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Emily hat eigentlich mit der Männerwelt abgeschlossen. Zu tief sitzt der letzte Liebeskummer. Sie zieht sich in ihr Schneckenhaus zurück, bis ihre beste Freundin sie dazu überredet, eine Therapeutin aufzusuchen. Ausgerechnet die rät ihr, sich mindestens einmal in der Woche mit einem Mann zu treffen, auch wenn dieser viel jünger ist ...*** Der äußerst gutaussehende Alex ist ein typischer Student. Partys bestimmen sein Leben und er lässt auch in Sachen Frauen nichts anbrennen. Außerdem hegt er eine große Leidenschaft: die Fotografie. Als die unnahbare Emily in sein Leben stolpert, ist sein Jagdinstinkt geweckt. Nicht nur, dass er sich an dieser Frau die Zähne ausbeißt, sie trifft sich auch noch mit anderen Männern. Als wäre das Chaos damit nicht schon groß genug, entdeckt er sie eines Tages ausgerechnet im Büro seines Vaters ...
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Veröffentlichungsjahr: 2018
1. Auflage 2018
Copyright © 2018 Kafel Verlag
Alle Rechte vorbehalten.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung der Autorin wiedergegeben werden.
Korrektorat: SW Korrekturen e.U.
Lektorat: Simona Musall
Cover-Design: Alex Saskalidis
Covermotiv: © Netfalls/ Fotolia.com
und Dmitry Raikin/ Shutterstock
www.learosenbaum.com
Mancher findet sein Herz nicht eher, als bis er seinen Kopf verliert.
Friedrich Nietzsche
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Nachwort der Autorin
Weitere Titel von Lea Rosenbaum
Über die Autorin
»Ich nehme noch einen Frappuccino. Du auch?«
Amandas fragende Stimme riss Emily aus ihren Gedanken. Sie schreckte zusammen und löste ihren Blick von dem jungen Paar, das gerade Arm in Arm vorbeischlenderte.
Die beiden Freundinnen saßen im Beach Wonder, ihrem Lieblingscafé am Strand von Miami. Hier konnten sie nach Feierabend unter einem blau-weiß gestreiften Sonnenschirm kühle Getränke und köstliche Cupcakes genießen, dem bunten Treiben ringsum zusehen und das Meer rauschen hören.
»Klar. Immer her mit den Kalorien! Ist doch egal, wie ich aussehe. Mich will sowieso keiner. Und vor allem will ich keinen mehr.« Emily sah sich nach der Kellnerin um. Sie war wild entschlossen, ihren Kummer in Karamell und Sahne zu ertränken.
»Ich finde, du solltest langsam aufhören, dich in Selbstmitleid zu suhlen«, ermahnte Amanda sie, nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatten. »Es ist jetzt ziemlich genau sechs Monate her, seit du dich von Tom getrennt hast. Höchste Zeit, dass du wieder anfängst zu leben. Wann warst du das letzte Mal aus und hattest Spaß, und wann hast du das letzte Mal einen Mann getroffen?«
»Ich habe keine Lust, auszugehen. Und Männer sehe ich mir nur noch aus der Ferne an, wenn überhaupt.« Kopfschüttelnd strich
Emily sich eine dunkelbraune Haarsträhne aus dem Gesicht.
»Wozu hast du überhaupt noch Lust?« Amanda nippte an ihrem Frappuccino und sah die Freundin mit gerunzelter Stirn an. »Ich musste dich sogar mühsam überreden, zu meiner Geburtstagsparty letzten Monat zu kommen. Dabei war da dieser nette Typ, der Kollege von Ron, der dich so interessant fand. Aber du …«
»Ich werde doch sowieso nur ausgenutzt und früher oder später wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Und zwar eher früher als später.« Hastig wandte Emily den Kopf, weil schon wieder so ein unverschämt glückliches Paar am Strand aufgetaucht war. Wahrscheinlich würde sie nie wieder Hand in Hand mit einem Mann barfuß durch den Sand gehen, den Sonnenuntergang bewundern und anschließend in einer hübschen Strandbar einen Cocktail trinken, wie sie es am Anfang ihrer Beziehung manchmal mit Tom gemacht hatte.
»Du warst zwölf Jahre mit Tom zusammen«, erinnerte Amanda sie. »Und die meiste Zeit warst du ziemlich zufrieden mit der Beziehung. Wieso solltest du so was nicht wieder hinkriegen? Mit einem Mann, der dich wirklich verdient hat und nicht hinter deinem Rücken mit anderen Frauen rummacht.«
»Gibt es nicht!« Emily schüttelte heftig den Kopf.
»So ein Quatsch! Sieh Ron und mich an. Wir sind seit mehr als acht Jahren verheiratet, haben zwei süße Kinder und er trägt mich immer noch auf Händen. Neulich erst hat er gesagt, dass er jedes einzelne meiner süßen Pfunde liebt.«
Fröhlich tätschelte Amanda ihren leicht gerundeten Bauch. Schon seit ihrer Kindheit trug sie einige Kilo zu viel mit sich herum, aber Ron hatte sich nie daran gestört. Durch seine bedingungslose Liebe war Amanda noch lebenslustiger und selbstbewusster geworden. Und wäre Amanda nicht ihre beste Freundin, würde sie sie ernsthaft um ihr wunderbares Leben beneiden. So aber gönnte sie ihr das Glück von Herzen. Die kleine, ein bisschen pummelige Frau mit dem ansteckenden Lachen und den blond gefärbten, kurzen Locken war zurzeit der einzige Mensch, dem es ab und zu gelang, sie aus ihrem Schneckenhaus herauszuholen.
»Das mit Ron und dir ist die Ausnahme von der Regel«, behauptete Emily rasch. »Ich jedenfalls werde als wunderliche Alte enden, die ihre Wohnung mit fünf Katzen teilt und nur gelegentlich mal in Gesundheitsschuhen zum Einkaufen schlurft, weil sie Tierfutter herbeischaffen muss.«
»Du bist wirklich schrecklich!« Ein kräftiger Windstoß zerzauste Amandas Haar, als wollte er ihre Worte unterstreichen. »Gerade mal fünfunddreißig Jahre alt, wunderhübsch, beruflich erfolgreich – aber du tust, als wärst du eine zahnlose Greisin, an der das Leben längst vorbeigezogen ist. Für dich ist es lange noch nicht zu spät, einen netten Mann kennenzulernen und eine Familie zu gründen, wenn du das möchtest.«
»Ticktack, ticktack«, bemerkte Emily und bewegte dabei den Zeigefinger wie ein Pendel durch die Luft, um das Ticken ihrer biologischen Uhr anzudeuten.
»Wenn du natürlich noch zehn Jahre damit verbringst, dich wegen der Sache mit Tom zu grämen, gelingt es dir vielleicht tatsächlich, ein privates Katzenheim zu gründen«, drohte Amanda mit erhobenem Zeigefinger. »Dabei lernst du in deinem Job als Maklerin doch ständig attraktive Männer kennen, das hast du mir früher selbst oft erzählt. Sieh mich an. Ich bin Lehrerin und komme nur mit Kindern und meinen drögen Kollegen zusammen. Außerdem bin ich nicht halb so hübsch wie du. Trotzdem habe ich einen tollen Mann gefunden.«
»Ausnahmeglück, das sagte ich doch schon.« Emily kippte sich mit Schwung den restlichen Frappuccino in den Mund und verschränkte dann die Arme vor der Brust. Irgendwie halfen Zucker und Sahne auch nicht gegen das schwarze Loch in ihrem Inneren.
»Weißt du was?« Amanda beugte sich vor und hielt mit ihren strahlenden blauen Augen Emilys Blick fest. »Erinnerst du dich an die Therapeutin, bei der ich war, als ich vor drei Jahren den Riesenärger mit meiner Rektorin hatte und schon meinen geliebten Job als Lehrerin aufgeben wollte? Jeane Anderson hat mir unglaublich geholfen. Sie hat mit mir einen Plan ausgearbeitet, was ich ändern kann und wie ich mit den Dingen umgehen soll, die nun mal nicht zu ändern sind. Innerhalb von zwei Monaten bin ich wieder gern zur Arbeit gegangen. Und Rektorin Brick ist zwar immer noch nicht meine beste Freundin, aber wir respektieren einander und gehen uns ansonsten aus dem Weg.«
»Was hat das damit zu tun, dass ich nie wieder einem Mann vertrauen werde?« Emily konnte sich noch gut daran erinnern, wie schlecht es Amanda damals gegangen war und wie schnell die Therapie sie wieder in ihr fröhliches Ich zurückverwandelt hatte. Dennoch verspürte sie nicht die geringste Lust, mit einer Fremden über ihr desolates Seelenleben zu reden. Wie sollte ihr das helfen, bitte schön?
»Sie wird dir Schritt für Schritt zeigen, wie du wieder Spaß am Leben haben kannst. Der Rest kommt wahrscheinlich von ganz allein. Aber das weiß Jeane sicher besser als ich.« Amanda holte ihr Smartphone hervor. »Los, ich gebe dir die Nummer, dann kannst du gleich anrufen und einen Termin ausmachen.«
Emily stieß einen tiefen Seufzer hervor und griff ebenfalls nach ihrem Handy. Sie kannte Amanda gut genug, um zu wissen, dass es sinnlos war, Widerstand zu leisten. Wenn ihre Freundin sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, gab sie nicht eher Ruhe, bis sie ihren Willen bekam. Ganz besonders wenn es darum ging, ihrer besten Freundin etwas vermeintlich Gutes zu tun.
»Dreimal in der Woche?« Emily richtete sich in dem bequemen, weich gepolsterten Sessel kerzengerade auf und starrte Jeane Anderson entsetzt an. »Ich soll dreimal in der Woche abends ausgehen und jedes Mal mit einem Mann sprechen?«
»Mindestens sprechen«, bestätigte ihr die Therapeutin lächelnd.
Emily war nicht sonderlich begeistert gewesen, als sie durch einen kurzen Anruf in Miss Andersons Praxis erfahren hatte, dass ein Termin ausgefallen war und sie noch am selben Nachmittag zu einer ersten Sitzung vorbeikommen sollte. Die ruhige, entschlossene Art der Therapeutin gefiel ihr zwar ganz gut, Jeanes Vorschläge, was sie ab sofort unternehmen konnte, um endlich wieder glücklich zu werden, fand sie hingegen ziemlich beängstigend.
»Was heißt mindestens?« Emily runzelte die Stirn und sah die attraktive Frau mit den streng zurückgekämmten blonden Haaren fragend an.
»Wenn Sie ausgehen, kann und darf alles passieren, womit Sie sich wohlfühlen. Angenommen, Sie begegnen einem wirklich netten Mann und kommen mit ihm ins Gespräch. Dann können Sie sich zu einem Date mit ihm verabreden. Und sich mit einem Kuss von ihm verabschieden. Es darf aber auch mehr geschehen. Die Grenzen bestimmen Sie. Mindestens werden Sie aber mit ihm reden.«
»Worüber soll ich denn mit einem wildfremden Mann reden?« Emily war absolut nicht bereit, sich auf diesen absurden Plan einzulassen.
»Das findet sich. Notfalls übers Wetter«, erwiderte Jeane heiter.
»Ich war die letzten zwölf Jahre in einer Beziehung und weiß überhaupt nicht mehr, wie man sich da draußen verhält.« Mit einer vagen Handbewegung fuhr Emily durch die Luft, um anzudeuten, dass ihr die Welt des Flirtens und Datens vollkommen fremd geworden war.
»Dann finden Sie es eben wieder heraus. Sie haben mir doch gesagt, dass Sie seit sechs Monaten Single sind. Sind Sie während dieser Zeit nicht ein einziges Mal ausgegangen?«
»Doch. Mit meiner Freundin Amanda. Wir treffen uns regelmäßig in einem Café am Strand«, erklärte Emily achselzuckend.
»Ich denke, Ihnen ist klar, dass ich nicht von Verabredungen mit Freundinnen spreche.« Jeane schob ihre modische Brille mit dem schwarzen Gestell ein wenig höher auf die Nase.
»Ich hatte seit meiner Trennung keine Dates, falls Sie das meinen«, gab Emily mit einem Seufzer zu. »Und ich wollte auch keine. Weil Männer … die enttäuschen einen nur.«
»Ein einziger Mann hat Sie enttäuscht«, korrigierte Jeane sie ruhig. »Das bedeutet nicht, dass alle Männer so sind. Sie haben mir erzählt, wie sehr es Sie getroffen hat, dass Sie Ihre Pläne für die Gründung einer Familie durch die Untreue Ihres Freundes von jetzt auf gleich aufgeben mussten.«
»Vielleicht war es sogar gut, dass ich mit Tom keine Kinder bekommen habe.« Emily fixierte ein Bild an der Wand, das eine idyllische Hügellandschaft zeigte. »Wir hatten nicht sonderlich viel gemeinsam und haben mit den Jahren immer weniger Zeit miteinander verbracht. Zur Krönung des Ganzen hat er mich dann belogen und betrogen. Wenn das passiert wäre, nachdem wir schon ein oder zwei Kinder in die Welt gesetzt hätten …« Sie schüttelte den Kopf und presste die Lippen zusammen, um einen weiteren Seufzer zu unterdrücken.
»So ist es richtig«, lobte ihre Therapeutin sie. »Sehen Sie die Vorteile und Möglichkeiten, lassen Sie Ihren Schmerz los und fangen Sie wieder an zu leben.«
Emily musste lachen. »Das sagt Amanda auch immer.«
»Und sie hat recht. Deshalb schließen wir zwei hier und jetzt einen Vertrag.« Von einem Stapel nahm Jeane ein weißes Blatt Papier und schrieb mit einer großzügigen, eleganten Schrift einige Zeilen darauf. Dann setzte sie das aktuelle Datum und ihre Unterschrift darunter und legte den Zettel auf den kleinen Tisch, der zwischen ihr und Emily stand. »Jetzt Sie.«
»Was ich?« Mit zusammengekniffenen Augen überflog Emily die wenigen Sätze, die die Therapeutin niedergeschrieben hatte.
»Jetzt unterschreiben Sie den Vertrag«, forderte Jeane sie auf.
»Ich weiß wirklich nicht …«
»Wollen Sie Ihr Leben ändern?«, erkundigte Jeane sich streng. »Oder wollen Sie lieber weitermachen wie bisher, ohne Zukunftsperspektive, traurig und unglücklich?«
»Natürlich nicht!« Emily schüttelte den Kopf. »Mein Job leidet auch unter meiner Stimmung. Ich habe morgens keine Lust, aufzustehen und zur Arbeit zu gehen oder überhaupt irgendetwas zu machen.«
Wortlos deutete Jeane auf den Vertrag.
»Aber dreimal in der Woche ausgehen? Wohin denn?«
»In eine nette Bar zum Beispiel. Sie müssen ja nicht lange bleiben. Nur bis Sie sich mit einem Mann unterhalten haben. Dann können Sie wieder gehen. Falls Sie nicht doch Lust haben, die Unterhaltung auf irgendeine Weise fortzusetzen.« Die Therapeutin zwinkerte ihr zu.
Zögernd griff Emily nach dem Kugelschreiber.
»Sie können auch Partys besuchen. Oder Konzerte und andere Veranstaltungen. Selbst im Kino kann man sich mit Männern unterhalten. Am Popcornstand oder in der Warteschlange an der Kasse zum Beispiel. Oder verabreden Sie sich mit alten Freunden. Lassen Sie endlich wieder Leben in Ihr Leben.« Jeane tippte auf die Stelle, wo Emily unterschreiben sollte.
Der letzte Satz der Therapeutin brachte den Knoten zum Platzen, der sich angesichts der Aufgabe, die ihr gestellt worden war, in Emilys Bauch gebildet hatte. Ja, sie wollte wieder Leben spüren! Außerdem ging es erst einmal gar nicht darum, einen Vater für ihre noch ungeborenen Kinder zu finden. Der erste Schritt war, wieder lachen zu lernen, unter Menschen zu gehen und sich einem Mann zu nähern mit ganz harmlosen Gesprächen – und sei es nur über das Wetter. Dann konnte sie weitersehen.
Amanda hatte recht behalten: Es war erstaunlich, wie schnell diese erfahrene Therapeutin ihre Klienten dazu bringen konnte, etwas Neues in Angriff zu nehmen.
Entschlossen kritzelte sie ihren Namen unter den Vertrag, den Jeane aufgesetzt hatte. Erstaunlicherweise freute sie sich plötzlich darauf, wieder die Leichtigkeit des Lebens zu spüren und die Dinge auf sich zukommen zu lassen.
Unwillig warf sich Alex in seinem breiten Bett auf die andere Seite und kniff die Lider zusammen, die er unvorsichtigerweise geöffnet hatte, als er unvermittelt aus einem lebhaften Traum erwacht war. Im Schlaf hatte er bunte Farben, fröhliche Menschen und gedämpftes Licht gesehen. Durchs Fenster fiel jedoch grelles Sonnenlicht direkt in sein Gesicht.
Nachdem er eine Weile mit geschlossenen Augen still dagelegen hatte, stellte er fest, dass er wohl nicht wieder einschlafen würde. Was schade war, denn er schlief ausgesprochen gern und sein Traum hatte ihm wirklich gut gefallen. Vor allem hätte er gerne erfahren, wer die geheimnisvolle Schöne war, die ihn aus dem Hintergrund angelächelt hatte und der er schon häufiger in seinen Träumen begegnet war. Doch wie so oft blieb das Gesicht der Frau, zu der ihn alles hinzog, im Schatten. Er sah nur ihr schimmerndes, dunkles Haar und die Silhouette ihres schlanken Körpers. Wenn er versuchte, sich ihr zu nähern, um ihr in die Augen zu blicken, verschwand sie in der Dunkelheit.
Blinzelnd versuchte Alex festzustellen, wie spät es war. Auf dem kleinen Tisch neben seinem Bett stand jedoch ein offener Pizzakarton mit den Resten seines Abendessens und versperrte ihm den Blick auf den Digitalwecker. Mit einer energischen Handbewegung klappte er den Deckel zu und stellte fest, dass es bereits drei Uhr nachmittags war. Wenn er sich heute wenigstens noch ein oder zwei Stunden auf die anstehende Klausur vorbereiten wollte, wurde es langsam Zeit, aus dem Bett zu kommen.
Er richtete sich auf, schlug die Decke zurück und setzte sich auf die Bettkante. Von hier aus hatte er seinen Schreibtisch an der gegenüberliegenden Wand direkt im Blick. Immerhin lagen seine Bücher schon bereit. Er musste sich nur noch hinsetzen, sie aufschlagen und sich in seinen Lehrstoff vertiefen. Zu dumm, dass ihn die Paragrafen und Vorschriften, mit denen er sich im Rahmen seines Jurastudiums beschäftigen musste, überhaupt nicht interessierten.
Zum Glück musste er vor dem Lernen noch eine Dusche nehmen und sich anziehen, sodass er die Beschäftigung mit den ungeliebten Themen ein bisschen aufschieben konnte. Außerdem hatte er Hunger.
Er nahm sich aus dem Pizzakarton ein Stück vom Rest seiner Abendmahlzeit und biss kräftig hinein. Dann lief er barfuß und kauend im Zimmer herum und suchte etwas zu trinken. Da mehrere offene Getränkedosen und drei oder vier Tassen mit längst kaltem Kaffee im Zimmer herumstanden, wurde er schnell fündig. Lauwarme Cola war zwar nicht gerade das, was er unter einem erfrischenden Getränk verstand, aber immerhin besser als nichts.
Gelangweilt ging er hinüber zu seiner Bassgitarre, die in der Ecke an der Wand lehnte, und zupfte einige Male an den Saiten.
»Guten Morgen, Bruce«, begrüßte er sein Instrument, das er nach seinem Vorbild, dem Gitarristen Jack Bruce, benannt hatte.
Dann wandte er sich endlich der offen stehenden Tür zu seinem Bad zu. Eine kühle Dusche würde ihn richtig munter machen. Allerdings standen die Chancen schlecht, dass das rauschende Wasser eine unbändige Freude aufs Lernen in ihm wecken würde. Aber man sollte die Hoffnung bekanntlich nie aufgeben.
Gerade wollte er hinter sich die Tür der gläsernen Duschkabine schließen, als sein Handy plötzlich sein selbst komponiertes Gitarrensolo spielte, das er als Rufton eingestellt hatte.
Nach kurzem Zögern ging Alex nackt, wie er war, zurück in sein Zimmer und nahm nach einem Blick aufs Display den Anruf an.
»Hi, Jonathan. Was gibt’s?« Beim Sprechen sah er hinunter auf seine Brust und ließ die Muskeln unter der bronzefarbenen Haut spielen. Heute musste er unbedingt mal wieder eine Trainingsstunde im Fitnessstudio einschieben. Er war mit seinem Körper zufrieden und das sollte auch so bleiben. Die Natur hatte ihm die ansehnliche Körpergröße von 1,85 m geschenkt und ihn mit markanten Gesichtszügen und dem interessanten Kontrast zwischen dunklen Haaren und blauen Augen ausgestattet. Seine breiten Schultern verdankte er der Tatsache, dass er seit seiner Kindheit regelmäßig im Meer schwamm. Für eine straffe Muskulatur sorgte er mit regelmäßigem Training.
»Heute ist Party bei Luke. Kommst du mit?«
Alex runzelte die Stirn. Sein Kumpel Luke war für die rauschenden Partys bekannt, die er in der Villa seiner Eltern veranstaltete, wenn diese verreist waren, was ziemlich häufig vorkam. Es gab einen riesigen beleuchteten Pool, der Alkohol floss in Strömen und die weiblichen Gäste führten ihre knappsten Bikinis vor.
»Ich kann nicht«, erklärte Alex nach kurzem Nachdenken. »Bin schon mit Tracy verabredet.«
»Aha«, rief Jonathan und pfiff durch die Zähne. »Läuft da was zwischen euch?«
»Nein.« Obwohl sein Freund ihn nicht sehen konnte, schüttelte Alex den Kopf. »Wir sind befreundet, weiter nichts.«
»Falls Tracy die kleine Zierliche ist, mit der ich dich letzte Woche gesehen habe, würde ich mir das aber noch mal überlegen«, gab Jonathan zu bedenken. »Wenn man den niedlichen Typ mag, ist sie wirklich hübsch. Und sie himmelt dich an.«
»Quatsch! Wir verstehen uns einfach gut. Sie studiert Malerei, darum versteht sie, was mir das Fotografieren bedeutet. Ich kann mich mit ihr über meine Bilder unterhalten. Das heißt aber nicht, dass ich was von ihr will.«
»Was nicht ist, kann ja noch werden«, orakelte Jonathan. »Dann sehen wir uns also morgen in der Uni. Die Vorlesung über Strafrecht ist erst nachmittags. Bis dahin schaffst du es ja wohl, dich von deiner Tracey zu lösen.«
»Vielleicht.«
Nachdem er das Gespräch beendet hatte, stand Alex eine Weile in der Mitte seines Zimmers und betrachtete stolz die großen Schwarz-Weiß-Fotografien an den Wänden. Erst vor Kurzem hatte er eine Serie über die Architektur verschiedener Epochen abgeschlossen. Stundenlang war er mit seiner Kamera durch die Stadt gestreift und hatte nach außergewöhnlichen Bauwerken mit stilistischen Besonderheiten gesucht. Oder nach Gebäuden, die er durch einen ungewöhnlichen Blickwinkel zu etwas Besonderem machen konnte. Die besten Bilder hatte er anschließend vergrößert und sie in seinem Zimmer aufgehängt.
Gerade wollte er sich umdrehen und zurück ins Bad gehen, als hinter ihm die Tür aufflog und seine Schwester Kathy ins Zimmer stürmte.
»In der Küche gibt es keinen einzigen sauberen Teller mehr«, rief sie und blieb mit in die Taille gestemmten Armen mitten im Raum stehen.
Alex zuckte mit den Schultern. »Ich räum das Geschirr nachher weg. Wenn ich Zeit habe.«
»Das kenne ich!«, tobte Kathy weiter. »Und dann bist du plötzlich verschwunden und rennst stundenlang mit deinem Fotoapparat in der Stadt rum. Bis ich alles wegräume, weil die Küche so einfach nicht zu benutzen ist.«
Sie stockte, weil ihr offenbar erst jetzt auffiel, dass Alex nackt war. Schnell hatte er einen halben Schritt hinter einen Sessel gemacht, der ihm von der Hüfte abwärts Sichtschutz bot.
»Zieh dir gefälligst was an!«
»Ich wollte gerade duschen, aber dann muss ich eben erst die Spülmaschine einräumen.« Grinsend machte er Anstalten, zur Tür zu gehen.
»Doch nicht nackt!« Kathy funkelte ihn wütend an. »Du bist ein solcher Kindskopf. Wenn du so weitermachst, sage ich Dad, dass ich nicht mehr mit dir im Gästetrakt wohnen will. Ursprünglich dachte ich, es könnte hier im Anbau ganz lustig mit uns beiden werden, wo wir schalten und walten können, wie wir wollen. Als Steuerassistentin verdiene ich schließlich kein Vermögen und könnte mir niemals eine Wohnung in so guter Lage leisten. Aber dein ewiges Chaos geht mir total auf die Nerven.«
»Na ja, und ich dachte, wenn ich hier einziehe, ist endlich niemand mehr hinter mir her, der mir ständig erzählt, dass ich aufräumen und zur Uni gehen soll und all diesen Kram«, konterte Alex ungerührt.
»Uni ist ein gutes Stichwort! Wann warst du zuletzt da?« Kathy legte den Kopf schief und musterte ihn streng. In diesen Momenten hatte sie große Ähnlichkeit mit ihrer gemeinsamen Mutter Marie, die seit vielen Jahren von ihrem Dad getrennt lebte. Dad hatte kurz nach der Scheidung Sheila geheiratet, die absolut in Ordnung war, aber eben nicht ihre Mom.
»Ich hasse Jura. Das weißt du doch.« Alex fischte ein paar Shorts von der Armlehne des Sessels und schlüpfte hinein.
»Ich hasse meinen Job auch manchmal. Das heißt aber nicht, dass ich dann einfach im Bett liegen bleibe oder den ganzen Tag meinen Hobbys nachgehe.« Mit einer ruckartigen Bewegung deutete Kathy auf die Bilder an den Wänden.
»Fotografieren ist kein Hobby für mich, Kathy! Es ist meine Leidenschaft. Ich bin gut darin und eines Tages werde ich meinen Lebensunterhalt damit verdienen. Du wirst schon sehen. Und Dad auch.«
»Hör doch auf zu träumen, Alex!« Kathy schüttelte so heftig den Kopf, dass ihre kurz geschnittenen, dunklen Haare wild tanzten. »Es sind Luftschlösser, die du baust. Konzentriere dich lieber auf etwas Vernünftiges und studiere. Eines Tages wirst du froh sein, dass du in der Lage bist, dich und deine Familie mit einem anständigen Job zu ernähren.«
»Jetzt klingst du zur Abwechslung mal wie Dad«, stellte Alex gelassen, aber ironisch fest. »Du hast unsere Eltern inklusive Stiefmutter total verwöhnt. Immer warst du die brave, ordentliche, fleißige Tochter, die einen Job beim Steuerberater angenommen hat, weil Daddy es gern so wollte.«
»Im Gegensatz zu dir spaziere ich nicht mit dem Kopf in den Wolken durch die Gegend. Ich weiß, dass das Leben kein Wunschkonzert ist. Man kann nicht immer nur Spaß haben. Manchmal muss man eben Dinge tun, weil sie nötig sind.«
»Ich werde jedenfalls dafür sorgen, dass die Dinge, die nötig sind, auch Spaß machen«, erklärte Alex grinsend. »Zum Beispiel das Geldverdienen.«
Kathy verdrehte die Augen. »Träum weiter! Aber bevor du das machst, räumst du die Küche auf. Deine Wäsche hast du auch schon ewig nicht mehr gewaschen. Und wenn du schon dabei bist …«
»Du erlaubst aber, dass ich erst mal dusche?« Mit einem Ruck wandte Alex sich wieder der Tür zu seinem Bad zu. »Oder ist dir eine saubere Küche wichtiger als ein sauberer Bruder?«
Zufrieden hörte er, wie seine Schwester anfing zu kichern. Wenn sie auch gern die strenge Mitbewohnerin hervorkehrte, war sie doch im Grunde viel zu umgänglich, um ernsthaft Ärger zu machen. Und sie hatte Alex sehr gern. So wie er sie.
»Gleich hinterher kümmerst du dich ums Geschirr«, stieß sie hervor und bemühte sich vergeblich um einen barschen Ton.
Alex zögerte einen Moment, ob er die Sache auf sich beruhen lassen und nachher einfach verschwinden sollte. Aber er wollte Kathy gegenüber nicht unfair sein.
»Ich fürchte, nach dem Duschen habe ich keine Zeit mehr. Ich bin mit Tracy verabredet. Und du weißt, unsere Eltern haben uns beigebracht, dass es äußerst unhöflich ist, andere Menschen warten zu lassen.«
Der Seufzer, den Kathy daraufhin ausstieß, kam aus tiefstem Herzen. Sie schüttelte den Kopf, strich sich eine braune Haarsträhne aus der Stirn und presste sekundenlang die Lippen zusammen, bevor sie sich zu einer Antwort durchrang.
»Das ist das letzte Mal, dass ich dir die Arbeit abnehme. Als Gegenleistung erwarte ich …« Sie legte die Stirn in Falten und überlegte angestrengt.
»Wie wär’s mit einem Grillabend auf unserer Terrasse«, schlug Alex vor. »Wir haben schon viel zu lange nicht mehr gemütlich zusammengesessen und gequatscht. Ich besorge das Fleisch und den Wein. Ich mache sogar einen Salat.«
»Okay.« Kathy strahlte ihn an. »Und du räumst hinterher die Küche auf.«
»Auch das, Schwesterlein.« Er wusste ganz genau, dass Kathy ihn nicht allein vor dem fettigen Geschirr stehen lassen würde. Dazu war sie viel zu nett.
»Außerdem gehst du morgen in die Uni und verbringst nicht ständig deine Nächte mit den blöden Computerspielen. Du bereitest dich gründlich auf deine Klausuren vor und hörst auf, irgendwelchen …«
»Jetzt ist aber gut!« Entschlossen marschierte Alex in Richtung Bad. »Nur weil du einmal die Küche für mich aufräumst, muss ich nicht als Gegenleistung mein ganzes Leben umkrempeln. Das ist wirklich ein bisschen zu viel verlangt. Ich werde meinen Weg machen. Und zwar auf genau die Weise, die richtig für mich ist.«
»Aber …«, fing Kathy erneut an.
»Keine Zeit mehr! Tracy wartet!« Entschlossen ging er ins Bad, drückte die Tür hinter sich ins Schloss und drehte die Dusche auf.
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