Liebe ist (k)eine Baustelle - L. S. Anderson - E-Book
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Liebe ist (k)eine Baustelle E-Book

L. S. Anderson

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Beschreibung

Sophies Firma verlegt ihren Sitz in ein anderes Bundesland, und sie hat die Wahl: umziehen und Fernbeziehung oder Aufhebungsvertrag. Jens zuliebe entscheidet Sophie sich für die Kündigung, denn sie träumt von Hochzeit und Kindern. Einen neuen Job als Speditionskauffrau (oder sogar einen besseren) findet sie bestimmt. Mitten in die Arbeitssuche platzt ein Brief vom Nachlassgericht: Sophie ist die Alleinerbin ihrer unbekannten Großtante aus dem hintersten Winkel von Brandenburg. Das Erbe entpuppt sich als ein Haufen Schulden und ein marodes Anwesen, in dessen Zufahrt sie mit ihrem Wagen in einem Schlammloch versinkt. Rettung in der Not bietet Will Trenck, ein vorbeikommender Autofahrer mit festem Händedruck und wundervollen blauen Augen. Bei ihrer Rückkehr nach Hause erwischt sie Jens in flagranti und muss erkennen, dass ihre Beziehung gescheitert ist. Was bleibt ihr nun noch außer ihrem wurmstichigen Erbe und der Hoffnung, denn netten Zimmermann mit den blauen Augen wiederzusehen?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Liebe ist

(k)eine Baustelle

Roman von

L. S. Anderson

Erstveröffentlichung unter dem Titel

»Halbe-halbe, einmal und immer«

© 2021 L. S. Anderson

Überarbeitete Neuveröffentlichung

»Liebe ist (k)eine Baustelle«

© 2025 L. S. Anderson, Kathrin Brückmann

Alle Rechte vorbehalten.

Impressum

Texte © Copyright byL. S. Anderson

Rechteinhaberin:Kathrin Brü[email protected]

Rigaer Str. 10210247 Berlin

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN-13: 9783819430206

Impressum

1 – Nur keine Fernbeziehung!

2 – Der Brief

3 – Abschied vom Gewohnten

4 – Eine Truhe voller Reichtümer?

5 – Wie soll es weitergehen?

6 – Das Erbe

7 – Retter in der Not

8 – Ein Haus voller Geister

9 – Guter Rat, nicht teuer

10 – Wieder allein

11 – Erben muss man sich leisten können

12 – Arschgeweih und Intimpiercing

13 – Einen Fuß vor den anderen

14 – Können wir reden?

15 – Zwei Absagen und ein Plan

16 – Halbe-halbe

17 – Spinnweben, Moder, Mäusedreck

18 – Modell Porsche gegen rostigen Golf

19 – Amtliche Überraschung

20 – Hinhaltetaktik

21 – Ein Neuanfang

22 – Unser Haus

23 – Hunger

24 – Von Frikadellen und Buletten

25 – Eine romantische Geste

26 – Geschäfte

27 – In jeder Frau steckt eine Dame

28 – Aussichten

29 – Knapp bei Kasse

30 – Reinigendes Gewitter

31 – Verhandlungsgeschick

32 – Ein Date, ein Tanz und Tränen

33 – Die ganze Geschichte

34 – Ein unerwartetes Angebot

35 – Ein unerfreuliches Wiedersehen und ein noch schlimmerer Abschied

36 – Bittere Erkenntnisse

37 – Von Holzwürmern und anderen Holzliebhabern

38 – Wie Tränen im Regen

39 – Ein unmoralisches Angebot

40 – Wie man es auch dreht und wendet

41 – Kein gutes Los

42 – Wenn man was tut, wird alles gut

43 – Tausend gute Gründe

44 – Erlösende Nachricht

45 – Ein Käufer fürs Haus

46 – Statt eines Epilogs ein Kurzfilm

Nachwort

1 – Nur keine Fernbeziehung!

»Willst du den Aufhebungsvertrag wirklich unterzeichnen, Sophie? Du weißt, du hast eine Arbeitsplatzgarantie und Anspruch auf einen gleichwertigen Job am neuen Standort unserer Firma.« Die Betriebsrätin lächelte ihr aufmunternd zu.

Nur ist der dreihundert Kilometer entfernt, dachte Sophie und schüttelte den Kopf. Sie würde unterschreiben. Ihr gegenüber an dem langen Tisch des Konferenzraumes saßen ihr Gruppenleiter, ein Mann aus der Personalabteilung und die Kollegin vom Betriebsrat.

»Hast du es dir auch gut überlegt? Eine feste Anstellung ist mehr wert als eine Abfindung – ich meine, das ist vielleicht kein so guter Tausch … heutzutage«, hakte die Betriebsrätin nach.

»Ich finde schon wieder was«, sagte Sophie ausweichend.

»Ich würde dich gern als Kollegin behalten«, sagte der Gruppenleiter mit echtem Bedauern in der Stimme. »Du gehörst zu meinen besten Mitarbeiterinnen, hast Erfahrung, gute Kennzahlen, bist bei unseren Kunden beliebt, und alle, die mit dir zusammenarbeiten, mögen dich.«

»Danke, Werner«, sagte Sophie.

»Du musst dich nicht heute entscheiden. Überleg es dir doch noch mal. Bis Weihnachten kannst du deine Meinung immer noch ändern. Es würde mich wirklich freuen.«

»Es tut mir leid, Werner«, sagte Sophie. »Wie ich dir schon gesagt habe, es sind persönliche Gründe, warum ich nicht umziehen will. Es hat nichts mit euch oder mit der Firma zu tun. Ich habe immer gern hier gearbeitet.«

Werner seufzte.

Es tat Sophie wirklich leid. Ihr Job war nicht der beste der Welt und auch nicht riesig bezahlt, aber sie war gut in dem, was sie tat, ihre Kollegen waren auch ihre Freunde und die Firma ein wenig wie Heimat für sie. Wie es sich eben so ergab, wenn man ein paar Jahre irgendwo arbeitete. Trotzdem, ihr Entschluss stand fest.

»Sobald Sie unterschrieben haben«, sagte der Mann von der Personalabteilung, »faxe ich den Aufhebungsvertrag in die Zentrale, und jemand anderes bekommt Ihren Job. Wir haben mehrere Bewerber, und wenn wir einem zugesagt haben, dann können wir das nicht mehr rückgängig machen. Das wäre nicht fair, verstehen Sie? Nach Ihrer Unterschrift gibt es kein Zurück für Sie.«

»Ich weiß«, sagte Sophie.

»Und Sie wollen es sich nicht noch einmal überlegen?«

Sophie schüttelte erneut den Kopf.

Der Mann von der Personalabteilung schob Vertrag und Kugelschreiber über den Tisch, und Sophie unterschrieb an den angekreuzten Stellen. Es war ganz einfach, kein Drama. Sie unterschrieb zweimal und besiegelte damit, dass sie zu Beginn des neuen Jahres arbeitslos sein würde – in drei Wochen! – zum ersten Mal in ihrem Leben. Aber das beunruhigte sie nicht. Sie hatte gute Zeugnisse, war noch jung und überhaupt: Irgendwas ergab sich immer. Sie würde einen anderen Job finden. Vielleicht sogar etwas Besseres? Und wenn nicht sofort, dann später. Hauptsache, sie musste nicht umziehen und eine Fernbeziehung führen. Fernbeziehungen gingen immer schief, so viel hatte sie im Bekanntenkreis schon mitbekommen.

Mit Sophies Unterschrift war die Sitzung geschlossen. Alle erhoben sich, um zu gehen. Über den Tisch hinweg schüttelte der Mann von der Personalabteilung Sophies Hand und sagte: »Alles Gute, Frau Schatz.«

Sophie und Werner hatten denselben Weg. Während sie nebeneinander durch einen trüb beleuchteten Korridor liefen, sagte er: »Echt schade, dass du nicht mitkommst. Hast du schon Pläne, was du als Nächstes machst?«

»Nicht wirklich«, antwortete Sophie.

Gabi holte die beiden ein und hörte Werners Frage. »Wollt ihr etwa endlich heiraten? Willst du deshalb hierbleiben?«, erkundigte sie sich. Sie war neugierig, aber auf eine nette, harmlose Art und Weise. Wahrscheinlich gehörte das zu ihrer Funktion als Betriebsrätin.

»Du heiratest?«, fragte Werner.

Sophie wehrte ab. »Das ist noch nicht raus«, sagte sie.

»Wie lange seid ihr denn schon zusammen, Jens und du?«

»Fünf Jahre«, antwortete Gabi an Sophies Stelle. »Lange genug, um sicher zu sein.«

»Wir haben noch nicht darüber gesprochen«, murmelte Sophie.

»Heiraten ist natürlich ein guter Grund, um nicht wegziehen zu wollen«, sagte Werner. »Das verstehe ich.«

»Jetzt hört doch mal auf«, sagte Sophie mit Nachdruck. »Ich heirate doch gar nicht!«

»Nicht? Wann denn dann? Du solltest aber. Heirate, solange du noch jung bist.«

»Neunzehn ist jung«, sagte Sophie. »Ich bin neunundzwanzig.«

»Na, dann wird es höchste Zeit!« Gabi grinste und formte mit den Händen ein Herz.

Sophie verlor langsam die Geduld. »Heirate doch selbst, wenn’s dir so wichtig ist.«

»Ich bin für die Ehe nicht gemacht«, gab die Frau leichthin zurück. »Bis später.«

Sie waren vor der Abteilung angelangt, in der Sophie und Werner arbeiteten. Sophies Arbeitsplatz befand sich in einem großen, fensterlosen Raum. In blassem Neonlicht saß ein Dutzend Männer und Frauen, jeweils getrennt durch Sichtblenden, an langen Tischen vor großen Monitoren. Die Hälfte von ihnen trug Headsets, und einige telefonierten gerade. Gemeinsam erzeugten sie ein halblautes, einschläfernd gleichmäßiges Stimmengewirr, das mit dem Rauschen von Rechnerlüftungen und der Klimaanlage sowie dem Summen der Leuchtstoffröhren den Raum mit einer fast körperlich anmutenden Präsenz erfüllte. Als Sophie an ihrem Platz angekommen war, verzichtete sie darauf, den Rechner hochzufahren. Stattdessen saß sie untätig da und beobachtete die Zahlen auf dem großen Bildschirm unter der niedrigen Decke. Der zeigte an, ob und wie viele Anrufer sich in der Warteschleife befanden (und sich dabei eine nervtötende elektronische Melodie in Endlosschleife anhören mussten). Kein Anrufer wartete, und es war Viertel nach drei. Das Anrufvolumen würde heute vermutlich nicht mehr steigen. Sophie beschloss, einen Teil ihres Zeitguthabens abzufeiern, raffte ihre Sachen zusammen und ging.

Der Weg vom Verwaltungsgebäude der internationalen Spedition zum Parkplatz der Angestellten führte sie im Halbdunkel des Dezembernachmittags durch Schneematsch und schwarze Pfützen vorbei an Reihen haushoher Sattelzüge und abgestellter Auflieger. Ihr zwölf Jahre alter Golf startete nur widerwillig. Weil sein Innenraum erst nach längerer Fahrt und dann auch nur lauwarm wurde, behielt sie ihren Daunenmantel an. Hinter beschlagenen Fenstern schlängelte und drängelte sie sich eine Dreiviertelstunde lang durch den Nachmittagsverkehr. Es war fast dunkel, als sie den Wohnblock im Dortmunder Nordosten erreichte, in dessen siebtem Stock sie sich mit Jens eine kleine Wohnung teilte.

Meist war Jens vor ihr zu Hause und hatte bereits den Briefkasten geleert, wenn Sophie eintraf. Dieses Mal fiel ihr beim Öffnen des Briefkastens ein kleiner Stapel in die Hände, der auf den ersten Blick aussah wie die übliche Sammlung von Ramschpost. Die würde sie oben kurz durchsehen. Es konnte ja doch einmal etwas Wichtiges dabei sein, und die Flyer der Essensbringdienste hob sie gern eine Zeit lang auf, für die Wochenenden. Sophie konnte nicht richtig kochen, Jens erst recht nicht.

In der kleinen Wohnung war es kalt, und die Luft roch verbraucht. Sie behielt ihren Mantel an, während sie die Runde machte und lüftete. Eine Weile lauschte sie mit den Händen in den Manteltaschen auf das entfernte Rauschen des Verkehrs. Dann erst drehte sie die Heizkörper auf, schloss Balkontür und Fenster und legte ihren Mantel ab.

Als Jens eine Stunde später heimkam, stand Sophie in der winzigen Küche und sagte über die Schulter: »Ich mache was zu essen. Hast du einen besonderen Wunsch?«

»Ich möchte jetzt nichts. Ich gehe noch mal ins Studio.«

Sophie antwortete nicht.

»Willst du nicht mitkommen?«

Die Frage traf Sophie unvorbereitet. Was sollte sie antworten? Sie fand Fitnesstraining öde und Menschen, die mit fast religiöser Ernsthaftigkeit ächzend und schnaufend schwere Lasten oder sich selbst auf der Stelle bewegten, insgeheim einfältig oder albern. Jens würde außerdem darauf bestehen, dass sie nicht nur zusah, und das hasste sie wegen der unausgesprochenen Kritik an ihrer Figur. Auch wenn sie sich insgesamt in ihrer Haut wohlfühlte, glaubte Sophie, dass ihr Körper an einigen Stellen (besonders auf der Rückseite) schmaler, flacher oder straffer sein sollte und sie dringend ihren inneren Schweinehund überwinden müsste (der sich jedoch als ausgesprochen hartnäckiger Gegner erwies, besonders wenn die Alternative Muckibude hieß). Jens’ sportlicher Eifer setzte sie zusätzlich unter Druck. Manchmal aber tat er ihr auch ein wenig leid, weil er sich offensichtlich nur deshalb auf so übertriebene Weise mit dem eigenen Äußeren (mit Äußerlichkeiten überhaupt) beschäftigte, um gefühlte oder tatsächliche persönliche Mängel auszugleichen. Tagsüber trug er Anzug und Krawatte sowie Schuhe, die ihn größer wirken ließen, denn er arbeitete bei einer Bank, und sein Kosmetikverbrauch schlug ihren um Längen. Den größten Teil seiner Freizeit verbrachte er im Fitnessstudio. Das alles diente wie sein auffälliges schnelles Auto nur dazu, seine geringe Körpergröße zu kompensieren – und sein immer dünner werdendes Haar. Wenn sie mal ausgingen, verzichtete Sophie auf Absätze. Sie wusste, dass es ihm unangenehm war, wenn sie ihn überragte.

»Komm doch endlich mal wieder mit!«

Sophie wand sich innerlich. Wie fast immer entschied sie sich gegen die Langeweile und für ein schlechtes Gewissen. »Nein«, sagte sie. »Ein anderes Mal. Mir ist heute nicht nach Sport.«

Jens antwortete nicht. Sie hörte, wie er die Türen des Dielenschranks öffnete und schloss und seine Sportsachen zusammenkramte. Dann sagte er: »Bis später!«, die Wohnungstür ging, und weg war er.

»Bis später, Jens«, sagte Sophie in die einsetzende Stille. »Viel Spaß mit deinen Gewichten. Könnten wir nicht einfach mal tanzen gehen? So richtig, nicht zu dieser Maschinenmusik …« Ihr wurde bewusst, dass sie halblaut vor sich hinbrabbelte, und sie hielt erschrocken inne. Mein Gott, dachte sie, was ist los mit mir? Jens’ Desinteresse verhagelte ihr die Laune. Und für dich habe ich meinen Job aufgegeben!, dachte sie.

Die Lasagne, die sie in die Mikrowelle hatte schieben wollen, stellte sie zurück in den Kühlschrank und machte sich stattdessen ein Käsebrötchen. Das aß sie zusammen mit einem Apfel vor dem Fernseher, während sie durch die Sender zappte. Da sie auch dort nichts fand, das ihr Interesse fesselte, beschloss sie, ein Bad zu nehmen.

Sophie wusch zuerst ihr üppiges Haar und steckte es mit einer Spange hoch. Danach schüttete sie reichlich Badekristalle in die Wanne, füllte sie zur Hälfte, stieg hinein und ließ so viel heißes Wasser nachlaufen, dass die Temperatur fast unerträglich wurde. So liebte sie es. Wenn die Buddhisten recht hatten und man wiedergeboren wurde, dann war sie in einem früheren Leben bestimmt ein bunter Fisch in einer warmen tropischen Lagune gewesen. Bis zum Kinn in kleinen Gebirgen aus duftendem Schaum versunken ließ sie ihre Gedanken wandern und vergaß den Rest der Welt: ihren fensterlosen Arbeitsplatz im fahlen Neonlicht, den nasskalten Dezember, den Schneematsch und den nervtötenden Verkehr – all das schien für eine behagliche halbe Stunde unwirklich, wie eine ferne Erinnerung. Da ging ihr auf, dass sie ihren Arbeitsplatz bald nie mehr wiedersehen musste. In zwei Wochen war Weihnachten, an den Arbeitstagen danach bis Silvester würde sie den Rest ihres Jahresurlaubs abfeiern, und ab dem 1. Januar würde sie arbeitslos sein. Abgesehen von der Suche nach einem neuen Job war sie frei!

Sie könnte verreisen (natürlich mit Jens). Der brauchte auch Urlaub, so angespannt, wie er immer war. Ja, Urlaub! Irgendwo, wo gerade Sommer herrschte und das Meer badewannenwarm war. Zwei Wochen Thailand … Bali … oder Karibik. Besser drei. Nein, vier. Sie würde einen Teil ihrer Abfindung dafür auf den Kopf hauen, aber egal. In ihrer Vorstellung schwamm sie im türkisblau glitzernden Meer, spielte Beachvolleyball und lag in der Sonne, bis sie brutzelbraun war. Abends sah sie sich mit Jens tanzen und bunte Schirmchen-Cocktails trinken, bis ihr schlecht wurde. Sie würde sich von Kokoswasser und Obstsalat ernähren und dabei zehn Pfund abnehmen. Zurück in Deutschland, sonnenbraun und schlank und sexy, würde sie einen coolen, gut bezahlten Job in einer Eventagentur finden und sich mit den von ihr betreuten Promis duzen. Ach, ja …

Sophie tagträumte vor sich hin, bis das Badewasser ungemütlich kühl wurde. Nur widerwillig stieg sie aus der Wanne zurück in die Realität: in das kleine, vollgestopfte Badezimmer, in dem man sich kaum bewegen konnte, ohne irgendwo anzustoßen. Der Ganzkörperspiegel auf der Innenseite der Badtür war beschlagen und ersparte ihr gnädig zu sehen, dass sie weder sonnenbraun noch schlank war, sexy höchstens für jemanden, der winterbleiche, moppelige Frauen mochte.

In einem übergroßen Plüschbademantel, und mit Wollsocken an den Füßen rollte sie sich auf der Couch vor dem Fernseher ein, sah sich eine Folge von »The Mentalist« an, die sie schon kannte, und wartete darauf, dass Jens vom Training zurückkehrte. Darüber fielen ihr die Augen zu. Sie schaffte es noch, die Stummtaste auf der Fernbedienung zu drücken, dann schlief sie ein. Irgendwann hörte sie Jens die Wohnungstür aufschließen. Im Halbschlaf verfolgte sie seine Wege durch die Wohnung und wusste auch mit geschlossenen Augen immer, wo er war und was er tat: wie er seine Schlüssel auf eine Konsole neben der Tür warf, die Schuhe abstreifte, die Toilette benutzte, seine Sportsachen verstaute, sich umzog und etwas aus dem Kühlschrank nahm. Schließlich fühlte sie den Druck seines Körpers neben sich auf dem Sofa.

»Habe ich dich geweckt, Süße?«

»Wie viel Uhr ist es?«

»Gleich zehn«, antwortete Jens und fügte hinzu: »Wir waren noch was trinken.«

Das stimmte. Er roch ein wenig nach Alkohol, aber nicht schlimm. »Und sonst?«

»Wie immer.«

Sophie öffnete die Augen, setzte sich auf und verkündete: »Ich habe heute meinen Aufhebungsvertrag unterschrieben.«

»Deinen … was? Was heißt das?«

»Jens«, sagte Sophie vorwurfsvoll, »darüber haben wir doch schon ein paar Mal gesprochen.«

»Äh … ja. Du hast deinen Job gekündigt, oder?«

»Ja. Wenn nicht, hätte ich wegziehen müssen.«

»Ach so …«

Aus seinem Tonfall glaubte Sophie herauszuhören, dass er entweder nicht begriff, was sie getan hatte, oder dass er mit seinen Gedanken woanders war. Vielleicht machte ihn auch der Alkohol langsam im Kopf. Langsamer, als er es eh schon ist, dachte sie und schämte sich ein wenig für diesen boshaften Gedanken. Sie wartete.

»Glaubst du, du kriegst so einfach wieder was?«, fragte Jens nach einer Weile.

Sie antwortete nicht. Enttäuschung, die die ganze Zeit an den Rändern ihrer Wahrnehmung auf eine Chance gelauert hatte, machte sich in ihr breit. Okay, sie wusste und hatte sich daran gewöhnt, dass Jens manchmal ein unsensibler Klotz war, aber sie hatte trotzdem erwartet, nein: fest damit gerechnet, dass er ihre Entscheidung in irgendeiner Form gutheißen, ja sogar belohnen würde. Was war denn daran unklar, dass sie nicht dreihundert Kilometer entfernt von ihm leben wollte? Einen Moment lang war sie kurz davor, die erhoffte Reaktion von ihm zu erpressen, aber sie hielt sich zurück. Jens war ein Muttersöhnchen und geübt darin, Frauen nach dem Mund zu reden – vorausgesetzt, er erriet rechtzeitig, worauf sie hinauswollten, und hatte keine Gelegenheit mehr, sich einer Diskussion zu entziehen. Und außerdem, wenn sie ihn unter Druck setzte … Er war womöglich nicht geistesgegenwärtig genug zu sagen, was sie von ihm erwartete (Oh Liebling, dass du das für mich getan hast. Ich will den Rest meines Lebens … Willst du meine …?). Im schlimmsten Fall bekäme sie auf die provokante Frage: »Hättest du lieber, dass ich wegziehe?« eine Antwort, die sie nicht hören wollte.

»Es ist gut, dass du nicht wegziehst«, sagte Jens, um das Schweigen zwischen ihnen zu brechen, oder weil er erraten hatte, was von ihm erwartet wurde.

Und weiter?, dachte Sophie.

»So einen Job wie den, den du jetzt machst, bekommst du bestimmt wieder. Der kann so schwer nicht zu finden sein.«

Weil es ein Loser-Job ist?, dachte Sophie und presste die Lippen zusammen. Einer, den niemand macht, außer er ist so dusselig wie ich? Einer, den jeder Idiot machen könnte? Ich werde mir einen besseren suchen. Ich habe einen besseren Job verdient!

Ihr Schweigen machte Jens unruhig. Er sagte: »Willst du ein Glas Wein? Ich hole mir welchen.«

Er kam mit zwei Gläsern aus der Küche zurück und setzte sich wieder neben sie. »Prost, Süße. Auf dich. Auf deinen Neuanfang. Mach dir keine Sorgen, du hast das Richtige getan.«

Ich mache mir keine Sorgen, dachte Sophie.

Jens trank, lehnte sich dann ein wenig zu ihr herüber und sagte: »Hmm … Du riechst gut.«

Seine Hand stahl sich unter ihren Bademantel. Sophie war nicht überrascht, denn Jens kam oft angeregt aus dem Fitnessstudio nach Hause. Sie richtete sich auf, schob seine Hand weg und sagte: »Lass uns verreisen.«

»Was?«

»Verreisen. Wegfahren. Urlaub machen. Irgendwo in der Sonne. Irgendwo, wo nicht Winter ist.«

»Aber …«

»Bitte!«

»Wie stellst du dir das vor? Wir können doch nicht einfach …«

»Doch, das können wir!«

»Nein … ich meine, du vielleicht. Ich nicht.«

»Warum denn nicht?« Sophie bereute ihre Frage sofort. Damit gab sie Jens eine Chance, sich rauszureden. Sie sprach hastig weiter. »Jens, ich muss mal raus. Raus aus dem Winter, der Nässe, der Kälte, der Dunkelheit. Raus aus dieser Stadt. Raus aus … allem. Wenigstens für ein paar Wochen. Bitte …«

»Ich kann nicht. Das weißt du doch. Ich habe für dieses Jahr keinen Urlaub mehr. Erst wieder Mitte nächsten Jahres.«

Sophie schwieg, und Jens fuhr fort: »Wir machen im Sommer Urlaub, versprochen. Wir fliegen, wohin du willst. Oder nach Island. Da scheint im Sommer dreiundzwanzig Stunden am Tag die Sonne, und überall kommt heißes Wasser umsonst aus dem Boden. Jedes Kaff hat ein Thermalbad. Wie findest du das?«

»Ich brauche eine Auszeit, Jens. Dringend. Jetzt. Nicht im Sommer. Im Sommer kann ich auch ins Freibad gehen oder an den See fahren. Außerdem habe ich bis dahin einen neuen Job und kann nicht gleich wieder Urlaub machen.«

»Na, dann flieg doch allein. Ist doch kein Problem. Andere Frauen tun so was auch.«

»Ach, Jens …«, flehte Sophie. »Ich möchte mit dir verreisen.«

Gerade habe ich meinen Job aufgegeben, um mit dir zusammenzubleiben, dachte sie, und jetzt willst du mich allein in den Urlaub schicken. Sie sprach den Gedanken nicht aus. Besser die Sache erst mal ruhen lassen, bis er sich an den Gedanken an Urlaub gewöhnt hatte. Sie würde in ein paar Tagen einen neuen Anlauf nehmen. Noch war ja Zeit. Viel Hoffnung hatte sie allerdings nicht, dass er seine Haltung änderte. Jens war nicht der Typ, der seinem Arbeitgeber zwei Wochen außerplanmäßigen Urlaub abzuschwatzen wagte, geschweige denn es schaffte. Und selbst wenn ihm das gelänge, müsste er immer noch seiner Mutter klarmachen, dass er vielleicht den Weihnachtsabend oder Silvester nicht ›zu Hause‹ verbrachte. Das war schlicht undenkbar – für sie und ihn. Trotzdem. Sophie wollte Jens weiter beknien. Er war ihr was schuldig, fand sie.

»Wir machen im Sommer gemeinsam Urlaub«, wiederholte Jens. »Und was deine Arbeit angeht, such dir halt einen Job, bei dem du erst im Herbst anfangen musst.«

Sophie schluckte hart. »Und was soll ich bis dahin tun?«

Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas, rückte ein wenig näher an sie heran und schob seine Hand wieder unter ihren Bademantel. »Wir könnten doch schon mal einen kleinen … Kurzurlaub …« Seine Hand kroch über ihren Oberschenkel.

»Nicht, Jens!«

»Nicht? Ferien, jetzt gleich hier, auf dem Sofa?«

Sophie hatte gern Sex und reagierte auf erotische Reize rasch und manchmal auch intensiver, als ihr lieb war. Für einen Moment war sie geneigt, Jens’ Vorschlag anzunehmen, nicht, weil sie in Stimmung war, sondern einfach nur, um sich gut zu fühlen. Sie wollte Winterblues und Enttäuschung für eine Weile vergessen. Aber die Enttäuschung über sein Verhalten saß zu tief. Das würde ihr den Spaß verderben, umso mehr, als sie ihn nicht auch noch für sein unsensibles Verhalten belohnen wollte. Sie packte Jens’ Hand durch den Stoff des Bademantels. »Nein. Hör auf!«

Jens befreite seine Hand aus ihrem Griff, aber er gab noch nicht auf. »Komm schon, Sophie, entspann dich. Du bist doch sonst auch nicht so.«

Im Aufstehen raffte sie den Bademantel vor ihrem Körper zusammen. »Ich bin nicht so«, sagte sie. »Ich bin nur einfach nicht in Stimmung.«

»Hey, lass dir doch einfach von mir was Gutes tun. Es wird dir gefallen, bestimmt. Es gefällt dir doch sonst auch.«

»Heute nicht.«

Er schob die Unterlippe vor. »He, ich versteh ja, dass du dir Sorgen machst oder schlecht drauf bist oder so … irgendwas. Aber das brauchst du doch nicht an mir auszulassen«.

»Ich lasse nichts an dir aus«, sagte Sophie. »Ich gehe nur schlafen.«

»Jetzt schon? Es ist erst kurz nach zehn.«

»Na und? Ich muss morgen früh raus.« Sie wandte sich ab, während Jens den Ton des Fernsehers wieder einschaltete.

»Mach nicht zu laut«, sagte sie über die Schulter. »Und sei bitte leise, wenn du schlafen gehst.«

Jens antwortete nicht.

Die Luftfeuchtigkeit im Badezimmer war so weit abgesunken, dass die Spiegel nicht mehr beschlagen waren. Sophie konnte sich beim Zähneputzen zusehen. Wenn nur der Winter schon vorüber wäre, dachte sie, während sie methodisch ihre Zähne schrubbte. Oder wenigstens Weihnachten und Silvester. Die Wochen von Mitte Dezember bis Anfang Januar waren für sie immer die anstrengendste Zeit des Jahres. Arbeits- und Feiertage lagen wild durcheinander, und man brauchte erhebliches Organisationstalent, um Wichtiges und Unwichtiges zu unterscheiden und alles zur rechten Zeit zu erledigen. Abgesehen davon waren die Stadt, die Kaufhäuser und Läden überfüllt, die Parkplätze knapp, die Menschen leicht reizbar und das Wetter immer mies. Die Speditionskunden waren in der Vorweihnachtszeit am Telefon noch anspruchsvoller und nörgeliger als im ganzen Rest des Jahres zusammen.

Das alles ist jetzt erst mal vorbei, dachte sie erleichtert. Eigentlich konnte sie es noch gar nicht richtig glauben, so selbstverständlich war ihr der immer gleiche Rhythmus in Fleisch und Blut übergegangen: jeden Morgen um Viertel vor sechs aufstehen, sich durch den Berufsverkehr drängeln, acht Stunden in einem fensterlosen Raum am Telefon verbringen. Selbst die Mittagspause in der Firmenkantine mit den ewig gleichen zehn Gerichten (immer zwei an einem Tag, eines davon vegetarisch) bot weder Überraschung noch Abwechslung. In sieben Jahren, schätzte Sophie, musste sie an die dreihundertfünfzig Mal ›Putengeschnetzeltes mit buntem Reis und gemischtem Salat‹ gegessen haben, dazu Götterspeise als Dessert. Immerhin besaß die Kantine Fenster, und man hatte einen Ausblick, wenn auch nur auf die Parkplätze und Zweckbauten des umliegenden Gewerbegebiets. Man gewöhnt sich an alles, manchmal so sehr, dass man schließlich daran hängt. Würde sie es am Ende vielleicht sogar vermissen? Sophie lauschte in sich hinein. Sie fühlte weder Wehmut bei der Aussicht, Job, Kollegen und Freunde hinter sich zu lassen, noch war sie gespannt auf ihre Zukunft. War das gut oder schlecht? Vielleicht würde der Abschiedsschmerz noch kommen, aber hatte sie eine Wahl gehabt? Ein Umzug, eine zweite Wohnung mit ihrem mageren Verdienst und eine Fernbeziehung über dreihundert Kilometer …

Schluss mit der Grübelei! Sophie spülte ihren Mund aus und lächelte sich mechanisch im Spiegel an. Auf ihre Zähne war sie stolz. Dann fuhr sie sich mit einem groben Kamm ein paar Mal durch ihr schweres dunkelblondes Haar und raffte es für die Nacht zu einem Pferdeschwanz zusammen. Wie immer sprang sie ihr abstehendes rechtes Ohr förmlich an. Manchmal kam es ihr sogar größer als das andere vor. Ich sollte etwas von meiner Abfindung dafür ausgeben, mir das Ohr machen zu lassen, dachte sie. Das kann nicht so teuer sein. Sie erinnerte sich nicht, ob es schon immer abgestanden hatte oder ob es erst durch eine unausrottbare Angewohnheit von ihr so geworden war: die unbewusste Handbewegung, mit der sie ins Gesicht fallende Haarsträhnen hinters Ohr klemmte, wodurch es sich immer weiter abgespreizt haben könnte.

Sophie beendete die Selbstbetrachtung mit einem Seufzer sowie einer kleinen Grimasse für ihr Spiegelbild und schlurfte ins Schlafzimmer, wo sie aus der Tiefe ihrer vollgestopften Schrankhälfte einen alten Flanellschlafanzug heraussuchte und anzog. Der würde Jens bremsen, falls er heute Abend noch einen Annäherungsversuch unternehmen wollte.

2 – Der Brief

Sophie entdeckte den Brief erst am Abend des folgenden Tages – er steckte zwischen all der Werbung, die sie am Vortag mit hinaufgenommen hatte. Auf dem unscheinbaren Standardkuvert aus Recyclingpapier stach ihr der Absender ins Auge, aufgedruckt von einer Frankiermaschine: Amtsgericht Küstrow. Im ersten Moment glaubte sie an einen Irrläufer, denn sie kannte keinen Ort namens Küstrow. Aber ihr Name und ihre Adresse waren korrekt im Fenster des Umschlags zu lesen. Sie riss den Brief auf und las:

Amtsgericht Küstrow,

Nachlassgericht,

Aktenzeichen …

Sehr geehrte Frau Schatz,

in der Nachlassangelegenheit

Marie-Luise Berkemann, geborene Schatz,

geboren am 25. 11. 1938 in Breslau (Wroclaw),

verstorben am 10. 7. 2018 in Küstrow,

mit letztem gewöhnlichem Aufenthalt in …

Tante Marie-Luise, die Schwester der Mutter ihres Vaters, also ihre Großtante, war gestorben. Schon vor Monaten. Die Nachricht löste weder Betroffenheit noch Trauer bei Sophie aus, denn sie hatte die Verstorbene so gut wie nicht gekannt und war ihr nur einmal vor zwanzig Jahren bei ihrer Erstkommunion begegnet. Die Erinnerung daran war mehr als verschwommen und bestand hauptsächlich darin, dass die Tante eine ziemlich große Frau und irgendwie extravagant gewesen war – sie hatte in der Kirche einen Hut getragen, einen großen mit einer weichen breiten Krempe, eine Art Florentiner. Sophie las, neugierig geworden, weiter:

… sind Sie von dem vom Gericht bestellten Nachlasspfleger als gesetzliche Erbin ermittelt worden. Eine Sterbeurkunde erhalten Sie vom zuständigen Standesamt. Bitte legen Sie zum Nachweis von Erbberechtigung und Verwandtschaftsverhältnis dem Nachlassgericht folgende Urkunden vor: Personalausweis, Geburtsurkunde, Geburtsurkunde des Vaters …

Sophie überflog den Rest des Textes, der hauptsächlich aus Hinweisen zum Verfahren bestand, und ging dann mit dem Schreiben ins Wohnzimmer, wo Jens vor seinem Rechner saß.

»Meine Großtante ist gestorben.«

»Was? Wer? Du hattest eine Großtante? Ich dachte, deine Mutter wäre deine einzige Verwandte.«

»Ich hatte die Tante vergessen. Ich kannte sie ja kaum. Ich bin ihr nur einmal in meinem Leben begegnet.«

Jens antwortete nicht.

»Googel mir bitte mal Küstrow. Mit W am Ende.«

»Googel doch selbst«, schnaubte Jens.

»Bitte«, sagte Sophie, »du sitzt doch gerade am Rechner. Bevor ich meinen hochgefahren habe, hast du mir Küstrow schon dreimal aufgerufen.«

»Was ist das? Wozu willst du das denn wissen?«

Sophie musste ihren Ärger über seine Störrigkeit unterdrücken. »Das ist eine Stadt. Ich muss dort aufs Gericht.« Sie wedelte mit dem Schreiben.

»Aber doch nicht jetzt gleich, oder?«

»Jens, bitte …«

»Hat dich jemand verklagt?«

»Jens, bitte! Es ist wegen der Großtante. Ich bin ihre Erbin.«

Jens sah von seinem Laptop auf, plötzlich interessiert. »Ach, echt? Hast du was geerbt?«

»Anscheinend, ja.«

»Was denn?«

Er streckte die Hand nach dem Schreiben aus, aber Sophie gab es ihm nicht. »Keine Ahnung. Steht hier nicht drin.« Dann deutete sie auf Jens’ Rechner. »Küstrow. Mit K am Anfang und W am Ende.«

Jens schnaufte, tippte aber auf seiner Tastatur herum und sagte dann: »Küstrow in Brandenburg, dreißigtausend Einwohner, ist das dein Küstrow? Eine kleine Stadt, irgendwo in der hinterletzten Pampa, an der polnischen Grenze?«

»Gibt es noch ein Küstrow?«

»Nein.«

»Dann ist es wohl das Richtige.« Oh je, dachte Sophie. Das sind mindestens fünf Stunden Fahrt. Zehn Stunden hin und zurück. Oder mehr. Im Winter. In meinem altersschwachen Wagen. Nur um einige Papiere abzuliefern …

Sie ging ins Schlafzimmer und grub aus der hintersten Ecke ihres Kleiderschranks einen alten Schuhkarton aus. Seit Jahren hatte sie ihn nicht hervorgeholt. Er enthielt keine Geheimnisse, nur Dokumente, Papiere, Fotos und kleine Andenken an die Familie, von der Sophie einmal ein Teil gewesen war. Sie breitete den Inhalt des Kartons auf ihrem Bett aus. Dokumente und Briefe waren noch mit Schreibmaschine geschrieben, Fotos vom Alter verfärbt. Sophie betrachtete sie zunächst ohne besondere Empfindungen. Was sie vor sich sah, waren Echos aus einer fernen, ihr fremden Vergangenheit. Auf einigen Schwarz-Weiß-Fotografien waren Menschen abgebildet, die sie nicht einmal kannte, und es gab wohl auch niemanden mehr auf der Welt, der ihr noch sagen konnte, um wen es sich handelte. Vielleicht die Eltern ihres Vaters? Sie waren gestorben, ehe Sophie alt genug war, sich an sie zu erinnern. Die Eltern ihrer Mutter, Spanier, die vor fünfzig Jahren nach Deutschland gekommen waren, kannte Sophie, und sie lebten noch. Ihre eigenen Eltern erkannte sie nur deshalb auf dem großformatigen Hochzeitsfoto, weil sie wusste, wer abgebildet war. Auch sich selbst war sie fremd auf ihren Kinder- und Jugendbildern. Erst auf den Fotos von ihrer Abiturfeier sah sie sich endlich ähnlich, und Vater und Mutter sahen darauf aus, wie sie sie in Erinnerung hatte. Sie waren ein schönes Paar gewesen, und besonders Sophies südländisch anmutende Mutter fiel auf. Der Anblick ihres Vaters bewegte Sophie schließlich doch noch, und sie erlaubte sich eine Minute der Trauer. Es war lange her, dass sie an ihn gedacht hatte, aber noch viel länger war er tot, verunglückt in einer regnerischen Nacht auf der Autobahn. Für immer jung, dachte Sophie, während sie sein Bild studierte. Er würde nie vor ihren Augen altern, kränklich und hinfällig werden und sterben. Für sie würde er für immer ein gut aussehender, optimistischer Mittvierziger bleiben, der eines Abends Frau und Tochter zum Abschied geküsst hatte, in einen großen weißen Sprinter gestiegen, davongefahren und nie zurückgekehrt war.

Sophie schob die Fotos zur Seite und wandte sich den Papieren zu. Sie entdeckte rasch die Geburtsurkunde ihres Vaters und ihre eigene. Ein Dokument, das ausdrücklich ihre oder ihres Vaters Verwandtschaft mit Tante Marie-Luise belegte, fand sie nicht. Sophie entschied nach kurzer Überlegung, dass das kein Problem sein konnte, denn das Nachlassgericht hatte sie ja bereits als Erbin identifiziert. Die Forderung, weitere Nachweise zu erbringen, musste eine Formsache sein.

Bei den Papieren fand Sophie auch Briefe und Honorarrechnungen eines Notars, der mit dem Nachlass ihres Vaters befasst gewesen war. Das brachte sie auf die Idee, einen Notar mit dem Nachweis ihrer Erbberechtigung zu beauftragen, statt 1 000 Kilometer hin und zurück zu fahren. Sie studierte die Rechnungen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was sie das kosten würde. Ein Notar war jedenfalls teuer, so viel fand sie heraus. Anscheinend wurde das Honorar irgendwie proportional zum Wert des Nachlasses berechnet. Es kam also darauf an, was sie geerbt hatte – hatte sie etwas geerbt? Was würde sie mehr (oder weniger) kosten, ein Notar oder eine Reise nach Brandenburg?

Sophie hatte bisher nie viel verdient, und demnächst wäre sie arbeitslos. Sie besaß nur das wenige, was ihr der Vater in Form von ein paar Sparbriefen hinterlassen hatte. Dazu kam noch die Abfindung von ihrem letzten Arbeitsplatz. Aber das war auch nicht viel, sechs Monatsgehälter, und wahrscheinlich musste sie die auch noch versteuern … Seit ihrem Eintritt ins Erwachsenenleben hatte Sophie stets sparsam sein müssen, auch wenn ihr das nicht gefiel. Manchmal fürchtete sie, dass der Geldmangel sie eines Tages kleinlich oder geizig machen würde oder schon gemacht hatte. Lieber wäre sie in Gelddingen so lässig, wie ihr Vater es gewesen war, und so unbekümmert wie ihre Mutter.

Eine Weile saß sie auf ihrem Bett zwischen Fotos und Papieren, bevor sie sich entschied: Sie würde einen Notar aufsuchen, denn sie fürchtete sich mehr vor zehn Stunden Fahrt in ihrem alten Auto, noch dazu in die tiefste ostdeutsche Provinz (sie malte sich meterhohe Schneewehen unter bleiernem Himmel aus), als vor einer Rechnung über vielleicht einige 100 Euro. Sobald die Abfindung auf dem Konto eingegangen wäre, musste sie – wenigstes vorübergehend – keine Angst vor unvorhergesehenen Ausgaben haben. Und schließlich, sagte sie sich, irgendetwas würde sie ja ganz bestimmt erben, und das wog hoffentlich die Kosten für einen Notar auf.

Sophie legte die benötigten Urkunden zur Seite, räumte den Rest der Bilder und Papiere wieder in den Schuhkarton und schob ihn zurück in den Kleiderschrank. Im Wohnzimmer saß Jens immer noch vor seinem Rechner.

»Jetzt, wo du reich bist«, sagte er, »solltest du endlich mal über zeitgemäße Anlageformen für dein Geld nachdenken. Sparbriefe bringen doch nichts.«

»Ich bin nicht reich«, protestierte Sophie, die es hasste, wenn Jens im Bankermodus war.

»Du musst die letzte direkte Verwandte deiner Großtante sein, sonst hätte jemand anderes vor dir geerbt«, erklärte Jens. »Großnichten stehen in der gesetzlichen Erbfolge ganz weit hinten.« Sophie wusste nichts darauf zu sagen, und er fuhr fort: »Ich habe mal Seminare zum Erbrecht gemacht. Wir haben in meiner Bank oft mit Erben zu tun.«

Jens sagte immer ›wir‹ und ›meine Bank‹ und drängelte sich in jede innerbetriebliche Fortbildung. Er war fest entschlossen, Karriere zu machen, und da konnte so etwas nützlich sein.

»Ich glaube nicht, dass die Tante mir viel hinterlassen hat«, sagte Sophie. »Sie hat wohl den größeren Teil ihres erwachsenen Lebens in der DDR gelebt. Wer konnte da schon groß Reichtum anhäufen?«

»Ach. In der DDR …?« Jens verlor erkennbar das Interesse an Sophies Erbschaft. »Ist vielleicht auch besser so«, sagte er. »Als Großnichte musst du nämlich ohne Ende Erbschaftssteuer zahlen.« Dann wandte er sich wieder seinem Rechner zu.

Sophie fuhr nun doch ihren alten Computer hoch und suchte im Internet ein paar Notare heraus. Sie würde zu demjenigen gehen, der ihr am ehesten einen Termin anbieten konnte.

3 – Abschied vom Gewohnten

In ihren letzten zehn Arbeitstagen war Sophie über Internet und Telefon mit einer 300 Kilometer entfernten Kollegin zusammengeschaltet, um sie einzuarbeiten. Die Frau hatte eine sympathische Stimme, einen leichten ostdeutschen Akzent und eine rasche Auffassungsgabe. Ehe eine Woche vergangen war, musste Sophie kaum noch mehr tun, als über Kopfhörer und am Monitor zu verfolgen, was ihre Nachfolgerin sagte und tat.

Währenddessen verabschiedeten sich nach und nach diejenigen von Sophies Kollegen, deren Abteilungen am neuen Standort schon funktionierten, in den vorzeitigen Weihnachtsurlaub. Eine Entrümpelungs- und Umzugsfirma räumte die frei gewordenen Büros aus. Jeden Abend standen mehr Türen offen und gaben den Blick auf leere Räume frei. Jeden Morgen hallten Sophies Schritte lauter in den Fluren, auf denen sie fast nur noch die Männer traf, die die Büromöbel bewegten.

Die formlose Auflösung des Betriebs und der Belegschaft schlug sich auf die Stimmung bei der letzten Weihnachtsfeier nieder. Sie geriet zur rührseligen Abschiedsparty und lief ziemlich aus dem Ruder. Es wurde mehr getrunken als ohnehin üblich, und es fanden berauschte Verbrüderungen von Leuten statt, die sich bisher kaum gekannt oder vorher nie hatten leiden können. Es gab zahlreiche betrunken-feierliche Versprechen, einander nicht aus den Augen zu verlieren, auch wenn man nicht mehr miteinander arbeitete, und gelallte Liebesgeständnisse wie sonst nur an Fasching. (Werner: Schliebedisch, Sophie, schabedischonimmer … (Schluckauf); Sophie: Aber Werner, du bist doch verheiratet …) Nach Mitternacht kam es auf den Toiletten zu einigen unappetitlichen Eruptionen, wo sich Männer gegenseitig stützten und Frauen einander abwechselnd die Haare zurückhielten.

Jens hatte Sophie auch diesmal nicht zur Weihnachtsfeier der Firma begleitet, weil ihm, wie er jedes Mal sagte, in der Gesellschaft von besoffenen tätowierten Fernfahrern die Feierlaune im Hals stecken bleiben würde. So musste Sophie nüchtern bleiben, um selbst heimfahren zu können, und obendrein fiel ihr dann auch noch die Aufgabe zu, morgens gegen drei eine Handvoll fahruntüchtiger Kollegen zu ihrem jeweiligen Zuhause zu bringen. Ihr Auto roch auch am nächsten Tag noch wie eine Kneipe.

Die Weihnachtsfeier von Jens’ Bank hatte dagegen fast den Charakter eines Balls, mit der versammelten Belegschaft aller Filialen in der Stadt. Sophie ging wie jedes Jahr gern mit. Es störte sie nicht, dass Jens sie nur deshalb als Partnerin vorführte, weil er glaubte, dass Singlemänner bei seinem Arbeitgeber schlechtere Aufstiegschancen hatten. Sie freute sich einfach über die Gelegenheit, sich einmal richtig aufzubrezeln, ein Kleid, Make-up und Schmuck zu tragen und zu tanzen – denn eine Dreimann-Band spielte auf der Feier richtige Tanzmusik. Jens konnte zwar tanzen, tat es aber nur widerwillig, sodass Sophie sich an seine Kollegen halten musste. Vor allem unter den älteren von ihnen gab es hervorragende Tänzer, und sie hatte eine Menge Spaß, obwohl die allgemeine Stimmung nicht gerade ausgelassen war. Als der Abend recht früh endete, war niemand offensichtlich betrunken; keiner versuchte, jemand anderen zu umarmen oder gar jemandem an die Wäsche zu gehen, und alle konnten selbst nach Hause fahren.

Sophies letzter Arbeitstag war der 24. Dezember, und sie arbeitete bis spätnachmittags. Zu Hause angekommen nahm sie ein Bad und telefonierte dann im Bademantel und mit einem Handtuchturban um die feuchten Haare eine halbe Stunde mit ihrer Mutter. Carmen Schatz war einige Zeit nach dem Tod ihres Mannes – Sophie hatte gerade die Ausbildung abgeschlossen und startete ihren ersten Job – zusammen mit ihren Eltern nach Spanien gezogen und betreute die alten Leute dort. Sophie hatte Mutter und Großeltern in den ersten Jahren nach der Auswanderung dreimal besucht und einen vierten Besuch dann so lange verschoben, bis es sich nicht mehr richtig anfühlte. Schließlich wurden auch die Telefongespräche immer seltener. Inzwischen lebte Sophies Mutter so lange in Spanien, dass sie mit Akzent sprach und spanische Worte in ihre deutschen Sätze einbaute. Sie redeten nie über Sophies Vater, und Sophie wollte nicht wissen, ob ihre Mutter vielleicht einen neuen Mann kennengelernt hatte oder sogar noch einmal heiraten wollte.

Weihnachtsabend und Silvester verbrachten Sophie und Jens wie jedes Jahr bei Jens’ Eltern. Die beiden mochten Sophie. Jens’ Mutter fand, dass sie die richtige Partnerin für ihren Sohn war, denn sie hielt Sophie für fleißig, geduldig und fürsorglich und hatte ihr irgendwann einmal (unter vier Augen) die Aussage entlockt, dass sie gern Kinder haben wollte (was stimmte). Spätestens seit diesem Zeitpunkt gehörte Sophie zur Familie. Sophie fand Jens’ Eltern nett, langweilte sich aber immer ein wenig in ihrer Gesellschaft und auch auf den gelegentlichen Familienfeiern mit Jens’ weiterer Verwandtschaft. Doch weil das nur selten vorkam, hielt sie es aus, und war das nicht überhaupt normal? Jede Familie ist eine Welt für sich, nicht entzifferbar und deshalb uninteressant für Außenstehende. Spannende Familien gibt es nur im Kino und in Romanen.

In der Silvesternacht morgens um zwei, als die Knallerei größtenteils vorüber war, bestand Jens darauf, noch in einen Club zu gehen. Weil sie mit Jens’ Wagen zu seinen Eltern gefahren waren, musste Sophie wohl oder übel mitkommen. Sie war müde, hatte sich den ganzen Abend lang gelangweilt, und das Silvesteressen, das Jens’ Mutter aufgetischt hatte, lag ihr schwer im Magen. Im flackernden Licht, der Hitze und dem monotonen Lärm des überfüllten Clubs verdichtete sich ihr Unwille zu einem starken Unbehagen. Es hatte Zeiten gegeben, in denen sie sich nach einer banalen Arbeitswoche gern den Beats ausgesetzt und enthemmt von Alkohol bis zu Erschöpfung getanzt hatte. In dieser Silvesternacht gelang ihr das nicht; stattdessen bekam sie Kopfschmerzen. Außerdem kam sie sich deplatziert vor zwischen all den Mädchen in bauchfreien Partyklamotten. In ihrem Pullover war ihr zu warm, der Bund ihrer Hose spannte unangenehm, und sie fühlte sich alt und fett. Jens hatte sie längst aus den Augen verloren und sandte ihm eine Nachricht, bevor sie den Club verließ. Draußen in der kalten Nacht brauchte sie zehn Minuten, um ein Taxi zu erobern, aber immerhin ließen währenddessen ihre Kopfschmerzen nach. Zu Hause spielte sie mit dem Gedanken, den Finger in den Hals zu stecken, um ihr Abendessen loszuwerden und leichter einschlafen zu können, entschied sich dann aber dagegen. Trotz ihrer Müdigkeit lag sie lange wach, lauschte ihrem aufgebrachten Magen, und ihre Gedanken wanderten ziellos. Dass sie einschlief, bemerkte sie nicht, und sie hörte auch Jens nicht kommen. Am nächsten Morgen lag er wie immer neben ihr.

4 – Eine Truhe voller Reichtümer?

Vor Weihnachten noch übergab sie einem Notar alle Papiere im Zusammenhang mit der Erbschaft. Der wortkarge Mann wirkte genau so staubtrocken, wie sie sich einen Notar immer vorgestellt hatte. Seine fahle Haut schimmerte bleich im Neonlicht seines Büros, und die spärlichen, über den Kopf gekämmten Haarsträhnen betonten seine ausufernde Glatze eher, als sie zu verbergen. Selbst seine Stimme raschelte und knisterte wie altes Papier. Nachdem er sich umständlich darüber empört hatte, dass Sophies Anliegen nicht bis nach den Feiertagen hatte warten können, studierte er die an sie gerichteten Schreiben vom Nachlassgericht. Schließlich musterte er sie missmutig über den Rand seiner Brille. »Und? Was soll ich nun da tun?«

Irritiert erwiderte Sophie: »Ich dachte, Sie könnten mir das sagen. Ich erbe zum ersten Mal und habe keine Ahnung, was es dazu braucht.«

Seine Mundwinkel gruben noch tiefere Falten Richtung Kinn, während er die dünnen Lippen zusammenkniff. »Wollen Sie das Erbe denn antreten, Frau Schatz?«

Was war das denn für eine Frage? Sie wusste ja nicht einmal, was sie geerbt hatte, wie konnte sie da Ja oder Nein sagen? In ihren verwirrten Gedanken tauchte eine Schatztruhe auf, aus der Perlenketten und Goldmünzen hervorquollen, und ein plötzliches Wohlgefühl breitete sich in ihr aus. Damit wäre sie ihre Geldsorgen erst mal los. Vielleicht handelte es sich auch um ein prall gefülltes Konto, eine Villa mit Pool … »Ja, natürlich möchte ich das Erbe antreten!« Es fehlte noch, dass sich irgendein Fremder über ihre Dummheit freute. Was Jens dazu sagen würde, wenn sie sich das Erbe durch die Lappen gehen ließe, wollte sie sich lieber nicht ausmalen.

Der Notar wirkte nicht erfreut, während er in seinen Schubladen kramte und schließlich mehrere amtlich aussehende Bögen hervorholte. »Frollein Petermann«, krächzte er in seine klobige Gegensprechanlage.

Kurz darauf erschien eine ältliche Sekretärin, angetan mit einer beigefarbenen Handtasche und einem Wollmantel altmodischen Schnitts. »Ja, Herr Doktor Schultze? Ist noch was? Ich habe doch heute früher Feierabend.«

Der Notar gab einen ärgerlichen Laut von sich und funkelte Sophie an, als wäre das ihre Schuld. »Es geht um die Beantragung eines Erbscheins. Haben Sie noch Zeit, die Angaben in das Formular einzutippen?«

»Also wirklich …!« Sie blickte auf die Armbanduhr und schien im Geiste nachzurechnen, welche ihrer Unternehmungen sie Sophies wegen nicht würde machen können.

»Schon gut. Gehen Sie nur.« Der Notar schob Sophie die Papiere zu. »Unterschreiben Sie einfach hier, hier und … hier, den Rest erledige ich kommende Woche für Sie.«

»Äh … was denn genau?«, erkundigte sie sich, während der Kugelschreiber in ihrer Rechten über dem ersten Unterschriftsfeld schwebte. ›Niemals blind unterschreiben!‹, das war eine von Jens’ eisernen Regeln. Sophie wollte sich ungern seiner Häme aussetzen, wenn sie etwas falsch machte.

»Soweit ersichtlich, ist Ihre … äh … Verwandte verstorben, ohne ein Testament zu hinterlassen. Um das Erbe mit allen Rechten und Pflichten antreten zu können, benötigen Sie in so einem Fall einen Erbschein.«

Rechte und Pflichten, wie das klang! Vielleicht bestand das Erbe aus einem Rassehund, den sie nun zu füttern und zu betreuen hatte? Na, es würde schon alles seine Richtigkeit haben, sonst hätte der Notar sie sicher gewarnt. Sie unterschrieb dreimal und schob die Papiere zurück. Als sie die Kanzlei verließ, kam ihr selbst der bleigraue Himmel des Dezembertags heiter vor gegen die bedrückende Atmosphäre hinter der Tür.

Während der Feiertage und zwischen den Jahren vergaß (oder verdrängte) Sophie fast vollständig, dass sie arbeitslos war. Am ersten Arbeitstag des neuen Jahres stand sie zusammen mit Jens auf, bereitete Frühstück für beide und verfolgte abwesend, wie er sich für den Tag fertigmachte: die Dusche, den Föhn und die elektrische Zahnbürste, das Geräusch von Schranktüren, das Klappern von Absätzen. Ein kurzer Abschiedsgruß über die Schulter gesprochen, die Wohnungstür … und dann Stille. Es war so still, dass Sophie das Blut in ihren Ohren singen hörte. Sie war allein in der kleinen Wohnung und hatte nichts zu tun.

Wie es sich anfühlen würde, arbeitslos zu sein, das hatte sie sich nie ausgemalt. Solange sie zurückdenken konnte, hatte sie mit Blick auf die Uhr gelebt; Arbeitszeiten strukturierten ihre Tage und Wochen. Es gab immer zu erledigende Dinge, zu erfüllende Verpflichtungen, einzuhaltende Termine und einen Stapel Aufgaben. Leben war Routine. Urlaube oder Wochenenden, Sonntage, an denen sie bis mittags im Bett lag, das waren nur überschaubare Atempausen mit der Aussicht auf die unvermeidliche Wiederkehr des immer Gleichen.

Nun kam es Sophie so vor, als wäre ihr Leben plötzlich zu einem jähen Halt gekommen. Das machte sie ratlos. Natürlich – sie wusste das –, es ging weiter, immer ging es irgendwie weiter … Sie würde einen neuen Job suchen, finden und ihn auch antreten, aber das war Zukunft. Nichts, das sie an einem kalten, dunklen Wintermorgen in einer kleinen vollgestopften Wohnung im siebenten Stock sinnvoll beschäftigte.

Sie saß auf dem Sofa und sah zu, wie es vor den Fenstern langsam Tag wurde. Dann begann sie, die Wohnung aufzuräumen.

5 – Wie soll es weitergehen?

Zum ersten Mal in ihrem Leben suchte Sophie Arbeit. Die neue Erfahrung erwies sich als überraschend frustrierend, denn die Jobbörsen im Internet und bei der Arbeitsagentur zeigten wochenlang immer die gleiche Handvoll Jobs in ihrer Region, für die sie vielleicht qualifiziert war. Auch in den Zeitungen fand sie nichts Passendes. Die von ihr angeschriebenen Firmen antworteten nicht, und wenn doch, dann bekam sie knappe Standardabsagen. Sie las Bewerbungsratgeber, aber sie stellte bald fest, wie deren Geschäftsmodell aussah: Sie redeten den Arbeitssuchenden ein, dass es an ihrer eigenen Unfähigkeit beim Formulieren von Bewerbungsschreiben lag, wenn sie nicht zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wurden oder dabei scheiterten (weshalb sie Bewerbungsratgeber brauchten).

Tatsächlich gab es Jobs – Minijobs ohne Ende. Leiharbeitsfirmen, die weit unter Tarif bezahlten, stellten ebenfalls immer Leute ein. Die Speditionen, bei denen sich Sophie bewarb, suchten Kurier- und Auslieferungsfahrer als Subunternehmer mit eigenem Fahrzeug. Aber einen normal bezahlten und sozialversicherten Vierzigstundenjob für eine Speditionskauffrau, den fand sie nicht. Trotzdem gab sie die Suche nicht auf. Jederzeit konnte etwas genau für sie Passendes angeboten werden. Doch als immer mehr erfolglose Wochen verstrichen, als nach gefühlt unzähligen ergebnislosen Bewerbungen, Mails und Anrufen der Januar fast vorüber war, beschlich sie immer häufiger die Befürchtung, dass sie am Ende doch noch als Minijobberin, in einem Callcenter mit Schichtdienst oder hinter der Kasse eines Discounters landen würde.

Jens schien ganz zufrieden damit, dass Sophie viel zu Hause war. Wenn er von der Arbeit kam, fand er die Wohnung warm, aufgeräumt und sauber, den Kühlschrank gefüllt und meistens auch ein Abendessen vorbereitet. War sie unterwegs, brachte sie auch gleich seine Anzüge in die Reinigung und seine Hemden in die Wäscherei und holte sie wieder ab. Nachdem er sich versichert hatte, dass sie, obwohl sie kein Arbeitslosengeld bekam (denn sie hatte ja selbst gekündigt), die Hälfte der Miete für die gemeinsame Wohnung weiterzahlen konnte, hörte er auf, sie nach ihren Fortschritten bei der Jobsuche zu fragen.

Über all dem hatte sie die Erbschaft halb vergessen. Es überraschte sie deshalb ein wenig, als sie wieder einmal ein Schreiben des Amtsgerichts Küstrow im Briefkasten fand.

Sehr geehrte Frau Schatz,

in der Nachlassangelegenheit

Marie Luise Berkemann, geborene Schatz,

geboren am …

… erhalten Sie anliegenden Erbschein zur Kenntnisnahme und weiteren Verwendung.

Mit freundlichen Grüßen …

Wie ging es nun weiter? Noch immer stand die Frage im Raum: Was hatte sie überhaupt geerbt? Den Nachlass ihres Vaters hatte Sophies Mutter geregelt, deshalb kannte sie sich nicht aus. Sie rief das Amtsgericht in Küstrow an und fragte sich durch.

Der Nachlasspfleger entpuppte sich als unfreundlicher Mann mit einer Piepsstimme. »Erbschein und Personalausweis brauchen Sie, um Ihr Erbe anzutreten«, sagte er. »Die Habseligkeiten Ihrer Großtante lagern noch in dem Heim, in dem sie die letzten Jahre ihres Lebens verbracht hat. Mit dem Erbschein können Sie auch alle sonstigen Formalitäten abwickeln, mit Ämtern, Banken, Versicherungen, Bestatter, eben alles, was so anliegt. Der Erbschein macht Sie zur Rechtsnachfolgerin Ihrer Großtante. Verstehen Sie, was das bedeutet?«

»Ich denke schon«, sagte Sophie, obwohl sie sich ganz und gar nicht sicher war.

»Gut. Für manches brauchen Sie auch die Sterbeurkunde. Die müsste der Bestatter haben. Wenn nicht, bekommen Sie sie vom Standesamt. Wenn Sie noch Fragen haben, kommen Sie vorbei oder rufen mich wieder an. Ich kann Ihnen die Adresse des Heims mailen.«

Sophie nannte dem Mann ihre E-Mail-Adresse.

»Ich weiß noch nicht, wann ich bei Ihnen vorbeikommen kann«, sagte sie. »Küstrow ist so weit weg von mir, und es ist Winter, Sie wissen schon …«

»Nun ja«, sagte der Mann, »wir sind hier in Brandenburg, nicht in Sibirien. Schieben Sie Ihren Besuch nicht unnötig auf. Ihre Tante ist immerhin schon vor sieben Monaten … äh … verschieden. Es hat sich einiges angestaut, was auf Erledigung wartet.«

Sophie hatte reichlich Erfahrung mit Leuten, die sie am Telefon unter Druck zu setzen versuchten. »Dafür kann ich nichts. Hätten Sie mich vor einem halben Jahr angeschrieben, dann wären wir schon durch mit der ganzen Sache«, gab sie zurück.

»Wir wussten damals noch überhaupt nicht, dass es Sie gibt. Also, kommen Sie so bald wie möglich und bringen Sie ein bisschen Zeit mit, Frau Schatz.«

»Drängen Sie mich nicht«, sagte Sophie. »Ich kann hier nicht alles stehen und liegen lassen, bloß weil Ihnen etwas eilig ist. Was sieben Monate gewartet hat, hat auch noch ein paar weitere Wochen Zeit. Ich komme, sobald ich kann.«

Der Nachlasspfleger verabschiedete sich und legte auf. Sophie bedachte ihn mit einem Schimpfwort – wahrscheinlich, dachte sie, sagt er gerade am anderen Ende der toten Leitung etwas Ähnliches. Dann wurde ihr bewusst, dass sie versäumt hatte zu fragen,was genau sich ›angestaut‹hatte und was er mit ›einiges zu erledigen‹ gemeint hatte. Mit dem Telefon noch in der Hand überlegte sie. Ämter? Welche Ämter? Versicherungen? Banken? Ja, klar, die Tante besaß sicher ein Konto, das aufgelöst werden musste. Ein Bestatter? Wenn es jetzt noch, nach mehr als einem halben Jahr, etwas mit einem Bestatter zu regeln gibt, dachte Sophie, dann ist da wohl eine Rechnung offen. Hoffentlich hält die sich in Grenzen. Wo war die Tante eigentlich beerdigt? Gab es irgendwo ein Grab? Ich muss mir mal eine Liste machen von allem, was ich nicht weiß, aber vermute.

Bis Jens spätnachmittags nach Hause kam, hatte Sophie sich den Wetterbericht von Brandenburg angesehen – harmloses Winterwetter – und sich entschlossen, sobald wie möglich nach Küstrow aufzubrechen. Die Fahrt war eh nicht zu vermeiden. Außerdem – und das war der wichtigste Grund für ihren Entschluss – bot ihr die Reise eine Abwechslung. So kam sie mal raus aus der Wohnung und aus der Stadt. Brandenburg war nicht die Karibik, aber auch im Winter immer noch besser, als im siebenten Stock allein herumzusitzen und auf eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch zu hoffen.

»Sonntag fahre ich nach Küstrow«, sagte sie beim Abendessen.

Jens war mit seinen Gedanken woanders. »Was? Wohin?«

»Na … du weißt doch, wegen der Erbschaft.«

»Äh, ja … Warum Sonntag? Ist doch alles geschlossen.«

»Sonntag ist nicht so viel Verkehr auf der Autobahn, und ich muss meinen alten Wagen nicht so treten, um mitzuhalten.«

Jens antwortete nicht.

Sophie wusste, dass es nichts brachte, was sie gleich tun würde, aber sie tat es trotzdem. Ihr war nach einer kleinen Stichelei zumute. Jens schuldete ihr noch was. Sie sagte »Es sei denn, wir tauschen die Autos. Mit deinem komme ich schneller hin und zurück und spare mir eine Übernachtung.«

Augenblicklich hatte sie seine Aufmerksamkeit. »Auf keinen Fall!«, antwortete er mit Nachdruck.

»Aber warum denn nicht?«, fragte sie mit gespieltem Unverständnis.

Er tappte in ihre Falle und versuchte, seine Ablehnung zu begründen, aber ihm fiel nichts Gutes ein. »Der Wagen ist geleast«, sagte er schließlich.

»Ja und?«

»Wenn du einen Kratzer reinfährst …«

»Wenn du selbst einen Kratzer reinfährst, ist das dann besser?«

Jens antwortete nicht

»Meinst du, ich verkratze dein Auto eher als du?«

»Fahr mit deinem eigenen Wagen.« Jens’ Gesicht war gerötet, sein Nacken sichtbar angespannt. Er starrte auf seinen Teller.

Sophie ließ ab von ihm. Er würde eher seine Eltern in die Sklaverei verkaufen, als sein Auto zu verleihen. »Ist schon gut«, sagte sie. »War nicht ernst gemeint.«

Als sie später den Tisch abräumte, setzte sich Jens nicht an seinen Rechner oder vor den Fernseher, sondern packte seine Sportsachen, um wieder einmal trainieren zu gehen. Er fragte Sophie nicht, ob sie mitkommen wolle.

6 – Das Erbe

Die Heizung von Sophies Wagen hatte auch nach längerem Betrieb nur gerade genug Kraft, um das Beschlagen der Fenster zu verhindern, weshalb sie während der gesamten Fahrt ihren unförmigen Daunenmantel trug. Er verhinderte leider nicht, dass sie kalte Füße bekam und die ganze Strecke über behielt. Ansonsten verlief ihre Reise nach Brandenburg problemlos. Die Straße war trocken, der Verkehr hielt sich in Grenzen, und der alte Golf schnurrte auf der rechten Fahrbahn brav vor sich hin. Um nicht auf das schlechte und teure Essen der Autobahnraststätten angewiesen zu sein, hatte Sophie ein Sandwich und eine kleine Thermosflasche Kaffee dabei. Weil sie aber gut und schneller vorankam als gedacht, hielt sie erst an, als sie den größeren Teil ihrer Reise schon hinter sich hatte. Auf einem kahlen, leeren Parkplatz an der A11 nördlich von Berlin machte sie Halt, stieg aus und lief auf und ab, um ihre tauben Füße zu beleben. Sie aß im Gehen, während sich der Dampf des Kaffeebechers auf dem Wagendach im bleigrauen Himmel verlor. Der Tag war trüb, und es blies ein scharfer Wind über das platte Land. Zu beiden Seiten der Autobahn erhoben sich winterschwarze Wälder wie Mauern, zwischen denen der Verkehr anonym und gleichgültig vorbeibrauste. Die Düsternis, die Einsamkeit des Ortes und die Weite, die der niedrige Horizont schuf, hatten für Sophie etwas Großartiges, fast Dramatisches – und sie war mitten darin. Das gefiel ihr. Sie war Hunderte Kilometer von ihrem gewöhnlichen Leben entfernt und gespannt darauf, was ihr der kommende Tag bringen würde. Sie fühlte sich wie am Beginn eines Abenteuers. Sie fühlte sich … lebendig.

Das Gefühl begleitete sie wie der gerade noch spürbare Nachhall einer großen Glocke bis zum Ziel ihrer Reise. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit erreichte sie in einem Außenbezirk von Küstrow das schlichte Hotel, in dem sie übers Internet ein Zimmer reserviert hatte. Nach einem Abendessen in einem vietnamesischen Imbiss neben einer Tankstelle, ein paar Straßen von Hotel entfernt, und einer Stunde vor ihrem Notebook ging sie früh zu Bett. Als sie das Licht löschte, wurde ihr bewusst, dass sie zum ersten Mal seit Jahren allein schlafen und aufwachen würde. Allein. Wie war das? In den Minuten (oder waren es nur Sekunden?) zwischen Wachen und Traum erforschten ihre Sinne die ungewohnte Situation. Das Hotelbett war nicht so bequem wie ihr eigenes (das sind Hotelbetten wohl nie), aber es gehörte nur ihr. Die Bettdecke war nur für sie da. Es gab nur ihren eigenen Atem in der Stille. Niemand lag warm und schwer neben ihr oder drängte sich in der Dunkelheit mit erigiertem Penis an sie. Wenn sie sich streckte, wälzte oder rekelte, dann rempelte sie niemanden an, und niemand protestierte brummend. Sie musste keine Rücksicht nehmen. In dieser Nacht war sie für sich, hatte keine Verantwortung. Allein und verantwortungslos, auch das war Abenteuer.

Sophie hatte vergessen, den Wecker im Handy zu stellen, wachte später auf als geplant und begann den Tag in Eile. Daher verzichtete sie auf eine Dusche, wusch nur rasch ihr Gesicht und flocht sich einen unordentlichen Zopf, den sie mit ein paar Haargummis zusammenhielt. Sie zog wieder die Kleidung vom Vortag an, Jeans und Rollkragenpullover, die noch nach dem vietnamesischen Imbiss rochen, und schlüpfte in Stiefeletten mit flachem Absatz. Ihr Frühstück beschränkte sie auf einen Kaffee und ein Croissant. Zuletzt putzte sie gründlich ihre Zähne – Sophie ließ schon mal eine Dusche aus, wenn sie annehmen konnte, dass das nicht auffiel, aber Zähne putzte sie immer und mit heiligem Ernst. Dann fühlte sie sich bereit für ihre Runde durch Küstrow und Umgebung, um ihr Erbe anzutreten – was immer das war.

An der Tankstelle kaufte sie einen Stadtplan sowie eine Umgebungskarte und studierte beides eine Weile, um sich zu orientieren. Ihr erstes Ziel war das Heim, in dem ihre Großtante die letzten Monate ihres Lebens verbracht hatte. Es war nicht schwer zu finden. Eine halbe Stunde fuhr sie auf schmalen, buckeligen Straßen, vorbei an winterlich kahlen Feldern, die sich bis zum Horizont erstreckten. Je weiter sie hinaus aufs Land kam, desto spärlicher wurde der Verkehr. Wie die wenigen entgegenkommenden Autofahrer fuhr Sophie mit Licht, denn der Tag wollte nicht richtig hell werden.

An Rande eines Dorfes, eigentlich nur einer losen Gruppe weniger alter Häuser, fand Sophie das Pflegeheim. In den Resten eines Parks, der einmal prächtig gewesen sein mochte, standen einige Bauten aus verschiedenen Epochen. Das Hauptgebäude am Ende einer geraden Zufahrt und einer lückenhaften Allee war alt, vielleicht zweihundert Jahre, schätzte Sophie, drei Stockwerke hoch, breit, mit vielen Fenstern und einem spitzen roten Ziegeldach, ehemals wohl ein Gutshaus. Zwei andere lang gestreckte, mehrgeschossige Häuser, kasernenartige Zweckbauten, stammten erkennbar aus der DDR-Zeit. Zwei weitere waren in jüngerer Zeit erbaut worden, von gleichgültigen Architekten ohne gestalterischen Ehrgeiz. Gebäude, Stellplätze und Zufahrten hatten den Park ausgehöhlt und nur kleine Rasenflächen und wenige alte Bäume übrig gelassen, die auch noch verstümmelt worden waren, damit ihre Äste nicht in die Wege ragten. Vielleicht war die Anlage im Sommer, wenn die Bäume Blätter hatten, noch irgendwie ansehnlich. Jetzt, im Februar, fand Sophie ihren Anblick deprimierend. Wer immer dieses Heim betrieb, gab sich keine Mühe, den Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt noch ein wenig Schönes zu bieten. In einem Laden wie diesem werde ich nicht enden, dachte Sophie trotzig, während sie die breite Treppe des Haupthauses ins Hochparterre emporstieg. Ich werde Kinder haben und gut zu ihnen sein. Dann werden sie mich nicht am Ende meines Lebens an einen Ort wie diesen hier abschieben.

So prächtig das alte Haus von außen wirkte, so schäbig war sein Inneres. Sophie lief auf stumpfen PVC-Böden von undefinierbarer Farbe durch schlecht beleuchtete Korridore mit fleckigen Wänden und öffnete Türen mit Kerben, alle auf gleicher Höhe, wo Rollbetten oder Bahren anzustoßen pflegten. Es war still, roch ungelüftet und nach billigem Essen. In der Verwaltung im ersten Stock wurde sie schon erwartet – die Frau schien sich über ihr Kommen sogar zu freuen. Obwohl sie wusste, wen sie vor sich hatte, studierte sie Erbschein und Personalausweis eingehend und machte sich Fotokopien davon. Sophie sah ihr dabei zu. Die Frau wirkte wie Ende vierzig, war aber wohl jünger. Ihre Kleidung, Schuhe und Haarschnitt deuteten darauf hin, dass sie entweder nicht gut verdiente, einen schlechten Geschmack hatte oder ihr Geld nicht für sich selbst ausgab.

»Ich habe Ihnen die Sachen Ihrer Tante schon mal bereitgestellt.« Mit diesen Worten deutete die Frau auf einen alten Koffer und einen Umzugskarton in einer Ecke des Büroraums.

»Das ist alles?«, fragte Sophie und dachte entsetzt: Das ist alles, was von achtzig Jahren Leben übrig bleibt?

»Es gibt auch noch …«, sagte die Frau und zog aus einer Schreibtischschublade einen größeren Klarsichtbeutel mit Druckverschluss, »… einige persönliche Kleinigkeiten, die Ihre Tante immer bei sich trug.«

Sie hielt den Beutel hoch. Sophie sah ein altes Portemonnaie, einen Schlüsselbund, eine kleine Damenuhr und zwei Eheringe. »Das ist alles?«, wiederholte sie.

»Das ist alles. Die Menschen, die zu uns kommen, bringen nicht viel aus ihrem früheren Leben mit. Wir haben hier keinen Platz dafür. Aber die meisten bleiben ja auch nicht lange …«

»Ich verstehe«, murmelte Sophie beklommen.

»Mein herzliches Beileid«, sagte die Frau plötzlich.

»Danke«, antwortete Sophie automatisch.

»Als alleinige Erbin Ihrer Tante sind Sie ihre, äh, Rechtsnachfolgerin. Verstehen Sie, was das bedeutet?«

»Ich weiß«, sagte Sophie. »Der Nachlasspfleger hat mir das auch schon erklärt.«

Die Frau schien erleichtert. »Gut. Wir müssen nämlich noch ein paar geschäftliche Dinge klären.«

In Sophies Kopf begann eine kleine Alarmglocke zu klingeln.

»Die, äh … Kosten für den Aufenthalt Ihrer Tante hier bei uns«, fuhr die Frau fort, »waren durch ihre Rente und die Pflegeversicherung nicht vollständig gedeckt. Es gibt da ein Defizit, verstehen Sie, das wir, äh … ausgleichen müssen. Eine Forderung, die wir Ihnen in Rechnung stellen müssen.«

Sophie erschrak. Oh mein Gott. Die wollen Geld von mir! Sie schluckte und erkundigte sich: »Wie viel ist es denn?«

Die Frau hob suchend einige Papiere auf ihrem Schreibtisch an, bevor sie antwortete: »21.406 Euro. Und 52 Cent.«

Einundzwanzig … tausend