Liebe ist gewaltig - Claudia Schumacher - E-Book
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Liebe ist gewaltig E-Book

Claudia Schumacher

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Beschreibung

Von Gewalt, von Zärtlichkeit und von der Macht der Befreiung  Juli wächst in einer Vorzeigefamilie auf: Die Eltern sind Rechtsanwälte, sie ist Klassenbeste. Doch in der Kleinstadtvilla herrscht das Grauen. Der Vater drillt die Kinder auf Leistung, prügelt sie und seine Frau. Juli wird älter, fordert ein Ende der Gewalt, deren Realität von der Mutter vehement abgestritten wird. Einzig ihre Geschwister und eine Maus geben Halt. Doch wie kann man sich befreien, wenn man weder den Eltern noch den eigenen Erinnerungen traut? Die Befreiung gerät zum Feldzug – gegen die Eltern und das eigene Ich. Drei Jahrzehnte folgen wir Juli, die mit aller Macht versucht, die Deutungshoheit über ihr Leben zu erlangen. Ein eindringlicher Roman über Verletzungen und eine mögliche Heilung, voller Originalität und Wärme. »Intensiv, wach, klug!« Helga Schubert »Das hier ist nicht einfach nur ein starkes Debüt, es ist ein sprachgewaltiger, erschütternder, psychologisch kluger Wurf. Wie so oft im echten Leben liegt in diesem Roman alles dicht beisammen; das Komische neben dem Verstörenden, das Traurige und Schmerzhafte beim Zärtlichen. Es ist nicht leicht, die Worte für eine solche Geschichte zu finden, und ich kann mir nur zwei Personen vorstellen, die das so hinbekommen hätten: Der eine ist der wütende junge J.D. Salinger, in Bestform. Der Name der anderen Person steht auf dem Cover dieses Buchs.« Benedict Wells »Ein viel zu oft beschwiegenes Thema, eine kraftvolle Sprache, eine Geschichte, die wütend macht und befreit. Dieser Roman tröstet, ohne zu lügen.« Teresa Bücker »Die Geschichte ist so berührend wie brutal. Traurig, und doch immer wieder komisch. Ein Debüt, wie ich selten eines gelesen habe.« Ronja von Rönne »Ein gefährlicher Roman. Weil man zwischendurch vor Spannung das Atmen vergisst. Und weil die Heldin einem mit ihrer Schnoddrigkeit ganz nebenbei das Herz zerreißt.« Bernd Ulrich »Achtung: nicht niedlich – Claudia Schumacher haut uns unerbittlich und voller Poesie die Welt ihrer Heldin um die Ohren. Ein Debüt mit phänomenaler Wucht, komplett unweglegbar.«  Simone Buchholz  »Hammermäßig!« Oliver Polak

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Seitenzahl: 333

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über das Buch

»Glaubt man meinen Eltern, dann sind viele Dinge, die ich mit eigenen Augen gesehen habe, nie passiert.«

 

Juli wächst in einer Vorzeigefamilie auf, doch in der Kleinstadtvilla herrscht das Grauen. Der Vater drillt die Kinder, prügelt sie und seine Frau. Juli wird älter, fordert ein Ende der Gewalt, deren Realität von der Mutter abgestritten wird. Einzig ihre Geschwister und eine Maus geben Halt. Doch wie kann man sich befreien, wenn man nicht einmal den eigenen Erinnerungen traut? Die Befreiung gerät zum Feldzug – gegen die Eltern und das eigene Ich. Drei Jahrzehnte folgen wir Juli, wie sie versucht, die Deutungshoheit über ihr Leben zu erlangen. Ein eindringlicher Roman über Verletzungen und eine mögliche Heilung, voller Originalität und Wärme.

Claudia Schumacher

Liebe ist gewaltig

Roman

Für M.

Man kann mir nicht trauen.

Denn ein verwundetes Herz

ist auch ein verwundeter Geist.[1]

 

Louise Glück

2007

ES RIECHT NACH eimerweise Chlor und diesem modrigen Hauch von Schimmel, den selbst die fleißigste Putzkolonne aus diesen 70er-Jahre-Hallenbädern nicht rauskriegt. Ich fühle mich seltsam schwerelos, ganz geil eigentlich. Mein Körper ist watteweich. Kein Wunder: Aufstehen um 6 Uhr 30, erst mal kalt mit dem Schlauch von Frau Heirich gegen die Wand geduscht werden. Dann zwei Stunden zügig spazieren in der Kälte mit den Krebskranken und anderweitig Gebrechlichen, im Anschluss eine gute Stunde heulen, weil man definitiv nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Noch mal kurz diverse Suizidmöglichkeiten im stillen Kämmerlein durchspielen, mit ängstlichem Blick auf die Adern des linken Handgelenks den beherzten Schnitt vertagen. Später leicht bedudelt in die Sauna. Jetzt Pause auf der Liege, und was soll ich sagen, bin ganz happy.

Das Mittagessen war verhältnismäßig gut, habe zugelangt: Fleischküchle, Kartoffelbrei, Sahnegemüse, Schokopudding. Ganz im Sinne des Kurgedankens auch der Kaffee mit Schuss danach bei Magic Margot im Zimmer. Ich mag die. Sie ist senil, aber übelst fröhlich, und sie hat eine Reisetasche, die sie wahrscheinlich nie wieder brauchen wird, dafür sind jetzt lauter abgefahrene Sachen drin. Ein kleiner Seestern, Tarotkarten, sogar Feuerwerkskörper, wozu auch immer. Magic Margot ist wie Mary Poppins, nur in komplett behämmert. Kommt vor, dass ich ihr mein Herz ausschütte, während sie Schnaps aus der Reisetasche zieht, in den Kaffee gießt und dabei ganz leise Schlagerlieder singt. Spürst du denn nicht, wie ich mich fühl’. Tief in mir drin stirbt mein Gefü-hüüühl. Heute warst du nicht alleine, du warst wieder bei der einen … [2] Sie kann richtig viele Lieder, ohne erkennbare Vorlieben. Nach Flut kommt die Ebbe, nach Ebbe die Flut, die Deiche, sie halten mal schlecht und mal gut.[3] Wenn sie in die Après-Ski-Kiste greift und mit rosa Wangen über Penislängen fachsimpelt, berührt sie mein Herz in besonderem Maße. Magic Margot ist die beste Alleinunterhalterin, die ich mir wünschen kann.

Manchmal scheint sie aber auch zuzuhören. Dann sitzt sie still neben mir, und wenn ich rede, kann das dauern. Sie nimmt sich die Zeit, nickt und seufzt ab und zu. Bin ich irgendwann leer und finde einen Punkt, legt sie mitfühlend die Hand auf meinen Arm: Ach, Liebes. Ich würde gerne was dazu sagen, dir helfen. Aber ich verstehe nicht, wovon du redest. Das ist wenigstens geradeheraus. Und es ist ja nicht ihre Schuld, dass die Birne aus ist. Hat sie sich bestimmt nicht ausgesucht, dass sie nichts versteht oder behalten kann. Bis auf die Schlagerlieder. Großes Geheimnis, wie sie sich die merkt mit dem Goldfischkopf.

In der Beziehung zu Margot finde ich alles gut, wie es ist. Manche Dinge muss man sich von der Seele reden können, ohne Zeugen. Ärzte sagen, sie haben Schweigepflicht, aber wer weiß. Bei Margot bin ich sicher, die nimmt das mit ins Grab. Dass sie trotz Nullverständnis die richtige Reaktion zeigt, wenn ich heule, beweist auch, dass sie bestimmt mal ein guter Mensch war und im Prinzip noch immer ist, finde ich.

Jetzt also schön Futterkoma und softe Rauschbenebelung auf der Hallenbadliege, Margots Schnaps sei Dank. Alkohol tagsüber finde ich super, da haut er einem nicht den Kopf gegen die Wand wie abends oder nachts, wo man düster wird, tagsüber ist das wie entspannter Teppichflug im Wunderland. Und so bin ich heiter am Schweben, während ich den alten Leuten beim Schwimmen zusehe. Hat was Meditatives, fast so friedlich wie Friedhof. Die wundern sich bestimmt über mich. So jung, auf den ersten Blick gesund, lungert hier rum – ihre Probleme müsste man haben! Und klar, Punkt für die. Ich mache keinen Hehl daraus, dass mein derzeitiges Gesundheitsproblem, diese generelle Unentschiedenheit, was das Weiterleben betrifft, eher einen seelischen Aufhänger hat.

Mama und Papa haben mich vor ein paar Wochen aus der Schule genommen. Das Mädchen hat den Geist aufgegeben, aber zum Psychologen hat mich niemand geschickt. Die wissen schon, warum. Mama sagt, wir dürfen keinem was erzählen, sonst verlieren sie ihre Zulassung als Anwälte, und dann wird nichts besser, im Gegenteil. Ich bin manchmal so wütend auf Papa, dass ich ihn mir tot vorstelle. Verreckt im Straßengraben oder so, erwischt von einem zugedröhnten Raser bei Nacht. Oder ich denke: Verprügle mich noch einmal richtig und ich gehe mit den blauen Flecken zum Jugendamt. Dann heule ich und denke: Papa, ich liebe dich! Was stimmt, ich bin sein Kind. Vielleicht hab’ ich sogar mehr von ihm als von Mama. Das ganze Wollen, Leiden, Brennen. Mama wollte nie was außer Harmonie und Hübschsein. Dabei vergisst sie nicht, was sie mal gelesen hat, nicht mal den Namen des jüngsten Senators von Swasiland. Zu mir wurde Papa auch erst fies, als ich ihn im Kopfrechnen geschlagen habe. Was ja unlogisch ist: Zuerst bläut er dir ein, dass man im Hause Ehre Großes erreichen muss, aber wenn er merkt, dass du ihn übertrumpfst, setzt’s was. Trotzdem schaffe ich es nicht, meine Eltern zu verraten. Und ich lebe, ehrlich gesagt, schon auch lieber in einem Haus mit Garten als in einer Sozialunterkunft für Jugendliche aus gestörten Verhältnissen.

Jetzt bin ich aber erst mal hier, im Kneippkurort mit Moorheilbad. Große Begeisterung, als die mir den Bad-Auenried-Prospekt gezeigt haben: Lehmwickel, Wassertreten, Behandlungen mit Naturmoorbrei und Heublumensack – willkommen in Rollator City, wo alte Menschen im warmen Wasser hin und her gewiegt werden bis zum Eintritt des Todes. Vorhölle. In der Kur-Cafeteria gibt’s halbe oder ganze Seele, warm oder kalt. Auf jeder Toilette befinden sich Notfallknöpfe, falls einer zusammenbricht. Weiß nicht, wie mir das den Todeswunsch austreiben soll, aber ich will mich nicht beschweren. Sie haben mir tägliche Spaziergänge verordnet. Am Rathaus erinnert eine Gedenktafel an die unliebsamen Töchter von Bad Auenried, die gefoltert und verbrannt wurden. Vor dem Wassertreten war die Hexenjagd das große Ding hier. Bis ins 18. Jahrhundert kamen fast zweihundert Frauen auf den Scheiterhaufen. Eine haben sie wieder laufen lassen. Immerhin.

Als Mama mich in diesem Rehaloch abgesetzt hat, ganz hastig mit ihrem Ich-werde-verfolgt-Blick, nur schnell Unterschrift und weg, versank ich erst mal vor Scham im Boden. Also, kurz bevor ich dann im Foyer zusammengeklappt bin und wahrscheinlich an meiner Kotze erstickt wäre, hätten nicht zwei Kurmitarbeiter in der Nähe gestanden.

So eine seelisch zerschmetterte Siebzehnjährige unter erschöpften Müttern und Prostatapatienten, das ist aber auch extravagant. Jetzt zum Beispiel, in diesem Moment, würde ich mich sogar freuen, wenn jemand ein Foto von mir machen würde. Im zwei Nummern zu großen Klinikbademantel und mit Udo-Lindenberg-Sonnenbrille auf der abgewetzten Hallenbadliege. Wegen der sonnensensiblen Kopfschmerzen komme ich ohne getönte Gläser nicht durch den Tag. Und wer aus seiner Rolle nicht rauskommt, muss sie wenigstens überzeichnen, sonst ist es ja nicht lustig.

Die meiste Zeit bin ich müde, einfach nur heftig müde. Um acht Uhr abends schlafe ich ein und ratze elf Stunden. Vormittags im Kurbad schaltet’s mich meistens noch mal aus. Im Halbschlaf spiele ich Devil May Cry 3 in meinem Kopf. Ich bin Dante, der Dämonenjäger, schnetzle die Monster nieder mit Agni und Rudra, den Zwillingsschwertern aus Feuer und Wind. Dass die mich hier ohne Playstation abgesetzt haben, geht gar nicht. Papa tut allen Ernstes so, als wäre ich wegen der Spiele hier. Dabei ist das Zocken das Einzige, was mir Zuflucht gibt vor seinem Wahn. Wenn ich mich versenken kann in eine andere Welt, die noch gefährlicher ist als meine, entspannt mich das. Ich muss mich konzentrieren, um zu überleben, und dann ist mal Ruhe, kein Platz für die Geister in meinem Kopf, die Stimmen, die dauernd mit Papa reden, ihn zur Vernunft bringen wollen, mich gegen ihn verteidigen.

Daheim penne ich eigentlich selten länger als vier Stunden am Stück. Papa hat die Zimmerschlüssel im Haus kassiert. Weshalb ich immer damit rechne, dass er nachts wieder vor meinem Bett aufkreuzt wegen irgendso ’nem Scheiß. Ich habe vergessen, die Spülmaschine auszuräumen, oder mein Fahrrad draußen gelassen. Dafür gibt’s dann in die Fresse. Und der Lärm von unten. Wie oft lag ich wach mit der Frage, ob Mama morgen mit einem Rollkragenpullover raus kann oder ob er noch mal so dumm ist, ihr eine Platzwunde im Gesicht zu verpassen. Das eine Mal musste Mama mehrere Wochen krank machen, damit den riesengroßen Haufen Scheiße bei uns daheim niemand riecht. Aber er lernt. Danach hat er es so eingerichtet, dass sie mit einem Rolli durchkam, auch im August, und die Klienten dachten wohl, die Frau ist einfach exzentrisch. Mittlerweile hat Mama sicher zehn Shirts mit Rollkragen für den Sommer von irgendwelchen Designern. Als wäre es ein Modeding.

Die Sache ist: Erwäge ich, den endgültigen Abgang zu machen, werde ich gerade wieder versöhnlich. Einen Tag schau ich mir das noch an, wer weiß, vielleicht geschieht ein Wunder. Ich vergesse alles, bin gesund. Die Dinge könnten sich zum Guten wenden, nicht? Habe zwar keine Ahnung, wie, aber fuck, ich bin siebzehn. Ein bisschen Hoffnung steht mir zu. Und wenn’s nicht besser wird, kann ich auch morgen noch Schluss machen: Das sage ich mir schon lange genug, um nicht mehr genau zu wissen, wann es anfing. Manchmal denke ich an die guten Tage, an früher. Wenn Mama mich am Samstag ins Auto gepackt hat und wir nach Stuttgart gefahren sind, gute Laune und ABBA-CD, Frühstück im Café am Schlossplatz, endlos Croissants, und dann Arm in Arm durch die Königstraße: Wäre das nicht ein hübsches Kleid für dich, Juli Schatz? – Das ist übrigens mein Name. Also: nicht Juli Schatz. Juli Ehre. Hallo.

Jedenfalls durfte ich dann die Läden leer shoppen, bis die Karte glühte. Mama immer voll unterstützend. Anerkennendes Nicken, wenn ich aus der Kabine kam, als wäre ich das heißeste Schnittchen, das sie je gesehen hat. Das ist also gekauft, und sie zieht was Neues von der Stange, bevor ich wieder in der Kabine verschwinde: Sind Latzröcke nicht wieder cool, brauchen wir nicht auch noch so einen für dich? Das hab’ ich geliebt. Mama und ich gegen den Rest der Welt, und keiner konnte uns was anhaben, nicht mal Papa. Wenn wir so zusammen waren, dann waren wir eher Schwestern als Mutter-Tochter, Mama eh die Schönste, war immer so. Ich total stolz auf sie und sie vielleicht auch ein bisschen auf mich. An Tagen wie diesen hatten wir plötzlich Geld, richtig viel sogar, und ich hab’ sicher nicht gefragt, wie das jetzt kommt, wo sie noch fünf Tage vorher geheult hat nach dem Termin beim Finanzberater. Geld war bei uns immer Gefühlssache, nichts Kalkulierbares. Die Verkäuferinnen sagten oft, wie hinreißend alles an mir aussehe, dass ich mit meiner athletischen Statur wie gemacht sei für die diesjährigen Sommertrends. Viele waren aber auch einfach neidisch auf uns, und ich hab’ die Sonne genossen wie eine Topfpflanze am ersten Tag draußen nach dem Winter im Keller.

Damals war aber noch alles okay, im Großen und Ganzen. Ich gewann zig Pokale im Eiskunstlauf, hatte die besten Noten und ging auf dem Schulhof sogar als eins der coolen Mädchen durch. Was die eigentliche Leistung war, weil keiner das Mädchen mit den zweitbesten Noten leiden konnte, allein wegen der Noten. Manchmal träume ich von dieser Zeit. Wenn ich nicht davon träume, wie Bruno winselnd am Boden liegt, Embryostellung, Blut im Gesicht. Dann wache ich auf, große Erleichterung, bis mir einfällt: Ja, war halt kein Traum.

Ich hab’ Bilder im Kopf. Mamas blaue Flecken morgens beim Frühstück. Papas Salvador-Dalí-Blick, wenn er sagt, dass er mich umbringt. Wie bei einem defekten Projektor. Der kann jederzeit angehen, ungewollt und in den blödesten Momenten. Dann werden die Bilder vor mir riesengroß auf die Wand projiziert, ohne Entkommen. Weil, wenn ich woanders hinsehe, erscheint das Bild eben dort.

NACH AUSSEN WAREN wir natürlich die totale Musterfamilie. In Ederfingen kannte uns jeder. Papa ist dieser auf die Automobilbranche spezialisierte Anwalt, der mit seiner Kanzlei viele Zulieferer aus der Region berät. Man munkelt, in jungen Jahren sei er fast VfB-Profi geworden, was nicht ganz stimmt, aber er korrigiert das nie. Stattdessen zitiert er lieber Hegel oder Habermas, um die Klienten weiter im Modus der Verblüffung zu halten. Schaut her, der wunderbare Herr Ehre – noch wurde kein Mensch geboren, der es mit ihm aufnehmen kann!

Daneben diese Frau mit der Taille, die Papa mit seinen mittelgroßen Händen beinahe umfassen kann. Und natürlich: die schönen Söhne. Wir hätten im Zirkus auftreten können, ganz erstaunlich waren wir. Papa balanciert auf dem Stahlseil in weiter Höhe, Mama ist fürs Erotische zuständig, fliegt ab und zu leicht bekleidet durchs Bild, Bruno als Löwendompteur, und Max macht irgendwas Schönes für die Seele, ein zarter Tanz mit dem Feuer vielleicht. Währenddessen manage ich den Laden, moderiere alle an und belabere die staunenden Besucher zu ihrem eigenen Glück so lange, bis sie fünfmal mehr Geld liegen lassen, als sie eigentlich wollen. Wenn Alex mal ihren Arsch herbewegte, dann –

– säße sie vermutlich im Publikum. Meine große Schwester, nach Max die Zweitälteste, war immer anders als wir: aschblondes Haar, unscheinbare Haltung, ruhiges Gemüt. Einmal, an Fasching, da überlegte sie laut, was sie anziehen soll. Geh doch als Kuckuckskind, scherzte Bruno. Hätten meine Eltern ein Kind an der Raststätte vergessen, dann wohl sie. Als Alex noch daheim wohnte, war sie immer schon weg. Falls sie ein Talent hat, ist es ihre Fähigkeit, sich rauszuhalten. Sie arbeitet in einem Hotel in Köln und kommt nie nach Hause.

Als wir klein waren, hat Papa gern mit mir angegeben. Meine Superkraft liegt im Kopf, womöglich hat er mich deshalb nie so hart geschlagen wie die anderen. Jedenfalls haben wir mal einen IQ-Test in der Schule gemacht, als das gerade Mode wurde. Die Ergebnisse mussten wir nicht sagen, aber klar gingen die rum. Das war gut für mich. Weil dann die anderen abschließend wussten, was Phase ist. Nämlich, dass ich kein Opfer bin, das nachmittags seine Hausaufgaben macht. Im Gegenteil. Ich müsste mich schon künstlich dumm stellen, um nicht in allen Fächern die Beste zu sein. Ich dominierte, und das war wichtig. Es brachte mich in Sicherheit.

Nur wer dominiert, konnte halbwegs vor Papa bestehen. Wer mal keine Höchstleistungen erbrachte, musste damit rechnen, vor dem Rest der Familie gedemütigt und beleidigt zu werden. Mama isst ein Viertel von dem, was ich esse, und sie wiegt sich jeden Tag. Weil achthundert Gramm mehr und Papa sagt: fette Wachtel. Ich dachte immer, dass ich den wackeligen Hausfrieden für uns im Lot halten könnte, solange ich perfekt bin. Weshalb ich geschaut hab’, dass ich nicht nur Einsen mit Sternchen bekam, sondern auch jedes Jahr Klassensprecherin wurde, zwei Instrumente spielte, und Pokale vom Eiskunstlaufen sowie einen Waschbrettbauch vorweisen konnte. Sang irgendwer schöner oder sprang höher als ich, legte ich mir nachts zur Strafe Kleiderbügel auf die Matratze.

Als ich vierzehn war, artete trotzdem alles in rohe Gewalt aus. Papa hat mich durchs Haus gejagt und gedroht, mich umzubringen. Einen Grund gab es nicht, glaube ich. Wobei, doch: Manchmal habe ich gelacht. Ich stand einfach da, Papa wieder am Durchdrehen und bei mir die Nerven blank, Lachanfall. Der ganze Mann: ein Witz ohne Pointe. Das habe ich nicht laut gesagt, aber er hat’s auch so gecheckt. Meistens stand ich nur da mit dem Puls in den Ohrläppchen, keine Luft, Zitterhände und Schweißflecken unter den Achseln.

Das Irre ist, dass es mir erst jetzt richtig scheiße geht. Damals hab’ ich traumlos geschlafen. Jetzt denke ich nachts, ich liege auf meiner eigenen Leiche, bis ich aufwache und checke, das ist der Draht von der Kurmatratze. Als bei uns daheim die Hölle los war, hab’ ich mich zusammengerissen. Dafür gab’s keinen Orden, dabei war es wie im Krieg: Siebdurchlöcherter Körper, aber du stehst morgens auf und rührst dir dein Löffelchen Kaffee mit Wasser an. Immer schön weitermachen, nur nicht die Nerven verlieren. Bis die Sache vorbei ist – und alle sind endgestört, keiner kommt mehr klar.

Also, keiner außer Alex. Die bekam nicht viel davon mit in Alabama, wo sie ihr Highschool-Jahr machte. Dann verlängerte sie es, ließ sich ein A in den Nacken stechen und machte ihren Abschluss. Als sie zurückkam, packte sie direkt ihr Zeug und haute ab nach Köln auf die Hotelschule. Kein Studium, findet Papa natürlich schlimm. Andererseits ist es nur Alex, und wenigstens studiert Max Politik in Tübingen. Der wohnt schon länger nicht mehr bei uns, aber in Schiederach, einem Dorf, das noch zu Ederfingen gehört. Aus unerfindlichen Gründen kommt er jede Woche heim, der Masochist, der hat definitiv einen Schaden. Aber die Hauptgeschädigten, das sind Bruno, Mama und ich. Wir erlebten Papas Wahn in seiner krassesten Phase, uns traf es am längsten, das war unser Untergang.

Schlimmer als Krieg ist nur die Normalität danach. Wenn du plötzlich Zeit hast, Fragen zu stellen und es keine Antworten gibt. Der Schmerz kommt zeitverzögert. Jetzt spürst du die Kugeln.

Ich werde den Abend nicht los, als Bruno vom Baggersee heimkam. Das war vor drei Jahren, muss August gewesen sein. Rosa Abendhimmel, die Luft warm, sie roch nach Gras und Sommerferien. Bruno sechzehn Jahre alt und der Star. Damals hatte ich noch Freundinnen und die waren alle verknallt in meinen Bruder. In einer Boygroup wäre Max der Schwarm für den zweiten Blick. Bruno ist der geborene Frontsänger. Die Rampensau mit Muskeln, Bartstoppeln und haselnussbraunem Wuschelhaar.

Ich war im Garten und deckte mit Mama den Tisch. Salat mit Putenstreifen und Pizza für die Jungs. Bruno betrat den Garten wie eine Bühne. Ich glaube, er war da gerade in diese Sofie verliebt. Aber auch sonst macht ein Ferientag am Baggersee natürlich Spaß, wenn du ein junger Gott bist und den ganzen Tag deinen Oberkörper zeigen kannst. Bruno hatte sämtliche Sonnenstrahlen des Tages in seinem Grinsen gespeichert. Papa machte drinnen den Wein auf und Mama schickte Bruno rein, Besteck holen.

Plötzlich hörten wir Gebumper von drinnen, als würde jemand gegen die Wand geschubst. Dazu Brunos bettelnde Stimme. Als wir reingingen, war Papa außer sich. Irre geweitete Augen, wie auf Drogen.

Es ging um das Cabrio, das Bruno nicht gewaschen hatte, aber bald ging es darum, dass Bruno ein arrogantes Stück Scheiße sei, das keine Disziplin und keinen Gehorsam kenne und kaum das Gymnasium schaffe. Papa sagte zu Mama: Den miesen Charakter hat er von dir, stimmt’s? Du bist genauso! – Und Mama: Ja, Kurt. Es ist meine Schuld, ich habe ihn verzogen, es tut mir leid. Im Prinzip sagt sie alles, wenn sie Angst hat.

Papa schlug Bruno mit der Faust ins Gesicht. Aufs Auge. Auf die Lippen. Bruno winselte vor Schmerz und vor Demütigung, presste dazwischen Sätze raus wie: Papa, ich hab’ doch nichts gemacht, Papa, hör auf, Papa, ich wollte das nicht, Papa, Papa, bitte, bitte. Und irgendwann lag er auf dem Boden. Sein linkes Auge geschwollen, Blut am Mund. Papa kickte ihm brüllend gegen den Kopf. Mit Schuhen, die er sich extra dafür angezogen hatte.

Ich stand nur da und heulte. Mama, mach was!, hab’ ich gesagt. Und dann hab’ ich selbst nichts gemacht. War wie zersplittert, in tausend Teile. Herz, Kopf und Körper nicht in der Lage, einander zu folgen.

Erst als Papa fertig war, ging Mama zu Bruno und sagte: Komm. Das muss verarztet werden. – Normaler Abend daheim bei den Ehres, der beliebten Familie mit den netten Kindern und der charmanten Mutter.

Sie gingen rüber zum Günther, meinem Onkel, das ist Papas kleiner Bruder. Der wohnt nur eine Straße weiter, ist Arzt und so was wie Papas Lakai. In den Jahren hat er uns ein paarmal geholfen, ohne Fragen zu stellen. Dafür stehen meine Eltern als Anwälte bereit, wenn er von einem Patienten verklagt wird, was auch schon vorkam. Günther schrieb Bruno krank. Die nächsten Tage kam er kaum aus seinem Zimmer.

Wir alle wurden geschlagen, aber Bruno bekam ab wie kein Zweiter. Reines Glück, dass er nicht einfach mal draufging dabei. Hätte einer von uns geahnt, wie leicht das Problem zu lösen war, hätte Bruno sicher schon viel früher zurückgeschlagen. Er war ja bereits mit sechzehn größer als Papa. Als ich ihn dann für den Führerschein ausgemessen habe, war er 1,89 Meter groß. Er ist auch viel stärker. Manchmal nennen seine Freunde ihn Gladiator, weil er tatsächlich ein bisschen aussieht wie der Schauspieler. Schwer zu verstehen, warum er sich trotzdem jahrelang verprügeln ließ.

Wahrscheinlich ging es Bruno aber einfach wie uns allen, und er glaubte, dass Papa etwas über ihn wisse, das er selbst nicht weiß. Dass er die Prügel verdient habe, auch wenn sie aus heiterem Himmel kamen. Papa erzählte so gekonnt von unserer innersten Verdorbenheit, dass wir reglos wie Fliegen in seinem Spinnennetz hingen und uns alles von ihm gefallen ließen. Das war doch unser Papa, unser Held. Es lag nicht in unserer Natur, uns gegen ihn zu wehren.

NUN ALSO DIE Kurinsassen schön im Stuhlkreis. Gott, was ist das für eine Truppe. Gerhard mit seinem Bluthundgesicht. Seine Augenbrauen hängen Richtung Boden, als hätte jemand Gewichte dran befestigt. Dazu der pietätvolle Blick.

Erzählrunde bei Herrn Hartlieb. Zur Feier gibt’s diese Kaffeekekse, die auch im Gemeindehaus jeder Kirche liegen. Chemischer Butter-Zitrone-Geruch, auch frisch ausgepackt schon zerbröselt und in der Mitte ein getrockneter Marmeladenklecks, der keine aus der Natur bekannte Farbe hat. Herr Hartlieb ist zwar Psychologe. Oder Sozialarbeiter – Seelsorger? Irgendwas. Aber wir gehen das hier nicht so richtig psychologisch an, deshalb heißt es Erzählrunde, nicht Gruppentherapie. Es ist auch nicht verpflichtend. Außer für mich. Weil ich ein paarmal negativ aufgefallen bin. So Lappen wie Gerhard haben sich offenbar beschwert. Ich würde unpassende, teils höhnische Kommentare machen, wodurch sich andere in ihrer Heilung gestört fühlten, sagte die stellvertretende Kurleiterin. Was sie zu der Annahme inspirierte, ich solle mehr darüber sprechen, wie es mir wirklich gehe.

Meine Eingliederung in die Kurgruppe gestaltet sich mühsam. Die Leute sind irritiert von mir und mir geht’s umgekehrt nicht anders. Kommt vor, dass alle lachen und ich denke, seid ihr bescheuert? Oder die Leute ärgern sich und ich find’s lächerlich. Ich wusste nicht, dass ich einen Schlüssel für Menschen besitze, bis ich ihn verloren habe. Manchmal hab’ ich trotzdem das Gefühl, noch die Alte zu sein. Löwenmädchen. Dann schaue ich in den Spiegel und sehe eine blassgraue Maus, trübes Haar, seit Tagen tot in der Falle.

In der Kur gibt es so einen demonstrativen Ernst, der mich wahnsinnig macht. Gerhard ist ganz würdevoll getragen – von seinem eigenen Leid. Du kannst vor ihm nicht mal einen Scherz machen, hab’ ich probiert. Einmal, als wir morgens durch die kalte Waldluft spaziert sind, musste ich einfach lachen, weil alle so endzeittraurig aussahen. Mit großer Freundlichkeit, das möchte ich betonen, habe ich also in die Runde gefragt: Na, wieder alle den Strauß bei der Beerdigung gefangen? – Und dann Gerhard: Stöhnt auf. Krass betroffen. Schüttelt den Kopf. Sagt: Juli, das geht gar nicht! So was sagt man doch nicht! – Wirkt jetzt, nacherzählt, gar nicht so mies von ihm, aber du musst dir seinen Tonfall vorstellen: beleidigt, mal wieder ganz Oberlehrer.

Ich meine, klar: Mit Gerhards Gesicht hätte ich auch nichts zu lachen. Aber Erschöpfungsdepression, ernsthaft? Als normaler Volksbank-Mitarbeiter – von Pfronstetten? Warum ist der bitte so erschöpft. Von den vielen Kaffeepausen oder weil er alle drei Stunden mal mit einer Oma ganz langsam eine Überweisung ausfüllen muss?

 

Eines Abends, als ich in meinem Zimmer die Adern am linken Handgelenk abchecke, kommt also die stellvertretende Kurleiterin vorbei. Ich schnell die Tränen abgewischt, brav die Tür geöffnet, Guten Tag gesagt. Und ich warte höflich, bis diese Frau – Aura einer Stange Sellerie – vermeldet, was sie möchte. Sie schaut mich nämlich nur an, reglos. Hundert Jahre später sagt sie doch was: Auf Grund der Vorfälle solle ich jetzt bitte nachmittags immer zur Erzählrunde kommen. Woraufhin ich höflich entgegne: Ja, mal sehen, wenn ich Zeit hab’… aber vielleicht hab’ ich keine – und da unterbricht sie mich barsch: Doch, Juli! Wir sind hier nicht zum Spaß. Dein Kuraufenthalt soll in anderthalb Wochen enden. Aber daraus wird nichts, wenn du nicht mithilfst, dass es dir besser geht. – Im Anschluss bleibt sie stehen, sagt nichts, schaut mich nur an und ich sehe weg. Woraufhin sie weiterredet, Appelle ans Gewissen und am Ende fünf Cent Nettigkeit: Herr Hartlieb erwartet dich morgen um 14 Uhr in der Erzählrunde. Er freut sich auf dich.

 

Und da bin ich nun und freu’ mich auch, riesig. Hoffentlich krieg’ ich bald den Kristall. Wer den Kristall hält, darf erzählen, wie er sich fühlt, was er sich in letzter Zeit gedacht hat, ob immer noch alles Aua macht. Ist die Person fertig, darf sie sich jemanden aussuchen und den Stein weitergeben. Funktioniert wie in einer Dressurschule für minderbemittelte Seelöwen. Beim Reinkommen hat mir Herr Hartlieb die Sonnenbrille abgenommen. Augen als Tor zur Seele, so ein Scheiß. Jeder Lichtstrahl, der es durch die Wolken, das Fenster und meine Augen schafft, stochert wie ein Messer in meinem Schädel rum. Ich mache kleine Schweinsaugen, bis sich die Wimpern berühren, damit das Licht draußen bleibt.

Um die Sitzung erträglicher zu machen, habe ich mir vorhin bei Magic Margot extraviel Schnaps in drei Tassen Kaffee gegossen. Mein Magen grummelt, könnte aber auch von den Keksen kommen. Hab’ mir die Tüte beim Reinkommen vom Kaffeetisch gekrallt und gedenke, nicht zu teilen. Zur Begrüßung fragte Hartlieb, für was wir dankbar sind, jeder sollte kurz Meldung machen. Für die Sonne, Anruf meiner Tochter, so Zeug kam, und ich: dass 2006 mit Gears of War schon ein irres Gamingjahr gewesen sei, 2007 aber mit der neuen Version von World of Warcraft fast noch krasser weitergehe. Worauf Hartlieb was von Ballerspielen faselte und die Lippen kräuselte. Doch gleich wird mir hier alles egal sein. Sobald der Schnaps reinkickt. Noch pocht der Kopfschmerz. Und Sabine ist dran.

Hallo, ihr Lieben!, sagt sie mit ihrer Fistelstimme. Dazu winkt sie und kichert vorpubertär. Das tut weh. Ich lege meinen Kopf in die Hand. Sabine ist Pharmavertreterin, Ende dreißig. Nach Bad Auenried haben sie Rückenschmerzen gebracht, über die sie ständig klagt. Ich fühle mit. So ein Stock im Arsch ist sicher schmerzhaft. Es geht mir leider immer noch sehr schlecht, sagt sie bedeutsam. Aber ich lerne, dass Genesung auch viel mit Dankbarkeit zu tun hat. Die täglichen Rückenübungen und die gute Fürsorge hier tun mir wirklich gut. Dafür ein großes Dankeschön von ganzem Herzen an das tolle Bad-Auenried-Team! – Braves Mädchen. Sabine schenkt Herrn Hartlieb ihr crazy Ultrawattlächeln. Ist das jetzt routinierte Gefallsucht oder will sie von ihm ins Bett gebracht werden?

Als Nächstes geht der Wanderkristall an Ádám. Ich bin froh, geht’s mir gut!, sagt er bärig in die Runde. Er hat nutellafarbene Augen. Ádám ist Rentner, hat sein Leben lang auf dem Bau gearbeitet, Kette geraucht und seiner Liebe zu ungarischer Salami gefrönt. Leider konnte er seinen Ruhestand nicht in bester Gesundheit antreten. Er ist schon an den Adern operiert worden und das ein oder andere Organ ist auch nicht mehr frisch. Aber er jammert nicht. Im Gegenteil, er behauptet dauernd, es sei ihm nie besser gegangen. Jeden Nachmittag rockt er die Speedo im Hallenbad. Macht erst mal seine Kniebeugen am Rand, dann springt er rein und zieht seine Bahnen. A schenr Tag. Un ich pleip jetz ksund!, sagt er in seinem Ungarndeutsch. Ich glaube, die Erzählrunde macht er aus reiner Geselligkeit mit. Manchmal zwinkert er mir in der Kantine zu oder wuschelt mir im Vorbeigehen mit seiner großen Pranke durch das Gestrüpp auf meinem Kopf. Ich fühle mich wohl in seiner Gegenwart. Nur heute ist dieses Wohlgefühl bei mir wegen Sonnenbrillenlosigkeit sowie Unruhen im Bauch gestört. Vielleicht waren es genug Kekse.

Ádám gibt den Kristall der Person rechts neben sich. Eine junge Mutter, deren Namen ich vergessen habe. Sie sagt, sie habe verstanden, dass sie sich im Alltag ab und zu Zeit für sich nehmen müsse. Während sie das ausführt, versuche ich, einen Punkt an der Wand zu fixieren. Mir ist akut übel jetzt. Und irgendwie heiß. Immerhin lenkt das von den Kopfschmerzen ab. Ich hoffe, die Übelkeit lässt nach, wenn ich mich konzentriere. Fühle mich wie auf einem Schiff, alles wankt. Aber dann kommt Gerhard dran. Und da muss ich dann doch wieder hingucken, wie bei einem Unfall.

Gerhard fixiert penetrant lang den Kristall in seiner Hand. Dreht ihn, seufzt. Bis sein Verhalten mal wieder das bringt, was er sich wünscht: Alle schauen ihn an. Einfach, weil es so seltsam ist, wie er dasitzt und nichts sagt. Aber dann sagt er doch was: Ich trage in meinem Beruf sehr viel Verantwortung. In der einzigen Volksbank-Filiale von Pfronstetten hat man selten mal einen ruhigen … – das genügt. Es zerreißt mich. Vor Lachen.

Die anderen schauen mich entsetzt an. Es ist auch grob daneben von mir. Aber ich kann nicht aufhören, es kitzelt mich am ganzen Körper.

Was zur Hölle ist so lustig, junge Dame?, ruft Gerhard verkniffen. Du lungerst hier rum, verhöhnst alle. Du bist oft erkältet und ich kann verstehen, dass das frustrierend ist, aber …

Erkältet?, höre ich mich zurückbellen. Meine Stimme scheppert. Niemand reagiert. Weil mir nichts Besseres einfällt, sage ich noch mal: Du glaubst, ich bin bloß erkältet? Jetzt schauen mich alle an. Und so viel Aufmerksamkeit stresst mich. Was folgt, ist der komplette Ausraster. Fällt mir schwer, das detailgetreu wiederzugeben. Weil, wenn ich so austicke, kriege ich selber nichts mit. Ich brülle rum. Was ich raushaue, geht in Richtung, dass ich mich lieber umbringen würde, als mir diesen Scheiß reinzuziehen. Ihr Versager, schreie ich, so Zeug. Und paar fiese Adjektive. Na ja, ich bin nicht stolz darauf, es fühlt sich bereits scheiße an, als es passiert, aber ich kann nicht aufhören.

Keiner sagt was. Wie Mama, die immer nur dasaß, wenn zur Abwechslung mal ich von meinem Kummer erzählt habe, ungefiltert, und nicht sie. Keine Reaktion. Als wäre ich so krank, dass es peinlich ist. So gestört, dass einem nichts mehr einfällt.

Raus hier. Hastig stehe ich auf, stoße den Stuhl um. Eiere Richtung Tür, mache das zuklappende Taschenmesser. Ein großer Schwall ergießt sich vor mir. Bravo, ein zweiter. Die Kekse, der Schnaps, das Mittagessen, die Restwürde: Ich kotze alles auf den Boden. Dann bin ich vollkommen leer.

ICH SITZE IM Fensterrahmen meines Zimmers und rauche. Unten ist der Parkplatz, Menschen steigen aus den Autos und der Himmel pisst halb entschlossen auf sie herab. Meine Hände zittern. Mein Herz pumpt, ich hab’ Blutrauschen im Ohr und muss Einatmen, Ausatmen sagen, als wäre ich verblödet, aber sonst erstick’ ich. Es zieht vorüber wie Unwetter, nach einer gefühlten Ewigkeit, aber in Wahrheit dauert es nur Minuten. Dann sack’ ich zusammen. Wie jetzt. Unendlich müde und auf zwanzig Zentimeter geschrumpft. Nichts weiter als ein krass kleiner Mensch, der friert.

Die haben mich rausgeschmissen. Schaff das erst mal. Aber ich krieg’ mich nicht hoch genug gezogen, um drüber zu lachen. Genauer gesagt, laufen die Tränen seit dem Zusammenbruch in der fucking Erzählrunde. Ich hätte nie ein Wort sagen sollen. Mama hat recht, es bringt nichts. Du kannst dir nicht vorstellen, wie mir der Arsch auf Grundeis ging, als der Kurleiter plötzlich was von Überweisung in die Psychiatrie gefaselt hat. Ich mag vieles sein: traurig, verzweifelt, weinerlich, hässlich, böse oder wütend, such dir was aus. Aber ich bin sicher nicht verrückt! Das Ganze war nicht meine Idee, die wollten doch, dass ich an der blöden Gruppentherapie teilnehme.

Jedenfalls hab’ ich mich schon lange nicht mehr so ruckzuck im Kopf geordnet wie in Herrn Seufferleins Sprechstundensessel, nachdem erstmals das Wort Psychiatrie fiel. Da war ich von jetzt auf gleich 1A durchstrukturiert, komplett Feng-Shui innen drin. Nur den Sessel hab’ ich vollgeschwitzt, durch den Pulli hindurch.

Frau Ehre, sagte er, und warum siezt der mich, hab’ mich gefühlt wie ein ernst zu nehmender Vertragspartner am Verhandlungstisch – dabei wollte der mich gerade zwangseinweisen. Neben ihm ein angenagtes Sandwich. Hinter ihm, rechts: die Golfschläger. Bad Auenried ist nicht nur bekannt für seine Kneippkur-Therme, sondern auch für die 36-Loch-Golfanlage im Süden Deutschlands.

Sind Sie eine Gefahr für sich selbst oder für andere? – Hat denn irgendein Mensch, der seine Freiheit liebt, jemals diese Frage bejaht? Mein Instinkt riet mir, den Zynismus für später aufzuheben. Selbstredend antwortete ich: Aber nein, überhaupt nicht!, und dann habe ich gelacht, so ein komisches Distanzierungslachen, als wären wir zwei ältere Herren, die sich irgendwo auf dem Golfplatz treffen, und ich entschuldige mich für meine naive Gattin, die soziale Warmduscherin, die beim letzten Clubdinner mal wieder ihren peinlichen Emo-Senf zur Tagespolitik abgeben musste.

Es tut mir alles sehr leid, sagte ich. Es ist mir furchtbar unangenehm, dass ich auf den Boden gespuckt habe. Das Essen war mir wohl nicht bekommen. – Angesichts der aufgehaltenen Tür zur Gummizelle fing ich an, ihn vollzutexten: Alles ein großes Missverständnis, ich könne keiner Fliege was zuleide tun, schon gar nicht mir selbst. Der Kuraufenthalt tue mir gut, mein Immunsystem werde spürbar stärker! Dazu lächelte ich mein lächerlichstes Liebmädchenlächeln. Aber ganz so dumm ist Herr Seufferlein nicht.

Er lehnte sich mit beiden Armen auf seinen großen Glasschreibtisch, verschränkte die Hände. Ein Aufenthalt in einer Jugendpsychiatrie kann eine sehr heilsame Erfahrung sein, versuchte er mich in die Falle zu locken. Die Pubertät ist eine verwirrende Erfahrung für viele junge Frauen. Es gibt ganz wunderbare Einrichtungen, die exakt auf ihre Bedürfnisse eingestellt sind.

Ohne auf dieses freundliche Angebot einzugehen, erklärte ich ihm mit tiefergelegter Stimme, No-Bullshit-Tonfall, dass der schlechte Selbstmordwitz in der Erzählrunde lediglich eine unreife Provokation von mir gewesen sei. Weil ich schlecht geschlafen hätte. Und die Bauchschmerzen. Überhaupt sei ich durch die Immunschwäche, die ständigen Erkältungen und die Schuppenflechte einfach leicht reizbar.

Herr Seufferlein schaute mich einen Moment lang an. Seufzte. Ich habe Ihre Eltern trotzdem über den Vorfall unterrichten müssen, sagte er. – Er war schon halb am Aufstehen, als er hinzufügte: So eine Immunschwäche kann auf das Gemüt schlagen, das ist klar. Nach ihrem Ausbruch verstehen Sie aber sicher auch, dass Bad Auenried nicht der richtige Ort für Sie ist. Ihre Mutter hat sich gleich ins Auto gesetzt.

Ich stand einen Moment lang bedröppelt da, bis durchsickerte, was er so nonchalant von sich gegeben hatte: Die schicken mich heim.

 

Jetzt soll ich packen. Mama müsste in einer Stunde da sein. Allein die Vorstellung, wie sie vorfährt mit ihrer silbernen C-Klasse. Soll ich einsteigen und wir fahren zurück zu Papa, im Ernst? Und zu Hause tun wir alle so, als wär’ nichts? Schon klar: Mama wird scheiße nett zu mir sein. Aber das ist eine Falle. Ich darf die Musik im Radio raussuchen und wir halten bei McDonald’s, wo ich so viel Dreck essen darf, wie ich mag. Trotzdem wird die Zeit knapper werden. Mit jedem Kilometer Autofahrt, der uns nach Ederfingen bringt, schrumpfen unsere Herzen bis auf Rosinengröße. Dann fängt Mama an, mich vollzuschwallen.

Das hat sie schon gemacht, als ich noch klein war. Mit zehn Jahren war ich ihre Eheberaterin, krasser Kackjob – aber du kannst schlecht aus dem fahrenden Auto springen. Sie redet so schnell, dass mir schwindlig wird. Am Ende fragt sie: Was soll ich nur machen? – Aber was weiß denn ich? Vielleicht ihre Kinder nehmen und gehen, wie es jeder normale Mensch tun würde? Oder ihren Mann aus dem Haus werfen? Ist doch ihr Haus, sie hat es von Opa geerbt. Aber wenn ich so was sage, wird sie wütend und äfft mich nach: Dein Mann? Rede nicht so mit mir, er ist schließlich auch dein Vater! Gerade so, als wäre ich durch diese biologische Tatsache für irgendwas verantwortlich. Gott, die Frau ist so ein Kind. Es ist allein ihre Schuld, dass ich einen Psychopathen zum Vater habe, sie hat ihn ausgesucht.

Einmal standen wir an der Ampel vor dem großen himmelblauen Haus in Ederfingen, das immer bisschen asi aussieht mit seinem abbröckelnden Putz und dem schlechten Graffiti Hasch mich, ich bin der Sprühling. Mama kam gerade von der Kosmetikerin und holte mich vom Geigenunterricht ab. Sie summte irgendein Lied und schien guter Laune zu sein. Ich starrte das komische Haus an und fragte sie, was das sei. Ein Frauenhaus, sagte sie. Eine Einrichtung für Frauen, die von ihren Männern geschlagen und verfolgt werden. – Ich horchte auf. Mama erzählte das völlig unbeteiligt, sogar ein bisschen von oben herab, als hätte die Geschichte überhaupt nichts mit uns zu tun. Schrecklich, sagte sie melodramatisch, ich habe solche Frauen ja auch manchmal bei mir in der Kanzlei. Darum wisse sie, wo das Frauenhaus sei – eigentlich streng geheim, deshalb: psst. Oft seien es Musliminnen oder so, Frauen mit wenig Geld. Die Männer Riesenarschlöcher und Schläger, nicht selten Alkoholiker. Für diese armen Frauen ist das die letzte Zuflucht, sagte Mama.

Vielleicht sollte ich erwähnen, dass sie sich als Familienanwältin auf Sorgerecht spezialisiert hat. Sie vertritt aber meistens Väter.

Verstört saß ich neben ihr im Auto und fragte mich, welche Zuflucht wir denn haben.

 

Ich schrecke aus meinen Gedanken – jemand klopft an die Zimmertür. Schon Mama, so schnell? Aber die Tür geht auf und Magic Margot kommt rein.

Sie wirkt wie immer etwas aus Zeit und Raum gefallen. Wirre Augen, aber in diesem Moment ist sie offenbar glücklich. Sie gesellt sich zu mir und kichert. Dann schaut sie sich um. Außer uns keiner da. Sie zieht ihren Flachmann raus und hält ihn mir hin. Ich schnippe meine Zigarette aus dem Fenster und nehme einen kräftigen Schluck. Draußen hat sich die Sonne jetzt gegen die Wolken durchgesetzt und verkitscht den Himmel in Pastellfarben. Da fängt Margot an zu klatschen, rhythmisch. Sie guckt mich an wie ein Teenager der Fünfzigerjahre, der erstmals auf den Tanz darf. Obwohl ich gerade noch dachte, unter mir tut sich die Erde auf und verschluckt mich, muss ich lachen.

Duu kannst nicht immer Siieb-zeehn sein!,[4] singt sie und dreht sich im Kreis, ihr Rock hebt sich, ich sehe ihre Unterhose und bin verlegen. Aber sie ist quietschfidel, nicht aufzuhalten. Sie nimmt meine Hände und was soll ich machen? Ich tanze mit. Aaber das Leeeben wird diir noch geeeben was eees mit siieb-zeehn diir verspriiicht.[5] Der Schalk in ihren Augen: meine Stimmung hebt sich mit jeder neuen, verrückten Liedzeile. Einmal da wirst du siiiebzig seein. Dann biin ich nooch beei diir![6]

Plötzlich lässt sie meine Hände los und geht zum Fenster. Ich möchte weg, sagt sie. Ich sehe sie an, habe keine Ahnung, wer jetzt gesprochen hat. Teenager-Margot? Demenz-Margot? Oder war es die Margot, die sich manchmal für Sekunden zu Wort meldet und sofort wieder verschwindet wie eine Sternschnuppe am Firmament: die ernste Margot, achtundsiebzig Jahre alt, viel erlebt.

Ich schaue in ihr sanftes Gesicht, das von rotbraun gefärbtem Haar umrankt wird. Sie schnauft vom Tanzen. Am Hals hat sie eine rote Druckstelle. Sie hat wohl wieder zugelegt: Der sorgsam geschlossene Blusenkragen schneidet ihr leicht in den umfangreichen Hals. Ich öffne ihr den obersten Knopf, zwinkere ihr zu und sage entschlossen, dass man das heute so trage. Sie leistet keinen Widerstand, schaut mich nur erwartungsvoll an. Ich lege meinen Arm um ihre Schultern, sehe die Bäume vor dem Fenster an, deren nasse Blätter in der Sonne glitzern.

Also gut, sage ich, hauen wir ab.

EINE ALTE FRAU im Rollstuhl. Gesundheitsschuhe, Thrombosestrümpfe. Wadenlanger Rock, knallgelb. Ein Shirt mit grünen Flammen und höllenrotem Schriftzug: Oh Yeah! Ich schaue Margot an und finde das alles nicht mal so unpassend. Besser als die biederen Sachen für ausgemusterte Omas, die ihre selten zu Besuch kommenden Angehörigen angemessen finden. Zu meiner Verteidigung: Das Death-Metal-Shirt hat Margot sich selbst ausgesucht. Habe mir nur erlaubt, ein Accessoire hinzuzufügen: Sonnenbrille mit Farbverlauf von Rot nach Gelb. Damit sieht sie aus wie Anastacia. Rollstuhl-Rockstar.