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Im Heiligen Land des Jahres 1188 wird der junge Tempelritter Falko in einen Kreis fränkischer Anführer aufgenommen, die verzweifelt um das Überleben der Menschen kämpfen und auch deswegen nach der Bundeslade suchen. Schließlich fällt ihnen nicht das Gesuchte, sondern ein ebenso bedeutendes Vermächtnis in die Hände. Gleichzeitig bedroht die Allianz des arabischen Anführers Saladin mit Henry de Fontes und Malik al Charim, den Todfeinden seines Vaters, mehr denn je Falkos Angehörige. Ohne uralte Zusammenhänge zu kennen, wird dieser zum Mittelpunkt von Ereignissen, denen er sich nicht entziehen kann. Das von den Sarazenen besetzte Jerusalem gerät durch eine Belagerung an den Rand der Vernichtung. Um einer Kapitulation zu entgehen, gibt Saladin in langen Verhandlungen unglaubliche Geheimnisse von Moslems und Christen preis. Falko erhält endlich Kenntnis von den Hintergründen, die die eigene Familie ins Unglück stürzten und sein Leben nach wie vor entscheidend verändern. Er muss sich entscheiden zwischen der Liebe zu Elisabeth, einer vorbestimmten Pflicht und dem Leben im Kloster …
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Seitenzahl: 365
Veröffentlichungsjahr: 2018
Ereignisse und Entscheidungen
Der Dolch des Propheten, III. Teil
Ralf-Erik Thormann
Ralf-Erik Thormann,
»Ereignisse und Entscheidungen«
Texte: © Copyright by Ralf-Erik Thormann
Umschlagfoto: Ralf-Erik Thormann
Satz: Erik Kinting – www.buchlektorat.net
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Der Diener atmete schwer, als er mich erreichte.
„Ihr sollt sofort zu den Anführern ins Haus kommen. Vermeidet jede Verzögerung – sie erwarten Euch!“
Er drehte sich um und kletterte zurück. Der Hund sah fordernd herüber und warf mir erneut das Stück Holz vor die Füße, mit dem wir spielten.
Ich saß auf einem unbewachsenen Stück des Talrandes und beobachtete das Treiben unter uns. Wie Ameisen liefen die Bewohner Matlahats durcheinander. In den letzten drei Tagen hatten sie fast ununterbrochen gearbeitet.
Mittlerweile machte sich blanke Sorge breit.
Nicht nur unterschwellig bewegte uns die Überlegung, die Feinde könnten längst ebenfalls Erfolge bei der Entwicklung des schwarzen Pulvers erreicht haben. Hinzu kam die allgemeine Befürchtung, die Sarazenen seien bereits auf dem Weg hierher. In beiden Fällen würden jegliche bisherigen Fortschritte, die uns einen entscheidenden Vorteil verschaffen sollten, nutzlos sein!
An allen Fronten Matlahats schufteten zahlreiche Trupps. Die Verteidigungsanlagen wurden abermals ausgebaut, so gut sie auch bislang sein mochten. Zudem verstärkten Arbeiter die Mauern der Festung an den wichtigsten Punkten mit weiteren Quaderreihen. Gleichzeitig saßen die Anführer abgeschirmt und bewacht in der Bibliothek. Schier endlose Zeit befassten sie sich bereits mit den zusammengefügten Dokumenten. Ich war noch nicht Teil dieses Zirkels, also brüteten allein mein Vater, Arnaud, Ludolf und auch Nurim über den Pergamenten. Ihn hatte man hinzugeholt, obwohl weder Christ noch bisher dem engsten Kreis zugehörig. Die Teilnahme stand ihm aber wohl längst zu. Stillschweigend hatte der Fatimidenführer Derartiges wohl auch erwartet, denn er nahm das Angebot, in die Geheimnisse eingeweiht zu werden, ohne Zögern an. Nach der ersten Zusammenkunft wegen der Dokumente war mein Großvater kreidebleich und wortlos zum großen Brunnen im Hof getaumelt. Dort trank er wie die einfachen Bewohner der Festung aus einem gewöhnlichen Eimer, anstatt, wie für seine Stellung passend, einen Diener mit Wasser aus einem Krug kommen zu lassen. Den Sultan schien völlige Verwirrung ergriffen zu haben, die jedes klare Wort verhinderte. Erst einige Zeit später wirkte er wieder klaren Kopfes und ansprechbar.
Ich beobachtete die Entwicklung mit Sorge.
Nurim hatte maßgeblich dazu beigetragen, dem großen Ziel näher zu kommen. Welche Geheimnisse waren ihm offenbart worden, die den Sultan dermaßen jeglicher Fassung beraubten?
Was immer in der Bibliothek passierte – es brachte einen gestandenen Mann dazu, den Verstand zu verlieren!
Je öfter mein Großvater an diesen Zusammenkünften teilnahm, desto mehr kehrte seine Fassung zurück. Trotzdem blieben Leichtigkeit und Lächeln verloren. Irgendetwas schien ihn nachhaltig in den Grundfesten erschüttert zu haben. Die gleichen Gesichtszüge trugen auch Raimund und Arnaud, aber sie kannte ich nicht anders.
Nurim verlor seit dem ersten Treffen mir gegenüber kein Wort mehr über die Dokumente.
Ich kehrte zurück in die Wirklichkeit.
Der Hund stieß mich mit der Schnauze an, weil er weiterspielen wollte, aber es blieb keine Zeit mehr. Das Holz flog ein letztes Mal durch die Luft, und dann stiegen wir hinab ins Tal.
Eilig kehrte ich zum Haus zurück, nahm die Treppen und prallte fast mit Broderik zusammen. Der bog gerade aus der anderen Richtung des Flures um die Ecke und wollte ebenfalls zum ersten Ring der Wachen. Er hatte sich in den vergangenen Wochen prächtig erholt und lief auch längere Strecken ohne Hilfe. Sämtliche Wunden waren verheilt. Allein das Reiten verboten die Ärzte weiterhin.
„Was macht Ihr hier, mein Junge? Will man Euch dabei haben? Überlegt gut – das Ende jeglicher Unschuld steht bevor! Nichts wird danach so sein wie bisher in diesem Leben!“
Mein Kopfschütteln folgte umgehend.
„Es gibt keine andere Möglichkeit! Wir sind nur noch wenige. Wer soll nach Arabicus´ und Rogérs Fehlen die Lücken schließen? Ich gehe hinein!“
Der Ritter zog zweifelnd die Schultern hoch, nickte kurz und folgte mir an den Wachen vorbei zu dem Raum, in dem die anderen bereits verharrten. Vor der Tür, auf sämtlichen Gängen, an jedem zweiten Fenster und um das Haus herum hatten sie Doppelwachen aufstellen lassen. Selbst auf den Dächern lauerten Bewaffnete.
Entweder war das Geheimnis einen derartigen Aufwand wert, oder aber die Männer im Haus hatten endgültig den letzten Anflug von Vertrauen in die eigene Gefolgschaft verloren. Vielleicht hatte ich auch einfach den Ernst der Lage nicht erkannt …
Die anderen warteten bereits ungeduldig.
Sobald die Tür zufiel, wurde sie von innen verriegelt. Arnaud wies uns wortlos Plätze an dem großen Tisch in der Mitte des Raumes zu. Atemlos sah ich auf das, was sich dort türmte.
Die gesamte Platte war bedeckt von Codizes und Pergamenten. Dazwischen lagen Karten und dicke Einschläge, deren Inhalt man nicht erahnen konnte. Alles schien uralt zu sein. An einer Wand hatte man ein großes Lederstück aufgehängt, auf dem mit Kohle der Grundriss einer Stadt aufgezeichnet war. Ich verstand den Zusammenhang nicht. Raimund eröffnete fast feierlich das Gespräch. „Schön, Euch wieder unter uns zu sehen, Broderik! Die Gesundheit erlaubt es scheinbar, endlich den angestammten Platz einzunehmen. Und auch Eure Anwesenheit ist äußerst wichtig, Falko! Ihr werdet endlich in das eingeweiht, was zu den größten Geheimnissen der Geschichte gehört. Der Grund ist naheliegend. Irgendwann gehen wir hier Anwesenden endgültig. Als Jüngster in diesem Raum seid Ihr dann einziger und letzter Bewahrer des Geheimnisses. Die Last ist groß!
Zunächst weihen wir Euch ein. Danach wird unser weiteres Vorgehen geplant!“
Enttäuscht wanderten meine Blicke erneut über die Stapel auf dem Tisch. Zu gerne hätte ich in den Codizes geblättert. Die Klostererziehung und der Drang nach Wissen stiegen ungehemmt hoch.
Wozu die langen Worte? Die Zeit und meine Neugierde drängten! Nur mühsam ließ sich die Beherrschung aufrechterhalten. Bevor jemand etwas einwerfen konnte, sprach Arnaud weiter.
„Alles, was in den letzten Jahrzehnten auf der Suche nach den Geheimnissen von Raimund und mir zusammengetragen werden konnte, liegt vor Euch. Außerdem seht Ihr die Sammlung meines Vaters und Großvaters, die auf ihre Art fast noch bedeutsamer ist, weil sie große Zwischenräume verschiedener anderer Funde schließt. Ihr habt damals in der Bibliothek nicht sämtliche Dokumente gefunden, Falko!"
Den Seitenhieb ignorierte ich völlig.
„Jeder in den beiden Testamenten verborgene Hinweis wurde in den letzten Tagen so gut wie möglich entschlüsselt. Hinzu kommen noch Ludolfs und Gregors Unterlagen sowie viel Anderes aus meiner Bibliothek. Darunter sind auch die von den Templern geborgenen Mitbringsel, die mit Bertrands und Gregors Hilfe nie den Weg in die Archive des Ordens fanden. Mehr Unterlagen hat kein Christ je zusammen gesehen!“
Er warf mir einen bedeutungsschwangeren Blick zu.
„In den letzten 100 Jahren ging es immer um die Bundeslade, Falko! Das war selbstverständlich und wurde nie von einem Eingeweihten in Frage gestellt. Die genaue Durchsicht der hier zusammengefügten Dokumente hat allerdings eine unerwartete Änderung gebracht. Nach den unzähligen Jahren der Anstrengung sind wir viel weiter als erhofft. Das Ziel scheint direkt vor uns zu liegen. Möglicherweise ist jedoch mit einer Überraschung zu rechnen. Kürzlich noch war die Rede davon. Vielleicht werden wir nicht auf die Lade stoßen!“
Ich sah ihn fast verstört an.
„Wollt Ihr einen Spaß mit mir treiben?“
„Mitnichten! Die vorliegenden Dokumente offenbaren in ihrer Gesamtheit weit mehr Hinweise auf das Testament Mohammeds als auf die Bundeslade!
Keinem von uns war diese Tatsache bisher bewusst. Vielleicht liegt es daran, dass niemand jemals die hier vorliegenden Unterlagen zusammenhängend sichten konnte. Sie stammen aus unterschiedlichen Ländern, kommen aus verschiedenen Zeiten und wurden von Menschen zusammengetragen, die niemandem außer sich selbst vertrauten. Wer also sollte mit einer solchen Entwicklung rechnen?
Die gewagteste Vermutung ließ bisher den Schluss zu, beide Kostbarkeiten in einem Versteck zu finden. Mittlerweile sieht es danach aus, dass wir wohl allein das Testament Mohammeds bergen! Ein Irrtum scheint unmöglich!“
Verdutzt hörte ich zu. Eine erschütterte Reaktion wie die Nurims lag mir in diesem Moment fern. Aber zumindest erklärten Arnauds Ausführungen dessen Verhalten vor einigen Tagen.
Vielleicht ließ sich die Neuigkeit nüchtern besser betrachten.
Gut, es gab eine Änderung all unserer Vorstellungen. In diesen Zeiten jedoch, kurz vor dem bevorstehenden Überlebenskampf, konnten die Niederschriften des Propheten doch auch helfen! Also bestand Grund genug zur Freude, wenn auch anders als erhofft!
Arnaud fuhr fort.
„Der Fund wird auf seine Art für genauso unglaubliche Veränderungen sorgen!
Trotzdem sind wir auch hier noch nicht am Ziel!
Eigentlich war davon auszugehen, dass die Kammerpläne uns die Bundeslade bringen würden. Die Zusammenfügung sämtlicher Dokumente zeigt, dass die Suche der Templer in den letzten Jahrzehnten eindeutig darauf abzielte, sie zu finden. Allerdings liefern die Unterlagen von Arnauds Urgroßvater eindeutige Beweise dafür, dass der Orden und seine Gründer mit größtmöglicher Kraft versuchten, auch das Testament Mohammeds zu bergen.
Die Spuren beider Geheimnisse kreuzen sich ständig; teilweise waren die Hinweise sogar identisch! Scheinbar sind sie an einem einzigen Ort oder zumindest nahe beieinander versteckt – im oder sogar unter dem Tempelberg!“
Allmählich begriff ich die Tragweite seiner Worte. Trotzdem blieb die Skepsis.
„Welcher Sinn sollte darin bestehen, beides an ein und derselben Stelle zu verbergen? Wer konnte daran Interesse haben?“
„Die Antworten kennt niemand. Vielleicht war es Zufall, vielleicht auch Absicht!
Zu viele Fragen ergeben sich.
Wahrscheinlich wussten die Suchenden damals mehr als jeder Mensch heute. Warum hatten sie andere Pläne, als verlautbart wurden? Vielleicht existieren auch Dokumente, die sämtliche Rätsel lösen, doch keine davon liegen vor. Genauso schlecht ist abschätzbar, was man vorfinden wird. Alle in diesem Raum Anwesenden wissen gerade so viel, wie den Hinweisen hier auf dem Tisch zu entnehmen ist!
Unser Schicksal hängt davon ab, wenigstens eines der Geheimnisse vor den Feinden zu bergen. Möge es das Richtige sein!“
Ich ignorierte diesen Ansatz.
„Wie geht es nun weiter?“
„Nur Gott weiß es. Möglicherweise endet alles in einer heillosen Suche. In unseren Händen befinden sich nach wie vor die Pläne des Weges zur Kammer mit dem Geheimnis. Trotz unzähliger Hinweise wissen wir jedoch nicht, wo er beginnt. Der Einstieg kann sich überall befinden. Jerusalem ist auf Felsen gebaut und voller unterirdischer Gänge, also existieren schier unendliche Möglichkeiten. Seit Jahrhunderten lässt jeder Machthaber hier eigene Tunnel graben. Der Fallenplan des Weges ist verloren, seit man ihn Raimund damals bei dem Überfall auf das Anwesen stahl. Folglich müssen bei der kommenden ungenauen Suche Opfer eingerechnet werden!
Sind die vorgesetzten Hindernisse überwunden, stößt man am Ende des Weges auf die verschlossene Kammer. Wo oder wie tief sie liegt, ist ebenfalls unbekannt. Eine Aufzeichnung zu ihrer Öffnung fehlt in unseren Dokumenten. Genau hier setzen die Pläne der Sarazenen an. Sie können die Kammer öffnen und wissen sicherlich genau um den Inhalt. Aber ihr größtes Problem besteht weiterhin: Sie gelangen nicht dorthin, denn der Weg ist ihnen unbekannt.“
Enttäuscht atmete ich hörbar aus.
„Wozu dann die ganze Aufregung? Vergessen wir die bisherigen Mühen und wenden uns wieder der Gegenwart zu. Die wird noch schwer genug!“
„Nein. Genau hier ruhen alle Augen auf Euch, Falko! Ihr gehört ab sofort endgültig zu unserem verschworenen Kreis! Seht die Beschreibungen durch und versucht etwas zu finden, das übersehen wurde. Vielleicht ist Raimunds Sohn unbedarfter als wir in unseren Betrachtungen und entdeckt den entscheidenden Schlüssel. Nehmt die neue Aufgabe so, wie Euer Vater bereits sagte. Ihr werdet später ohnehin der Träger des Geheimnisses sein! Macht Euch also bereits jetzt damit vertraut!“
Erst langsam sackten die wie selbstverständlich gefallenen Worte. Bislang hatten wir Gespräche geführt und Gedankenspiele betrieben. Nun aber, lediglich wenige Schritte von den gesammelten Unterlagen entfernt, bekam alles eine andere Dimension. Nichts mehr blieb Träumerei, so weit entfernt wie Sonne oder Mond. Einige Schritte nur noch, und der Beweis lag vor mir, dass sämtliche alten Geschichten, Erzählungen und Gerüchte die Wahrheit beschrieben!
Dann existierten die Bundeslade und das Testament wirklich!
Während aber die Christen draußen in der Welt die scheinbaren Märchen abtaten und sich dem eigenen Leben widmeten, stand ich inmitten der nach dem Geheimnis Suchenden.
Welch eine Wirkung hätte dies alles, wenn es den einfachen Menschen bekannt gemacht würde!
Schlimmer noch – was passierte, wenn man einen Schatz oder gar beide aufspürte?
Die ganze Welt würde auf den Kopf gestellt werden!
Nichts bliebe, wie es war! Die Ordnung der Länder, das Verhältnis der Religionen, die Menschen selbst – alles würde sich ändern! Und heute schon unterlag Vieles einem dauernden Wandel!
Niemand wüsste mehr, was am kommenden Tag Sicherheit brächte …
Es war kaum zu begreifen, welche Entwicklungen sich ergeben konnten. Und mich warf man hier einfach in diesen Strom; mich machten die Geheimnisträger zu einem der Ihren!
Oder fehlte bisher allein noch der letzte Schritt? Eigentlich gehörte ich doch längst dazu …
Binnen weniger Herzschläge wurden die Zusammenhänge deutlich. War nicht mein ganzes Leben durch seltsame Ungereimtheiten geprägt gewesen? Ausschließlich die Geheimnisse und sämtliche damit verbundenen Menschen hatten es dauerhaft beeinflusst. Die ständige Flucht, das Leben im Kloster, Broderik, der Wille des unbekannten Vaters …
Dazu die Attentate und vielen offenen Fragen!
Ich zögerte. Mit der Ansicht der Dokumente stand unwiderruflich die Aufnahme in den engsten Kreis bevor! Doch jetzt blieb keine Wahl mehr!
Meine Blicke ruhten auf Arnaud, während er auf einige Karten und Folianten deutete. Energisch trat ich an den Tisch heran und nahm die ersten Unterlagen in die Hand. Nichts erschloss sich mir sofort oder von selbst. Insbesondere die mit Hilfe einer speziellen Tinktur in den Lebenserinnerungen und Testamenten versteckten Abschriften verstand wohl allein ein Eingeweihter. Abgesehen davon konnte man die über einer Flamme sichtbar gemachten Geheimnisse teilweise kaum entziffern.
Es dauerte einige Zeit, bis sämtliche Hinweise gesichtet waren.
Oft fehlte jedwede Beschriftung der vorhandenen Karten und Skizzen. Nur mühsam ließ sich alles neu einordnen, um dadurch weitere Hinweise zu finden. Ich zerbrach mir den Kopf und achtete gleichzeitig auf jedes noch so kleine Detail. Trotzdem fand sich kein Weg durch dieses Sammelsurium aus verschiedensten Quellen. Wieder und wieder kontrollierte ich die Dokumente, geduldig beobachtet von den anderen. Hektik hätte lediglich für Schwierigkeiten gesorgt.
Nach langem Durchsehen fiel mein Blick auf das Stück Leder mit dem Grundriss, das Elisabeth und ich damals in Arnauds Bibliothek entdeckt hatten. Diesmal kam mir die Zeichnung bekannt vor – aber woher?
Die Architektur war derart großartig und gleichzeitig so gewöhnlich, dass man sie entweder sofort oder gar nicht erkannte. Allein neue Hilfslinien, eine große, schwarze Kennzeichnung und viele kleine Symbole störten den Grundriss und erschwerten die Zuordnung. Sichtbar gemachte Markierungen, Vermerke und Eintragungen verunstalteten das Bild zudem deutlich. Schlagartig kam die Erinnerung zurück. Ich hatte sie früher schon einmal in einer Abhandlung über arabische Baukunst gesehen – im Kloster!
Und dann war es offensichtlich. Die al-Aqsa-Moschee in Jerusalem! Das Bild bezog sich auf den Tempel Salomos!
Meine Freude verflog so schnell, wie sie gekommen war. Betrafen die Notizen vielleicht eher die Ställe Salomos darunter?
Schließlich war ich mir sicher. Ein Irrtum blieb ausgeschlossen!
Die anderen gerieten bei dem Hinweis darauf in helle Aufregung. Ihre Stimmung schwankte zwischen ausgesprochenen Selbstvorwürfen und blanker Freude über die Entdeckung. Alle äußerten lautstark Unmut darüber, den Grundriss nicht erkannt zu haben, obwohl jeder einzelne der Anführer oft lange in Jerusalem verweilt hatte. Der Tumult artete dermaßen aus, dass die Wache sich nach unserem Befinden erkundigte. Arnaud bat um Ruhe. Er sah zu Raimund herüber und hielt ihn an, sich an die gemeinsame Jugend zu erinnern. Ein Lächeln erhellte dessen Gesicht. Ausführlich berichteten die beiden von den uralten Hinweisen auf die Ställe Salomos, die sie damals, als Knaben in Franken, bereits zusammengetragen hatten.
Diese unterirdischen Hallen lagen unter der Moschee und beherbergten in früheren Zeiten auf mehreren Stockwerken die Reiterei. Überall an den Wänden fand man dort uralte Zeichen, die einem Eingeweihten den Weg beschreiben sollten – wohin auch immer. Von unbekannten Urvätern dort angebracht, bildeten sie angeblich den Ausgangspunkt zu einem Schatz. Kein lebender Mensch wusste Genaueres. Die Zeichen waren von jeher Grundlage wildester Spekulationen gewesen und in unzähligen Schriften aufgetaucht. Längst von niemandem mehr beachtet, wirkten sie wie sinnlose Schmierereien. Dieses Geheimnis würde wohl kaum noch entwirrt werden können. Mittlerweile fehlte selbst der Zugang zu ihnen, denn Jerusalem gehörte den Arabern.
Helle Aufregung ergriff die Männer. Vielleicht ließ sich ein unbekannter Zusammenhang aufspüren!
Sie sahen die aufgetürmten Unterlagen nochmals durch, eine Verbindung zu dem Lederstück suchend. Arnaud und Raimund betrachteten den Grundriss eindringlich. Die beiden erinnerten sich daran, einige der Symbole auf der Karte schon früher selbst in den Ställen Salomos gesehen zu haben. In einem Punkt herrschte Einigkeit – alle mühsam sichtbar gemachten Hinweise auf dem Lederstück dienten einer genauen Orientierung!
Auf einer anderen Zeichnung fanden sich die Symbole ebenfalls, allerdings verstand niemand ihren Sinn. Scheinbar hatte man mehrere Karten in einer gezeichnet und dann die kleinen Bilder wirr hinzugefügt. Wir zerbrachen uns den Kopf, aber es ließ sich kein Zusammenhang finden. Längst war der Tee ausgegangen, aber niemand dachte daran, einen Diener zu rufen. Irgendwann stieß Nurim einen lauten Schrei aus.
„Ich kenne die Lösung! Der Grundriss trägt den Hinweis auf den Ort des Geheimnisses in der al-Aqsa-Moschee. Auf der Zeichnung geben die Abbildungen die Reihenfolge der verschiedenen Stellen an, über die man in den Ställen Salomos vorwärtskommt. Diese Karte ist ein Wegweiser über die verschiedenen Stockwerke hinweg bis zu ihrem letzten Merkmal. Durch die Symbole gehören die Zeichnung und das Lederstück scheinbar zusammen. In Wirklichkeit fehlt zwischen ihnen jedoch ein Stück. Beachtet die Markierungen. Das letzte Symbol der Zeichnung und das erste des Lederstückes liegen nicht beieinander. Außerdem sind sie unterschiedlich groß. Nun lege ich unseren Wegeplan dazwischen. Seht Ihr? Sofort ergibt sich eine lückenlose Kette der Symbole vom Anfang der Zeichnung bis hin zum Ende des Grundrisses. Also beginnt der Weg zum Geheimnis dort, wo der erste Hinweis auf dem Bild vermerkt ist. Diese Stelle müssen wir finden!
Die Zeichnung ist deshalb so schwer zu lesen, weil man mehrere Stockwerke der Ställe übereinander gezeichnet hat. Sie gibt den Weg und seine Geheimnisse auch in die Tiefe preis!
Das ist die Lösung!“
Lachend schlug er seinem Schwiegersohn auf die Schulter. Endlich hatten wir zumindest den Anfangspunkt gefunden! Natürlich blieb der Fallenplan des Weges dringend vonnöten, den man meinem Vater damals beim Überfall auf das Anwesen gestohlen hatte. Zudem fehlte der Plan zur Kammeröffnung, ebenso das Versteck des Geheimnisses selbst. Allerdings ging es jetzt endlich vorwärts!
Die Ställe Salomos blieben endgültig der passende Ansatz! Aufgeregt standen alle wieder um den Tisch herum. Der Freude folgte schnell Ernüchterung. Nurim brachte es auf den Punkt. Die Schwierigkeiten hatten massiv zugenommen. Eine erfolgreiche Bergung des Geheimnisses schien weiter entfernt denn je!
Die Ställe Salomos waren der Ausgangspunkt für eine Vielzahl abgehender unterirdischer Wege, die kein lebender Mensch mehr kannte. Dieses Labyrinth konnte tödlich für jeden Uneingeweihten sein. Seit Jahrzehnten hatte sich dort niemand mehr hineingetraut. Auch wir würden uns wie in den Gängen des Minotaurus verirren, sollten die Dokumente nur den geringsten Fehler enthalten!
Überdies bestand ein noch anderes, weitaus größeres Problem.
Jerusalem war 1187, ein Jahr zuvor, erneut in die Hände der Moslems gefallen. Saladin nutzte die Stadt seitdem als Bollwerk gegen sämtliche Feinde und als Stützpunkt für seine Versorgung. Kein Christ kam dort hinein und vor allem wieder lebend heraus!
Die al-Aqsa-Moschee, der frühere Stützpunkt der Templer, war außerdem ihrer ursprünglichen Ausrichtung als moslemisches Gebetshaus zugeführt worden. Sicherlich hatte man das Innere längst verändert!
Wie sollten wir in die Stadt eindringen, die Ställe aufsuchen, den richtigen Weg erkennen, die Kammer finden und Jerusalem wieder verlassen?
In die herrschende Ratlosigkeit hinein hatte Broderik eine Idee. Einer seiner Ritter war bis zum Fall Jerusalems dort Quartiermeister und somit Gehilfe des Drapiers der Templer gewesen. Dieser Leiter der Verwaltung kümmerte sich um die Kleidung aller dem Orden zugehörigen Brüder, wo auch immer auf der Welt man sie einsetzte. Sein Gehilfe hatte kurz vor der moslemischen Übernahme der Stadt einer arabischen Wäscherin geholfen, deren Sohn schwer von einem Pferd getreten worden war. Der Quartiermeister holte einen Arzt der Templer hinzu, der dem Jungen das Leben rettete. Die Mutter hatte dem Ritter zum Dank ewige Schuld versprochen.
Vielleicht konnte die Frau uns helfen!
Wir sprachen die bevorstehende Bergung genauestens durch.
Jeder einzelne Schritt musste sorgsam durchdacht sein, wenn die eingesetzten Männer nicht sofort umkommen sollten. Die Suche in den unterirdischen Gängen und der Kammer selbst brauchte zweifelsohne einige Zeit – immer vorausgesetzt, unsere Unterlagen stimmten überhaupt.
Der Weg zur Kammer würde wegen der Fallen sicherlich von hohen Verlusten begleitet sein. Auch ihre Öffnung durch einen unbekannten Schließmechanismus war noch nicht gelöst. Die Anführer beschlossen, notfalls das schwarze Pulver dabei zu benutzen. Ob das Vorhaben gelänge oder der gesamte darüber liegende Fels zusammenbräche, war unmöglich einzuschätzen. Dazu kannte niemand die Mischung genau genug. Aber es musste einfach versucht werden, bevor uns Saladin zuvorkam. Außerdem blieb keine Alternative.
Wieder und wieder wurden die Unterlagen nach weiteren Hilfen durchsucht – erfolglos.
Kein weiterer Hinweis mehr!
Zusätzliche Probleme stellten sich wie von selbst ein.
Wir mussten nicht nur nach Jerusalem hinein und wieder heraus, sondern auch noch zurück nach Matlahat. Allein dort schien anschließend zumindest halbwegs Sicherheit gegeben. Jeder Sarazene machte sicherlich nach der Bergung des Geheimnisses Jagd auf den Suchtrupp. Sollte der nicht schnellstens zurückkommen können, würden Saladins Einheiten erbarmungslos über ihn herfallen.
Und selbst im besten Fall stand allen nach der Bergung des Geheimnisses eine schwere Zukunft bevor …
Im Morgengrauen hatten die Planungen ihren Abschluss gefunden. Nun war es an der Zeit für eine zügige Umsetzung.
Die Vorbereitungen dauerten einen Tag. Dann brachen Arnaud, Raimund und ich zusammen mit 20 Templern auf. Um nicht aufzufallen, hatten wir bis auf die kurzen Kettenhemden jegliche Rüstungsteile abgelegt und trugen stattdessen arabische Kleidung. Auch Handpferde fehlten aus dem gleichen Grund.
Der Hund musste erneut bei Ishta bleiben. Die Gefahr, den treuen Freund zu verlieren, blieb erneut zu groß. Bei meiner kleinen Cousine war er in den besten Händen, die man finden konnte.
Als Nomaden getarnt, näherte sich die Gruppe sechs Tage später Jerusalem, dem ehemaligen Templerhauptquartier in Outremer.
Wir hatten den Ritt bewusst langsam gehalten, dauernd jegliche Spuren verwischt und die Pferde sehr geschont. Auf dem Rückweg würde ihnen alles abverlangt werden müssen.
Broderiks Quartiermeister hatte seine Vertraute informiert. Die Frau wollte ihre Schuld einlösen, indem sie uns hinein- und wieder herausbrachte. Damit erlosch jegliche Verpflichtung, unabhängig vom weiteren Lauf der Dinge.
Jedem war bewusst, dass es wohl kaum ein Zurückkommen geben würde. Ein bitterer Weg, aber eine andere Wahl blieb nicht. Das Schicksal Matlahats und seiner Bewohner, das Überleben der Familie meiner Großeltern und der Fatimiden, der Fortbestand Outremers und der Verbleib der Christen im Heiligen Land – all dies hing von unserem Ritt ab!
Sollten wir erfolgreich sein, ließe sich dem Schicksal vielleicht ein gnädiger Verlauf abringen. Ansonsten warteten Tod und Verderben auf unzählige Menschen!
Vorsichtshalber war für diesen Fall die weitere Zukunft bereits geregelt.
Nasim träte die Nachfolge meines Großvaters Nurim an. Broderik wollte Jerusalem zurückerobern, sobald er nach unserem Scheitern genügend Kämpfer versammelt hätte. Ludolf und sämtliche seiner Soldaten würden Matlahat bis zum Ende mit Nurim verteidigen. Davon abgesehen gedachte der Erzherzog nochmals Truppen nach Outremer kommen zu lassen, um Broderik in dessen Bemühungen zu unterstützen. Elisabeth würde vorerst in den Okzident zurückkehren und von dort aus das Erbe ihres und meines Vaters weiterverfolgen – die Aufdeckung des Geheimnisses der Kammer.
Mit den endgültigen Regelungen im Hinterkopf konnten wir zumindest halbwegs ruhigen Blutes nach Jerusalem ziehen. Alle anderen Beteiligten waren mittlerweile zu sehr in die Geschehnisse verstrickt, als dass sie nach unserem Tod ihr bisheriges Leben fortsetzen wollten. Durch diese Pläne für die Zukunft überließ niemand den Feinden einfach das Feld, nur weil einige Anführer ihr Ende gefunden hatten.
Der Kampf würde weitergehen!
Die Nacht war bereits fortgeschritten, als unsere Gruppe zu der vereinbarten Stelle vordrang.
Unter den üblichen Burnussen schwer bewaffnet, trugen wir außerdem Seile und Wurfanker. Die Araberin ließ die Männer durch die kleine Seitentür eines Ausfalltores hinein und verschwand sofort wieder. Zu groß blieb die Gefahr, entdeckt zu werden. Sie wollte auf unsere Rückkehr warten, aber niemand rechnete ernsthaft damit … Vielleicht konnten wir die Kammer finden und ihr das Geheimnis entreißen. Sollte allerdings dabei das schwarze Pulver benutzt werden müssen, waren die Gefährten so oder so des Todes – entweder bereits bei der Explosion oder danach durch die Sarazenen. Im besten Fall stünden nach einer erfolgreichen Bergung nur noch die Flucht aus der Stadt und der Rückweg bevor. Insgesamt davon unabhängig bliebe später allein ein letzter Reiter wichtig, der das Geheimnis nach Matlahat brachte!
Langsam tasteten wir uns vorwärts.
Raimund und Arnaud schienen jeden Flecken Jerusalems zu kennen, denn auch ohne Führer ging es mühelos durch die Stadt hindurch bis zur al-Aqsa-Moschee. Unsere Gruppe schlich an den spärlichen Wachen vorbei und hastete ohne Zwischenfälle dorthin, wo sich die unterirdischen Stallungen befinden sollten. Die beiden Freunde hielten deutlich auf eine Ansammlung mehrerer kleiner Häuser in der Nähe zu. Diese schienen plötzlich regelrecht zurückzuweichen und gaben aus der Nähe den Blick auf ein großes Loch im Boden frei. Der Zugang zu den Ställen Salomos!
Ich hatte wie jeder kleine Junge viel von ihnen gehört, ohne bis heute Genaueres zu wissen.
Nun war es kein Traum mehr!
Eine große Schräge bot einen ungehinderten Abstieg, breit und gleichzeitig flach genug für mehrere Pferde nebeneinander. Atemlos liefen die Männer weiter. Unten angekommen, standen sie in einem Gang, der von der Größe her eigentlich eher einer Halle glich. Nur ansatzweise erkannte man eine hohe steinerne Decke. Gerade auch hier unter der Erde blieb die Großzügigkeit beeindruckend. Sollten sich noch weitere Gänge oder Hallen anschließen, konnte man sicherlich Hunderte von Pferden und Kamelen einstellen!
Unübersehbar waren überall die Reste der Gerätschaften, die die Templer zur Versorgung ihrer eigenen Tiere zurückgelassen hatten, als sie die Stadt verlassen mussten.
Vorsichtshalber entzündete niemand eine Fackel.
Trotz der unterirdischen Lage atmete man erstaunlich frische Luft, wohl wegen eines ausgeklügelten Belüftungssystems. Weiter hinten dagegen hielten die Gefährten an manchen Stellen den Atem an, so sehr stank es. Die Bewohner Jerusalems hatten die Stallungen seit der Übernahme der Stadt nicht genutzt, und so standen die riesigen Gewölbe leer. Außerdem schienen die Besatzer dazu übergegangen zu sein, ihren Unrat hier unten abzuladen. Alles präsentierte sich in einem denkbar schlechten und ungepflegten Zustand, obwohl Jerusalem erst vor einem Jahr von den Sarazenen eingenommen worden war. Raimund und Arnaud ergriff Erschütterung ob dieses Anblickes – sie schienen die Ställe in anderer Erinnerung zu haben. Trotzdem verloren wir keine Zeit und suchten die ersten Symbole an den Wänden. Nun würde sich zeigen, ob deren scheinbare Unordnung wirklich nur der Verschleierung diente, in Wirklichkeit aber einem Eingeweihten eine perfekte Hilfe bot.
Kurz darauf kam Freude auf.
Unsere Pläne stimmten mit den Ställen Salomos exakt überein! Hastig verglichen und markierten wir die Zeichen, um sogleich weiterzuziehen.
Je tiefer es hineinging, desto mehr umhüllte uns völliges Dunkel. Mein Vater und Arnaud übernahmen wieder die Führung. Mit einem kleinen brennenden Span, kaum länger als ein Finger und leicht zu verbergen, suchten sie den richtigen Weg. Diese Handvoll Licht musste reichen.
Die beiden achteten auf jeden Pfeiler und jede Wand, die weiterhelfen konnten. Drei Ritter und ich sicherten die Männer nach hinten ab. Wie in der Kapelle bei Salkrat vermochte jederzeit ein Überfall hereinzubrechen …
Nichts passierte. Trotzdem blieben wir wachsam, während sich die Templer buchstäblich vortasteten. Bisher war es für eine Fackel zu gefährlich!
Etwas später stockte das Vordringen endgültig.
Mehrere Späne waren endgültig abgebrannt, und in völligem Dunkel endete selbst das Erinnerungsvermögen Arnauds und Raimunds. Wir brauchten unbedingt Licht!
Noch ein Stück weiter in absoluter Schwärze, dann entzündete de Moncadrieux in einer abgelegenen Ecke eine kleine Fackel. Zumindest hier konnte uns niemand sofort entdecken. Eine Kontrolle im schwachen Lichtschein zeigte, dass wir uns nicht verirrt und stattdessen bereits ein gutes Stück des Weges geschafft hatten. Die benutzte Zeichnung stimmte bisher völlig mit den Gegebenheiten und den vorgefundenen Symbolen überein. Hoffentlich waren Wegeplan und Grundriss genauso akkurat gearbeitet!
„Weiter – wir dürfen keine Zeit verlieren!"
Die Worte meines Vaters kamen eher gehaucht denn gesprochen. Zu groß blieb die Angst vor einer Entdeckung. Widerspruchslos folgten die anderen. Raimund und Arnaud orientierten sich dauernd neu auf der Suche nach dem nächsten Symbol irgendwo in der Nähe. Die Gefährten kletterten über große Erdhaufen, strauchelten in eingefallenen Gängen und krochen durch enge Spalten. Tiefer und tiefer ging es hinab. Mehrmals musste Geröll weggeräumt werden, weil die Führer an der Wand dahinter Zeichen vermuteten.
Ewigkeiten schienen bereits vergangen zu sein. Mittlerweile hatte die Gruppe das dritte unterirdische Stockwerk erreicht, doch ein Ende war nicht in Sicht. So tief unter der Erde wurde es deutlich kälter. Kein Geräusch drang mehr herab. Ich haderte mit dem langsamen Vorwärtskommen und hatte längst jede Möglichkeit abgewogen, den Weg zur Kammer eigenhändig zu finden.
Das gesamte Vorhaben dauerte viel zu lang!
Hatte vielleicht doch jemand eine Falle in die Karten eingebaut? Verirrte sich die gesamte Gruppe hier unten endgültig?
Arnaud und Raimund liefen erbarmungslos weiter, stur der Zeichnung nach. Unvermittelt hielten sie vor einer Wand, obwohl nirgendwo weitere Symbole zu sehen waren. Es folgte eine eingehende Musterung. Dann trieben sie uns voran.
Immer mehr Zeit verstrich, ohne dass sich ein Erfolg einstellte. Ich fragte mich langsam, was die alten Männer eigentlich wollten. Die Gefahr einer Entdeckung stieg, aber die beiden Führer schienen die Ruhe selbst zu sein. Wie lange sollte diese fehlgeleitete Suche noch weitergehen?
Welch ein Irrsinn!
Die Männer sammelten sich an einem unauffälligen Erdhaufen etwas abseits der Wand. Kaum standen die Ritter zusammen, stieß mein Vater sein Schwert mit aller Kraft hinein. Anstatt die Waffe bis zum Griff im Boden versenken zu können, rammte er sie dem Geräusch nach machtvoll in eine Holzbohle.
Sollte …?
Raimund fiel unversehens auf die Knie und begann, die Erde mit bloßen Händen wegzuschaufeln. Hastig halfen ihm die anderen. Kurz darauf wurde eine massive Holzplatte mit einem Seilende sichtbar.
Überraschung machte sich breit.
Waren wir endlich am Ziel?
De Moncadrieux trieb die Gefährten an, schneller zu arbeiten. Sobald die Platte ganz frei lag, zog er vorsichtig an dem Seil. Das Holz schwang mühsam hoch und legte ein tiefes schwarzes Loch frei. Ohne die Zeichnung hätte niemand an einer solchen Stelle gesucht!
Vor uns lag ein Gang, der in den Boden und damit scheinbar ins Nichts führte. Die kleine Fackel reichte nicht aus, um auch nur mehr als eine Armlänge weit etwas zu erkennen.
„Wir sind da!“
Die leise Stimme meines Vaters war kaum zu hören, doch die Anderen verstanden jede Silbe.
„Dies ist der Anfang des Weges zur Kammer! Die Zeichnung endet hier, während der Wegeplan beginnt. Ein Irrtum ist nicht möglich.“ Vorsichtig wollte er in das Loch hineinklettern, doch Arnaud hielt ihn vehement zurück.
„Auf keinen Fall! Niemand weiß, was uns erwartet. Einige der Ritter werden gehen!“
Während Raimund nur zögernd dem Befehl seines Freundes nachgab, ließen sich bereits zwei Gardisten vorsichtig in das Dunkel hinab. Man hörte keinen Fall, nur Füße, die hart aufkamen. Dann flackerte eine Fackel auf.
„Herr, wir stehen auf einer Treppe. Sie führt nach unten. Hier ist es so eng, das ein Mann selbst gebeugt kaum laufen kann. Lasst uns ihr folgen.“
Die Gefährten sicherten den Einstieg in einem weiten Kreis. Niemand wusste, ob nicht noch andere geheime Gänge oder unliebsame Überraschungen warteten. Auch die Kapelle im Assassinengebiet hatte ruhig gewirkt, als sie Arabicus ausspuckte … Deutliche Anspannung machte sich breit. Hoffentlich war dies der richtige Weg, und die beiden Männer kamen rechtzeitig vor einer Entdeckung zurück!
Schier endlose Zeit verging, ohne dass sich etwas rührte.
Waren die Kundschafter auf ihrer Suche entdeckt oder von einer Falle hingestreckt worden?
Gerade, als Arnaud weitere Gardisten hinunterschicken wollte, leuchtete im Loch eine Fackel auf. Die beiden Gefährten!
Keuchend kletterten sie zu uns hoch.
„Am Ende der Treppe führt ein langer Gang weiter in die Tiefe. Es gibt kaum Luft, und man kommt nur langsam vorwärts. Immer wieder finden sich Abzweigungen. Beinahe hätten wir uns verlaufen. Nirgendwo sind Feinde zu bemerken. Auch Fallen wurden nicht ausgelöst.“
Die Beschreibung klang besser als erwartet, aber man konnte kaum davon ausgehen, weiterhin so viel Glück zu haben. Der schwierige Teil des Planes stand noch bevor …
Währenddessen schritt die Zeit erbarmungslos voran!
Unvermittelt gab mein Vater Befehle.
„Atmet kurz durch und übernehmt dann die Führung! Es geht strikt dem Wegeplan nach. Trotz der eingebauten Fallen stoßen wir so weit wie möglich zur Kammer vor. Stellt sich kein Erfolg ein, wird der Zugang zur Treppe zerstört! Fürchtet einer von Euch um sein Leben? Dann soll er hierbleiben und den Einstieg vor Angreifern schützen!“ Sämtliche Männer brannten darauf, mitzukommen. Sie waren sich der Gefahr bewusst, in die wir offenen Auges hineinliefen. Fallen, Feinde, ein unmöglicher Rückzug – es warteten genügend Bedrohungen!
Nach dem Verlassen der Treppe zogen die Gefährten langsam weiter. Jeder Vierte von ihnen trug nun eine Fackel. Der Gang war weniger als mannshoch und dermaßen eng, das zwei Männer kaum nebeneinander laufen konnten. Abzweigungen tauchten immer wieder auf, manche gerade hüfthoch. An einigen Stellen wehte frische Luft herüber. Die Versuchung war groß, kurz abzubiegen und sich zu erholen, doch wir widerstanden. Raimund hatte strikt befohlen, auf diesem Weg zu bleiben, um so zu überleben.
Wir bewegten uns mit äußerster Vorsicht weiter. Die beiden Führer klopften vor jedem Schritt die Wände und die Decke leise mit ihren Schwertern ab. Allein so vermochten sie vielleicht unbekannte Hindernisse auszulösen, bevor wir ihnen erlagen.
Das Erinnerungsvermögen meines Vaters an den vor mehr als 20 Jahren verlorenen Fallenplan wirkte äußerst gut. Zweimal warnte er vor vermeintlichen Wurzeln. An einer zog Arnaud absichtlich, als die Männer weit genug entfernt schienen. Nur einen Moment später riss das Erdreich weg und gab ein großes Loch frei.
Niemand hätte schnell genug reagieren können!
Langsam ging es voran. Mehrfach wechselten die Gänge. Ich prägte mir den zurückliegenden Weg genau ein. Nur nicht hier unten wegen eines leichtsinnigen Fehlers umkommen!
Immer wieder brach der Boden an sicher wirkenden Stellen weg, die Raimund und Arnaud absichtlich leicht mit den Schwertern berührt hatten. Jede voreilige Bewegung konnte den Tod bringen!
Fast gemächlich kam die Gruppe vorwärts. Als einer der Ritter beim Laufen die Wand berührte, schnellte unvermittelt ein armdicker, mit Metallspitzen besetzter Ast heraus. Äußerst knapp verfehlte er die Brust des Erschöpften, der mit dem Schrecken davon kam. Kurz darauf prasselten kopfgroße Steine von oben herab. Sie hätten uns beinahe erschlagen, trotz Raimunds rechtzeitiger Warnung. Mehrere Male wiederholte sich diese Gefahr.
Nurims Schwiegersohn verlautbarte schließlich, es lägen nun keine weiteren Fallen mehr vor uns. Völlige Sicherheit bot die Aussage wohl kaum …
Trotzdem behielt er Recht.
Das Glück schien auf unserer Seite zu bleiben!
Ein Stück weiter endete der Gang abrupt, weil die Decke herabgestürzt war. Einige Schritte vorher verlief eine Abzweigung, allerdings in einem kleinen Bogen. Ihr sollte man dem Wegeplan nach ohnehin folgen. Nochmals ging es tiefer hinab. Längst kroch die Kälte an uns langsam wie ein großer Käfer hoch. Schließlich verschloss eine massive Steinwand den Weg. Scheinbar hatte jemand einen Gang in die Tiefe gegraben, der zufällig irgendwo vor einem natürlichen Hindernis endete. Aber genau dieser Eindruck sollte wohl vermittelt werden. Es wirkte zu einfach nach all den Mühen, bis hierher zu gelangen. Mein Vater jedenfalls ließ sich nicht beirren.
„Wir sind da. Ich brauche Licht!“
Eine weitere Fackel wurde entzündet. Nach einem Blick auf den Plan ging Ludolfs Sohn gezielt auf die vor uns liegende Wand zu. Vor einer der Ecken trat er einen großen Schritt zurück und blieb stehen. Nichts passierte. Raimund verharrte weiter regungslos. Kurz bevor erste Zweifel an seinem Verstand aufkamen, hörten alle ein lautes Knirschen. Er sackte mit einem Stück Boden unter den Füßen knöcheltief ein. Ein kleines Viereck hatte unter seinem Gewicht nachgegeben. Gleichzeitig wurde neben ihm eine Platte langsam weggezogen und gab ein Loch frei. Im flackernden Schein der Fackeln lag eine Treppe nach unten vor uns.
„Herab! Haltet die Waffen bereit!“
Arnaud zog das Schwert und drängte sich vor. Hatte er vorher noch darauf bestanden, der Sicherheit wegen Gefährten vorzuschicken, interessierte ihn dies plötzlich nicht einmal ansatzweise. An den zeternden Rittern vorbei stieg Elisabeths Vater langsam die ersten Stufen hinab. Als sie dem Gewicht standhielten, ging er mit der Fackel in der Hand vorsichtig weiter. Die Templer folgten mit einigen Schritten Abstand. Am Ende der Treppe wartete ein schmaler, langer Gang ohne Zugänge oder Lüftungslöcher.
Unglaublicher Gestank schlug uns entgegen. Bereits nach einigen Schritten liefen alle laut keuchend weiter. Jedes Fortkommen geriet zur Qual. De Moncadrieux schickte nun doch einen Kundschafter vor. Der Ritter legte das Kettenhemd ab und lief allein mit dem blanken Schwert vorwärts. Die Fackel in seiner Hand drohte bereits nach wenigen Schritten auszugehen. Schnell war von ihm in dem Gang weder etwas zu sehen noch zu hören. Etwas später tauchte er wieder auf, schwankend wie kurz vor einer Ohnmacht.
„Herr, ich habe etwas gefunden! Aber der Weg ist schwer! Von dem langen Gang hier zweigen drei weitere ab. Einer davon ist an seinem Ende mit einer Falltür aus Stein verschlossen. Daneben gibt es eine kleine Vertiefung in der Wand, eingerahmt von vielen Symbolen. Vielleicht ist das der Zugang!“
Raimund bedeutete uns, dem Ritter zu folgen. Den hatte große Aufregung gepackt, denn er harrte weder der Gefährten noch irgendwelcher Befehle. Schon nach einigen Schritten konnte man ihm kaum mehr sehen. Als wir schließlich röchelnd die erwähnte Gabelung erreichten, wartete der Kundschafter bereits. Er führte uns bis zu der steinernen Falltür, die wie ein unüberwindbares Hindernis wirkte. Unmittelbar vor ihr wuchs der Gang zu einem kleinen Viereck. Die Gefährten sanken erschöpft zu Boden.
„Wir stehen vor dem Eingang der Kammer!“
Fast ehrfürchtig wandte sich mein Vater an die gesamte Gruppe. Dann fielen er und Arnaud einander in die Arme. Die beiden schienen ihr Glück kaum fassen zu können. Sobald die Templer halbwegs bei Atem waren, untersuchten wir die Falltür genauestens. Sie bestand aus einer einzigen Steinplatte und verschloss den Gang absolut dicht. Nirgendwo gab es einen größeren Spalt oder eine Unebenheit. Dieses Hindernis ließe sich nicht so einfach öffnen! Ernüchterung kam auf.
Sollte hier das schwarze Pulver eingesetzt werden, waren alle des Todes!
Bei einer Explosion in derartiger Enge würde niemand rechtzeitig den Weg bis zur Oberfläche schaffen. Noch viel weniger kämen die Überlebenden danach unbemerkt aus der Stadt heraus …
Es musste anders vonstattengehen!
Auch ich prüfte die Steine um die Falltür eingehend. An einer Stelle waren wirklich sämtliche Symbole aus den Ställen zu sehen, nebst der Vertiefung. Sie hatte die Form eines kleinen Sternes mit ungleichmäßigen Spitzen. Möglicherweise konnte man dort etwas einsetzen. Vielleicht war die Aussparung für einen Schlüssel gedacht – doch der fehlte uns!
Wir drückten die Symbole erfolglos in jeglichen Kombinationen. Diesmal wurde weder eine Platte weggezogen noch eine Falltür geöffnet. Auch der Wegeplan gab nichts mehr her. Selbst das Lederstück, das den Symbolen nach die Fortsetzung unserer Unterlagen darstellte, offenbarte keinen Hinweis.
Ab hier griff nur noch der Kammerplan der Sarazenen!
Enttäuschung kam während der unzähligen Versuche auf, die Tür irgendwie zu öffnen.
Vergeblich – sie ließ sich nicht bewegen!
Verzweifelt schlug mein Vater mit der Faust gegen die Wand. Er wirkte seltsam aufgewühlt und schimpfte leise vor sich hin. Ich ahnte, was in ihm vorging. Schließlich sprach Nurims Schwiegersohn die bedeutungsschwangeren Worte aus.
„Genug der Versuche! Wir nehmen das schwarze Pulver, um die Tür zu öffnen! Eine andere Möglichkeit bleibt nicht! Oder kennt einer von Euch etwas, das in die Vertiefung passt, wenn sie überhaupt eine Bedeutung hat?“
Niemand antwortete. Nochmals tasteten Arnaud und Raimund die Felsen genau ab. Nun suchten sie nach einem Riss im Gestein neben der Tür, in den das schwarze Pulver geschüttet werden konnte. Alle anderen überprüften währenddessen die Seitenwände des Ganges, um vielleicht doch noch einen anderen Weg hinein zu finden. Jeder wusste um die Folgen, wenn die neue Waffe eingesetzt werden würde …
Unmutig fasste ich in das Hemd und zog das Band um meinen Hals heraus. Das Medaillon hatte wieder einmal ein Stück Haut eingeklemmt, diesmal während des Absuchens der Wände. Dabei fand auch der metallene Anhänger seinen Platz in der Hand.
Kopf und Körper stockten nahezu gleichzeitig vor Erschrecken.
Warum war mir der Gedanke nicht früher gekommen?
Unzählige Male hatte ich das Lederband hervorgeholt, um das Medaillon zu öffnen. Immer war der Blick dabei auch auf das ungleichmäßige Gebilde gefallen, ohne eine weitere Überlegung daran zu verschwenden. Es blieb nutzlos und gehörte einfach zu dem Band dazu, mehr nicht.
Das war die Lösung!
Der mehrzackige Anhänger hatte die gleiche Größe und Form wie die markante Aussparung in der Wand! Er musste der Schlüssel zum Öffnen der Falltür sein!
Hastig nahm ich das Band vom Hals und verglich im Fackelschein Metallstück und Vertiefung. Zweifellos – eines passte wie maßgefertigt zum Anderen!
Die Stimme meines Vaters war leise, aber deutlich im Gang zu hören.
„Falko! Was haltet Ihr da fest? Früheren Worten nach sind Euch doch Medaillon und Anhänger im Kerker gestohlen worden!“
„Arabicus gab sie mir nach der Befreiung zurück. Ich habe in der Aufregung vergessen, Euch davon zu erzählen. Vielleicht hilft uns dieses komische Ding!“
Verdutzt betrachtete Raimund den kleinen Mehrzack in meiner Hand. Ein wissendes Lächeln zog über sein Gesicht.
„Der Stern hängt allein deshalb mit dem Medaillon am Band, weil ich mich nie von ihm trenne sollte. Dies war Teil des Versprechens dem sterbenden Fatimiden gegenüber. Seiner Aussage nach würde sich die Bedeutung beizeiten finden. Irgendwann dachte ich nicht mehr darüber nach und gab das Band schließlich mit Eurem Erbe an Medardus.
Dieser Anhänger ist die Rettung. Setzt ihn ein und öffnet die Kammer!“
Hatten wir etwa die Beseitigung großer Probleme mit uns geführt, ohne davon zu ahnen?
Aufgeregt drückte ich das gezackte Metallstück in die Vertiefung. Hinter mir hörte man keinen Atemzug mehr.
Es passte genau!
Vorsichtig versuchte ich eine Drehung nach links. Die Tür bewegte sich nicht im Geringsten. Nun wurde der Einsatz langsam entgegengesetzt bewegt. Etwas knirschte vernehmlich, als setze sich ein uralter Mechanismus nach langer Zeit mühsam wieder in Bewegung. In dieses durchdringende Geräusch hinein stöhnte einer der Ritter laut auf, ließ die Fackel fallen und brach zusammen. Die Männer fuhren herum und rissen die Waffen heraus. Niemand hatte auf den Gang geachtet, während die Tür geöffnet werden sollte. Im selben Moment sackte ein weiterer Templer weg. Ein Armbrustpfeil hatte seine Rüstung durchschlagen.
Wir wurden angegriffen!
Die Verwirrung war komplett. Unsere Gruppe konnte kaum drei Schritte weit im Fackellicht sehen und hatte keinerlei Platz für eine Verteidigung. Und genau in dieser Situation schlug jemand zu, ohne sich offen zu zeigen!
Das Dunkel des Ganges verbarg den Feind perfekt. Weitere Pfeile zischten heran, trafen aber wie durch ein Wunder niemanden. Arnauds Stimme durchdrang das Chaos.
„Wer immer auf uns schießt – er wartet am Ende des Ganges! Vernichtet ihn!“
Die Ritter stürzten mit ihm zusammen vorwärts. Währenddessen untersuchte mein Vater die Getroffenen. Beide hatten den Tod gefunden. Ich zog das Medaillon hastig aus der Wand und hängte es mir wieder um. Dann rannten wir den anderen nach. Allzu weit hatten sie noch nicht kommen können, wie der Schein ihrer Fackeln zeigte. Unterdrückte Schreie gellten herüber, und der Klang aufeinander prallender Waffen war zu hören.
Jemand schien die Gefährten abrupt gestoppt zu haben!
Arnauds Befehle schallten deutlich herüber. Scheinbar bemühte er sich um Ordnung unter den Seinen. Unmittelbar vor der Abzweigung des Weges hatten Raimund und ich die Gardisten eingeholt. Plötzlich standen wir hinter einem Pulk von Männern, der den engen Gang völlig überfüllte. Die Templer waren in einen heftigen Kampf mit etlichen Fremden verwickelt. Erbittert schlugen sie aufeinander ein. Niemand wich einen einzigen Fuß breit. Mittlerweile brannten nur noch wenige Fackeln. De Moncadrieux stritt im Halbdunkel an vorderster Front. Wie von Sinnen griff er gleichzeitig mehrere Gegner an, ohne den anderen Rittern Platz zu lassen. Aggressiv wurden die trotzdem von ihm nach vorne gebrüllt. Mehrere Lichter flammten plötzlich hinter dem Wütenden auf. Endlich gab es ausreichende Sicht!
Raimund und ich erstarrten. Bereits einen einzigen Blick später verstanden wir Arnauds Verhalten.
Vor uns stand Henry de Fontes an der Spitze seiner Leibgarde!
Ihn umgaben keine Araber, sondern ausschließlich Soldaten der eigenen christlichen Wache. Und das hier in Jerusalem!
