5,99 €
In der kalten, verschneiten Kulisse New Yorks trifft Weihnachtsmuffel Samantha auf die lebensfrohe Barista Lily
Eine WLW-Romance über die Magie der Weihnachtszeit und die unerwarteten Wege, auf denen die Liebe uns findet
Weihnachten in New York City? Was für andere wie ein Traum klingt, ist für die 27-jährige Autorin Samantha King eher ein Albtraum, denn seit einem tragischen Verlust vor ein paar Jahren hasst sie Weihnachten. Für die Recherche zu ihrem neuen Roman bleibt ihr aber keine andere Wahl, als ihre Heimat Australien gegen das kalte und verschneite New York zu tauschen. Im charmanten Café Cornelia's trifft sie die lebensfrohe Barista Lily. Als Lily erfährt, dass Sam Weihnachten verabscheut, macht sie es sich zur Aufgabe, Sam vom Gegenteil zu überzeugen. Und zwischen Schlittschuhen, heißer Schokolade und Schneeballschlachten wächst eine zarte Bindung zwischen den beiden Frauen. Doch während die funkelnden Lichter der Stadt langsam auch Sams Herz erwärmen, wird sie vor eine schwere Entscheidung gestellt: Kann sie die Schatten der Vergangenheit loslassen und sich auf die Liebe und die Magie der Weihnacht einlassen?
Erste Leser:innenstimmen
„Eine perfekte Lektüre für kalte Wintertage, um die Magie der Weihnachtszeit zu spüren“
„Die Liebesgeschichte zwischen Sam und Lily hat mich von Anfang an in ihren Bann gezogen“
„Wer einen WLW-Liebesroman mit weihnachtlichem Wohlfühlsetting und viel Emotionen sucht, ist hier genau richtig!“
„Besonders schön fand ich, wie der Roman die Schönheit der kleinen Dinge einfängt – sei es eine heiße Schokolade, eine Schneeballschlacht oder der Mut, sich seinen Ängsten zu stellen“
„Ein Buch, das Mut macht und daran erinnert, dass es auch in der Dunkelheit Licht gibt“
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 447
Veröffentlichungsjahr: 2024
Willkommen zu deinem nächsten großen Leseabenteuer!
Wir freuen uns, dass du dieses Buch ausgewählt hast, und hoffen, dass es dich auf eine wunderbare Reise mitnimmt.
Hast du Lust auf mehr? Trage dich in unseren Newsletter ein, um Updates zu neuen Veröffentlichungen und GRATIS Kindle-Angeboten zu erhalten!
[Klicke hier, um immer auf dem Laufenden zu bleiben!]
Weihnachten in New York City? Was für andere wie ein Traum klingt, ist für die 27-jährige Autorin Samantha King eher ein Albtraum, denn seit einem tragischen Verlust vor ein paar Jahren hasst sie Weihnachten. Für die Recherche zu ihrem neuen Roman bleibt ihr aber keine andere Wahl, als ihre Heimat Australien gegen das kalte und verschneite New York zu tauschen. Im charmanten Café Cornelia's trifft sie die lebensfrohe Barista Lily. Als Lily erfährt, dass Sam Weihnachten verabscheut, macht sie es sich zur Aufgabe, Sam vom Gegenteil zu überzeugen. Und zwischen Schlittschuhen, heißer Schokolade und Schneeballschlachten wächst eine zarte Bindung zwischen den beiden Frauen. Doch während die funkelnden Lichter der Stadt langsam auch Sams Herz erwärmen, wird sie vor eine schwere Entscheidung gestellt: Kann sie die Schatten der Vergangenheit loslassen und sich auf die Liebe und die Magie der Weihnacht einlassen?
Erstausgabe Oktober 2024
Copyright © 2025 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-98778-839-0 Taschenbuch-ISBN: 978-3-98998-626-8
Covergestaltung: ArtC.ore-Design / Wildly & Slow Photography unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com: © Lio putra, © GoodStudio, © Yura Batiushyn Lektorat: Sarah Nierwitzki
E-Book-Version 14.10.2025, 16:46:10.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier
Website
Folge uns, um immer als Erste:r informiert zu sein
Newsletter
TikTok
YouTube
Für Inge.
Du fehlst.
„Da bist du ja.“
Irritiert werfe ich einen Blick auf meine Armbanduhr. „Es ist zwei Minuten vor zehn. Ich sollte um zehn Uhr hier sein.“
Declan Jefferson lacht schallend und trommelt mit den Fingern auf seinem dicken Bauch herum.
„Ich weiß, ich bin bloß ungeduldig“, sagt er. „Setz dich bitte, Samantha.“
Ich sinke auf den Stuhl ihm gegenüber. Wie oft habe ich hier schon gesessen? Im Büro meines Agenten bei Silver Ink Books, der Literaturagentur, die mich mit meinem ersten Buch unter Vertrag genommen hat und die seitdem meine Liebesromane an die Verlage vermittelt.
„Also, was sind deine tollen Neuigkeiten?“, frage ich.
Gestern Abend hatte ich von Declan eine Nachricht bekommen, dass er etwas mit mir zu besprechen hat und ich heute in sein Büro kommen soll. An einem Samstagmorgen. Da war mir sofort klar, dass es eine besondere Neuigkeit sein muss.
Über seinen Schreibtisch hinweg grinst mich Declan an.
„Du kommst nie drauf, wer sich bei uns gemeldet hat.“
„Wer?“
„Jemand von den Metropolis Studios.“
Ich starre Declan an. Meint er das ernst? Mein Herz beginnt, zu rasen, und in meinem Bauch kribbelt es, als wäre ein Bienenschwarm darin unterwegs. „Metropolis Studios? Du meinst doch nicht etwas das Filmstudio in New York City, oder?“
Er lacht. „Genau die meine ich, Sam. Sie haben Interesse an einer Adaption von Whispering Hearts.“
„O mein Gott!“ Ich springe von meinem Stuhl auf, sodass dieser ein Stück über den Teppichboden rutscht, und schlage mir die Hände vor den Mund, vollkommen im Unglauben darüber, was ich gerade gehört habe.
„Wie geht es jetzt weiter?“, frage ich atemlos.
„Sie wollen dich kennenlernen.“
„Wow, okay, setzen wir einen Skype-Termin an, oder wie läuft das Ganze ab?“
Declan zwirbelt seinen Schnurrbart zwischen den Fingern.
„Nein, Samantha, sie wollen dich persönlich kennenlernen.“
„In … New York?“
„Ganz genau.“
„Das ist ja fantastisch!“, sage ich mit einem breiten Grinsen. „Wie genau soll das denn ablaufen?“, frage ich neugierig.
„Zunächst würden beide Seiten eine sogenannte Optionsvereinbarung unterzeichnen.“
„Was heißt das?“
„Das bedeutet, dass du den Leuten von Metropolis das Recht einräumst, aus deinem Manuskript ein Drehbuch zu machen. Diese Vereinbarung würde über zwölf Monate gehen, kann aber verlängert werden, sollte das nötig sein.“
„Und was passiert, falls der Drehbuchautor kein Skript aus meinem Buch machen kann?“, möchte ich wissen.
„Dann bekommst du die Rechte zurück. Mr Green, unser Ansprechpartner bei Metropolis, sagt, solange kein Drehbuch existiert, ist das Ganze als Testphase anzusehen.“
„Mir ist aber nicht ganz klar, warum sie mich persönlich kennenlernen wollen.“
„Nun, du würdest die Vereinbarung noch von hier unterschreiben und dich dann in New York mit Mr Green und seinem Team treffen, um am Drehbuch mitzuarbeiten. Sie wollen dich gern live und in Farbe kennenlernen.“ Mein Agent lacht. „Es soll geschaut werden, ob die Chemie stimmt und ihr zusammenarbeiten könnt. Mr Green sagt, die meisten weiteren Termine können dann online stattfinden.“ Declan schaut mich abwartend an.
Ich muss diese ganzen Informationen erst mal verarbeiten. „Weißt du, wie viel Mitspracherecht ich hätte?“
„Ja, die Zusammenarbeit soll sehr engmaschig erfolgen.“
Ich nicke. „Was denkst du?“ Declan und ich arbeiten seit Jahren zusammen und ich lege sehr viel Wert auf seine Meinung.
„Ehrlich? Tu es. Schau es dir an. Samantha, das ist eine phänomenale Chance, die sicher nicht jeder bekommt.“
„Das stimmt. Okay, ich sehe es mir an.“
Declan reicht mir ein Blatt Papier. „Das ist die Vereinbarung. Ich habe sie schon geprüft, du kannst sie guten Gewissens unterschreiben. Sie haben bereits einige Terminvorschläge geschickt, wahrscheinlich haben sie gar nicht infrage gestellt, dass du ihr Angebot annimmst.“
Mein Grinsen wird breiter. „So verrückt bin ich auch wieder nicht. Welche Termine stehen zur Auswahl?“
„Die meisten sind noch dieses Jahr, der erste ist am neunundzwanzigsten. Dann gibt es einen Mitte Dezember und einen in der ersten Januarwoche.“
Ich öffne den Kalender in meinem Handy. „Zeitlich passen mir alle drei. Wozu würdest du mir raten?“
„Ich weiß, wie ungeduldig du sein kannst“, sagt Declan und trifft den Nagel auf den Kopf. „Warum nimmst du nicht gleich direkt den ersten Termin? Du könntest schon jetzt hinfliegen, dann hättest du etwa zwei Wochen Zeit, um dich an die neue Zeitzone zu gewöhnen und dich vorzubereiten. Mach ein bisschen Urlaub. Du hast es dir verdient.“
Einen Moment denke ich über Declans Vorschlag nach. Es ergibt Sinn, nicht erst einen Tag vor dem Termin um die halbe Welt zu fliegen. Und wenn ich den frühen Termin nehme, bin ich über Weihnachten wieder zu Hause und kann meinem jährlichen Ritual nachgehen: Mich ungestört in meiner Wohnung verschanzen.
„Hört sich gut an. Sagst du für mich zu?“
Declan sieht zufrieden aus. „Ich gebe ihnen deine E-Mail-Adresse und deine Handynummer, ist das in Ordnung?“
„Natürlich.“
„Soll sich Majorie um einen Flug und deine Unterkunft kümmern?“
Majorie Simmons, die gute Seele der Verwaltung von Silver Ink Books.
„Das wäre großartig.“
Declan nickt, greift zum Hörer, gibt Majorie die Daten durch und bittet sie, sich um alles zu kümmern. In der Zeit lese und unterschreibe ich die Vereinbarung, damit Declan sie gleich an Metropolis zurückschicken kann. In mir kribbelt alles vor Aufregung!
Nachdem Declan aufgelegt hat, mustert er mich.
„Da wäre noch was, dass ich mit dir besprechen will“, meint er kryptisch. „Du weißt, wir, das heißt deine Lesenden sowie auch das Team von Silver Ink Books, wünschen uns seit Jahren ein Weihnachtsbuch von dir, deshalb – “
„Nein.“ Ich warte nicht einmal ab, was er noch zu sagen hat.
Ich arbeite für mein Leben gern mit Declan zusammen, aber die Antwort auf diese Frage wird immer gleich ausfallen.
„Ich hasse Weihnachten“, schiebe ich hinterher. „Deshalb werde ich kein Weihnachtsbuch schreiben.“
Declan seufzt. „Einen Versuch war es wert. Aber wer weiß, vielleicht inspiriert dich ja ein vorweihnachtliches New York mit all den Lichtern und so, du weißt schon.“
„Vielleicht“, sage ich, während Ich denke: Nie im Leben!
Mit meiner Antwort gibt sich Declan zufrieden. „Gut, dann sind wir so weit fertig. Ich sage Majorie, sie soll dir alle Infos zur Buchung zukommen lassen. Falls wir uns vor deiner Abreise nicht mehr sprechen, viel Glück und halt mich auf dem Laufenden, Goldkind.“
Ich schmunzle über seinen Spitznamen für mich. So richtig glaube ich noch gar nicht, was gerade passiert ist. Declans Nachfrage, ob ich mir vorstellen kann, ein Weihnachtsbuch zu schreiben nervt zwar genauso sehr wie immer, aber die Freude über den Termin mit Metropolis kann nichts trüben. Wenn das klappt, wäre es ein gigantischer Fortschritt für meine Karriere.
***
Ich habe das Bürogebäude noch nicht ganz verlassen, da ziehe ich mein Handy hervor und schreibe meiner besten Freundin Avery eine Nachricht, dass sie vorbeikommen soll, sobald sie Zeit hat. Als ich in mein Auto steige, antwortet sie mit einem Daumen-nach-oben-Emoji und einem rennenden Männchen.
Ich drehe die Klimaanlage hoch, froh, der australischen Sommerhitze entgehen zu können, und werfe mein Handy in das kleine Fach in der Mittelkonsole.
Dann fahre ich durch die Straßen von Brisbane bis zu dem Haus meiner Eltern, in dessen Obergeschoss ich meine eigene Wohnung mit separatem Eingang habe.
Als ich dort ankomme, parkt Avery gerade ihren quietschgelben Smart. Auf meine beste Freundin ist immer Verlass. Zeitgleich steigen wir aus den Autos aus. „Was ist passiert?“, fragt sie an Stelle einer Begrüßung.
„Erzähle ich dir gleich“, erwidere ich.
Statt zu meinem Wohnungseingang zu gehen, steuere ich den meiner Eltern an. Mit meinem eigenen Schlüssel verschaffe ich uns Zutritt.
„Mum? Dad?“, rufe ich.
„In der Küche!“, kommt die Antwort meiner Mutter.
Avery und ich folgen ihrer Stimme und betreten schließlich die Küche, wo Mum und Dad noch am Frühstückstisch sitzen. Da Avery regelmäßig zu Besuch ist, sind sie nicht überrascht, sie zu sehen.
„Guten Morgen, ihr beiden“, sagt Dad mit abwartendem Blick. „Setzt euch doch, wollt ihr Kaffee?“
„Gern, danke“, antwortet Avery für uns beide. Sie weiß: Kaffee würde ich niemals ablehnen. Nachdem Avery einen Schluck des Kaffees getrunken hat, schaut sie mich an. „Verrätst du mir jetzt, warum du wolltest, dass ich herkomme?“
Eigentlich wollte ich die drei noch ein wenig auf die Folter spannen, doch dafür bin ich zu ungeduldig.
„Ich komme gerade aus der Agentur.“
„Und?“ Dad schaut mich aufmerksam an.
„Jemand von Metropolis Studios aus New York hat sich bei Declan gemeldet. Anscheinend haben sie Interesse daran Whispering Hearts zu verfilmen.“
Mum verschluckt sich an ihrem Kaffee und Dad und Avery schauen mich an, als spräche ich eine Sprache, die sie nicht verstehen.
„Ist das dein Ernst?“, fragt Avery mit schriller Stimme.
„Mein voller Ernst! In zwei Wochen ist ein Treffen angesetzt. In New York.“
„Wow!“
In Mums Augen glitzern Tränen. „Ich bin so stolz auf dich.“
„Danke! Ich will mich nicht zu sehr reinsteigern, aber ich bin super aufgeregt.“
„Wann fliegst du?“, will Dad wissen.
In dem Moment kündigt mein Handy eine eingehende Mail an.
Ich öffne sie und staune nicht schlecht.
„Übermorgen“, sage ich.
„Was?“, fragt Mum.
„Ich fliege übermorgen. Majorie hat mir gerade meine Flugdaten geschickt.“
„Wie aufregend“, flüstert Avery ehrfürchtig. „New York! Überleg mal, was du alles sehen wirst: Die Freiheitsstatue, die Brooklyn Bridge, den Central Park und den Broadway! Mensch, bin ich neidisch, Sam. Ich wünschte, ich könnte dich begleiten.“
Ein aufregendes Kribbeln breitet sich in meinem Magen aus.
„Und das alles auch noch zur Weihnachtszeit.“ Avery lächelt verträumt.
Zack, das Kribbeln ist abgestorben. Ich mag kein Weihnachten, nicht mehr, seit ich es nur noch mit negativen Erinnerungen in Verbindung bringe. Das kann nicht einmal New York City ändern.
Verdammt ist das kalt, ist mein erster Gedanke, als ich den John F. Kennedy Flughafen in New York City auf der Suche nach einem Taxi verlasse. Ich schaue an mir herunter und betrachte meine schwarze Jeans, die auf Kniehöhe endet, mein graues Shirt sowie die leichte schwarze Strickjacke, die ich im Flieger als Schutz gegen die viel zu kalt eingestellte Klimaanlage benutzt habe. All das ist absolut unpassend für einen Novembertag in den USA, das ist mir klar. Doch zu Hause ist gerade Hochsommer und da bekommt man nichts Wintertaugliches in den Geschäften zu kaufen. Und aufgrund der ziemlich überstürzten Abreise blieb mir auch keine Zeit für Onlineshopping.
Deshalb stecken meine Füße auch in beigen Sneakers und verwandeln sich mit jeder Minute hier draußen mehr und mehr zu Eiszapfen. Aber immerhin liegt kein Schnee, das beruhigt mich.
Bevor ich irgendwas anderes tue, muss ich unbedingt Winterkleidung shoppen gehen. Vielleicht sollte ich vorher meinen Koffer ins Apartment bringen, damit ich ihn nicht die ganze Zeit mit mir herumschleppen muss. Ich winke mir eins der gelben Taxis heran, so wie ich es aus dem Fernsehen kenne, und steige ein.
***
Aufgrund der Kurzfristigkeit der Reise hatte ich mit einem kleinen, aber feinen Hotelzimmer gerechnet, doch netterweise überlässt mir einer von Declans Kollegen sein Ferienapartment für die Zeit meines Aufenthaltes. Das Apartment ist erstaunlich groß. Ich kenne mich mit den Mietpreisen hier zwar nicht aus, weiß allerdings, dass Manhattan nicht gerade billig ist. Deshalb hatte ich eigentlich eher mit etwas von der Größe eines Schuhkartons gerechnet, doch die Räume sind hell und freundlich und im Wohnbereich gibt es eine gigantische Fensterfront mit Ausblick über Manhattan. Die Küche scheint auf den ersten Blick voll ausgestattet zu sein. Nur der Kühlschrank ist – selbstverständlich – leer. Im Badezimmer gibt es sogar einen Whirlpool. Den muss ich definitiv testen, solange ich hier bin. Wann hat man schon mal so eine Gelegenheit?
Das Queensize Bett im Schlafzimmer ist so groß und weich, dass ich mich am liebsten gleich darauf fallen lassen will, um den Rest des Tages zu verschlafen, doch das werde ich nicht tun. Lieber kämpfe ich so gut gegen den möglichen Jetlag an, wie ich kann. Stattdessen räume ich meinen Koffer aus, das heißt, zumindest die paar Sachen, die ich mitgenommen habe, wie Unterwäsche, Pflegeprodukte und ein paar Strickjacken. Das schreit nach einer Shoppingtour.
***
Manhattan surrt wie ein Bienenstock. Überall sind Menschen. Die meisten achten nicht darauf, was um sie herum passiert. Die Macht der Großstadt. Meine Heimatstadt Brisbane ist auch nicht gerade ein Dorf, aber mit New York City kann man es nun nicht vergleichen. Alles wirkt so lebendig, das gefällt mir. Ich steuere das nächste Kaufhaus an und beginne, mich durch die Auswahl zu arbeiten. Auf Anhieb finde ich einige Sachen, die mir gefallen, ich konzentriere mich jedoch zunächst auf Kleidung, die ich gleich anziehen kann, um das Risiko von Frostbeulen zu reduzieren. Die anderen Kleidungsstücke, kann ich mir danach immer noch in Ruhe ansehen.
Nachdem ich eine lange Jeans, einen beigen Wollpullover, ein Paar Stiefel und einen passenden Mantel gefunden habe, stöbere ich noch ein wenig weiter und so landen noch weitere Kleidungsstücke über meinem Arm. Nachdem ich meine Ausbeute anprobiert habe, bezahle ich und bitte die mürrisch dreinsehende Verkäuferin, die Etiketten für mich abzuschneiden. Mit dem ersten Outfit über dem Arm steuere ich die Toiletten an, um mich umzuziehen. Danach geht die Shoppingtour weiter.
Zweieinhalb Stunden später glüht meine Kreditkarte und Unmengen an Tüten baumeln an meinem Arm. Ich habe definitiv mehr gekauft als nötig. Zurück zum Apartment muss ich mir ein Taxi nehmen, das alles kriege ich zu Fuß niemals so weit getragen. Aber immerhin habe ich jetzt Kleidung für alle Wetterlagen. Jetzt brauche ich einen Kaffee.
Ein paar Straßen weiter entdecke ich ein Café namens Cornelia’s. Mit dem Ellenbogen stoße ich die Tür auf und trete ein. Sofort schlägt mir warme Luft entgegen, zeitgleich klingelt ein Glöckchen über mir und kündigt meinen Besuch an.
Kurz schaue ich mich um und stelle fest, dass das Café nicht besonders voll ist. Nur etwa ein Drittel der Tische ist besetzt. Ohne mich weiter umzusehen, gehe ich zur Theke.
„Guten Tag, was kann ich Ihnen bringen?“, fragt die Barista freundlich lächelnd.
„Einen großen Latte macchiato, bitte.“
„Möchten Sie ihn hier trinken oder soll ich ihn to go fertigmachen?“
Ich schaue auf meine Einkäufe und erinnere mich daran, wie sehr ich mich nach Ruhe sehne nach diesem anstrengenden Tag. „To go, bitte.“
Die Barista nickt und nimmt einen der Pappbecher vom Stapel. Mit einem schwarzen Stift in der Hand fragt sie: „Verraten Sie mir Ihren Namen?“
„Samantha“, antworte ich.
Nachdem ich bezahlt habe, wird kurz darauf schon meine Bestellung aufgerufen. Ich greife nach dem Becher, der meine kalten Hände wärmt.
„Vielen Dank. Einen schönen Tag noch“, sage ich in den Raum hinein und gehe. Draußen nehme ich als Erstes einen großen Schluck meines Kaffees.
Oh, der schmeckt himmlisch!
Hoffentlich liefert er mir auch die nötige Energie, die ich brauche, um bis abends wachzubleiben.
***
Als es endlich Schlafenszeit war, war ich zu wach, um zu schlafen. Bis morgens um drei Uhr habe ich mich rastlos hin und her geworfen, bis ich schließlich eingeschlafen bin.
Deshalb ist es auch schon halb eins mittags, als ich endlich wach werde. Ich brauche einen Augenblick, um mich zu orientieren. Als ich wieder weiß, wo ich bin, lasse ich mich zurück in die Kissen sinken. Meinen ersten Tag in New York City habe ich mehr oder weniger verschwendet. Heute will ich mir definitiv die Stadt ansehen. Doch zuerst brauche ich meine morgendliche Dosis Koffein.
Nachdem ich mich fertig gemacht habe, peile ich das erstbeste Café an. Während ich auf meinen bestellten Latte macchiato warte, überlege ich, was ich mir als Erstes ansehen soll. Die Freiheitsstatue? Die Brooklyn Bridge? Oder doch lieber den Central Park? Lächelnd fällt mir ein, dass genau das die Orte waren, die Avery mir genannt hatte.
Vorerst, so beschließe ich, will ich nur ein bisschen durch die Stadt schlendern. Ich nehme einen Schluck von meinem Latte und verziehe angewidert das Gesicht. Nur mit Mühe kann ich mich davon abhalten, ihn auf den Weg vor mir zu spucken. Der schmeckt echt eklig! Zum einen ist er eiskalt und zum anderen schmeckt er nur bitter. Super, und jetzt? Genervt pfeffere ich den vollen Pappbecher in den nächsten Mülleimer und sehe mich nach einer Alternative um, als mir das Café von gestern wieder einfällt. Cornelia’s heißt es, glaube ich? Der Kaffee dort war spitze! Also mache ich mich auf den Weg dahin.
***
Im Gegensatz zu gestern nehme ich mir heute Zeit, das Café genauer zu inspizieren Es ist größer, als es von außen den Anschein macht. Trotzdem wirkt es eher wie ein großes Wohnzimmer als ein Café. Die Wände sind in einem hellen Grünton gestrichen und der Boden ist aus hellem Buchenholz. An mehr als der Hälfte der Tische stehen keine Stühle, sondern gemütlich aussehende Sessel. Im hinteren Teil führt eine Treppe zu einer Empore hinauf und an der Theke stehen aufgereiht Barhocker. An der Wand dahinter hängen schwarze Tafeln, auf denen mit bunter Kreide die Auswahl an Getränken, Snacks und Gebäck geschrieben stehen. Heute ist mehr los als gestern. Vielleicht liegt das an der Uhrzeit. Ich reihe mich in der Schlange ein und warte, bis ich an der Reihe bin, meine Bestellung aufzugeben. Dabei lausche ich der Jazzmusik, die leise aus den Lautsprechern dudelt.
Die Barista hinter der Kasse ist dieselbe wie gestern. Sie trägt eine bordeauxrote Schürze und auf ihrem Namensschild steht Lily. Das ist mir gestern gar nicht aufgefallen.
„Willkommen, was kann ich für Sie tun?“ Mit ihrem Lächeln entblößt sie eine Reihe perfekter weißer Zähne.
„Einen großen Latte macchiato.“ Mein Blick fällt auf die Auslage und mir wird bewusst, dass ich zuletzt im Flugzeug etwas Richtiges gegessen habe. „Und einen Bagel mit Frischkäse.“
„To go oder zum hier essen?“
Eine Sekunde überlege ich. Mich zum Essen in Ruhe hinzusetzten, ist wahrscheinlich eine gute Idee. „Den Bagel zum hier essen, aber den Kaffee bitte in einem To-go-Becher, wenn das geht.“ So kann ich nach dem Essen anfangen die Stadt zu erkunden, ohne mein flüssiges Gold zurückzulassen.
„Gern, das ist kein Problem. Darf ich Ihren Namen erfahren?“, fragt sie höflich.
„Sam“, antworte ich und sie nickt.
Während ich auf meine Bestellung warte, beobachte ich die Barista Lily. Mir fällt auf, dass sie strahlend blaue Augen und ein einnehmendes Lächeln hat.
Einige Minuten später nehme ich meinen Kaffee und den Bagel von der Theke und sehe mich nach einem freien Platz um. Mittlerweile ist es im unteren Bereich sehr voll.
Vor allem die Sessel sind belegt, also mache ich mich auf den Weg zur Empore, dort ist es leerer. An der Rückwand befinden sich drei Bücherregale mit einem Schild davor, auf dem LIES UNS! steht.
Ich lasse mich in einen der Sessel am Fenster fallen. Wenn ich in Ruhe etwas gegessen habe, bleibt immer noch genug Zeit, die Stadt zu erkunden. Doch als ich meinen Bagel aufgegessen habe, fällt mein Blick erneut auf die Bücherregale. Ich stehe auf und gehe hin, um zu sehen, welche Bücher dort stehen. Es ist eine bunte Mischung und es dauert nicht lange, bis ein Titel seine Aufmerksamkeit auf mich zieht. Es ist ein Thriller, den ich schon lange lesen wollte, nur nehme ich mir zu Hause selten die Zeit, mich in Ruhe mit einem Buch hinzusetzten, weil ich ständig andere Dinge tue, die mir in dem Moment wichtiger erscheinen. Ich ziehe das Buch aus dem Regal und gehe zu meinem Sessel zurück. Dort mache ich es mir bequem, schlage das Buch auf und fange an zu lesen.
Schon innerhalb des ersten Kapitels hat mich die Geschichte gepackt und ich fliege so schnell durch die Seiten, dass ich alles um mich herum einfach ausblende.
***
„Miss?“ Eine Stimme holt mich zurück in die Realität. Ich zucke zusammen und blicke vom Buch auf. Vor meinem Tisch steht eine kleine runde Frau mit schwarzem Dutt auf dem Kopf. Ein paar graue Strähnen zeichnen sich darin ab. Sie trägt die gleiche Schürze wie die Barista.
„Ja?“, frage ich leicht verzögert, weil ich in Gedanken immer noch zwischen den Seiten des Buches hänge.
„Es tut mir leid, Sie zu stören, aber wir schließen jetzt.“
„Schließen? Du meine Güte, wie spät ist es denn?“
Die Frau, laut ihrem Namensschild heißt sie Wanda, lächelt mich herzlich an. „Es ist gleich acht Uhr.“
Wann habe ich zuletzt so gut abgeschaltet? Zu Hause habe ich immer entweder eine Deadline oder andernfalls eine lange To-do-Liste, die dafür sorgt, dass ich mir zu wenig Zeit für mich nehme. Oder eine Idee lässt mir keine Ruhe, irgendwas ist immer. Ich versuche mir Declans Ratschlag zu Herzen zu nehmen und einfach mal Urlaub zu machen.
„Oh, natürlich, ich bin gleich weg. Ich würde nur gern das Kapitel zu Ende lesen, wenn das okay ist? Es ist gerade so gut.“
„Aber sicher. Das Café gehört mir, es ist schon in Ordnung einmal erst um fünf nach acht zu schließen“, erwidert sie lächelnd.
Da stutze ich. „Das Café gehört Ihnen?“ Ich deute auf ihr Namensschild. „Aber Sie heißen Wanda und das Café Cornelia’s. Müsste es dann nicht Wanda’s heißen?“ Gespannt sehe ich mein Gegenüber an. „Bitte entschuldigen Sie meine Neugierde. Berufskrankheit als Autorin“, sage ich und lächle entschuldigend, als mir bewusst wird, wie aufdringlich ich gerade geklungen haben muss.
Wanda winkt ab. „Schon in Ordnung, Herzchen. Dieser Ort war ein jahrelanger Traum von meiner besten Freundin Cornelia und mir. Schon in der High School wollten wir eines Tages unser eigenes Café eröffnen. Als wir dann diesen Laden gefunden haben und das auch noch in der Cornelia Street, da war alles ganz schnell geklärt. Alle guten Dinge sind drei, wissen Sie?“
„Ah, verstehe“, erwidere ich. „Gut. Ich beeile mich das Kapitel zu Ende zu lesen, dann können Sie Feierabend machen.
***
Etwas später, als ich mich im Apartment am Esstisch über eine Box mit gebratenen Nudeln beuge und meinen Tag Revue passieren lasse, stelle ich erneut fest, dass ich seit langer Zeit nicht mehr so einen entspannten Tag hatte. Ob das an der Atmosphäre des Cornelia’s lag? Das werde ich wohl herausfinden müssen.
Die zweite Nacht in der Stadt, die niemals schläft, ist schlechter als die erste. Ich lege mich zwar relativ früh hin, aber etwas hält mich wach und ich weiß nicht, was es ist. Kurz überlege ich, meine Eltern anzurufen, entscheide mich aber dagegen. Mum wird sich die Zeitverschiebung zwischen Brisbane und New York eingeprägt haben. Also würde sie sich nur wundern, weshalb ich noch wach bin, und dann macht sie sich bestimmt Gedanken. Es gibt keinen Grund dazu, aber so ist meine Mutter eben.
In den letzten Jahren hat es sehr stark zugenommen, dass sie sich ständig Sorgen um Dad und mich macht, solange wir nicht bei ihr auf dem Sofa sitzen, wo sie uns in Sicherheit weiß. Bildlich gesprochen natürlich. Das kann manchmal ganz schön nervig sein. Doch Dad und ich haben uns daran gewöhnt. Sie meint es ja nicht böse. Unsere Familiengeschichte ist eben … kompliziert.
Vermutlich ist der Grund für mein Wachsein sowieso nur der Jetlag. Soll ich aufstehen und irgendwas Produktives machen? Nein, dafür ist mein Kopf zu müde. Stattdessen drehe ich mich rastlos von einer Seite zur anderen. Das ist auch ohne Jetlag nicht ungewöhnlich. Schon seit mehreren Jahren leide ich immer mal wieder unter Schlaflosigkeit. Zwar habe ich Medikamente dagegen, aber die nehme ich nur im äußersten Notfall. Die Nebenwirkungen sind so heftig, dass der Tag danach noch schlimmer ist, als hätte ich die Nacht durchgemacht. Da ich mir für morgen endlich vorgenommen habe, mir ein bisschen die Stadt anzuschauen, kann ich es nicht gebrauchen, einen Tag wie im Nebel zu verbringen.
Ich greife nach meinem Handy und öffne die Meditationsapp, die ich schon seit Ewigkeiten benutze. Auf der Suche nach einer geführten Schlafmeditation scrolle ich durch die Liste, bis ich fündig werde.
Die tiefe sanfte Männerstimme sagt mir, dass ich mich auf meine Atmung konzentrieren soll, und das tue ich. Meine Atemzüge werden länger und ruhiger, bis ich schließlich einschlafe.
***
Nach dem Aufwachen starte ich ruhig und gemütlich in den Tag. Ich habe entschieden, zuerst frühstücken zu gehen. Da das Buch, was ich gestern im Cornelia’s angefangen habe zu lesen, mir nicht aus dem Kopf geht, nehme ich mir vor, wieder hinzugehen und weiterzulesen, heute allerdings ohne den ganzen Tag dort zu verbringen, denn ich möchte heute auch unbedingt zum Times Square. Aber der Mordfall in der Geschichte ist so spannend, dass ich wissen muss, wie es weitergeht.
Auf dem Weg nach draußen bleibe ich vor dem großen Spiegel an der Garderobe stehen und betrachte mich nachdenklich. Die schwarzen Haare, die glatt bis zur Mitte meines Rückens gehen, habe ich zu einem Dutt zusammengefasst, aus dem einige Strähnen mein Gesicht rahmen. Meine grünen Augen strahlen freundlich, die leichten Ringe die sich darunter abzeichnen, habe ich geschickt mit Concealer abgedeckt. Dieser ist, zusammen mit meinem knallroten Lippenstift, das einzige Make-up, das ich verwende. Ohne gehe ich kaum aus dem Haus.
Ich trage eine schwarze enge Jeans, meine neuen Stiefel und einen grauen Pullover. Sieht gut aus, finde ich. Ich lächle meinem Spiegelbild kurz zu, werfe mir den Mantel über und mache mich auf den Weg.
***
So voll wie heute habe ich das Cornelia’s bisher noch nicht erlebt. Die Schlange an der Theke reicht beinahe bis zur Eingangstür. Ich reihe mich hinter dem letzten wartenden Kunden ein und lasse meinen Blick durch den Raum schweifen, während ich darauf warte, meine Bestellung aufgeben zu dürfen. Im unteren Teil des Cafés sind wieder fast alle Plätze belegt und auf der Empore sieht es, soweit ich es erkennen kann, auch nicht besser aus. Relativ weit hinten scheinen noch ein paar einzelne freie Plätze zu sein. Hoffentlich kann ich einen davon ergattern.
Wanda, die hinter der Theke steht, entdeckt mich und winkt mir fröhlich zu. Ich winke lächelnd zurück. Die Besitzerin des Cafés hat eine unglaublich nette und mütterliche Art an sich. Ich mag sie jetzt schon. Dabei haben wir uns nur ein einziges Mal kurz miteinander unterhalten. Verrückt. Meist brauche ich eine Weile, um mit fremden Menschen warm zu werden. Erst recht, wenn ich, so wie jetzt, nicht in meiner vertrauten Umgebung bin, sondern am anderen Ende der Welt. Interessiert recke ich den Hals, um die Gebäckauslage zu begutachten, und überlege, was ich zum Frühstück essen will. In dem Moment höre ich hinter mir die Glocke über der Tür läuten.
Plötzlich werde ich von hinten angerempelt und verliere das Gleichgewicht. Ich kann mich gerade noch mit der Hand an der Theke abfangen, um nicht meinen Vordermann zu Boden zu reißen.
„Ach du Schreck! Entschuldigung!“, höre ich eine Frauenstimme hinter mir rufen. „Ich bin spät dran und habe nicht aufgepasst!“
Ich drehe mich zu der Stimme um und sehe, dass sie zu der Barista gehört, die mich bei meinen beiden Besuchen hier bedient hat. Ich glaube, ihr Name ist Lily. Sie trägt Strumpfhosen und ein Kleid, welches unter einem schwarzen Mantel hervorschaut. Ihre Wangen sind gerötet und Strähnen ihrer blonden Haare haben sich auf dem Zopf gelöst. Sie sieht aus, als wäre sie gerannt.
„Sorry, Wanda!“, ruft sie in Richtung ihrer Chefin. „Ich habe die halbe Nacht über den Büchern gesessen und den Wecker nicht gehört. Es tut mir leid.“
Wanda wirft ihr dasselbe mütterliche Lächeln zu wie mir vor wenigen Minuten. „Alles in Ordnung. Mach dir keinen Stress, ich habe alles unter Kontrolle. Komm erst mal in Ruhe an.“
„Geht es Ihnen gut?“, fragt Lily.
Ich brauche eine Sekunde, um zu registrieren, dass ich gemeint bin. Lily schaut mich aus ihren blauen Augen besorgt an.
Ich winke ab und lächle freundlich. „Sicher, alles klar. Ist doch nichts passiert.“
Sie stößt erleichtert die Luft zwischen den Zähnen hervor. „Zum Glück. Das war wirklich keine Absicht. Entschuldigung noch mal.“
Damit verschwindet sie durch eine Tür hinter der Theke.
***
In dem Moment, als der Kunde vor mir das Café verlässt und ich an die Theke trete, um zu bestellen, kommt Lily zurück in den Raum. Sie hat den Mantel gegen die bordeauxrote Schürze getauscht, die alle Mitarbeiter des Cafés tragen, und ihre Haare sind zu einem neuen ordentlichen Zopf gebunden.
Mit einem Lächeln nimmt sie meine Bestellung auf: Latte macchiato und einen Bagel. Ich bezahle und nehme Tasse und Teller, um mir einen Platz zu suchen.
Bevor ich mich von der Theke abwenden kann, richtet Lily das Wort an mich: „Ich weiß, ich wiederhole mich, aber der Zusammenstoß eben tut mir wirklich leid! Ich werde das nächste Mal besser aufpassen, wo ich hingehe. Ganz bestimmt.“ Ein entschuldigendes Lächeln liegt auf ihren Lippen, doch der besorgte Ausdruck ist immer noch in ihren Augen zu erkennen.
„Ach, es ist doch nichts passiert“, sage ich. „Ich bin nicht zu Boden gegangen, also geht es mir gut. Außerdem stand ich sowieso viel zu nah an der Tür. Wirklich. Machen Sie sich deshalb nicht verrückt.“
Ich drehe mich um und gehe in den hinteren Bereich, wo zu meinem Glück immer noch zwei freie Sessel sind. Dort stelle ich die Tasse und den Teller ab, ehe ich auf die Empore steige und das Buch von gestern aus dem Bücherregal ziehe. Dabei lächle ich über die eben erhaltene Entschuldigung. Süß. Die meisten Menschen hätten sich vermutlich gar nicht entschuldigt oder zumindest nicht mehr als einmal.
Meinen Handywecker stelle ich auf zwölf Uhr. So kann ich ein paar Stunden lesen und das Buch vielleicht sogar beenden und mir dann nach dem Mittagessen endlich etwas von New York anschauen. Unglaublich. Ich bin schon drei Tage hier und habe noch so gut wie gar nichts gesehen.
Heute kann ich mich nicht so gut auf das Buch konzentrieren wie gestern. Stattdessen ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich mich im Café umsehe und die unterschiedlichen Gäste beobachte. Mir Geschichten über sie ausdenke, ohne sie wirklich zu kennen. Einmal durchkreuzt Lily mein Blickfeld. Meine Augen ruhen auf ihr und ich frage mich: Was ist wohl ihre Geschichte?
Ich wende mich wieder dem Buch zu und als mein Handy mich später zurück in die Realität holt, bin ich gerade beim letzten Kapitel angelangt. Ich beende das Buch und stelle es wieder ins Regal. Dann mache ich mich endlich auf den Weg zum Times Square.
***
Ich habe es geschafft. Ich stehe am berühmt berüchtigten Times Square und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es ist bunt, voll, laut und völlig anders als das, was man aus dem Fernsehen kennt. Doch ich bin restlos begeistert. Neugierig betrachte ich die schrille neonfarbene Reklame auf den Bildschirmen, dann lasse ich meinen Blick über die Menschen schweifen. Ich persönlich finde, nichts stachelt die Kreativität so sehr an, wie neue Orte zu besuchen oder fremden Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich an diesen Orten verhalten. Hier lässt sich zum Beispiel gut erkennen, wer Tourist und wer Einheimischer ist. Die Einheimischen bekommen vermutlich eine Nackenstarre, weil sie auf ihre Handydisplays schauen. Außerdem hetzen sie gestresst durch die Menge. Die Touristen werden ebenfalls bald reihenweise steife Nacken haben. Jedoch vielmehr davon, dass sie mit hocherhobenen Köpfen die Reklamen und Gebäude und alles andere, was um sie herum geschieht, in sich aufsaugen.
Ich weiche einer Frau aus, die so beschäftigt damit ist, das perfekte Foto von ihrer Familie zu machen, dass sie mich dabei fast umrennt. An einem Punkt auf dieser Reise werde ich bestimmt noch Bekanntschaft mit dem Fußboden machen, sagt mir mein Gefühl.
Für einen Moment bin ich auch ganz die typische Touristin und mache mit meinem Handy ein paar Fotos. Wenn ich ohne jegliche Erinnerungen nach Hause komme, verzeihen meine Eltern und Avery mir das sicher nicht und ich mir selbst ebenfalls nicht.
Der Time Square geht fast nahtlos in den Broadway über. Vielleicht habe ich sogar die Möglichkeit, mir eine Show anzusehen, solange ich hier bin. Das wäre toll! Doch ich vermute, dass die Vorstellungen lange im Voraus ausverkauft sind. Ich nehme mir vor, das später zu recherchieren.
Aber als ich die ersten Schritte in die entgegengesetzte Richtung mache, um mich weiter umzusehen, trifft mich plötzlich ein Geistesblitz für eine neue Geschichte. Jetzt muss ich mich beeilen, damit ich ihn nicht so schnell, wie er gekommen ist, gleich wieder vergesse. Von der Kreativität befeuert mache ich mich auf den Weg zur U-Bahn, während ich in den Taschen meines Mantels nach meinem Handy fische. Als ich es gefunden habe, öffne ich mein Diktierprogramm. Ich bin so unter Strom von dieser Idee, dass meine Finger zittern. Drei Anläufe brauche ich, um die Aufnahme zu starten. Die Worte fallen aus meinem Mund, sodass ich mich zwingen muss, langsam zu sprechen, um mich nicht zu verhaspeln. Schließlich will ich später verstehen, was ich da gerade aufnehme.
In der U-Bahn trommle ich mit den Fingern unaufhörlich gegen die silberne Haltestange. Noch drei Stationen, bis ich aussteigen muss. Endlich erreichen wir meine Haltestelle und ich drängle mich ungeduldig an den Menschen vorbei, die in die Bahn einsteigen wollen. Da das Cornelia’s näher ist als mein Apartmentkomplex und ich so schnell wie möglich damit loslegen will, die Idee aufzuschreiben, steuere ich den Ort an, von dem ich erst vor Kurzem weggegangen bin. Fast renne ich. Gott sei Dank liegt kein Schnee. Einen Sturz könnte ich jetzt überhaupt nicht gebrauchen.
Im Cornelia’s angekommen, lasse ich mich an den ersten freien Tisch sinken, ziehe den Mantel aus und hole mein Notizbuch, das ich zum Glück immer dabeihabe, heraus. Ich verbinde meine Kopfhörer mit dem Handy, um mir meine Aufnahme anzuhören und die Gedanken ins Buch zu übertragen. Wie üblich klingt meine eigene Stimme seltsam in meinen Ohren. Durch die Kopfhörer bin ich komplett von meiner Außenwelt abgeschottet, deshalb zucke ich erschrocken zusammen, als ich eine Hand auf meiner Schulter spüre. Ich nehme die Kopfhörer raus und schaue auf. Lily steht vor mir.
„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken. Ich wollte nur fragen, ob du einen Kaffee möchtest. Du kamst einfach reingestürmt und hast gleich angefangen, zu schreiben.“ Sie deutet in Richtung Theke.
„Sorry, ja das stimmt. Ich hätte gern einen Latte macchiato.“
„Kommt sofort. Bezahlen kannst du später. Und noch mal sorry für die Störung.“
„Kein Problem, danke.“
Kurz darauf steht ein perfekter Latte macchiato vor meiner Nase.
Vielleicht ist es Einbildung, aber ich habe das Gefühl, damit noch konzentrierter arbeiten zu können. Nach einer Weile merke ich, dass sowohl meine Finger als auch mein Nacken steif werden. Also klappe ich das Notizbuch zu und strecke mich. Ich kippe den letzten Rest des Kaffees in mich hinein, der mittlerweile kalt ist. Dann packe ich mein Notizbuch ein und gehe zur Theke, um bei Lily meinen Kaffee zu bezahlen.
„Ihr sorgt so gut für mich“, sage ich mit einem scherzhaften Unterton in der Stimme und bringe sie damit zum Lachen. „Nein, aber mal ehrlich: Danke. Euer Kaffee ist absolut fantastisch!“
„Das freut mich, zu hören.“
„Lily, du hast seit zehn Minuten Feierabend.“ Wanda ist an ihre Mitarbeiterin herangetreten. „Los, sieh zu, dass du nach Hause kommst, ich kassiere hier ab.“
Ihr Tonfall ist bestimmend, obwohl in ihren Augen die mir mittlerweile bekannte Mütterlichkeit liegt.
„Also gut, ich gehe.“ Als Lily das sagt, lächelt sie allerdings, deshalb denke ich nicht, dass sie ihrer Chefin böse ist.
„Bis dann“, sagt sie an mich gewandt und verschwindet im Hinterzimmer, wahrscheinlich, um ihre Sachen zu holen.
Wanda nennt mir den Preis für meinen Latte macchiato und ich bezahle. „Danke, Wanda. Bis zum nächsten Mal.“
„Immer gern. Bis bald.“ Sie lächelt und ich verabschiede mich mit einem Winken.
Als ich aus der Tür ins Freie trete, sehe ich Lily in Richtung Ausgang kommen, also halte ich ihr kurzerhand die Tür auf. Sie huscht hindurch und schenkt mir erneut eins dieser tollen Lächeln, bei dem alles an ihr mitzulächelnd scheint, von den Grübchen bis zu den blauen Augen.
„Danke schön.“
„Gern. Das ist das Mindeste, wenn ihr mich schon regelmäßig mit meinem Lebenselixier versorgt.“
Lily lacht und das Geräusch ist so glockenhell, dass es mir eine Gänsehaut beschert. Jedoch eine von der positiven Sorte. Ich mag das Geräusch.
„Du hast auf jeden Fall ausgesehen, als hättest du den Kaffee sehr nötig gehabt.“
„War auch so“, antworte ich. „Ich bin wirklich gern hier. Euer Kaffee ist toll, die Atmosphäre gefällt mir und die Leute ebenfalls.“
Wieder lächelt sie. „Ich freue mich auch, wenn ich dich hier sehe. Du gehörst zu den freundlichen Gästen. Es gibt auch andere.“
„Ich bemühe mich.“
„Oh, glaub mir, das gelingt dir.“
Ich lächle zurück und mustere sie.
Sie will noch etwas sagen, als mein Magen plötzlich so laut knurrt, dass Lily die Augenbraue hebt.
„Hunger?“
„Ich habe seit Stunden nichts gegessen. Das ist mein Zeichen, dass ich langsam lossollte.“
„Dann halte ich dich nicht länger auf. Hab noch einen schönen Abend.“
„Du auch, danke.“
Ich winke ihr zum Abschied zu und mache mich auf den Weg zum Apartment, nicht ohne mir vorher bei einem Imbiss was zu essen zu holen. Langsam sollte ich mal darüber nachdenken, mich mit Lebensmitteln einzudecken und selbst zu kochen.
***
Im Apartment angekommen, hänge ich meinen Mantel auf und hole meinen Laptop. Nach dem Essen starte ich den Laptop und klappe mein Notizbuch auf. Ich öffne ein neues Dokument und beginne, meine losen Gedanken vom Papier auf den Bildschirm zu übertragen und sie dabei zu einer Geschichte zu verweben.
Bis spät in die Nacht sitze ich am Esstisch und schreibe so viel wie schon lange nicht mehr. Nachdem es in den letzten Wochen eher ums Überarbeiten meines letzten Projektes sowie um organisatorische Sachen meines Autorinnenlebens ging, blieb die Ruhe und Energie zum Schreiben ein wenig auf der Strecke. Aber jetzt merke ich nicht einmal mehr, wie die Zeit verfliegt.
Erst als mein Magen so laut knurrt wie ein Hund, der sein Revier verteidigen muss, lege ich eine Pause ein. Seltsam, ich habe doch eben erst gegessen. Ein Blick auf die Uhr sagt mir allerdings, dass das Stunden her ist. Leider ist das einzig Essbare, was ich bei mir habe, ein zerdrückter Schokoriegel, den ich in meiner Handtasche finde. Besser als nichts. Ich wickle das silberne Papier ab und beiße hinein. Da ich den ganzen Tag so gut wie nichts gegessen habe, ist dieser einfache Schokoriegel so ziemlich das Himmlischste, was ich in letzter Zeit gegessen habe.
Für heute entscheide ich, es gut sein zu lassen, und mich hinzulegen. Den Feierabend habe ich mir mehr als verdient. Gerade als ich die Datei gespeichert und eine Sicherheitskopie gemacht habe, bekomme ich einen Videoanruf über Skype. Ich klicke auf Annehmen und das Gesicht meiner besten Freundin erscheint auf dem Bildschirm.
Avery scheint überrascht, dass ich rangegangen bin. „Wow, warum in aller Welt bist du bitte wach?“, fragt sie.
Ich lache. „Hast du mich angerufen, weil du nicht mit mir sprechen wolltest?“
„Nein. Die Zeitverschiebung ist mir erst wieder eingefallen, als ich den Anruf schon gestartet hatte. Aber wenn du wach bist, umso besser. Du fehlst mir.“
„Du mir auch.“
„Jetzt mal ernsthaft, warum bist du um diese Uhrzeit wach?“ Avery runzelt die Stirn.
„Weil ich eine Idee für ein neues Buch hatte und daran bis eben gearbeitet habe. Ich wollte gerade ins Bett gehen.“
„Oh! Dann halte ich dich nicht weiter auf. Schlaf gut. Wir reden ein anderes Mal, okay?“
Ich schüttle den Kopf. „Weißt du was? Ich bin noch gar nicht so richtig müde. Lass uns quatschen! Warte eine Sekunde.“
Ich nehme den Laptop und krieche mit dem Gerät ins Bett. Nachdem ich es mir bequem gemacht habe, sage ich: „Okay, schieß los.“
„Wie ist New York?“
Ich schweige einen Moment. „Das, was ich bisher gesehen habe, ist schön.“
„Was soll das heißen?“ Avery runzelt die Stirn.
„Ich habe mir bisher kaum was angesehen.“ Ich seufze. „Ich war am Times Square, aber das war es auch schon.“
„Wie jetzt? Was hast du sonst gemacht?“
„Gelesen?“ Meine Stimme geht am Ende des Satzes eine Oktave höher, sodass es eher wie eine Frage klingt als eine Antwort.
„Du … was? Sam, du bist in einer der größten Städte der Welt und … hast nichts Besseres zu tun, als zu lesen?“ Avery mustert mich gleichermaßen schockiert und verwirrt.
„Ich weiß es doch auch nicht. Eigentlich wollte ich nur eine Pause machen, dann ist mir ein Buch in die Hände gefallen und das war so spannend, dass ich keine andere Wahl hatte, als es durchzulesen.“ Ich seufze erneut. „Dann war ich am Times Square und dort hat mich eine Idee für eine neue Story überfallen, weshalb ich ins Apartment gefahren bin, um zu schreiben.“
Avery schüttelt den Kopf. „Du bist seltsam.“
Ich lache auf. „Ich weiß, deshalb bist du meine beste Freundin, weil du genauso seltsam bist.“
Das bringt sie zum Schmunzeln. „Korrekt. Aber bitte versprich mir, dich jetzt nicht komplett in der neuen Geschichte zu verlieren, ja? Sieh dir die Stadt an, Sam. Verdammt, es ist New York City, Baby.“
Ich schüttle grinsend den Kopf über ihre Ausdrucksweise. „Versprochen.“
***
Als Avery und ich schließlich auflegen, geht die Sonne gerade auf. Jetzt bin ich hundemüde. Ich verdunkle die Fensterfront und krieche wieder ins Bett.
Gegen Mittag habe ich mehr oder weniger ausgeschlafen. Ich seufze. So besiege ich diesen Jetlag niemals. So langsam muss ich versuchen, meinen Schlafrhythmus unter Kontrolle zu kriegen. Jetzt brauche ich als Erstes was Richtiges zu essen.
Ich mache mich frisch, ziehe Stiefel und Mantel an und verlasse das Apartment. Weil ich nicht genau weiß, worauf ich Hunger habe, schaue ich im Handy nach, wie ich am schnellsten zum Empire State Building komme, und nehme mir vor, auf dem Weg dorthin etwas zu essen zu kaufen. So weit entfernt ist mein Ziel gar nicht und weil das Wetter herrlich ist, laufe ich lieber, anstatt mich in eine möglicherweise überfüllte Bahn zu quetschen.
Mein Spaziergang dauert etwa eine halbe Stunde und ich komme aus dem Staunen gar nicht heraus. Averys Worte aus der Nacht zuvor fallen mir ein und jetzt frage ich mich selbst, warum ich bisher noch nichts von dieser Stadt angesehen habe. Die Eindrücke sind der absolute Wahnsinn. Irgendwann komme ich an einem Hot-Dog-Stand vorbei, wo ich mir kurzerhand zwei Hot-Dogs kaufe, die ich im Laufen esse. Da komme ich mir fast schon wie eine New-Yorkerin vor.
Dann stehe ich vor einem der imposantesten Gebäuden der Welt. Dem Empire State Building. Mir bleibt fast der Mund offen stehen, so beeindruckt bin ich. Schnell ist mir klar: Da will ich rauf. Leider ist die Schlange echt lang. Ich schaue im Internet nach, wie ich am besten ein Ticket buchen kann und habe Glück, dass ich noch für heute Nachmittag eins kaufen kann. Ich bezahle das Ticket direkt über die Website und schaue nach, wie ich mir die Zeit bis zum Einlass vertreiben kann. Kurzerhand beschließe ich, zum Madison Square Park zu gehen.
Im Frühling und Sommer, wenn hier alles grün ist, stelle ich es mir noch schöner vor als jetzt im November. Da die Sonne aber scheint, sind einige Menschen hier. Ich wandere ein wenig umher und lasse mich dann auf eine Bank sinken, um die Eindrücke zu verarbeiten. Außerdem schicke ich ein paar Fotos an Avery und meine Eltern.
Mit geschlossenen Augen halte ich mein Gesicht in die Sonne und genieße die Ruhe. So ein Fleckchen Erde mitten in der Großstadt, faszinierend.
Als es fast Zeit für meine Besichtigung des Empire State Building ist, mache ich mich auf den Rückweg. Am Eingang zeige ich das Ticket auf meinem Handy vor und steige dann in einen der, wie ich dank des Internets gelernt habe, dreiundsiebzig Aufzüge. Oben angekommen wird mir der Atem geraubt.
Das ist es. Das hier ist New York. Ich bin sprachlos und weiß gar nicht, wo ich zuerst hinsehen soll. Ich befinde mich im 86. Stock hoch über der Stadt. Diesen Ausblick kann ich gar nicht in Worte fassen. Da es hier oben echt windig ist, ziehe ich mir den Mantel enger um die Schultern und genieße stumm die Sicht. Natürlich nicht ohne ein paar Fotos und Videos als Erinnerung zu machen, auch wenn die Kamera der Realität absolut nicht gerecht wird.
Als es Zeit ist, die Plattform zu verlassen, werfe ich einen letzten Blick auf die Skyline von New York. Mir wurde oft gesagt, dass man New York entweder liebt oder hasst. Jetzt glaube ich, dass ich zu der Sorte Mensch gehören könnte, die diese Stadt liebt.
Unten angekommen beschließe ich, dass ich die ganzen Eindrücke erst einmal verarbeiten muss und spaziere gemütlich zum Apartment zurück. Unterwegs kaufe ich mir noch eine Pizza und eine große Flasche Cola zum Abendessen.
Zurück im Apartment tausche ich als Erstes die Jeans gegen meine Pyjamahose und mache es mir zum Essen auf dem Sofa bequem. Dazu starte ich auf Netflix eine Folge Gilmore Girls. Das eignet sich gut als Hintergrundbeschallung beim Essen, denn ich habe die Folgen alle schon so oft gesehen, dass es nicht schlimm ist, wenn ich mal nicht aufpasse. Ich weiß noch, wie Avery und ich damals, als die Serie im australischen Fernsehen wiederholt wurde, jede Folge gemeinsam geschaut haben. Nach Stars Hollow zu gehen, ist wie nach Hause zu kommen.
***
Aus der geplanten Folge zum Essen werden im Handumdrehen drei.
Obwohl es schon spät ist, packt mich die Lust, an meiner Idee von gestern weiterzuarbeiten. Darum schalte ich den Fernseher aus, stehe auf und strecke mich. Kurz denke ich darüber nach, Declan von meiner neuen Idee in Kenntnis zu setzen, entscheide dann aber, dass ich erst einmal schauen möchte, wohin mich die Idee führt.
Also schließe ich den Laptop ans Ladekabel an und öffne mein Dokument. Ich lese mir die Sachen durch, die ich gestern geschrieben habe, um in den Fluss der Geschichte einzutauchen. Aber vorher stelle ich mir meinen Wecker. Wenn ich wieder die ganze Nacht wach bin, ruiniere ich mir meinen Schlafrhythmus nur noch mehr.
Ich mag es nicht besonders, Anfänge zu schreiben, deshalb läuft es etwas schleppend. Aber ich bleibe dran und verändere einige Sachen an den Charakteren und am Plot.
Mein Handy piept und erinnert mich so an den zeitigen Feierabend. In einem Zug leere ich das letzte Glas Cola und gehe mir dann die Zähne putzen. Kein Wunder, dass ich nach zwei Litern Cola das Gefühl habe, in meinem Mund türmen sich Zuckerberge.
***
Kaffee, ist am nächsten Morgen mein erster Gedanke. Nachdem mir der Ausflug zum Empire State Building gestern so gut gefallen hat, will ich heute definitiv wieder raus und unter Menschen. Wo lässt sich das alles besser vereinen, als an dem Ort, den man schon jetzt fast als mein Stammcafé bezeichnen könnte? Mal schauen, was ich danach so mit dem Tag anstelle.
Auf dem Weg zum Café kommt mir die Stadt irgendwie anders vor. Ich kann nicht mal sagen, was genau anders ist. Oder bilde ich mir das nur ein? Ich habe das Gefühl, es sind noch mehr Menschen unterwegs als sonst. Alles kommt mir viel unruhiger und lauter vor.
Als ich am Cornelia’s ankomme, bestätigt sich mein Gefühl, denn die Tür ist fest verschlossen. Stattdessen klebt ein Schild daran, auf dem steht: Wegen Feiertag geschlossen. Happy Thanksgiving!
O Mist! Thanksgiving. Daran habe ich ja überhaupt nicht mehr gedacht. Na toll. So viel zum Thema Kaffee und Frühstück in meinem Lieblingscafé der Stadt. Nicht, dass ich erst in zwei Cafés gewesen bin.
Einen Moment überlege ich, was ich stattdessen heute machen könnte. Ich könnte mir die Thanksgiving Parade anschauen, aber da schrecken mich dann doch die Menschenmengen ab. Stattdessen suche ich mir einen der wenigen offenen Supermärkte, kaufe mir ein bisschen was zu essen und spaziere dann ganz gemütlich zum Central Park. Zuallererst suche ich mir eine freie Bank und Frühstücke. Supermarktkaffee ist jetzt nicht gerade das Beste, das es gibt, aber irgendwie bekomme ich ihn schon runter. Der Bagel ist weniger schlimm, auch wenn er kein Vergleich zu dem im Cornelia’s ist. Der hier ist eher trocken, Aber es geht schon.
Nachdem ich mein Frühstück beendet habe, erkunde ich den Central Park, als ich sehe, dass man sich hier auch Fahrräder ausleihen kann. Das mache ich und kurz darauf radle ich grinsend durch den Park. Der kalte Wind streift mein Gesicht, aber das könnte mir nicht weniger ausmachen. Heute ist es nicht so sonnig wie gestern, auch das stört mich kaum. Es gibt so viel zu sehen. Als ich an der Statue von Alice im Wunderland vorbeikomme, steige ich ab, um Fotos zu machen. Der Park ist so gigantisch, dass ich wahrscheinlich meine komplette Zeit in New York nur hier verbringen müsste, um alles zu sehen. Aber ich nehme mir vor, wiederzukommen.
Nachdem ich das Fahrrad wieder abgegeben habe, überlege ich, ob ich einen Ausflug zu Ellis Island mache, aber da es nach Regen aussieht, vertage ich das auf einen anderen Tag. Stattdessen fällt mir noch etwas anderes ein. Schnell suche ich im Internet eine Adresse raus und laufe zur nächsten U-Bahn Haltestelle. Ich fahre acht Haltestellen, ehe ich aussteige. Dann lasse ich mich vom Handy zu meinem Ziel navigieren. In der Bedford Street angekommen vergewissere ich mich mit einem weiteren Blick auf mein Handydisplay, dass ich richtig bin. Dann mache ich Fotos von dem Gebäude. Und ein paar Selfies von mir, mit dem Gebäude im Hintergrund. Die Fassade des Hauses ist in der Serie friends zu sehen, als das Haus, in dem die Charaktere leben. Ich selbst habe nur wenige Folgen geschaut, aber sie zählt zu Averys absoluten Lieblingsserien, deshalb bin ich sicher, dass sie sich über die Fotos sehr freuen wird.
Als ich an sie denke, spüre ich einen leichten Stich im Herzen. Ich wünschte, sie wäre hier. Ich wünschte, ich müsste das alles nicht allein erleben. Ein Anflug von Wehmut erfasst mich. Die meisten Menschen sind heute zu Hause bei ihren Familien und ich kenne hier in der Stadt niemanden. Wie auch, nach gerade mal ein paar Tagen?
Energisch schüttle ich den Kopf. Nein, ich werde jetzt nicht in negative Gedanken abdriften. Lieber organisiere ich mir was zum Mittagessen und schaue dann weiter. Nachdem ich über das Internet einen chinesischen Imbiss ausfindig gemacht habe, laufe ich durch die Straßen.
Plötzlich tanzen weiße Flocken vor meinen Augen und verkünden Schnee. Auch das noch! Ich fange an, zu zittern, aber nicht vor Kälte. Ich muss ins Apartment. Jetzt erst recht. Meine Hände kribbeln und ich schließe die Augen. Viermal atme ich tief ein und aus. Ich hasse Schnee. Mir war klar, dass es wahrscheinlich irgendwann schneien wird, aber jetzt, wo es so weit ist, wünsche ich mich einfach nur nach Hause. Ins warme Australien, wo, zumindest in unserer Gegend, niemals eine Schneeflocke zu sehen ist. So schnell es geht, ohne zu rennen, gehe ich zurück ins Apartment, dabei versuche ich, die Flocken zu ignorieren, die um mich herumwirbeln.
Im Apartment angekommen schließe ich zuerst die Vorhänge, um das Elend, das sich Winter nennt, nicht mit ansehen zu müssen. Dann fällt mein Blick auf meine Laptoptasche. Eigentlich dachte ich, ich könnte heute noch ein wenig schreiben. Aber mein Puls und mein Kopf haben sich immer noch nicht beruhigt, also entscheide ich mich dagegen. Heute ist schließlich ein Feiertag, oder? Also gönne ich mir einen freien Tag von der neuen Geschichte.
Netflix, Ente süß-sauer und mein Bett sind also den Rest des Tages meine besten Freunde. Vollgas geben kann ich morgen auch noch.
Dass ich gestern nicht mehr geschrieben, sondern stattdessen auf meinen Körper gehört habe, ist genau das Richtige gewesen, denn am nächsten Tag stehe ich hochmotiviert vor dem Cornelia’s. Bereit, mich in die Arbeit an der neuen Idee zu stürzen. So viel dazu, dass ich die Reise als Urlaub ansehen soll. Aber wenn mich die Muse küsst, habe ich keine andere Wahl. Wenn ich den Vormittag über schreibe, kann ich am Nachmittag immerhin wieder ein bisschen Sightseeing machen.
Der Schnee ist zum Glück über Nacht geschmolzen. Trotzdem vermisse ich den Sommer zu Hause in Australien.
Im Café ist es angenehm leer, wahrscheinlich sind die meisten Besucher noch dem gestrigen Fresskoma erlegen. Ich stelle meine Tasche an einem der größeren Tische in der Mitte des Raumes ab. So habe ich nicht nur genug Platz, um meine Notizen auszubreiten, sondern auch eine gute Sicht auf die Eingangstür.
Als ich an die Theke gehe, um meinen Kaffee zu bestellen, werde ich bereits von Weitem angelächelt.
„Guten Morgen! Das Übliche?“, fragt Lily.
Ich stutze. „Ich habe schon ein Übliches?“
„Ein großer Latte macchiato und einen Bagel mit Frischkäse und Schnittlauch.“
„Wow. Du bist gut.“ Ich bin sichtlich beeindruckt.
„Danke, ich weiß.“ Sie zwinkert mir zu.
