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Franziska Querulin, 35, hat den ultimativen Koffer für die moderne Businessfrau entwickelt, den sie in China produzieren lassen will. Auf der Reise dorthin trifft sie Harry, mit vollständigem Namen Harry Schlamm. Und der berühmte deutsche Musiker steckt in einer üblen Sinnkrise. Um Abstand zu gewinnen, hat er sich seine Haare abschneiden lassen, sein unverkennbares Markenzeichen, den Kinnbart, rasiert, um nun mit dem Reisepass seines Zwillingsbruders unerkannt die Reise ins Land der Mitte anzutreten. Zehn Stunden im Flugzeug auf engstem Raum bieten ausreichend Zeit für die ersten Wortduelle zwischen Franziska und Harry. Kaum in China angekommen, läuft für Franziska alles schief. Wie gut, dass Harry ihr zur Seite steht...
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Seitenzahl: 349
Veröffentlichungsjahr: 2013
Sophie Berg
Liebe im Gepäck
Roman
Edel Elements
Copyright dieser Ausgabe © 2013 by Edel Elements, einem Verlag der Edel Germany GmbH, Hamburg.
Copyright © 2006 by Sophie Berg
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.
Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-95530-095-1
edel.comwww.facebook.com/EdelElements
Das Buch
Franziska Querulin, 35, hat den ultimativen Koffer für die moderne Businessfrau entwickelt, den sie in China produzieren lassen will. Auf der Reise dorthin trifft sie Harry, mit vollständigem Namen Harry Schlamm. Und der berühmte deutsche Musike, steckt in einer üblen Sinnkrise. Um Abstand zu gewinnen, hat er sich seine Haare abschneiden lassen, sein unverkennbares Markenzeichen, den Kinnbart, rasiert, um nun mit dem Reisepass seines Zwillingsbruders unerkannt die Reise ins Land der Mitte anzutreten. Zehn Stunden im Flugzeug auf engstem Raum bieten ausreichend Zeit für die ersten Wortduelle zwischen Franziska und Harry.Kaum in China angekommen, läuft für Franziska alles schief. Wie gut, dass Harry ihr zur Seite steht ...
Ich steh vor dem Schrank,seh überquellende Fülle.Sie steht vor dem Schrank,sieht ein gähnendes Nichts.Und meint, dass von ihren Paar Schuhennicht ein einziges stimme,und hat Tränen im Augewegen ihres Gewichts.Frauen sind anders …geschrieben von Seebersteinerschienen auf der CD »Herzkatheter«ausgezeichnet mit Doppelplatin
Hinweis
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Epilog
Danke
Die Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit Menschen, die wirklich leben (die Autorin eingeschlossen) oder gelebt haben, ist ganz und gar zufällig und völlig unbeabsichtigt.
Donnerstag, 17. Juni, 11.45 Uhr, Stadtzentrum
Franziska Querulin spiegelte sich im Chrom der polierten Lifttüren und war mit sich und der Welt zufrieden. In ihrer Aktentasche befand sich seit wenigen Minuten die Kreditzusage ihrer Bank, und neben ihr stand ihr Vater und tätschelte ihr mit einer liebevollen Geste erleichtert und voll Stolz den Rücken.
»Mutter wird sich freuen, wenn sie das hört«, sagte er, und sie wusste, dass er wusste, dass sie wusste, dass das nicht stimmte. Es hätte ihn gefreut, wenn seine Frau den Erfolg ihrer Tochter ebenso zu schätzen gewusst hätte wie er. Wenn sie gesehen hätte, wie kreativ, engagiert und begeisterungsfähig ihre Tochter war. Doch Sieglinde Maria Querulin sah nur eines: Sie sah, dass Franziska fünfunddreißig Jahre alt war und noch immer unverheiratet. Und dass ihr einziges Kind in einer Verbindung lebte, die sie eine »wilde Ehe« nannte.
Um ihre Mutter zu beruhigen, hatten sich Franziska und Bertrand de Valleau vor einem halben Jahr verlobt. Sie selbst hatte dieser Idee eher widerwillig zugestimmt. Bertrand war begeistert gewesen. Und ihre Mutter auch. Schließlich war es jetzt offiziell, dass der Freund ihrer Tochter auch ihr Schwiegersohn werden würde. Und sie hatte stolz die Verlobungsbilder allen ihren Freundinnen gezeigt. Waren die beiden nicht ein schönes Paar? Franziska trug ihre dunkelblonden Locken aufgesteckt, ihre Sommersprossen waren unter dem professionell aufgelegten Make-up kaum noch zu sehen. Der Besuch beim Visagisten vor dem Fototermin war Mutters Geschenk zur Verlobung gewesen. Bertrand trug auf den Bildern einen dunkelblauen Clubblazer mit goldenen Knöpfen, das Emblem seines Tennisverbandes auf die Brusttasche gestickt.
»Ja, der liebe Bertrand ist Mitglied in einem der nobelsten Clubs in Paris«, hatte Sieglinde Maria Querulin ihren Freundinnen nicht ganz wahrheitsgemäß zugeflüstert. »Nicht, dass das für uns wichtig wäre. Und das Vermögen seiner Familie, das ganz beachtlich sein soll, ist natürlich für uns auch nicht ausschlaggebend. Wichtig ist einzig und allein, dass unsere Tochter glücklich wird. Und, dass sie mir bald einen Enkel schenkt. Ihr wisst, meine Nebenniere …« Sie hatte diesen Satz in der Luft hängen lassen und wissend in die Runde genickt. Ihre Freundinnen hatten wissend zurückgenickt. Sie waren alles Frauen Anfang sechzig, und jede von ihnen hatte ihr Leiden. Die meisten hatten es im Kreuz, andere litten unter Migräne. Wieder andere spürten die letzten Auswirkungen des Klimakteriums. Sieglinde Maria Querulin hatte vor zehn Jahren eine Entzündung der Nebenniere gehabt. Das machte sie zu etwas Besonderem.
»Weißt du was, Franziska«, ihr Vater blickte auf die Uhr, »wir haben noch etwas Zeit. Ich lade dich auf ein Glas Sekt im Café gegenüber ein. Wir haben wirklich allen Grund, auf dein Vorhaben anzustoßen.«
Heinrich Querulin hob sein Glas. »Auf dich, Franziska. Ich wünsche dir, dass dein Projekt ein voller Erfolg wird!«
»Und auf dich, weil du mir geholfen hast, diese harte Nuss von einem Bankmenschen zu knacken!«
Sie prosteten sich zu.
»Komm gut zurück aus China. Ich bin immer unruhig, wenn du allein unterwegs bist.«
»Papa, ich bin fünfunddreißig. Und außerdem war ich im letzten Jahr bereits zweimal in Peking.«
»Ich weiß. Doch nun wird es ernst. Wenn der Vertrag erst einmal unterschrieben ist, dann wird deine Idee in die Tat umgesetzt. Dann werden 3000 Koffer nach deinem Entwurf produziert. Dann gibt es kein Zurück mehr.«
»Möchtest du denn ein Zurück?«
Heinrich Querulin schüttelte den Kopf: »Aber nein, natürlich nicht! Der Koffer, den du kreiert hast, wird den Markt revolutionieren. Immer mehr Frauen verreisen für ein, zwei Tage oder über das Wochenende. Der Bedarf an einem Koffer speziell für die moderne Businessfrau wird immer größer. Die Nachfrage bei uns im Laden steigt ständig.«
Er nannte sein Geschäft immer noch »seinen Laden«, obwohl dieses bereits Kaufhausgröße erreicht hatte. »Querulin – Koffer und Taschen«, das größte Taschengeschäft der Stadt, eines der größten Taschengeschäfte Deutschlands.
»Es ist schon witzig, dass mich Koffer anscheinend mein ganzes Leben lang begleiten. Schon an der Fachhochschule habe ich einen als meine Abschlussarbeit entworfen.«
»Ja, aber du hast damals auch von der Automobilindustrie geträumt.«
»Und dort bin ich ja gelandet.« Franziska lächelte ihrem Vater zu. »Am Anfang fand ich meinen Job in der Fahrzeugindustrie wirklich interessant. Aber auf Dauer immer nur Rückscheinwerfer zu designen, das war mir dann doch zu langweilig. Darum ist mir die letzten drei Jahre, die ich in Frankreich gelebt habe, der Plan, einen ganz besonderen Koffer zu entwerfen, nie aus dem Kopf gegangen.«
»Du hast dafür eine gut bezahlte Stelle aufgegeben.«
»Ich weiß.«
»Auch wenn dir Tante Marias Erbschaft zur Verfügung steht, du gehst jetzt jede Menge Risiko ein.«
Franziska nippte an ihrem Sekt und grinste: »Das weiß ich allerdings auch.«
Heinrich Querulins stolzes Lächeln verstärkte sich: »Du bist meine Tochter.«
»Und auch das weiß ich.« Franziska gab ihrem Vater einen kleinen Kuss auf die Wange. »Mutter wird wohl nie verstehen, warum ich das alles getan habe. Tante Marias Geld für das Herstellen von Koffern zu verwenden, aus Frankreich wegzugehen, den armen Bertrand allein zurückzulassen …«
Heinrich Querulin hatte das Bedürfnis, seine Frau zu verteidigen: »Deine Mutter möchte nur, dass du glücklich bist.«
»Meine Mutter möchte vor allem, dass ich verheiratet bin«, korrigierte Franziska trocken.
»Das auch.«
Und dann lachten sie beide, und Franziska war wieder einmal froh, ihn zum Vater zu haben. Heinrich Querulin, der ihr zur Seite stand, seitdem sie ein kleines Mädchen war. Der alle ihre Pläne unterstützte, der ihre Ideen kritisch hinterfragte, ihre Gedanken durch seine ergänzte. Und der sie nun, in ihrem großen Traum, bedingungslos unterstützte. Es würde einen Koffer geben. Franziska Querulins Koffer für die moderne Businessfrau. Hergestellt in China nach ihren eigenen Entwürfen. Mit einer speziellen Technik, die sie sich weltweit durch ein Patent hatte schützen lassen, obwohl sie den Verkauf vorerst nur in Deutschland plante. Mit einer integrierten Plastiktasche für Unterwäsche und T-Shirts, aus der man, mit einer einfachen Vorrichtung, die Luft heraussaugen konnte, um so die Wäsche vakuumverpackt und dadurch Platz sparend unterzubringen. Mit einer mechanischen Rollvorrichtung für Kostüme und Hosen, um Knicke zu vermeiden. Und mit einer Kosmetiktasche, die man herausnehmen und aufhängen konnte und in der alle wichtigen Produkte in Miniaturgröße Platz finden würden. Der Name »Querulin« hatte in der Branche einen guten Ruf. Sie hatte ihren Kofferentwurf bei allen wichtigen Kaufhausketten vorgestellt und war auf positive Resonanz gestoßen. Die ersten Aufträge waren bereits im Haus. Nun musste das gute Stück nur noch produziert werden. Vater würde sich um den Vertrieb kümmern. Sie würde nach China reisen, um die Produktion anlaufen zu lassen. Gemeinsam mit ihrem Rechtsanwalt Rüdiger Sommer, der alle nötigen Verträge ausgearbeitet hatte.
»Wann geht dein Flugzeug am Sonntag?«
»Wir haben nur noch Plätze in der Abendmaschine bekommen. Sie startet um 20 Uhr 15. Ich bin dann, wenn man die Zeitverschiebung einberechnet, am Montag um die Mittagszeit in Peking. Ich werde noch am selben Tag meinen Agenten Joe Kaufmann treffen, um mit ihm einige offene Punkte zu klären. Kaufmann ist der Mann, der für mich den Kontakt zum chinesischen Kofferproduzenten Yu Yi hergestellt hat und mit dem ich die Fabrik schon zweimal besucht habe. Unsere Anwälte haben die letzten Details des Vertrages per E-Mail geklärt. Jetzt sollte eigentlich alles unterschriftsreif sein. Aber bei Chinesen weiß man anscheinend nie. Laut Kaufmann müssen wir damit rechnen, dass wir noch mindestens zwei oder drei Tage für Vertragsverhandlungen brauchen.«
»Drei Tage? Obwohl schon alles unterschriftsreif ist?«
Franziska nickte: »Mich wundert das schon längst nicht mehr. Wenn ich eines gelernt habe, dann ist es, dass Effizienz keine typisch chinesische Tugend ist. Und Ungeduld ist etwas, was sie gar nicht verstehen können.«
Erschrocken blickte Heinrich Querulin auf seine Armbanduhr: »Apropos Ungeduld. Deine Mutter wartet mit dem Essen auf uns.« Er machte der Kellnerin ein Zeichen und verlangte die Rechnung.
»Was ist eigentlich mit deinem Franzosen? Siehst du ihn noch, bevor du abfliegst?« Heinrich Querulin hielt seiner Tochter die Kaffeehaustür auf.
Franziska blickte ihn von der Seite prüfend an, als sie auf den Gehsteig hinaustrat: »Du nennst Bertrand wieder einmal ›meinen Franzosen‹. Worüber hast du dich denn diesmal geärgert?«
Ihr Vater machte eine wegwerfende Handbewegung, so als würde er es bedauern, seinen Unmut gegen den zukünftigen Schwiegersohn so klar zum Ausdruck gebracht zu haben: »Ach, es ist noch immer die alte Geschichte. Was soll ich von einem Mann halten, der mir allen Ernstes erklärt, er wolle drei Kinder von meiner Tochter. Und dies deshalb, weil drei Kinder steuerlich besser absetzbar wären als zwei.«
»Du weißt doch, wie Bertrand ist, Papa. Er denkt, das Finanzamt würde ihn noch in den Ruin treiben. Und wer von uns mag schon das Finanzamt?«
»Das war ja noch nicht alles. Weißt du, aus welchem weiteren Grund dein lieber Bertrand drei Kinder möchte?«, wehrte Heinrich Querulin diese halbherzig vorgebrachte Verteidigungsrede ab, »weil ja immer etwas passieren könnte. Und hat man nur zwei Kinder, steht man plötzlich mit einem Einzelkind da. Und er habe – Achtung, Originalton: – keine Lust, mit fünfzig noch einmal nachzuproduzieren.«
Franziska blieb stehen und schnappte nach Luft: »Hat er nicht gesagt.«
»Und ob er das gesagt hat.«
»Dann hat er es nicht so gemeint. Vielleicht war es ein Sprachproblem, Bertrand ist Franzose …«
Heinrich Querulin lachte auf: »Dein Herr Bertrand spricht ebenso gut deutsch wie du und ich. Immerhin ist seine Mutter Deutsche, und er ist zweisprachig aufgewachsen. Denkst du, das habe ich vergessen?«
»Bertrand hat auch seine guten Seiten.«
»Aber sicher hat er die. Sonst wärt ihr nicht schon so lange ein Paar. Komm, steig ein.« Er öffnete Franziska die Wagentür.
»Natürlich sehe ich ihn noch, bevor ich abfliege«, sagte sie, während sie auf dem Beifahrersitz Platz nahm, »er kommt am Samstag zu uns und bleibt anschließend ein paar Tage in der Stadt. Bertrand will sich nächste Woche einige Wohnungen ansehen. Er hat Termine mit namhaften Immobilienmaklern vereinbart. Wie es scheint, habe ich ihn überzeugt, ganz nach Deutischland zu ziehen. Seine Arbeit kann er von jedem Ort der Welt aus erledigen, wo es einen Internetanschluss gibt. Also auch von hier aus.«
»Wie schön.«
Franziska wandte sich mit einem Ruck ihrem Vater zu: »Papa, ich liebe Bertrand.« Sie merkte selbst, wie trotzig ihre Stimme klang.
»Ich sagte ja: wie schön«, entgegnete ihr Vater ebenso trotzig, beugte sich vor und schaltete das Autoradio ein.
Samstag, 19. Juni, 17.30 Uhr, im Nordosten der Stadt
Franziska saß auf ihrem Koffer und versuchte, die Verschlüsse zum Einschnappen zu bringen. Ihre Wangen waren vor Anstrengung gerötet. Einige der dunkelblonden Locken, die sie mit einer Spange locker am Hinterkopf befestigt hatte, hatten sich selbstständig gemacht und fielen ihr über die Augen. Um die Hände nicht vom Koffer lösen zu müssen, blieb ihr nichts anderes übrig, als sie immer wieder aus der Stirn zu pusten. Natürlich hatte sie wieder einmal viel zu viel eingepackt! Dabei war es nur das Allernötigste. Aber für einen Aufenthalt von fast drei Wochen brauchte sie schon so allerlei.
»Na, wer sagt’s denn!« Endlich war es ihr gelungen, die Schnapper ins Schloss zu bewegen und den Koffer fest zu verschließen. Zeit für eine Verschnaufpause. Sie goss frisches Mineralwasser in ihr Glas und schaltete das Radio ein. Gerade klang ein Lied aus. Die letzten Takte der Melodie gefielen ihr. Allerdings hatte sie keine Ahnung, wer es gesungen hatte. Es war ein deutsches Lied. In Frankreich bekam man deutschsprachige Lieder so gut wie nie zu hören. Da waren selbst schon englischsprachige Songs viel seltener zu hören als hierzulande.
»Ich brauche nicht zu sagen, wer das war, Sie haben es sicherlich erkannt: Das war ›Herzkatheter‹, der wohl größte Hit von Seeberstein. Es wird Zeit, dass der gute Mann mal wieder etwas Neues auf den Markt bringt. Vielleicht sollte er sich diese Dame zum Vorbild nehmen: Madonna!« Nach der nasalen Stimme des Moderators folgte die unverkennbare Stimme von Amerikas Superstar.
Franziska hörte, wie unten die Haustür geöffnet wurde. Ihr Vater war nach Hause gekommen.
Seit ihrer Rückkehr wohnte sie wieder in ihrem alten Jugendzimmer ihres Elternhauses. Natürlich war es in der Zwischenzeit verändert worden. Mutter hatte darin ein Gästezimmer eingerichtet. Mit abgelaugten Holzkommoden und einem Bett im Landhausstil, gestreiften Tapeten in Rosa und Creme und duftigen Blümchenvorhängen. Ganz so, wie es ihr gefiel. Ein Stil, von dem sie wusste, ihre Freundinnen würden ihn »entzückend« finden. Franziska liebte es eher schlicht und sachlich. Dennoch, sie war froh, zu Hause Unterschlupf gefunden zu haben. Und die langen Abende mit Papa am Küchentisch hatten viel dazu beigetragen, ihre Pläne in allen Einzelheiten Wirklichkeit werden zu lassen.
Lange würde sie nicht mehr zu Hause wohnen. Jetzt, da Bertrand sich endlich dazu entschlossen hatte, nach Deutschland zu ziehen, jetzt, da er bereits Gespräche mit Maklern vereinbart hat, da war es nach ihrer Rückkehr aus Peking sicher nur noch eine Frage von Wochen und sie würde gemeinsam mit ihrem Verlobten ihr neues Heim beziehen.
Apropos Verlobter, Franziska sah auf ihre Uhr, wo blieb Bertrand? Es war schon früher Abend, und er war immer noch nicht aufgetaucht. Dabei wollte er am Nachmittag hier sein. Franziska suchte nach ihrem Handy.
Wie auf Kommando ertönte im selben Augenblick die Anrufmelodie: »Man in the Suitcase« von The Police.
Franziska stellte ihr Wasserglas ab, überprüfte das Display und drückte auf den grünen Knopf: »Hallo Bertrand! Gerade habe ich mich gefragt, wo du bleibst!«
»Ah, bon jour, mon amour. Wie geht es meinem Engel?«
»Engel«, kam ein Echo aus dem Lautsprecher. Franziska war kurz irritiert, beschloss aber, es zu ignorieren. Wahrscheinlich fuhr Bertrand gerade an einer Bahnstrecke entlang, was die Verbindung störte.
»Bertrand, wo bleibst du? Du wolltest doch am Nachmittag hier sein und mir bei den Reisevorbereitungen helfen.«
»Ah, Chérie«, er hatte schon immer einen Hang zum Theatralischen, »wie könnte ich zusehen, wie du in dein Unglück läufst? Wie könnte ich mich an diesem Unglück auch noch aktiv beteiligen? Du weißt doch, mein Engel, ich hasse es, dass du mich verlässt.«
Franziska schnaubte unwillig: »Von verlassen ist doch gar keine Rede, das weißt du genau. Ich verreise. Bitte fang die alte Diskussion nicht wieder von vorne an. Du kannst mich nicht umstimmen. Es ist nun einmal mein lang gehegter Traum, und ich würde mir wünschen, dass du mich unterstützt.«
»Ein Traum! Ein Traum!« Franziska konnte förmlich vor sich sehen, wie Bertrand seine Hände in die Höhe streckte. »Mein Engel, kannst du nicht träumen wie andere Frauen in deinem Alter auch? Warum bin ICH nicht dein Traum? Warum ist dein Traum nicht ein langes weißes Hochzeitskleid mit Schleier, ein Brillantring an deinem Finger, ein Kind von mir, Chérie?«
»Aber das eine schließt doch das andere nicht aus!« Franziska rollte die Augen: »Irgendwann werde ich mir den Schleier aufsetzen und mit dir vor den Altar treten. Aber warum hast du es so eilig? Ich bin erst fünfunddreißig.«
»Fünfunddreißig! Ich war längst geboren, als meine Mama fünfunddreißig war. Sie war mit fünfunddreißig bereits ganze zehn Jahre verheiratet. Meine beiden Großmütter haben mit zwanzig geheiratet.«
»Das war eine andere Generation, Bertrand. Wie weit hast du noch zu fahren? Ich würde gerne zum Abschied noch einmal richtig schön ausgehen. Schließlich sehen wir uns jetzt fast drei Wochen nicht. Soll ich bei unserem Lieblingsitaliener einen Tisch bestellen?«
Wieder ein deutliches Rauschen in der Leitung.
»Bertrand? Bertrand? Bist du noch dran?«
»Bist du noch dran?«, ertönte es aus dem Handy. Sie hört ihr eigenes Echo.
»Ja, Chérie, hier bin ich, natürlich bin ich hier. Ich habe deine letzten Worte nicht gehört. Hier ist eine Störung.«
»Ich habe dich gefragt, wann du kommst.«
»Ach, jetzt auf einmal brauchst du mich. Als du deinen Plan, all dein Geld mit Koffern zu verpulvern, gefasst hast, hast du mich auch nicht gebraucht.« Sein Tonfall klang beleidigt.
Franziska seufzte. Sie kannte Bertrand lange genug, um zu wissen, dass sie ihn niemals würde überzeugen können. Er war ein interessanter Mann. Er war, wenn er es wollte, ein liebevoller Mann. Er war gut aussehend und sexy. Doch er war auch schwierig. Und konservativ. Er war es von zu Hause aus gewohnt, dass sich eine Frau dem Willen des Mannes unterzuordnen hatte. Frauen mit eigenen Plänen waren ihm suspekt. Die Idee, dass seine Verlobte in China Koffer produzieren lassen wollte, lag jenseits seines Vorstellungshorizontes. Was hatte er in den letzten Monaten und Wochen nicht alles versucht, sie von ihrem Vorhaben abzubringen! Nicht, dass ihn ihre Pläne nicht interessiert hätten. Ihr technisches Fachwissen und ihre kreativen Ideen hatten ihn immer sichtlich beeindruckt. Schließlich war er selbst Maschinenbauingenieur, also Fachmann genug, um ihre Konstruktionen entsprechend würdigen zu können. Und doch tat er ihre Pläne als Fantasiegebilde ab. Als Träumereien, als sinnlose Vergeudung von Zeit und Geld. Was war denn so schlecht daran gewesen, Autoscheinwerfer zu entwerfen? Und jeden Tag pünktlich nach Hause zu kommen und ihm das Abendessen zuzubereiten? Musste sie denn wirklich mit Sack und Pack aus Frankreich fortziehen, um einem Hirngespinst nachzujagen?
Es rauschte abermals in der Leitung,
»Du musst tun, was du tun musst. Aber denke immer daran, dass es gegen meinen ausdrücklichen Willen geschieht. Wenn du mich wirklich liebst …«
»Das hat doch nichts mit Liebe zu tun, verdammt noch mal. Versuch ja nicht, mich zu erpressen. Also, wann wirst du hier sein?«
Wieder dieses Rauschen.
»Ach, Chérie, ich vermisse dich jetzt schon.«
Bertrand war für seine schnellen Stimmungsschwankungen bekannt. Dennoch brachte er seine Verlobte damit jedes Mal aus der Fassung. Eben noch beleidigt, eben noch erpresserisch, schwenkte er binnen Sekunden auf einen zärtlichen Tonfall um.
»Du brauchst mich nicht zu vermissen, du wirst mir ja in wenigen Minuten gegenüberstehen.«
»Nein, Chérie, das werde ich nicht. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, aus Frankreich wegzufahren.«
»Waaas?«, schrie Franziska ins Handy.
»Aaaas?«, antwortete das Echo.
»Sag, dass das nicht wahr ist! Bertrand, wir sehen uns jetzt drei Wochen nicht, und du willst mir nicht einmal einen Abschiedskuss geben? Ich fasse es nicht!«
»Hier geht es nicht darum, was ich will. Hier geht es ums Prinzip. Wenn du dich schon über meinen Willen hinwegsetzt, dann musst du das alleine tun. Wenn du allerdings beschließt, hier zu bleiben …«
»Niemals!«
»Ja, dann«, Bertrands Stimme klang tieftraurig an ihr Ohr, »pass gut auf dich auf. Chérie. Und vergiss nicht, dein Handy mitzunehmen.«
»Das habe ich doch immer dabei, wenn ich geschäftlich verreise. Ich melde mich sofort, wenn ich angekommen bin.«
»Das will ich doch hoffen! Ich möchte immer wissen, wo du bist. Chérie. Und noch etwas …«
»Ja?«
»Gib mir zur Sicherheit auch die Handynummer deines Rechtsanwalts. Es könnte ja sein, dass du dein Handy verlegst oder dass irgendetwas mit deinem Ladegerät nicht stimmt. Ich könnte nicht gut schlafen, wenn ich nicht sicher sein könnte, dass ich dich zumindest telefonisch immer erreichen kann.«
Franziska klemmte das Handy zwischen Ohr und Kinn ein und blätterte in ihrem Telefonbuch. Sie nannte ihm die Nummer des Rechtsanwalts. »Obwohl ich nicht verstehe, wofür das gut sein soll. Was soll schon mit meinem Handy sein? Bisher hat es immer anstandslos funktioniert.«
»Na ja, sicher ist sicher, Chérie.«
Es klopfte an der Tür.
»Ich muss Schluss machen, Bertrand, meine Eltern erwarten mich. Ich werde Vater bitten, mich morgen zum Flughafen zu bringen. Schade, dass du nicht kommst. Ich hätte dich gern noch einmal umarmt, denn auch für mich ist es nicht so einfach …«
»Wankelmut, dein Name ist Weib.«
Sarkasmus war das Letzte, was sie jetzt brauchte. Franziska hob energisch den Kopf. Wenn er sie nicht verstehen wollte, dann würde er sie auch nicht verstehen. Jedes Wort, das sie sagte, war ein Wort zu viel. Sie wollte allerdings auch nicht im Streit auseinander gehen: »Ich muss jetzt auflegen. Machs gut, Bertrand. Bis in drei Wochen! Pass gut auf dich auf! Ich melde mich.« Dann drückte sie energisch den roten Knopf und öffnete ihrem Vater die Tür.
Samstag, zur gleichen Zeit, im Südwesten der Stadt
»Hör dir das an, Harry«, Giselle verschwand hinter dem Großformat der Zeitung und bot ihrem Ehemann den Blick auf zwei lange, gertenschlanke Beine, die sie elegant übereinander geschlagen hatte. Und auf die Schlagzeile des Tages, die in großen Lettern fast ein Viertel der Seite füllte: »Schlamms Schlacht – jetzt geht es aufs Ganze!«
Darunter ein Bild von Giselle und ihm, aufgenommen auf dem letztjährigen Opernball in Wien. Beide blickten sie in verschiedene Richtungen. Damals war es Zufall gewesen, heute galt es als ein Indiz dafür, dass die Ehe schon zu diesem Zeitpunkt unheilbar zerrüttet war.
Einige Seiten weiter wurde der Artikel fortgesetzt: »Der Rosenkrieg zwischen Harry Schlamm, uns allen besser bekannt als Seeberstein, und seiner bildhübschen Frau Giselle Verleinen geht in die nächste Runde! Wer hätte gedacht, dass es in der Ehe zwischen einem der beliebtesten Sänger Deutschlands und einem der meistgebuchten Models der Welt seit langem kriselte? Oder hätte uns dieses Foto nicht schon früher zu denken geben müssen? Sieht so eine glückliche Braut aus?«
Immer, wenn sie allein waren, war nichts von dem kleinen, leicht affektierten Akzent zu merken, den Giselle in der Öffentlichkeit gerne pflegte und der auf ihre finnische Abstammung hinweisen sollte.
Sie lachte kurz auf: »Weißt du, welches Foto sie genommen haben, Harry?« Sie drehte die Zeitung so, dass er es sehen konnte. »Es wurde Jahre nach unserer Hochzeit aufgenommen. Es war bei einer Modenschau, ich glaube in Mailand. Ich habe als Höhepunkt des Abends ein Brautkleid vorgeführt, und da war der melancholisch-dramatische Blick gefragt. Und nun nehmen sie den zum Anlass, an meinen Gefühlen bei der Hochzeit zu zweifeln. Manchen Journalisten ist aber auch wirklich nichts zu blöd.«
Harry Schlamm lümmelte in seinem bequemen Lederfauteuil, ein Bein lässig über die Armlehne geschwungen, und seufzte unwillig: »Das ist der Grund, warum ich von dieser ganzen Sache nichts mehr hören will. Und wenn wir endlich zu einer Einigung kämen, dann wäre diese Scheidung längst über die Bühne und kein Hahn würde mehr nach unserer Ehe krähen. Rosenkrieg, wenn ich das schon höre! Wir haben uns auseinander gelebt, das ist alles.«
»Eddy meint, ›Schlammschlacht‹ sei erstens ein originelles Wortspiel, wenn man deinen Namen bedenkt, und zweitens eine gute Gelegenheit, dass wir beide nicht so schnell aus den Schlagzeilen verschwinden.«
Es war Giselle anzumerken, dass sie dieser Idee ihres Managers etwas abgewinnen konnte. Seit sie damals mit achtzehn Jahren auf dem Schulhof von einem Mitarbeiter einer Modelagentur angesprochen und zum ersten Fotoshooting eingeladen worden war, waren siebzehn Jahre vergangen. Sie hatte eine Karriere gemacht, die ihresgleichen suchte. Sie lief auf den Laufstegen von Gucci und Lagerfeld, arbeitete für Armani und viele Designer, deren Stern am Modehimmel aufgegangen war, um ebenso rasch wieder zu verglühen. Sie hatte das Cover der bekanntesten Modezeitschriften geziert, nicht nur in Deutschland. Auf der ganzen Welt. Und sie lieh ihr Gesicht Kashido, der bekannten japanischen Kosmetikmarke. Vor drei Jahren hing ihr Konterfei am Times Square in New York. Überlebensgroß.
»Ich bin jetzt fünfunddreißig, Harry. Meine Tage als Model sind gezählt, da brauchen wir uns nichts vorzumachen. – Etwas weiter nach rechts.«
Die letzte Bemerkung galt dem groß gewachsenen, bulligen Mann, der schweigend hinter Giselle stand und ihr gedankenverloren den Nacken massierte. Georg Pernthaler, genannt Schorsch. Aus Niederbayern. Er war ihr Masseur gewesen und vor drei Jahren ihr Geliebter geworden. Jetzt war er ihr Masseur und Geliebter. Harry hatte sich schon geraume Zeit damit abgefunden, dass er seine Frau selten allein antraf. Immer war Schorsch mit von der Partie. Er war ein Mann, der kaum etwas sagte, doch wenn er einmal sprach, dann hatte es Hand und Fuß. Harry und Schorsch hatten sich erstaunlich schnell angefreundet. Für Giselle war es das ideale Leben: Sie war die Ehefrau eines der bekanntesten, eines der meistbejubelten Künstler des Landes. Und sie war die Geliebte eines Mannes, der nur Augen für sie hatte und ihr jeden Wunsch erfüllte, soweit es in seiner Macht stand. Einen Wunsch würde jedoch Schorsch niemandem erfüllen: Er weigerte sich strikt, sich eine geregelte Arbeit zu suchen. Er lebte auf Giselles Kosten, und er lebte gut.
»Deine Anuschka findet auch, dass Eddy Recht hat.«
Anuschka war Harrys Managerin. Eigentlich hieß sie Anna. Anna Horn. Eine schillernde Persönlichkeit in der deutschen Musikszene. Sie war Anfang fünfzig, keiner kannte ihre mollige Figur in etwas anderem als einem perfekt geschnittenen Nadelstreifenanzug. Und kaum jemand nannte sie beim richtigen Namen. Irgendwann, es muss wohl in den siebziger Jahren gewesen sein, da begann sie sich Anuschka zu nennen. Sie erzählte jedem, der es hören wollte, und auch allen anderen, sie hätte diesen Namen von Udo Jürgens bekommen, als sie ihn auf einer seiner Tourneen als Background-Sängerin begleitet hatte. Und das Lied »Anuschka« hätte er damals nur für sie geschrieben. Harry glaubte ihr diese Geschichte nicht. Anuschka blieb jeden Beweis für deren Richtigkeit schuldig. Und dennoch: Seine Managerin war zwar eine sehr tüchtige, aber auch sehr rechthaberische Frau. Hätte er in diesem Punkt mit ihr streiten sollen? Wenn ihr alle anderen die Geschichte abnahmen?
Während Giselle sich wieder daran machte, den Artikel über ihren angeblichen Rosenkrieg weiter vorzulesen, und Schorsch ihr weiter schweigend den Nacken massierte, blickte sich Harry um.
Sie saßen in seinem Arbeitszimmer. An der Stirnseite all seine Auszeichnungen. Eine goldene Schallplatte reihte sich an die andere, dazu kamen die Schallplatten in Platin, Doppelplatin für sein letztes Werk »Herzkatheter«. Er war von zahlreichen Jugendmagazinen mit goldenen Preisen überhäuft, mehrfach zum beliebtesten Sänger Deutschlands ausgezeichnet worden. Dann stand da auch noch die Statue von MTV, an ihn verliehen als »The Sexiest Singer«. Harrys Blick blieb an dieser Statue hängen. Was für eine absurde Auszeichnung! Natürlich hatte sie seinem Stolz gut getan. Welcher Mann wollte nicht sexy sein? Er war von Tausenden Frauen gewählt worden. Das hatte schon etwas. Wenn sie ihn heute so sehen könnten, wie er da saß und gelangweilt dem Vortrag seiner Frau lauschte, kein Mensch hätte ihn je als sexy bezeichnet. Angeödet wäre das richtige Wort gewesen. Frustriert? Litt er am Burn-out-Syndrom? Jedenfalls fiel ihm kein Lied mehr ein.
Seit Monaten war es so, als sei seine Quelle der Kreativität auf immer versiegt. Bereits im letzten Herbst hätte ein neues Album erscheinen sollen. Doch mit welchen Liedern? Er hatte Tage, er hatte Nächte, er hatte Wochen am Klavier gesessen. Doch in seinem Ohr war kein Ton, in seinem Kopf war kein Lied, das er mit seinen Händen auf die Tasten hätte bringen können. Harry blickte zu seinem Klavier hinüber, es war aufgeräumt wie selten. Wo sind all die Notenstapel? Wo sind all die vielen Entwürfe, die früher nur so aus ihm herausgesprudelt waren? Nichts.
Statt der neuen war eine Best-of-CD auf den Markt gekommen. Das war Anuschkas Idee gewesen. Eine glänzende Idee, wie sich herausstellte. Denn auch diese Platte erreichte sofort Gold. Doch jetzt musste dringend etwas Neues auf den Markt. Es war Juni. Für September war das Aufnahmestudio gebucht. Bis dahin brauchte er zwölf nagelneue Songs. Nagelneue Texte, nagelneue Melodien.
»Harry, hörst du mir überhaupt zu?«, unterbrach Giselle seine Gedanken. Sie hatte die Zeitung beiseite gelegt und musterte ihn mit zunehmender Besorgnis. »Du siehst nicht gut aus, weißt du das? Was ist los mit dir?«
»Was mit mir los ist?« Harry zuckte resigniert die Schultern. »Nichts ist mit mir los, das ist ja das Problem.«
»Harry, ich glaube, du brauchst eine Frau.«
»Tolle Idee, super, ganz großartig. Ich glaube nicht, dass es irgendwo eine Ehefrau auf dieser Welt gibt, die ihrem Mann sagt, dass er eine Frau brauchte. Schon vergessen, Gisi, noch bist du meine Frau.«
Schorsch hatte mit dem Massieren aufgehört. Er schnappte sich ein Bier aus dem Kühlschrank neben dem Klavier, öffnete es geräuschlos und setzte sich auf den letzten freien Sessel.
»Du weißt genau, was ich meine. Ich meine keine ›Ehefrau‹, ich meine eine ›Frau‹.« Giselles Tonfall klang ausgesprochen unwillig.
Harry lachte auf: »Deine Besorgnis rührt mich, Gisi, aber du brauchst dir um mein Sexualleben keine Sorgen zu machen. Frauen habe ich genug. Das ist der Vorteil, wenn man ein Star ist. Für eine Nacht mit Seeberstein würde so manche ihr letztes Hemd geben.«
Gisi kannte ihn gut genug, um die Bitterkeit aus seinen Worten herauszuhören. »Und das nutzt du weidlich aus.«
Das war eine Feststellung, keine Frage.
Harry fuhr auf: »Was willst du eigentlich? Zuerst sagst du mir, ich brauche eine Frau, wenn ich dir dann sage, ich habe genug Frauen, dann ist es dir auch wieder nicht recht. Das ist doch eine sinnlose Diskussion. Lass uns lieber zu etwas Wesentlichem kommen. Nachher wird mir Anuschka die Fragen für mein Fernsehinterview faxen. Ich habe morgen am frühen Nachmittag ein Interview in einer Jugendsendung.« Er verzog sein Gesicht.
»Also, worüber willst du reden, Harry? – Pfui Teufel, musst du aus der Flasche trinken? Haben wir denn hier kein Glas?«
Schorsch, der eben die Bierflasche zum Mund führen wollte, stand folgsam auf und holte sich ein Glas vom Regal.
»Den hast du aber gut erzogen, deinen Pudel.«
Gisi zog eine Augenbraue in die Höhe und dachte nicht daran, auf Harrys Provokation einzugehen. »Lass Schorsch aus dem Spiel«, sagte sie stattdessen. »Harry, wir sehen uns vielleicht zehnmal im Jahr. Du hast mich um dieses Treffen gebeten, also sprich endlich aus, worum es geht.«
»Ich will einen Schlussstrich. Ein für alle Mal. Du magst ja die Idee von Eddy und Anuschka großartig finden, unsere Ehe und deren angeblich unrühmliches Ende an die Öffentlichkeit zu zerren. Ich jedoch möchte mich lieber auf meine Arbeit konzentrieren. Der ganze Rummel blockiert meine Kreativität. Bei jedem Interview, von wildfremden Menschen auf der Straße, überall werde ich nur auf unseren Scheidungskrieg angesprochen. Ich halte mich an Anuschkas Anweisungen und spiele den Kämpfenden, spiele den Kränkenden und spiele den Gekränkten, aber lange halte ich das nicht mehr durch. Lass uns endlich Nägel mit Köpfen machen und über unseren Anwalt die Scheidung einreichen. Lang genug von Tisch und Bett getrennt leben wir ja schließlich. Ich gehe auf deine Forderungen ein. Du kannst das Haus auf Ibiza haben und einen Großteil von dem Geldbetrag, den du verlangt hast. Auch wenn ich nicht verstehe, warum es so viel sein muss. Du warst doch bisher mit deinen Forderungen immer fair.«
»Ich bin auch jetzt fair, Harry. Ich brauche das Geld, damit Schorsch und ich unser Leben weiterführen können, wie wir es gewohnt sind. Natürlich bin ich sofort bereit, die monatlichen Zahlungen zu reduzieren, wenn ich eine neue Aufgabe gefunden habe.«
»Also entschuldige, Gisi, du kannst doch nicht verlangen, dass ich Unterhalt für deinen Lover zahle. Das ist doch die absurdeste Idee, die ich je gehört habe. Der Mann ist groß genug, der Mann ist alt genug, der Mann ist ausgebildet genug, der Mann kann selbst sein Geld verdienen.«
»Aber der Mann will nicht«, sagte Schorsch.
Sein Kommentar war wie immer: kurz, aber prägnant.
Gisi zuckte bedauernd die Schultern: »Wenn es dir zu viel ist, dann wirst du es wohl noch einige Zeit in den Schlagzeilen aushalten müssen, mein Lieber«, sagte sie, ohne auf Schorschs Einwand einzugehen, »und in der Zwischenzeit fällt dir ja vielleicht ein, was ich künftig beruflich machen könnte. Ich habe keinerlei Ausbildung, das weiß ich. Aber ich habe Beziehungen!«
»Wie wäre es mit etwas Karitativem?«
Das war kein wirklich ernst gemeinter Lösungsversuch.
»Ausgeschlossen. Kannst du dir mich in Afrika vorstellen? Inmitten einer Schar kleiner, verdreckter Kinder und einem Schwarm von Fliegen?«
Harry konnte nicht. »Ich habe keine Ahnung, was du sonst machen könntest.«
»Dann, mein Lieber, werde ich wohl noch einige Zeit deine Frau bleiben.« Gisi stand auf und schnappte ihre kleine Gucci-Handtasche. »So, nun komm, Schorsch, wir sind bereits spät dran. Außerdem muss sich Harry noch auf seine Talkshow morgen vorbereiten.«
Wie auf Kommando begann das Telefon zu läuten und schaltete auf Faxempfang.
Ich sehe deinen Kopf hinter der Zeitung verschwinden,Ein Unterschenkel wippt hektisch nach vorn.Was sollte uns beide noch länger verbinden?Ich bin ja doch nur in deinen Augen ein Dorn.(… dem Steinfeger der Schorn??… vom Matter das Horn??)geschrieben von Seeberstein am 19. Juni., 17.45 Uhrzerknüllt und weggeworfen am 19. Juni., 17.57 Uhr
Apropos Horn, der Apparat hatte das Fax nun komplett ausgespuckt.
Anuschkas Briefkopf prangte in großen, fetten Lettern darauf: ANUSCHKA HORN, PROMOTION. Darunter in ebenso großen, fetten Buchstaben: HARRY, WAS MACHT DAS NÄCHSTE LIED??!?? Auf der nächsten Seite findest du die Fragen für die morgige Sendung. Ich habe dir die Antworten bereits dazugeschrieben. Wichtig!!!: Vergiss nicht, betroffen zu schauen. Du bist ein sensibler Sänger, daher leide gefälligst unter der Situation. Sonst kommst du bei deinen weiblichen Anhängern nicht authentisch rüber. Gerade Jugendliche haben noch romantische Vorstellungen. Nutz das aus. Sprich möglichst viel über die Liebe und seufze, wann immer es angebracht ist. Vor allem dann, wenn du Fragen bekommst, die nicht auf dieser Liste stehen. Rede dich auf keinen Fall in einen Wirbel hinein. Und vergiss nie: Die Wahrheit nützt niemandem. Weder Gisi noch dir. Ich habe nicht die geringste Lust, wieder einmal einen deiner Ehrlichkeitsausbrüche auszubügeln. Charly holt dich morgen um 11.00 Uhr ab. Ich schaffe es leider nicht vor der Talkshow. Ich habe einen Termin bei einem anderen Sender, da läuft etwas ganz Heißes. Morgen Mittag mehr davon. Wir treffen uns nach der Sendung im VIP-Raum des Funkhauses. Toi, toi, toi!
Anuschka
Harry schnaufte unwillig. Immer die gleiche Leier. Es wurde höchste Zeit, dass man wieder über seine Musik sprach. Aber wie sollte man über neue Lieder sprechen, wenn er keine neuen Lieder hatte? Vielleicht gelang es ihm ja, das Interesse der Talkmasterin auf seine Best-of-CD zu lenken? Dass ihm das gelingen würde, glaubte er selbst nicht.
Mit einer raschen Handbewegung zerknüllte er das Blatt Papier, auf dem er die vier Textzeilen geschrieben hatte. Seine Plattenfirma hatte schon Besseres abgelehnt. Doch Besseres fiel ihm nicht ein. Sein Kopf war wie blockiert. Und wenn er keinen Text hatte, dann hatte er auch keine Melodie. Bei ihm war es nicht so wie bei anderen Künstlern, die zuerst die Melodie im Kopf spürten, bevor sie den passenden Text dazuschrieben. Er brauchte meist zuerst die Idee für einen Text, er brauchte den Inhalt, dann kam die Musik.
Harry überflog die Interviewfragen. Dasselbe Blabla wie vor zwei Tagen im Frühstücksradio. Dieselben Fragen wie vor einer Woche für die Homestory einer Frauenzeitschrift. Dieselben öden Fragen wie vor zwölf Tagen in einer Lokalzeitung.
Das Telefon riss ihn aus seinen Gedanken.
»Ja?«
Herwig meldete sich. Herwig Schauer, Harrys rechte Hand. Sein Leibwächter, sein Terminkoordinator, sein Fanpost-Beantwortungs-Helfer, sein Telefonfräulein, sein Butler. Sie waren zusammen zur Schule gegangen. Nicht, dass sie sich dort besonders mochten. Bis heute war keine wirkliche Freundschaft zwischen den beiden Männern entstanden. Aber Herwig war gewissenhaft. Er behielt dort einen ruhigen Kopf, wo Harry drohte, die Nerven zu verlieren. Er genoss es, in der Welt der Reichen und Wichtigen eine anerkannte Rolle zu spielen. Und Harry genoss es, möglichst viel an ihn zu delegieren und sich blind darauf verlassen zu können, dass alles zu seiner Zufriedenheit erledigt wurde.
»Dein Bruder, auf Leitung 1.«
Harry drückte auf den Knopf: »Hallo, Kleiner!«
Harry hatte nur einen Bruder. Die beiden waren eineiige Zwillinge. Harry war siebzehn Minuten älter und einen Zentimeter größer als Matthias. Als sie Kinder waren, hatten sie sich wie ein Ei dem anderen geglichen. Inzwischen trug Matthias seine dunkelbraunen Haare kurz geschnitten, an der Stirn mit Gel zum Stehen gebracht. Er war stets glatt rasiert. Seine Kleidung war in jenem schlichten Schwarz, das in der Werbebranche seit Jahren als passendes Understatement galt. Alles edel und schlicht. Zurückhaltende Kleidung für Seeberstein? Undenkbar. Das hätte nicht zu seinem Latin-Lover–Image gepasst. Harry trug seine dunklen Haare schulterlang und hatte das große Glück, dass sie sich von Natur aus in sanfte Wellen legten. Anuschka wäre es zuzutrauen gewesen, ihm ansonsten Lockenwickler zu verordnen. Und Harry trug einen Spitzbart. Zwölf Zentimeter lang, mit Gel zu einem Dreieck geformt. Sein absolutes Markenzeichen. Ebenso wie der Ring in seinem linken Ohr. Meist ein schlichter silberner Ring. Manchmal, wenn er besonders gut aufgelegt war, mit einem originellen Schmuckstück verziert. In den letzten Monaten war es stets der silberne Ring gewesen. Er hatte nicht den geringsten Grund gehabt, gut aufgelegt zu sein.
Man sagt immer, dass sich Zwillinge besonders gut verstehen. Dass der eine weiß, was der andere denkt. Bei Harry und Matthias war dies ähnlich. Auch wenn sie beruflich unterschiedliche Wege eingeschlagen hatten, auch wenn sie unterschiedliche Leben lebten, ihre Verbindung war eng. Und kein anderer Mann war je so nah an Harry herangekommen, wie es Matthias seit seiner Geburt war.
»Hi Großer, also was ist? Wirst du morgen noch bei mir vorbeischauen? Du weißt ja, ich bin die nächsten vierzehn Tage nicht im Lande. Es wäre schön, dich vorher noch zu sehen.« Matthias war gut gelaunt wie immer.
Harry seufzte. »Ach du Schande. Ich weiß nicht, Matthias, ob daraus was wird. Ich bin morgen Mittag in einer Jugendsendung. ›Eure Superstars – hautnah‹; da werden sie wieder einmal versuchen, mir nicht nur hautnah zu kommen, sondern mir die Haut vom Leib zu reißen. Anschließend will mich Anuschka treffen. Sie hat irgendetwas Großartiges ausgeheckt. Ich wage gar nicht darauf zu hoffen, aber vielleicht ist es ihr wirklich gelungen, einen Sender dazu zu überreden, mir die Moderation einer Show zu übertragen. Aber wie gesagt, das sind noch ungelegte Eier.«
»Moderation? Bist du sicher, dass es das ist, was du wirklich willst? Ich dachte, du seist mit ganzer Seele Musiker?«
»Ja, dachte ich auch. Doch im Augenblick ist es schwierig mit der Musik. Um nicht zu sagen, da ist überhaupt keine Musik in meinem Kopf. Also hält es Anuschka für klug, sich nach etwas anderem umzusehen. Musik kann ich nebenher immer noch machen.«
»Das klingt sehr nach Anuschka. Das klingt nicht nach dir.«
Harry musste grinsen. Typisch Matthias. Einer der wenigen Menschen in seinem Leben, der ihm immer schonungslos die Wahrheit sagte. Und dem sein Star-Status ebenso unwichtig war wie das Geld, das er damit verdient hatte. Matthias verdiente selbst nicht schlecht. Er war Inhaber einer Werbeagentur. Klein, aber exquisit. Und er hatte erst kürzlich einen Großauftrag für einen bekannten Fahrzeugproduzenten in Stuttgart an Land gezogen. Und in dieser Stadt würde er sich auch die nächsten zwei Wochen aufhalten, um sein Konzept gemeinsam mit seinem Kunden umzusetzen.
»Ich weiß, dass ich schon wie Anuschka klinge«, gab Harry zu, »aber was soll ich denn machen? Gisi war gerade bei mir und fordert Unmengen von Geld. Wenn ich die Scheidung will, und ich will die Scheidung, dann muss ich ordentlich in den Geldsack greifen. Denn da ist ja auch noch Schorsch, der ausgehalten werden möchte.«
»Du bist dazu imstande, Harry.« Matthias schüttelte den Kopf. »Der gute Schorsch. Ein netter Kerl, aber ein fauler Hund. Soll er doch selbst arbeiten! Er ist Masseur. Was denkst du denn, wie sich die Schickimicki-Tanten um ihn reißen würden? Ein Mann, der das Topmodel Giselle Verleinen mit seinen Händen glücklich macht. Der ist doch auch für die Frau des Generaldirektors XY genau der Richtige.«
Harry lachte: »Wie wäre es, wenn du mit ihm redest, Kleiner? Du hast wirklich eine Gabe, andere zu überzeugen. Sind die Koffer schon gepackt?«
»Nein, das mache ich erst morgen. Ich hoffe wirklich, dass ich das Projekt in Stuttgart in zwei Wochen durchziehen kann. Ich werde auch danach noch jede Menge Arbeit damit haben. Und dann geht ja bald die große Reise los.«
»Ja richtig, Gitte und du, ihr fahrt nach China. Es ist mir ein Rätsel, was euch dazu treibt, in diesem Land Urlaub zu machen! Vielleicht bekommt ihr zum Mittagessen Hund in Soße. Oder noch schlimmer: rohes Affenhirn. Überall sind massenhaft Menschen. Und schmerzhafte Impfungen brauchst du auch noch.«
»Es geht um die Kultur, Harry, um die Menschen. Das weißt du ganz genau. Mir gegenüber brauchst du nicht den oberflächlichen Popstar hervorzukehren. Natürlich haben wir auch schon mit den Impfungen begonnen. Das wäre gar nicht notwendig gewesen, wenn wir nur nach Peking oder nach Schanghai fahren würden. Aber wir wollen ja in die tiefsten Provinzen. Da ist natürlich Vorsicht die Mutter der Porzellankiste. Gitte hat auch schon die Visa für uns besorgt. Du weißt, wie sie ist. Behördengänge erledigt sie immer so früh wie möglich. Es ist alles geregelt. Und du kannst dir vorstellen, wie ich mich freue! Ich liebe es, ein Land zu entdecken. Und endlich Zeit mit Gitte zu verbringen.«
Wenn Harry sich ein Vorbild für eine gute Ehe hätte nehmen wollen, er hätte die seines Bruders genommen. »Ist Gitte zu Hause?«
»Nein, sie ist gestern nach Darmstadt gefahren, um dort ein Seminar zu halten. Wenn du morgen kommst, haben wir sturmfreie Bude und endlich Zeit, uns einmal in Ruhe zu unterhalten.«
»Das klingt gut, Matthias, aber ich kann nichts versprechen. Ich muss abwarten, was Anuschka geplant hat. Ich melde mich aber auf jeden Fall per Telefon.«
