Liebe. Tod. Münsterland! - Ralf-Erik Thormann - E-Book

Liebe. Tod. Münsterland! E-Book

Ralf-Erik Thormann

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Beschreibung

Kommissar Dablinski muss in dem münsterländischen Dorf Ascheberg einen unbequemen Fall übernehmen. Der Gutsbesitzer Große-Schnattgen vertreibt umliegende Bauern, um sich ihr Land anzueignen. Seine Ermordung lässt die Geschehnisse enden, zieht aber Anschläge auf Dablinski nach sich. Münsters erfolgreichster Ermittler steckt bald in einem Sumpf aus Intrigen und Korruption fest. Immer neue Verdächtige tauchen auf. Sie alle scheinen mit dem Toten seit Jahrzehnten durch ein altes Geheimnis verbunden zu sein. Auch untereinander existieren Beziehungen, von denen sie selbst nichts ahnen. Dablinskis tragische Vergangenheit wird immer mehr zum Zentrum der Gegenwart. Von unbekannten Feinden umgeben, kämpft er nicht nur mit der Lösung des Falls, sondern auch um sein Leben und die berufliche Existenz. Dabei wird die große Liebe seines Lebens immer mehr zum Zünglein an der Waage …

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Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ralf-Erik Thormann

Liebe. Tod. Münsterland!

Roman

© 2025 Ralf-Erik Thormann

Coverbild: Ralf-Erik Thormann

Umschlag & Satz: Erik Kinting – www.buchlektorat.net

Softcover

978-3-384-72963-7

Hardcover

978-3-384-72964-4

E-Book

978-3-384-72965-1

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig.

Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Liebe. Tod. Münsterland!

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Kapitel 1

Kapitel 5

Liebe. Tod. Münsterland!

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Kapitel 1

Heinrich Große-Schnattgen zuckte nicht einmal. Er hatte weder das zerbrechende Fensterglas noch die in seinen Schädel eindringende Kugel bemerkt. Das Geschoss bahnte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit einen Weg durch die Hirnmasse. Dann trat es aus und blieb in der rückwärtigen Wand stecken. Der Gutsbesitzer brach zusammen. Fast geräuschlos rutschte der leblose Körper vom Schreibtisch zur Seite weg. Dabei riss er eine Karaffe herunter, die unmittelbar neben ihm stand. Das geliebte Erbstück nahm den Weg seines Besitzers. Der schlug längs auf dem uralten Parkettboden auf. Einen Augenaufschlag später folgte das Bleikristall. Es zerbarst mit einem ebenso hässlichen wie lauten Geräusch.

Schier unendliche Momente vergingen, doch niemand eilte heran.

Große-Schnattgen und der Tod blieben allein.

Jenseits des Raumes wischte eine Putzfrau mittleren Alters den davorliegenden Flur. Jede Handbewegung wirkte routiniert. Absolut ruhig, fast entspannt, verrichtete sie ihre Arbeit. Vielleicht absorbierte die Umgebung diese einzelne Person auch deswegen regelrecht.

Bei dem Geräusch zerbrechenden Glases horchte die Angestellte auf. Anstatt nervös zu werden, lief sie langsam zum Arbeitszimmer des Gutsbesitzers. Mit fließenden Bewegungen glitt die Frau hinein. Unmittelbar nach dem Schließen der Tür war die bisher gezeigte Ruhe verschwunden.

Große-Schnattgen lag nicht weit entfernt. Sein Anblick schien jegliche innere Beherrschung bei ihr zu vernichten. Mit den Gedanken an die bevorstehende Aufgabe kehrte ein wenig Disziplin zurück.

Vorwärts! Es durfte kein Fehler passieren!

Trotz allen Widerstrebens machte sich die Putzfrau daran, ihr Vorhaben umzusetzen.

Ingo Dablinski lief die Treppe zur ersten Etage hoch und konnte ein übles Aufstoßen kaum unterdrücken. Wieder einmal spielte sein Magen eine eigene Musik, die in Disharmonie zum restlichen Orchester arbeitete. Der Kommissar vermochte nicht einzuordnen, ob sie dem übermäßigen Alkoholkonsum des Vorabends oder dem billigen Mittagessen geschuldet war, das er vor kurz zuvor hinuntergeschlungen hatte. Eigentlich nebensächlich, denn fast täglich kam diese Überlegung auf.

Wichtiger war die Frage, wie sich der unsympathische Große-Schnattgen bei dem bevorstehenden Treffen verhielte. Für Unterredungen normalen Niveaus gab es genügend Kollegen nachgeordneter Dienstränge, das wusste der Widerling genau. Wenn nun aber ein Kriminalkommissar dringend zu einem Gespräch mit unbekanntem Inhalt gebeten wurde, stand etwas Bedeutenderes an. Wahrscheinlich hatte der Gutsbesitzer Kenntnis erhalten von den Ermittlungen gegen ihn. Es ging um die unnormal schnelle Ausdehnung der Grenzen seiner Ländereien, außerdem um Nachbarn, die ihr Land zu einem Schleuderpreis an ihn verkauften. Sie warteten nicht einmal die Auszahlung des Kaufpreises ab, sondern zogen angsterfüllt weg, zu keinem offenen Wort bereit.

Es war zu einer derartigen Häufung in der vergangenen Zeit gekommen, dass die Polizei des Dorfes übergeordnete Instanzen eingeschaltet hatte. Sie gab die Angelegenheit an das Präsidium Münster ab, um jeglichen Eindruck von Vetternwirtschaft zu vermeiden. Dieses wiederum hatte ihn, Dablinski, mit den Untersuchungen betraut.

Er wurde ausschließlich für schwierige Fälle eingesetzt. Waren Unabhängigkeit von eingeschworenen Kommissariaten, Schnelligkeit oder besondere Diskretion gefragt, rief man ihn ab. Seine Arbeitsweise beruhte auf einer Mischung aus extremem Fingerspitzengefühl und ausgeprägter Akribie. Sie war intern so bekannt wie einmalig.

Eigentlich gab es Dablinskis Job gar nicht. Ein Kriminalkommissar, der keine Führungsposition bekleidete, immer allein arbeitete und sich gleichzeitig nur einem direkten Vorgesetzten gegenüber zu verantworten hatte, blieb exklusiv im Polizeipräsidium Münster. Nirgendwo war er in eine Abteilung oder mehrfache dienstliche Kommunikation eingebunden worden – absichtlich.

Dablinski schmunzelte. Als man die Stelle vor Ewigkeiten ausgeschrieben hatte, war jeder Polizist sofort zurückgeschreckt. Bei derartigen Rahmenvorgaben konnte der potenzielle Stelleninhaber von Anfang an unmöglich dauerhaft im Behördenapparat bestehen. Ein Scheitern mitsamt Karriereknick schien vorprogrammiert zu sein.

Er hatte sich trotzdem beworben und den Posten bekommen.

Die neu entwickelte Position wurde trotz des massiven Widerstandes durch andauernde Erfolge bestätigt. Mehr noch, Dablinski stieg schnell auf zum erfolgreichsten Kriminalisten Münsters. Er blieb es ununterbrochen bis in die Gegenwart.

Zusätzlich wurde sein Ruf über die Jahre hinweg fast legendär, da ihm so gut wie keine Fehler oder Misserfolge anhafteten. Dies mochte das Präsidium Münster wohl auch zu dem Termin auf dem Gutshof bewogen haben.

Weitere Faktoren waren bei der Übertragung des aktuellen Falls zweifelsohne aber ebenfalls entscheidend gewesen.

Der Einzelermittler arbeitete zwar in der Domstadt, wohnte jedoch von Geburt an in Ascheberg. Damit schien er konkurrenzlos prädestiniert, Unabhängigkeit von der dörflichen Polizei mit genauer Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten zu vereinen. Außerdem eilte ihm generell der Ruf eines harten Hundes voraus, der Korruption ebenso hasste wie Seilschaften. Aus Sicht des Polizeipräsidiums eine ideale Kombination, das in dem münsterländischen Ort bestehende Problem endgültig und gleichzeitig ohne viel Aufhebens zu lösen.

Mit dem Erreichen der ersten Treppenstufe resümierte der Kommissar die Geschehnisse.

In seinem Heimatort galt es, eine unheilvolle Entwicklung aufzuhalten. Obwohl fast allen Bewohnern von jeher bekannt, wurde sie trotzdem geflissentlich ignoriert, sogar geleugnet. In der letzten Zeit suchte sich diese Krake keineswegs mehr langsam ihren Weg, sondern offen und völlig ungehindert.

Der hiesige Großgrundbesitzer Heinrich Große-Schnattgen lebte auf einem seit dem Mittelalter von der eigenen Familie bewohnten Anwesen. Sämtliche Vorfahren hatten Geld, Macht und Einfluss über Jahrhunderte hinweg stetig vermehrt. Sowohl in Ascheberg als auch im gesamten südlichen Münsterland herrschte der Mann wie ein König.

Sein Clan stellte die wichtigste gesellschaftliche und finanzielle Institution in der Gegend dar. Trotzdem hatte man alles generell nur zu persönlichen Gunsten eingesetzt.

Auf diesem Nährboden waren im Verlauf etlicher Generationen unerschütterliche Seilschaften für die Ewigkeit entstanden. Ergänzend wirkte sozialer wie politischer Filz. Nutznießer blieb ausschließlich die Familie Große-Schnattgen. Da sie gleichzeitig aber zudem als größter Arbeitgeber in der Region auftrat, konnten sich tausende Menschen der negativen Entwicklung weder verschließen noch widersetzen.

Vielleicht wollten sie es längst auch nicht mehr.

Heinrich, der aktuelle Patriarch, besaß schier unendliche Flächen im gesamten Münsterland, außerdem unzählige Beteiligungen an Industriefirmen. Hinzu kamen eigene Lohnunternehmen für landwirtschaftliche Arbeiten, Schlachthöfe und Molkereien. Eine erfolgreiche Pferdezucht rundete das Wirtschaftsimperium ab.

Wenn der Großgrundbesitzer nur hustete, zitterten bereits viele von ihm Abhängige.

Die Gegebenheiten waren den Aschebergern so verhasst wie vertraut. Sie gehörten allerdings von jeher zum dörflichen und persönlichen Leben dazu. Kein Anwohner kannte eine andere Situation. Damit sorgte die auftretende Verschlimmerung der Umstände zwar für Irritationen, mitnichten aber für flächendeckende Unruhe. Alles nahm einfach weiter seinen Gang.

Große-Schnattgens hatten von je her ihre Welt nach den eigenen Vorstellungen geformt.

Die Polizei wusste um die Probleme mit dem aktuellen Gutsbesitzer, seit ihm vor Dekaden das Familienzepter übertragen worden war.

Er hatte bereits damals rigoros einen neuen, härteren Weg eingeschlagen als sämtliche Vorfahren. Die waren ausnahmslos über Jahrhunderte hinweg darum bemüht gewesen, ihre Schäflein zu hüten und zu mehren. Er dagegen vertrieb er die Bauern an, um sich Grundbesitz anzueignen.

Der Ablauf blieb immer gleich. Aschebergs Herrscher ersetzte bei den Kaufofferten angemessene Zahlungen durch viel zu geringe Beträge in Verbindung mit massiver Gewalt. Meistens gaben daraufhin die betroffenen Landwirte ihr Land zu lächerlichen Preisen ab und zogen angsterfüllt weg, ohne die Übergabe des Geldes abzuwarten.

Offiziell wurde natürlich der legale Schein bei den Eigentümerwechseln gewahrt. Im Verborgenen benutzte der Gutsbesitzer jedoch generell bei Geschäften unsaubere Mittel, um die eigenen Ziele zu erreichen. Bei auftretendem Widerstand wurde sein Druck auf die Opfer mitunter lebensbedrohend.

Der Erfolg dieses Geschäftsgebarens stellte sich von Anfang an ein. Mit derartiger Bestärkung im Rücken ließ Große-Schnattgen jeglicher Gier freien Lauf.

Das Geschwür Aschebergs wuchs stetig.

Im täglichen Miteinander galten bald ebenfalls andere Regeln. Wer ihm gehorchte, durfte bleiben. Nahezu alle unbequemen Zeitgenossen wurden vertrieben oder fanden auf mysteriöse Weise den Tod.

Trotz der vielen Verschlechterungen hielt das Schweigen der Menschen weitestgehend an. Sie schienen vom Kopf her nicht in der Gegenwart zu leben, sondern 300 Jahre zuvor.

Die örtliche Polizei verharrte in Ruhe. Solange keine beweisbaren Rechtswidrigkeiten geschahen, konnte sie offiziell kaum etwas unternehmen. Erstaunlicherweise kam es jedoch generell nie zu Ermittlungen, sobald man nur ansatzweise einen Zusammenhang mit dem Großgrundbesitzer hätte herstellen können. Mannigfaltige Verschleierungen kannten die Einwohner von jeher; sie wurden aber nie von der Öffentlichkeit angeprangert.

Der Multimillionär selbst war geschickt und intrigant genug, seine Weste weiß zu behalten. Sicherlich lag es auch daran, dass sämtliche Pläne über lange Zeitachsen hinweg nie hektisch oder unüberlegt ihre Umsetzung fanden.

Dementsprechend blieb die Situation jahrzehntelang unverändert.

Einige Wochen vor der Abstellung Dablinskis passierte schier Unglaubliches.

Aschebergs heile Welt brach abrupt zusammen.

Der Gutsbesitzer hatte wie üblich einen Bauern massiv unter Druck gesetzt, um ihn zur Abgabe seines Landes zu zwingen. In der Vergangenheit waren derartige Versuche immer von beiden Seiten aus im Verborgenen abgelaufen. Dieser Landwirt hielt allerdings Große-Schnattgens Spielregel nicht ein, schweigend zu übereignen und sofort wegzuziehen. Stattdessen machte er sich vorher noch bei den Nachbarn sowie in allen Kneipen des Ortes Luft. Erst nachdem auch der letzte Unbeteiligte Kenntnis erhalten hatte, verschwand der Mann.

Sämtliche Details des erzwungenen Verkaufes lagen offen. Für jeden im Dorf wurde schlagartig sichtbar, dass hier keine einfache Kungelei passiert war. Vielmehr hatte ein Netz aus blanker Gewalt, Erpressung und Korruption den Ankauf beeinflusst.

Pure Atemlosigkeit herrschte seitdem unter den Menschen.

Kurz darauf griff die örtliche Polizei den Vorfall auf. Trotz fehlender Beweise gegen den Gutsbesitzer wurde ihr die Situation zu heikel. Zu allererst galt es, jeglichen Verdacht von Befangenheit oder Bestechlichkeit in den eigenen Reihen zu unterdrücken. Also leitete man die Angelegenheit an die Beamten in der Domstadt als unbeteiligte Kollegen weiter.

Genau da kam er, Dablinski, ins Spiel.

Fünf Wochen nach der Aufdeckung durch den Landwirt übertrug man ihm den Fall. Die Machenschaften des Großgrundbesitzers sollten auf Betreiben des Polizeipräsidiums Münster mindestens detailliert durchleuchtet, besser noch zerschlagen werden.

Man hatte dem Kommissar kein Zeitlimit vorgegeben, jedoch eine konkrete Erfolgserwartung.

Der musste sich weniger als sonst üblich einarbeiten. Allerdings kam es kurz darauf zu einer unerwarteten Aktion. Große-Schnattgen hatte seine Vorgesetzten kontaktiert und um ein Treffen ausdrücklich nur ihm gebeten. Der Gutsbesitzer besaß wohl auch außerhalb Aschebergs beste Beziehungen. Er schien selbst in Münster den polizeiinternen Stand der Dinge genau zu kennen.

Einen Grund für das Aufeinandertreffen gab es keineswegs. Die beiden Männer pflegten weder beruflichen noch privaten Kontakt miteinander. Wahrscheinlich plante der Patriarch schon vorab, die oft wirksame Mischung aus Bestechung und folgender Bedrohung präventiv bei dem Einzelermittler anzuwenden. Trotz solcher Vermutungen konnte ihm offiziell das Gespräch nicht verwehrt werden.

Also war Dablinski hier.

Oben angekommen, lief er den Flur entlang zum Arbeitszimmer. Der Kommissar kannte den Weg von früher. Wohl deswegen und aufgrund seiner Reputation hatte ihn keine Angestellte begleitet. Ein ironisches Grinsen überzog das zerfurchte Gesicht.

Welch ein Privileg!

An der Tür entfiel das obligatorische Klopfen, da sie nur angelehnt war. Energisch stieß er gegen das schwere Werk aus Eiche. Langsam schwang es zurück. Dablinski hielt den Atem an. Der unverkennbare Geruch frischen Blutes waberte aus dem Raum heraus. Ein Blick reichte, um die Situation einzuordnen.

Auf dem Boden lag ein lebloser Körper. Große-Schnattgen? Der Figur und Art der Kleidung nach war er es. Eine Schussverletzung am Kopf hatte allerdings jede oberflächliche Identifizierung unmöglich gemacht. Über ihn beugte sich eine Frau mittleren Alters.

Wollte sie helfen?

Sämtliche positiven Überlegungen endeten sofort, als der Einzelermittler ihre Hände die Taschen des Tweed-Sakkos durchwühlen sah. Stand die Mörderin vor ihm?

Schlagartig war der pelzige Geschmack auf seiner Zunge vergessen. Die Körperspannung erhöhte sich fast unerträglich. Nur kein Risiko eingehen!

Bislang war alles hier ungeklärt!

Die Verdächtige hatte den ungebetenen Besuch scheinbar nicht bemerkt. Sie schien ihr Opfer keineswegs nur einfach bestehlen zu wollen, sondern gezielt etwas zu suchen.

Wo war die Tatwaffe? Unwichtig. Es galt, den Moment zu nutzen!

Dablinskis laute, harsche Worte zerrissen unvermittelt die Stille im Arbeitszimmer. Die Frau fuhr hoch. Intensive Blicke fixierten den schlanken Mann. Sofort stand brachiale Anspannung zwischen ihnen im Raum. Der Kommissar stemmte die Beine auseinander, um einem möglichen Angriff besser begegnen zu können. Wie immer verschwendete er keinen Gedanken an die vielbeschworene Deeskalation. Genau diese Einstellung hatte ihn wahrscheinlich jede brenzlige Situation in den vergangenen Jahrzehnten halbwegs gut überstehen lassen.

Ansatzlos stürzte die Verdächtige heran. Mit unglaublicher Schnelligkeit erreichte sie den Eindringling und umschlang dessen Hals mit ihren Armen. Für einen Griff zum Pistolenholster war es zu spät. Dablinski gelang es nicht, die Frau wegzureißen. Nassgeschwitzt vor Angst oder Wut, war sie glitschiger als ein Fisch. Während des ungleichen Ringkampfes bemerkte er plötzlich jegliche fehlende Aggressivität. Währenddessen lehnte die Angreiferin ihren Kopf an den seinen und begann hemmungslos zu weinen. Eine Welle unverständlicher Worte schlug in schrillem Tonfall über ihm zusammen. Die Lautstärke hob binnen Sekunden extrem an. Ebenso schnell, wie die Befürchtung einer tödlichen Attacke verschwand, kam nun die Sorge auf, in einem Gemisch aus Tränen und ohrenbetäubendem Kreischen unterzugehen. Möglichst einfühlsam versuchte der große Mann, das schluchzende Etwas zu beruhigen. Die Bemühungen scheiterten kläglich. Sofort erhöhte die Klette die Schnelligkeit der ausgestoßenen Sätze. Dablinski verstand keine Silbe der schier unendlichen Tiraden. Ihre feuchten Arme verstärkten die Umklammerung massiv. Der Kommissar hatte das Gefühl, ein Schraubstock klemme ihn ein. So würde sie ihn erwürgen. Ein letzter Versuch noch! Sollte der ebenfalls misslingen, musste er sie mit aller Gewalt entfernen. Dablinski umarmte die Weinende wie ein Verliebter.

Es funktionierte!

Bereits Momente später verringerte die Frau den Druck auf seinen Hals. Dann reduzierte sich neben der verkrampften Körperspannung auch das Tempo ihrer Verbalausbrüche. Der Einzelermittler fuhr fort. Beruhigend strich er über das verschwitzte Haar. Gleichzeitig verzog ein Schmunzeln das angespannte Gesicht. Die Untersuchung eines Toten endete, bevor sie angefangen hatte – in den Armen einer Unbekannten, die nichts von ihm wollte!

Etwas später konnte er sie komplett von sich lösen. Ein auf die Lippen gelegter Zeigefinger brachte sie dazu, endlich zu schweigen. Vorsichtig schob er die Frau von sich. Die beiden standen regungslos voreinander. Es folgten einige Momente des Durchatmens. Die Verdächtige kam scheinbar ein wenig zur Besinnung. Sie hörte auf zu weinen und ergriff schließlich das angebotene Taschentuch, um die Tränen abzuwischen. Dem schloss sich unaufgefordert der nächste Redeschwall an. Mit viel Mühe entnahm Dablinski dem ungebremsten Kauderwelsch, dass er mit Große-Schnattgens Reinigungskraft sprach, die täglich im Gutshaus arbeitete. Abrupt setzte das Kreischen wieder ein. Erneut fiel kein verständlicher Satz mehr. Unendlich aufgebracht griff der Einzelermittler zu einem letzten Hilfsmittel. Er drohte mit einer Fahrt ins Polizeipräsidium, sollte sie nicht endlich innehalten. Der Bluff hatte Erfolg. Binnen Sekunden war die Frau wie ausgewechselt. Gleichzeitig schoss der Kopf hoch, als sei eine Entscheidung gefallen. Der Kommissar bemerkte sofort ihren offenen und klaren Blick. Scheinbar hatte die Verdächtige die gesamte Hysterie nur gespielt. Fast trotzig sah sie Dablinski an. Dann formten sich ohne weitere Aufforderung deutlich ausgesprochene Worte.

Ein Unbekannter hatte die Putzfrau eine Woche zuvor angesprochen und 5000 € für einen kleinen Dienst angeboten. Als 1000 € Anzahlung in ihrer Hand lagen, fiel die Zustimmung geradezu freudig aus.

Sie sollte an einem festgelegten Tag mit dem im Kamin versteckten Schlüssel verschiedene Papiere aus dem Tresor holen. Ihr wurde zugesichert, Heinrich Große-Schnattgen weile währenddessen nicht in seinem Haus. Drei Stunden später hätte das Paket an einer bestimmten Bushaltestelle im Mülleimer versenkt zu werden. Anschließend flösse der Rest der vereinbarten Summe.

Alles hatte sich wie erwartet abgespielt, bis auf die Kleinigkeit, dass der Gutsbesitzer anwesend und zudem bereits tot war. Unabhängig davon hatte man ihr keinen Hinweis auf das folgende Eindringen eines Polizisten gegeben. Dadurch war zusätzlich die Möglichkeit vertan, den Safe zu öffnen, um den Auftrag zu erfüllen.

Abrupt stockte die Frau fast betreten. Mitnichten wegen aufkommender Reue; vielmehr bedrückte sie der Gedanke an das durch den Misserfolg verlorene Geld.

Dablinski glaubte ihr. Was auch immer sein Gegenüber noch an Informationen verbarg: In diesem Moment waren die Nachforschungen am Ende angelangt. Selbst für etwaige Zwangsmaßnahmen gab es keinen sinnvollen Hebel mehr. Sie würden die Fronten nur verhärten und eine künftige Zusammenarbeit bereits im Keim ersticken. Den eigenen unorthodoxen Methoden vertrauend, ignorierte er jegliche Routineabläufe. Entsprechend wurde die Verdächtige nicht festgenommen. Stattdessen hatte sie lediglich ihre Personalien sowie nochmals sämtliches Wissen zur Übergabe der Dokumente preiszugeben.

Anschließend konnte die Putzfrau gehen.

Der Kommissar atmete tief durch. Die Zeit lief in mehrfacher Hinsicht. Sobald er das Präsidium informierte, träfen die ersten Streifenwagen schnell ein. Kurz darauf würde auch eine Einheit der Kripo den Tatort buchstäblich zerlegen. Beides zöge ihn in lange Gespräche und Formalismen hinein. Genau das war Gift für den momentanen Stand der Dinge.

Die Ablieferung der Unterlagen rückte immer näher!

Bisher blieb der Mülleimer an der Bushaltestelle die einzige Kontaktmöglichkeit zu den Tätern. Er durfte sie unmöglich vorbei ziehen lassen. Für großangelegte Observierungsvorbereitungen oder langatmige Erklärungen im Büro fehlte die Zeit. Er würde die Sache selbst regeln und allein den Treffpunkt aufsuchen.

Alles Weitere fände dann seinen Fortgang!

Rechtzeitig tauchte Dablinski in Sichtweite der Haltestelle auf. Niemand wartete dort. Auch in der Nähe ließ sich kein Mensch blicken. Insgeheim hatte er auf ein parkendes Auto mit der Kontaktperson gehofft, doch sein Wunsch blieb unerfüllt.

Die Bushaltestelle war mitten in die bäuerliche Landschaft zwischen Havixbeck und Nottuln gesetzt worden. Großflächige Äcker lösten überall in der Gegend satte Weiden im steten Wechsel ab. Dieses Bild wurde lediglich von einer schmalen, endlosen, aber kurvenreichen Landstraße zerschnitten, die nach Roxel führte. An ihr entlang hatte man in großen Abständen Wartehäuschen für die Linienbusse gebaut. Streng genommen waren es nur Kunststoffdächer auf Pfosten, an drei Seiten eingefasst von durchsichtigen Plexiglaswänden. Sie schützten die Wartenden zumindest etwas vor Wettereinflüssen. Aufgehängte Busfahrpläne zusammen mit einem metallenen Mülleimer rundeten den trostlosen Gesamteindruck ab.

Die Landschaft war trotz der Baumberge kilometerweit extrem flach, also sehr gut überschaubar. Entweder wartete jemand weit entfernt und beobachtete den Treffpunkt mit einem Fernglas, bis die Putzfrau erschien. Oder aber der Unbekannte kam irgendwann herüber. Er hatte dabei keinerlei Zeitdruck. In dieser Einsamkeit bestand kaum die Gefahr, dass versteckte Dokumente von einem ahnungslosen Unbeteiligten gefunden wurden.

Wie sollte man hier einen Verdächtigen finden, wenn er sich nicht zeigte?

Eigentlich wurde die Haltestelle neben einigen anderen nur aufrechterhalten, um die Versorgung der Landbevölkerung mit flächendeckendem Busverkehr zu gewährleisten. Jede abweichende Überlegung hatte in der Vergangenheit grundsätzlich empfindliche Stimmenverluste bei Wahlen gebracht. Dabei spielte es keine Rolle, welche politische Partei diesen Kostenfaktor hatte kürzen wollen. Trotzdem tauchten seit Jahren außer Berufspendlern nur selten Busreisende auf. Also konnte sich der Täter Zeit lassen. Möglicherweise rechnete er gar in Tagen, um sämtlichen Unwägbarkeiten zu entgehen.

Dablinski lief zu einer alten Eiche. Die stand etwas zurückgesetzt zwischen Straße und angrenzendem Acker, eingefasst von einigen mannshohen Sträuchern. Hier würde er kaum zu bemerken sein. Ansonsten blieb ohnehin in der gesamten näheren Umgebung kein anderer Schutz. Langsam ging er in die Hocke. Sorgfältige Blicke begannen, alles in Sichtweite abzusuchen.

Weiterhin nichts.

Ein eisiger Wind pfiff über die naheliegenden Flächen. Der Kommissar fror unendlich. Lag dies an der aufgekommenen Kälte? Oder eher daran, dass er seit vier Stunden vergeblich wartete?

Mittlerweile war der überbordende Missmut kaum noch zu kontrollieren. Rein körperlich zeugten Hunger, Durst und Müdigkeit von der bisherigen Erfolglosigkeit. Dablinski beschloss, die Observierung abzubrechen.

Es war genug.

Ein kurzes Telefonat reichte, um die Schadensbegrenzung zu starten. Die Kollegen im Präsidium lösten sofort die üblichen polizeilichen Automatismen aus.

Man würde Opfer, Tatort und alle sonstigen Gegebenheiten mit verschiedenen Diensteinheiten akribisch untersuchen. Dabei waren Einzelgänger vom Schlage Dablinskis nicht gefragt. Der wiederum hasste diese stumpfsinnige Arbeit wie die Pest. Dementsprechend versuchte er, ihr fernzubleiben. Im Gegenzug stünden ihm einige lästige Fragen seines Vorgesetzten bevor, etwa zu dem Vorgehen ohne Unterstützung in einem Mordfall. Sie würden exakte Antworten erfordern, um so danach wieder freie, unbelastete Ermittlungen zu ermöglichen. Anschließend brüstete sich das Polizeipräsidium Münster dann erneut mit dem nächsten, von ihm erbrachten Erfolg.

Derartige interne Abläufe kannte der Kommissar viel zu gut, als dass sie ihn ernsthaft beschäftigten. Einen Mann mit solcher Reputation ließe man insgesamt in Ruhe, solange Rahmenbedingungen und Ergebnisse halbwegs im Einklang standen. Also würde er sich mit sorgenvollen, beruflichen Gedanken keinesfalls den bevorstehenden Abend verderben.

Dablinski beendete den bisher unerquicklichen Verlauf des Tages.

Drei Stunden später betrat er bestens gelaunt die größte Lokalität Aschebergs. Bekannt für sehr gute westfälische Küche und riesige Portionen, unterschied sie sich ansonsten in nichts von unzähligen anderen Restaurants im Münsterland. Ihre sichtlich alte Einrichtung bestand aus dunkelbraunem Holz. Fensterlange Gardinen schützten vor neugierigen Blicken von draußen. Sämtliche Wände zeigten schlichtes Weiß. Breite Milchglaslampen klebten ungleichmäßig verteilt an der Decke, erhellten aber trotzdem nur spärlich das Geschehen. Gleichzeitig hatten die Sitzgruppen im Kneipenbereich eigene, klare, jedoch überaus anheimelnde Beleuchtungen. Auch der langgezogene, über Eck gebaute Tresen wurde ebenso dezent wie deutlich erhellt. Geradeaus an ihm vorbei gelangte man in einen kleinen, gemütlichen Saal, rechtsseitig abgebogen in den angrenzenden Restaurantbereich. Dort konzentrierten mehrere große Wandvitrinen mit Pokalen örtlicher Vereine die Augen aller Gäste. Diese Einrichtung hatte man in warmen Braun-und Weißtönen gehalten. Frische Blumensträuße auf hellen Spitzentischdecken mit Münsterländer Blaudruck unterstrichen im gesamten Restaurant die Atmosphäre.

Im Flur zu den Kegelbahnen hingen die Metallkästen etlicher Sparclubs. Ihre Anzahl belegte unmissverständlich die Beliebtheit des Lokals.

An den meisten der Tische im Schankraum saßen Männergruppen, die Bier tranken, knobelten oder Kleinigkeiten aßen. Der Tresen war voll besetzt. Lautes Gelächter erfüllte unregelmäßig den Raum. Die verschiedenen Runden versuchten sich gegenseitig an Lautstärke zu übertreffen, um untereinander wenigstens etwas Gehör zu finden. Überall roch es appetitanregend nach Essen, da der Wirt traditionell darauf verzichtete, die Tür zur Küche zu schließen.

Das Gesamtbild passte mit all seinen Einzeleindrücken exakt zusammen. Es übte auf den Eintretenden eine starke Anziehung aus, unabhängig davon, ob ihm die Lokalität insgesamt gefiel.

Man hatte weder das Gebaren moderner Restaurants übernommen noch die alte Einrichtung verändert. Der Charme früherer Jahrzehnte war unverändert erhalten geblieben. Vielleicht wurde die Gaststätte deswegen sieben Tage in der Woche von mittags bis nachts bestens besucht. Möglicherweise stellte sie für die Bewohner Aschebergs einfach ein Stück Erinnerung oder gar Heimat dar.

Dablinski sog mit der Luft gleichzeitig die Atmosphäre tief ein.

Welch ein Genuss! Alles wie immer!

Wenn auswärtige Spötter bekrittelten, in Westfalen und bei dessen Bevölkerung sei die Zeit stehen geblieben, gaben ihnen solche Lokalitäten jedes Argument an die Hand. Den Kommissar interessierte Derartiges nicht. Sein Münsterland, seine Umgebung, sein Zuhause!

Ein warmes Lächeln überzog das müde Gesicht. Genau hier gehörte er hin!

Trotz der schönen Eindrücke nur keinen Moment mehr verlieren! Die anderen Mitglieder seines Kegelclubs hatten wahrscheinlich bereits begonnen, sich einzuspielen. Eilig drängte der Nachzügler durch den vollbesetzten Tresenraum, um schneller zu den Bahnen im Keller zu kommen.

Im Laufe des Abends verschwand der unerfreuliche Tag aus dem Bewusstsein.

Der Kommissar kehrte gerade lachend nach einem erfolgreichen Spiel zum Tisch zurück, als ihm Werner Schulze-Frameling unvermittelt etwas neben das Bierglas legte. Die Männer waren seit der Schulzeit miteinander befreundet und hielten bis in die Gegenwart regelmäßigen Kontakt, obwohl Lebenswege wie auch Tagesabläufe von jeher auseinanderklafften. Mehrere Jahrzehnte mit unzähligen Turbulenzen hatten sie zusammengeschweißt. Beide wussten um den Wert ihrer Freundschaft. Dementsprechend wurde diese sorgsam gepflegt.

Der sonst immer gut gelaunte Kegelbruder zeigte einen ernsten Gesichtsausdruck. Leise, für keinen anderen hörbar, folgte die Bitte, Dablinski möge sich das Gebilde einmal genauer ansehen. Er habe es bei der Arbeit auf einem Feld unweit des hiesigen Archäologencamps gefunden. Nur oberflächlich vergraben, wirkte der Gegenstand wie hastig versteckt. Der Angesprochene griff zu und erstarrte.

Eine antike Gürtelschnalle!

Derartiges stellte grundsätzlich nichts Außergewöhnliches dar. In dieser Ecke des Landes allerdings, mit seiner Vorgeschichte der letzten einhundert Jahre, war der Fund eine Sensation!

Aufgeregt wollte der Kommissar wissen, wem der Bauer davon erzählt oder wo er ihn bereits gezeigt hatte. Schulze-Frameling versuchte, den Freund zu beruhigen. Niemand sei bisher eingeweiht worden. Ungefragt gab er den genauen Fundort preis. Dablinski unterdrückte die aufkommende Anspannung. Sowohl uralte Artefakte als auch Reliquien hatten ihn schon als kleinen Jungen interessiert. Die Schnalle war wohl römischer Herkunft, mit einer lateinischen Inschrift, die für ihn unlesbar blieb. Eigentlich hätte sie von Patina und Dreck besetzt sein müssen. Stattdessen war das Stück komplett gesäubert.

Ein gestohlenes Museumsstück?

Wie viele Münsterländer war der Bauer kein Freund langer Ausführungen, wenn es kurz und knapp ging. Er besaß noch weitere Fundstücke, alle vom gleichen Acker, wo sie in einem Stoffsäckchen kaum zwei Handbreit tief im Boden gelegen hatten.

Dablinski nickte. Die Schnalle verschwand unauffällig in seiner Jacke. Er würde sich darum kümmern. Für den Moment jedoch nur nicht die mindeste Aufregung zeigen, die unnötige Fragen der anderen um sie herum bedingen konnte! Die beiden würden in den kommenden Tagen telefonieren. Jetzt aber wollte er Spaß haben. Morgen fiele die Wirklichkeit früh genug wieder wie ein Gewitter über ihn her.

Weit nach Mitternacht verließ der Kommissar stark benebelt die Kneipe. Langsam wankte er der Seitenstraße entgegen, in der sein Auto parkte. Den unterschwelligen Drang, ein Taxi zu rufen, wehrte das alkoholisierte Gehirn erfolgreich ab.

Zu viel Aufwand!

Noch völlig mit den abendlichen Kegelleistungen beschäftigt, bereitete das Öffnen der Wagentür erhebliche Mühe. Schließlich fand der Schlüssel doch das Schloss. Der Betrunkene grunzte zufrieden.

Im selben Moment bekam er von hinten einen furchtbaren Schlag auf den Kopf. Dablinski spürte das Platzen der Haut. Warmes Blut lief den Nacken herunter. Unglaublicher Schmerz breitet sich aus. Ihm wurde schwarz vor Augen. Fast gleichzeitig traf ein zweiter Hieb den schwankenden Körper. Der Überrumpelte glaubte, die eigenen Knochen krachen zu hören. Die Wucht des Aufpralls schleuderte ihn herum. Sein Rücken prallte an die Tür. Langsam sackte er an ihr herab auf den Boden, zu jeder Gegenwehr unfähig. Sitzend, mit dem Autoblech im Kreuz und kaum eines klaren Blickes mehr fähig, sah der Verletzte zwei vermummte Gestalten. Sie hatten ihn hinterrücks überfallen. Einer der beiden stürzte vor. Er zog den Kommissar am Kragen nach oben. Dabei rutschte der rechte Jackenärmel des Angreifers hoch. Verschwommen erkannte der Betrunkene ein silbernes Schlangenarmband an einem schlanken Handgelenk. Eine Frau? Abrupt ließ der Unbekannte ihn los. Einen Moment später traf ein hölzerner Knüppel seinen Solarplexus. Besinnungslos brach er zusammen.

Vorsichtig, fast liebevoll, tastete ihn jemand ab. An einer Stelle erhöhte sich der Druck plötzlich massiv. Dablinski stöhnte leise und öffnete die Augen. Nur langsam begann sein Verstand zu arbeiten. Dann stürzte die Realität in Bruchteilen von Sekunden auf ihn herab. Grenzenloser Schmerz füllte den gesamten Körper vom Haaransatz bis zu den Zehen aus. Gleichzeitig versuchten schwerfällige Blicke, die Umgebung einzuordnen. Er lag in einem kleinen Raum mit weißen Wänden und zwei bodentiefen Fenstern. Rechts neben ihm hatte man verschiedene medizinische Geräte aufgebaut, die schwer zuzuordnen waren. Dem Bett gegenüber stand ein viereckiger Holztisch mit leerer Blumenvase. Ein durchgesessener Stuhl mit gelbem Kunstlederbezug rundete das trostlose Interieur ab. Ansonsten hatte man auf komplett auf Raumschmuck verzichtet. Während der Angeschlagene die Augen kreisen ließ, tupfte eine Krankenschwester mit einem Lappen das schweißnasse Gesicht ab.

In Sicherheit! Oder doch noch nicht?

Aufgeregt drängte er auf Informationen zum aktuellen Aufenthaltsort. Ruhig hielt die Schwester dagegen. Sie wollte offensichtlich jede Eskalation vermeiden. Nur langsam flossen Antworten auf unzählige Fragen.

Man hatte ihn nach Hiltrup ins Krankenhaus gebracht. Der Einzelermittler atmete durch. Es lag etliche Kilometer weiter von Ascheberg entfernt als andere Einrichtungen, hatte aber einen sehr guten Ruf. Außerdem wurden hier selbst schwerste Verletzungen jeglicher Art behandelt. Ansonsten befand sich die Uniklinik Münster für den Fall der Fälle in der Nähe.

Hatte sein unbekannter Retter mit dem Schlimmsten gerechnet?

Dem Kommissar waren derartige Überlegungen äußerst vertraut. Scheinbar abstruse Gedanken, doch sie fußten absolut auf dem Boden der Realität. Er ging wie alle Polizisten bei der eigenen Arbeit exakt ebenso vor, wenn jemand Hilfe brauchte.

Dieses Krankenhaus hatte für ihn persönlich einen weiteren Vorteil. Hiltrup war einer der größten Vororte Münsters und mit dem Zentrum direkt verbunden. Nach der Entlassung konnte er im Polizeipräsidium vorbeifahren. Der Fall drängte. Von Ascheberg aus hätte eine solche Stippvisite im aktuellen Zustand wohl nur einen dummen Wunsch dargestellt.

Inmitten der Überlegung brachen unglaubliche Schmerzen los. Die Krankenschwester hatte eine verletzte Stelle im Gesicht zu stark gedrückt. Dablinski wurde schlagartig ohnmächtig.

Vorsichtig rüttelte jemand an seinem Arm. Mühsam kam das Bewusstsein zurück.

Kaum hatte der Kommissar die Augen aufgeschlagen, flößte ihm eine andere Schwester mit sanfter Gewalt Wasser ein. Anschließend zwang sie ihn regelrecht, zu essen und einige Tabletten zu nehmen.

Etwas später verschwand das Gefühl absoluter Kraftlosigkeit. Ansonsten verhinderte schier grenzenloser Schwindel jeden klaren Gedanken. Nachdrücklich bat er um genaue Informationen zum eigenen Zustand. Der herbeigerufene Oberarzt brachte weitest gehende Klärung der Stunden seit dem Angriff.

Man hatte ihn bewusstlos und stark blutend aufgefunden. Im Krankenhaus waren keinerlei lebensgefährliche Verletzungen festgestellt worden. Allerdings hatte der gesamte Körper neben einer schweren Gehirnerschütterung Platzwunden sowie Prellungen durch Schläge davongetragen. Für den Mediziner wirkte es so, als habe man bewusst auf bedrohliche Verwundungen verzichtet, aber gezielt Schmerzen hervorgerufen. Im selben Moment hörte der Kommissar den Ausführungen nur noch halb zu.

Mit der Aussage des Arztes fügte sich alles zusammen. Man hatte ihm einen Denkzettel verpassen wollen – das stand völlig außer Frage!

Wer konnte der Täter sein?

Beruflich bedingte Todfeinde existierten übermäßig genug. Einen gegenwärtigen Anlass zu derartigen Übergriffen hatte jedoch niemand von ihnen. Ansonsten wusste er ad hoc um fünfzehn bis zwanzig ältere Rechnungen, die Kriminelle mit ihm möglicherweise begleichen wollten. Wahrscheinlich würden bei genauer Kontrolle weitaus mehr zusammenkommen.

Stellte der Angriff eine Warnung oder Bestrafung dar?

Diesen Überfall hatte er halbwegs glimpflich überstanden, doch wann folgte der nächste?

Im Krankenhaus, in solch desolatem Zustand, war keinerlei Abwehr möglich!

Der Arzt wiegelte jegliche Fragen zu einer Entlassung rüde ab. Bislang seien nicht alle Untersuchungen abgeschlossen worden. Außerdem bedürfe der Kommissar dringend der Ruhe, schon wegen der Gehirnerschütterung. Dablinski wurde nervös.

Sein offener Fall wartete!

Ein Telefonat mit dem Polizeipräsidium verstärkte die innere Unruhe zusätzlich. Man hatte bisher keinen Täter ermittelt und wollte ihm ausreichend Zeit zur Gesundung geben. Die Angelegenheit Große-Schnattgen übernähme ein erfahrener Beamter.

Der Verletzte fluchte leise.

Generell bearbeitete ausschließlich er immer erfolgreich die schweren Fälle! Jeder Kollege würde sich nun über eine solche unverhoffte Offerte zur eigenen Profilierung freuen! Überdies könnte der entsprechende Kandidat so dem besten, aber nicht sehr beliebten Einzelermittler der Kripo Münster ein Schnippchen schlagen!

Diese Gelegenheit durfte niemandem geboten werden!

Mit aller Macht versuchte Dablinski, noch vorhandene Kräfte zu mobilisieren. Er musste dringend wieder auf die Straße, um zu arbeiten!

Von derartigen Überlegungen beherrscht, waren die weiteren Untersuchungen nur mühevoll zu ertragen. So gründlich wie möglich stellte man ihn auf den Kopf. Der Verletzte schwieg und fügte sich, doch ihn trieb ausschließlich ein einziger Gedanke an.

Nur weg von hier!

Jenseits der beruflichen Ansätze existierte eine andere Motivation. Größere Verletzungen oder gar Krankenhausaufenthalte waren in Dablinskis Tagesablauf weder eingeplant noch bisher vorgekommen. Er hasste allein schon solche Vorstellungen.

Die aktuelle Situation kam einem real gewordenen Albtraum gleich!

Einen Tag später lagen die Ergebnisse der Untersuchungen vor. Sie untermauerten die Sätze des Arztes vom Vortag. Neue Erkenntnisse gab es nicht. Allerdings sollte die Ruhephase zu den Auskurien der Gehirnerschütterung mindestens eine Woche dauern, möglichst im Krankenhaus.

Diese Prognose zerstörte jede nur mühsam aufrecht gehaltene Beherrschung des Angeschlagenen endgültig. Noch länger hier eingesperrt sein? Von den Zeitabläufen her ausschließlich den Geboten anderer unterliegen? Die Kontrolle über sich weiter abgeben? Mit mehreren fremden Männern auf unbestimmte Zeit in einem Zimmer ohne Privatsphäre schlafen? Zudem die Angreifer währenddessen frei herumlaufen lassen?

Niemals!

Mit dem Wissen im Hinterkopf, dass die erlittenen Verwundungen nicht lebensbedrohlich waren, entließ der Kommissar sich selbst eine Stunde später. Starke Schmerzen erlaubten im Zusammenspiel mit permanentem Schwindel zwar kaum eine flüssige Bewegung. Überbordende Sorge wegen der unbekannten Gefahr und eine drohende Woche weiteren Krankenhausaufenthaltes mobilisierten allerdings auch die letzten vorhandenen Kraftreserven.

So schnell wie möglich zurück in das normale tägliche Leben!

Der Gedanke hatte ihn buchstäblich aus dem Bett getrieben. Weder die intensiven Bemühungen der Stationsschwestern, ihn zum Bleiben zu veranlassen, noch verschiedene Formulare für die Entlassung auf eigenen Wunsch änderten seinen Entschluss.

Nur weg! Hier würde er vielleicht körperlich gesunden, aber innerlich ersticken!

Schließlich war alles geregelt. Schwer atmend, doch bester Laune, verließ Dablinski diesen Ort des Schreckens.