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Larissa stammt aus einer absolut heilen Welt. Sie ist die Tochter eines wohlhabenden Bauunternehmers und es mangelt ihr eigentlich an nichts. Trotzdem fühlt Larissa sich gefangen wie ein Vogel im goldenen Käfig. Ihr Ruf als reiche Streberin stempelt sie zur Einzelgängerin ab und der einzige Mann, der sie wirklich interessiert, beachtet sie kaum. Als Larissas Vater sie zwingen will, ein trockenes Jurastudium zu beginnen, besucht sie ihre beste Freundin Sophie in London und kommt mit einer Neuigkeit zurück, die für echten Sprengstoff sorgt *** C.T. ist ein totaler Mädchenschwarm. Wenn er mit seiner Band, den Grey Angels auftritt, dann fliegen ihm die Herzen nur so zu. Stahlblaue Augen, ein umwerfendes Lächeln und ein atemberaubender Sixpack machen ihn zu einem wahren Superstar. Nie im Traum hätte er geglaubt, die süße, unnahbare Larissa ausgerechnet bei einem Konzert in London wiederzusehen. Und tatsächlich bringt diese Frau es fertig, ihn einfach zu versetzen. Sein Jagdinstinkt ist geweckt, doch so sehr sich C.T. auch bemüht, irgendwie scheint immer etwas schief zu gehen ...
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Impressum tolino
LEA ROSENBAUM
Liebe sucht nicht
ROMAN
1. Auflage 2015
Copyright © 2015 Kafel Verlag
Alle Rechte vorbehalten.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung der Autorin wiedergegeben werden.
Lektorat: Vera Müller
Cover-Design: Alex Saskalidis
Cover-Motiv: 123rf.com/ Sergey Mironov
www.learosenbaum.com
Weitere Titel von Lea Rosenbaum:
Liebe fragt nicht
Der erste Liebesroman
Kafel Verlag
Dezember 2014
Liebe irrt nicht
Der dritte Liebesroman
Kafel Verlag
Juni 2015
Glück auf Bestellung
Der vierte Liebesroman
Kafel Verlag
August 2016
Die Liebe trägt die Seele, wie die Füße den Körper tragen.
Katharina von Siena
Warme Sonnenstrahlen kitzelten Sarahs Nasenspitze. Müde blinzelte sie und räkelte sich genüsslich in Robs Bett. Aus der Küche hörte sie Geräusche und augenblicklich huschte ein zufriedenes Lächeln über ihr Gesicht. Rob warf gerade die Kaffeemaschine an. Sie konnte genau hören, wie er leise vor sich hin fluchte, weil offensichtlich die Bohnen ausgegangen waren. In der Küche klapperte und raschelte es. Sarah fühlte sich wie im Paradies. Gleich würde er die Maschine neu befüllen und ihr dann Frühstück ans Bett bringen. Es roch außerdem herrlich nach frischen Brötchen. Sarahs Magen knurrte bei dem Gedanken an etwas Essbares. Rob verwöhnte sie wirklich über alle Maßen. Es war jetzt fast ein halbes Jahr vergangen, seit sie endlich zusammengefunden hatten und Sarah genoss jeden einzelnen Tag. Weder der kalte Winter noch das trübe Frühjahr, das im wahrsten Sinne des Wortes aus reinstem Aprilwetter bestanden hatte, konnten ihrer Liebe etwas anhaben. Langsam setze sich die Sonne aber durch und verwandelte die Welt in einen Traum aus kunterbunten Farben und wunderbaren Blumendüften. Das Schönste jedoch war, dass ihre Gefühle füreinander immer noch genauso stark waren, wie an jenem Tag in den Bergen bei ihrer Großmutter. Rob hatte um sie gekämpft, war ihr bis in die Alpen gefolgt und dann hatte er ihr endgültig seine Liebe gestanden. Eine Liebe, die Sarah all die Jahre ausgeblendet hatte. Die Angst hatte sie blind gemacht und sie in die Arme eines anderen Mannes getrieben, der sie gar nicht verdiente. Schnell schob Sarah die Gedanken an ihren Ex, Markus, beiseite. Sie wollte ihn nie wiedersehen. Allein die Erinnerung an den fürchterlichen Karibik-Urlaub ließen ihr die Haare zu Berge stehen. Sie hatten eigentlich dem nasskalten Dezember des Rheinlandes entfliehen und sich ein paar sonnige Tage in der Wärme gönnen wollen. Sarah mit Markus und Rob in Begleitung seiner damaligen Flamme Dina. Doch der Urlaub war der reinste Albtraum gewesen. Nicht nur dass Sarah von ihren Gefühlen völlig hin- und hergerissen war. Nein. Am Ende hatte Markus sein wahres Gesicht gezeigt und Sarah damit bis ins Mark getroffen und verletzt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Sarah wirklich geglaubt, ihr Leben sei vorbei. Sie dachte, nie mehr etwas fühlen zu können. Die Enttäuschung hatte ihr jeglichen Lebensmut genommen und sie hatte Trost bei ihrer Großmutter gesucht, die sie mit viel Liebe wieder aufgepäppelt hatte. Sarah seufzte und streckte sich abermals unter der Bettdecke. Damals hätte sie nie gedacht, dass Rob gar nicht der Frauenheld war, den er stets mimte. Sie war fest davon ausgegangen, dass er sich nie ändern könnte. Doch im letzten halben Jahr hatte er es ihr bewiesen. Am Anfang war Sarah noch vorsichtig gewesen, sich zu öffnen. Aber irgendwie hatte Rob es fertiggebracht, ihre innere Barriere zu überwinden. Er schaffte es, dass sie sich rundum wohlfühlte. Das Leben konnte so schön sein. Besonders dann, wenn man mit dem richtigen Mann zusammen war.
Das Klappern in der Küche hörte plötzlich auf. Sarah schlug erwartungsvoll die Bettdecke zurück und richtete sich auf. Kurz bevor Rob das Schlafzimmer betrat, fuhr sie sich noch einmal durch ihre langen braunen Haare und zog den Ausschnitt ihres schwarzen Nachthemdes etwas tiefer hinunter. Sie wollte sexy aussehen, wenn Rob sie erblickte. Immerhin war heute ein sehr wichtiger Tag. Rob wollte sie seiner Familie vorstellen. Die Aufregung ließ Sarahs Herz mit einem Mal rasen und ihr Mund wurde so trocken wie reinster Wüstensand. Robs Eltern waren sehr vermögend. Der Vater leitete ein renommiertes Bauunternehmen, das sich schon seit Generationen im Familienbesitz befand. Sie wohnten in einer großen Villa in Bonn Bad-Godesberg, die Sarah bisher nur aus Robs Erzählungen kannte. Ihre Kehle schnürte sich zusammen. Ob Robs Eltern sie nett empfangen würden? Schließlich kam sie aus stinknormalen Verhältnissen, von Reichtum keine Spur. Ihr Vater war ein einfacher Finanzbeamter und ihre Mutter arbeitete im Blumenladen um die Ecke. Sie lebten in einem Reihenhaus in der Peripherie von Köln und konnten sich im Grunde alles leisten, was man so fürs Leben brauchte. Aber von einem Luxusleben war das weit entfernt. Ob Robs Eltern Wert darauf legten, dass seine Freundin aus einer ebenso reichen Familie stammte? Sarah hoffte inständig, dass das nicht der Fall war.
Rob betrat mit einem vollgeladenen Tablett das Schlafzimmer. Seine Augen schimmerten smaragdgrün und blieben prompt an Sarahs tiefem Dekolleté hängen. Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. Er stellte das Tablett ab und zog die Bettdecke herunter. Sein durchtrainierter Körper schwang sich aufs Bett und landete sacht auf Sarah. Bevor sie etwas sagen konnte, hatten Robs Hände sich bereits um ihre Handgelenke geschlossen und drückten sie sanft zurück in die Kissen. Sarah liebte es, wenn er mit seinem ganzen Gewicht auf ihr lag. Es gab ihr eine unheimliche Befriedigung sein Verlangen auf diese Art zu spüren. Sie küssten sich heftig und das Frühstück war vorerst vergessen. Rob war ein erfahrener Liebhaber und er wusste genau, welche Stellen er berühren musste, um Sarah in den Wahnsinn zu treiben. Er küsste ihren Hals und hatte im Nu ihr Nachthemd abgestreift. Als er in sie eindrang, vergaß sie alles um sich herum. Die Welt bestand nur noch aus Lust und Liebe. Sarah schloss die Augen und genoss das prickelnde Gefühl, das sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Die Sorge um die Vorstellung bei Robs Eltern schwebte sacht davon wie eine rosa Wolke.
...
Der Abend kam schneller als es Sarah lieb war. Sie stand vor dem großen Spiegel ihres Kleiderschrankes und konnte sich einfach nicht entscheiden. Sollte sie ein leichtes Sommerkleid anziehen, was unheimlich sexy, aber nicht besonders seriös anmutete? Oder vielleicht doch lieber eine schwarze Stretchhose mit Bluse. Beides lag eng an und betonte ihre wohlgeformte Figur. Außerdem wirkte es ziemlich seriös. Sarah seufzte, während sie sich im Spiegel begutachtete. Womöglich war es eine Spur zu spießig. Sie war schließlich noch keine dreißig Jahre alt. Sie probierte erneut das Sommerkleid an. Es war an der Taille abgenäht und unterstrich ihre schmalen Hüften. Gleichzeitig brachte der Schnitt ihr Dekolleté voll zur Geltung. Sarah zog unentschlossen die Augenbrauen hoch. Ob das Kleid zu kurz war? Nervös fuhr sie sich über die Oberschenkel, die nur knapp zur Hälfte von Stoff bedeckt waren.
»Liebling, wir sollten losfahren. Meine Mutter hasst Verspätungen jeglicher Art.« In Robs Stimme schwang ein Hauch von Ungeduld, der Sarahs Herz augenblicklich zum Klopfen brachte.
Robs Mutter mochte also keine Unpünktlichkeit. Nun gut, entschied Sarah in der gleichen Sekunde, dann würde sie sicher auch etwas gegen zu kurze Kleider von Freundinnen aus ihrem »Milieu« haben. Zügig zog sie das Sommerkleid wieder aus und schlüpfte in die schwarze Hose. Zusammen mit der Bluse sah sie wirklich schick aus. Sie würde die Haare offen lassen, um ihrem Dress die Strenge zu nehmen. Normalerweise trug sie gerne einen Pferdeschwanz und Rob liebte es, ihren Hals zu küssen. Aber heute Abend wollte sie perfekt aussehen. Alles musste stimmen. Sie wollte unbedingt von Robs Eltern gemocht und anerkannt werden.
»Du siehst wunderschön aus.« Rob pfiff durch die Zähne, als Sarah endlich das Schlafzimmer verließ. Als er ihre Blässe bemerkte, fügte er hinzu. »Keine Sorge. Meine Eltern werden dich mögen. Da bin ich mir ganz sicher.«
Sarah erwiderte nichts, sondern nickte nur zaghaft. Sie war froh, dass die Fahrt von Köln nach Bonn zumindest eine halbe Stunde dauerte. Das war sozusagen ihre Gnadenfrist, in der sie ihre Nervosität endgültig unter Kontrolle bringen musste. Mit wackligen Beinen folgte sie Rob die Treppe hinunter und nahm umständlich in seinem Auto Platz. Als die Tür zuschlug, fühlte sich Sarah mit einem Mal, als säße sie buchstäblich in der Falle. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Rob fuhr los. Auf der Fahrt sprachen beide kaum ein Wort. Doch während Rob gutgelaunt zum Takt der Musik aus dem Autoradio aufs Lenkrad pochte, machte sich Sarah unaufhörlich Sorgen. Dabei wusste sie selbst, dass ihre Befürchtungen wahrscheinlich völlig aus der Luft gegriffen waren. Es gab absolut keinen Grund, Sarah nicht zu mögen.
Rob war das älteste von drei Kindern. Sein Bruder Thomas wurde knapp drei Jahre später geboren und seine kleine Schwester Larissa war eine ungeplante Nachzüglerin, die fast auf den Tag genau zehn Jahre nach Rob das Licht der Welt erblickte. Sowohl die Eltern als auch beide Brüder vergötterten die Kleine und kümmerten sich hingebungsvoll um sie. Es war die perfekte Familienidylle, die jedoch vor acht Jahren jäh zerstört wurde.
Robs Vater war mit Thomas im Auto unterwegs, als ein schrecklicher Unfall passierte, der für Robs jüngeren Bruder tödlich endete. Thomas hatte auf dem Beifahrersitz gesessen, als auf spiegelglatter Fahrbahn ein LKW mit überhöhter Geschwindigkeit in den BMW des Vaters hineinraste. Thomas war auf der Stelle tot. Robs Vater hatte schwer verletzt überlebt. Nach dem Unfall musste er in ein künstliches Koma versetzt werden und lange Zeit standen seine Überlebenschancen auf der Kippe.
Nach dem Aufwachen wurde Robs Vater mit der grausamen Wahrheit konfrontiert, dass sein Sohn den Unfall nicht überlebt hatte. Obwohl Robs Vater keine Schuld an dem Unglück trug, machte er sich bis zum heutigen Tag große Vorwürfe. Wegen des schlechten Wetters am Unglückstag war er sogar viel langsamer gefahren, als erlaubt war. Aber auch diese Tatsache konnte ihn nicht über den Verlust seines Sohnes hinwegtrösten. Das schreckliche Ereignis lastete bis heute wie ein Mühlstein auf seinen Schultern. Der Schmerz hatte sich fest in seine Seele gebrannt und ließ ihn nicht mehr unbeschwert weiterleben.
Das Zimmer von Thomas war seit jenem Morgen nicht mehr verändert worden. Rob hatte Sarah erzählt, dass er manchmal nachts Geräusche aus diesem Raum zu hören glaubte. So als wenn der Geist seines Bruders das Haus nie verlassen hätte. Robs Eltern hatten es nicht übers Herz gebracht, auch nur einen Gegenstand aus Thomas‘ Zimmer zu entfernen. Es war fast so, als könnten sie Thomas auf diese Weise weiter am Leben erhalten. Sarah überzog eine Gänsehaut bei den Gedanken an diesen schlimmen Unfall.
Sie warf einen Seitenblick auf Rob, der immer noch mit den Fingern im Takt auf das Lenkrad schlug. Sarah bewunderte das kleine Grübchen, das sich an der Außenseite seines Mundwinkels gebildet hatte. Rob war ein wirklich attraktiver Mann. Groß, muskulös gebaut und mit einem ausgesprochen hübschen Gesicht. Selbst die langen, kräftigen Finger, die so zärtlich sein konnten, gefielen Sarah unheimlich gut. Sie war sehr gespannt auf Robs Schwester. Ob sie genauso gutaussehend war wie ihr Bruder? Sarah hatte Larissa auf einem Foto in Robs Wohnung gesehen, da war sie allerdings noch ein kleines Mädchen gewesen. Zum Zeitpunkt des Unfalls war Larissa genau elf Jahre alt und ohnehin schon das Nesthäkchen in der Familie. Danach wurde sie jedoch von den Eltern noch mehr behütet. Rob meinte immer, viel zu viel. Larissa wurde von der Liebe ihrer Eltern offenbar regelrecht erstickt. Die Ärmste konnte sich kaum entfalten, weil stets die Angst mitschwang, dass auch ihr etwas passieren könnte. Rob war froh, dass er mit einundzwanzig Jahren bereits von zu Hause ausgezogen war und seine Eltern so nie die Gelegenheit hatten, ihn ebenso einzuschränken. Für Larissa gab es keine ausschweifenden Partys, keine Drogen und so gut wie keinen Alkohol. Stattdessen entwickelte sie sich zu einer erstklassigen Schülerin, die ihr Abitur fast mit der Höchstpunktzahl abschloss. Jungs waren in ihrem Leben völlig tabu. Noch nie hatte sie einen richtigen Freund gehabt.
»Wir sind gleich da. Dort vorne ist es.«
Robs Stimme riss Sarah abrupt aus ihren Gedanken. Erschrocken schlug sie die Hand vor die Brust.
»Wie gesagt, du musst dir keine Sorgen machen. Sie werden dich mögen und du wirst dich wohlfühlen.« Rob machte eine kleine Pause und drosselte die Geschwindigkeit des Wagens. Dann fuhr er fort: »Mein Vater kann allerdings manchmal etwas schwierig sein. Er hat den Unfall von Thomas immer noch nicht verkraftet. Aber ich bin mir sicher, dass er sehr nett zu dir sein wird.«
Sarah seufzte. »Ja, das muss ein fürchterlicher Schlag für deine Familie gewesen sein. Wenn ich mir nur vorstelle, meiner Schwester würde etwas zustoßen ...« Sie schüttelte heftig den Kopf. »Nein, das wäre ganz schrecklich und niemand könnte darüber hinwegkommen.«
Rob nickte und seine Stimme klang mit einem Mal belegt. »Ich konnte mir so etwas auch nicht ausmalen, bis es passiert war. Am Ende geht jeder anders mit einer solchen Katastrophe um. Meine Mutter hat viel geweint und spricht noch oft über Thomas. Mein Vater hingegen hat seine Sorgen und die Schuldgefühle in sich hineingefressen.« Er zuckte mit den Schultern und trat auf die Bremse. »Hier beginnt das Grundstück.«
Rob war langsam durch ein paar enge Straßen gefahren, die einen Hang hinaufführten. Ein großes Tor, umrahmt von alten Eichenbäumen, öffnete sich automatisch vor ihnen. Sarah bemerkte die Kameras, die auf dem Torbogen angebracht waren. Offensichtlich wurden sie bereits erwartet. Sarah hatte einen Kloß im Hals. Jetzt wurde es gleich ernst. Mit den Augen wanderte sie die lange Auffahrt entlang, an deren Ende eine prachtvolle Villa stand.
»Wow. Das ist das Haus deiner Eltern? Das sieht ja aus wie eine Traum-Villa«, staunte Sarah.
»Ja, das ist es. Ein guter Schulfreund meines Vaters ist Architekt und hat dieses Gebäude für uns entworfen. Meine Mutter steht auf den englischen Stil.«
Tatsächlich sah die Villa so aus, als wäre sie aus einem Teil Südenglands hierher gebeamt worden. Sie war in georgianischer Bauweise errichtet. Die weiß verputzten Ornamente bildeten einen wunderbaren Kontrast zu den dunkelroten Backsteinflächen. Die großen Fenster wurden von weißen Sprossen aufgelockert und verliehen dem Anwesen einen Hauch von Romantik. Dazu trugen auch der helle Kies auf dem Rondell vor dem Haus und die vielen Rosen bei, die im Vorgarten angepflanzt waren. Sarah war ziemlich beeindruckt und konnte ihren Blick kaum von dem Haus nehmen. Auf der obersten Etage der dreigeschossigen Villa konnte sie sogar eine Dachterrasse erkennen, von der man einen herrlichen Blick über das Siebengebirge haben musste. Aber Sarah blieb keine Zeit, in Bewunderung zu verharren. Die schwere Eingangstür, die sich unter einem pompösen Vordach, eingerahmt von zwei Säulen, befand, öffnete sich und eine Frau trat heraus. Im ersten Augenblick dachte Sarah, dass es sich um Robs Mutter handelte. Doch diese Person schien nichts von einer wohlhabenden Frau an sich zu haben. Ihr Rücken war bereits deutlich gebeugt und bei genauerem Hinsehen, wirkte sie viel zu alt, um Robs Mutter zu sein. Die Erklärung lieferte Rob prompt, während er die Blumen und Schokoladentrüffel von der Rücksitzbank des Wagens bugsierte.
»Das ist Nelly, unsere Haushälterin.«
Er drückte Sarah die Schokoladentrüffel in die Hand. Sarah hatte diese Nascherei gestern extra für Robs Mutter besorgt. Schließlich wollte sie bei ihrem ersten Besuch unbedingt einen guten Eindruck machen und Rob hatte ihr mehrfach versichert, dass seine Mutter verrückt nach diesen Trüffeln war.
»Mein Junge, es ist so schön, dich einmal wiederzusehen.« Nelly fiel Rob in die Arme und wischte sich verlegen eine Träne aus dem Augenwinkel. Dann drehte sie ihren Kopf in Sarahs Richtung. »Und das ist sie? Deine Herzallerliebste?« Sie stürmte auf Sarah zu und drückte sie an sich. »Ein wirklich hübsches Ding«, murmelte Nelly, während sie Sarah mit ihrer Körperfülle fast erdrückte. »Das wurde ja auch mal Zeit, dass du dir eine richtige Frau suchst.« Sie hatte von Sarah abgelassen und streckte spottend ihren Zeigefinger in die Höhe. »Ich hatte schon Angst, dass du zum ewigen Junggesellen verkommst.« Ein tiefes Lachen ertönte aus ihrer massigen Brust. Sarah wusste sofort, dass Nelly ein gutes Herz hatte. Rob zwinkerte ihr zu, als er gleichzeitig den Wagen verschloss und Sarah anschließend hinter sich her, zum Hauseingang zog. Nelly folgte ihnen. Sobald sie den riesigen Flur betreten hatten, brüllte sie aus vollstem Herzen: »Rob ist endlich da.«
Ihre Worte hallten von den hohen Decken wider und Sarah konnte ihre Nervosität kaum noch verbergen. Flüchtig blickte sie sich in der großen Eingangshalle um. Sie war modern gestaltet. Auf der linken Seite befand sich eine breite Treppe, die in die oberen Stockwerke führte. Rechts lag die Küche, in die Nelly gerade verschwand. Aus der Küche duftete es nach Kuchen. Sarah tippte auf Schokolade. Geradeaus war das Wohnzimmer oder viel besser die Wohnhalle, denn das Zimmer war so groß wie Sarahs komplette Dreizimmerwohnung. Eine stilvoll gekleidete Endfünfzigerin näherte sich mit einem strahlenden Lächeln. Sie hatte eine schlanke Figur und was Sarah sofort einen Stich versetzte, sie trug ein sommerliches Kleid mit aufwendigen Accessoires. Jetzt bereute Sarah, dass sie nicht doch ihr Kleid angezogen hatte. Robs Mutter sah wirklich perfekt aus. So perfekt, dass Sarah bei ihrem Anblick regelrecht erstarrte. Mit einem Mal kam sie sich komplett deplatziert vor, in diesem luxuriösen Haus, mit dieser eleganten Frau und ihrer Haushälterin. Sarahs Knie wurden weich und in Gedanken malte sie sich eine unterkühlte Begrüßung aus, die so viel Perfektion und Luxus einfach mit sich bringen musste.
Doch sie irrte sich gewaltig. Je näher Robs Mutter kam, umso wärmer wurde ihr Lächeln. Völlig unerwartet umarmte sie Sarah herzlich.
»Es freut mich sehr, Sie endlich kennenzulernen. Rob hat schon so viel von Ihnen berichtet und von Ihnen geschwärmt.« Sie seufzte und legte die Hand auf die Brust.
»Ich kann mich nicht erinnern, dass Rob jemals so viel Positives über eine Frau erzählt hat. Aber dafür wurde es ja auch mal Zeit.« Sie zwinkerte vielsagend und zu Sarahs Erstaunen lief Rob tatsächlich etwas rot an. Ihr Herz machte einen Satz, weil er in diesem Moment wirklich unglaublich süß aussah. Außerdem spürte sie deutlich, dass Robs Mutter sie mochte. Sarah konnte keinen kritischen Funken in ihren Augen erkennen und sie wirkte offen und herzlich. Sie schien sich ehrlich zu freuen, dass Rob endlich eine feste Freundin mit nach Hause brachte. Robs unzählige Kurzzeitaffären waren ihr offenbar nicht entgangen.
»Lasst uns am besten nach oben gehen. Wir haben bei diesem tollen Wetter auf der Dachterrasse gedeckt.« Sie machte auf dem Absatz kehrt und führte sie zum Fuß der großen Treppe. Beim Hinaufsteigen fielen Sarah die diversen Familienfotos auf, die an den Wänden hingen. Rob war schon als kleiner Junge sehr niedlich gewesen. Ein paar Mal blieb sie stehen und warf einen genaueren Blick auf die Fotos. Robs Schwester kam mehr nach dem Vater. Sie war blond und hatte strahlend blaue Augen, die wie ein tiefblauer Sommerhimmel schimmerten. Thomas hingegen wirkte wie eine jüngere Kopie von Rob. Beide waren ihrer Mutter regelrecht aus dem Gesicht geschnitten. Kein Wunder, dass Robs Vater seine Tochter beschützte wie eine kleine Prinzessin, fuhr es Sarah durch den Kopf, während sie Robs Mutter weiter die Treppenstufen hinauffolgte. Rob lief dicht hinter ihr. Immer dann, wenn sie kurz innehielt, schlang er seine Arme um Sarahs Taille. Sie genoss seine schützende Berührung. Am liebsten wäre sie ihm um den Hals gefallen und hätte ihn geküsst, aber eine solche Szene konnte sie sich vor Robs Mutter nicht erlauben. Sie begnügte sich damit, sich jedes Mal an Rob anzuschmiegen, als er hinter ihr stand.
»Du machst dich gut. Sie mag dich«, raunte Rob leise in Sarahs Ohr und schob er sie weiter die Treppe hinauf. Oben angekommen betrat Sarah eine große Dachterrasse, die tatsächlich ein wunderbares Panorama über das Siebengebirge preisgab. Der Tag war sonnig und wolkenfrei, so dass sie kilometerweit sehen konnte. Die Bezeichnung Gebirge war eigentlich übertrieben. Sarah wusste, dass der höchste »Berg« noch nicht einmal die 500 Meter erreichte. Aber die Ansammlung von Hügeln gab der Landschaft etwas Verspieltes. Die Hügel machten den Ausblick um ein Vielfaches interessanter im Vergleich zum norddeutschen Tiefland, während sie gleichzeitig weit weniger bedrohlich wirkten, als die felsigen Gipfel der Alpen.
»Herzlich willkommen!«
Die Stimme gehörte zu einem Hausangestellten, der auf der anderen Seite der Terrasse einen Lavagrill anheizte. Sarah bemerkte ihn erst jetzt. Wie viele Angestellte hatten Robs Eltern eigentlich? Sie blickte über das parkähnliche Grundstück, das perfekt gepflegt war. Wahrscheinlich einige. Sarah war bis zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt nicht bewusst gewesen, wie wohlhabend Robs Familie tatsächlich war. Sie konnte nicht genau sagen, warum. Aber irgendwie war ihr das alles etwas unheimlich. Unmerklich zuckte sie mit den Achseln. Bestimmt hatte Rob deshalb das Ganze auch immer so heruntergespielt, weil es auf normale Menschen eher abschreckend wirkte. In dieser Umgebung kam sich Sarah viel kleiner und unbedeutender vor, als sie es in Wirklichkeit war. Vielleicht lag es auch an den Hausangestellten, die der Familienzusammenkunft die Intimität nahmen, die für Durchschnittsbürger üblich war. Obwohl das Personal sehr nett schien, kam ihr doch alles eine Spur zu förmlich vor. Niemand konnte sich einfach im Sessel lümmeln und fallen lassen. Stattdessen achtete jeder auf Haltung und benahm sich so, als wäre man in der Öffentlichkeit.
Sarah trat näher an den Rand der Terrasse heran und bemerkte eine Wendeltreppe, die sich an den drei Etagen der Villa entlang schlängelte. Unten befanden sich ein großes Schwimmbecken und ein Wintergarten, der über den Wohnbereich zu erreichen war. Das war Sarah vorhin gar nicht aufgefallen. Der Poolbereich wurde von einem schmalen Kiesweg gesäumt, der sich von dort aus weiter durch die gesamte Parkanlage wand. In regelmäßigen Abständen waren Statuen aus hellem Marmor aufgestellt, die den feinen englischen Stil, in dem der Garten angelegt war, betonten.
»Wo ist Larissa?«
Robs Stimme holte Sarah aus ihren Gedanken.
»Oh, sie ist noch nicht da. Ich schätze, sie wird in ungefähr einer Stunde kommen. Eine Freundin hatte sie nach London eingeladen. Sie war die ganze letzte Woche dort.« Eine strenge Falte legte sich bei diesen Worten um die Mundwinkel von Robs Mutter. Sie machte sich offenbar Sorgen um Larissa, fuhr es Sarah durch den Kopf. Sarah wusste von Rob, dass die Eltern einen Studienplatz für Jura in Bonn für Larissa organisiert hatten. Wahrscheinlich hatten sie erwartet, dass sie sich auf das Studium vorbereitet, anstatt eine Woche in London zu verbringen. Es überraschte Sarah, dass sie es ihr überhaupt erlaubt hatten. Nach Robs Erzählungen konnte sich die Ärmste kaum frei bewegen und stand immer noch unter den Fittichen der Eltern. Wenn sie in Bonn studierte, durfte sie sicherlich kein Studentenzimmer nehmen, sondern musste brav weiter zu Hause wohnen. Ohne, dass Sarah Larissa kannte, empfand sie ein wenig Mitleid für das strahlende blonde Mädchen, das ihr auf der Treppe so oft entgegengelächelt hatte.
»Dann lasst uns anstoßen«, sagte Robs Mutter und reichte Sarah ein langstieliges Glas, in dem goldfarbener Champagner prickelte. »Auf euer Glück und schön, dass ihr gekommen seid!«
Robs Mutter setzte ein warmes Lächeln auf und schaute Sarah mit einem Mal direkt in die Augen. »Normalerweise warte ich damit immer etwas, aber ich denke, es macht doch vieles leichter, wenn ich Ihnen das ›du‹ anbiete. Du kannst mich Angela nennen.«
Sarah schluckte überrascht. Damit hatte sie überhaupt nicht gerechnet. Ihr Gewissen regte sich bei all den Gedanken an vornehme Distanziertheit, die sie noch bis vor ein paar Minuten gehabt hatte. Sie spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht schoss. Jetzt bloß nicht rot werden! Sie krampfte die Finger um das kühle Champagnerglas und schaffte es glücklicherweise recht schnell, ihre Gesichtszüge wieder unter Kontrolle zu bringen.
»Das ist aber nett. Vielen Dank.« Sie schluckte erneut und reichte Angela die Hand. »Bitte nenne mich Sarah.«
»Nelly, wo steckt eigentlich Bernd?« Angela warf einen genervten Blick auf die Armbanduhr. »Er hatte versprochen, nach oben zu kommen, sobald Rob und Sarah eintreffen.« Sie verzog die Lippen zu einem Schmollmund. Sarah musste unwillkürlich grinsen. Das passte überhaupt nicht zu Angela. Weder zu ihrem vornehmen Auftritt noch zu ihrem Alter.
»Ich habe ihn gerade erinnert. Sie wissen ja, wie er ist. Er sitzt vor seinem Laptop und geht irgendwelche Unterlagen durch, wahrscheinlich die Jahresabschlusszahlen. Er ist völlig darin versunken.« Nelly zuckte resigniert mit den Schultern. »Soll ich ihn nochmals rufen?«
Angela schüttelte den Kopf. »Nein, lass nur Nelly. Ich werde selbst nach ihm schauen. Das Geschäftsjahr endet bei uns im Juli. Da ist immer viel los.« Sie ging auf den Eingang zu, drehte sich jedoch vorher noch einmal um. »Kinder, setzt euch doch schon. Ich bin gleich wieder da.« Mit diesen Worten verschwand sie mit eiligen, kurzen Schritten ins Haus hinein.
»Diese Villa ist wirklich der totale Wahnsinn«, flüsterte Sarah Rob ins Ohr. Sie wollte nicht, dass Nelly oder der Hausangestellte, etwas mitbekam. »Deine Mutter ist auch unglaublich nett«, fügte sie schnell hinzu.
Rob lächelte zufrieden.
»Das freut mich. Ich finde dieses Haus auch jedes Mal wieder beeindruckend, obwohl ich hier aufgewachsen bin.«
Er nahm Sarah in den Arm. »Der Swimmingpool ist übrigens noch neu. Er wurde erst letztes Jahr eingebaut und ich würde ihn nur allzu gerne mit dir ausprobieren.«
Rob grinste und schob seine Hände an Sarahs Rücken hinunter. Erst kurz vor ihrem Po hielt er inne und blickte sie gierig an. Bevor Sarah etwas erwidern konnte, küsste er sie. Ihre Knie wurden weich und plötzlich war es ihr ganz egal, dass sie von Nelly und dem Hausangestellten beobachtet wurden.
Larissa schwitzte. Sie war viel zu spät. Ausgerechnet heute musste irgendwie alles schiefgehen. Es fing mit diesem verdammten Taxi an und zog sich wie eine Pechsträhne bis zur Flughafensicherheit durch ihren Tag. Das Taxi hatte sie extra am Vorabend bestellt. Aber als sie pünktlich auf die Minute am Straßenrand stand, war es nicht da. Wahrscheinlich hätte sie besser die U-Bahn und den Heathrow Express nehmen sollen. Sie wartete eine geschlagene Viertelstunde in der Hoffnung, dass sich das Taxi einfach nur verspätet hatte. In Gedanken sah sie den verzweifelten Taxifahrer, der sich durch den Londoner Verkehr quälte. Doch dann wurde es ihr zu bunt. Sie durfte auf keinen Fall ihren Flieger verpassen. Larissa rief den Taxidienst an und musste zu ihrem Entsetzen feststellen, dass ihre Reservierung untergegangen war. Niemand hatte sich ihren Auftrag notiert.
Mit Ach und Krach schaffte sie es trotzdem noch halbwegs rechtzeitig zum Flughafen. Das Boarding sollte in zehn Minuten beginnen und jetzt steckte Larissa an der Sicherheitskontrolle fest. Eine schier unendlich lange Schlange von Passagieren blockierte den Weg. Wenn sie sich hier hinten anstellte, würde sie den Flug garantiert verpassen. Obwohl es ihr sehr unangenehm war, tippte sie der Dame vor ihr auf die Schultern.
»Entschuldigen Sie«, sagte sie auf Englisch. »Mein Flugzeug startet in ein paar Minuten. Würde es Ihnen etwas ausmachen, mich vorzulassen?«
Die Frau drehte sich um und begutachtete Larissa ein paar Sekunden lang. Dann nickte sie und machte den Weg frei. Diesen Vorgang wiederholte Larissa gefühlte hundert Mal, bis sie es endlich bis zur Kontrolle geschafft hatte. Mit hochrotem Kopf und verschwitzten Haaren warf sie ihre Sachen auf das Gepäckband und zog den Gürtel aus, an dem eine breite Schnalle aus Edelstahl prangte. Doch als sie durch den Metalldetektor ging, fing er trotzdem an, laut zu piepen. Larissa fluchte innerlich, als sie jetzt auch die Schuhe ausziehen musste und von einer molligen Frau in dunkelblauer Uniform mit einem Handsuchgerät abgescannt wurde. Hinter der Sicherheit hing eine überdimensional große Uhr, deren Zeiger unaufhörlich weitertickten.
- Ende der Buchvorschau -
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