Liebe in Flammen - MHP Sippel - E-Book

Liebe in Flammen E-Book

MHP Sippel

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Beschreibung

Mit dem Attentat von Sarajewo beginnt eine der größten Katastrophen der Menschheit! Während sich die Machthaber der verschiedenen europäischen Länder immer weiter in das Verderben hineinlizitieren, gerät auch das Privatleben unserer Protagonisten mehr und mehr aus den Fugen. Vermeintlich verschmähte Liebe, Spielsucht, Eitelkeit, verletzter Stolz, der Autor schöpft aus den Abgründen der menschlichen Seele und macht das traute Familienleben für einzelne Familienmitglieder zur Hölle. Gleichzeitig bereitet der sich über Europa ausbreitende Krieg tatsächlich die Hölle: Massenhaftes Sterben, verstümmelte Menschen, seelische Verletzungen stehen an der Tagesordnung. Mehr und mehr wird jedoch auch klar, wie sehr das Schicksal der einzelnen Familien miteinander verstrickt ist.

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Seitenzahl: 826

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Impressum

Zitate

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

Seitenliste

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2026 novum publishing gmbh

Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt

[email protected]

ISBN Printausgabe: 978-3-7116-0168-1

ISBN e-book: 978-3-7116-0169-8

Lektorat: eon Haußmann

Umschlag- & Innenabbildungen: MHP Sippel

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Zitate

Die Menschen sind grausam

Der Mensch ist gütig

Rabindranath Tagore

Die große Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht.

Die Versuchung ist mächtig und seine Kraft gering.

Die große Schuld des Menschen besteht darin,

dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann

und nicht tut.

Martin Buber

Wer im Schatten des Höchsten und unter dem Schirme des

Allmächtigen steht, der spricht zu Gott:

Meine Zuversicht, meine Burg, der Gott, auf welchen ich hoffe.

Psalm 91,1–2

Der Mensch hat dreierlei Wege, klug zu handeln:

Erstens:

Durch Nachdenken.

Das ist der Edelste.

Zweitens:

Durch Nachahmen.

Das ist der Leichteste.

Drittens:

Durch Erfahrung.

Das ist der Bitterste.

Konfuzius

So lange Du dem anderen sein Anderssein nicht

verzeihen kannst, bist Du weit ab vom Wege der Weisheit.

Chinesische Weisheit

1. Kapitel

Siegfried Kronberg und Reuven Cohn hatten ihre Lehrzeit in der Verlagsbuchhandlung Fürst & Cohn im Mai mit einer Abschlussprüfung erfolgreich beendet und waren offiziell als frischgebackene Buchhändler in den Betrieb übernommen worden. Doch ausüben konnten die beiden ihren soeben erlernten Beruf noch nicht. Im Frühjahr eines jeden Jahres fanden im gesamten Reichsgebiet die Musterungen statt. Zwischen Februar und Mai erhielten junge Männer, welche das 20. Lebensjahr vollendet hatten, den Befehl, sich bei ihren zuständigen Ersatzkommissionen ihres Wohnortes zu melden, um sich einer medizinischen Untersuchung bezüglich ihrer Wehrdiensttauglichkeit zu unterziehen. Waren sie körperlich oder gar geistig untauglich, wurden sie nach Hause geschickt. Wer eine Berufsausbildung absolvierte, wurde gegen entsprechenden Nachweis vom Wehrdienst zurückgestellt. Wer ausgelernt oder ausstudiert hatte oder arbeitslos war, hatte den Streitkräften als Wehrpflichtiger zur Verfügung zu stehen. Der Einstellungstermin erfolgte in der Regel zu jedem Quartalsbeginn. Reuven und Siegfried hatten von einer Münchner Ersatzbehörde während ihrer Lehrzeit den Musterungsbescheid erhalten und sich gemeinsam mit unzähligen anderen jungen Männern der medizinischen Untersuchung in der Behörde unterzogen. Die Musterungskommission bestand aus einem hohen Armeeoffizier und zwei zivilen Verwaltungsbeamten. Der eine war ein dicker Stadtrat, den Siegfried und Reuven aus den Zeitungen kannten. Der zweite war ein Polizeidirektor, der am Kgl. Polizeipräsidium stationiert war. Der Armeeoffizier war General der Kavallerie Ritter von Xylander, Oberbefehlshaber des III. Kgl. Bayr. Armeekorps und Kommandant von München. Unter den wachsamen, kritischen Blicken dieser Männer mussten sich die designierten Rekruten von Kopf bis Fuß von verschiedenen Ärzten untersuchen und testen lassen. Obwohl die meisten jungen Männer diesen Tag als den schönsten in ihrem Leben empfanden, war es ihnen doch peinlich, sich für die Untersuchung nackt ausziehen zu müssen.

Reuven und Siegfried wurden für diensttauglich befunden, ließen sich jedoch gegen Nachweis in Form der Vorlage entsprechender Dokumente bis zum Ende der Ausbildung zurückstellen.

Doch im Sommer des Jahres 1911 erhielten die beiden jungen Männer ihre Einberufungsbefehle. Siegfried erhielt die Order, sich zu einem vorgegebenen Zeitpunkt, dessen Datum und Uhrzeit genau angegeben waren, beim 1. Kgl. Bayr. Infanterieleibregiment zu melden und sich zum Dienstantritt zu stellen. Reuven wurde zu einer Pioniereinheit berufen.

Für Wehrpflichtige, welche bei Infanterie- und Traineinheiten dienten, dauerte die Dienstzeit zwei Jahre. Kavalleristen, Artilleristen und Matrosen dienten drei Jahre. Bei Männern, welche Heilberufe ausübten, fiel die Dienstzeit unterschiedlich aus.

Ein Wehrpflichtiger mit höherem Bildungsgrad, der bereit und in der Lage war, die Kosten für Kleidung, Verpflegung und Unterkunft selbst zu tragen, konnte Ansprüche auf Wehrpflichtverkürzung geltend machen und seine Dienstzeit auf ein Jahr heruntersetzen. Wehrpflichtige, welche von diesem Recht Gebrauch machen konnten und wollten, erhielten somit den Status eines sogenannten Einjährig-Freiwilligen. Reuven und Siegfried konnten mit finanzieller Hilfe ihrer Familien dieses Recht in Anspruch nehmen und hatten auf diese Weise nur 12 Monate Dienst an der Waffe zu leisten, worüber beide sehr erleichtert waren. Ein wichtiges Ziel hatten sich jedoch beide gesetzt in den Einheiten, in welchen sie nun dienen sollten: das Reserveoffizierspatent. Nicht jeder Soldat besaß dafür die psychischen, physischen und sozialen Voraussetzungen – doch jeder Soldat, der als Einjährig-Freiwilliger diente, hatte sich den entsprechenden Eignungsprüfungen zu unterziehen. Aus diesem Grunde kamen auch Siegfried und Reuven nicht um die Prüfung herum, selbst wenn sie dies gewollt hätten. Reuven Cohn hatte den Antrag auf einjährig-freiwillige Dienstzeit nicht nur gestellt, um die lange Zeit zu verkürzen und Reserveoffizier zu werden. Er verfügte somit auch über die Möglichkeit, von der allgemeinen Truppenverpflegung fernzubleiben und sich außerhalb der Kaserne koscher zu verköstigen. Ein vom Kgl. Bayr. Kriegsministerium im Jahre 1885 erlassenes Gesetz gestattete jüdischen Rekruten, Ansprüche dieser Art geltend zu machen. Dies bezog sich auch auf jüdische Fest- und Feiertage. Obgleich sich die bayrische Militärverwaltung gegenüber jüdischen Soldaten überraschend tolerant zeigte und sich im Laufe des 19. Jahrhunderts die Emanzipation auch im deutschen Armeewesen nach und nach durchgesetzt hatte, gelang nur wenigen Juden der Aufstieg in den aktiven Dienst. Trotz gesetzlicher Gleichberechtigung wurden jüdische Offiziersanwärter in der bayrischen Armee bei Prüfungen und Untersuchungen strenger beurteilt als ihre christlichen Kameraden. Das Offizierskorps betrachtete die jüdischen Kameraden noch immer als „fremdartig“ und fand immer wieder Gründe, sie durch die Prüfungen fallen zu lassen. Auch der Übertritt vom Judentum in eine der großen christlichen Kirchen änderte nichts an den latenten Ressentiments gegen Juden, seit im 19. Jahrhundert der Judenhass nicht mehr ausschließlich mit religionsideologischen Argumenten, sondern auch zunehmend mit rassenideologischen Argumenten gerechtfertigt wurde.

Im Jahre 1911 betrug innerhalb der Königlich Bayrischen Armee die Anzahl der Offiziere des sogenannten Beurlaubtenstandes 3.456. Unter diesen Reserveoffizieren befanden sich lediglich 80 Juden.

Dennoch war Reuven Cohn ehrgeizig genug, diese Hürde zu nehmen. Die Ausbildung der Einjährig-Freiwilligen gliederte sich in jener Zeit in zwei Abschnitte. Der erste Abschnitt umfasste drei Monate Grundausbildung. Mit dem Beginn des vierten Monats erfolgte eine gesonderte theoretische und praktische Ausbildung. Diejenigen, welche für offizierstauglich befunden worden waren, hatten zum Ende der Dienstzeit eine Abschlussprüfung abzulegen und wurden als Offiziersaspiranten im Range eines Unteroffiziers der Reserve entlassen, um zu einer alljährlichen, je achtwöchigen Reserveübung erneut anzutreten mit dem Ziel, zunächst einmal Vizefeldwebel oder Vizewachtmeister zu werden. Erst nach der dritten erfolgreich absolvierten Übung konnte die Beförderung zum Reserveoffizier erfolgen.

Jene Rekruten, welche sich nicht zum Offizier eigneten, wurden zu Unteroffiziersaspiranten ausgebildet und auch nach Ende ihrer Dienstzeit als solche in die Reserve entlassen, um bei Militärübungen die Befähigung zum Unteroffizier der Reserve zu erringen. Rekruten, welche die Prüfungen zum Unteroffizier nicht bestanden, verließen die Armee als Gefreite der Reserve, hatten sich jedoch für alljährliche Feldübungen zur Verfügung zu halten.

Im preußischen Offizierskorps gab es jedoch nicht nur religiös motivierte Diskriminierungen, sondern auch Standesdünkel. Bei den Offiziersprüfungen wurden junge Männer adeliger Herkunft bevorzugt, Bürgersöhne ungeachtet rechtlicher Gleichstellung benachteiligt, einerlei, ob sie Juden oder Christen waren. Wenn ihnen die Offiziersprüfung gelang, wurden die Bürgersöhne bisweilen regelrecht abgeschoben zur Infanterie, Artillerie, zur Kaiserlichen Marine oder zur Kaiserlichen Schutztruppe in die Kolonien. Wenigen Bürgersöhnen, Christen wie Juden, gelang der Sprung in die Laufbahn der Kavallerie, die dem Adel vorbehalten war.

Siegfried Kronberg begann somit seine Laufbahn als Grenadier in einem bayrischen Traditionsregiment, dem 1. Kgl. Bayr. Infanterieleibregiment. Männer, welche in diesem Regiment dienten, nannte man volkstümlich „Leiber“. Bayrische Infanterie war uniformiert mit Pickelhaube, hellblauem einreihigem Rock mit rotem Kragenspiegel und roten Ärmelaufschlägen sowie hellblauen Hosen. Sie trugen fast dieselben Uniformen wie die Schweren Reiter, eine Einheit ehemaliger Kürassiere, von welchen Bayern zwei Regimenter besaß.

Seit einigen Jahren hatten die überwiegend monarchistisch regierten Bundesstaaten für ihre Armeen jedoch zu den diversen, in verschiedenen traditionellen Farben gehaltenen Uniformen Spezialuniformen eingeführt, welche wie die ursprünglichen Uniformen der jeweiligen Truppenteile der deutschen Heere geschnitten, jedoch ausschließlich für den Kampfeinsatz vorgesehen und – abgesehen von den Kragenspiegeln und Ärmelaufschlägen – aschgrau war. Für die Kopfbedeckungen wurden spezielle grau-sandfarbene Überzüge hergestellt, welche über Pickelhauben, Tschapkas und Tschakos gezogen werden sollten, wenn die Truppe in den Krieg oder zu Friedenszeiten ins Manöver zog.

Für Siegfried stand mit Beginn seiner Einjährig-Freiwilligen-Dienstzeit zunächst einmal drei Monate Grundausbildung auf dem Programm. So durchlief er drei Monate lang harte Exerzier-, Schieß- und Gefechtsübungen verschiedener Art. Ergänzt wurde die Ausbildung durch Zusatzmaßnahmen wie verschiedene Turnübungen, Fechten und, für einen angehenden Offizier von Wichtigkeit, selbst wenn er in der Infanterie dient, Reiten. Obgleich das Pferd und die Kutschen in jener Zeit nach und nach von elektrischen Straßenbahnen und Automobilen aus dem Straßenverkehr verdrängt wurden, war Reiten und Fahren für den Durchschnittsmenschen ein absolutes Muss, was unabhängige Fortbewegung betraf, auch wenn für manche soziale Schicht Pferd und Wagen ein Luxus war. Siegfried fühlte sich wohl bei der Armee, konnte er doch seinem Vaterland dienen und hatte die Gewissheit, dass ihm als Offiziersaspirant und später als Leutnant, Oberleutnant oder gar Hauptmann der Reserve jede Türe offenstand.

Pionier zu sein war ein anstrengendes Los. Rekruten, welche in einem Pionierkorps zu dienen hatten, durchliefen eine harte Ausbildung. Im Kriegsfall oblag Pionieren die Aufgabe, Brücken, Übergänge, Hindernisse zu errichten oder zu zerstören, Festungen, Städte, Dörfer oder Gelände in verteidigungs- oder belagerungsfähigen Zustand zu versetzen.

Die Grundausbildung verlief nach ähnlichen Maßstäben wie bei der Infanterie, doch wurde sie ergänzt durch dringend notwendige Zusatzausbildungen.

Als Reuven Cohn in der dunkelgrünen Uniform, bestehend aus Pickelhaube, dunkelgrünem einreihigen Rock mit grünen Ärmelaufschlägen und grünem Kragen sowie dunkelgrünen Hosen steckte, war er sehr stolz.

Doch er hätte nicht für möglich gehalten, was auf ihn zukam, als er mit unzähligen anderen Rekruten dazu ausgebildet wurde, im freien Gelände Schützen- oder Deckungsgräben und Unterstände für die Infanterie auszuheben, Deckungen für die Feldartillerie oder Feldschanzen anzulegen, Gebäude oder Waldungen verteidigungsfähig zu gestalten. In anstrengender praktischer Ausbildung erlebte er mit, wie man bei Festungen verteidigungs- und belagerungsgerechte Zustände schafft. Hierzu war das Legen von Minen, die Errichtung von Beobachtungsposten und Schanzen von ebenso tragender Bedeutung wie der äußerst aufwendige Bau von Pontonbrücken.

Neben den Herausforderungen, welche hauptsächlich in körperlicher Anstrengung bestanden, musste sich Reuven jedoch auch einem weiteren Problem stellen, das er zwar mit einigen anderen Rekruten teilte, das ihn jedoch auch belastete: Antisemitismus. Wie andere jüdische Soldaten, einerlei, welchen Rang sie bekleideten, war auch er Anfeindungen seiner Kameraden ausgesetzt. Aber genau dies war es, was ihn neben der Anstrengung, welche die militärische Ausbildung mit sich brachte, innerlich stärkte. Es spornte ihn an, mehr zu leisten als andere. Und dies sollte ihm zugutekommen.

2. Kapitel

Helena und ihr kleiner Sohn waren ständigen Demütigungen und Übergriffen seitens Helenas Mann ausgesetzt. Friedhelm Thanner hasste den kleinen Rudolf, den er nicht gezeugt hatte, aber an Sohnes statt hatte annehmen müssen, obgleich er dies gar nicht wollte. Die Tatsache, dass Friedhelm und Helena Thanner getrennte Schlafzimmer bewohnten, hinderte den gewalttätigen, nach wie vor spielsüchtigen Ehemann nicht daran, seine Frau nachts zu nehmen, wann es ihm passte, unabhängig davon, ob sie das gleiche Bedürfnis verspürte oder nicht.

Helena ließ die gelegentliche Prozedur einseitiger Triebbefriedigung angewidert über sich ergehen, zumal Friedhelm ebenso roh wie lieblos zu Werke ging, wenn er ihr zu Leibe rückte.

Helena war froh, wenn ihr Mann das Zimmer verließ. Gelegentlich kam es jedoch auch vor, dass er die ganze Nacht blieb. Es gab nichts, was Helena so abgrundtief hasste wie seine Art, den Geschlechtsverkehr zu vollziehen.

Zu leiden hatte auch der kleine Rudolf unter seinem Ziehvater. Immer wieder war der mittlerweile zweijährige Junge verschiedensten Schikanen und Demütigungen ausgesetzt. Friedhelm Thanner nutzte alterstypische Ungeschicklichkeit des Kindes, um es zu beschimpfen und zu demütigen. Selbst vor ironischem Spott schreckte er nicht zurück. Züchtigungen gegenüber diesem kleinen, hilflosen Wesen enthielt er sich – zunächst. Am liebsten pflegte er das Kind in jener Zeit herabzusetzen, als es laufen lernte. So ergötzte er sich mit taktlosen ironischen Kommentaren, wenn der kleine Rudolf bei seinen anfänglichen Gehversuchen noch unsicher auf seinen Beinchen stand, sich immer wieder mit den Händchen am Boden abstützte oder gar hinfiel und dann weinte. In seiner Mutter hatte der Kleine jedoch einen Halt. Sie war die einzige Bezugsperson, die er hatte und zukünftig haben sollte. Und für Helena war der kleine Junge der einzige Halt, welchen sie hatte. Sie versuchte auszugleichen, was ihr moralischer Taugenichts von Ehemann Schritt für Schritt zerstörte. Sie war immer für ihren kleinen Rudolf da, nahm ihn in die Arme, tröstete ihn und unternahm alles, um ihm Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein zu geben. Ihr bedingungsloser Mutterinstinkt verlieh ihr immer wieder die Courage, ihren Mann energisch zurechtzuweisen, wenn er wieder begann, das Kind zu quälen. Weitere Erziehungspraktiken, die Thanner an seinem Stiefsohn vollzog, bestanden darin, dass er immer wieder versuchte, das Kind zum Tragen einer Pickelhaube zu zwingen. Der Kleine wollte den Helm nicht tragen, welcher ohnehin so groß war, dass er über die Nase reichte, und verschmähte ihn ebenso wie das Kriegsspielzeug, welches in jener Zeit zur Ausstattung eines jeden Kinderzimmers gehörte. Hier regte sich in dem Kind bereits eine innere Abneigung gegen den despotischen Vater, der selbst Uniform trug. Von seiner Mutter sollte Rudolf nicht nur Sensibilität, sondern nach und nach die Liebe zur Literatur, zur Kunst und zur Musik mitbekommen und sich bezüglich all dieser Dinge vervollkommnen, je älter er wurde.

Helena war ständig damit beschäftigt, ihren Sohn in Schutz zu nehmen. Sie verhinderte mehrfach, dass Friedhelm den kleinen Rudolf aus nichtigem Anlass in eine dunkle Kammer sperrte, um ihn zu bestrafen. Sie ließ es nur zu, wenn Rudolf tatsächlich etwas angestellt hatte. Ansonsten war sie ständig der Puffer zwischen Mann und Sohn – und weiterhin das Sexualobjekt für ihren Mann. Dies blieb nicht ohne Folgen. Im Frühjahr des Jahres 1911 war sie schwanger und brachte im Spätherbst einen Sohn zur Welt, der auf den Namen Gerald getauft wurde.

3. Kapitel

Die Bayern schätzten an ihrem Prinzregenten seine Leutseligkeit, seine Aufgeschlossenheit und seine Volksnähe. Er war kein unnahbarer Absolutist, kein pompöser Repräsentant. Bescheidenheit und Freundlichkeit prägten sein Wesen. Er war so selbstbewusst, dass ihm ein bescheidener Luxus ohne übertriebene Protzigkeit genügte. Wie die meisten Mitglieder des Hauses Wittelsbach war er ein Liebhaber und Förderer der Wissenschaften und der schönen Künste, vor allen Dingen des Letzteren. Da er sich gerne unter das Volk mischte, kam es vor, dass er unangemeldet in Ateliers von Malern und Bildhauern erschien. Als Kunstmäzen erfreute er sich großer Beliebtheit. Ihm verdankten viele Künstler ihren Erfolg. Etablierte Künstler suchte er auf, um ihnen Aufträge zu erteilen, für Künstler, auf welche noch Niemand aufmerksam geworden war, bedeutete es in der Regel eine Art Erlösung, wenn dieser souveräne, freundliche, alte Mann mit dem langen weißen Bart vor der Atelierwohnungstüre stand.

Wie die meisten Mitglieder des Hauses Wittelsbach war er ein Liebhaber und Förderer der Wissenschaften und der schönen Künste, vor allen Dingen des Letzteren.

Hannah von Wildenau, geborene Mainländer, war noch nicht so weit, dass sie von der Malerei leben konnte. Sie verdingte sich als Kellnerin, um die Miete für die Atelierwohnung in Schwabing bestreiten zu können, welche sie gemeinsam mit ihrem Mann Rainald bewohnte. Dieser studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität Geisteswissenschaften. Das Studium bezahlte seine Mutter heimlich aus ihrem Privatvermögen, welches sie einst in die Ehe mit Walther von Wildenau, der davon nichts erfahren durfte, gebracht hatte. Hannah malte und malte. Wie die meisten Künstler, einerlei, ob sie nun Maler, Bildhauer, Musiker, Literaten oder Schauspieler waren, verfügte sie nur über zwei Mittel, um ihr Ziel, Erfolg zu haben, zu erreichen: Glaube an sich selbst und Geduld auf dem Wege. Und Hannah wandte diese zwei Mittel an, obgleich es ihr nicht immer leichtfiel. Doch sie hielt an ihrem Ziel fest. Sie begann, sich nach und nach geistig in die Wunsch- und Traumvorstellung, eine erfolgreiche, geschätzte Künstlerin zu sein, hineinzusteigern. Sie untermauerte dies mit Gebeten, von welchen sie als gläubige Jüdin genügend kannte. Immer wieder, wenn sie zweifelte, flüchtete sie sich in ihren Traum und in ihre Gebete. Dieser Traum war zu einer Idee geworden, die von unerschütterlichem Selbstvertrauen getragen wurde, dieses hinwiederum von der absoluten Gleichgültigkeit gegenüber der Meinung mancher, die immer wieder schwarzsahen. Mit den anderen Künstlern, welche mit ihr Tür an Tür wohnten, verstand sie sich prächtig. Hier herrschte eine gewisse Solidarität. Die Schwabinger Künstlerhäuser waren in der Regel daran erkennbar, dass sie große Dachreiter mit Atelierfenstern hatten, hinter welchen die Maler ihre Werke schufen. Eine dieser Atelierwohnungen unter dem Dach bewohnte Hannah mit ihrem Mann Rainald. Diese beiden Menschen, der adelige Student und die jüdische Malerin, verfügten über wenig finanzielle Mittel, doch verband sie ihre tiefe, innige, leidenschaftliche Liebe.

In den Schwabinger Atelierhäusern wohnten die Maler meistens unter dem Dach, während in den übrigen Etagen Schriftsteller, Bildhauer, Schauspieler, Musiker, Sänger lebten. Mit den Künstlern, welche als Nachbarn mit ihnen in dem großen, schönen Atelierhaus mit der historischen Fassade am Schwabinger Nikolaiplatz wohnten, verstanden sich Hannah und Rainald prächtig. Für Rainald war der eine oder andere Umstand gewöhnungsbedürftig. Der junge Adelige war aus einer gesicherten Welt des Wohlstandes in eine Welt allgegenwärtiger finanzieller Unsicherheit gelangt, in welcher sich das Leben jenseits mancher Konventionen abspielte. Viele Künstler waren genötigt, sich ihren Lebensunterhalt durch zusätzliche Verdienste zu bestreiten, wenn sie nicht in der Lage waren, vom Erlös ihrer Werke zu leben. So verdingten sie sich entweder mit niederen Gelegenheitsarbeiten oder übten die Berufe aus, deren Qualifikationen sie durch universitäre oder betriebliche Ausbildungen erworben hatten, um sie aufzugeben, wenn sich die Möglichkeit öffnete, von der Kunst zu leben, was glücklicherweise immer wieder geschah.

Frauen hatten es als Künstlerinnen besonders schwer. Viele Malerinnen, Dichterinnen oder Bildhauerinnen, Schauspielerinnen, Musikerinnen oder Sängerinnen blieben unverheiratet, um ihren kreativen Neigungen nachgeben zu können, für welche sie die gesetzliche Zustimmung des Ehemannes benötigt hätten, was für andere Berufsgruppen und Branchen ebenfalls galt. So verrichteten sie, wenn sie auf sich allein gestellt waren, eben typische Frauenarbeiten in Ladengeschäften oder in Gaststätten. Hannah hatte schon in einer Wäscherei gearbeitet und dann eine Stelle als Kellnerin in einer renommierten Schwabinger Künstlerkneipe bekommen. Rainald studierte. Während er auf der Universität aufmerksam seinen Professoren und Dozenten lauschte, fuhr Hannah des Öfteren mit anderen Malern und Malerinnen in den Englischen Garten oder ins Münchner Umland, um Motive zu suchen und diese auf der Leinwand festzuhalten. Landschaften, Tierszenen und Porträts waren Hannahs Fachgebiet. Obgleich sich ihre Bilder nicht besonders gut verkauften, hielt sie nach wie vor unerschütterlich an ihrem Ziel fest. Von Zeit zu Zeit bekam sie die Möglichkeit, ihre Werke in einer der kleineren Galerien in Schwabing auszustellen. Und manche Leute kauften. Doch bisweilen musste sie den Preis herunterhandeln, damit die Leute auch wirklich dazu bereit waren, sie jedoch nicht besonders geschäftstüchtig war.

Immer wieder stellte sie sich vor, eine berühmte Malerin zu sein, geehrt und bewundert zu werden. Sie ahnte wohl selbst kaum, wie viel positive Energie sie damit freisetzte und wie jener Teil von Gott in ihr, welchen man Unterbewusstsein nennt, zu arbeiten begann. Sie glaubte unermüdlich an sich selbst. Und die lebensfrohe Ausstrahlung, welche aus dieser Haltung, innerlich und äußerlich, resultierte, tat ihr Übriges. Überall war sie beliebt. Die Schwabinger Künstler schätzten sie. Dies war wohl auch der Grund, aus welchem sie zwar nicht viele Auftraggeber, doch immerhin Auftraggeber hatte, welche sie nicht regelmäßig in Anspruch nahmen und nicht besonders gut zahlten, sodass sie und ihr Mann nur über Dinge verfügen konnten, die zum Leben notwendig waren. An materiellen Luxus war nicht zu denken. Doch das Liebesglück dieser beiden Menschen, des jungen adeligen Studenten und der jüdischen Künstlerin, ließ die Waage des Lebens immer wieder zum Positiven balancieren.

Gelegentlich kamen Kunden in ihr Atelier und ließen sich entweder von ihr porträtieren oder gaben Landschaftsgemälde in Auftrag. Hannah schaffte es nur bedingt, mit den Herrschaften zu feilschen. Diese handelten den Preis herunter und am Ende hielt Hannah lediglich eine Summe in den Händen, welche unter dem Aufwand lag, welchen sie auf sich nehmen musste, wenn sie Material wie Pinsel, Farben, Paletten zu kaufen und Leinwände zu bespannen hatte, welche – je nach Auftrag – bisweilen nicht ganz unbeträchtliche Breiten und Höhen aufwiesen.

Einmal sollte sie im Auftrag eines feinen adeligen Herren die Frauenkirche malen, die man von ihrem Atelierfenster aus sehen konnte. Hannah fragte nicht länger, sondern nahm den Auftrag an, griff zu Pinsel und ovaler Holzpalette und schuf ein wunderbares, äußerst lebendig wirkendes Werk, welches die Frauenkirche mit ihren beiden mächtigen Zwiebeltürmen aus dem Häusermeer der Stadt in den klaren Föhnhimmel ragen ließ. Der Auftraggeber war begeistert, als er es abholte, und zahlte einen guten Preis. Hannah hatte keine Ahnung, dass diese Begegnung nicht ohne Folgen bleiben sollte.

Es gab jedoch noch zwei weitere Gründe, warum sie so wenig Auftraggeber hatte und so wenig Galeristen ihre Bilder ausstellten: Sie war Frau – und Jüdin. Die Heirat mit einem Aristokraten hatte ihr hierbei nur wenig geholfen. Denn die Wildenaus standen als eines der ältesten Geschlechter Bayerns im Lichte der Öffentlichkeit und so ließ es sich die Presse, insbesondere die antisemitischen Blätter, nicht nehmen, sich über die jüdische Schwiegertochter auszulassen und damit die Hochzeit von Rainald und Hannah zu einem handfesten Skandal zu stilisieren. Die im bayerischen Pressewesen eher dünn gesäten liberalen Zeitungen hingegen hielten Baron von Wildenau vor, seinen eigenen Sohn wegen der morganatischen Ehe eiskalt verstoßen zu haben – zu Recht.

Das goldene warme Licht der Sonne fiel durch das große Atelierfenster. Die hellen Flecken der Sonnenstrahlen zeichneten sich auf Hannahs hellem Kittel ab, während sie in der einen Hand die farbverschmierte ovale Holzpalette hielt und in der anderen den Pinsel, den sie in geschickten eleganten Bewegungen über die große Leinwand gleiten ließ. Pinselstrich für Pinselstrich entstand auf der Leinwand ein männlicher sitzender Akt in Denkerpose. Behutsam, hingebungsvoll und mit großer Sorgfalt fertigte sie das Gesicht jenes Menschen, den sie am meisten liebte. Es bestand für sie dabei keine Notwendigkeit, immer wieder prüfend ihr Modell zu betrachten. Dafür hatte sie das Antlitz viel zu gut im Kopf.

„Wie lange dauert das denn noch?“, fragte Rainald ungeduldig, „Mein Rücken tut schon weh von der gebückten Sitzhaltung.“ – „Sei froh, dass du während der Sitzung nicht stehen musst. Es dauert nicht mehr lange.“ erwiderte Hannah, „Das versprichst du mir schon seit fünf Stunden“, schlug Rainald zurück, „Können wir nicht wenigstens eine Pause einlegen?“ – „Unmöglich. Ich kann es jetzt nicht riskieren, deine Sitzhaltung neu auszurichten – noch nicht. Du musst dich schon gedulden, bis ich dir Bescheid gebe.“ Rainald seufzte und schwieg. Und Hannah malte weiter. Stunden verstrichen. Obgleich Hannah mit ihrer Arbeit gut vorankam, ließ nach einiger Zeit die Konzentration nach. Ihr Arm verkrampfte sich und sie verspürte ständig den Drang, mit den Augen zu blinzeln. „Ich kann nicht mehr“, stellte sie schließlich seufzend fest und legte Pinsel und Palette auf den Beistelltisch neben der Staffelei. Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken und fasste sich mit ihrer farbverschmierten Hand an den Kopf. „Ich bin geschafft“, stöhnte sie. Rainald stand von dem Hocker auf und wickelte sich ein Handtuch um seine nackten Lenden. „Ich auch“, sagte er und trat auf seine Frau zu. Sie stand auf und schmiegte sich an die behaarte Brust seines athletischen Körpers. „Ich frage mich bisweilen, wo du die Kraft hernimmst, so fest an deinen Erfolg zu glauben“, sagte er zu ihr. Sie hob den Kopf und blickte ihm in die Augen. „Die Kunst“, begann sie, „ist ein großartiges Beispiel dafür, dass der Mensch ohne den Glauben an sich selbst und an Gott als allmächtiges, liebendes, helfendes Wesen so viel wert ist wie ein Ritter ohne seine Rüstung und ohne sein Schwert – nichts.“ – „Wie meinst du das?“, fragte Rainald, auf sie herabblickend und sie noch immer in seinen muskulösen Armen haltend. „Wenn man ein Ziel erreichen will, muss man kämpfen“, antwortete sie ihm, „Denn wie du weißt, ist jeder seines Glückes Schmied.“ – „Natürlich.“ – „Doch einerlei, welches Ziel man anstrebt, man muss fest an dieses Ziel glauben. Und glauben kann man wunderbar mit Hilfe des Geistes, mit Hilfe seiner Fantasie, indem man sich das Ziel, welches man sich setzt, richtig deutlich vorstellt – und am besten für dieses Ziel betet, einerlei, wie. Jeder Mensch hat Träume. Warum soll man diese Träume nicht zu einer konkreten Vorstellung umwandeln. Tut man dies, dann führt Gott uns innerlich auf den richtigen Weg zu den richtigen Gelegenheiten, die wir wahrnehmen müssen, zu den Chancen, die wir nutzen müssen, um unser Ziel zu erreichen. Das Erste und Wichtigste, was wir lernen müssen, ist Geduld. Wir müssen jeden Zorn, jede Hast aus unserer Seele verbannen – auch dabei hilft der Glaube. Der Glaube ist das Einzige, was hilft. Es ist ein Synonym für Leben. Er beginnt da, wo jede Logik aufhört. An die Stelle von Logik tritt das Vertrauen – das bedingungslose Vertrauen.“ – „Ja“, pflichtete Rainald bei, „Im christlichen Glauben gilt die Regel, dass der Glaube Berge versetzen kann. Aber wenige begreifen dies. Sie nennen sich gläubig. Aber sie glauben an einen Gott, der nur Liebe gibt, wenn man ihn fürchtet. Wie kann man da Selbstvertrauen entwickeln? Aber sage mir doch, wie du zu diesen tiefen Gedanken gekommen bist.“ – „Ein Rabbiner erklärte mir einmal, was Glauben bedeutet. Er sagte mir, dass es keineswegs genügt, nur zu beten. Man muss glauben. Glauben heißt Vertrauen und Vertrauen bedeutet die Bereitschaft, zu sehen, was andere nicht sehen.“

Rainald liebte die warme, sanfte Stimme seiner Frau. Er beugte sein Haupt zu ihr hinunter, schmiegte seine Wange an die ihre, atmete den Duft ihres langen welligen Haars ein und begann an ihrem Ohrläppchen zu knabbern, was sie sichtlich genoss. Sie kicherte lustvoll.

Doch plötzlich klopfte es an die Tür. Die beiden hielten inne. Dann warfen sie einander erstaunte Blicke zu. „Geh schon zu Bett“, bat sie ihn, „Ich bin gleich bei dir.“ – „Ich geh schon“, versprach er und verschwand ins Schlafzimmer. Hannah sah genüsslich im Spalt der sich langsam hinter ihrem Mann schließenden Tür, wie Rainald das Handtuch fallen ließ. Als die Tür fast zu war, vernahm sie das Rascheln der Bettdecke.

Dann lief sie zur Wohnungstür. Erneut wurde geklopft. „Ich komm’ ja schon“, versuchte sie den unbekannten Gast ein wenig unwillig zu beschwichtigen. Schließlich öffnete sie die Wohnungstür – und erstarrte, noch ehe sie die Grußformel „Grüß Gott, meine Herrschaften. Was kann ich für Sie tun?“ über die Lippen brachte. Ihr hübscher sinnlicher Mund stand weit offen, ohne dass dem Reihen ihrer weißen gepflegten Zähne auch nur ein Wort entwichen wäre.

„Ich hoffe, ich störe nicht“, brummte Prinzregent Luitpold freundlich und lächelte in seinen langen, weißen Bart.

Dabei nahmen sein von Falten und Altersflecken übersätes Gesicht mit der hohen Stirn und seine alten wässrigen Augen einen liebenswürdigen, großväterlichen Ausdruck an. Dann nahm er die große schwarze Melone ab. „N-n-nein, n-nein, durchaus nicht, Königliche Hoheit“, stotterte Hannah. „Bitte, Königliche Hoheit. Treten Sie näher.“ Der Prinzregent, der einen tadellos sitzenden Gehrock trug und am Stock ging, machte eine Kopfbewegung, mit welcher er ein paar Leibwächtern gebot, die Wohnung vor ihm zu betreten. Ein paar finster dreinblickende Männer in schwarzen Anzügen mit schwarzen Hüten traten ein und verteilten sich im Atelier in der Absicht, die Wohnung zu sichern. Sie gingen herum, überprüften die Leinwände und Malutensilien auf Spuren eines möglichen Attentats, spähten sogar durch das große Atelierfenster, um die Fenster der gegenüberliegenden Atelierhäuser zu beobachten – und hielten inne, als aus dem Schlafzimmer plötzlich Rainalds Stimme rief: „Wer ist es denn?“ Mit einem Mal richteten sich alle Blicke auf Hannah, einschließlich der des alten Prinzregenten. „Das ist ‚nur‘ mein Mann, Königliche Hoheit“, erklärte Hannah, absichtlich so laut, um Rainald zu warnen. Dieser sprang sogleich aus dem Bett, zog sich hastig an und trat, noch schnell die Krawatte um den Vatermörderkragen bindend und die Weste des Anzugs zuknöpfend, aus dem Schlafzimmer und stellte sich neben seine Frau. Dann vollzog Hannah einen tiefen Knicks, Rainald eine tiefe Verbeugung, als der Prinzregent auf einen Stock gestützt, doch mit nach wie vor erhabener Haltung, die Atelierwohnung betrat. Als er an Rainald und Hannah vorbeigeschritten war, richteten sich die beiden wieder auf. Mit dem alten Monarchen waren sein Flügeladjutant, ein hoher Offizier in grüner Chevauleger-Uniform, ein weiterer Mann im dunklen Anzug mit Melone und Monokel im Auge, ein paar livrierte Mitarbeiter des Königlichen Hofmarschallamtes und zwei livrierte Leiblakaien eingetreten. Erwartungsvoll beobachteten Hannah und Rainald, wie der Prinzregent und seine Hofdelegation durch das Atelier schritten. Sie bewunderten die Bilder an den Wänden und auf den Staffeleien, lächelten und fachsimpelten. Der Flügeladjutant des Prinzregenten rückte die roten Ärmelaufschläge seines grünen, zweireihig geknöpften Uniformrocks zurecht, klemmte sich einen Kneifer auf die Nase und tauschte mit dem livrierten Mitarbeiter des Hofmarschallamtes bei der Betrachtung einiger romantischer Landschaftsbilder wohlwollende Blicke aus, nickten einander übereinstimmend zu. Ebenso taten es auch die anderen Gäste, Lakaien, selbst die Leibwächter, obgleich sie ihre Aufgabe nicht vergaßen und immer wieder aus dem großen Atelierfenster zu den gegenüberliegenden Häusern blickten.

Am meisten beeindruckt zeigte sich der Prinzregent. Der Mann im dunklen Anzug und der Melone mit dem Monokel im Auge, welcher mit ihm gemeinsam eines von Hannahs Gemälden betrachtete, war offenbar ein hoher Beamter bei Hof. Der Prinzregent lächelte leutselig in seinen langen weißen Vollbart und unterhielt sich recht lebhaft mit dem Monokelmann, der ebenfalls begeistert schien. Die beiden Männer blickten gemeinsam auf das Bild, nickten einander zu, schienen absolut einig zu sein.

Schließlich trat der Prinzregent mit kleinen gleichmäßigen Schritten, untermalt vom Takt der aufschlagenden Spazierstockspitze, auf Hannah und Rainald zu. Der Mann mit dem Monokel gesellte sich zu ihm. „Gnädige Frau!“, begann der alte Regent mit seiner gewohnt freundlichen, brummigen Stimme. „Darf ich Sie mit Geheimrat Prof. Dr. Carl-Otto von Leiningen bekannt machen?“ Der Mann mit dem Monokel nahm die Melone ab und küsste Hannah die Hand. „Sie erinnern sich vielleicht noch an mich“, begann er, „ich habe eines Ihrer Bilder während einer Ihrer Ausstellungen gekauft und habe es für korrekt erachtet, Seine Königliche Hoheit auf Ihr Talent aufmerksam zu machen.“ – „Und ich bin begeistert!“, mischte sich nun wieder der Prinzregent in das Gespräch ein. Der Ausdruck in Hannahs Gesicht verwandelte sich von Spannung in überglückliches Strahlen. Zunächst sah sie Rainald an – und dann fiel sie vor dem Prinzregenten auf die Knie. „Danke, Königliche Hoheit. Danke“, beteuerte sie und küsste seine raue, runzlige, arthritische Hand. „Ich danke Ew. Hoheit von ganzem Herzen.“

Einige Tage später ließ Geheimrat von Leiningen Hannah einen Vertrag unterzeichnen, in welchem ihr der Titel einer Königlich Bayerischen Hofmalerin verliehen wurde. So konnte sie sich – auch als Frau – zu jenen Künstlern – und wenigen Künstlerinnen – zählen, welche als Hofkünstler im Auftrag des Herrscherhauses ihre Werke schufen.

Einen ähnlichen Status hatten auch viele Unternehmen sämtlicher Branchen in München und Bayern, welche sich „Königlich Bayerische Hoflieferanten“ nennen durften.

Dazu gehörte auch die Verlagsbuchhandlung Fürst & Cohn, in welcher Siegfried arbeitete.

Dank der Beziehungen Prinzregent Luitpolds als aktiver Mäzen fanden die Hofkünstler für ihre Werke auch anderweitig jede Menge Käufer. Bald vermochte sich auch Hannah vor Aufträgen und Ausstellungen kaum zu retten. So malte sie und malte sie bald bis in die Nacht hinein, während Rainald für sein Studium schuftete.

Doch dann mussten die beiden eine Einschränkung zu ihrem Stress in Kauf nehmen.

Diese Einschränkung zwang die beiden Liebenden, kürzerzutreten. Hannah wurde schwanger. Doch die Situation barg – zunächst – kaum Tragik. Denn Hannah hatte mit ihrer Malerei Erfolg und verdiente Geld.

4. Kapitel

„Sie hat zu viel gearbeitet“, meinte Dr. Probst betreten, „Sie hätt’ sich halt mehr schonen müssen. Immer wieder hab’ ich sie g’warnt, dass sie sich in ihrem Zustand ned zu sehr überanstrengen soll.“ – „Ich weiß“, erwiderte Rainald, der noch geschockt war, „Ich habe es ihr auch immer wieder gesagt und hatte so gehofft, dass sie mein Anliegen beherzigt und sich und unser Kind …“ Er unterbrach sich und senkte den Blick. Es schmerzte ihn, dies offen auszusprechen, „… sich und unser Kind schont“, beendete er schließlich seinen Satz. Dr. Probst hörte ihm mitfühlend zu. „Aber sie hat es nicht getan“, fuhr Rainald fort, „Während ich auf der Universität war, hat sie weiter gemalt und gemalt, sich keine Pause gegönnt.“

In diesem Augenblick öffnete sich die Schlafzimmertür. Die beiden Männer traten auf die Seite. Die Hebamme trat aus dem Zimmer mit einem Bündel auf dem Arm, welches von einem blutverschmierten Handtuch umwickelt war. Rainald schloss bei diesem Anblick die tränenden Augen. Sein erstes Kind, von welchem er nicht einmal das Geschlecht kannte, endete nach fünf Monaten als Fötus in einem blutverschmierten Handtuch, welches die Hebamme einfach forttrug. «Für immer verloren», dachte Rainald zutiefst verzweifelt, als sich die Tür der Atelierwohnung sanft hinter ihr schloss.

Dr. Probst legte die Hand auf Rainalds Arm. „Kann ich noch irgendwas für euch tun?“, fragte er teilnahmsvoll. „Danke. Ich denke im Augenblick nicht“, antwortete Rainald. „Aber wenn’s irgendwas bracht’s, dann meld’s euch fei bei mir. Gell?“, legte der Arzt Rainald ans Herz. „Ja“, antwortete er, „Ja, das werden wir tun.“ Der Arzt nahm seine Melone, seinen Stock, seine Instrumententasche, ließ sich von Rainald noch in den Schulterkragenmantel helfen. „I bin jederzeit rund um die Uhr für Euch da“, versicherte Dr. Probst noch einmal und ließ sich von Rainald zur Tür geleiten.

Als Dr. Probst fort war, lehnte sich Rainald mit dem Rücken an die Tür und schlug mit seinem Hinterkopf dagegen, wobei er verzweifelt an die Decke blickte. Der kalte Oktoberwind wehte die bunten Blätter vor dem großen Atelierfenster umher.

Langsam begab sich Rainald in das gemeinsame Schlafzimmer. Hannah lag im Bett. Ihr ebenmäßiges Gesicht war blass und verhärmt. Sie schlief nicht, sondern hatte den Kopf auf die Seite gelegt. Ihr Blick war starr und leer. Schon aufgrund ihrer erschreckenden Blässe wirkte sie bereits wie tot. Rainald setzte sich auf die Bettkante und nahm ihre blasse, zarte, kalte, schlanke Hand. Sie wandte ihm ihr Gesicht zu und sah ihn an. Tränen liefen über ihre weichen, weißen Wangen. Rainald nahm ihre Hand, legte sie sich an seine eigene Wange. Dann ließ er sich, ihre Hand weiterhin haltend, mit dem Gesicht voran auf die Bettdecke sinken.

Indes hatten sich dunkle Wolken über der Stadt zusammengezogen, sodass der „Goldene Oktober“ des Jahres 1911 für einige Stunden verdrängt schien. An den Scheiben des großen Atelierfensters und des Schlafzimmerfensters rann in Bächen das Wasser des vom Wind gepeitschten Regens herunter, welcher so dicht fiel, dass die Lichter der gegenüberliegenden Schwabinger Atelierhäuser nur noch nebulös zu erkennen waren.

5. Kapitel

„Wann geht denn euer Zug?“, fragte Robin Shant und nahm einen Schluck Kaffee, als er mit seinem Sohn R.J. und seiner Schwiegertochter Consuela an jenem kühlen, doch sonnigen Frühlingstag im April des Jahres 1912 beim Frühstück saß, während die warmen Sonnenstrahlen durch das Zimmer fluteten. In kleinen, hohen Kinderstühlchen saßen die beiden Zwillingsgeschwister Dicky und Sheila und wurden von Consuela abwechselnd mit Babynahrung gefüttert, sodass ihre kleinen, winzigen Mäulchen und runden Bäckchen ständig verschmiert waren. R.J. holte seine goldene Sprungdeckeluhr aus der Westentasche, ließ den goldenen, mit einer kunstvollen Gravur versehenen Deckel aufspringen. „In etwa einer Stunde“, antwortete er. „Wir haben ausnahmsweise ein Beförderungsautomobil bestellt. Du weißt schon, eines von diesen öffentlichen Ein-bis-zwei-Personen-Verkehrsmitteln, die man Taxi nennt. Das geht schneller als mit einer Droschke.“ Robin Shant stützte die Ellbogen auf und faltete die Hände unter dem Kinn. „Armer Mr. Jenkins“, seufzte er. „Wer ist Mr. Jenkins?“, fragte Consuela und wischte den beiden Kindern immer wieder mit einer Serviette die Münder ab. „Das ist ein alter Droschkenkutscher, der hier seit fast 40 Jahren täglich Fahrgäste befördert. Er hat R.J. und seine Geschwister jeden Tag zur Schule gebracht. Ich frage mich, was der gute alte Jenkins tun wird, wenn diese neumodischen Höllenmaschinen, diese Automobile, auch die letzte Droschke, ach, was sag’ ich, das letzte Pferdefuhrwerk überhaupt, aus dem Straßenverkehr verdrängt haben.“ – „Ja“, meinte R.J., „es ist schon bedauerlich. In der heutigen Zeit geht der Fortschritt schon schnell vonstatten. Mr. Jenkins kann sich zur Ruhe setzen. Alt genug ist er. Und die nachrückenden Jüngeren können sich noch anpassen. Aber Fortschritt zerstört auch viele kulturelle und soziale Werte – und deshalb birgt er auch Gefahren – trotz aller Vorteile. Viele Menschen werden durch den Fortschritt arm, weil ihre Berufe wertlos geworden sind. Dann verlieren sie ihre Existenz – das kann doch unmöglich der Sinn der Sache sein.“ – „Es hat eben alles seine Sonnen- und Schattenseiten“, gab Consuela zu bedenken, „aber wie auch immer. Der Schatten trifft immer die Unschuldigen, die schwächsten Glieder der Gesellschaft. Dann gibt es nur eine Möglichkeit, sich einigermaßen wirksam vor dem Abstieg zu schützen.“ – „Und der wäre?“ – „Man arbeitet sich irgendwie nach oben und wird reich. Denn wer immer wieder Opfer von sozialen Ungerechtigkeiten wird, verliert irgendwann seinen Gerechtigkeitssinn.“ – „Tja“, warf nun wieder Robin ein, „der Fortschritt ist ein notwendiges Übel.“

In diesem Augenblick trat Sam, der Hausdiener afrikanischer Abstammung, in gestreifter Butlerweste, in das Esszimmer. „Madam, Sir“, sagte er zu R.J. und Consuela, „das Taxi wartet.“ – „Wir kommen sofort“, erwiderte R.J., legte die Serviette hin und stand gleichzeitig mit Consuela auf. „Lasst euch Zeit, Kinder“, gebot Robin mit einer beschwichtigenden Handbewegung. „Zeit?“, versetzte R.J. erstaunt, „Na, du machst mir Spaß.“ – „Keineswegs“, widersprach Robin schmunzelnd, „wenn du die Zeitung gelesen hättest, dann wüsstest du, dass die Titanic vom Kurs abgekommen und seit 48 Stunden verschollen ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie pünktlich im Hafen von New York ankommt, ist also sehr gering.“ – „Trotzdem“, meinte R.J., während Consuela nachsichtig lächelte, „was ist, wenn sie trotzdem früher als geplant einläuft – dann haben wir ein Weltereignis verpasst, das mindestens so bedeutend ist wie der Beginn der Olympischen Spiele in Stockholm nächsten Monat.“ Er wandte sich an den Hausdiener: „Sam. Bringen Sie bitte das Gepäck nach unten.“

„Ja, Sir.“

Die Molen und Anlegestellen im Hafen von New York waren überfüllt von Menschen.

Die gigantische Traube von Menschen erstreckte sich vom Hafen am Hudson River bis zum Hafen am East River. Sie erstreckte sich an den Häfen von Manhattan, der Bronx, Queens, Brooklyn, Staten Island, Long Beach. Mehrere 1000 Menschen waren in Massen herbeigeströmt, um an jenem 16. April des Jahres 1912 mitzuerleben, wie der große britische Passagierdampfer Titanic, welcher aufgrund seines Umfangs und modernster Schiffsbautechnik als „unsinkbar“ Ende Mai vergangenen Jahres in Belfast vom Stapel gelaufen war, in den Hafen einlief.

Eingekeilt zwischen unzähligen Männern und Frauen, die teilweise ihre Kinder auf den Armen trugen und auf ihren Schultern sitzen ließen, waren auch R.J. und Consuela Shant. R.J. hatte den kleinen Dicky auf den Schultern sitzen, der ständig an R.J.s Hut herumspielte, während Consuela die kleine Sheila auf dem Arm trug. Männer, Frauen und Kinder reckten die Köpfe und beobachteten das Hafenbecken. Das grau-blaue Wasser war ständig in leicht schäumender Bewegung. Passagier-, Fracht-, Fähr- und Containerschiffe dampften stampfend, doch zielstrebig das Wasser schneidend in alle Richtungen in den Hafen oder aufs offene Meer, von kleinen Lotsenbooten geleitet. Segelschiffe aller Typen, von der ebenso großen wie langen Fünfmastbark bis zur kleinen Einmastjolle, glitten majestätisch mit geblähten Segeln vorüber. Schiffssirenen dröhnten immer wieder. An den Frachthäfen wurden Schiffe be- und entladen, in den Trockendocks der Werften überholt – nur die Titanic kam nicht. Der Hafen von New York war erfüllt vom Lärm der täglichen Routine. Die modernen Wolkenkratzer der Stadt ragten in den wechselnd bewölkten Himmel. Zu ihren Füßen erstreckte sich der Hafen am Hudson- und East River.

Um Tumulte zu vermeiden, hielt die Polizei die Schaulustigen hinter Absperrungen. Ein gedämpft schnatterndes Wispern ging durch die endlosen Reihen der Schaulustigen. Herren in Anzügen mit Hüten und Schiebermützen, Damen mit breiten, verzierten Hüten, Kinder in Matrosenanzügen, Kriegs- und Handelsmarineoffiziere in schmucken Uniformen, Matrosen, Journalisten und Pressefotografen, die ihre Kameras bereithielten, sowie Hafenarbeiter in zerschlissenen Hemden und Latzhosen fragten durcheinander: „Wo bleibt die Titanic nur?“ – „Man sagt, sie sei vom Kurs abgekommen.“ – „Hoffentlich ist ihr nichts zugestoßen.“ – „Aber Jane. Die Titanic ist doch unsinkbar“, sagte ein Mann mit rundem, flachem Butterblumenstrohhut und Backenbart lachend zu seiner Frau. „Da kann ihr doch gar nichts zustoßen.“ – „Ich weiß nicht“, flüsterte Consuela ihrem Mann R.J. zu, der ihren Atem an seinem Ohr spürte, „ich habe ein sehr merkwürdiges Gefühl. Irgendetwas sagt mir, dass etwas nicht stimmt.“

In unmittelbarer Nähe befand sich eine Schulklasse mit ihrer Lehrerin. Da die Kinder noch sehr klein waren, hatte die Polizei einen Frachtcontainer aufgestellt und der Lehrerin mit ihren Schützlingen geholfen, darauf zu steigen. Die Kinder begannen ungeduldig zu murren und die Lehrerin, eine hübsche junge Frau, versuchte durch alle möglichen Strategien, die Kinder zu beruhigen. Schließlich ersann sie einen letzten Ausweg, dem Maulen Einhalt zu gebieten. „So, Kinder“, sagte sie schließlich, „wir rufen jetzt alle gemeinsam im Chor ‚Titanic komm! Titanic komm!‘“ Die Kinder taten, wie ihnen geheißen, und riefen unter den ärgerlichen Blicken einiger Leute: „Titanic komm! Titanic komm! Titanic komm!“ und immer wieder: „Titanic komm! Titanic komm!“ Die Lehrerin hoffte mit dieser Maßnahme, den Kindern die Langeweile der Wartezeit zu vertreiben.

Die Leute reckten die Köpfe, doch die Titanic kam nicht. „Was ist denn das?“, fragte R.J. plötzlich. „Seht mal! Ein Polizeiboot!“, rief ein alter Mann mit Schnauzbart und brauner Melone. „Es kommt direkt auf uns zu“, stellte ein junger Mann mit Schiebermütze fest. In der Tat. Eine kleine Dampfbarkasse fuhr an der kilometerlangen Mole entlang. Einige Polizisten waren an Bord, von denen einer mittels eines großen Metalltrichters eine Durchsage machte, die zunächst aus der Entfernung nicht zu verstehen war. Erst als das Boot, die Wellen schneidend, näher tuckerte, konnten auch die Shants von ihrer Position aus die schreckliche Nachricht verstehen. „Achtung! Achtung!“, hallte die Stimme des Hafenpolizisten durch den Metalltrichter, während die Leute starr und gespannt lauschten, „Hier spricht die Polizei! Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Seine Majestät Schiff Titanic in den frühen Morgenstunden des vergangenen Tages vor der kanadischen Küste gesunken ist!“ Ein entsetztes Raunen und Rufen ging durch die Menge der Schaulustigen. R.J. und seine Frau tauschten besorgte, entsetzte Blicke aus. „Über die näheren Umstände des Unglücks ist zur Stunde noch nichts bekannt!“ Das Polizeiboot fuhr weiter die Molen entlang, um die Meldung unablässig zu wiederholen: „Achtung! Achtung! Hier spricht die Polizei! Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen …!“ Das Boot fuhr weiter, die Stimme verlor sich unverständlich in der Ferne. Unter einigen Schaulustigen begann sich Panik und blankes Entsetzen auszubreiten. „Oh, mein Gott!“, rief eine alte Frau mit geweiteten Augen und legte ihre beiden, runzligen Hände auf den Mund, „Unsere Tochter, ihr Mann und unsere beiden Enkelkinder waren an Bord!“ Ihr vor Schreck fast erstarrter Mann nahm sie in die Arme. „Mein Mann und meine kleine Tochter waren an Bord!“, schrie eine junge Frau weinend. Männer und Frauen begannen, verzweifelt durcheinander zu schreien und zu weinen, ohnmächtig der quälenden Angst um ihre Angehörigen ausgeliefert. „Unser Sohn … unsere Tochter … meine Frau … mein Mann … mein Bruder … meine Schwester … unsere Eltern … unsere Kinder!“, war ständig zu vernehmen, dazwischen immer wieder Rufe: „Wie konnte das geschehen?“ – „Das kann nicht sein!“ – „Das darf nicht sein! Nein! Es ist nicht wahr!“ – „Was sollen wir nur tun?“

Die kleine Sheila verbarg ihr Gesichtchen auf der Schulter ihrer Mutter und begann verängstigt zu weinen. Auch der kleine Dicky begann plötzlich zu quengeln.

„Wir sollten besser gehen!“, flüsterte R.J. seiner Frau zu. Die Shants hatten das Glück, zu jenen Schaulustigen zu gehören, welche lediglich gekommen waren, um die Ankunft der H.M.S. Titanic zu erleben. Unter den US-Bürgern, welche sich als Passagiere an Bord des gesunkenen Luxusliners befunden hatten, befand sich kein Mitglied der Familie Shant. Doch sowohl die Shants als auch unzählige übrige Menschen, die nur gekommen waren, um zu sehen und zu staunen, zeigten aufrichtige Betroffenheit und Mitgefühl mit den Menschen, deren Freunde und Verwandte sich unter den mutmaßlichen Opfern der Katastrophe befanden.

Anhand der Berichte schockierter, traumatisierter, mit dem Schrecken davongekommener Überlebender wurde die schreckliche Wahrheit des Unglücks in der Weltpresse dargelegt: Am 11. April 1912 war der etwa 500 Meter lange und ca. 30 Meter breitebritische Luxusliner H.M.S. Titanic mit 1316 Passagieren und 890 Mann Besatzung von Südengland aus zu ihrer ersten – und letzten – Fahrt aufgebrochen. Diese Jungfernfahrt endete auf furchtbare Weise am 14. April gegen Mitternacht, als das Schiff, welches unter ungeklärten Umständen seine Route verfehlte, vor der Küste von Neufundland mit einem Eisberg kollidierte und an einer Seite fast 100 Meter aufgerissen wurde. Aufgrund der zu großen Entfernung anderer Schiffe und deren vakanter Funkstellen blieben Notrufsignale der Titanic ungehört. Auch der Mangel an Rettungsbooten an Bord des Dampfers verringerte unnötigerweise die Zahl der Überlebenden. Als der Koloss etwa zwei Stunden nach der Kollision in den schäumenden Fluten des eisigen Nordatlantiks sank, riss er 1503 Menschen, welche mit dem Mut der Verzweiflung um das nackte Überleben gekämpft hatten, unwiederbringlich in die unendliche dunkle und undurchdringliche Tiefe des Ozeans. Unter dem dunklen Nachthimmel schlugen für alle Zeiten die schäumenden Wellen zusammen über einem Massengrab.

675 Überlebende der Titanic wurden bei Sonnenaufgang vom britischen Passagierdampfer Carpathia an Bord genommen und am 18. April nach New York gebracht. Der Untergang der Titanic galt als eines der tragischsten Ereignisse in der Geschichte der britischen Handelsmarine und ging ein in die Geschichte der christlichen Seefahrt.

In den Jahren 1911 und 1912 zeigte sich in erschütternder Weise die Brüchigkeit der bestehenden politischen Ordnung in Europa. Eine der Ursachen bestand im üblichen Expansionsneid, welcher zwischen den europäischen Staaten bestand und welcher zugleich die Völker, welche seit Jahrhunderten unter Fremdherrschaft leben mussten, in ihrem Drang nach Autonomie bestärkte. Als vortreffliches Beispiel erwies sich in dieser Hinsicht wieder einmal der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. Der Nationalitätenkonflikt riss nicht ab. Weiterhin forderten die Tschechen die Umformung der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie in eine Österreichisch-Ungarisch-Tschechische Dreifachmonarchie. Doch Kaiser Franz Joseph verweigerte weiterhin seine Zustimmung bezüglich eines derartigen Ansinnens. Innerhalb beider Staaten, sowohl in Zisleithanien als auch in Transleithanien, tobten politische und ethnische Machtkämpfe. Deutsch-Österreicher fühlten sich den Slawen überlegen. Doch auch unter den Österreichern slawischer Herkunft herrschte nationaler Egoismus. Die Kroaten und Slowaken verachteten die Magyaren, die Magyaren hassten die Tschechen, die sich ihrerseits weigerten, Anweisungen aus Wien von „Deutschen und Juden“ entgegenzunehmen. Auf Parlamentssitzungen, Reichs- und Landtagen und anderen politischen Veranstaltungen traten immer wieder verbale Aggressionen unter Politikern, Parteien und Gruppierungen zutage, sodass die Veranstaltungen teilweise unter Androhung von Gewalt und sogar Anwendung militärischer Gewalt aufgelöst werden mussten.

Die hartnäckigste Bevölkerungsgruppe innerhalb des habsburgischen Vielvölkerstaates bildeten die Tschechen. An diesem Tatbestand hatte sich seit Jahrzehnten nichts geändert. Das Autonomiebestreben der Tschechen bzw. Böhmen hatte sich immer wieder in Form politischer Forderungen und sogar in kleineren Aufständen geäußert. Um seinen Vielvölkerstaat innerlich zusammenzuhalten, sah sich Kaiser Franz Joseph immer wieder vor die Entscheidung gestellt, entweder Zugeständnisse zu machen oder Maßnahmen gegen die Forderungen zu ergreifen.

Der Konflikt zwischen Wien und Prag geriet erneut in die Schlagzeilen der Weltpresse, als vom 5. Mai bis zum 22. Juli 1912 die V. Olympischen Spiele der Neuzeit in Stockholm ausgetragen wurden, was die Welt vom Schock über die Titanic-Katastrophe ablenkte. Bereits während der Eröffnungsfeier drohte ein Eklat. Die österreichischen Sportler böhmischer Herkunft forderten vom österreichischen Sportkomitee die Erlaubnis, separiert von der österreichisch-ungarischen Sportmannschaft als autonome böhmische Sportmannschaft während des Einmarsches der Nationen ins Stadion einmarschieren zu dürfen. Daraufhin legte das Österreichisch-Ungarische Sportkomitee Beschwerde beim Internationalen Olympischen Komitee, genannt IOC, ein. Der amtierende IOC-Präsident Pierre de Coubertin trachtete danach, eine Eskalation der Auseinandersetzung und einen damit verbundenen internationalen Skandal zu vermeiden. So legte er die Angelegenheit mit einem Modus vivendi bei. Zwar mussten die Tschechen als formell österreichische Staatsbürger mit der österreichisch-ungarischen Mannschaft unter österreichischer Flagge in das Stadion marschieren, erhielten jedoch das Recht, das böhmische Wappen auf einem kleineren Schild mitzuführen sowie auf einem kleinen Wimpel bei der Siegerehrung. Eine ähnliche Regelung traf das IOC auch für Finnland. Das Großfürstentum befand sich seit 1809 in einer Personalunion mit Russland, jedoch ohne formell angegliedert zu sein. Auch die finnischen Sportler forderten, selbstständig, mit einem eigenen Ländernamenschild in das Stockholmer Stadion einmarschieren zu dürfen, mussten jedoch nach dem Urteil des IOC als „Russen“ mit der russischen Sportmannschaft am Einmarsch der Nationen teilnehmen.

Von diesen diplomatischen Zwischenfällen abgesehen verliefen die Spiele von Stockholm reibungslos. Was die Olympiade in der übrigen Welt zusätzlich anziehend machte, bestand in einigen Neuheiten: Mehr Athleten als je zuvor nahmen an den Spielen von Stockholm teil. Unter ihnen breitete sich – auch seitens des IOC – die Gleichberechtigung der Frauen mehr und mehr aus. Im Jahr 1900 durften erstmals Tennisspielerinnen an der Olympiade in Paris teilnehmen. In Stockholm bestritten nun erstmalig schlanke wohlgebaute Schwimmerinnen die Wettkämpfe gemeinsam mit ihren männlichen Kameraden.

Eine weitere Neuheit bestand in der Aufnahme des Reitsports in die olympischen Disziplinen. Neu eingeführt wurde auch der Fünfkampf, den sich IOC-Präsident Pierre de Coubertin selbst erdacht hatte.

Einen wichtigen Beitrag bezüglich der Ausrichtung der Spiele von Stockholm leistete der schwedische König Gustav V. Adolf. Der seit fünf Jahren regierende Monarch hatte für die olympischen Bauten ein Privatgrundstück zur Verfügung gestellt.

Während die Welt nach Stockholm blickte und die Zeitungen ebenso wie Lichtspielvorführungen bezüglich der Sportwettkämpfe auch in der bayerischen Landeshauptstadt nahezu verschlang, beobachtete Helena die Entwicklung ihres kleinen Sohnes Rudolf mit gemischten Gefühlen. Der Junge war drei Jahre alt. Unmittelbar nach seiner denkwürdigen Geburt im elterlichen Automobil auf der Maximilianstraße hatte er aus voller Kehle geschrien. Von Kindern, welche unmittelbar nach der Entbindung schrien, behauptete der Volksmund, dass sie später einmal besonders robust würden. Doch Helena, die ihr erstgeborenes Söhnchen abgöttisch liebte, hegte Zweifel. Der kleine Junge hatte die Sensibilität seiner Mutter geerbt. Es war nur natürlich, dass er das übernahm, was ihm seine einzige Bezugsperson gab. Dennoch war das Kind in sich gekehrt und fast immer mit sich alleine. Es spielte nie mit anderen Kindern. Und der jüngere Bruder Gerald war noch sehr klein, lag noch im Kinderwagen.

Doch was Helena sehr überraschte und auch freute, war die Tatsache, dass Rudolf schon im Alter von drei Jahren Vorliebe und Talent im Zeichnen entwickelte.

Helena gab dem kleinen Rudolf all ihre Liebe und Zuwendung. Aus dem Gefühl des liebenden Mutterinstinkts heraus wollte und musste sie einen Gegenpol zu ihrem Mann bilden, mit welchem sie ihrem Söhnchen Halt geben wollte. Denn Friedhelm Thanner hatte für den kleinen Rudolf nur Ablehnung und Verachtung übrig, was auch daher rührte, dass er durch seine Spielleidenschaft, welche nach wie vor anhielt, von Helenas ebenso finanzkräftigem wie zahlungsbereitem Vater in eine Rolle als Vater eines Kindes hineingepresst worden war, das nicht seines war.

Den kleinen Gerald, der knapp ein Jahr alt war, liebte er. Er nahm ihn oft aus der Wiege, trug ihn herum, verwöhnte ihn, brachte ihm Spielzeug mit, vorwiegend Kriegsspielzeug. Für den kleinen Rudolf hatte er weder ein gutes Wort noch ein Geschenk. Er hielt es nicht einmal für nötig, ihm über den Kopf zu streicheln. Stattdessen beschimpfte und tadelte er den Jungen, wo er nur konnte. Bei kleinsten – für Kinder seines Alters typischen – Missgeschicken bekam Klein-Rudolf vorgehalten, dass er nie etwas richtig zu machen verstand, dass er ein Versager sei. Hierbei war ein verschüttetes Glas Milch als Anlass bereits absolut ausreichend. Die Tatsache, dass Rudolf mit seinen drei Jahren noch recht unsicher auf seinen Beinen watschelte, nahm Friedhelm Thanner zum Anlass, ihn zu verspotten. Selbst vor geladenen Gästen demütigte er das Kind.

Der einzige Halt, den Rudolf hatte, war seine Mutter Helena, die trotz ihres als Ehe ausgewiesenen Daseins, welches sie an Friedhelm Thanners Seite fristete, immer für Rudolf da war. Denn Rudolf war der einzige Halt, den sie hatte in ihrem Leben. Dadurch vernachlässigte sie ihren zweiten Sohn Gerald, der hingegen die ganze Liebe ihres Mannes besaß. Und Friedhelm begann sich bezüglich seiner Demütigungen gegenüber Rudolf mehr und mehr darauf zu verlegen, Gerald als den „Besseren“ hinzustellen, der es einmal weit bringen würde und viel klüger und stärker sei als Rudolf, der sich doch gefälligst ein Beispiel an seinem jüngeren Bruder nehmen sollte. Es war Helenas Mutterliebe, die Rudolf davor bewahrte, mit einer kranken Seele heranzuwachsen. Vergeblich buhlte der kleine sensible Rudolf um die Liebe und Zuwendung seines Vaters. Wenn Friedhelm Thanner im Zimmer stand, blickte der kleine Junge zu ihm auf, doch der Ziehvater beachtete ihn nicht. Der Junge zupfte ihm am roten Ärmelaufschlag der grünen Chevauleger-Uniform, die er fast immer trug, selbst wenn er an seinem Schreibtisch im Arbeitszimmer saß. „Was willst du? Mach, dass du wegkommst!“ Wenn Friedhelm aufstand und ging, lief der Junge ihm nach, so schnell ihn seine noch kleinen unsicheren Beine tragen konnten. Friedhelm drehte sich um und verscheuchte den Jungen in seiner gewohnt cholerischen Art. „Scher’ dich weg! Du verweichlichter Nichtsnutz! Hau ab!“ Dann begab er sich, ohne auch nur einen weiteren Gedanken zu verschwenden, in die Militärakademie – oder ins Offizierskasino, um zu spielen, ermöglicht durch die Bequemlichkeit eines spendablen Schwiegervaters, der weiterhin die Spielsucht seines Schwiegersohnes finanzierte, um die makellose Fassade eines jahrhundertealten Familiengeschlechts aufrechtzuerhalten.