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Gertrude hat die Schule beendet und möchte gern Sängerin werden. Sie lebt noch bei den Eltern, die ihr aber zu einer soliden Ausbildung raten. Doch dann wird sie ungewollt schwanger, trifft eine folgenschwere Entscheidung und alles verändert sich.
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Seitenzahl: 179
Veröffentlichungsjahr: 2017
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WAS IST DIE JUGEND ? EIN TRAUM
WAS IST LIEBE ? DER INHALT DES TRAUMES
S. Kirkegaard
Kapitel: An diesen Tagen
Kapitel: Probeaufnahmen
Kapitel: Die neue Jacke
Kapitel: Arztbesuch
Kapitel: Die Feier und der Flummi
Kapitel: Fredi kennt die Leichtigkeit
Kapitel: Nachtfahrt
Kapitel: Im Zelt verloren
Kapitel: Der Große Auftritt
Kapitel: Das Geständnis
Kapitel: Bahnfahrt nach Wiesbaden
Kapitel: Das gelbe Haus
Kapitel: Kommune der Freundschaft
Kapitel: Alles Lüge
Kapitel: Ende und Anfang zugleich
Kapitel: Im Krankenhaus
Kapitel: Die alltägliche Hochzeit
Kapitel: Alles Lüge
Kapitel: Nette Nachbarn
Kapitel: Hinterher ist es besser
Kapitel: Eine Bagatelle zu viel
Kapitel: Beim Manöver
Kapitel: Erneuter Versuch
Kapitel: Rattengift
Damals als… 1970 das unaufgeräumte Mädchen
Es ist früh am Morgen, Gertrude gähnt verschlafen, reibt sich die Augen und dreht sich nochmal im Bett zur Seite. Etwas später nimmt sie beiläufig ein paar Kleidungsstücke aus dem Schrank, zieht ihre Lieblingshose an und stakst in die Küche.
„Du hast ja wieder deine komische Blümchenhose an, warum kannst du nicht normal, mit einem netten Rock herumlaufen, wie deine Freundin Marina? Warum musst du unbedingt wie ein Hippie herumlaufen?“ kritisiert die Mutter leicht gereizt als sie die Tochter sieht und versteht nicht warum sie sich so auffallend anzieht.
Ohne eine Antwort zu geben, setzt sich Gertrude an den Küchentisch und schlürft ihre Tasse mit heißen Kaffee bis zur Hälfte leer. – Warum muss die Mutter immer nur herummeckern – denkt sie trotzig – am liesten wäre ich hier bald weg.
„Was soll bloß mal aus dir werden“, seufzt die Mutter scheinbar besorgt, wobei sie den Tisch abwischt. „Du lässt dich nur bedienen und überall liegen deine Sachen herum. Glaubst du denn es bringt mir Spaß ständig hinter dir herzuräumen? Ich könnte mir auch was Besseres vorstellen.“
Der Vater hört nur - hinterherräumen - und ohne zu wissen worum es übehaupt geht, fügt er hinzu: „Solange du die Füße unter unseren Tisch stellst, kannst Du deiner Mutter ruhig auch mal unter die Arme greifen,“ die Mutter nickt zustimmend mit dem Kopf, macht eine besorgte Mine, und während sie dem Vater eine Tasse Kaffee einschenkt, sagt sie: „Da muss ich Papa aber recht geben.“
Gertrude schmollt, fühlt sich zu Unrecht angegriffen: „Warum könnt ihr mich nicht einfach in Ruhe lassen?“ stöhnt sie und legt den Kopf in beide Hände.
Dem ungeachtet hören die Vorwürfe nicht auf. „Wie willst du jemals eine Arbeit finden, wenn du derart schlampig herumläufst?“ stellt die Mutter dauernd fest. Mit verschränkten Armen steht sie vor Gertrude, verharrt einen Moment und wartet auf eine Entschuldigung, oder ein Versprechen, dass sie sich bessern wird. Aber die mault vor sich hin, reagiert nicht. Verärgert dreht sich die Mutter um, holt sich die Kartoffeln für das Mittagessen und beginnt die zu schälen. Bemüht sich vergeblich, die Tochter zu verstehen. Sie ist so anders, so aufmüpfig und sie findet keinen Zugang zu ihr, es ist, als ob sie in zwei verschiedenen Sprachen miteinander reden würden.
Der Vater streicht sich sein Brötchen dick mit Butter und anschließend verteilt er, mit dem Messer Marmelade darauf und dabei erzählt er ausführlich, wie anstrengend der gestrige Tag im Büro war. Während er genüsslich kaut, sagt: er: „Das könnt ihr euch gar nicht vorstellen, wie stressig das ist, denn sobald ich eine Aufgabe erledigt hatte, musste ich sofort, ohne Pause den nächsten Stapel bearbeiten und so weiter und so weiter.“ Er berichtet andauernd und ausführlich gern von seiner Arbeit im Büro. Betont immer wieder, wie hart er dafür schuften muss, um die Familie zu ernähren.
Allerdings verschweigt er, dass sich die Firma im Moment in einer wirtschaftlichen Krise befindet. Diesen Umstand behält er für sich. Stattdessen redet er lieber über Klaus. Klaus tut immer freundlich. Hat sich so ein Allerweltsgehabe angewöhnt. Bei einer Unterhaltung muss der stets das letzte Wort haben. Er weiß immer und über alles bestens Bescheid, lässt sich nichts sagen. Klaus hat die Weisheit mit Löffeln gefressen. Das wurmt den Vater und er sagt: „Neulich habe ich ihm einen guten Rat geben wollen, weil ich etwas darüber gerade in der Zeitung gelesen hatte und habe ihn gewarnt: „Klaus wenn du Bluthochdruck hast, solltest du nicht so oft in die Sauna gehen.“ Aber Klaus wusste es besser: „Im Gegenteil, wenn ich in der Sauna bin, habe ich anschließend einen ausgezeichneten Blutdruck.“ der Vater trinkt einen Schluck Kaffee, der inzwischen kalt geworden ist und meint; „Naja, was soll man darauf auch sagen? Außerdem hat er ständig versucht in der Firma Unfrieden zu stiften, Er hat über jeden Kollegen, der gerade nicht anwesend war gelästert. Natürlich zu seinem Vorteil. Das reinste Mobbing war das.“
,,Hast du nicht gesagt,, dass dem Klaus gekündigt worden ist,“ erinnert sich die Mutter.
Der Vater nickt mit dem Kopf und ergänzt: „Das wollte ich ja gerade erzählen, das ihm gekündigt wurde. Aber damit hatte er wohl gerechnet. Hatte sich erst mal auf Pump ein Haus auf Mallorca gekauft und als die Mutter starb, ist er mit dem gesamten Vermögen dorthin ausgewandert.“
„So kann man sich in einem Menschen täuschen“, resümiert die Mutter, „als ich ihn einmal gesehen habe, hat er auf mich einen grundsoliden Eindruck gemacht.“
,,Ja, aber das Beste kommt noch. Die Kollegen haben mir verraten, was er dem Chef über mich gesagt hatte. Er hatte nämlich behauptet, ich würde während der Arbeitszeit auf dem Klo die Zeitung lesen. Eine Unverschämtheit, eine bodenlose Frechheit war das. Aber nun ist er ja entlassen worden und auf einer Insel, das Betriebsklima kann sich hoffentlich wieder erholen,“ und denkt bei sich, - ein bisschen auf dem Klo Zeitung lesen schadet ja niemanden.-
Inzwischen kochen die Kartoffeln und es riecht nach Grünkohl. Um auf andere Gedanken zu kommen, flüchtet Gertrude aus der Wohnung. Die Eltern haben ja recht, sie ist 17 Jahre und hat bisher nichts auf die Reihe gebracht, außer einem mittelmäßigen Schulabschluss. Sie fühlt sich missverstanden. Nie kann sie es scheinbar den Eltern recht machen, dauernd haben sie etwas an ihr auszusetzten. Ihr Traum ist es Sängerin zu werden, aber das akzeptieren sie nicht. Das ist in ihren Augen kein richtiger Beruf. Ratlos fragt sie sich, was sie sonst noch gern machen möchte, aber ihr fällt nichts Anderes ein. Vielleicht sollte sie nach Afrika gehen und irgentwie helfen, die Not zu lindern.
Die Sonne scheint kurz aus dem mit Wolken verhangenen Himmel hervor. In der Luft liegt ein Hauch von Frühling. Das schöne Wetter vertreibt die negativen Gedanken. Auf Grünkohl hat Gertrude jetzt gar keinen Appetit. Deshalb geht sie zum Bäcker und kauft sich zwei Schnecken, die sie genüsslich auf einer Parkbank am See verzehren will. Ein fremder Mann geht vorbei und sieht sie allein auf der Bank sitzen. In gebührendem Abstand nimmt er spontan Platz. Nervös holt er sich eine Zigarette aus der Packung, wühlt in den Hosentaschen nach seinem Feuerzeug, tut so, als ob er vergeblich sucht und fragt schließlich Gertrude: „Haben sie vielleicht ein Streichholz oder so.“
Sie schüttelt mit dem Kopf und antwortet kurz angebunden: „Nein,“ ohne ihn weiter zu beachten. Scheinbar wie zufällig findet er sein Feuerzeug in einer Hosentasche, grinst und zündet sich die Zigarette an. Zufrieden atmet er tief durch. Gemeinsam starren beide stumm auf die glitzernde Wasseroberfläche.
„Entschuldigung, darf ich dir auch eine Zigarette anbieten“, wird er vertraulich und hält ihr die Packung entgegen. Sie greift sich umständlich eine heraus. Ganz Kavalier hält er das Feuerzeug vor ihr Gesicht stellt fest, „schönes Wetter heute“ und entzündet die Flamme.
„Geht so“, antwortet sie leicht Mimosenhaft und zieht den Rauch der Zigarette ein, obwohl sie eigentlich Nichtraucherin ist. Schließlich soll er nicht bemerken, wie unerfahren sie im Grunde ist.
„Bist du öfter hier“, erkundigt er sich „so ein hübsches Mädchen, wie du wäre mir längst aufgefallen.“
„Kann sein oder auch nicht“, meint sie schnippisch und fühlt sich besonders gut, weil er ihr Komplimente macht. Wenigstens hat er sie nicht auf ihre Haare angesprochen. Die sind blond und jeder findet ihre Haarfarbe toll. Eigentlich hätte sie viel lieber ein unauffälliges Dunkelblond und nicht diese vielen Sommersprossen auf der Nase.
„Du siehst ein bisschen niedergedrückt aus, kann das sein“, fragt er vermeintlich mitfühlend und wirft die Zigarette auf die Erde ohne diese auszutreten. Eine Entenmutter watschelt mit ihren fünf jungen Entenküken im Gleichschritt an ihnen schnatternd vorüber. Gertrude und der Fremde müssen lachen.
Anschließend betrachtet sie ihn das erste Mal richtig und findet, dass er nicht schlecht aussieht. Er ist schlank, hat ebenmäßige Gesichtszüge, blaue Augen und volles, dunkles Haar. Sein Lachen wirkt ganz natürlich. In dem Moment konnte sie sich ihn als Freund vorstellen und bietet ihm den restlichen Kuchen aus der Bäckerei an.
Aber er mag keine Schnecken mit Rosinen, dafür rückt er näher und legt wie zufällig den Arm um ihre Schulter. Etwas bedrängt lässt sie ihn gewähren, fühlt sich gleichzeitig geschmeichelt tut sie so, als wäre seine Nähe selbstverständlich.
Die Sonne scheint noch. Aber langsam ziehen dunkle Wolken vorüber. Den Rest Kuchen mag sie nicht mehr essen, weiß nicht wohin mit der Tüte und wirft beides kurzerhand in den neben der Bank stehenden Papierkorb. Für eine Weile ist der Park menschenleer, nicht mal ein Hundebesitzer ist unterwegs. Ein kleiner Wind kommt auf und die Blätter rascheln in den Bäumen. Die Entenfamilie eilt zurück, doch jetzt lachen die beiden nicht mehr.
Seine Hand streift über ihr Haar. Sie bleibt sitzen und schiebt die Hand zaghaft weg. Verunsichert weiß Gertrude nicht wie sie sich verhalten soll. Bis ein paar unschuldige Küsse mit den Jungen aus der Tanzschule hat sie keine weitere Erfahrung. Ihre Aufklärung ist lückenhaft. Als sie ihre ersten Blutungen bekommen hatte, meinte die Mutter nur „jetzt bist du eine Frau. Damit müssen alle Frauen leben.“ Aber was ist eine Frau.
Unterdessen lässt der Fremde seine Hand, wie zufällig über ihre Brust gleiten. Der Himmel wird bedrohlich dunkler und leichter Nieselregen tropft auf die Bank.
Sie versucht aufzustehen, erhebt sich und will nach Hause gehen. Er hält sie am Handgelenk fest: „Nun sei keine Spielverderberin, ich tu dir nichts, komm lass uns ein wenig reden,“ fordert er mit freundlicher Stimme. Sie setzt sich wieder hin, möchte nicht als verklemmt dastehen, glaubt ihm seine Beteuerungen und will wissen: „Hast du einen Beruf oder bist du arbeitslos, weil du am Nachmittag im Park spazieren gehst.“
„Ich bin im Moment groß im Geschäft, “ antwortet er und zündet sich erneut eine Zigarette an, „so In- und Export. Da kann ich mir meine Arbeitszeit selbst einteilen und wenn ich genügend Kohle zusammen habe wandere ich nach Amerika aus.“ danach summt er „ab in die Freiheit. I` am born tobe wild.“ Während er mit der rechten Hand auf seinen Oberschenkel trommelt.
„I` am born born born. “
„Du hast es gut, “ stellt Gertrude neidisch fest. „Ich kann mich nicht entscheiden welche Ausbildung für mich in Frage käme. Am liebsten würde ich was mit Musik machen, aber meine Eltern bestehen darauf, dass ich etwas Solides lerne, wie Bankkauffrau oder bei einer Behörde als Sachbearbeiterin. Als ob ich dazu Lust hätte,“ klagt sie spöttisch, „es gibt häufig deswegen Streit, sie wollen mich einfach nicht verstehen und werfen mir vor, dass ich nur faul herum liegen würde.“
„Mach dir bloß keine Gedanken deswegen. So sind Eltern nun mal.“ Stellt er fest, „mir gefällst du jedenfalls wie du bist“ und nimmt sie erneut in seine Arme. Sie versucht ihn abzuschütteln, doch er hält sie diesmal fest umfangen und belustigt sich darüber, wie widerborstig sie ihm gegenüber ist.
Der Regen hat für kurze Zeit aufgehört und das Wasser blinkt silbrig im See. Ein Hundebesitzer geht freundlich an ihnen vorrüber und grüßt höflich. Der Hund schnüffelt kurz an ihrem Knie und verschwindet schnell wieder.
Während er sie weiterhin an sich drückt haucht er in ihr Ohr: „vertrau mir.“
Es riecht modrig, Vogelgezwitscher schallt von irgendwoher. Plötzlich ist alles still. Sie wird verlegen, mag ihn einerseits, möchte ihn gerne näher kennenlernen, aber nicht gleich so intim werden. Deswegen schiebt sie ihn erneut beiseite. Sagt eher zaghaft: ,,laß das.“
Trotzdem versucht er sie zu küssen. Schließlich hatte er heute einen beschissenen Tag gehabt, hatte sie angelogen, um einen guten Eindruck zu schinden nur angegeben. In Wahrheit war er arbeitslos und heute bei einem Vorstellungsgespräch gewesen. Doch der Firmenchef entschied sich für einen anderen Bewerber. Das war wie ein Faustschlag in das Gesicht für ihn, insgesamt seine zehnte Absage in diesem Monat.
Als er auf dem Rückweg von der Bewerbung Gertrude allein auf der Bank sitzen sah reizte sie ihn. Sie hatte so eine trotzige, kindliche Ausstrahlung die ihm gefiel, er bekam Lust sie zu erobern und sich an ihr abzureagieren. Letztlich war er immer noch der größte Frauenheld, wenigstens auf seine Eroberungen konnte er stolz sein und schmeichelt ihr erneut: „Du siehst echt gut aus. Ich mag solche Mädchen wie dich,“ legt seine Hand auf ihr Knie und läßt sie langsam den Oberschenkel hoch gleiten, greift ihr sanft zwischen die Beine.
Seine Hände bedrängen sie weiter werden vordender und seltsame wirre Gefühle breiten sich in Gertrude aus. Unsicher versucht sie sich wieder von ihm zu befreien. Es fängt erneut an ein wenig zu regnen. Die Bank bietet kaum Platz, es ist eng und sie kippeln hin und her. Er flüstert ihr ins Ohr: ,,Ich will dich.“
Dabei fallen sie zusammen auf den Boden, der matschig an der Blümchenhose kleben bleibt.
Mit seiner ganzen Kraft zerrt er sie hinter einen Busch, um sie vor ungebetenen Blicken zu schützen. Ihr wird schlecht, es gießt in der Zwischenzeit in Strömen. Wie gelähmt gelingt es ihr nicht, sich aus seiner Umarmung zu lösen, er ist gewaltiger und schon total erregt. „Stell dich nicht so an“, fordert er „du willst es doch auch,“ und zieht ihre Hose runter. Als er hart sie eindringt tut es weh. Allerdings lässt er nicht von ihr ab, erst nachdem er kurz aufgestöhnt hat, verliert er jegliches Interesse an ihr. Danach erhebt er sich befriedigt, knöpft seine Hose zu und verhält sich, wie wenn nichts gewesen wäre. Entspannt zündet er sich wieder eine Zigarette an und meint lässig „Es regnet mir zu stark und ich habe noch ein paar wichtige Termine. War nett mit dir, aber du bist viel zu steif in den Hüften. Naja, vielleicht sehen wir uns irgendwann mal, mach es gut“, kehrt ihr den Rücken zu und verschwindet eilig.
Gertrude fühlt sich elend, sie muss sich übergeben und erbricht den Kuchen vom Bäcker ins nasse Gras. Das war nicht die Liebe nach der sie sich gesehnt hat, das war nicht die Aufmerksamkeit die sie erhalten will. Wütend spuckt sie den Rest des Erbrochenen aus. Ein bitterer Geschmack bleibt im Mund zurück und sie empfindet sich als schmutzig. Nicht mal der Regen stört sie im Moment. Ein Liebespaar geht eng umschlungen auf dem Weg vorüber. Die Frau bleibt stehen, weil Gertrude so mitgenommen aussieht und fragt besorgt „kann ich irgendwie helfen?“ Gertrude steht da wie ein begossener Pudel und schüttelt stumm mit dem Kopf. Sie will nur noch nach Hause.
Am nächsten Tag will sie nicht aufstehen, hat keinen Appetit und will nicht Frühstücken. Sie behauptet dass sie starke Kopfschmerzen hat, verkriecht sich unter der Bettdecke. Daraufhin bringt ihr die Mutter einen feuchten kalten Waschlappen, den sie ihr auf die Stirn legt.
Während Gertrude die Augen schließt, schieben sich ungewollt die Bilder vom Vortag in den Kopf. Sie ärgert sich das sie so blauäugig war einem Fremden zu vertrauen. Sie ärgert sich das sie von der großen Liebe träumt. Sie ärgert sich das sie nur benutzt wurde, wie eine Gummipuppe und bemüht sich die negativen Gedanken im Schleudergang wegzuspülen. Im weinerlichen Tonfall nach der Mutter rufend, verlangt sie nach einer Kopfschmerztablette.
Aber stattdessen überreicht ihr die Mutter einen Brief, und meint „Post für dich.“ Überrascht nimmt Gertrude den kalten Lappen von der Stirn, und öffnet den Umschlag. Die Mutter bleibt am Türrahmen stehen und will mit der spöttischen Bemerkung wissen: „Na, was hast du nun schon wieder angestell,“ und versucht anteilnehmend einen Blick in den Brief zu werfen.
Überglücklich drückt Gertrude das Schreiben gegen ihre Brust und strahlt „Am Montag soll ich mich, in der Nähe vom Hauptbahnhof, für Probeaufnahmen vorstellen.“ Sie kann es kaum fassen und hatte gar nicht mehr daran gedacht, dass sie sich im Tonstudio Hanse Plus als Sängerin beworben hatte.
Ein wenig stolz reicht sie das Antwortschreiben ihrer Mutter, die skeptisch meint „Was du dir immer wieder ausdenkst, warum hast du nicht mit uns darüber geredet, das sind doch erneut nur Hirngespinste. Papa hat ganz recht, du solltest dich um einen vernünftigen Ausbildungsplatz bemühen.“
Doch Gertrude sind die Bedenken der Mutter im Moment egal. Die Kopfschmerzen scheinen wie weggeblasen. Sie wird Sängerin, das ist das einzige was zählt, die Musik.
Aufgewühlt rennt sie ins Bad um sich probehalber zurecht zu machen. Kritisch betrachtet sie ihr Gesicht im Spiegel und Zweifel kommen auf. Sie findet sich zu breit, zu blass, die Nase zu groß, den Kopf zu klein, überhaupt total unattraktiv und überschminkt die Augen, Mund und Nase kräftig mit Ey-Liner, Lippenstift und Makeup.
In der Küche wischt die Mutter den Küchenfußboden. Dabei berichtet sie dem Vater laut schreiend, weil der es sich mal wieder auf dem Sofa bequem gemacht hat und die Nachrichten im Fernsehen sieht, von Gertrudes Brief: ,,Sie hat einen Vorstellungstermin bekommen und soll irgehtwo vorsingen,“ ruft sie. Der Vater antwortet nicht. Er möchte seine Ruhe haben, hat nur noch wenig Zeit, weil er angeblich bald zur Arbeit muss von der Arbeitszeitverkürzung spricht er nicht, geht lieber in eine Kneipe.
Überglücklich schneidet sich Gertrude vom frischen Weißbrot eine Scheibe ab, wobei sie auf den Küchenboden krümelt. Sofort meckert die Mutter: „Muss das denn sein, du machst ja alles gleich wieder schmutzig, wozu putze ich übedrhaupt,“ holt Schaufel und Besen, fegt die Krümel auf und wirft sie in den Mülleimer.
Der Vater hat nur die Hälfte verstanden, mischt sich aber vom Sofa aus ein. Aufgebracht verlangt er aus der Tiefe des Raumes: „Ich wiederhole mich ungern, aber du könntest deiner Mutter auch ruhig mal helfen, anstatt dich irgendwo als Sängerin zu bewerben. Das wird doch nichts! Ist dir eigentlich klar wie viele das werden wollen und wie wenig davon leben können. Wenn du gern was tun möchtest, hilf lieber Deiner Mutter im Haushalt.“ Er will sich nicht aufregen, denn in Wirklichkeit plagen ihn eigentlich ganz andere Probleme , die ihn belasten.
Seine Firma steht vielleicht kurz vor der Pleite. Der Chef hatte zu viel Kapital in das verkehrte Produkt investiert. Es konnte nicht genug Material abgesetzt werden. Im gesamten Betrieb wurde Kurzarbeit angeordnet. Doch davon soll die Familie nichts erfahren und deshalb begehrt er scheinbar geschäftig „Bringt mir einer von euch schnell noch ein Bier, ich muss gleich ins Büro.“
Unwillig reicht ihm Gertrude die Flasche. Er blickt auf ihr geschminktes Gesicht und verschluckt sich beim trinken über ihren Anblick; „wie siehst du denn aus, willst du zum Fasching oder was willst du mit der Kriegsbemalung bezwecken“, belustigt er sich.
„Wieso das sieht doch gut aus“, lächelt sie keck zurück, dreht sich um und holt eine Tafel Schokolade aus dem Stubenschrank: ,,Nervennahrung,“ sagt sie.
Der Vater brummt ihr hinterher: „wenn das so weiter geht mit deinen Rosinen im Kopf, wirst du tatsächlich noch als Putzfrau enden, das prophezeie ich Dir.“
Dazwischen verkündet die Mutter aus Gertrudes Zimmer laut rufend: „Vati will doch nur dein Bestes.“ Den Satz kennt Gertrude schon in – und auswendig . Sie geht enttäuscht in ihr Zimmer zurück, knallt die Tür zu und denkt beleidigt. Warum können sich die Eltern sich nicht einfach mit ihr freuen?
Wenigstens hat sie die Tafel Schokolade mitgenommen. Sie legt sich auf das, von der Mutter frisch bezogene Bett, steckt ein Stückchen nach dem anderen in den Mund und träumt davon, wie es wäre, wenn sie eine berühmte Sängerin sein würde. Wie im Paradies vllkommen frei und ohne den lästigen Alltag. Dann nimmt sie das Buch, ‚vom Winde verweht‘, das sie gerade liest aus dem Regal, schlägt es in der Mitte auf, liest es weiter und vergisst alles um sich herum. Ein Schokoriegel, fällt ohne sie es bemerkt ins Bett bleibt zwischen ihren Beinen kleben und fällt aufs Bettlaken. Als sie es bemerkt ist es zu spät, das Bettlaken muss erneuert werden.
Die Zeit bis zu dem Termin vergeht schnell. Um einen guten Eindruck zu machen wäscht sie, über die Wanne gebeugt die Haare. Allerdings, verzichtet sie auf das Schmincken, weil der Vater darüber gelacht hat. Unzählige Male hat sie die Einladung für die Probeaufnahmen durchgelesen und jedesmal versucht sich vorzustellen, wie großartig es sein wird, Auf einmal hat sie Angst zu versagen.
Aufgeregt steigt sie in den Bus. Vom Vorort braucht sie eine gute Stunde bis zur Stadtmitte. Die Bahn benutzt sie oft, um ins Zentrum zu gelangen und kann die einzelnen Stationen schon im Schlaf aufzählen. Die vorbeirauschenden Häuser und Straßen sind ihr wohl vertraut. Manchmal stellt sie sich vor, wie es wohl wäre, in einem der großen alten Villen zu wohnen, die ihren Garten direkt hinter den Gleisen haben. Ob die Leute dort wohl glücklicher sind?
Endlich hat sie den Hauptbahnhof erreicht, kann aussteigen, muss allerdings noch, einige Straßen, die dicht an dicht mit Autos zugeparkt sind üerqueren, bis sie die angegebene Adresse ausfindig gemacht hat. Erschöpft, von der Fahrt betritt sie den Eingang eines Altbaus. Im Vorraum sitzen, zu ihrer Überraschung schon viele junge Mädchen, starren sie an und tuscheln. Dass sie so viele Mitbewerberinnen antreffen würde hatte Gertrude nicht erwartet. An der Rezeption meldet sie sich an und nimmt anschließend in der Reihe der Wartenden Platz.
