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Hilfe, ich liebe meinen Ehemann!
Der humorvolle Liebesroman gegen die Midlife Crisis
Johanna Holm ist eigentlich zufrieden mit sich, ihrem Beruf und ihrer Ehe. Trotzdem stellt sie sich langsam die Frage, ob das wirklich schon alles gewesen sein soll. Um wieder mehr Schwung in ihr Leben zu bringen, stellt sie einen 6 Punkte-Plan auf. Doch schon bei der Erfüllung der einfachsten Punkte gerät sie schnell mit ihrem Mann Arno aneinander, der lieber gar keine Veränderung möchte. Dabei kennt er noch nicht mal den heikelsten Punkt auf Johannas Liste: Mit einem fremden Mann schlafen …
Dies ist eine Neuauflage der bereits erschienenen Titel Liebling, ich geh dann mal bzw. Das Leben passt in keine Liste.
Erste Leser:innenstimmen
„Ich habe mich selten so gut unterhalten gefühlt!“
„Humorvoll und tiefgründig widmet sich dieser Roman den wichtigen Fragen des Lebens.“
„Für Frauen im Middleage einfach ein Muss!“
„Ein Liebesroman, der bezaubert und den Alltag sehr humorvoll wiederspiegelt.“
„Super tolle Romance, aufregend und lustig!“
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Seitenzahl: 394
Veröffentlichungsjahr: 2022
Johanna Holm ist eigentlich zufrieden mit sich, ihrem Beruf und ihrer Ehe. Trotzdem stellt sie sich langsam die Frage, ob das wirklich schon alles gewesen sein soll. Um wieder mehr Schwung in ihr Leben zu bringen, stellt sie einen 6 Punkte-Plan auf. Doch schon bei der Erfüllung der einfachsten Punkte gerät sie schnell mit ihrem Mann Arno aneinander, der lieber gar keine Veränderung möchte. Dabei kennt er noch nicht mal den heikelsten Punkt auf Johannas Liste: Mit einem fremden Mann schlafen …
Dies ist eine Neuauflage der bereits erschienenen Titel Liebling, ich geh dann mal bzw. Das Leben passt in keine Liste.
Überarbeitete Neuausgabe Januar 2022
Copyright © 2024 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-98637-260-6 Taschenbuch-ISBN: 978-3-98637-463-1
Dies ist eine Neuausgabe des bereits 2019 bei dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH erschienenen Titels Das Leben passt in keine Liste (ISBN: 978-3-96087-884-1).
Copyright © 2016, dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2016 bei dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH erschienenen Titels Liebling, ich geh dann mal (ISBN: 978-3-96087-074-6).
Covergestaltung: Rose & Chili Design unter Verwendung von Motiven von depositphotos.com: © Annata78, © Istanbul2009 shutterstock.com: © Jemastock Lektorat: Janina Klinck
E-Book-Version 20.06.2024, 15:51:03.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
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Für meine kluge Tochter, die immer wieder über meine Späße lachen kann,
und meinen Mann, der mich liebt, wie ich bin.
„Das ist nicht dein Ernst!“
Ich funkelte Arno an, nicht ganz sicher, ob er sich nicht doch einen Scherz mit mir erlaubte. Mein Mann hielt den neu erworbenen Tiegel mit der ökologisch korrekten Feuchtigkeitsemulsion in die Höhe wie ein Corpus Delicti. Zielsicher hatte er sich genau diesen aus den Einkäufen herausgefischt, die ich auf dem Küchentisch ausgebreitet hatte.
„Hanna, das ist mein Ernst! Du hast tatsächlich zwölf Euro für eine schnöde Creme ausgegeben?“
Seine inquisitorische Frage ließ meinen Blutdruck ansteigen. Ich war hier diejenige, die das Geld verdiente.
Ich verschränkte die Arme vor der Brust, kniff die Augen zusammen und fixierte ihn:
„Du willst mir jetzt nicht wirklich zu verstehen geben, dass …“
„Doch! Verdammt, Johanna! Was soll der Kosmetik-Quatsch? Wirst du im Alter zur Spießerin?“
Okay. Das reichte. Auch wenn ich kommunikationspsychologisch geschult war, Tritte unter die Gürtellinie mussten gekontert werden. Möglichst lautstark. Gerade holte ich Luft, als sich die Küchentür öffnete und Nele den Raum betrat. Mit einem Blick erfasste unsere Tochter die Situation.
„Moment!“, ordnete sie an, eilte zum Fenster und schloss es. Mit ihren knapp fünfzehn Jahren war ihr so gut wie alles peinlich. Vor allem die Eltern. Vor allem, wenn diese schreiend die Nachbarschaft beschallten.
Ich trommelte mit den Fingern auf meinem Unterarm:
„Könnten wir jetzt bitte in Ruhe weiterstreiten?“
Nele schüttelte entnervt den Kopf und zog die Tür hinter sich zu. Mein Blick heftete sich erneut auf Arno.
Mein Mann. Mein geliebter Ehemann. 186 Zentimeter Sturheit, dichte, dunkelblonde Haare, eine immer noch beneidenswert athletische Figur, trotz weitgehender sportlicher Abstinenz, grau-blauer Blick, temporär auf Minusgrade heruntergekühlt. Wir waren uns so nah. Gedanklich, gefühlsmäßig und auch körperlich. Und dennoch schafften wir es immer wieder, uns gegenseitig zu verletzen. Niemand kann das so gut wie Menschen, die sich in- und auswendig kennen. Wenn keine sachlichen Argumente mehr halfen, ging es meist auf der persönlichen Ebene weiter, und die wunden Punkte, die der liebende Partner eigentlich schützen, aufpäppeln und möglichst unangetastet lassen sollte, wurden zu willkommenen Angriffspunkten. Treffer. Versenkt.
Dafür hasste ich Arno gelegentlich.
„Noch mal von vorne“, knurrte ich.
„Du hast mich sehr wohl verstanden!“
„Aber DU verstehst MICH nicht!“, brüllte ich.
Inzwischen hatten wir eine Phonstärke erreicht, die Karl Marx dazu veranlasste, seine Rute einzuklemmen und unter dem Küchentisch Deckung zu suchen.
„OH DOCH! Mein Verständnis reicht durchaus, um dich als fehlgeleitetes Werbeopfer zu identifizieren!“
„Weil ich eine FEUCHTIGKEITSCREME kaufe?“
„Weil du ein horrendes GELD dafür ausgibst!“
„Mann, das waren zwölf Euro! ZWÖLF! Nicht 120! Du bist so ein Geizhals!!!“
„Wie verzweifelt muss man sein, um sich dermaßen von der Kosmetikindustrie blenden zu lassen?“
Ich hyperventilierte fast. „ICH BIN NICHT VERZWEIFELT!“
Abends stand mir der Schaum vor dem Mund wie einem tollwütigen Tier. Ich stand im Bad und traktierte meine Zähne. Es grummelte immer noch in mir. Unser so häufig aus dem Ruder laufendes Streitritual machte mich fertig. Es kostete Kraft und Halsschmerztabletten und führte zu nichts. Ich wischte mir den hervorquellenden Schaum vom Kinn und begann die Putzrunde unten rechts von vorne. Plötzlich schob sich Arno von hinten heran und legte mir seine Arme um den Bauch.
„Na, Hannchen“, hauchte er an meinem Ohr.
Ich ignorierte ihn, so gut es ging.
Er verfolgte belustigt meine Zahnputzschaumschlacht.
„Komm, wir vertragen uns.“
Skeptisch hob ich meine Augenbrauen.
„Was hältst du von einem Versöhnungsquickie?“
„NICHTS!“, fauchte ich und der Spiegel war gesprenkelt wie eine Windschutzscheibe bei Schneesturm.
„Ach komm schon, Schatz.“ Arno begann, an meinem Ohr zu knabbern.
Ich wand mich aus seinen Armen.
„Ich bin doch keine Masochistin! Erst verletzt du mich bis in die Grundfeste meiner Existenz, rammst mir ein Messer in meine verwundbarsten Teile, in meine Ängste, mein Selbstbild, mein Selbstwertgefühl …“
Arno seufzte.
„… und dann soll ich dir schon wieder mein Herz und meinen Körper öffnen?“
Er verdrehte die Augen.
„Nun sei doch nicht immer so melodramatisch!“
Ich schob ihn von mir und zielte mit der Zahnbürste auf ihn.
„Ich bin so, wie ich bin. Und eins sag ich dir: Ich bin keine Spießerin, ich bin nicht alt und ich bin nicht verzweifelt!“
„Schon gut“, lenkte er ein. „Du bist jung wie der Frühling und frisch wie Morgentau.“
Ich schüttelte mit dem Kopf, ließ Wasser in meine Hände laufen und tauchte mit dem Gesicht hinein. Die Badezimmeraudienz war beendet. Tatsächlich zog Arno Leine, nicht ohne mir im Weggehen in den Hintern zu kneifen.
Was mir die gnadenlosen Strahlen der aufgehenden Sonne dann einige Tage später offenbarten, traf mich wie ein Schlag: Ich wurde doch alt! Mein Körper war einfach nicht mehr der einer Zwanzigjährigen … noch nicht einmal der einer Fünfunddreißigjährigen!
Ich stand morgens vor dem Spiegel im Bad und freute mich über das wundervoll rotgoldene Licht der Morgensonne, das ab nun wieder meine Vorbereitungen auf den Arbeitstag geheimnisvoll beleuchten würde und endlich die dunkle Jahreszeit und das Lampenlicht vertrieben hatte. Deshalb sah ich diesmal auch etwas länger in den Spiegel – und mit aller Klarheit erkannte ich plötzlich die Zeichen körperlichen Verfalls.
Nun gehörte ich nicht zu den Frauen, für die Schönheit oberstes Gebot war. Schon aus Prinzip nicht, aus feministischer Überzeugung, die es ablehnt, sich einzig und allein für den anerkennenden Blick von Männern aufzuhübschen. Aus diesem Grund benutzte ich auch kein Make-up. Ich war ungeschminkt – immer! Dafür fasste ich mir auch viel zu häufig ins Gesicht, rieb mir die Augen oder die Nase, klopfte mir beim Nachdenken an die Lippen. Mit einer Farbpallette im Gesicht hätte ich wahrscheinlich in kürzester Zeit wie ein Inferno ausgesehen. Hätte ich damals roten Lippenstift und Nagellack getragen, wäre ich bestimmt auch heute noch nicht verheiratet. Denn Arno mag Frauen nur naturbelassen – was es auch für Nele nicht einfach machte, wenn sie hin und wieder die Segnungen der Kosmetikindustrie ausprobierte. Trotzdem war mir mein Äußeres natürlich nicht egal. Schon aufgrund meiner Lehrerinnentätigkeit war es notwendig, irgendwie passabel auszusehen, wenn man/frau vor den Schülerinnen und Schülern nicht zur Lachnummer werden wollte. Aber ich hatte etwas dagegen, mich der Willkürherrschaft sogenannter Modeexperten zu unterwerfen, genauso wie der Diktatur der heilsversprechenden Kosmetikindustrie oder der Bauch-Beine-Po-Folterbranche – so als bräuchten Frauen keine Armmuskeln. Ich wollte einfach so herumlaufen, dass ich mich selber mochte und wohlfühlte.
Doch dieses eigentlich positive Körpergefühl geriet mit jenem denkwürdigen Blick in den Spiegel mächtig ins Wanken. Meine Güte! Ein paar Dellen an den Oberschenkeln hatte ich schon seit meiner Jugendzeit. Aber das hier? Ich hätte mich gut und gerne als Vorher-Model für eine Anti-Cellulite-Therapie zur Verfügung stellen können. Und mein Bauch? Mal dünner, mal dicker … okay, meist dicker, aber hing er an dieser Stelle nicht sogar etwas über? Und meine Brüste? Und die Oberarme? Ich suchte meinen ganzen Körper ab, und zum ersten Mal stieg so etwas wie Panik in mir auf. Wir wurden tatsächlich älter – mein Körper und ich. Was ich geistig an Reife und Erkenntnis hinzugewann und begrüßte, hinterließ deutlich negative Spuren an meinem Körper, unwillkommen und absolut überflüssig. Er verlor seine jugendliche Spannkraft. Mit einem Wort: Er wurde schlapp.
Ich sah mir in die Augen und versuchte ruhig zu atmen, um der Panikattacke Frau zu werden. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich sah mich plötzlich in dreißig, vierzig Jahren. Um zwanzig Zentimeter geschrumpft, zahnlos, o-beinig, einen Rollator schiebend. Wenn ich wenigstens geistig fit bleiben würde, aber auch Alzheimer war ja eine – noch denkbare – Zukunftsaussicht. Mir kam ein Spruch in den Sinn, den ich irgendwo aufgeschnappt hatte: Alle wollen alt werden, aber niemand will alt sein.
Ja! Genauso war es! Ich wollte immer mindestens neunzig Jahre alt werden. Aber wie sollte ich es schaffen, mir beim Altern zuzusehen? Wenn Altern Verfall bedeutete, geistiger und körperlicher, wie ließe sich das nur aushalten? Wie sollte ich nicht täglich die Natur mit ihren scheinbar zwingenden biologischen Abläufen dafür verfluchen, dass sie mir das antat?
Eine Woge des Entsetzens und der Trauer überschwemmte mich. Mir stiegen Tränen in die Augen, und ich verfolgte, wie sie sich aus den Augenwinkeln lösten, an der Nase herunterliefen, die Lippen überquerten und vom Kinn tropften.
Andererseits … dies passierte ja nicht nur mir. War es nicht ein Trost, zu wissen, dass alle Menschen, die das Glück hatten, ein hohes Alter zu erreichen, diesen Alterungsprozess auch irgendwie meisterten? Und wie viele Menschen waren sogar erst in späten Jahren aufgeblüht – oder hatten bis ins hohe Alter Meisterleistungen vollbracht? Goethe zum Beispiel war zweiundachtzig, als er seinen Faust II beendete und kurz darauf starb. Es gab doch viele Menschen – Politikerinnen, Schriftsteller, Schauspielerinnen, Wissenschaftler – die vormachten, wie man in Würde altern konnte, auch wenn die körperlichen Fähigkeiten abnahmen.
Da fiel mir meine Oma ein. Sie war bis zum Schluss geistig fit geblieben, beweglich und voller Humor, und einundneunzig geworden. Na bitte. Vielleicht hatte ich ja ihre guten Gene geerbt. Das wäre ja schon mal ein kleiner Trost. Und hieß es nicht auch, man sei so alt, wie man sich fühle? So banal dieser Satz klang, es gab Untersuchungen, die dies zu bestätigen schienen.
Ich sah mich noch einmal konzentriert im Spiegel an und tippte mir vor die Brust. Nein, noch war ich nicht verzweifelt. Dafür war es noch zu früh. Aber ich sollte mein Problem zeitnah angehen. Wäre die Phrase nicht so abgedroschen, würde ich sagen: Ich hörte sie ticken, meine biologische Uhr. Jetzt musste ich zwar dringend in die Schule, aber mit diesem Thema war ich noch nicht fertig! Schnell warf ich mir kaltes Wasser ins Gesicht, zog mir Jeans und irgendein Oberteil über und beschloss spontan, das Fahrrad zu nehmen. Ich würde zwar schweißnass und außer Atem ankommen, aber egal. So hatte ich wenigstens das Gefühl, lebendig zu sein.
Christiane Körner war meine beste Freundin, wenn frau das in unserem Alter noch so nennen wollte, und das Praktische war, sie wohnte gleich nebenan. Zuerst waren wir einfach nur Nachbarinnen gewesen. Aber als unsere Tochter Nele zur Welt kam, stand Tine uns mit Rat und Tat zur Seite, da sie uns als Mutter der damals fünfjährigen Franziska einiges an Erfahrung voraushatte. Wir stellten schnell fest, dass wir in der heiklen Frage der Kindererziehung sehr ähnliche Vorstellungen hatten, und so entwickelte sich eine Freundschaft, die mir sehr wichtig war. Wir teilten Freud und Leid des Alltags, schimpften über unsere Ehemänner, freuten uns über die Erfolge unserer Töchter und litten mit, wenn die nächste Fünf in Mathe die Ausgaben für die Nachhilfe wieder einmal nicht zu rechtfertigen schien.
Wenn es Christiane nicht gegeben hätte, hätte ich sie erfinden müssen, denn ich war nicht sehr gut darin, Freundschaften zu pflegen. Auch wenn es nach einer müden Ausrede klingt: Mein Beruf absorbierte mich so dermaßen, dass ich abends einfach keine Lust und Kraft mehr hatte, per Telefon soziale Kontaktpflege zu betreiben, geschweige denn mich irgendwo mit irgendwem zu treffen. Mit Tine war es dagegen völlig unkompliziert. Manchmal sahen wir uns tagelang nicht, dann war auch ein Hallo über den Gartenzaun in Ordnung, und dann gab es diese Nachmittage oder Abende, an denen wir zwei Frauen gemütlich zusammensaßen und über alles redeten – oder über fast alles.
Es gab nämlich ein Thema, das eigentlich nie angesprochen wurde. Entgegen allen Klischees und Fernsehserien über Frauenfreundschaften sprachen wir zwei Freundinnen niemals über Sex. Jedenfalls nicht mit uns in der Hauptrolle. Wenn es um unsere Töchter, ihr sexuelles Erwachen und angemessene elterliche Reaktionen darauf ging, war es durchaus ein Thema. Aber bislang hatte ich niemals das Bedürfnis verspürt, mit Tine mein eigenes Sexualleben zu erörtern. Vielleicht lag es daran, dass es wirklich gut, aber unspektakulär war. Wir hatten keine Probleme – jedenfalls fast keine. Und insgesamt sah ich mich als eine befriedigte Frau an – jedenfalls fast immer. An sich war das Sex-Thema für mich kein Tabu. Ich konnte ungeniert etwa die Bedeutung der sexuellen Selbstbestimmung für die Emanzipation der Frauen darlegen, mich differenziert zu den Debatten über Pornographie und Prostitution äußern, vehement die Rechte von Lesben, Schwulen und Transsexuellen einfordern oder über anzügliche Witze pubertierender Schüler augenzwinkernd hinweghören, ohne rot zu werden. Aber ich sah keinen Sinn darin, mit jemand anderem etwas zu teilen – wenn auch nur gesprächsweise – das ausschließlich meinen Mann und mich etwas anging. Es wäre mir wie ein Vertrauensbruch vorgekommen, die Augenblicke intensivsten körperlichen und emotionalen Zusammenseins zwischen Arno und mir vor anderen auszubreiten. Undenkbar.
Nun saß ich hier am Freitagabend in Christianes Wohnzimmer. Ihr Mann Klaus, ein selbstständiger Versicherungsagent, war über das Wochenende auf einer stinklangweiligen Versicherungsmesse. So hatten wir den Abend ganz für uns. Bei Tine fühlte ich mich ziemlich wohl. Das Wohnzimmer war durchgängig im Landhausstil eingerichtet – blaues Sofa, Kiefernmöbel und eine von Monets Seerosenvarianten an der Wand –, für meinen Geschmack allerdings mit zu viel Nippes ausstaffiert. Wenn es etwas gab, was ich dekorationstechnisch nicht ausstehen konnte, dann waren es Kunstblumen, Vasen und Schüsseln aus buntem, geschwungenem Glas und Tierfigürchen aus den verschiedensten Materialien (mal abgesehen von Zinnbechern, gestickten Bildern und solchen aus Puzzleteilen). Das Tragische war, dass Menschen solchen Geschmacks, meist ja leider Frauen – hier konnte ich meine Geschlechtsgenossinnen wirklich nicht in Schutz nehmen –, diese Scheußlichkeiten in üppiger Fülle ansammelten und ausstellten. Aber gut, jedem Tierchen sein Pläsierchen oder wie meine Mutter zu sagen pflegte: „Es wäre doch langweilig, wenn alle denselben Geschmack hätten.“
Nun entdeckte ich auf Tines Kiefernkommode ein neues Stillleben aus fünf grinsenden Keramik-Osterhasen in den verschiedensten Stellungen, mit bemalten Ostereiern, Schubkarre oder Kiepe ausgestattet … OMG.
„Na, bewunderst du meine neue Osterhasenkollektion?“ Tine kam vergnügt ins Zimmer, in der Hand eine Flasche Rotwein und zwei langstielige Gläser.
Ich lächelte gequält und sie kicherte. Unsere Geschmäcker waren nicht immer kompatibel. Das wussten wir beide und mussten uns nichts vormachen. Sie zeigte auf den Osterhasen in der Mitte.
„Hast du diesen gesehen?“
Ich trat näher und beäugte das Ding skeptisch. Es grinste noch breiter als die anderen und hielt etwas in der erhobenen Hand. Ein Schwert? Eine Kerze? Eine Gurke? Mir blieb die Spucke weg.
„Ist das etwa … ist das so ein …“
„Ein Dildo!!!“, jauchzte Tine und lachte sich kaputt.
Ich sah meine Freundin entgeistert an und wusste nicht, ob ich mitlachen oder über ihre fortgeschrittene Geschmacksverirrung besorgt sein sollte.
„Wie kommst du denn zu diesem … schmuddel … äh … schnuckeligen Tierchen?“, fragte ich verstört.
„Hat mir Klausi mitgebracht, von der Frühjahrsmesse. War zwar nur ein Werbegeschenk, aber ich fand’s süß. Ist doch süß, oder?“, fragte meine Freundin, klimperte mit ihren beneidenswert langen und dunklen Wimpern und sah mich erwartungsvoll an.
„Tja, es ist … es ist …“, ich holte tief Luft, „abgrundtief scheußlich!“, brach die Wahrheit aus mir heraus. Wir prusteten beide los und ließen uns aufs Sofa plumpsen. Tine öffnete die Weinflasche und füllte mit geübtem Schwung die Gläser.
„Auf uns!“, rief ich übermütig aus. Eine Freundin, bei der ich ehrlich sein durfte und die über unsere Geschmacksdivergenzen lachen konnte, erfüllte mich mit Dankbarkeit. Ich nahm einen langen Schluck.
„Und auf den Sex – mit und ohne Hilfsmittel!“, ergänzte Tine grinsend. Ich verschluckte mich so heftig, dass sie mir vorsichtshalber das Glas aus der Hand nahm.
„Was hast du denn?“, fragte sie scheinheilig, während ich versuchte Hustenanfall und Atemnot in den Griff zu bekommen. Noch konnte ich nicht sprechen, da warf sie mir doch tatsächlich an den Kopf, verklemmt und prüde zu sein. Ich! Heftig schüttelte ich meinen Kopf, der inzwischen rot angelaufen war und zu bersten drohte. Ich sprang auf und riss als Rettungsmaßnahme meine Arme in die Höhe. Ich brauchte Luft, um endlich diesem ungeheuerlichen Vorwurf entschieden entgegentreten zu können.
„Siehst du, verehrte Frau Studienrätin“, setzte sie unbarmherzig grinsend nach, „schlau daherreden über Politik und so, das kannst du. Aber Wörter wie ,Dildo‘ oder ,Sex‘ machen dich glatt sprachlos.“
Ich stand immer noch mit erhobenen Armen vor ihr und starrte sie ungläubig an. Da bemerkte ich plötzlich, wie erquickende Luft in meine Lungen einströmte und ich dem Erstickungstod noch einmal von der Schippe gesprungen war.
Ich holte tief Atem und wetterte los: „Also, erstens bin ich weder verklemmt noch prüde“, ich fuchtelte mit den Armen, „und zweitens nehme ich noch ganz andere Wörter in den Mund: Vibrator! Klitoris! Orgasmus! Bumsen, ficken, vögeln! Falls dich das irgendwie beruhigt.“
Obwohl: Die letzten drei Verben benutzte ich eigentlich nie. Ich lehnte sie sogar entschieden ab, weil sie den sexuellen Akt für mein Empfinden banalisierten und pornografisierten. Sie traten ihn in den Dreck. Und was Orgasmus und Klitoris anging, das waren zwar korrekte und neutrale Begriffe, aber sie verwiesen auf etwas derart Intimes, dass sie in meiner Alltagssprache kaum Verwendung fanden, zumindest nicht ohne ein leichtes Schamgefühl hervorzurufen. Ich setzte mich und sah Tine triumphierend an. Die hatte mich die ganze Zeit aufmerksam gemustert – und offenbar bemerkt, dass ich in Gedanken noch einiges hinzugefügt hatte. Sie zog ihre linke Augenbraue in die Höhe.
„Was willst du eigentlich?“, fragte ich genervt.
„Ich will über Sex sprechen.“
Okay. Ich gebe zu, ich war einigermaßen überrascht. Dass sie so direkt … und überhaupt, nach all den Jahren. Und ausgerechnet jetzt, wo ich auch ein Anliegen in dieser Richtung hatte …
„Also gut, heben wir unsere Freundschaft auf eine neue Stufe, tun wir, was angeblich alle Frauen mit ihren Freundinnen tun, entsprechen wir den modernen Frauenklischees.“ Feierlich erhob ich mein Glas und sah Tine tief in die Augen.
„Reden wir über Sex!“
Nun wird Sex ja bekanntlich überbewertet, vor allem in festen Paarbeziehungen. Die Dauerhaftigkeit und Güte einer Beziehung bemisst sich, laut eines SPIEGEL-Artikels, nicht an permanenter Leidenschaftlichkeit, immerwährendem Herzklopfen oder der Häufigkeit grundsätzlicher Beziehungsdiskussionen. Im Gegenteil kann vor allem Letzteres eher zu Qualen und dem Aus einer Beziehung führen. Was wirklich zählt, sind echte Freundschaft und gemeinsame Werte. Wenn ich gerne Zeit mit meinem Partner verbringe und viele Dinge ähnlich sehe, sind das beste Voraussetzungen für eine lang anhaltende Liebe. Dennoch gibt es wohl kaum ein Thema, das in unserer Kultur mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht – vielleicht abgesehen von den Ergebnissen der Fußballbundesliga oder den Nachrichten über Benzinpreiserhöhungen – als Sex. Es steht, wenn es in Buch oder Film um die Liebe geht, stets im Mittelpunkt. Am Ende jeder abenteuerlichen Suche nach ‚dem Richtigen‘ erfolgt die sexuelle Vereinigung. Sie ist die Belohnung, die dem Helden oder der Heldin am Ende winkt, das Ziel des qualvollen Hindernislaufes, die Erfüllung aller Sehnsüchte. Das ist selbst in der sogenannten hohen Literatur nicht viel anders. Goethes Faust, der sich mit Ekel von seinem austrocknenden Wissensdrang abwendet, um endlich die ganze Bandbreite menschlich-sinnlicher Erfahrungs- und Gefühlswelten kennen zu lernen, verliebt sich von einem auf den anderen Moment in das unschuldig-naive Gretchen und umwirbt die junge Frau nach allen Regeln der Kunst. Und wozu? Um sie flachzulegen. Dafür geht er sogar über Leichen. Mutter, Bruder und Gretchen selbst bleiben sterbend auf der Strecke, aber Faust erreicht sein Ziel: stillt seine sexuelle Lust und gibt seinen Samen weiter.
Angeblich konsumieren 82 Prozent der Deutschen Pornografie. Stimulierende erotische Darstellungen sind allgegenwärtig. Man spricht von der sexualisierten Gesellschaft. Kein Produkt, das sich nicht mit langen, nackten, cellulitefreien Beinen, feuchten, roten Lippen oder einer breiten muskulösen Männerbrust (früher behaart, heute gewachst) besser verkaufen ließe. Hol dir XY und du stehst kurz vorm Orgasmus! Für nur 3,99 € bist du am Ziel all deiner sexuellen Sehnsüchte! Sex sales. Wir sind eben doch nichts anderes als hormongesteuerte Zellklumpen, deren Daseinszweck sich in der (versuchten) Fortpflanzung erfüllt. Und dann ist da ja auch noch die Lust, die uns uneingeladen von der Pubertät bis ins Alter begleitet und anstachelt und zur Ausprägung allerlei merkwürdiger menschlicher Balzrituale geführt hat.
Wie auch immer. Meine Freundin Tine wollte mit mir zum ersten Mal seit vierzehn Jahren, als wir uns am Gartenzaun ein Hallo zugerufen hatten, über Sex reden. Also taten wir es.
Und wie nicht anders zu erwarten, eröffnete sie mir ein Problem. Zuerst zögerlich, dann immer schneller und verzweifelter, berichtete sie davon, dass ein riesiger sexueller Abgrund vor ihr klaffte: Klausi wollte nicht mehr. Sie habe schon alles Mögliche versucht, um ihn aus der Reserve zu locken, aber er habe einfach keine Lust mehr auf Sex.
„Und wie lange geht das schon so?“, fragte ich voller Mitleid und sah Tine im Geiste über Monate vertrocknen.
„Jetzt müssen es schon fast drei Wochen sein!“
„Ähh …“, verwirrt griff ich nach meinem Glas. Drei Wochen. Wo bitteschön war denn da das Problem?
„Das ist ja echt ʼne lange Zeit …“
„Ja!“, stöhnte Tine. „Ich halte es kaum noch aus!“
Ich sah meine agile, warmherzige, flinke, fröhliche Freundin mit den halblangen, hennarotgefärbten Haaren an. War sie ein Sexmonster?
„Wie oft habt ihr denn normalerweise … ich meine, wie oft habt ihr … äh … Geschlechtsverkehr?“, wagte ich mich vor.
„Geschlechtsverkehr – so ein Bürokratendeutsch kann wieder nur von dir kommen. Also, Klausi und ich, so drei- bis viermal die Woche haben wir schon gepoppt.“
Ich war sprachlos. Sowohl im Hinblick auf die Wortwahl als auch die Häufigkeit.
„Wieso? Ist doch normal, oder?“, setzte Tine nach.
„Doch, doch.“
Okay, ich merkte, dass mir ein solches Gespräch in aller Offenheit noch nicht wirklich gelang. Irgendwie war da ein Gefühl von Scham und Peinlichkeit. Wollte ich das alles wirklich von Tine wissen? Und musste ich dann nicht im Gegenzug ebenfalls ehrlich sein? Drei- bis viermal die Woche? Wenn Arno und ich innerhalb eines ganzen Monats auf diese Frequenz kamen, hatte ich meinen Mann furchtbar glücklich gemacht. Drei Wochen ohne? Das passierte bei uns ständig. Einfach, weil ich bei meinem beruflichen Stress meine zweifellos nicht sehr stark ausgeprägten sexuellen Bedürfnisse gar nicht mehr spürte. Für mich war dies nicht weiter schlimm. Dass Arno dann litt, wusste ich natürlich, und es tat mir auch ehrlich leid, aber ein Drama war das alles nicht. Jedenfalls nicht für mich.
Es fiel mir also etwas schwer, Tines Problem so ganz ernst zu nehmen, aber gut. Hier ging es um meine Freundin und für sie war es offensichtlich der sexuelle Super-GAU.
Wir schenkten uns neu ein und sie erzählte von ihren vergeblichen Versuchen mit neuer Reizwäsche und speziellen Massagen, die ihr als Physiotherapeutin natürlich gut von der Hand gingen.
„Aber Klausi ist ja so kitzelig, dass ich gar nicht bis zur Erotik-Massage an seinen erogenen Zonen gekommen bin“, seufzte Tine.
„Wieso?“
„Ich wollte an den Füßen anfangen und mich dann langsam hocharbeiten. Da hat er vor Schreck so ausgetreten, dass ich …“ Sie krempelte ihren Ärmel hoch und zum Vorschein kam ein riesiger blauer Fleck am rechten Oberarm, der in allen Regenbogenfarben schillerte. Arme Tine. Je mehr meine Freundin erzählte, umso ratloser wurde ich. Was war bloß los mit Klaus? War er krank? Hatte er eine heimliche Geliebte? Litt er an Depressionen? Hatte er übermäßigen Stress bei der Arbeit? Befand er sich in der Midlife-Crisis? Oder liebte er Tine etwa nicht mehr? Fand er sie nicht mehr anziehend und sexy? Oder war schlicht sein Sexualtrieb verkümmert?
Fragen über Fragen und keine Antworten, obwohl Tine natürlich versucht hatte, aus ihrem Gatten etwas herauszubekommen. Aber Klaus gehörte leider zu jenen Männern, die sich eher einsilbig durchs Leben schlugen und intensive Beziehungsgespräche als Verstoß gegen ihr Grundrecht auf freie Entfaltung der schweigsamen Persönlichkeit ablehnten. Wie Tine es mit ihm aushielt war mir – zumindest in dieser Hinsicht – sowieso ein Rätsel.
Plötzlich fiel mir noch etwas ein. „Warum schenkt er dir in dieser Situation dann ein Sex-Häschen mit Lustspielzeug? Sollte dich das aufmuntern oder war das etwa ein dezenter Hinweis darauf, dass du zukünftig alleine klarkommen musst?“
„Nein“, Tine verzog müde einen Mundwinkel, „weder noch. Er hielt den Dildo für eine Karotte.“
Es war halb zwölf und die Flasche leer. Wir gähnten beide und beschlossen ins Bett zu gehen. Tine hakte mich unter und begleitete mich bis zum Gartentor. Über uns blinkten einzelne Sterne und die noch kühle Nachtluft wehte den Hauch eines Frühlingsduftes heran. Wir seufzten beide gleichzeitig und mussten im selben Moment kichern. Ich drückte Tine und sagte zuversichtlich: „Ich bin ganz sicher: Es wird sich alles wieder einrenken.“
Sie atmete tief ein. „Das hoffe ich. Auf jeden Fall hat das Reden schon mal gut getan. Danke!“
Ich war bereits auf unserem eigenen Gartenweg, als ich sie leise rufen hörte: „Was wolltest du eigentlich mit mir besprechen? Da war doch irgendwas?“
Ich winkte ab. „Das kann bis morgen warten. Gute Nacht!“
Der Samstagmorgen war der schönste Morgen der Woche. Wenn ich nicht zwingend eine Klassenarbeit zu korrigieren hatte und um halb acht am Schreibtisch saß, gestattete mir Arno großzügig, bis neun Uhr auszuschlafen. Dann weckte er mich liebevoll und ich durfte mich an den gedeckten Frühstückstisch setzen, mit aufgebackenen Brötchen, mehreren Käse- und Marmeladensorten, Schokoaufstrich, natürlich Kaffee und dazu stimmungsvollen Kerzen. Unsere Tochter Nele stieß in der Regel mit schlafwirren Haaren zu uns, wenn wir das erste Brötchen bereits gegessen hatten. Wir hatten aufgehört, auf sie zu warten und uns darüber zu ärgern, dass die Backwaren kalt wurden – ein Zugeständnis an ihr pubertäres Schlafbedürfnis und an unsere Nerven.
Während dieses Frühstückrituals wurde erzählt und diskutiert, gelacht, geplant und gestritten und manchmal auch einträchtig geschwiegen, wenn jeder seinen eigenen Gedanken nachhing.
An diesem Morgen war mein Blick eher nach innen gerichtet. Ich hatte leichte Kopfschmerzen – im Gegensatz zu unserem Gesprächsthema war Tines Wein am gestrigen Abend doch sehr lieblich gewesen – und grübelte darüber nach, ob überhaupt, und wenn ja wie viel, ich von dem, was mir meine Freundin anvertraut hatte, mit Arno besprechen könnte.
„So schweigsam heute Morgen?“, fragte Arno und biss in sein Brötchen, dass die Krümel in alle Richtungen auseinanderflogen. Sofort war Karl Marx auf den Beinen, umkurvte Arnos Stuhl, schnaufte mit der Nase über den Boden und fungierte als schwanzwedelnder Staubsauger.
„Ist wohl gestern Abend spät geworden“, versuchte Arno erneut ein Gespräch in Gang zu bringen.
„Hmm.“
Dann hatte ich eine Eingebung, hob den Kopf und fixierte meine friedlich kauenden Familienangehörigen.
„Welche Wörter für Geschlechtsverkehr kennt ihr noch außer bumsen, ficken, vögeln und poppen?“
Vater und Tochter wechselten einen irritierten Blick, dann grinsten beide. Nele war plötzlich hellwach und rückte auf ihrem Stuhl heran.
„Mama! Solche Wörter aus deinem Mund? Wozu willst du das denn wissen?“
„Ach, äh, wir kamen gestern im Unterricht darauf. Jugendsprache, Vulgärsprache und so …“, fiel mir glücklicherweise spontan ein.
„Menno, das würde ich auch viel lieber in Deutsch machen. Aber nein, wir pauken Kommasetzung“, maulte sie.
„Und? Fällt euch da etwas ein?“
„Kopulieren, sich paaren, begatten“, überlegte Arno sachlich.
„Sich gegenseitig Lust bereiten, Körperflüssigkeiten austauschen“, ergänzte ich selbst.
„Igitt!“, Nele schüttelte sich. Dann setzte sie hinzu: „Rammeln, schnackseln und es treiben!“
„Sexuell interagieren, … sich ineinander verlieren.“ Arno sah mich liebevoll-sehnsüchtig an. Nele verdrehte die Augen.
„Sex haben, miteinander ins Bett gehen, miteinander schlafen, … ich finde, so viele allgemein gebräuchliche Verben und Umschreibungen gibt es für diesen bedeutenden Akt gar nicht, oder?“, resümierte ich.
Nun war Nele munter geworden, erzählte von ihren Freundinnen und Klassenkameraden und wer innerhalb der Schule gerade auf wen stand.
„Und was ist mit dir? In wen bist du verliebt?“, fragte Arno interessiert.
„Mensch, Papa! Das geht dich ja wohl gar nichts an!“, schnappte Nele und schon war ihr selten lebhaftes Geplauder beendet und wir saßen wieder einmal einer verschlossenen Auster gegenüber. Arno und ich blickten uns leidend über den Frühstückstisch hinweg an und zuckten unauffällig die Schultern. Pubertäre Stimmungsschwankungen.
Unser obligatorischer Spaziergang durch die angrenzenden Felder – natürlich ohne Tochter, die sich lieber wieder ins Bett verkrümelt hatte – dauerte diesmal weit über eine Stunde, weil nicht nur Arno und ich alle Vorboten des nahenden Frühlings – aufbrechende Knospen an Büschen und Bäumen, sprießendes Grün am Wegesrand, saftiges Braun der Felder kontrastiert von ersten hellgrünen Getreidepflänzchen – bestaunten und willkommen hießen, sondern auch, weil Kalli fröhlich und befreit jede sich bietende Duftfährte nutzte, um durch die Gegend zu stürmen. So hielten wir immer wieder an, um auf unseren Hund zu warten, plauderten, hielten uns an den Händen oder schwiegen einvernehmlich. Alle bedrückenden Gedanken an Tines Ehesex-Problem waren wie weggeblasen. Wieder zu Hause zog sich jeder mit seiner Lieblingsbeschäftigung zurück. Arno kochte sich einen Espresso und studierte in der Küche die zwei Tageszeitungen, die wir abonniert hatten. Ich nahm den Roman, in dem ich gerade las, und eine Gedichtanthologie und machte es mir in meinem Lieblingssessel im Wohnzimmer bequem. Während des gesamten Spazierganges war mir jenes berühmte Gedicht von Eduard Mörike im Kopf herumgeweht:
Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
streifen ahnungsvoll das Land …
Aber über die ersten vier Verse kam ich peinlicherweise nie hinaus. Nun wollte ich dieses Gedicht, das die zarte Vorahnung auf den Frühling mit allen Sinnen spürbar machte – angeblich eines der Lieblingsgedichte der Deutschen – endlich auswendig lernen, um damit meine Schüler zu beeindrucken. Ich war gerade beim fünften Vers Veilchen träumenschon, da klingelte das Telefon.
„Hast du Lust auf einen Kaffee?“, fragte Tine gut gelaunt.
„Kaffee hatte ich vorhin erst.“
„Dann eben Tee, Sekt, Bier, Wein?“
„Was gibt es denn so Dringendes? Sag bloß, du hattest gestern Nacht noch orgiastischen Telefonsex mit Klausi?“
„Nö, nur mit mir alleine. War aber auch nicht übel.“
Ich schluckte. Wollte ich das wissen?
„Hey“, gluckste sie, „das war ein Wihitz! Bei mir gibt es leider noch nichts Neues.“ Sie seufzte. „Aber mir ist eingefallen, dass du doch etwas erzählen wolltest.“
Ach ja, stimmt ja. Plötzlich wurde ich ganz aufgeregt.
„Ich komme rüber!“
Tine hatte Cappuccino serviert und wir saßen uns an ihrem Kiefernholztisch in der Küche gegenüber. Auf der Fensterbank stand ein farbenfroher Osterstrauch: Forsythienzweige, an denen von Tine liebevoll gestaltete Ostereier hingen. Auf dem Tisch stand ein Nestkörbchen, mit echtem Moos ausgekleidet, in dem sich ebenfalls bunte Eier tummelten. Daneben lag eine jener Zeitschriften, mit denen naturentfremdete Städterinnen gerne ihre Sehnsucht nach einem idyllischen Landleben stillten, ohne dabei jedoch auf die Bequemlichkeit eines 24-Stunden-ÖPNV oder den Discounter um die Ecke verzichten zu müssen.
Vor mir hatte ich, noch zusammengefaltet, meine Liste abgelegt, meinen Zweijahresplan, meinen Impulsgeber, mein Anti-Aging-Programm.
Tine sah erst den Zettel, dann mich auffordernd an und während ich das Blatt auseinanderfaltete, merkte ich, wie meine Hände zitterten. Was ich hier mit Tine besprechen wollte, war doch schon ziemlich intim. Ich schickte voraus, dass ich mir Gedanken über das Alter und meine nähere bis mittelfristige Zukunft gemacht hätte und sah Tine prüfend an. Beim kleinsten Hinweis darauf, dass sie dies mit Spott oder Langeweile quittieren könnte, hätte mich der Mut verlassen. Aber sie sah mich neugierig an und nickte gespannt.
„Ich habe mir überlegt, was ich in den nächsten Jahren gerne erleben oder verändern möchte und einige Punkte aufgeschrieben. „Also. Punkt eins: Körperliche Attraktivität und Fitness ausbauen!“
Tine nickte begeistert. „Hast du schon eine Idee, wie du das anstellen willst?“
„Ja, das kommt als Nächstes: Zweiter Punkt: Tanzkurs, zum Beispiel Zumba, belegen!“ Ich sah sie unsicher an. Mir war bewusst, dass diese Modesportart nicht sehr originell war.
„Hey supi! Dazu hätte ich auch Lust! Wäre sofort dabei – wenn dir das recht wäre“, fügte sie hinzu. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht.
„Gute Idee! Zu zweit macht es sowieso mehr Spaß und man kann sich besser gegenseitig motivieren.“ Erleichtert, dass Tine meine Überlegungen so positiv aufnahm, fuhr ich fort:
„Dritter Punkt: Haare lang wachsen lassen!“
Überrascht sah meine Freundin mich an. Bis jetzt hatte ich als Feministin den Standpunkt vertreten, dass lange Haare ein Relikt patriarchaler Geschlechtervorstellungen waren, da sie – völlig unpraktisch – nur der Feminisierung des weiblichen Geschlechts dienten und sozusagen als tertiäres Geschlechtsorgan in den Augen der Männer sexuelle Attraktivität signalisierten, wodurch sich langhaarige Frauen zu Sexobjekten degradierten. Das sah ich eigentlich auch immer noch so. Deshalb ärgerte es mich auch, dass Nele ihre farbwechselnde Haarpracht immer länger wachsen ließ und meinen Argumenten gegenüber völlig unzugänglich war. Ich hatte seit meiner Jugend, so mit fünfzehn Jahren, und dem Erwachen meines kritischen Bewusstseins meine Haare konsequent sehr kurz getragen, auch weil es für den vielen Sport, den ich betrieben hatte, viel praktischer war. Jetzt trug ich eine fransige und wie ich fand freche Kurzhaarfrisur. Die war unkompliziert und zeigte, dass ich keinesfalls bereit war, mich dem Mainstream-Frauenbild zu unterwerfen!
Andererseits …
„Es ist so eine Art Test“, versuchte ich eine Begründung. „Kann ich meinen Überzeugungen treu bleiben, fühle ich mich den Männern weiterhin ebenbürtig und werde von ihnen ernst genommen, auch wenn ich ‚typisch weibliche‘ Seiten an mir stärker herausstelle?“
„Hmm, hört sich kompliziert an. Vielleicht willst du ja einfach eine Veränderung oder magst deine Haare eben nicht mehr?“
„Irgendwie will ich tatsächlich eine Veränderung. Aber ich mag meine Haare, deshalb hätte ich sie ja eigentlich immer schon gerne lang getragen!“
Jetzt war es heraus – gar nicht so leicht, sich diesen verräterischen Wunsch einzugestehen.
„Wie? Du hast also für deine feministische Überzeugung deine persönlichen Wünsche zurückgestellt?“
„Tja, ein bisschen schon.“
„Da hast du aber ein megagroßes Opfer gebracht! Es ist doch so: Männer tragen heute lange Haare, Frauen haben Glatzen. Alles ist möglich, jeder kann so herumlaufen, wie es ihm gefällt. Dafür brauchst du doch keine politische Rechtfertigung. Und ob du ernst genommen wirst, hängt ja wohl eher von deinem gesamten Auftreten ab. Außerdem“, fügte Tine ihrem eifrigen Plädoyer augenzwinkernd noch hinzu, „brauchst du dir deine Haare ja nicht gleich bis zum Po wachsen und platinblond färben zu lassen.“
Sie hatte recht. Ich sollte – und wollte ja auch – endlich mein Äußeres nach meinem inneren Befinden gestalten.
„Aber genau das wäre meine Traumfrisur!“, scherzte ich. „Nein, ich finde ja auch, dass ich langsam alt genug bin, um mein eigenes Bild von mir zu verwirklichen. Ich denke, ich darf zu meinen Wünschen stehen. Meine Haare müssen kein politisches Statement mehr sein.“ Ich horchte in mich hinein. Es passte. „Also, ab sofort: Schere, stopp!“, rief ich übermütig aus.
„Jawoll!“, stimmte Tine ein und prostete mir mit ihrer Tasse zu. „Und was ist mit der Farbe? Willst du daran auch etwas ändern?“
Erstaunt sah ich sie an.
„Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Findest du, dass ich anfangen sollte zu färben? Grau möchte ich nämlich noch nicht aussehen.“
Tine nahm eifrig-konzentriert meine braunen Haare in Augenschein. Klar, das ein oder andere graue Haar hatte sich seit einigen Jahren durchaus darunter geschmuggelt. Bis jetzt hatte es aber ausgereicht, sie einfach herauszuschneiden. Tine liebte es, über Haare zu philosophieren. Seit einigen Jahren schon experimentierte sie mit den verschiedensten Rottönen und erfand ihr Äußeres immer wieder neu.
„Nö, noch geht’s“, meinte Tine.
„Na danke schön!“
„Wenn’s noch grauer wird, kannst du ja erst mal in deiner eigenen Farbe nachtönen“, schlug sie vor.
Tja, irgendwann würde ich wohl nicht mehr darum herumkommen, wenn ich nicht mit fünfundfünfzig wie ein grauer Panther aussehen wollte. Aber noch grauste es mir vor dem Aufwand. Erst wenn ich siebzig oder achtzig wäre, würde ich hoffentlich ein weises Grau mit Stolz tragen, wenn ich dann zu meinem Alter stehen konnte.
„So, genug über Haare geredet! Ich glaube, ich hab noch nie so lange über das gesprochen, was auf meinem Kopf so vor sich hin wächst!“ Ich schüttelte missbilligend denselben, während Tine grinste. Meine Tochter hätte an diesem Gespräch ebenfalls ihre Freude gehabt. Sie trug wie alle Mädchen heutzutage ihre dunkelblonden Haare möglichst lang und konnte sich endlos darüber auslassen. Haare waren eines ihrer Lieblingsthemen – für Arno und mich völlig unbegreiflich. Bei jeder Gelegenheit kam sie darauf zu sprechen und brachte uns regelmäßig damit auf die Palme, dass sie den Werbe-Sprech internalisiert hatte und an Volumen, Hair Care, Spliss Repair, Glossy Shine, Beach Waves, texturierendes Salzspray und so weiter glaubte wie an eine höhere Wahrheit. Offensichtlich hatte hier unsere aufklärerische Erziehung hin zu einer kritisch-distanzierten Konsumentin komplett versagt. Egal jetzt!
Ich nahm eine aufrechte Haltung ein, strich den Zettel glatt und fragte munter: „Bereit für den nächsten Punkt?“
„Nur los! Bin gespannt wie ein Flitzebogen!“
„Also, Punkt Nummer vier: Ich möchte mindestens ein Mal ganz alleine verreisen und diese Tour auch von A bis Z alleine planen!“
„Wie jetzt? Das musst du mir erklären! Ihr verreist doch in fast allen Ferien und du erzählst mir immer anschließend, wie schön es mit euch Dreien war, wie harmonisch, kaum Zankerei und Geschrei. Und nun willst du alleine weg?“
„Ja. Aber nicht, weil ich unsere Familienreisen leid bin. Die gehören für mich zu den Höhepunkten des Jahres. Es ist nur so, dass ich noch nie in meinem Leben ganz alleine so etwas unternommen habe. Ein Reiseziel bestimmen, überlegen, wie ich hinkomme, die nötigen Buchungen vornehmen, mich am Reiseziel orientieren, alleine Essen gehen, vielleicht Kontakte knüpfen … das ganze Programm eben.“
„Aha, du willst dir also ungestört einen Urlaubsflirt anlachen!“ Tine zwinkerte mir zu. War ja klar, dass sie nur das herausgehört hatte.
„Nein! Natürlich nicht!“
Obwohl … vielleicht doch?!
„Nein, es geht mir um meine Selbstständigkeit! Versteh doch, bis jetzt bin ich entweder als Kind mit meinen Eltern verreist, später im Studium mit meiner Freundin Anne und jetzt mit Arno. Ich habe wirklich noch nie ganz alleine alles geplant und entschieden. Und ich finde, das gehört irgendwie zum Erwachsensein dazu!“
„Fällt dir ja früh ein, mit fünfundvierzig“, stichelte Tine.
„Na und? Besser spät als nie!“, gab ich zurück.
„Also, ich hab das schon mit achtzehn durch. Rucksack auf, Interrailticket und dann ab durch Europa.“
„Siehst du, das ist doch genau, was ich meine! Fast jeder hat solche Erfahrungen gemacht, nur ich nicht“, stöhnte ich theatralisch.
„Und warum nicht?“
Ich sah Tine einen Moment in die grünen Augen und zuckte mit den Schultern.
„Hab mich nicht getraut.“
Tine überlegte.
„Tja, dann wird es ja wohl höchste Zeit, Frau Lehrerin. Wo soll es denn hingehen? Malediven, Seychellen, Australien, USA …?“
„Ich dachte an ein verlängertes Wochenende auf Borkum oder Helgoland.“
Tine begann zu lachen. „Wie spektakulär! Und extrem abenteuerlich! Mensch, wenn ich nur an all die tödlichen Gefahren dort denke … verpasste Fähren, störrische Schafe, Krabben …“ Sie hielt sich den Bauch vor Lachen.
„Pff, mach dich nur lustig. Erstens habe ich noch gar nicht entschieden, wohin, und zweitens: Besser so als gar nicht!“, erwiderte ich spitz.
Ich tat ein bisschen eingeschnappt, trank den Rest des kalten Cappuccinos, sah aus dem Fenster und bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Tine grinste. Na denn. Ich grinste zurück.
