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Lernen sie Ceci kennen, eine ebenso organisierte wie chaotische junge Frau. Ein Widerspruch? Ich sage doch, lernen sie Ceci kennen! Wenn man ihr Leben mit einem Bach vergleich wollte, würde man sagen, es war immer ein gleichmäßiges, munteres Plätschern. Das hat sich aber gründlich geändert, als sie Paul kennenlernte! Große und kleinere Steine verursachen Verwirbelungen und Strudel . Angeschwemmte Äste stauen die Ereignisse, pardon - natürlich das Wasser. Zuviel Ufersand bringt die ganze Geschichte - also den Bach - fast zum Stillstand. Glücklicherweise sollte ein Liebesroman aber ein glückliches Ende haben?! Sehen sie selbst....
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Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2020
Prolog
Ein Überraschungsgast
Hochzeit
Der Morgen danach, ein Geschenk und Urlaubspläne
Schneegestöber
Almenthal
Ein Wochenendbesuch mit Folgen
Wo bitte ist der Stephansplatz?
Elli
Ratlos
Elli wird energisch
Ein Münchner (?) Wochenende
Eine neue Wohnung und unverhoffte Besucher
Neues Jahr – neues Glück?
Salzburg
Ein alter Freund namens Rolf und ein neues Hobby
Viele Pferde und ein ganz besonderer Reiter
Andreas
Da läuft was schief!
Umbruch
Überall Veränderung
Ein Neuanfang?
Ein verkorkstes Weihnachtsfest
Alles wird gut
Alles wird anders
Neuanfang - anders als gedacht
Ceci lebt sich ein
Der ganz normale Alltag und eine Winterreise nach Sylt
Ein etwas anderes Weihnachtsfest
Abschied von der Insel
Ein winziges Baby und eine traurige Nachricht
Almenthal im Schnee
Ceci verändert sich
Zwangsurlaub
Freunde
Ceci muss zur Kur
Alte und neue Freunde
Epilog
„Ich glaube, so glücklich habe ich Dich noch nie gesehen.“
Kirsten verwischt einen Klecks Haarwachs zwischen den geschickten Händen und zupft mit Engelsgeduld – und eben dem Wachs - aus Cecis widerspenstigen blonden Strähnen eine kleidsame Frisur. „Also ich wäre heute unheimlich nervös, aber Du! Ich staune – die Ruhe in Person.“
Vorwitzige Sonnenstrahlen tanzen über den hellen Teppich und werfen unzählige übermütige Lichtpunkte auf die Möbel des gemütlichen Hotelzimmers. Die beiden Frauen vor dem großen Spiegel scheinen in goldenes Licht getaucht.
Kirsten zeigt sich wie immer in flippiger Aufmachung – das Muster der Strümpfe stellt ein unregelmäßiges Spinnennetz dar, das bunte Flatterkleid erinnert an frühere Hippiezeiten und im linken Ohrläppchen räkelt sich breit grinsend ein silberner Frosch.
Die Friseurmeisterin hat sich noch nie darum gekümmert, ob ihr Outfit zu einem bestimmten Anlass passt oder nicht. Kirsten ist immer sie selbst und damit basta! Wen es stört, muss sich schließlich nicht näher mit ihr befassen und solche Menschen braucht Kirsten dann auch nicht.
Ceci mag die herzliche und unkomplizierte Art der Freundin. Außerdem kennt Kirsten jedes ihrer Haare beim Vor- und Zunamen – ihre bloße Anwesenheit genügt und die Frisur sitzt! (Gab es da nicht mal eine Werbung?...)
Ceci hat sich heute richtig in Schale geworfen. Statt ihrer geliebten sportlich-saloppen Kleidung trägt sie vornehmsilbergraue Seide und fühlt sich damit irgendwie verkleidet. Kritisch betrachtet sie sich im Spiegel und hofft, dass Kirsten endlich mit ihrem Werk zufrieden und fertig wird. „Meinst Du nicht, ich hätte doch was Anderes anziehen sollen?“
Die Antwort muss ihr Kirsten vorerst schuldig bleiben. Mit einem heftigen Ruck fliegt die Tür auf und – stürmisch wie immer – wirbelt Angelika herein.
„Ja sag mal! Wie könnt ihr hier nur so ruhig sitzen? Es wird höchste Zeit! Und das darfst du wörtlich nehmen! Ihr habt schließlich schon lange genug gewartet.“ Ihre und Cecis Blicke begegnen sich im Spiegel und Ceci lacht über den Wirbelwind. „Dann wird es auf die paar Minuten wohl auch nicht mehr ankommen. Also: Immer mit der Ruhe!“
Bewundernd nickt sie der Freundin im Spiegel zu. „Gut siehst du aus. Ich kenne niemanden außer dir, der Pink wirklich tragen kann.“ Und wirklich ist Angelikas locker fallender Hosenanzug die ideale Ergänzung für den dunklen Lockenkopf und die fast schwarzen Augen, die aus ihrem noch urlaubsgebräunten Gesicht leuchten.
Verlegen wehrt diese ab – Lob ist nicht ihr Ding. „Hör bloß auf, mir Komplimente zu machen! Dabei siehst du heute selbst aus wie eine Prinzessin.“ - „Ach ja! Meinst du nicht auch, ich hätte doch…“ Aber Ceci wird auch jetzt keine Antwort auf ihre Frage bekommen.
„Vielleicht würden die Damen freundlichst ihre angeregte Diskussion um ein paar Minuten verschieben?“ Kirsten ist ungnädig über die Störung und die Freundinnen ziehen eilig die Köpfe ein. Doch nach einigen letzten Handgriffen scheint die Herrin über Kamm und Bürste einigermaßen zufrieden mit ihrem Werk.
Fein modellierte blonde Strähnen geben Cecis hübschem Gesicht mit den großen grauen Augen einen gefälligen Rahmen. „Fertig! Was meinst du, Angelika?“
Über Cecis Kopf hinweg nicken sich die Frauen im Spiegel zu. „Naja, muss man wohl so lassen! Schöner wird sie nicht!“ neckt Angelika und weicht im letzten Moment der Bürste aus, die Ceci mit Schwung in ihre Richtung wirft.
„Verpasst!“ Triumphierend schwenkt Angelika das Wurfgeschoss, dann umarmt sie rasch die Freundin. „Danke, dass ich heute dabei sein darf!“ – „Na das wäre ja wohl noch schöner! Schließlich waren und sind wir doch immer füreinander da.“
Kirsten räuspert sich etwas verlegen und zieht mit Schwung den Frisierumhang von Cecis Kostümjacke. „Jetzt aber los!“ kommandiert sie in die aufkommende Rührseligkeit.
Doch Ceci atmet tief durch: „So Mädels, ich schmeiße ich euch jetzt raus. Bevor es ernst wird, muss ich ein paar Minuten für mich haben und abschalten.“
Sofort ist Angelika alarmiert „Du wirst es dir doch nicht noch im letzten Moment anders überlegen? Man hat darüber ja schon die tollsten Dinge gehört.“ Ceci prustet vor Lachen: „Keine Panik! Nichts liegt mir ferner! Einfach nur eine kurze Pause.“
Gerne geben Angelika und Kirsten nicht nach, aber Ceci ist hartnäckig und so sie hat gleich darauf das schöne Zimmer für sich allein. Endlich kann sie ungestört ihren Gedanken nachhängen.
Weit öffnet sie das große Fenster. Die Dächer ihrer Lieblingsstadt funkeln im Sonnenlicht und scheinen die schmale Gestalt in der obersten Etage des altehrwürdigen Hotels zu grüßen. Sogar den breiten, kühlen Fluss kann sie von ihrem Aussichtspunkt erkennen.
Salzburg! Eigentlich so etwas wie ihre zweite Heimat. Hier fühlte sie sich ihrer großen Liebe immer verbunden, so oft sie auch voneinander getrennt waren.
Cecis Herz klopft jetzt so laut und aufgeregt, dass sie meint, man müsse es bis hinunter ins Hotelfoyer hören. Die wunderbare Aussicht nimmt sie kaum mehr wahr – weit fliegen ihre Gedanken über Stadt und Fluss zurück in die Vergangenheit.
„Das ist Paul.“ Rolf stellt Ceci und ihren Eltern den schmalen dunkelhaarigen Mann mit dem ausgesprochen mürrischen Gesichtsausdruck und den spöttisch funkelnden Augen vor.
„Er kommt aus Österreich. Seine Mutter und meine Eltern kennen sich schon seit Jahren. Er ist derzeit bei seiner hessischen Verwandtschaft zu Besuch und möchte uns Grüße von zuhause ausrichten.“ Hinter dem Rücken des Gastes zieht Rolf eine Grimasse und rollt die Augen.
Paul reicht eine schmale Hand mit erstaunlich kräftigem Druck und deutet eine höfliche Verbeugung an. „Sehr erfreut. Entschuldigung, dass ich den Familienrat störe.“ Cecis verlegen gemurmelte Antwort geht unter in der ebenso lautstarken wie herzlichen Begrüßung durch Margarete, Cecis zukünftiger Schwiegermutter. Paul zuckt richtig zusammen.
Na, das kann ja heiter werden! Sehr begeistert scheint der Gute nicht zu sein von seiner Aufgabe als Grußbote! Aber Cecis zukünftige Schwiegereltern freuen sich überschwänglich über den Besuch.
Paul ist in die kleine Kaffeerunde geplatzt, zu der Rolfs Mutter eingeladen hatte, um im Familienkreis die Einzelheiten der geplanten Hochzeit von Ceci und Rolf zu besprechen.
Das Meiste zu dieser aufregenden Angelegenheit hatten die beiden Mütter bis eben schon ausführlich diskutiert und aufnotiert und die Herren Väter waren gerade sehr erleichtert dabei, sich in das kleine Zimmer von Carl, Rolfs Vater, zurückzuziehen, als der Besuch geklingelt hatte. Jetzt sitzen alle etwas unschlüssig um die leer gegessene Kuchenplatte herum. Wenigstens eine Tasse Kaffee kann Paul noch angeboten werden.
„Ja, einen Kaffee nehme ich gerne.“ Rolf holt eine Tasse und Ceci schenkt ein. „Ich hätte doch vorher anrufen sollen!“ denkt Paul laut, während er ohne Scheu Sahne und Zucker heranzieht. „Das ist mir jetzt richtig peinlich, so aufdringlich zu sein.“
Wider Willen muss Ceci lächeln - diesem charmanten österreichischen Zungenschlag kann sie einfach nicht widerstehen. Paul erwidert das Lächeln unbefangen und mit einem leichten Kopfnicken. Ihre Hände berühren sich über der Zuckerschale und Ceci spürt verblüfft, dass sie rot wird.
„Jetzt sind sie also der Erste, der alle Neuigkeiten zu der großen Feier erfährt.“ Auch Cecis Mutter mag den österreichischen Dialekt und bezieht den sympathischen jungen Mann einfach in die Unterhaltung mit ein.
Fragend schaut sich Paul um und sein Blick bleibt bei Rolf hängen. „Erzähl!“ fordert er ihn auf und nimmt einen großen Schluck des schon reichlich abgekühlten Kaffees. Ceci unterdrückt ein Grinsen über Pauls mühsam beherrschtes Gesicht, als diesem klar wird, dass er statt des angebotenen Kaffees doch besser ein Mineralwasser genommen hätte.
„Wir heiraten!“ Rolf hakt Ceci unter – reichlich besitzergreifend, wie ihr scheint. Paul würgt an dem lauwarmen Gebräu. „Na das ist ja mal eine erfreuliche Nachricht. Herzlichen Glückwunsch! Meine Mutter wird geradezu aus dem Häuschen sein, wenn ich ihr das erzähle.“
Das ist Margaretes Stichwort. Sie erkundigt sich eingehend nach ihrer lieben österreichischen Freundin und verwickelt den Besucher in ein angeregtes Gespräch. Carl und Cecis Vater Friedrich nutzen die Gelegenheit und verschwinden aufatmend in Carls Arbeitszimmer. Cecis Mutter und Rolf räumen leere Tassen und Teller in die Küche. Marianne wirft ihrer Tochter zwar auffordernde Blicke zu, aber Ceci ignoriert sie und bleibt bei der zukünftigen Schwiegermutter und dem Besuch sitzen. Die Unterhaltung ist ihr dabei überhaupt nicht wichtig, aber der leichte Dialekt und die warme Stimme des jungen Mannes gefallen ihr, also sitzt sie einfach nur da und hört zu.
Dabei erfährt sie viel von Elli, Pauls Mutter und dem kleinen Ort, in dem sie wohnt und wo auch Paul sich oft aufhält. „Lebst Du denn bei Deiner Mutter?“ fragt Ceci neugierig.
„I wo! Dem Paul ist das zu spießig!“ stichelt Margarete boshaft „Nicht wahr, mein Lieber?“
Paul lächelt fein und übergeht den ironischen Unterton. „Ich arbeite in Innsbruck.“ wendet er sich zu Ceci „Das wäre schon ein bissel weit zu fahren jeden Tag. So haben wir beide, meine Mutter und ich, unsere Freiheiten und ich besuche sie oft. Außerdem streiten wir dadurch entschieden weniger!“
Die letzten Worte hört Cecis Mutter, die gerade aus der Küche kommt. Liebevoll legt sie ihrer Tochter die Arme von hinten um den Hals „Da können wir leider nicht mitreden!“ – „Richtig!“ Ceci langt über ihren Kopf und wuschelt Mariannes Kurzhaarfrisur, was die Mutter zum üblichen Protest veranlasst. „Wir bekommen einfach keinen Streit. Das können wir drehen wie wir wollen!“
„Beneidenswert!“ seufzt Paul „Bei uns fliegen manchmal die Fetzen. Elli und ich sind eben Sturköpfe und Einzelgänger.“ – „Sturköpfe stimmt!“ nickt Margarete, die ihre Freundin lange und gut kennt. Auch Rolf brummelt Zustimmung, die sich aber genau so gut auch auf Paul beziehen kann.
Dieser wirft einen prüfenden Blick auf seine sportliche Armbanduhr. „Ich werde mich jetzt verabschieden. Morgen muss ich wieder zurück nach Österreich.“ Margarete fühlt sich offensichtlich unbehaglich, dass der Besuch so sang- und klanglos wieder verschwinden soll.
Da kommt ihr eine Idee: „Warum unternehmt ihr jungen Leute nicht noch etwas zusammen? Den Rest der Hochzeitsvorbereitungen können wir Alten auch ohne Euch besprechen.“
Rolf verzieht das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen und auch Paul macht nicht den Eindruck, als wäre er über diesen Vorschlag sehr erfreut. Die Beiden scheinen nicht gerade die besten Freunde zu sein, stellt Ceci fest.
Aber darüber setzt sie sich einfach hinweg: „Gute Idee! Wir könnten doch in den Biergarten gehen“ schlägt sie vor, denn sie weiß, dass sich heute dort einige ihrer Freunde treffen und sie hofft, dass in dieser fröhlichen Gesellschaft der Tag einen netten Ausklang findet.
Ein unergründlicher Blick der spöttischen dunklen Augen trifft sie. „Warum eigentlich nicht?“ Irgendwas irritiert Ceci eindeutig an diesem Blick! Sehr zu ihrem Ärger spürt sie wieder einmal die aufsteigende Röte im Gesicht. Wann wird sie endlich so erwachsen sein, dass sie diese Unsicherheit hinter sich lässt?
Kurz darauf fahren die Drei gemeinsam zum Biergarten und finden - wie von Ceci erhofft – einige der Freunde an den langen Tischen unter den Kastanien sitzen. Wieder übernimmt Rolf die Vorstellung und Paul wird ohne Umschweife im Freundeskreis aufgenommen. Bald ist er in ein intensives Gespräch mit seinen Tischnachbarn vertieft.
Ceci ordert dunkles Bier für sich und ihre beiden Begleiter. Es kommt aus der Hausbrauerei am Ort und schmeckt sehr gut. Paul hebt ihr das Glas entgegen. Sein Gesicht ist nach dem ersten Schluck voll zustimmender Überraschung. „Heh! Das ist aber süffig!“ Ceci lacht und setzt sich neben ihn auf einen freien Platz.
Überrascht stellt sie fest, wie gut der österreichische Besuch in die fröhliche Runde passt. Die Stimmung wird immer lockerer und die nächste Bierrunde übernimmt Paul. Launige Worte fliegen über den Tisch hin und her und es wird viel gelacht.
Zu vorgerückter Stunde legt Ceci ihrem Nachbarn die Hand auf den Arm: „Kann es sein, dass Du eigentlich nicht erfreut darüber warst, bei uns den Botschafter deiner Mutter zu spielen“.
Damit hat sie offensichtlich in ein Wespennest gestochen! Die dunklen Augen sprühen Blitze und der bisher nur leichte österreichische Spracheinschlag verstärkt sich deutlich. Ganz empört ist er: „Weißt Du, ich hab wirklich nix gegen deine zukünftige Familie, aber meine Mutter singt seit Jahren Rolfs hohes Loblied! ‚Margaretes Sohn ist sooo fleißig - jetzt ist er schon mit seinem Studium fertig! Du kannst dich zu nix entscheiden – hängst nur so an der Uni rum‘.
Und seitdem Margarete ihr erzählt hat, Rolf hätte so eine wunderbare Freundin - womit sie nebenbei gesagt, völlig Recht hat! Ich gratuliere dir! -“ verbeugt er sich über den Tisch in Rolfs Richtung “ist es besonders schlimm, weil ich immer noch solo bin. Ich höre meine liebe Mama schon lamentieren, wenn ich erzähle, dass ihr demnächst sogar heiratet: ‚Du wirst nie eine Frau abbekommen. Immer sitzt du nur hinter irgendwelchen Büchern und rennst in Opern und Konzerte.“
Paul muss seinen Monolog zwecks Luftholens unterbrechen. Rolf, der dem Vortrag mit immer düster werdendem Gesicht gefolgt ist, sieht seine Chance und faucht mit hochroten Wangen zurück:
„Und meine Eltern loben dich ständig über den grünen Klee. Ich höre immer nur: ‚Nimm dir doch mal ein Beispiel an dem liiieben Paul. Der ist sooo gebildet und vielseitig interessiert. Und du? Nie wirst du erwachsen, immer noch spielst du in dieser Rockband oder Fußball, Fußball, Fußball. Wie es Ceci überhaupt mit dir aushält, wundert uns immer wieder. Sie hat bestimmt was Besseres verdient!‘.“
In der eben noch fröhlichen Runde breitet sich Verlegenheit aus. Ceci schaut von einem der beiden Streithähne zum anderen, die sich da über den Tisch hinweg angiften und lacht sie kurz entschlossen einfach aus!
„Hallo ihr beiden beleidigten Leberwürste! Merkt ihr eigentlich nix? Wo ist denn euer Problem? Ist doch ganz klar: Eure Erzeuger spielen euch gegeneinander aus. Und ihr fallt auch noch darauf herein!“
Die angespannte Situation löst sich in herzhaftem Lachen. Rolf klopft Pauls Schulter, bis der einigermaßen schmerzhaft das Gesicht verzieht und ordert die nächste Runde. Aber jetzt, wo es eigentlich erst so richtig lustig wird, muss sich Paul nun endgültig verabschieden. Er hat Bedenken dass sich seine Verwandtschaft sonst Sorgen macht, wo er denn wohl so lange abgeblieben ist.
Widerstrebend klopft er zum Abschied auf den langen Holztisch und winkt in die Runde: „Wenn ich wenigstens einen Hausschlüssel mitgenommen hätte. Aber so wartet meine Tante auf mich und sie geht relativ früh zu Bett. Ich muss jetzt los, sonst gibt sie noch eine Vermisstenmeldung an die Polizei!“
„Das nächste Mal musst du unbedingt länger bleiben und auch bei uns Station machen.“ Rolfs blonde Locken tanzen in eifriger Bewegung über der Stirn. Paul umarmt Ceci herzlich und schüttelt dann Rolfs Hand. „Das mache ich. War ein richtig schöner Abend mit euch.“ Auch die Freunde winken ihm zum Abschied nach.
Am großen Tor dreht er aber noch mal um. „Hast du was vergessen?“ Ceci ist aufgesprungen und läuft ihm entgegen. „Nein, nix vergessen. Ich wollte dich nur noch rasch fragen, woher eigentlich dein Name kommt?“ will er von Ceci wissen. Also erklärt sie es ihm:
„In meiner Geburtsurkunde steht Cäcilie. Aber schon im Kindergarten haben mich alle verspottet, weil der Name so ausgefallen und altmodisch ist. Erst eine der neuen Schulkameradinnen – heute ist sie meine beste Freundin - hat dann glücklicherweise eine passende Abkürzung gefunden. Angelika war schon damals der Meinung, dass „Cäcilie“ viel zu brav und ernsthaft für mich wäre. Die Kurzform Ceci würde sich genau so frech anhören, wie ich auch bin.“
„Und damit hat sie völlig Recht!“ grinst Paul. „Ceci passt sehr gut zu dir.“ Dann winkt er zum letzten Mal rundum und verschwindet.
Die ausgelassene Gesellschaft im Biergarten löst sich auch bald auf – es ist doch recht spät geworden - und Ceci und Rolf machen sich auf den Weg in ihre gemütliche kleine Dachwohnung.
„Du, der Paul ist richtig nett. Ich meine, wir müssten nicht darauf warten, dass er irgendwann wieder seine Verwandtschaft besucht und eher zufällig bei uns rein schneit, den könnten wir auch mal hierher einladen.“ brummelt Ceci später undeutlich durch das dicke Handtuch im Bad. – „Hmhm“ kommt es bereits ziemlich verschlafen aus den zerknautschten Kissen im Schlafzimmer „vielleicht zur Hochzeit“.
*****
„Jetzt reicht es mir aber!“
Ceci stemmt sich empört aus dem ungemütlichen Frisierstuhl des hypermodernen Salons hoch. „Seit über einer Stunde bin ich jetzt hier - In einer knappen Stunde soll ich im Standesamt erscheinen, aber außer einer flüchtigen Haarwäsche haben Sie mit mir noch nix veranstaltet!“
Aufgeregt nähert sich der Herr Coiffeur „Nur noch einen kleinen Moment. Ich bin sofort für sie da. Für ihre Hochzeitsfrisur habe ich mir doch etwas ganz Besonderes einfallen lassen.“
„Aber ganz bestimmt wird das etwas Besonderes!“ schnaubt Ceci „Auf ihre Frisurkünste kann und werde ich jetzt endgültig verzichten! Ich nehme selbst den Föhn, damit ich nicht mit nassen Haaren nachhause fahren muss. Wie ich das überhaupt zeitlich schaffen soll, pünktlich im Standesamt zu sein, ist mir ein Rätsel. Dabei wurden sie mir extra empfohlen. Naja, das habe ich davon, dass ich zur Hochzeit einmal etwas Extravagantes mit meinen Haaren anstellen wollte. – Obwohl: Extravagant wird das sicher aussehen!“
Ceci wütet und ist auch nicht aufzuhalten. Als ihr der Friseur dann noch den Föhn aus der Hand nimmt (mit dem Arbeitszeug ist man hier wohl eigen), ist es endgültig aus. Sie wirft einige Scheine auf den Tisch – wird wohl genug sein für einmal Haare waschen im exklusiven Salon - und stürmt mit halbnassen Strähnen aus der Tür.
Zuhause sieht sie den Tränen nahe in den Spiegel – der Anblick ist trostlos! Es bleibt ihr wohl nichts anderes übrig, als mit einer Frisur Modell „Vom Winde verweht“ in Kombination mit „Prinz-Eisenherz-Look“ vor den Standesbeamten zu treten.
Rolf klappert schon Sturm mit den Autoschlüsseln und steht mit Cecis wunderschön arrangiertem Brautstrauß in der Tür. Die ganze Haltung seiner sportlichen Gestalt im dunkelblauen Hochzeitsanzug, dessen Farbe seine Augen so richtig zur Geltung bringt, drückt mühsam gebändigte Ungeduld aus. „Soll ich anrufen und den Termin verschieben? Vielleicht passt es der Gnädigsten besser an einem anderen Tag?“ knurrt er mit explosivem Unterton.
Ceci wirft ihm nur einen ihrer berühmten Blicke zu. Diese Bemerkung ist ihr keine Antwort wert! Schnell noch etwas Farbe ins Gesicht - den Blick auf die Haare ignorieren – und dann in den eleganten nachtblauen Samtanzug gestiegen. Aufatmend schließt sie den letzten Knopf der perfekt auf Taille geschnittenen Jacke „Fertig!“.
In allerletzter Minute erreicht das Brautpaar den Parkplatz vor dem Standesamt. Beide Elternpaare sind schon ganz aufgelöst; ihr Nachwuchs wird es sich doch nicht noch im letzten Moment anders überlegt haben? Diesen Hitzköpfen ist alles zuzutrauen! Ganz erleichtert sind sie, als es endlich auf der Treppe zum Trauzimmer poltert und das abgehetzte Paar leicht derangiert erscheint.
Die Hochzeitszeremonie wird ausgesprochen lustig, dafür sorgen die Freunde, die als Trau- und Hochzeitszeugen zahlreich das Standesamt bevölkern und die Angestellten und Arbeitsabläufe mit ihrer Fröhlichkeit durcheinander bringen. Dabei machen sie auch nicht Halt vor dem Standesbeamten, der jedoch schmunzelnd auf den lockeren Ton eingeht und seine Ansprache witzig gestaltet.
Nach der Zeremonie bilden alle Spalier auf der großen Freitreppe des historischen Gebäudes und werfen eifrig Reis, Konfetti und Rosenblätter – eine bunte Mischung, über die das frisch getraute und jetzt sichtlich entspannte Paar zum Auto laufen muss.
Der altertümliche Kombi hat sich inzwischen auch ziemlich verändert. Mit Ballons, Luftschlangen und allem möglichen Gemüse, das der benachbarte Wochenmarkt gerade hergab, wurde er von den Freunden „auf Hochzeit“ geschmückt. Lachende Passanten drehen sich kopfschüttelnd um, als das eigenwillige Gefährt in der hupenden Wagenkolonne losfährt.
Die anschließende Feier in der völlig überfüllten kleinen Dachwohnung dauert bis zum frühen Morgen. Damit die anderen Hausbewohner Verständnis für den unvermeidlichen Lärm haben, wurden sie zu dem ausgelassenen Fest einfach mit eingeladen. Das war eine weise Entscheidung, denn durch den fehlenden Platz in der Wohnung dehnt sich die Party im Laufe des Abends über sämtliche Treppen auf das gesamte Haus und den kleinen Innenhof aus.
Auf den Stufen sitzen diskutierende Gruppen und schmusende Pärchen, im Kellervorraum und auf den Treppenabsätzen wird getanzt und das zweite Bierfass wurde für den Anstich der Einfachheit halber nur bis zur ersten Etage geschleppt. Der Vermieter hat die Ärmel hochgekrempelt und sich dieser Sache angenommen. Eifrig füllt er Glas um Glas.
Alle Ablageflächen der winzigen Küche unter der Dachschräge sind mit Leckereien voll gepackt. Margarete und Marianne haben sich selbst übertroffen und ein ausgezeichnetes rustikales Büffet fabriziert. Auf dem klitzekleinen Balkon warten weitere abgedeckte Schüsseln und Platten auf ihren Einsatz.
Im Innenhof haben Carl und Friedrich zwei Bierzeltgarnituren aufgestellt. Die älteren Gäste sind dankbar, dass sie nicht bis unters Dach steigen müssen, sondern sich hier gemütlich niederlassen können. Marianne hat vom Büffet ein großes Tablett gerichtet, damit die alten Tanten und Onkel dort auch etwas zu essen bekommen.
Das Brautpaar rennt treppauf/treppab und kümmert sich um seine Gäste. Für den Brauttanz schwenkt Carl seine frischgebackene Schwiegertochter über die Treppen aller Etagen. Ceci staunt über die Kondition des Schwiegervaters – ihr selbst geht allmählich die Puste aus.
Draußen wird es schon hell, als die letzten Gäste fröhlich singend das Grundstück verlassen. Die Hausbewohner schleichen hundemüde in ihre Wohnungen und in der Nachbarschaft dreht man sich erleichtert noch mal in den Betten um in der jetzt berechtigten Hoffnung, doch noch etwas Schlaf zu erwischen.
*****
„Aufwachen!“ Ceci muss ihren frisch angetrauten Ehemann kräftig schütteln, um irgendeine Reaktion zu bekommen. „Wir müssen aufräumen, sonst sind die anderen Hausbewohner mit Recht sauer. Draußen sieht es bestimmt aus wie nach einem Bombenanschlag!“ – „Die schlafen doch auch noch!“ Rolf versucht, Zeit zu schinden, damit er sich wieder umdrehen kann.
„Eben! Ich will alles in Ordnung haben, bis sie wach sind.“ Ceci schnappt sich Rolfs Decke, zieht sie einfach hinter sich her und stopft sie im Bad hinter die Tür. Die zähneknirschenden Verwünschungen ihres verschlafenen Göttergatten quittiert sie mit übermütigem Lachen, dreht den Schlüssel im Schloss und fröhlich pfeifend die Dusche auf.
Als sie mit nassen Haaren in Jogginghose und Schlabbershirt – Rolfs Decke vorsichtshalber wegen eines eventuellen Racheangriffs hinter dem Rücken versteckt – wieder aus dem Bad kommt, wartet eine Überraschung auf sie:
Einige Freunde haben sich mit frischen Croissants und Thermoskannen voll starkem Kaffee eingefunden und nach einem improvisierten Frühstück helfen sie bei den Aufräumarbeiten. Bis in den anderen Wohnungen erste verschlafene Geräusche zu hören sind, ist schon fast wieder die alte Ordnung hergestellt. Leise wie die Heinzelmännchen waren die Aufräumkommandos zu Gange.
Gegen Mittag trudeln immer mehr Helfer ein, aber keiner von ihnen ist böse darüber, als sie die Arbeit schon erledigt finden. Rolf wird der ganze Trubel allmählich zu viel und er schaut immer wieder verstohlen auf seine Armbanduhr, ob es nicht an der Zeit sei, dass sich die Besucher verabschieden.
Doch Ceci freut sich über den Trubel – so wird sie auch noch die letzten Reste des gestrigen Buffets los und das am Vorabend nicht ausgetrunkene Bierfass wird hoffentlich auch leer.
Gegen Abend kehrt dann zu Rolfs Freude Ruhe ein und sie können sich endlich einmal ansehen, was sich an Geschenken auf und neben der großen Anrichte im Flur angesammelt hat.
Der eine oder andere so genannte Staubfänger, aber glücklicherweise auch nützliche und willkommene Haushaltsdinge, originelle Unsinnigkeiten und sehr, sehr liebe und herzliche Glückwünsche in einem ganzen Stapel Briefe von netten Leuten, die nicht selbst zur Feier kommen konnten.
Rolf und Ceci haben es sich mit einer Flasche Sekt auf dem dicken Teppich im Wohnzimmer zwischen zerknülltem Papier, aufgerissenen Kartons und ausgepackten Geschenken gemütlich gemacht und lesen sich gegenseitig Briefe und Karten vor.
„Hee“ ruft Rolf „sieh‘ mal, Paul hat geschrieben. Ich habe mich schon gewundert, dass er auf unsere Einladung nicht reagiert hatte.“ Er wedelt übermütig mit dem schwungvoll beschrifteten Umschlag und zieht eine bunte Karte heraus.
Dabei rutscht ein Gutschein auf Cecis Füße. Sie liest und bekommt runde Augen vor Staunen. Paul schenkt ihnen den handsignierten Druck der Grafik eines bekannten österreichischen Künstlers. Das frisch angetraute Paar soll ihn sich in einer Galerie ihrer Stadt abholen, wo gerade eine Ausstellung dieses Künstlers eröffnet wurde. Paul hat das von Österreich aus organisiert.
„Ich hoffe, gerade dieses Bild gefällt euch so gut wie mir“ schreibt er. „Und wenn ich das nächste Mal in eurer Nähe bin, schaue ich nach, an welchem Platz es in der Wohnung hängt.“
Rolf kann mit diesem Geschenk nicht viel anfangen – Kunst ist so gar nicht sein Ding. Aber Ceci ist sehr beeindruckt und gleich am nächsten Tag muss sie ansehen, was sich Paul da ausgedacht hat. Der Galerist ist begeistert, als sie ihm den Gutschein präsentiert.
„Ihr Freund hat einen ausgezeichneten Geschmack! Zu diesem Bild kann ich wirklich nur gratulieren.“ strahlt er. Den Preis will er Ceci aber nicht verraten. „Das wurde mir ausdrücklich untersagt. Schließlich ist es ja auch ein Geschenk.“ wehrt er sich gegen Cecis geballten Charme-Einsatz.
Gut verpackt transportiert Ceci das Bild in die Dachwohnung. Rolf zuckt die Schultern, als sie es präsentiert. „Naja, ganz nett! Hauptsache, dir gefällt es.“ ist sein Kommentar.
Aber nun ist er gefordert, denn es gilt, in der Wohnung den besten Platz für das gerahmte Kunstwerk zu finden. Ceci grübelt und probiert – Rolf ist schon ganz genervt von dem Hin- und Her-Gerenne.
Endlich kann er Hammer und Nagel zum Einsatz bringen. Das Geschenk findet seinen Platz an der Wand über dem Esstisch. Ceci meint, es käme dort hervorragend zur Geltung. Rolf ist hauptsächlich erleichtert darüber, dass er seine Werkzeugkiste wieder wegräumen kann.
„Weißt du was? Ich rufe Paul gleich an und wir bedanken uns.“ Ceci strahlt - Rolfs Zustimmung fällt weniger enthusiastisch aus. Aber das kümmert seine junge Ehefrau wenig. Sie schnappt sich das Telefon und wählt die im Glückwunschbrief angegebene Nummer.
Eine warme Samtstimme antwortet. „Paul? Bist Du das?“ Verwundert horcht sie der angenehmen Stimme nach – quasi Auge in Auge hatte sie diese zwar als sympathisch, aber doch nicht sooo außergewöhnlich registriert!
„Ja - Hallo Ceci! Das ist aber eine Überraschung! Ich bin gerade eben von einer Geschäftsreise zurückgekommen und hatte mir auch schon überlegt, bei euch anzurufen, damit ich noch persönlich gratulieren kann. Habt ihr denn meine Karte bekommen?“ Paul freut sich.
„Und deinen Gutschein. Vielen, vielen Dank für das wunderbare Bild. Ich habe es heute abgeholt und Rolf hat es gleich an einem Ehrenplatz aufgehängt. Du musst es dir unbedingt ansehen. Unsere Wohnung kennst du ja auch noch gar nicht! Du bist hiermit herzlich eingeladen. Deine Verwandtschaft kannst du schließlich auch von uns aus besuchen.“
Leises Lachen antwortet Cecis sprudelnder Begeisterung. „Freut mich, wenn es euch gefällt. Aber in nächster Zeit werde ich es bestimmt nicht schaffen, euch zu besuchen.“ antwortet Paul. „Ich ziehe um nach Wien und habe damit jede Menge zu tun. Es wird wahrscheinlich Frühjahr, bis ich wieder einmal in eure Gegend komme.“
Kurz überlegt Ceci und strafft dann energisch die Schultern. „Schade! Aber gerade dieser Tage hat mich Rolf überredet, zu Weihnachten in den Schnee zu fahren. Ich dachte, dass wir vielleicht deine Mutter und dich besuchen kommen und ich in Almenthal das Skifahren lerne. Dafür wirst du dann wohl auch keine Zeit haben?“
Rolf hebt fassungslos den Kopf – sein Unterkiefer macht sich selbständig und rutscht nach unten. Über Weihnachten in den Schnee zu fahren hatte er sogar schon im letzten Winter vorgeschlagen, dabei war aber von Österreich oder gar vom Skifahren nie die Rede gewesen und bisher war Ceci eigentlich auch nie dafür zu begeistern, die Feiertage nicht zuhause zu verbringen.
Ceci ignoriert seine augenfällige Verwunderung. Eigentlich versteht sie sich selbst nicht so ganz, aber irgendwie muss sie wohl diese irritierende Stimme aus der Reserve gelockt haben! Und der gerade so spontan gefasste Entschluss gefällt ihr bei näherem Nachdenken eigentlich ausnehmend gut.
Paul reagiert sehr erfreut. „Das ist wirklich eine gute Idee. Leider weiß ich noch nicht genau, ob ich über die Feiertage in Almenthal sein werde oder noch im Umzugsstress. Meine Mutter wird sich aber ganz bestimmt freuen, dich endlich kennen zu lernen; ich habe ihr schon viel von dir erzählt.“
Verwundert runzelt Ceci die Stirn - Nanu? Was kann Paul denn schon berichtet haben? Aber bevor sie dazu kommt, nachzuhaken, fragt die warme Stimme schon weiter: „Habt ihr euch denn nach einer Unterkunft umgesehen?“
Kleinlaut verneint Ceci. Sie kann doch jetzt nicht zugeben, eben von ihrem eigenen Entschluss überrascht worden zu sein. Und da kommt schon wie aus der Pistole geschossen Pauls Idee: „Warte mal! Ich kenne eine sehr nette junge Familie mit einer ganz neuen Ferienwohnung, die ist vielleicht noch nicht belegt. Weißt du, bei uns in der Gegend ist um die Weihnachtszeit immer viel los und fast alles schon Monate vorher ausgebucht. Aber das hat dir Rolf bestimmt schon erzählt.“
Ceci spürt wieder die verräterische Röte über ihre Wangen ziehen. Ein Glück, dass Paul das nicht sehen kann. Rolf hat es aber bemerkt und schüttelt missbilligend den Kopf.
Paul redet inzwischen schon weiter: „In der Wohnung meiner Mutter gibt es leider kein Gästezimmer, sonst wäre es ja kein Problem, euch unterzubringen. Die Ferienwohnung, an die ich denke, ist aber für vier Personen. Fährt denn eventuell noch jemand mit euch?“
„Ich frag mal meine Freundin Sabine. Sie ist ein richtiger Schnee-Fan und wird bestimmt gerne mitkommen.“ Herzlich verabschieden sich Ceci und Paul und verabreden, am nächsten Tag wieder zu telefonieren.
Ceci legt auf und dreht sich zögernd nach ihrem Ehemann um. Der hat sich quer über die Couch geworfen und ringt theatralisch die Hände.
„Deine Ehefrau, das unbekannte Wesen….. Ceci, Ceci! Du mit deinen Spontan-Entschlüssen! Was hast du dir denn dabei wieder gedacht? Es sind gerade mal noch drei Monate bis Weihnachten und du willst in den Schnee! Weißt nicht mal, mit wem, ob du eine Unterkunft bekommst und wie teuer die wohl sein wird und woher du die ganze Ausstattung zum Skifahren nehmen willst. Ich hätte ja kein Problem, meine alten Skiklamotten passen noch und die Ski dazu verstauben im Keller – aber du hast gar nix für einen Winterurlaub. Und auf Skiern hast du auch noch nie gestanden.“
Da kennt er seine junge Ehefrau aber schlecht! Das ist gerade die richtige Herausforderung für ihren Dickkopf – schon hat sie die nächste Telefonnummer gewählt.
„Hallo Sabine! Sag mal, du hast doch jemanden gesucht, der zusammen mit dir das Skifahren lernt? Wir haben das Angebot, über Weihnachten und Sylvester eine Ferienwohnung in Österreich zu mieten“ - unterdrücktes Stöhnen von Rolf – „und ich bin gerade dabei, mir eine Ausrüstung zusammenzuleihen. Wenn wir gemeinsam fahren, könnte doch Reinhard mit Rolf zusammen Skilaufen, bis wir zwei dann auch soweit wären, die Hänge unsicher zu machen. Denk dir doch: Weihnachten im Schnee in einem kleinen österreichischen Dorf! Das ist ganz bestimmt etwas Besonderes.“
Sabine ist sofort Feuer und Flamme! „Skianzüge oder -hosen würden wir sicher von meiner Schwester bekommen. Die ist seit dem zweiten Kind aus ihrer Skiausrüstung raus gewachsen und wir Beide haben genau die richtige Größe. Sie hat bestimmt mehr als genug für uns. Ski und Schuhe kann man sich in solchen Wintersportorten ja ausleihen.“
Die beiden Paare sind seit langem befreundet. Rolf und Reinhard haben jahrelang mit großem Erfolg zusammen in einer Band die von Cecis Schwiegereltern so verteufelte Rockmusik gespielt. Ceci hat Sabine bei einem Probenabend kennen gelernt und sich auf Anhieb gut mit ihr verstanden. Sie haben viele gemeinsame Themen. Also sollte dieser Urlaub gar nicht anders als harmonisch verlaufen.
Natürlich will Sabine denn auch gleich Einzelheiten zur Wohnung wissen und Ceci muss kleinlaut zugeben, dass diese noch nicht einmal gebucht ist. „Aber das wird schon. Paul hat’s versprochen.“
„Paul? Ist das nicht dieser nette Österreicher, mit dem wir euch im Sommer im Biergarten getroffen haben?“ - „Genau der! Weißt du was, wir warten einfach ab. Morgen weiß ich mehr und melde mich wieder bei dir.“
Und Paul enttäuscht Ceci nicht! Bis zum nächsten Abend hat er für die Freunde die Ferienwohnung zu einem annehmbaren Preis schon fest gemietet und berichtet der aufgeregten Ceci am Telefon Einzelheiten.
„Eigentlich waren sie sich nicht sicher, ob sie die Wohnung gleich im ersten Winter vermieten sollen, da habe ich die Sache einfach meiner Mutter überlassen. Sie hat für diese Familie schon einiges getan und als sie nochmals nachgehakt hat, waren sie denn auch einverstanden.“ erzählt Paul.
Auf diese Mutter ist Ceci wirklich gespannt, denn auch nach dem, was Margarete und Carl aus gemeinsam mit ihr verbrachten Zeiten erzählen, muss sie ein richtiger Kumpel sein, mit dem man Pferde stehlen kann. Durch die vielen Anekdoten meint Ceci fast, diese Elli schon richtig zu kennen.
Paul hat an alles gedacht: Im örtlichen Sportgeschäft hat er schon wegen Leihski vorgesprochen und wird natürlich auch noch Sabine anmelden, damit auch sie versorgt ist. Sogar einen Skikurs hat er bereits organisiert, aber leider „Ich werde nur mit viel Glück vielleicht an einem der Tage da sein“ meint er. Sein Umzug nach Wien soll ausgerechnet um die Weihnachtszeit stattfinden.
„Das ist wirklich schade – aber trotzdem freue ich mich jetzt wie verrückt auf den Urlaub und natürlich auch darauf, deine Mutter kennen zu lernen!“ Ceci richtet Grüße an Elli aus – vorläufig noch unbekannterweise - und verabschiedet sich mit vielen Dankesbezeugungen von Paul.
Dann wirft sie den Hörer auf die Gabel und wirbelt Rolf um den Hals. „Juchu – wir fahren in den Schneeeeeeeeeeee!“ - „So, dann bring‘ das erst mal deinen Eltern bei!“ Mit dieser Bemerkung holt Rolf seine Frau ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen, denn er weiß, wie viel Wert seine Schwiegereltern auf eine Familienweihnachtsfeier legen. Cecis Gesicht wird lang und länger. „Oje, daran hatte ich gar nicht gedacht.“
Es wird ein richtiger Kampf zwischen Mutter und Tochter, aber Cecis Dickkopf behält wie immer Oberhand. „Sie musste einfach einsehen, dass ich mich irgendwann auch einmal von zuhause abnabele.“ erzählt sie Rolf. Als Kompromiss hat sie aber fest versprechen müssen, gleich am Jahresanfang zu Mutters Geburtstag wieder zuhause zu sein.
Und so sind die Signale für einen Weihnachtsurlaub im Schnee auf freie Fahrt gestellt!
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Ceci ist von dem kleinen Dorf begeistert, obwohl sie bei der Einfahrt in der abendlichen Dämmerung eigentlich nicht wirklich viel erkennen kann.
Mit bemalten Giebeln verzierte Häuser ducken sich um Kirche und Marktplatz und aus den Fenstern gemütlich aussehender Gasthöfe blinken einladende Lichter. Der Schnee türmt sich hoch auf zwischen Fahrbahn und Gehwegen.
In der Dunkelheit kann man die Umrisse der Berge erahnen, auf denen mit flackernden Lichtern die Pistenraupen unterwegs sind. Die Skihänge für die Abfahrten des nächsten Tages werden sorgfältig präpariert.
Nur wenige Menschen stapfen auf den geräumten Wegen. Niemand kann ihre Frage nach dem richtigen Weg beantworten, sie treffen nur auf Touristen – versuchen sich in Englisch, Französisch und sogar ein bisschen Niederländisch. Es hilft nix: Reinhard muss aussteigen und in einem der Gasthöfe nachfragen.
„Brrrrrr! Saukalt isses!“ Mit Schwung lässt er sich wieder auf den Beifahrersitz fallen. „Wir sind schon fast da. Dort vorne über die Brücke und dann gleich links in die Einfahrt.“ zeigt er Rolf die Fahrtrichtung an. Ceci und Sabine recken vergeblich die Hälse, um einen ersten Blick auf ihr Feriendomizil zu erhaschen. Vorsichtig umrundet Rolf die Schneehaufen und schlingert über die angekündigte, reichlich vereiste Brücke.
Die verwinkelte Zufahrt zum Haus muss man wirklich kennen, um sie auf Anhieb zu finden. Aufatmend parkt Rolf den Wagen neben einem großen Holzstapel vor dem Eingang zu einer offensichtlich hochmodernen Schreinerei. Das Quartett klettert aus dem Auto und streckt die Beine. Ein Labrador stemmt die Vorderpfoten auf die Balkonbrüstung im ersten Stock und kündigt den Besuch mit lautem Gebell an.
„Schnee hat es ja wenigstens!“ Rolf ist müde von der Fahrt und kann sich nur zu diesem Kurz-Kommentar hinreißen. Da öffnet sich auch schon die Haustür und ein Paar in etwa ihrem eigenen Alter – gefolgt vom Labrador - heißt sie herzlich willkommen.
Der Hund will sofort mit dem Besuch im Schnee herumtollen. Ceci wäre auch nicht abgeneigt – sie liebt Hunde, aber aus dem Haus ertönt ein schriller Pfiff und der Hund trottet mit hängenden Ohren zurück. An der Türschwelle schaut er noch mal zu Ceci. Sie winkt ihm zu „Wir spielen das nächste Mal!“ und schon ist er im Haus verschwunden.
„Treten sie ein, treten sie ein! Sie sind unsere ersten Hausgäste. Meine Frau hat Ihnen schon was zum Empfang gerichtet.“ Sie werden direkt in einen großen Raum geführt - offensichtlich das Familienwohnzimmer - und der Hausherr nimmt ihnen Jacken und Schals ab.
Seine Frau nähert sich mit einem Tablett, auf dem kleine Schnapsgläser und eine bunte Flasche stehen. „Selbstgebrannter Obstler!“ lacht sie „Ich hoffe, er schmeckt ihnen!“.
Nach dem Begrüßungstrunk präsentiert das Ehepaar stolz die schmucken Räume im Dachgeschoss des Hauses. Die Freunde fühlen sich sofort zuhause in der kleinen Wohnung, die mit viel Holz im Landesstil ausgestattet ist. Überhaupt wurde die ganze Dekoration sehr liebevoll gestaltet. Mit Trockenblumensträußen und offensichtlich handgemalten Aquarellen sind Nischen und Wände geschmückt.
Es gibt ein geräumiges Schlafzimmer und ein geradezu riesiges Bad mit Dusche, Wanne und Doppelwaschbecken. Das große helle Wohnzimmer hat einen Balkon, der sich tief unter die dicken überhängenden Dachbalken duckt und eine herrliche Aussicht auf die umliegenden Berge bietet. Durch eine Art Tresen wird dieses Wohnzimmer von der schmalen Küchenzeile abgetrennt. Vier hochbeinige Hocker signalisieren, dass man daran auch essen kann.
Die Schlafgelegenheiten werden ausgelost – Sabine und Reinhard werden das Schlafzimmer bewohnen und Rolf und Ceci das Wohnzimmer, aus dessen großer Couch sich ein bequemes Doppelbett ausklappen lässt.
Die Küche aus hellem Holz ist komplett eingerichtet. Zur Begrüßung haben die Wirtsleute einen leichten Rotwein und Mineralwasser hingestellt und der Kühlschrank enthält das Nötigste an Lebensmitteln für den ersten Abend.
„Sie sollen sich doch gleich bei uns wohl fühlen, morgen können sie dann nach ihrem Geschmack einkaufen.“ ist die Antwort auf den herzlichen Dank für die Fürsorge.
Dann poltert das Quartett noch mal nach unten und lädt Koffer und Taschen aus dem Auto. So voll bepackt begegnen sie auf dem Weg in die Ferienwohnung zwei kleinen Mädchen, die sie neugierig mustern. Beide stecken schon in bunten Schlafanzügen und tappen barfuss über die dicken Bauernteppiche. Ceci schätzt sie so auf 4 und 6 Jahre und liegt damit absolut richtig, wie sich später herausstellt.
„Das sind Bea und Bärbel!“ stellt ihre Mutter vor „Sagt unseren Gästen ‚Guten Tag‘.“ Die Ältere murmelt irgendwas und ist schnell hinter der nächsten Tür verschwunden. Die Kleine versteckt das Gesicht im Halsfell des Labradors, der eben auch von irgendwoher auftaucht. „Und das ist Benno,“ lacht die Wirtin „der getreue Schatten – mein vierpfotiges Kindermädchen. Absolut zuverlässig.“ Benno setzt den Schwanz in Pendelbewegung – er scheint den Besuch zu mögen.
„Bring die Bärbel ins Bett, mein Guter.“ sagt sein Frauchen und wirklich trottet er hinter der großen Schwester her. Klein-Bärbel hält ihn fest umarmt und das Tapp-Tapp der nackten Füßchen verliert sich hinter der Tür. Ceci muss an den treuen Hundefreund denken, der ihre Kindheit bewacht hat.
Bevor sie aber noch Zeit hat, wehmütig zu werden, piekt eine Kofferecke in ihre Kniekehlen. „Wenn Du noch stehen bleiben willst, brauche ich morgen neue Skistöcke. Meine Arme werden immer länger!“ lamentiert Rolf hinter ihr und deshalb läuft sie mit einem raschen Gute-Nacht-Gruß an der Wirtin vorbei.
Ceci und Sabine packen Koffer und Taschen aus und räumen alles in den hohen Einbauschrank im Flur und ins Bad. Inzwischen bereiten Rolf und Reinhardt eine große Kanne Tee und decken den Esstisch in der Fensternische mit Brot, Wurst und Käse aus dem so liebevoll beladenen Kühlschrank.
Dann sitzen die Freunde mit Blick aus den großen Fenstern in einen wunderbaren Sternenhimmel, gegen den sich die Umrisse der Berggipfel abzeichnen und genießen das Abendessen.
Sie sind alle ziemlich müde von der Reise und den ersten Eindrücken des Urlaubsortes – es wird nicht viel gesprochen und als nach dem Essen gemeinsam abgeräumt ist, stoßen sie nur noch kurz auf einen schönen Urlaub an, dann ist endgültig Schlafenszeit.
Rolf gähnt zum Gotterbarmen. Ceci kuschelt sich auf der dicken Matratze der erstaunlich bequemen Schlafcouch zurecht und ist sofort eingeschlafen.
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Am nächsten Tag scheint strahlend die Sonne vom postkartenkitschblauen Himmel und der Neuschnee bringt alle in Begeisterung.
