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Lisa Adams ist das drittälteste von insgesamt fünf Kindern der Familie Adams. Sie arbeitet als Assistentin in einer Rechtsanwaltskanzlei und ist nebenbei in ihren Chef verliebt. Sie ist aber eine Frau mit Prinzipien. Mit dem Chef einlassen? Kommt nicht in Frage. Oder doch? Dirk Kovac ist Rechtsanwalt und Lisas Chef. An der Uni wurde ihm das Herz gebrochen. Seitdem konzentriert er sich auf seine Arbeit. Seine hübsche Assistentin, die er bereits als 12-Jährige kennengelernt hat, geht ihm aber als Frau unter die Haut. Gibt er den aufsteigenden Gefühlen eine Chance und untergräbt Lisas Prinzipien? Oder sitzt der Herzschmerz so tief, dass auch wahre Gefühle keine Chance haben.
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Seitenzahl: 230
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Evanda Klug
Liebe ist...
sich zu vertrauen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog:
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Kapitel 87
Epilog:
Impressum neobooks
Liebe ist…
sich zu vertrauen!
Dirk und Lisa
Für Ernst und Dina
...weil ihr mich unterstützt und an mich geglaubt habt!
Ich weiß nicht, was ich mehr fürchte, die Einsamkeit, die vor verletzten Gefühlen und einem gebrochenen Herzen schützt, oder die Liebe, die viel zu oft mit Schmerz und schlussendlich dann doch mit einem gebrochenen Herzen einhergeht! Wahre Liebe habe ich noch nie erfahren, Einsamkeit schon.
Lisa Adams
Mir wurde schon einmal das Herz gebrochen, als ich es mir gestattete, eine Frau zu lieben. Ich will diesen Schmerz nie wieder fühlen. Lieber bleibe ich alleine.
Dirk Kovacs
18 Jahre zuvor:
„Hey kleine Schwester, was machst Du hier?“
Ich schaue nicht auf, als mein großer Bruder Stefan in die Küche kommt. Ich muss mich schließlich auf meine Arbeit konzentrieren. Ein Lächeln kann ich mir allerdings nicht verkneifen. Ich liebe meine ganze Familie – meistens jedenfalls. Stefan aber ganz besonders, er ist einfach toll. Obwohl er 8 Jahre älter ist, kann ich mich immer an ihn wenden, wenn ich ein Problem habe.
„Hallo, ich versuche die leckeren Schokocrossies nach Mom´s Rezept zu machen, sieht man doch.“
„Ach ja? Für mich sieht es so aus, als ob Du in einem viel zu großen Topf irgendeine undefinierbare Pampe zusammenrührst!“
Er schnappt mich und wirbelt mich durch die Küche. Ich quietsche vor Lachen. Es macht Spaß, mit Stefan rumzualbern. Aber jetzt muss ich mich doch konzentrieren.
„Lass mich runter, sonst wird mir noch schlecht und meine Schokocrossies brennen an. Ich muss doch ständig rühren, hat Mom gesagt.“
Er stellt mich wieder auf meinen Hocker, auf dem ich vor dem Herd stehe, um überhaupt in den Topf sehen zu können, und ich rühre meine Masse fleißig weiter.
„Dirk, das ist meine kleine Schwester Lisa.“
Bis jetzt habe ich gar nicht bemerkt, dass Stefan nicht alleine gekommen ist. Jetzt schaue ich doch noch hoch und sehe einen Jungen, der mich frech angrinst. Ich starre ihn an. Ich habe noch nie so schöne Augen gesehen. Ein strahlendes blau und seine Haare schwarz wie Kohle.
„Hey kleine Schwester, vergiss das Rühren nicht, oder wie war das?“, macht sich Stefan über mich lustig. Ich senke augenblicklich meinen Blick und rühre, ohne ein Wort zu sagen, einfach weiter. Außerdem korrigiere ich meine Meinung über Stefan von toller Bruder zu Blödmann. Dass er mich beim Starren erwischt hat ist schon schlimm, aber dass er das auch noch laut kundgeben muss, das ist nur peinlich. Normalerweise ist das nicht seine Art.
„Hallo Lisa, schön, Dich kennenzulernen. Ich würde mich freuen, wenn ich später von Deinen Schokocrossies probieren dürfte!“, sagt Stefans Freund und ich starre wieder in diese blauen Augen. Beinahe falle ich von meinem Hocker, daher senke ich meinen Blick schnell wieder und rühre weiter. Er will meine Schokocrossies probieren. Soeben habe ich mich das erste Mal verliebt, und zwar in den Freund meines Bruders.
Verlegen sage ich: „Vielleicht, sie müssen ja erst noch gelingen!“
„Außerdem, bleibt nichts übrig, wenn ich sie in die Finger bekomme und sie so schmecken, wie Mom´s.“, sagt Stefan und gibt mir zum Abschied einen Kuss auf die Stirn und schon bin ich mit meinem Topf wieder allein in der Küche und starre den beiden nach.
„Mist, verdammter, wie konnten wir das nur übersehen?!“ Die wütenden Worte meines Vorgesetzten, als er von der Verhandlung ins Büro kam, hängen mir immer noch nach. Und da ich inzwischen gelernt habe, zwischen den Zeilen zu lesen, weiß ich auch, dass er eigentlich meinte: Wie konnte ich, Lisa Adams, das nur übersehen!
Tja, ich kann die Frage immer noch nicht beantworten und dabei brüte ich schon geraume Zeit bei meinem, nun ich glaube, fünften Bier darüber nach, was mir entgangen ist. Nein, die Frage ist nicht was, die Frage ist, wie ich quasi einen vor mir tanzenden riesigen Elefanten im rosa Tutu nur habe nicht sehen können. Nun gut, das rosa Tutu ist vielleicht etwas übertrieben und melodramatisch, und vielleicht bin ich gerade auch nicht wirklich objektiv aber nun zum Anfang.
Ich bin Lisa Adams, 30 Jahre alt, wobei noch nicht ganz, erst in drei Wochen, aber wer will schon so kleinlich sein, wenn er, in diesem Fall ich selbst, sich gerade erfolgreich bemitleidet. Da kann man doch die ganze Packung Elend auf einmal mitnehmen. Also, ich, Lisa Adams, 30, suhle mich gerade in meiner Lieblings-After-Work-Kneipe im Selbstmitleid und versuche, mich zu betrinken. Was aktuell sehr erfolgsversprechend erscheint. Mache ich normalerweise nicht, da ich nichts von Kontrollverlust halte, aber heute ist das auch schon egal. Ich habe Dirk, meinen Chef, enttäuscht und dabei war ich bisher so stolz auf unsere bemerkenswert gute Zusammenarbeit. Gut es ist mir nicht gerade schwergefallen, da er nicht nur ein sehr gut aussehender, sondern auch ansonsten toller Mann ist. Seine Nähe, auch wenn natürlich nur auf absolut professioneller Arbeitsebene, hat jede Überstunde wettgemacht.
Dirk Kovacs, 38, Rechtsanwalt, ist also mein überaus attraktiver Chef und absoluter Workaholic. Und er hat seinen ersten Fall verloren, weil ich nicht aufgepasst habe. Nun gut, verloren ist vielleicht auch etwas übertrieben, aber die erste Runde ist durch mich an den Staatsanwalt gegangen. Ich hätte einfach merken müssen, dass die Gutachten zum Tathergang nicht mit den Aussagen unseres Mandanten übereinstimmen. Aber ich habe es nicht gesehen. Ich habe diese doofen Gutachten nur quergelesen. Die sind aber auch immer so unendlich lange und kommen einfach nicht auf den Punkt. Scheiße, ich brauche noch mehr Bier. Wodka oder Whisky würden den Prozess zwar beschleunigen, aber ich kriege den Scheiß einfach nicht runter. Also muss einfach mehr Bier her.
„Hey Lisa!“, höre ich gerade noch, bevor ich die Bierflasche an den Mund setze, einen großen Schluck nehme und mich prompt verschlucke. Hustend kralle ich mich an die Theke. Vielleicht war es doch keine so gute Idee mit dem Bier. Jetzt beginnt sich irgendwie alles zu drehen. Ich beiße mir auf die Unterlippe, um einigermaßen wieder klarzukommen. Tut weh, hilft aber.
Langsam drehe ich mich um, damit ich sehen kann, wem ich meinen Beinahe-Tod durch Ersticken verdanke. Mist, ich bin anscheinend doch schon so betrunken, dass ich noch nicht mal mehr die Stimme von meinem Boss erkenne. Nur schade, dass meine Augen noch so gut funktionieren. So ein Mist! Mist! Mist!
„Ähm, hallo Herr Kovacs.“, bringe ich gerade noch heraus, in der Hoffnung, dass meine Zunge mich jetzt nicht im Stich lässt.
„Sind Sie betrunken?“, fragt er mich mit einem Ausdruck in den Augen, den ich nicht ganz zuordnen kann. Besorgt? Amüsiert? Man, bin ich breit, wie ist das jetzt so schnell passiert. Gerade war ich doch noch nüchtern und wollte mehr Bier. Ich beschließe, nicht zu antworten, nur kurz zu lächeln und zu nicken, bevor ich mich noch völlig blamiere. Das ist sowas von peinlich. Was macht er überhaupt hier? Das ist meine Kneipe und es ist mein Mitleid, er hat kein Recht, hier reinzuplatzen. Irgendwie werde ich gerade ziemlich wütend. So ein Mist, jetzt also auch noch Stimmungsschwankungen, na das kann ja heiter werden.
„Sie machen sich zu viele Gedanken. Die Sache ist einfach dumm gelaufen. Ich habe mit Herrn Schuster das weitere Vorgehen bereits besprochen. Wir kriegen das alles wieder hin. Und es tut mir leid, dass ich vorhin so wütend war. Ich war nicht wütend auf Sie. Ich war und bin immer noch wütend auf Schuster.“, sagt er und schaut mich voller Mitleid oder was auch immer, jedenfalls irgendwie komisch, an. Ich schaue weg, ich kann ihm gerade nicht in die Augen sehen. Das ist in meinem Zustand nicht gut. Seine verboten gutaussehenden blauen Augen, ich könnte mich immer in sie hineinstürzen, wie ins offene Meer. Oh Man, ich muss hier schleunigst weg. Heute ist kein guter Tag für mich und schon gar nicht für das hier. Ich kann jetzt nicht rational denken und erst recht keinen anständigen Satz formulieren. Und normalerweise bin ich eine rational denkende Frau. Jawohl! Und in den seltenen Momenten, wenn es mal nicht so ist, dann will ich gefälligst alleine sein. Das ist so ungerecht.
„Ich sollte nach Hause gehen.“, lalle ich vor mich hin.
„Ich bringe Sie nach Hause.“, sagt er, als ich mich an den Barkeeper wende und winke.
„Nein!“ Mist, das war jetzt vielleicht doch etwas laut. Erschrocken von mir selbst blicke ich den Barkeeper an und er schaut etwas irritiert zurück. Jetzt wünsche ich mir ein Schwarzes Loch herbei, welches mich unverzüglich verschluckt.
„Keine Widerrede. Sie sind betrunken und ich will nicht, dass Ihnen noch etwas passiert!“, sagt mein Boss in diesem strengen Tonfall, den ich schon kenne. Hier sind Einwände sinnlos, habe ich in der Vergangenheit schon ausprobiert und bin jedes Mal aufs Neue gescheitert. Man muss wissen, wann die Schlacht verloren ist, denke ich bei mir im Stillen und oh Man, ich bin so richtig am Arsch.
„Also gut!“, sage ich laut. Dabei schaue ich ihn bitterböse an. Jedenfalls hoffe ich, dass ich den „Ich könnte Dich gerade töten“-Blick, so gut es eben in meinem Zustand geht, hinbekomme. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, versage ich kläglich dabei.
Ich zahle meine Zeche bzw. ich versuche es, er ist schneller. Gerade könnte ich tatsächlich einen Mord begehen. „Ich kann meine Getränke immer noch selbst bezahlen!“, keife ich. Und werde sogleich noch wütender, weil er einfach nur grinst. Oh mein Gott! Mein Chef grinst nie!!! Nie!! Was soll das?
Ich nehme mir vor, das morgen zu analysieren. Heute bin ich dazu nicht mehr in der Lage. Nur gut, dass „Heute“ Freitag ist. Dann habe ich wenigstens das ganze Wochenende Zeit, mir eine gute Strategie zur Wiederherstellung meines Rufes am Montag zu überlegen.
„Na dann mal los!“, sagt er und nimmt meinen Arm. Man, ist das peinlich. Ich komme mir vor, wie ein kleines Kind. Warum kann sich jetzt nicht einfach der Boden auftun und mich verschlucken? Wo ist das Schwarze Loch, wenn man es mal braucht? Aber nein, das wäre ja auch zu einfach und ich bin wohl zu etwas Höherem bestimmt. Gottes Wege sind unergründlich, denke ich und begebe mich in mein Schicksal. Ich folge Dirk ohne ein Wort.
Ich wohne nur ein paar Straßen weiter in einem Mehrfamilienhaus. Meine Wohnung ist im zweiten Stock. Außer mir wohnen in dem Haus nur Frauen, Paare und natürlich Frank aus der Wohnung im Erdgeschoss. Aber Frank, so süß er auch ist, ist stockschwul und das ist gut so. Meint er zumindest. Ich finde es ist und bleibt eine Schande für die Frauen dieser Welt.
Obwohl meine Wohnung nicht weit weg ist, führt mich Dirk zu seinem Auto. Schweigend steige ich ein, als er mir die Beifahrertür aufhält. Er macht sie wieder zu und geht um den Wagen zur Fahrerseite. Dann steigt er ein und startet den Motor. Wir schweigen weiter. Ich wüsste auch gerade nicht, was ich sagen sollte.
An meinem Wohnhaus hält er an. Bevor ich überhaupt darüber nachdenken kann, die Wagentür aufzumachen, ist er schon da und hält sie für mich auf. Er bringt mich an die Haustür, ganz Gentleman. Ich hasse ihn. Warum muss er ausgerechnet dann auftauchen, wenn ich meinen Tiefpunkt erreicht habe. Na ja, ich hasse ihn heute. Morgen werde ich ihn wohl schon weniger hassen. Ich muss kichern. Gott ist das peinlich. Nur gut, dass er meine Gedanken nicht lesen kann.
„Schlafen Sie gut und denken Sie nicht mehr darüber nach. Wir setzen uns am Montag zusammen und überlegen uns die beste Strategie.“, sagt er und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Ich hyperventiliere und schaue ihn erschrocken an. Im nächsten Moment bin ich schon im Hausflur und flüchte in meine Wohnung. Was war das denn??
Ich erwache am nächsten Morgen und, oh mein Gott, mein Kopf ist ein einziger Schmerz und ich habe Durst. Noch nie habe ich solch einen Durst verspürt. Ich vertrage aber auch gar nichts! Das war doch nur Bier, verfluchter Mist. Ich wusste, dass das keine gute Idee war. Aber das hilft mir jetzt auch nicht. Wo zum Geier sind nur die verdammten Kopfschmerztabletten und wenn wir schon dabei sind, wo ist die verdammte Sonnenbrille? Wo ist der verfluchte Wasserhahn?
Zwei Stunden, zwei Schmerztabletten und mindestens zwei Liter Wasser später setze ich die Sonnenbrille ab und versuche aufzustehen. Ich muss etwas essen. Wie war das nochmal, was sollte man bei einem Riesenkater essen? Salz? Heringe? Egal, ich schaue, was der Kühlschrank hergibt. Das ist leider nicht viel. So ein Mist, ich muss noch einkaufen. Also gut, für den Anfang muss Instantbrühe ausreichen. Die habe ich, Gott sei Dank, immer im Haus.
Ich versuche gerade, den ersten Schluck der noch heißen Brühe zu trinken, als es an meiner Haustür klingelt. Ich gehe kurz in mich, wen habe ich vergessen? Bin ich heute verabredet? Wie spät ist es eigentlich?
Es ist 12 Uhr. An eine Verabredung kann ich mich immer noch nicht erinnern, da klingelt es erneut. So ein Mist. Ich bin unpässlich. Egal wer es ist, ich bin nicht da.
Leider ist mein Besucher nicht sehr einsichtig. Als es zum gefühlt tausendsten Mal klingelt, mir der Kopf quasi schon mehrfach geplatzt ist, gebe ich den Kampf gegen die Klingel auf und schleppe mich an die Gegensprechanlage.
„Ja, bitte?“, krächze ich.
„Lisa mach endlich auf, hier ist Deine Mutter!“ Die Worte meiner Mutter reichen aus, um meinen Puls in bedenkliche Höhen vorschnellen zu lassen und meinen Adrenalinpegel auf den Gipfel des Mont Everest zu katapultieren. Und plötzlich bin ich wieder unter den Lebenden. Fragt sich nur wie lange dieser Zustand anhält. Aber darüber kann ich mir später Gedanken machen. Zunächst eine kurze Bestandsaufnahme. Was habe ich mit meiner Mutter ausgemacht? Wieso ist sie hier? Egal, ich weiß es einfach nicht. Ich mache auf und begebe mich in mein Schicksal. Das nicht lange auf sich warten lässt.
„Du meine Güte, was ist mit Dir passiert? Nur gut, dass ich in der Nähe war und Dir etwas von meiner Hühnersuppe vorbeibringen wollte. Du siehst aber gar nicht gut aus. Kind, was hast Du denn? Eine Lebensmittelvergiftung? Vielleicht sollten wir zum Arzt?“ Bevor meine Mutter noch den Notarzt anrufen kann, sage ich nur: „Ich habe Gestern lediglich meine Trinkfestigkeit getestet und, wie Du sehen kannst, ist es nicht gut ausgegangen.“
Meine Mutter starrt mich nur an. Nach einer gefühlten Ewigkeit sagt sie schließlich: „Ich habe Dich für vernünftiger gehalten Lisa. Das ist nicht meine Erziehung.“ Und schon geht sie in meine Küche. Leicht eingeschüchtert folge ich ihr.
„Wir haben einen Fall verloren und ich bin schuld.“, sage ich leise.
„Das ist doch Unsinn. Dirk hat mich heute angerufen und erzählt, dass es Dir nicht gut geht. Allerdings hätte ich nicht damit gerechnet!“ Sie zeigt auf mich, redet aber gleich weiter: „Und er hat gesagt, dass Du nicht schuld an der Niederlage bist.“
Ich bin sprachlos. Was hat meine Mutter da gerade gesagt? Dirk? Seit wann duzen sich mein Chef und meine Mutter? Erneute Bestandsaufnahme. Was habe ich übersehen? Mist! Habe ich denn gar nichts mehr im Griff?
„Guck nicht so schockiert. Ich habe ihn vor einiger Zeit angerufen und zu Deiner Geburtstagsfeier eingeladen. Schließlich wird man nicht alle Tage 30. Und Du arbeitest seit fast 10 Jahren für die Kanzlei seines Vaters und seit 5 Jahren für Dirk. Außerdem ist er seit Jahren mit Stefan befreundet, wenn Du Dich erinnerst. Damit gehört er quasi zur Familie!“
Ich bin immer noch sprachlos. Memo an mich: Nie wieder Alkohol. Ja, das muss an meinem Zustand liegen. Ich kapiere gerade gar nichts mehr.
„Mom, ich bin etwas angeschlagen. Könnten wir dieses Gespräch ein andermal führen?“, frage ich sie vorsichtig. Ich kenne meine Mutter leider nur zu gut. Wenn sie etwas loswerden will, dann wird sie es los. Aber hoffen kann man ja.
„Für Deinen Zustand bist Du selbst verantwortlich. Aber ich werde gnädig sein und Dir jetzt etwas Anständiges zum Essen machen, und zwar meine Hühnersuppe. Du hast, wie ich Dich kenne, sowieso nichts Essbares im Haus. Und dann gehen wir erst einmal einkaufen. Wie ich richtig vermute, hast Du darauf mal wieder großzügig verzichtet. In Deinem Kühlschrank ist gähnende Leere, wofür hast Du den überhaupt?“
„Es gibt hier einen sehr guten Lieferservice.“, entgegne ich und überhöre den Vorwurf. So kampflos gebe ich nicht auf.
Oh, oh, das war nicht gut. Meine Mutter schweigt und schaut mich an. Diesen Blick kenne ich. Als kleines Mädchen wusste ich sofort, dass ich was ausgefressen habe, wenn sie mich so angeschaut hat. Das heißt: zurückrudern, um zu überleben.
„Du hast ja Recht. Ich bin einfach nicht dazu gekommen. Eigentlich wollte ich heute einkaufen gehen. Ich fühle mich nur nicht so gut.“, versuche ich, zu schlichten.
Sie schweigt immer noch.
„Also gut, wir gehen einkaufen. Gib mir nur noch etwas Zeit, um mich zu sammeln.“, brabble ich vor mich hin.
„Das ist mein Mädchen. So, jetzt ab ins Bad und mach Dich ausgehfertig. Ich mache Dir inzwischen die Suppe warm.“
Und schon flüchte ich ins Bad.
Oh mein Gott, wann bin ich wieder zu der Fünfjährigen geworden, die sich vor ihrer eigenen Mutter fürchtet? Man, heute geht es mir wirklich schlecht.
„Was machst Du denn hier im Büro an einem Samstagvormittag, Bruderherz? Du weißt doch noch, wie man Leben schreibt?? Komm schon, das ist nicht gesund!“ Meine Schwester Loreley marschiert in mein Büro und schaut mich besorgt an.
„Ich denke gerade über den Fall Schuster nach. Wir haben die erste Verhandlung Gestern vergeigt und Lisa macht sich schwere Vorwürfe. Dabei kann sie nichts dafür.“, entgegne ich nur.
„Schuster, lass mich mal kurz nachdenken. Ah ich weiß! Da habe ich Gestern in meinem Meeting etwas mitbekommen. Das hätte doch jedem passieren können. Ihr könnt doch nicht in den Mandanten hineinsehen und wenn er euch nicht alles offenlegt, tja, dann passieren dumme Dinge. Und Lisa macht sich echt Vorwürfe?“, fragt Loreley.
„Du hättest sie Gestern sehen sollen. Ich habe sie aus dieser komischen Bar rausgeholt, wo sie ab und zu nach der Arbeit hingeht. Sie war völlig hinüber.“ Bei der Erinnerung an gestern Nacht muss ich lachen. Lisa war nicht nur völlig hinüber, sondern auch und vor allem absolut bezaubernd. Sie weiß nicht, dass sie diese Wirkung auf mich hat und zum Teufel, sie sollte es auch nie erfahren. Aber es fällt mir immer schwerer, dieser Frau zu widerstehen. Sie ist klug, schön und absolut umwerfend, sowohl von außen als auch von innen. Und das ist selten und unheimlich wertvoll.
„Du magst sie, was?“, holt mich meine Schwester aus meinen Gedanken.
„Wer mag Lisa nicht? Sie ist ein toller Mensch und eine ausgezeichnete Assistentin.“, sage ich, obwohl ich weiß, dass Loreley nicht dieses Mögen gemeint hat.
„Na, wenn Du meinst. Es würde die Sache wesentlich einfacher machen, wenn ihr endlich zusammenkommt. Dann hättest Du vielleicht auch wieder ein Leben und ihr würdet nicht so umeinander herumschleichen!“, wirft Loreley ein und geht.
Nein, einfach ist hier gar nichts. Lisa ist meine Angestellte. Sie war schon in der Kanzlei als mein Vater noch praktiziert hat und als ich vor fünf Jahren übernommen habe, wurde sie meine Assistentin. Gott, ich muss nur an sie denken und schon wird meine Hose zu eng. Verflucht, ich muss mich konzentrieren. In drei Wochen stehe ich ihrer gesamten Familie wieder gegenüber - auf ihrer Geburtstagsfeier. Da kann ich keine Härte-Fälle gebrauchen.
Das letzte Mal, als ich bei den Adams war, ist eine Ewigkeit her und hatte mit Lisa nichts zu tun. Eigentlich bin ich mit ihrem Bruder Stefan seit einer Ewigkeit befreundet. Ich kann mich dennoch genau daran erinnern, als ich sie das erste Mal gesehen habe. Sie hat irgendetwas nachzukochen versucht und sah einfach nur süß aus. Sie war damals noch ein Kind, ich glaube zwölf. Der Kontakt zu Stefan ist nie abgebrochen und hält bis heute, er ist mir ein guter Freund. Da ich aber selten bei Stefan zu Hause war, habe ich Lisa aus den Augen verloren. Erst als ich nach dem Studium und etlichen Tätigkeiten in anderen Kanzleien in das Anwaltsbüro meines Vaters eingestiegen bin, habe ich sie wiedergesehen. Ich wusste sofort, wer da vor mir steht. Diese grünen Augen hätte ich überall wiedererkannt. Natürlich ist sie auch kein Kind mehr. Und wie sie kein Kind mehr ist. Aber verdammt, ich schweife wieder ab.
Der Fall Schuster. Eigentlich nicht kompliziert. Und doch eine einzige Katastrophe. Wenn dieser Mistkerl nicht schon Mandant bei meinem Vater gewesen wäre, hätte ich die Verteidigung abgelehnt. Irgendetwas störte mich von Anfang an sowohl an dem Fall als auch an Schuster selbst. Und das hat weniger damit zu tun, dass er bei jeder Gelegenheit Lisa anmacht, obwohl er verheiratet ist und nebenbei noch Lisas Vater sein könnte. Dieses Verhalten passt einfach nicht zu seinem Saubermannimage. Aber halt, Gedankenstopp. Zurück zum eigentlichen Fall.
Fahrerflucht und Heribert Schuster ist Hauptverdächtiger. Die Indizien sprechen gegen ihn und er selbst verweigert jegliche konstruktive Zusammenarbeit. Die Aussagen passen auch nicht einwandfrei zusammen. Was soll das? Es geht zwar um einen hohen Sachschaden, schließlich sind mehrere Fahrzeuge betroffen, davon ein Totalschaden. Aber der Unfall ereignete sich nachts, die Fahrzeuge standen geparkt und niemand wurde verletzt. Warum also diese Heimlichtuerei? Was hat er zu verlieren? Gut, der Ruf des Saubermanns Heribert Schuster wäre angekratzt und er müsste mit Führerscheinentzug rechnen. Aber das kann doch nicht alles sein. Es erklärt zumindest das Verhalten von Schuster mir gegenüber nicht. Ich bin schließlich sein Verteidiger. Hat er denn noch nichts von anwaltlicher Schweigepflicht gehört? Seine Frau ist vermögend, er kann also einige Zeit auf seinen Führerschein verzichten. Nein, da muss noch mehr dahinterstecken.
Hilft nichts. Wir müssen den möglichen Ablauf neu analysieren und sein Alibi checken. Hier hat er offensichtlich gelogen. Der Gutachter ist sich über die Beteiligung von Schusters Mercedes ganz sicher und den Tathergang hat er auch relativ plausibel rekonstruiert. Dennoch bleibt Schuster bei seiner Version, nicht mal in der Nähe des Unfallortes gewesen zu sein. Warum?
Die Dusche hat gutgetan. Jetzt kann ich meiner Mutter wieder gegenübertreten.
„Da bist Du ja endlich. Ich dachte schon, Du kommst da nie raus! Geht’s wieder? Hier die warme Suppe, die sollte vorläufig reichen, bis wir eingekauft und Deinen Kühlschrank aufgefüllt haben. Aus Deinen Vorräten lässt sich tatsächlich gar nichts zaubern.“
Ich liebe meine Mutter, wirklich, aber manchmal ist sie einfach zu viel für mich. Und gerade ist manchmal.
„Danke!“, seufze ich und nehme ihr die Suppe ab. Ich nippe an der heißen Brühe und, tja, sie ist einfach göttlich. Meine Mutter konnte schon immer gut kochen und diese Hühnersuppe ist definitiv besser als meine Instantbrühe. Ich frage mich trotzdem, was zum Henker sie anders macht als ich, meine Hühnersuppe, die ich durchaus auch mal selber mache, hat noch nie so gut geschmeckt. Na auch egal. Mir geht es tatsächlich wieder etwas besser.
„Wollen wir zum großen Supermarkt fahren oder willst Du lieber zum Tante Emma Laden um die Ecke?“ Sie lässt mir nicht die Zeit, um zu antworten, sondern redet weiter: „Ich würde ja den Supermarkt bevorzugen. Da haben wir alles, was das Herz begehrt und vieles mehr. Was meinst Du Kind?“
Achtung Falle. Ich kenne meine Mutter gut genug, um ihren Manipulationsversuch zu durchschauen, daher antworte ich nur diplomatisch „Ach, wie Du willst. Supermarkt hört sich gut an.“
Sie lächelt. Na also, Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Ich hoffe nur, ich überlebe den Supermarkt. In meinem Zustand wollte ich vorläufig Menschenmassen meiden. An einem Samstagnachmittag in den Supermarkt zu gehen, ist nicht die beste Strategie dafür. Na ja, ist meine gute Tat für heute. Ich habe meine Mutter zum Lächeln gebracht. Dafür komme ich hoffentlich auch in den Himmel.
Und inzwischen hocke ich in der Hölle. Der Supermarkt ist, wie erwartet, voller Menschen. Haben die denn nichts anderes zu tun? Muss tatsächlich jeder am Samstagnachmittag einkaufen gehen? Mir wird schlecht. Die Suppe. Ich versuche die Übelkeit weg zu atmen und komme mir vor, wie eine Schwangere. Und so schauen mich auch alle an. Wie peinlich. Aber besser Pseudo-schwanger als sich mitten im Supermarkt zu übergeben.
„Hier Kind, was hältst Du von Obst. Du musst besser auf Dich aufpassen. Wir werden bekanntlich alle nicht jünger!" Sie wedelt mit einer Staude Bananen vor mir herum und redet weiter: "Wir nehmen Bananen, Mango, Kiwi und Äpfel mit. Wie sieht es mit Gemüse aus?“ Meine Mutter will mich umbringen. Ja, das will sie.
Während ich weiter gegen die Übelkeit ankämpfe, terrorisiert meine Mutter mich mit Zucchini, Auberginen, Gurken und weiteren mir teilweise nicht bekannten Lebensmitteln, die gut für mich sein sollen. Verflucht, ich ernähre mich hauptsächlich von Tiefkühlkost und Fertigprodukten. Zeit zum Kochen habe ich einfach nicht und Lust schon mal gar nicht! Außerdem ist mir schlecht und ich möchte gerade jetzt nicht an Essen denken.
Ich konzentriere mich auf die Müslipackung in meinem Einkaufswagen, laut meiner Mutter ein Superfood! Mir gerade aber ziemlich egal! Ich versuche nur, die Flocken zu zählen. Hauptsache Ablenkung. Eine halbe Stunde später weiß ich immer noch nicht, wie viele Haferflocken in der Müslimischung vorhanden sind, aber wir stehen an der Kasse und das Zählen hat mir gegen die Übelkeit geholfen. Zumindest vorübergehend.
Eine weitere Stunde später sitze ich wieder auf meiner Couch und zähle die Flocken gedanklich weiter. Meine Mutter ist immer noch da und kocht. Wenn ich nicht gerade an Flocken denke, überlege ich, wie ich sie am schnellsten wieder loswerden kann. Nicht dass ich meine Mutter nicht lieben würde, aber gerade wäre ich wirklich gerne alleine. Aber gut, wenigstens habe ich, wenn sie mal fertig ist, für das ganze Wochenende selbstgemachtes, frisches Essen und keine Tiefkühlkost. Ist doch auch was!
Zwei Stunden später ist meine Mutter fertig und ich schöpfe Hoffnung, dass sie jetzt noch etwas Anderes vorhat und mich endlich alleine lässt.
„So Liebes, ich habe Dir Gulasch gemacht. Das kann man gut aufwärmen. Tu den Rest, wenn er etwas abgekühlt ist, in den Kühlschrank. Ich muss jetzt leider wieder los. Dein Vater ist nämlich auch nicht in der Lage, sich etwas Ordentliches zum Essen zu machen.“ Sie küsst mich auf die Stirn und ich bedanke mich noch kurz für ihre Hilfe. Dann schaue ich ihr bis zur Tür hinterher und winke noch zum Abschied. Ich bin wieder alleine.
Der weitere Verlauf des Samstags verbleibt ohne Überraschungen. Nachdem ich es mir auf der Couch gemütlich gemacht habe, geht es mir schon wesentlich besser. Ich freue mich sogar auf das Gulasch, das hervorragend schmeckt. Meine Mama kann einfach kochen, da gibt´s mal nix.
