimmen, von Weitem sieht man, dass Sie sich auf solche Dinge verstehen, deshalb wollte ich Ihnen mein Leben erzählen, um zu sehen, ob Sie mir nicht einen kleinen Gefallen tun könnten. Hier im Gang, hinter den Getränkekisten, haben wir unsere Bleibe, Gamaliel und ich. Da, nehmen Sie, ich habe leider nicht mehr, nehmen Sie es doch bitte aus Mitmenschlichkeit an, ich weiß, es ist nicht viel, aber ich verlange auch kein großes Opfer von Ihnen. Nur dass Sie uns zuschauen, und wenn es geht, klatschen Sie doch bitte.
Roger, das schutzlose Waisenkind
Für meinen Bruder Ricardo
Misericordia: Dolch, den die Ritter im
Mittelalter gewöhnlich bei sich trugen,
um dem Feind den Gnadenstoß zu versetzen
Aus dem Diccionario de la Real Academia Española
Eingekuschelt in ihre Heizdecke, überhörte Eleanore Wharton das erste Klingeln des Weckers. Das zweite würde in einer Viertelstunde folgen, dann schon energischer, vorwurfsvoll an die Pflicht erinnernd; wenn sie danach immer noch weiterschlief, würde sie alle fünf Minuten ein Plärren über sich ergehen lassen müssen, das ganz heimtückisch kalkuliert war, allein zu dem Zweck, ihr bis in die tiefsten Träume hinein Schuldgefühle einzuflößen. Sie hasste diesen Wecker, hielt ihn aber trotzdem für eine gute Erfindung. Die Japaner machten ihre Sache gut. Die schlechte Angewohnheit, unter der Decke weiterzuschlummern, hatte ihr schon einige Gehaltsabzüge eingebracht. Mithilfe der sich wiederholenden Alarmglocke war sie nun aber meistenspünktlich. Sie bekam nicht mehr so häufig Verwarnungen beiRobinson & Fullbright, der Firma, bei der sie seit zwanzig Jahren als Vorstandssekretärin arbeitete. Trotzdem haftete ihr der ungerechte Ruf an, eine Langschläferin zu sein, sie wollte ihn aber auch nicht ableugnen. Ihre Chefs waren Männer, und Männer kamen ja nicht in die Wechseljahre. Wie sollte sie denen also erklären, dass sie manchmal in depressiver Stimmung vom Morgengrauen überrascht wurde, ohne jede Lust, arbeiten zu gehen, böse auf sich selbst, da sie die ganze Nacht kein Auge zugetan hatte?
Heute hatte sich diese Lustlosigkeit wieder eingestellt. Auch beim zweiten Klingeln stand sie nicht auf: Sollten die Japaner doch zur Hölle fahren! Ärgerlich war aber, dass sie ihre Zwecke schon erreicht hatten. Sie war wach, so wach, dass sie über die staatsbürgerliche Funktion der Schlaftrunkenheit nachdachte. Gott hatte sie erfunden, damit die Menschen benommen aufwachten und sich dem unausweichlichen Mechanismus der Werktage nicht widersetzen konnten. Sie war aber ganz ohne Schlaf im Kopf aufgewacht, mit einer regelrecht irrwitzigen Hellsichtigkeit, und nichts hinderte sie daran, zu denken, dass ihre Lustlosigkeit genauso kuschelig und warm wie das Bett war. Sie streckte eine Hand unter der Decke hervor und tastete blindlings herum, wo war denn nur das Glas Wasser, das sie am Vorabend auf den Nachttisch gestellt hatte? Sie vertat sich, nahm das, in dem ihre falschen Zähne schwammen und trank die bittere grüne Flüssigkeit (Polident, for free-odor dentures), ihr Schutz vor Keimen und Bakterien. Wie eklig, neunundvierzig Jahre alt zu sein! Wie eklig, hellsichtig und gebrechlich aufzuwachen!
Sie dachte an ihr aufgedunsenes Kinn, an die abscheuliche Pflicht, »sich schön zu machen«. Noch ein Grund, nicht zur Arbeit zu gehen: Ein Frauenzimmer wie sie hatte keinen Anlass, ihre Hässlichkeit zu verbergen. Zum Teufel mit all der Kosmetik und Schminke. Sollten doch Gras und Schimmel auf ihrem Wrack sprießen; es würde sowieso keiner hinsehen. Mit dreißig hatte sie sich scheiden lassen und war kinderlos geblieben, seitdem mied sie den Umgang mit Männern. Ihre Freundinnen sah sie einmal im Jahr, gewöhnlich zu Thanksgiving. Ansonsten suchte sie sie niemals auf, denn nach einer halben Stunde gemeinsamen Plauderns sehnte sie sich danach, allein gelassen zu werden. Ihr Individualismus grenzte bereits an Menschenfeindlichkeit. Dem Leben entzog sie sich hinter einem unbezwingbaren Schutzpanzer, und jegliche Bekundung von Zuneigung, die diesem womöglich Risse einbringen konnte, wies sie sofort von sich. Eigentlich hasste sie es, so zu sein. Aber was sollte sie dagegen tun? Etwa einen Kurs in transzendentaler Meditation belegen? Da lief sie Gefahr, sich selbst zu begegnen, wo sie doch innerlich danach strebte, sich aus den Augen zu verlieren. Nein, Meditation und Psychoanalyse waren nichts als Augenwischerei, kosmetische Tricks, um die Falten der Seele zu übertünchen (ein Schluck klares Wasser nahm ihr den bitteren Geschmack im Mund), was sie brauchte, war eine Generalüberholung, einen richtigen Hautwechsel. Eleanore Wharton war vollgestopft mit Phobien. Warum musste sie ihre eigene Stimme im Spiegel hören und außerhalb des Spiegels auch? Wenn wenigstens deren Monologe etwas abwechslungsreicher wären, dann könnte man es ja ertragen, aber es ging immer um dieselben Dinge: Fettes Essen war schlecht für den Kreislauf, Michael Jackson sollte wegen Verführung Minderjähriger eingesperrt werden, in dieser Macho-Welt konnten es Frauen ihrer Klasse zu nichts bringen, Männer wollten Sex und keine Effizienz, den Beweis dafür lieferten die leitenden Angestellten im Büro, sehr streng zu den älteren Frauen und ganz verständnisvoll mit den jungen, aber sie würde nie mehr zulassen, dass man ihr wegen Verspätungen Geld abzog, das nicht, den japanischen Wecker mit der Weckwiederholung hatte sie ja nicht umsonst gekauft, und der befahl ihr jetzt mit furchtbarem Getöse, aufzustehen: Wake up fuckin’ lazy! Bist du traurig, du Weichei? Dann krepier doch an deiner Bitterkeit, aber erst nachdem du gestempelt hast.
In einem Akt der offenen Auflehnung gegen Robinson & Fullbright zog sie den Stecker des Weckers heraus. Sie würde absichtlich zu spät kommen. Sie würde doch eine gute Existenzkrise nicht vergeuden, nur um ihren Chefs gefällig zu sein. Vom Bett aus schaltete sie den Fernseher ein. Letzte Nacht hatte sie eine Sondersendung von Bob Hope aufgenommen und wollte sich vergewissern, dass ihr Aufnahmegerät sie nicht im Stich gelassen hatte. Wie üblich hatte das Gerät einen seiner Späße getrieben. Sie hatte es für eine Aufnahme ab 12:00 Uhr vorprogrammiert und jetzt sah sie auf dem Bildschirm die Nachrichtensendung von 11:30 Uhr. Verdammte Panasonic. Das Nervigste an den Reparaturen war, sich mit dem Techniker der Gesellschaft abgeben zu müssen. Wenn sie den auf Distanz hielt und nur ein paar Worte mit ihm wechselte, gerade mal die notwendigsten, um ihm klarzumachen, was nicht funktionierte, entstand eine angespannte, unerträglich steife Situation, wenn sie ihm aber Kaffee anbot und versuchte, das Eis zu brechen, hatte sie das Gefühl, ihre Intimsphäre in einem Schaufenster auszustellen. Warum erfand man denn keine Apparate, die andere Apparate reparierten?
In den Nachrichten wurden aktuelle Bilder des Erdbebens in Mexiko gezeigt: Gebäude in Trümmern, Zeltlager auf den Straßen, Frauen, die weite Strecken zurücklegten, um Wasserbehälter zu füllen. Armes Land. Wo war dieses Mexiko noch mal genau? Neben Peru? Der Kommentator der NBC sprach von zwanzigtausend Toten. Es gab noch Überlebende unter den Trümmern, aber es fehlte an der notwendigen Ausrüstung, sie zu befreien. Auch Kleidung und Lebensmittel gab es nicht genug. Nahaufnahme der Markise eines Hotels mit einer Uhr, die genau um 7:19 Uhr stehen geblieben war. »Die Mexikaner werden diese Uhrzeit niemals vergessen, den Moment, in dem die Erde die bevölkerungsreichste Stadt der Welt von der Karte tilgen wollte.« Einblendung eines Gebäudes, das in sich zusammenfällt. Einblendung des Präsidenten, der sich für die internationale Unterstützung bedankt. Der war aber ziemlich hellhäutig für einen Mexikaner. Einblendung von einfachen Leuten, die in einer Kirche knien. »In diesem Szenario voller Schmerz und Tragödie sind die Kinder, die ihre Familie und ihr zu Hause verloren haben, die Hauptopfer.« Die Kamera richtete sich auf ein halb nacktes Kind, das neben den Trümmern einer Armensiedlung weinte. »Kinder wie dieses suchen verzweifelt nach ihren Eltern« – der Sprecher tat, als ob er einen Knoten im Hals hätte – »und ahnen nicht, dass sie sie nie wieder sehen werden«.
Eleanore spürte einen Stich im Herzen. Weinte der Junge wirklich schwarze Tränen oder wurden sie vom Staub auf seinen Wangen geschwärzt? Er trug einen durchlöcherten Pullover, der ihn – nach dem Zittern seines Körpers zu urteilen – nicht vor der Kälte schützte. Er war vielleicht zwei oder drei Jahre alt, doch in seinem verzerrten Gesicht, das vom vielen Weinen ganz verquollen war, stand die Trostlosigkeit eines alten Mannes, der hundert Kriege gesehen hatte. Hinter ihm zeichnete sich vor dem bleigrauen Horizont ein Berg aus Schutt ab, auf dem Feuerwehrleute und Rettungshelfer mit Mundschutz zu sehen waren. Die Nachricht über das Erdbeben endete mit einem Close-up des Jungen.
Sie spulte die Kassette zurück, um ihn noch einmal zu sehen. Dieser arme Engel lebte in Mexiko, aber wo war Mexiko? Das war das Land der Mariachis, die Tango-Lieder sangen, da war sie sich ganz sicher, aber sie konnte es geografisch nicht einordnen. Sie fror das Bild ein, um das Kind genau zu betrachten. Es schien unterernährt zu sein. Ihr Kühlschrank war voll mit t.v.dinners (selbstverständlich diätetisch) und sie lag ganz bequem in ihrem Bett und betrachtete in aller Seelenruhe ein Wesen, das um ein Stück trockenes Brot heulte. Egoistin. Woher nahm sie das Recht, im Bett liegen zu bleiben und ihre Wehwehchen zu pflegen, während die Welt voll mit unglücklichen, bemitleidenswerten Kindern war? Jemand musste ihn in ein Waisenhaus bringen, falls dort überhaupt noch Waisenhäuser stehen geblieben waren. Unglaublich, aber wahr: Sie spürte eine zärtliche Zuneigung. Der kleine Obdachlose hatte ihr die Lust zurückgegeben, im Leben zu kämpfen. Gerne wäre sie direkt in den Fernseher hineingestiegen, um ihn zu trösten, um ihm zu sagen, dass er nicht allein auf der Welt war. Mit gestärkter Selbstachtung sprang sie aus dem Bett. Das war es, was sie brauchte, um sich wieder lebendig zu fühlen: Ein Gefühl, das ganz rein war. Vom Büro aus würde sie den Techniker von Panasonic anrufen und mit ihm plaudern wie ein Papagei.
Mit einer Unmenge an Immobilienverträgen und Anrufen beim Grundbuchamt beschäftigt, kam sie nicht dazu, an ihre neue Illusion zu denken. Es war schon nach zwölf, als ihr eine Bemerkung von Herrn Fullbright zum Erdbeben in Mexiko alles wieder vergegenwärtigte. Was er im Fernsehen gesehen hatte, fand er so schrecklich, so beeindruckend, dass er nie wieder in Acapulco Urlaub machen wollte. Schäbiger Kerl. Wie konnte er sich trauen, in eine Gefühlswelt einzudringen, die ihr aus Eigenrecht ganz allein zustand? Sie würde sofort hundert Dollar darauf wetten, dass er den Kanal gewechselt hatte, um die Seifenoper der mexikanischen Waisen nicht sehen zu müssen.
Nach dem Lunch nutzte sie gleich die Abwesenheit des Chefs und schlug in der Enzyklopädie nach, die den Versammlungsraum tapezierte. Mexiko grenzte im Norden an die Vereinigten Staaten und im Süden an Guatemala. Kaum zu glauben, dass Südamerika so nah an den Vereinigten Staaten lag, aber die Karte ließ keinen Zweifel daran: Weniger als drei Pulgadas waren zwischen ihrem Wohnort Green Valley und der übel zugerichteten Stadt, in der dieses Häufchen Elend ohne Heim, ohne Familie und ohne Liebe weinte.
Als sie wieder zu Hause war, schaltete sie sofort den Videorekorder ein. Neue und intensivere Gefühle der Barmherzigkeit schwangen in ihrer Brust. Ganz entgegen ihrer Gewohnheit, nach dem Dinner nichts mehr zu essen, gönnte sie sich eine Schüssel Popcorn, dann stellte sie »Die Ode An die Freude« in der Version von Ray Conniff auf volle Lautstärke und machte es sich auf dem Bett bequem, um das verquollene und bezaubernde Gesicht des mexikanischen Jungen zu betrachten, das gefühlsmäßig schon ihr gehörte. Gott hatte ihn in ihrem Fernseher erscheinen lassen, vier Tage vor Beginn ihres Urlaubs. Der Wink des Himmels hätte deutlicher nicht sein können: Lauf los, hol ihn, rette dich, indem du dieses arme Würstchen liebst. Sie würde ihn Roger nennen, egal wie seine Mutter ihn getauft haben mochte. Die beste Ehrung der Verstorbenen würde darin bestehen, die kleine Waise in einem intakten Umfeld großzuziehen, das es das Trauma des Erdbebens vergessen ließ. Ein Flugticket nach Mexiko konnte ja nicht so teuer sein. Und selbst wenn es teuer wäre: Ab sofort war sie bereit, Opfer zu bringen.
Das Hotel, das man ihr im Reisebüro empfohlen hatte, hatte den Vorteil, direkt neben der Botschaft der Vereinigten Staaten zu liegen. Diese suchte sie als Erstes auf, um zu erfahren, welche Adoptionsbestimmungen es im Land gab. Der junge Mann am Informationsschalter sagte ihr, dass es ziemlich kompliziert sei, in Mexiko ein Kind zu adoptieren. Die Regierung mache den Ausländern viele Auflagen, aber bei der schwierigen Lage, in der sich das Land befand, würde man vielleicht anordnen, die behördlichen Formalitäten zu vereinfachen. Er wolle sie nicht entmutigen, aber der ganze Vorgang könne länger als ein Jahr dauern.
Mit einem hoffnungsvollen Lächeln verließ sie die Botschaft. Willkommen Schwierigkeiten! Sie würde beweisen, dass die Liebe alle Hürden überwindet. Ihr Plan war, das Kind auf gleichsam wissenschaftliche Art und Weise zu suchen. Zuallererst würde sie den Leuten von NBC die Videokassette zeigen, um zu erfahren, wo sie die kleine Waise gefunden hatten. An der Hotelrezeption bekam sie die Adresse vom Büro der Auslandskorrespondenten. Unter großen Schwierigkeiten buchstabierte sie diese einem Taxifahrer, ein Feind des Tourismus, denn er machte sich nicht die geringste Mühe, ihr stottriges Spanisch zu entziffern, und riss ihr am Ende unflätig den Zettel mit der Adresse aus der Hand. Die Fahrt durch die Straßen von Mexiko bestand aus einer Abfolge an Überraschungen, die meisten davon unangenehm. Die Stadt war viel gewaltiger, als sie angenommen hatte. Gewaltiger und hässlicher. Sie sah so viele Straßenhunde, dass sie überlegte, ob diese nicht vielleicht heilig wären, so wie die Kühe in Indien. Warum kümmerte sich niemand um sie? Die riesigen Pfützen mochten ja eine Folge des Erdbebens sein, denn vermutlich war das Kanalsystem beschädigt worden, aber keine Naturkatastrophe rechtfertigte die ungeheure Verbreitung von Imbiss-Ständen, das ohrenbetäubende Brummen der Autobusse oder die krankhafte Angewohnheit, Unterwäsche auf den Balkonen aufzuhängen. Im Inneren des Taxis wurde die Landschaft nicht besser. Der Fahrer sah aus wie ein Mörder, aber an der Schalttafel des Autos hatte er jede Menge Heiligenbilder hängen. Zu wem konnte denn solch ein Rohling wie er noch beten, der das Leben seiner Fahrgäste in Gefahr brachte, nur um einen Meter Platz zu gewinnen, und der den anderen Autofahrern, die ebenso unzivilisiert waren, schreckliche Flüche zurief?
Im Büro der Auslandskorrespondenten wartete sie mehr als zwei Stunden auf den Kameramann Abraham Goldberg. Er war die einzige Person, die ihr weiterhelfen konnte, so zumindest das Urteil der Rezeptionistin. Es gefiel ihr gar nicht, sich an einen Juden wenden zu müssen. Und ebensowenig das Verhalten der Reporter und Telefonisten, die verächtliche Blicke auf sie warfen, wenn sie an ihr vorbeigingen. Die dachten wohl, dass sie gekommen war, um eine Aufnahme zu verkaufen? Verdammte Schakale. Sie machten viele Dollars mit dem Schauspiel des Erdbebens, da kam es ihnen nicht in den Sinn, dass jemand seine Zeit und sein Geld in einen edlen Zweck investieren könnte. Sie hielt aber die Stellung, die Videokassette fest umklammert. Das war, wie Roger zu umarmen, ihn zu beschützen vor dieser unmenschlichen Rotte. Sie hatte Durst, aber nicht genug, um sich am Wasserspender zu bedienen, der vor dem Besuchersessel stand. Das Wasser in Mexiko war reines Gift, das wusste sie aus einem Artikel im Reader’s Digest. Auch die Erfrischungsgetränke waren voller Amöben. Nein, mein Herr, in diese Falle würde sie nicht tappen. Sie würde nur ihr eigenes Wasser trinken, das kristallklare und gefilterte Wasser, das sie in hygienischen Plastikflaschen aus Green Valley mitgebracht hatte.
Abraham Goldberg war genau so, wie sie sich ihn vorgestellt hatte: langnasig, unsympathisch, kraushaarig und besonders feindlich gesinnt gegenüber Leuten, die ihm die Zeit stahlen. Er verstand ihr Anliegen nicht oder tat so, als ob er es nicht verstehen würde. »Sie wollen unbedingt dieses Kind adoptieren? Glauben Sie denn, dass Sie es zwischen den 18 Millionen Einwohnern herausangeln können?« Eleanore hatte reichlich Lust, ihn zu Brei zu schlagen, sie beherrschte sich aber und antwortete mit ihrem schönsten Lächeln: Sie wolle ihn keinesfalls stören, sie brauche nur ein bisschen Hilfe, um das Kind zu finden. Goldberg versprach ihr, etwas zu unternehmen, dann ging er zu einem Reporter, der an einer Schreibmaschine arbeitete, um dessen Meinung einzuholen. Ihr Gelächter drang bis zu Eleanore. Sie hielten sie für eine Verrückte. Für die beiden war natürlich jeder verrückt, der edle Gefühle hegte. Der Kollege von Goldberg, freundlicher oder auch nur scheinheiliger, nahm sie mit in einen Raum, in dem ein Videorekorder stand. Sie sahen sich die Szene aus der Nachrichtensendung an. Er konnte sich an den Jungen erinnern, nicht aber an den Namen der Straße. Warum wollte sie unbedingt diesen Jungen adoptieren, wenn die Stadt doch voller Waisenkinder war? Eleanorefühlte sich gekränkt. Offensichtlich hatten diese Fernsehleute ein Herz aus Stein. Konnten die denn nicht nachvollziehen, dass dieser Junge, ganz speziell dieser, ihre Mutterinstinkte geweckt hatte und dass Mutterinstinkte nicht übertragbar waren? Es kostete sie einige Anstrengung, gefasst zu bleiben und den Reporter zu bitten, so freundlich zu sein, einen mexikanischen Kollegen zu rufen.
Der Mann von NBC machte eine Geste des Unmuts.
»Ich flehe Sie an. Eine Person aus dieser Stadt wird die Straße umstandslos identifizieren können. Ich bin wegen dieses Kindes aus Oklahoma angereist. Wenn Sie mir nicht helfen, bin ich verloren«, schluchzte sie.
Wenige Minuten später betrat ein zweisprachiger Mexikaner den Raum. Ohne zu zögern behauptete er, dass das Kind in der Straße Carpintería sei, die gehörte zu den schlimm zerstörten des Stadtviertels Morelos. Eleanore prägte sich die Namen rein nach Gehör ein. Sie bedankte sich überschwänglich bei dem Mexikaner und weniger herzlich bei dem Reporter von NBC. Als sie schon draußen war und auf den Fahrstuhl wartete, meinte sie zu vernehmen, dass man laut über sie lachte.
Am nächsten Tag heuerte sie an der Rezeption des Hotels einen Touristenführer an, der ihr seine Dolmetschdienstefürzehn Dollarpro Tag anbot. Er hieß Efraín Alcántara. In seinen jungen Jahren war er in San Miguel de Allende mit einer Lehrerin aus Texas bekannt gewesen (»eine ganz enge Freundin, wissen Sie«, posaunte er gleich bei ihrem Kennenlernen heraus), die ihm Englischunterricht gegeben hatte. Sein Haar war zurückgegelt, sein Schnauzbart grau meliert und sein Benehmen das eines in die Jahre gekommenen Schürzenjägers.
Eleanore empfand es als viel zu vertraulich, dass er ihre Hüften umfasste, wenn sie die Straße überquerten; er wiederholte diese Geste noch einmal beim Aussteigen aus dem Taxi, als sie am Sicherheitsring angekommen waren, den das Militär um die betroffene Zone gezogen hatte. Efraín sprach lange mit dem Soldaten, der den Zugang bewachte. »Ich habe ihm gesagt, dass wir Familienangehörige eines Obdachlosen sind, mal sehen, ob er uns durchlässt«, erklärte er ihr auf Englisch. Der Soldat machte keine Anzeichen, weich zu werden. Da er gegen dessen Unnachgiebigkeit nicht ankam, ging Efraín zu Eleanore zurück und flüsterte ihr ins Ohr: »Der will Geld. Geben Sie mir mal einen Schein.« Eleanorezögerte einen Moment. Korruption wollte sie nicht unterstützen. Richtig wäre gewesen, den Soldaten anzuzeigen und eine Erlaubnis zu beantragen, um die Straße legal zu betreten. Aber in diesem Land war nichts rechtmäßig, und wenn sie Roger finden wollte, musste sie sich den Spielregeln anpassen. Wie eine Verbrecherin fühlte sie sich, als sie Efraín das Geld gab. Der Soldat ließ beide unter dem Trennband durch, ohne auch nur den geringsten Anflug von Scham oder Verlegenheit zu zeigen. Er fand es sicherlich ganz gerecht, Bestechungsgelder zu kassieren.
Beim Betreten des Katastrophengebiets wehte Eleanore ein unheilvoller Geruch verwesenden Fleisches in die Nase. Efraín umschlang schon wieder ihre Hüfte. Unsanft stieß sie seinen Arm weg (sie empfand ihn als obszön, aufdringlich, anzüglich) und hielt sich ein Tuch vor die Nase. Da gab es Gebäude, die völlig zu Staub zerfallen waren. Andere standen gekrümmt wie ein Akkordeon und warteten nur noch auf einen Windhauch, der sie zum Umstürzen bringen würde. Die ehemaligen Bewohner saßen in Zelten zusammengepfercht und beobachteten sie von der Straße aus, in der Hoffnung, noch irgendwas von ihren Möbeln oder sonstigem Hab und Gut retten zu können. Wie konnten die bloß diesen Todesgeruch einatmen und dabei die Heiterkeit einer Picknickgesellschaft ausstrahlen? Wo nur noch Schutt war, arbeiteten Bagger, die die Steinblöcke mit äußerster Vorsicht bewegten. Efraín erklärte Eleanore – er hatte seine klettenhafte Hand jetzt wieder auf ihren Körper gelegt –, dass wenn sie schneller arbeiten würden, die Gefahr bestünde, etwaige Überlebende zu zerquetschen. Ihre Antwort war ein teilnahmsloses Nicken. Sie war nicht nach Mexiko gekommen, um Kurse in Rettungswesen zu erhalten. Eingehend untersuchte sie alle Ruinen auf der Suche nach dem Schauplatz, an dem sie Roger gesehen hatte. Eine ebenso absurde wie heftige Eingebung sagte ihr, dass sie ihn an eben demselben Platz finden würde, wo NBC ihn gefilmt hatte.
Nach zwei Stunden erfolgloser Suche bat Efraín sie, zur Vernunft zu kommen. Das zerstörte Armenviertel der Nachrichtensendung zu suchen, würde sie nicht weiterbringen. Vielleicht hatte man es ja schon ganz abgerissen. Sinnvoller wäre es, den ehemaligen Bewohnern das Foto des Kindes zu zeigen und zu fragen, ob es jemand kenne. Vor Erschöpfung, nicht aus Überzeugung, nahm Eleanore den besonnenen Rat ihres Dolmetschers an. Nicht so sehr Roger selbst, sondern sein aufrührendes Bild war es, was sie so entflammt hatte, und sie fürchtete, dass ihre aufkeimende Liebe der Desillusion, ihn vor einem anderen Hintergrund vorzufinden, nicht standhalten könne. Das unscharfe Foto von Roger – ein mangelhaftes und unförmiges Produkt des visuellen Koitus zwischen ihrer Polaroid und dem Fernsehbildschirm – war bei den Nachforschungen ganz und gar nicht hilfreich. Manche Leute betrachteten es neugierig, andere warfen kaum einen Blick darauf, aber letztendlich schüttelten alle verneinend den Kopf, und nachdem Eleanore diese Reaktion um die vierzigmal gesehen hatte, war ihre Geduld zu Ende. Ob man das Kind wohl vor ihr versteckte? Wollte man Geld für die Auskunft?
Sie hatten sich durch die ganze Straße gefragt, ohne auch nur einen einzigen Hinweis erhalten zu haben. Als sie schon dabei war, die Sperrzone resigniert und wütend zu verlassen, wurde sie von einer Frau angehalten, die das Foto gesehen hatte und ihr eine ausgezeichnete Neuigkeit überbrachte. Am Dienstag hatte man die Waisenkinder des Viertels in eine Klinik der staatlichen Sozialversicherung gebracht. Der Wagen hatte aus Versehen eines ihrer Kinder mitgenommen und sie hatte es dort abholenmüssen. Es gab Unmengen an Kindern in dieser Klinik, vielleicht war ja auch das Gesuchte dabei. Efraín notierte die Adresse und Eleanore murmelte ein »mouchas gratzias«, das von Herzen kam, aus derselben Ecke des Herzens, in der sie auch das Bild von Roger trug.
Am nächsten Morgen sprach sie zu früher Stunde in der Klinik vor, nachdem sie wegen einer Mücke in ihrem Zimmer nur wenig und schlecht geschlafen hatte. Da standen schon mehr als fünfzig Personen in der Schlange für die Waisenkinder. Efraín besorgte einen Besucherschein am Empfang. Der Angestellten sagte er, sie seien ein Ehepaar, und erzählte seinen Spaßdann Eleanore, wobei er sich freute wie ein spitzbübischer Teenager. »Sie halten sich für besonders witzig, nicht wahr?«, antwortete sie bissig und geringschätzig. Langsam hatte sie ihn satt, diesen Efraín, mit seinen übertriebenen Aufmerksamkeiten und seiner Latin-Lover-Angrabscherei: Er wusste doch ganz genau, dass sie auf der Suche nach einem Jungen nach Mexiko gekommen war, trotzdem behandelte er sie wie ein leichtes Mädchen auf der Suche nach Abenteuern. Dachte der Knallkopf etwa, dass sie ihm die zehn Dollar täglich bezahlte, um ihn mit ins Bett zu nehmen? Die Schmuddeligkeit der Klinik war genauso irritierend wie seine Schmeicheleien. Sie verstand ja, dass in dieser Notsituation Betten mit Kranken auf den Gängen standen, das rechtfertigte aber noch lange nicht die Nachlässigkeit der Putzhilfen, die Essensreste offen stehen ließen und blutgetränkte Wattebäusche in die Kaffeetassen warfen.
Es ging mit einer Langsamkeit voran, die einen zum Verzweifeln bringen konnte, bis sie dann an eine Stelle des Gangs kam, wo die Schlange plötzlich unterbochen wurde. Der Grund: Erbrochenes verteilte sich weitläufig auf dem Boden. »Wie ist es möglich, dass da niemand kommt und saubermacht?«, beschwerte sie sich bei Efraín und machte ihn angesichts ihrer Übelkeit zum Botschafter Mexikos. Der Dolmetscher zuckte nurbeschämt mit den Schultern. Eleanore ging ihm jetzt gewaltig auf die Nerven. Ganz Mann war er, wenn es darum ging, herumzuflirten, doch wenn es Proteste gab, zog er gleich den Schwanz ein. Mit dem Geruch des Erbrochenen in der Nase, verließ sie ihren Platz in der Schlange und setzte sich auf eine klapprige Bank. Sie war schon dabei, sich zu beruhigen, als sie Efraíns abstoßende Hand auf ihrer Schulter spürte. »Keep your place in the row!«, befahl sie ihm, während sie sich durch heftiges Drehen aus seinen Klauen befreite. »And please, if you want your money, don’t touch me anymore.« Als Entschuldigung murmelte Efraín, dass er sie doch nur hatte fragen wollen, ob sie einen Kaffee wolle. Er nahm seinen Platz in der Schlange wieder ein und warf ihr von dort aus einen bösen Blick zu. War er jetzt beleidigt? Dann sollte er doch kündigen. Schräge Vögel seiner Art ließen sich in jedem Hotel finden.
Der Raum für die Waisen war eine Lagerhalle, umfunktioniert zur provisorischen Kinderaufbewahrungsstätte. Die größeren blickten mit ihren vom vielen Weinen aufgequollenen Augen auf die Besucher, dazu mussten sie ihre Gesichter gegen eine Trennscheibe pressen. Sehr gut: Hier gab es, so wie in der Nachrichtensendung, wirklich eine Atmosphäre menschlichen Schmerzes. Das Gesicht Rogers im Kopf, ließ Eleanore ihren Blick eingehend über alle Kleinkinder seines Alters schweifen. Aus einer gefühlsmäßigen Willkür heraus sonderte sie alle aus, die lächelten: Roger musste auf jeden Fall heulen, die Tränen machten ja gerade die Hälfte seines Reizes aus. Sie konzentrierte sich also auf die Heulenden. Er war nicht unter denen in der ersten Reihe und in der zweiten herrschte eine unverständliche Heiterkeit. Weiter hinten gab es einen kleinen, der ihm ein bisschen ähnlich sah. Aber nein, Rogers Kopf war rund, und der Kopf dieses Kindes war lang gezogen wie eine Gurke. Offensichtlich hatte sie diese Schlange ganz umsonst über sich ergehen lassen. Es fehlte jetzt nur noch ein kleiner, der größte Heulende unter den Heulenden, bis jetzt hatte er mit dem Rücken zu ihr gestanden. Er trug kein Höschen: Ein gutes Zeichen, auch ihr kleiner Engel hatte keines an. Plötzlich drehte sich der Junge um und sie war wie vom Blitz getroffen: Das war er, da war Roger, himmlisch, traurig, schutzlos und verheult wie im Bericht über das Erdbeben!
»Das ist meiner, der da hinten ist mein Sohn!«, rief in diesem Moment eine mexikanische Frau und zeigte dabei genau auf Roger.
Eleanore ahnte, was die Frau vorhatte; sie vergaß die Sprachbarriere und schrie auf Englisch, dass dieses Kind eine Waise sei und dass sie aus Oklahoma angereist war, um es zu adoptieren. Efraín übersetzte ihr Gekreische der Sozialarbeiterin, die für die Kinder zuständig war. Sowohl Eleanore wie ihre Rivalin wollten das Kind an sich ziehen, welches jetzt, nachdem zwei Frauen an ihm zerrten, reichlich Gründe hatte, sich die Kehle aus dem Hals zu schreien.
»Zum Teufel mit dir, verdammte Gringa! Das ist mein Sohn, er heißt Gonzalo«, die Frau wandte sich Efraín zu. »Sagen Sie ihr, sie soll ihn loslassen, oder ich mache euch beide fertig.«
Ein Arzt, der um Verbandszeug gekommen war, versuchte die Verwirrung aufzulösen. Die Frauen sollten doch bitte Dokumente oder Fotos des Kindes vorzeigen, damit man sichergehen könne, wer die echte Mutter war. Eleanore holte hastig das Foto aus ihrer Tasche. Die andere Frau hatte kein Foto dabei, dafür aber eine Geburtsurkunde.
»Glauben Sie dieser Verrückten nicht, Doktor. Ich bin die richtige Mama, ziehen Sie meinem Knirps doch das Hemdchen aus und Sie werden sehen, dass er über dem Bauchnabel ein Muttermal hat.«
Ja, da war es, das Muttermal. Eleanore verstummte. Sie hätte sich noch weiterstreiten können, aber sie war jetzt nicht mehr so sicher, dass sie wirklich Roger gefunden hatte. Dieses Kind hatte Schlitzaugen, es sah aus wie ein kleiner Japaner, und sie, die so viel auf japanische Apparate hielt, hegte einen blinden Hass gegen ihre Hersteller. Sie bat Efraín, den Doktor und die Mutter des kleinen Samurais um Verzeihung zu bitten. Es täte ihr furchtbar leid, alles sei ein bedauerliches Missverständnis gewesen …
Sie rannte zum Ausgang, darauf bedacht, die Augen offen zu halten, falls da immer noch das Erbrochene auf dem Boden war. Während sie auf das Taxi wartete – Efraín eskortierte sie in gebührendem Abstand –, keimte erneut der Stachel des Zweifels in ihr auf. Und wenn das Kind trotz alledem Roger war? Vielleicht hatte das Fernsehbild seine Gesichtszüge nur etwas verzerrt? Die Frau, die ihn für sich beanspruchte, könnte eine Kinderhändlerin sein, die von dem Erdbeben profitierte, um frisches Fleisch heranzuschaffen. Und sie hatte den Jungen in ihren Händen gelassen, hatte ihn verdammt zu Unterernährung, zu Kriminalität, zu einem Hundeleben in einer dieser furchtbaren Hütten, in denen zehn oder zwölf Personen in unhygienischen und promisken Verhältnissen zusammen hausten. Sie drehte sich auf den Fersen um und lief in Richtung Klinik zurück. Sie musste ihn befreien. Efraín lief ihr nach und versperrte ihr den Weg, bevor sie den Eingang passieren konnte.
»Warten Sie mal. Wohin gehen Sie denn?«
»Ich hole das Kind. Es ist meins. Ich habe darüber nachgedacht und bin mir sicher, dass dieses Weib eine Diebin ist.«
»Das hätten Sie sich überlegen sollen, bevor Sie mir auftrugen, Sie zu entschuldigen. Wir können da jetzt nicht noch mal einen Skandal auslösen.«
»Wenn Sie mich nicht begleiten wollen, lassen Sie mich vorbei!« Eleanore versuchte ihn durch einen Stoß abzuschütteln, und Efraín wies sie mit einer Ohrfeige in ihre Schranken.
»Jetzt hören Sie mal gut zu, Madame. Ich habe die Schnauze voll von Ihrem Blödsinn. Nehmen Sie Ihr Geld, ich höre auf. Aber ich möchte Ihnen noch einen Rat mitgeben: Sie sollten sich besser beruhigen, sonst landen Sie nämlich im Gefängnis. Sie sind nicht in Ihrem Land, verstehen Sie? Wenn Sie wirklich ein so gutes Herz haben, dann adoptieren Sie doch ein anderes Kind. Warum muss es unbedingt dieses sein?«
»Ich sagte, Sie sollen zur Seite gehen. Von Feiglingen, die Frauen schlagen, nehme ich keine Ratschläge an. Lassen Sie mich rein, oder ich rufe die Polizei.«
»Wissen Sie was? Sie sind nicht ganz dicht. Rein da mit Ihnen, na los doch, spielen Sie Ihr Theater ab, und hoffentlich legt man Ihnen gleich eine Zwangsjacke an.«
Efraín stapfte wütend in Richtung einer Bushaltestelle. Eleanore steckte die zehn Dollar in ihr Portemonnaie. Die Ohrfeige hatte ihr den Verstand zurückgegeben, und bevor sie nochmals zum Raum der Waisenkinder ging, legte sie eine Denkpause ein. Sie dachte an die Schlitzaugen des Jungen, an die Wut seiner angeblichen Mutter. Roger würde sie mit Herz und Seele verteidigen, für ihn würde sie ihr Leben einsetzen, aber es wäre einfach dumm, mit dieser giftigen Natter um einen Betrüger zu kämpfen.
Aufgekratzt und niedergeschlagen kehrte sie zum Hotel zurück. Eine halbe Flasche gefiltertes Wasser nahm ihr den Durst, nicht aber die innere Unruhe. Efraín hatte den Nagel auf den Kopf getroffen: Sie war verrückt. Die fixe Idee, genau diesen Jungen aus der Nachrichtensendung zu suchen, konnte sich nur in einem kranken Hirn eingenistet haben. Normale Personen wurden von Großzügigkeit beseelt, wenn sie ein Kind adoptierten. Ihr Beweggrund aber war niederträchtig und schäbig. Roger bedeutete ihr gar nichts, das musste sie sich eingestehen. Sie gefiel sich lediglich in der Rolle der Adoptivmutter. Und sie hatte naiverweise angenommen, dass sich dieses Selbst-Idyll hinauszögern würde, wenn sie das Kind fände. Sie war nach Mexiko gekommen, ohne zu erwägen, dass NBC vielleicht gelogen hatte, vielleicht war er ja gar kein Waisenkind, vielleicht hatte man ja sogar, weil gerade keine reißerischen Bilder zur Hand waren, das Opfer eines anderen Erdbebens gezeigt, das von Managua oder Guatemala; die wehrlosen Roboter vor den Fernsehernwürden es nicht merken. Dazu waren diese Leute fähig, und zu noch viel mehr. Sie hatte ja schon gesehen, wiedie sich aufführten. Zweifelsohne hatte man ihr einfach irgendeine Adresse gegeben, um sie schnell loszuwerden. Recht geschah ihr das, ganz recht. Eintörichtes Weibsbild wie sie verdiente es nicht besser. Es war nur gerecht, sie in einer 18-Millionen-Stadt herumirren zu lassen, bis sie ihre eigene Lächerlichkeit satt hätte. Aber sie würde ihnen nicht den Gefallen tun, mit leeren Händen zurückzureisen. Sicher, ihre Barmherzigkeit hatte einen egoistischen Hintergrund, und dieses Mexiko konnte sie keine Minute länger ertragen, dennoch würde sie Roger weitersuchen. Das war eine Sache der Selbstachtung. Ohne den Jungen nach Oklahoma zurückzukehren, war unvorstellbar für sie, er würde die edelste und zärtlichste Seite ihrer Neurose verkörpern.
Weitere drei Tage lang suchte sie in Krankenhäusern, Notlagern und Polizeirevieren. Sie schaffte es, ihr Anliegen ins Radio zu bringen. Sie lernte, in die vom Heer kontrollierten Sicherheitsbereiche einzudringen, und stöberte so weit es möglich war zwischen den Erdbebentrümmern herum. Alles umsonst. Roger war wie vom Erdboden verschluckt. Da sie nicht lügen wollte, sagte sie immer ohne Umschweife, dass sie keine Verwandte des Kindes sei, dass sie es aus reiner Nächstenliebe suche, und dann wurde ihr ausnahmslos nahegelegt, manchmal herzlich, manchmal auch ungeduldig und unfreundlich, dass sie doch irgendein anderes Kind adoptieren solle. Die Mexikaner wussten offensichtlich nichts anderes zu sagen. Das passte ja gut zu deren Charakter, dieses Vorurteil gegen eine exklusive und ganz auf eine spezielle Person gerichtete Zuneigung. Als sie durch die Stadt spazierte, hatte sie festgestellt, dass Mexikaner nur in Gruppen glücklich waren, vor allem, wenn die Gruppe zur Menschenmasse anwuchs. Getrennt von den anderen existierten die gar nicht, deshalb suchten sie Massenansammlungen. Im Gewühl der U-Bahn lachten die Leute herum, statt sich üble Flüche zuzurufen. Alles mussten sie im Familienclan durchführen: Wenn ein kranker Freund zu besuchen war, gingen Papa, Mama, acht Kinder und vierunddreißig Enkelkinder mit ins Sanatorium. Das waren doch keine Personen: Das waren Teilchen eines widerlichen Kollektivwesens. Wenn es etwas gab, das sie dazu anstachelte, ihre menschenfreundliche Mission bis zum Ende durchzuziehen, dann war es, diesem Land voller Herdenschafe, diesem Bienenstock ohne Individuen, zu zeigen, dass Eleanore Wharton ihre eigenen Ideen hatte, dass ihre Extravaganzen ganz die ihren waren, und wenn sie ihre unabhängige Meinung nie aufgegeben hatte, würde sie Roger erst recht nicht gegen das nächstbeste Waisenkind eintauschen. Allerdings gab es da etwas, das sich ihrem Vorhaben in den Weg stellte: Ihre Wasserreserven reichten nur noch für einen weiteren Tag. Das war der Moment, entschieden zu handeln, jetzt musste sie alles auf eine Karte setzen.
Für den letzten Tag der Suche mietete sie ein Auto der Firma Hertz. Sie zog es vor, sich mit dem Verkehr anzulegen, statt mit Taxifahrern. Man hatte ihr empfohlen, das Foto des Jungen zum Büro für vermisste Personen zu bringen. Dieser Schritt war logisch, aber wozu sollte die Logik gut sein in einem irrationalen Land? Lieber vertraute sie ihrem Glück. Sie bog in eine breite und verstopfte Hauptverkehrsader ein, es war ihr nun egal, ob diese zum Katastrophengebiet führte oder nicht. Die Stadtbusse drängten sie aus ihrer Fahrspur, indem sie – so wie in den Roadmovies – praktisch auf sie drauffuhren. Auf der Nebenspur zu fahren, war eine Qual: Jede Minute hielt ein Kleinbus an, um Fahrgäste rauszulassen, und die Autos hinter ihr hupten, als ob sie freiwillig stehen geblieben wäre. Um ihren Heldenmut zu erwidern, würde Roger sie anbeten müssen. Plötzlich und ganz ohne Vorwarnung tauchte ein Schutzwall auf, der die Straße versperrte. Wunderbar! Sie würde sich in den Engpass einreihen und der Umgehungsstraße auf gut Glück folgen, wo immer diese auch hinführte … Völliger Stillstand: Zehn Minuten Landschaftsbesichtigung. Rechts ein Gemüsestand. Der Verkäufer »spülte« seine Ware mit Abwasser. Ein Hoch auf die Hygiene. Links ein Penner, der vor einer Bartür seinen Rausch ausschlief. Wenn Roger sie einmal ärgern würde, würde sie ihn daran erinnern, was sie seinetwegen alles hatte über sich ergehen lassen müssen. Aber lohnte es sich überhaupt, so zu leiden für einen Rotzbengel, der sowieso von zu Hause abhauen würde, wenn er achtzehn war? Im Schritttempo gelangte sie an eine Stelle, an der sich die Straße gabelte. Die Eingebung schickte sie nach links. Sie würde auf Roger stoßen, eben weil sie nicht auf der Suche nach ihm war. Neben einer Fabrik sah sie eine Schule. Eine ausgezeichnete Stadtplanung war das. Die Kinder würden die Grundschule mit Lungenkrebs beenden, und auf diese Weise war gleich das Arbeitslosenproblem aus der Welt geschafft. Sie schwitzte Blut, um Roger vor diesem Schicksal zu retten, und Roger würde sich vielleicht als grobschlächtiger Kerl erweisen, der gar nicht fähig war, sie zu lieben. Die bleihaltige Luft verursachte ihr Juckreiz in den Augen. Zu allem Überfluss wehte auch noch ein Geruch von Exkrementen zum Fenster rein. Wie viele Hunde würden wohl ihre Bedürfnisse im Freien verrichten? Hunderttausend? Eine halbe Million? Eine Vollidiotin war sie, hätte sie doch ihre Ferien in einem Hotel am Grand Canyon oder am Strand von Miami genießen können, statt ihre kostbare Zeit in einer riesigen Latrine zu verschwenden. Das war so blöd, so völlig absurd, dass sie eigentlich die mexikanische Staatsbürgerschaft verdient hätte. So ein verdammter Einfall, hierher zu kommen, um einen Pygmäen zu adoptieren, der nicht nur eine Heulsuse war, sondern überhaupt furchtbar. Aber jetzt reichte es ihr. Umgehend würde sie zum Hotel zurückkehren und den nächstbesten Flug nach Oklahoma nehmen.
Sie bog nach rechts ab, auf der Suche nach einer Straße, die in die Gegenrichtung führte. In diesem Viertel gab es nur Häuser aus Wellblech und Pappe. Hier geschah die Katastrophe immer, mit oder ohne Erdbeben. Überall lungerten Heranwachsende mit abstehenden Haaren herum, Punks der Unterentwicklung, die auf den Bürgersteigen Bier tranken. So würde Roger aussehen, wenn er einmal größer wäre. Wie naiv war es doch gewesen, zu glauben, dass sie einen anständigen Mann aus ihm machen könne. Das Problem der Mexikaner war eigentlich kein wirtschaftliches, sondern eins der Rasse, überlegte sie, als ein Kind auf der Straße auftauchte, wie von einem Gully ausgespuckt. Ein dumpfer Schlag, ein Wimmern, Knochen knackten an der Stoßstange des Autos. Feiner Abschluss für eine Wohltäterin der mexikanischen Kindheit! Gleich würde die Mutter kommen und Ansprüche stellen, sie würde ihr eine Abfindung abverlangen wie für ein schwedisches Kind. Ein Mob, der mit Flaschen, Ketten und Rohren bewaffnet war, kam auf das Auto zugerannt. Sie trat das Gaspedal bis unten durch und in null Komma nichts verlor sie die Meute aus den Augen. Nein, Gewissensbisse hatte sie keine, aber eine Enttäuschung hatte sie erlitten. Und zwar die, nicht den unschuldigen, zarten, bezaubernden und schutzlosen Roger überfahren zu haben.
Die letzte Ölung
Für meinen Bruder Carlos
Das Liebeslaken und das Totentuch
